27. Dezember 1914

Predigt: Matthäus 2,1-12

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Matthäus 2,1–12
Liebe Freunde!

Denkt ihr noch daran, wie es war, als wir als Kinder diese Geschichte von den Weisen aus Morgenland hörten? Wie wir uns wunderten über den merkwürdigen Stern, der sie auf die Wander|643schaft getrieben, um den neugeborenen Messias der Juden anzubeten? Wie wir erstaunten über ihre weite Reise mit all ihren Tieren und ihrem Gepäck? Wie wir uns entrüsteten über den bösen König Herodes, der da seine Ränke schmiedete gegen das unschuldige Kindlein, und wie wir uns freuten, daß die Weisen das Kindlein fanden, ihm ihre reichen Geschenke brachten und dann auf einem anderen Weg wieder in ihr Land zurückkehrten? Mit diesem schönen und heiteren Bild wollen wir heute vom alten Jahr Abschied nehmen.

Freudig und dankbar erzählen die Weisen: Wir haben seinen Stern gesehen! Wie ein rechtes Wunder war er ihnen am Himmel aufgegangen. Alles hatten sie stehen und liegen lassen, um ihm nachzugehen. Dem Stern Gottes mußten sie Folge leisten. Und wir haben doch diesen Stern auch gesehen. Gottes Güte gegen uns läßt uns nicht ohne Zeichen. Sein Wille über uns ist klar, und sein Herz steht uns offen. In dunkler Nacht, im dicken Nebel, im finsteren Tal wirds auf einmal hell, und das Helle sagt uns, daß noch etwas Anderes da ist als das Einerlei des Alltags, als die Sorge ums tägliche Brot, als die Leiden des Körpers und der Seele, als die Torheit und Bosheit der Menschen, als unsere eigenen Sünden und Gebrechen. Euch ist heute der Heiland geboren! [Lk. 2,11], hat uns Gottes Stimme gesagt. Und wir haben seinen Stern gesehen.

Ein ganzes langes Jahr haben wir jetzt wieder an Gottes Hand zurücklegen dürfen. Und was für ein Jahr ists gewesen! Wir wollen jetzt von allem Kleinen und bloß Persönlichen, was es uns gebracht hat, absehen und gleich an das eine große Erlebnis denken, das für uns alle unauflöslich mit der Erinnerung an dies Jahr verbunden sein wird. Wir sind ja alle einig darin, daß der Krieg, der da über uns gekommen ist, ein furchtbares Unglück ist, dessen baldiges Ende wir von Herzen herbeiwünschen für uns selbst und für die Anderen alle, die so viel härter als wir betroffen sind. Aber heute, meine Freunde, wollen wir einmal Gott danken, daß er uns dies merkwürdige Jahr 1914 und alle diese gewaltigen Ereignisse hat erleben lassen. Oder ists nicht wahr, daß wir dies |644 Jahr mit ganz besonderer Dankbarkeit und Freude bekennen dürfen: Wir haben seinen Stern gesehen! Wir haben etwas Großes von Gott erfahren, und etwas Leuchtendes ist von ihm her in unser kleines, dunkles Leben hineingetreten. In ganz besonderem Sinn dürfen wir dies Jahr uns sagen: wir sind andere Menschen geworden, seit wir zum letzten Mal Neujahr feierten, nicht durch unsere eigene Tugend und Kraft, aber durch das, was Gott an uns getan hat. Und in ganz besonderer Weise ists wahr, wenn wir diesmal beim Jahresschluß bei aller schmerzlichen Einsicht in unsere Trägheit und Kurzsichtigkeit auch das Andere einsehen: wir haben etwas lernen, wir haben ein Schrittlein vorwärts tun dürfen. Das hat uns Gott durch diesen furchtbaren Krieg von 1914 gegeben. Ich möchte Keines beneiden, das davon nichts weiß, an dem Alles spurlos vorübergegangen ist. Ich glaube aber auch nicht, daß Viele unter uns [sind], auf die das wirklich zuträfe. Eine gewaltige göttliche Schulstunde haben wir hinter uns, wenn wir auf dies Jahr zurückblicken. Klar geworden ist uns, daß es mit der oberflächlichen Sicherheit, in der wir alle dahinlebten, nichts ist. Erschüttert sind wir worden in all den natürlichen Voraussetzungen unseres Lebens wie noch nie und damit zurückgeworfen auf den ewigen, unerschütterlichen Ursprung und Grund des Lebens. Noch nie ist wohl die Frage nach Gott so stark und lebendig gewesen in Millionen von Seelen, noch nie ist so gebetet worden wie in diesem Sommer und Herbst. Und wenn viel törichtes Reden von Gott, viel heidnisches, selbstsüchtiges Beten dabei war, so ändert das nichts daran, daß [etwas] wie eine große Welle einer inneren Bewegung nach Gott hin durch die ganze Menschheit gegangen ist und noch geht.

Aber nicht nur fragen nach Gott haben wir wieder gelernt, weil wir sehen mußten, wie alles Andere außer ihm über Nacht unsicher werden und zerbrechen kann. Wir haben gewonnen an lebendiger Erkenntnis Gottes. Wir wissen deutlicher, wie er ist und was er von uns will, als wir es vor einem Jahr wußten. Gott ist uns greifbarer geworden, möchte ich sagen, das wissen Alle, die in dieser Zeit ernsthaft über ihn nachgedacht, wahrhaft zu ihm |645 gebetet haben. Wir können ihn jetzt deutlicher, als wir es vorher konnten, unterscheiden von allerlei Anderem, was zu den Bildnissen und Gleichnissen gehört, von denen das zweite Gebot redet und von denen es sagt: bete sie nicht an und diene ihnen nicht! [Ex. 20,5].

Wir haben eingesehen, daß der Weg seiner gandenvollen Wahrheit nicht ein Weg des glatten, natürlichen Fortschrittes, nicht ein Weg des zufriedenen Wohlbehagens sein kann, sie muß leiden, sie muß sich verachten und mit Füßen treten lassen in der Welt. Ihr Weg zur Herrlichkeit ist ein Weg des Leidens und des Kreuzes. Und wer zu Gott gehören will, der muß bereit sein, dies Kreuz auf sich zu nehmen [vgl. Mt. 16,24]. Wie ganz anders als früher werden wir hoffentlich im neuen Jahr nach diesem erschütternden Anschauungsunterricht die Passionszeit und den Karfreitag verstehen und erleben! Ich wünsche mir schon jetzt die Kraft, die dann nötig sein wird, euch von diesen tiefsten Dingen des Lebens zu reden.

Wir haben aber auch gesehen, daß Gott etwas ganz Anderes ist, als was die christlichen Kirchen, das sogenannte Christentum, aus ihm gemacht haben. Da haben sie sich nun überall Götter gemacht, die ihnen die Mordwaffen segnen oder die ihnen doch den Gebrauch dieser Waffen gütig erlauben sollen, Götter, die mit ihnen hassen und kämpfen sollen. Die ungeheure Verführung ist auch an uns herangetreten und könnte noch ganz anders an uns herantreten, uns zu allem Anderen auch noch einen schweizerischen Schlachten- und Siegesgott zurechtzumachen. Auch unser Christentum würde nicht stark genug sein, dieser Versuchung zu widerstehen, das kann man schon jetzt sagen. Um so klarer und reiner erhebt sich das wahre Bild Gottes über all das, was sich die Menschen, auch die frommen Menschen, über ihn gedacht haben. Um so deutlicher zeigt es sich jetzt, wo die Welt voll ist vom Götzendienst des Gegenteils, daß Gott Liebe ist, im Ernst und in Ewigkeit nur das. Der Irrtum ist so übermächtig und ungeschminkt hervorgetreten, daß er selber Zeugnis ablegen muß für die Wahrheit.

646 Unter den Händen zerfahren ist uns aber überhaupt die Anschauung, als ob Gott wolle, was wir Menschen wollen, wir Menschen mit unseren guten Absichten und Bestrebungen, mit unseren Gemeinschaften, Vereinen und Parteien, mit unseren Staaten und Vaterländern. Wir meinten ja wohl unwillkürlich: das alles ist schön und gut und darum auch göttlich, weil ja auch in der Tat viel Schönes und Gutes dabei war. Wir gingen ganz auf in diesen Dingen, wir legten uns mit aller Begeisterung für sie ins Zeug, wir waren eifrige Schaffer für irgend einen guten Zweck, energische Parteimänner, gute Schweizer, wie man so sagt, oder auch gute Deutsche, gute Franzosen, und wir meinten mit dem allen Gottesdienst zu tun. Und nun mußten wir auf einmal erleben, wie Gott von dem allen gleichsam Abstand nimmt: ihr Licht ist viel zu klein gegen seinen Glanz und Schein. Denn mit dem allen verhindern wir ja das Unrecht nicht, davon jetzt die Welt voll ist, ja wir tragen noch dazu bei, vermehren es noch. Wie wundervoll ist, menschlich betrachtet, all die Begeisterung und Tatkraft, die der Krieg erzeugt hat, ja im Ernst wundervoll und erhebend. Aber Gott ist und will etwas Anderes, Gott ist und will Liebe, während wir mit dem, was wir wollen, jetzt ganz offenkundig steckenbleiben und uns verrennen im Ungöttlichen, in der Behauptung und im Sieg durch Gewalt. Die Majestät Gottes haben wir in diesem Jahr kennen lernen können, seine unbedingte Erhabenheit über uns Menschen und unsere Gedanken und Einrichtungen. Beugen haben wir uns lernen unter seine Gedanken, ohne sie beständig wieder herabzuziehen zu unserem eigenen Wesen, weil wir sehen mußten, wohin dies unser eigenes Wesen führt. Eben damit sind wir aber auch frei geworden von vielen menschlichen Fesseln, die wir uns in bester Absicht selbst auferlegten. Wir werden uns wieder unmittelbar Gott selbst verantwortlich fühlen, nachdem wir gesehen, daß die menschlichen Machenschaften aller Art uns eher von ihm fernhalten als zu ihm hinführen. Wir werden es wieder lernen, vertrauensvoller und freudiger auf seine Stimme zu hören statt auf all die Gewohnheiten und Ordnungen unseres bisherigen Lebens.

647 Umso deutlicher ist uns aber, im Gegensatz zur ganzen Welt, in der wir uns bewegten und zu der wir gehörten und in der wir mitmachten, klar geworden, was uns Jesus Christus ist und bedeutet. Wir haben auch nie eine Advents- und Weihnachtszeit erleben können, in der uns die Wahrheit so klar vor Augen treten konnte, daß in keinem anderen Namen Heil ist als in dem Namen Jesus [vgl. Apg. 4,12]. Was haben jetzt, inmitten dieser heutigen Welt die Worte Jesu für einen gewaltigen Klang bekommen: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden das Erdreich besitzen [Mt. 5,9–15]! Widerstehet nicht dem Übel, sondern, so dich jemand schlägt auf die eine Wange, dem biete die andere auch dar [vgl. Mt. 5,39]! Ihr wisset, daß die weltlichen Fürsten herrschen und ihre Machthaber sich dienen lassen, aber bei euch soll es nicht also sein [vgl. Mt. 20,25f.]! Gott läßt seine Sonne scheinen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte, so seid denn vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist [Mt. 5,45–48]. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen [Mt. 5,7]! Diese Worte und so manche andere — jetzt verstehen wir sie, jetzt sehen wir, wie wunderbar frei und überlegen allem Gewöhnlichen gegenüber sie sind. Wir verstehen jetzt aber auch viel deutlicher das Heilandsleben, aus dem solche Worte hervorgingen. Jetzt, wo die Weltreiche in gewaltigem Zusammenprall sich selbst vernichten müssen, jetzt ahnen wir, warum Jesus kein solches Reich gründen wollte. Jetzt, wo der Hunger nach Macht und Herrschaft die Völker mit Tod und Verderben straft, jetzt ahnen wir, warum er den Weg des Dienens gegangen. Jetzt, wo das allmächtige Kapital seine goldenen Fesseln angezogen und die Menschheit in die Hölle dieses Kriegs hineingerissen hat, jetzt ahnen wir, warum Jesus arm sein wollte, warum er erklärt hat, ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon [Mt. 6,24]. Und die Größe und Herrlichkeit dieses Heilandslebens, das mit der Welt so ganz im Widerspruch steht, tritt uns leuchtend vor Augen. Wir blicken hinein in das Wunder seiner Seele, die sich Gott so ganz übergeben hatte, daß sie mit |648 ihm eines Wesens war,2 die sich unter die Brüder stellte als der Geringsten einer und doch ganz zu Gott und unter Gott hin, zu dem Vater, der die Liebe ist, und wir fühlen: das ist die Erlösung der Welt, das hat gerade die jetzige wirkliche Welt nötig, und das könnte und müßte ihr helfen, wenn solches Leben von dem einen Menschen in alle Menschen hineinströmte. Wo Gott so gewaltig ist wie in Jesus, da wird die Welt überwunden, die jetzt so stolz und trotzig ist, da verstehen sich die Menschen, die einander jetzt meinen hassen zu müssen. Da wird der Friede groß anstelle der jetzigen Zerrissenheit. Wir wissen dies Jahr, was wir sagen, wenn wir Christus Gottes Sohn nennen, den Eingeborenen des Vaters, wir kommen jetzt nicht mehr in Versuchung, ihn mit uns Menschen in eine Linie zu stellen, zu deutlich hebt er sich von uns ab, zu kraftvoll zeigt er uns jetzt die goldene Straße, die uns hinausführt über uns selbst. Wir wissen, wofür wir dankbar zu sein haben, wenn wir jetzt auf die Weihnacht zurückblicken. Ja, wir haben seinen Stern gesehen, wir haben die Freundlichkeit Gottes in dieser menschlichen Erscheinung verspürt wie noch niemals so.

Und ich meine, wir spüren, wie aus all diesen Offenbarungen Gottes an uns im vergangenen Jahr etwas Neues auch in uns selbst entstehen will, eine neue Art zu denken, zu leben, zu sein. Der Krieg hat einem so viel verleidet, was einem vorher wichtig war. Der Krieg hat einem so Manches unmöglich gemacht, was man vorher unbesehen hinnahm. Der Krieg hat einen dafür auf die ganz wichtigen Dinge des Lebens hingewiesen, auf die Gedanken und Charaktereigenschaften, die in der jetzigen Welt gerade fehlen, die darum eine so elende Welt ist. Der Krieg ruft Kräfte in uns wach, die wir vorher gar nicht in uns kannten, führt uns an Quellen, die wir vorher verachteten, treibt uns in Richtungen, in die wir sonst nie gegangen wären. Ein neuer Mensch will entstehen unter dem gewaltigen Reden Gottes in dieser Zeit, ein Mensch, der viel einfacher, kindlicher denkt als der, der wir vorher waren, ein Mensch, der viel mehr ernst macht mit dem, was er |649 einmal erkannt hat, ein Mensch, der still ist und geduldig warten kann und sich nicht fürchtet, einsam zu sein. Ein Mensch, [der] sich wohl plagen und auslachen läßt, der sich aber um keinen Preis mehr in einen Streit verwickeln lassen will, weil sonst das Heiligtum seiner Seele wieder in Gefahr gebracht würde. Ein Mensch, der nicht etwas für sich sein will, wie wir es alle bis dahin wollten, sondern der sich füllen und regieren und treiben lassen will von dem, der über uns ist, von Gott, der uns jetzt so mächtig und durchdringend gerufen hat und noch ruft: Kehret wieder, ihr Menschenkinder [vgl. Ps. 90,3], kehret zu mir, ihr seid mein! Es ist der Mensch, der in Christus lebt und Christus in ihm [vgl. Gal. 2,20], wie es Paulus beschrieben hat — der Christus, der uns jetzt wieder aufgegangen ist, neu wie die Sonne an einem neuen Tag, der Christus, der wahrhaftig der Sohn ist des Vaters, dessen Majestät wir in unserer Zeit wieder haben anbeten lernen. O, noch ist er nicht da, dieser neue Mensch in uns, aber wir fühlen sein Kommen, wir fühlen, wie er entstehen will, wie Alles in uns und außer uns uns zuruft: dahin, dahin, da ist die Erlösung. Wir fühlen hinter den furchtbaren Ereignissen der Zeit die schaffende Hand des ewigen Gottes, der diesen Menschen haben will. Noch ists ein roher, ungefüger Marmorblock, an dem er arbeitet, aber gewaltig hat er eben jetzt den Meißel eingesetzt, wuchtig tönen die Schläge seines Hammers, und unwiderstehlich wollen sie hervortreten, die Züge dieses neuen Menschenantlitzes, geschaffen nach dem Bilde des Schöpfers, der die Liebe ist. Wir haben seinen Stern gesehen, meine Freunde, wir haben ihn wahrhaftig dieses Jahr sehen dürfen. Und dafür sollten wir nicht dankbar sein?

Wenn wir im tiefsten Grunde dankbar auf das Kriegsjahr 1914 zurückblicken müssen, dann haben wir aber auch eine gewaltige Verantwortung auf uns. Von den Weisen aus Morgenland hören wir, daß sie hoch erfreut waren, als sie den Stern sahen, und ihm nachgingen, bis sie das Kindlein fanden und ihm das Kostbarste schenkten, was sie besaßen. Und wir? Haben wir uns denn überhaupt aufgemacht, sind wir auf der Wanderschaft wie sie und wie |650 wir es jetzt wahrhaftig sein sollten? Oder sollte es sein, daß Gott umsonst mit uns geredet hat? Laßt es mich euch gestehen am Ende dieses Jahres und zugleich als den besten Wunsch zum Antritt des neuen: Es ist mir so oft angst um Viele von euch, sie könnten den Stern umsonst gesehen haben. Als die Not groß war, da seid ihr in großen Scharen hier in die Kirche gekommen, um etwas Tröstliches von Gott zu hören. Nachher, als die Spannung für uns ein wenig nachließ, habt ihrs dann wieder leichter genommen. Ich lege darauf kein großes Gewicht. Man kann auf Gott hören auch außerhalb der Kirche, und ich sehe gern, daß das bei Vielen zutrifft. Auch ich habe euch ja auch in dieser Zeit nicht immer das rechte, zu Herzen gehende Wort bieten können, wie ich es gerne getan hätte. Aber das ist schlimm, daß soviel Leichtsinn und Oberflächlichkeit sich bereits wieder breit macht unter uns. Das ist schlimm, daß die Jagd nach dem Geld und das rücksichtslose und charakterlose Kniebeugen vor der Macht des Mammon bereits wieder so überhand nehmen will. Das ist schlimm, daß wir noch immer in so viel kleinlicher, erbärmlicher Schwätzerei und Zänkerei drinstecken — wir da abseits in unserem Schweizer Dörflein, während da draußen Gott mit der Menschheit redet und die Welt darüber aus den Fugen gehen will. Können wir das verantworten, liebe Freunde? Dürfen wir vor Gott hintreten und ruhigen Gewissens zu ihm sagen: sieh da, Herr unser Gott, da ist das merkwürdige Jahr 1914, und da ist das, was wir daraus gemacht haben? Was haben wir daraus gemacht? Ist uns Gott größer geworden in dieser großen Zeit? Ist uns Christus nähergetreten in diesen Ereignissen, die uns mit Posaunenschall zuzurufen scheinen: Siehe da, der Weg, die Wahrheit und das Leben [vgl. Joh. 14,6]! Ist von dem neuen Menschen etwas in uns entstanden, der in Christus lebt, der nach des Vaters Bild geschaffen ist? Was wollen wir antworten? Meine Freunde, es stehen schwere, harte Worte in der Bibel über die, die solche Gelegenheiten, wie wir sie jetzt haben, durch eigene Schuld versäumen. Nicht wahr, wir möchten nicht, daß sie wirklich auf uns Anwendung finden müßten.

651 Und sie müssen auch nicht. Wir haben den Stern gesehen Wir sehen ihn. Es braucht nichts, als daß wir uns nun auch fröhlich und entschieden in Bewegung setzen. Daß wir Gott unsere Dankbarkeit bezeugen für Alles, was er an uns getan hat, indem wir hier annehmen, eindringen lassen, was jetzt von ihm kommt. Daß wir uns [der] gnadenreichen Wirkung nicht widersetzen. Nur das nicht, uns nicht widersetzen! Nicht etwas Beschränktes, Knorziges, Flatterhaftes, Eigensinniges, Unklares jetzt zwischen ihn und uns hineinschieben! Wir brauchen nichts zu tun, gar nichts. Gott tut jetzt genug. Aber wir müssen und wollen ihn tun lassen, was er an uns tun will. Und er will noch viel mehr an uns tun.

Amen.

Sachfußnoten

1
Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf dem Mskr. notiert: Nr. 2 (EKG 228): «Nun danket alle Gott …» von M. Rinckart (1586–1649), Strophen 1–3 🎵; Nr. 237: «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern …» nach Ph. Nicolai (1556–1608), Strophen 1–3 🎵 (Textfassung stark abweichend von EKG 48).↩
2
Vgl. Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum (381), Art. 2 📖: «… consubstantialem Patri…».↩