Predigt: Matthäus 2,1-12
Denkt ihr noch daran, wie es war, als wir als Kinder diese Geschichte von den Weisen
aus Morgenland hörten? Wie wir uns wunderten über den merkwürdigen Stern, der sie auf
die Wander|643schaft getrieben, um den neugeborenen Messias der Juden anzubeten? Wie wir
erstaunten über ihre weite Reise mit all ihren Tieren und ihrem Gepäck? Wie wir uns
entrüsteten über den bösen König
Freudig und dankbar erzählen die Weisen: Wir haben seinen Stern
gesehen! Wie ein rechtes Wunder war er ihnen am Himmel aufgegangen. Alles
hatten sie stehen und liegen lassen, um ihm nachzugehen. Dem Stern Gottes mußten sie
Folge leisten. Und wir haben doch diesen Stern auch gesehen. Gottes Güte gegen uns
läßt uns nicht ohne Zeichen. Sein Wille über uns ist klar, und sein Herz steht uns
offen. In dunkler Nacht, im dicken Nebel, im finsteren Tal wirds auf einmal hell, und
das Helle sagt uns, daß noch etwas Anderes da ist als das Einerlei des Alltags, als
die Sorge ums tägliche Brot, als die Leiden des Körpers und der Seele, als die
Torheit und Bosheit der Menschen, als unsere eigenen Sünden und Gebrechen. Euch ist
heute der Heiland geboren! [
Ein ganzes langes Jahr haben wir jetzt wieder an Gottes Hand zurücklegen dürfen. Und was für ein Jahr ists gewesen! Wir wollen jetzt von allem Kleinen und bloß Persönlichen, was es uns gebracht hat, absehen und gleich an das eine große Erlebnis denken, das für uns alle unauflöslich mit der Erinnerung an dies Jahr verbunden sein wird. Wir sind ja alle einig darin, daß der Krieg, der da über uns gekommen ist, ein furchtbares Unglück ist, dessen baldiges Ende wir von Herzen herbeiwünschen für uns selbst und für die Anderen alle, die so viel härter als wir betroffen sind. Aber heute, meine Freunde, wollen wir einmal Gott danken, daß er uns dies merkwürdige Jahr 1914 und alle diese gewaltigen Ereignisse hat erleben lassen. Oder ists nicht wahr, daß wir dies |644 Jahr mit ganz besonderer Dankbarkeit und Freude bekennen dürfen: Wir haben seinen Stern gesehen! Wir haben etwas Großes von Gott erfahren, und etwas Leuchtendes ist von ihm her in unser kleines, dunkles Leben hineingetreten. In ganz besonderem Sinn dürfen wir dies Jahr uns sagen: wir sind andere Menschen geworden, seit wir zum letzten Mal Neujahr feierten, nicht durch unsere eigene Tugend und Kraft, aber durch das, was Gott an uns getan hat. Und in ganz besonderer Weise ists wahr, wenn wir diesmal beim Jahresschluß bei aller schmerzlichen Einsicht in unsere Trägheit und Kurzsichtigkeit auch das Andere einsehen: wir haben etwas lernen, wir haben ein Schrittlein vorwärts tun dürfen. Das hat uns Gott durch diesen furchtbaren Krieg von 1914 gegeben. Ich möchte Keines beneiden, das davon nichts weiß, an dem Alles spurlos vorübergegangen ist. Ich glaube aber auch nicht, daß Viele unter uns [sind], auf die das wirklich zuträfe. Eine gewaltige göttliche Schulstunde haben wir hinter uns, wenn wir auf dies Jahr zurückblicken. Klar geworden ist uns, daß es mit der oberflächlichen Sicherheit, in der wir alle dahinlebten, nichts ist. Erschüttert sind wir worden in all den natürlichen Voraussetzungen unseres Lebens wie noch nie und damit zurückgeworfen auf den ewigen, unerschütterlichen Ursprung und Grund des Lebens. Noch nie ist wohl die Frage nach Gott so stark und lebendig gewesen in Millionen von Seelen, noch nie ist so gebetet worden wie in diesem Sommer und Herbst. Und wenn viel törichtes Reden von Gott, viel heidnisches, selbstsüchtiges Beten dabei war, so ändert das nichts daran, daß [etwas] wie eine große Welle einer inneren Bewegung nach Gott hin durch die ganze Menschheit gegangen ist und noch geht.
Aber nicht nur fragen nach Gott haben wir wieder gelernt, weil wir sehen mußten, wie
alles Andere außer ihm über Nacht unsicher werden und zerbrechen kann. Wir haben
gewonnen an lebendiger Erkenntnis Gottes. Wir wissen deutlicher,
wie er ist und was er von uns will, als wir es vor einem Jahr wußten. Gott ist uns
greifbarer geworden, möchte ich sagen, das wissen Alle, die in dieser Zeit ernsthaft
über ihn nachgedacht, wahrhaft zu ihm
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gebetet haben. Wir können ihn jetzt deutlicher, als wir es vorher konnten,
unterscheiden von allerlei Anderem, was zu den Bildnissen und Gleichnissen gehört,
von denen das zweite Gebot redet und von denen es sagt: bete sie nicht an und diene
ihnen nicht! [
Wir haben eingesehen, daß der Weg seiner gandenvollen Wahrheit nicht ein Weg des glatten, natürlichen Fortschrittes, nicht ein Weg des zufriedenen
Wohlbehagens sein kann, sie muß leiden, sie muß sich verachten und mit Füßen treten
lassen in der Welt. Ihr Weg zur Herrlichkeit ist ein Weg des Leidens und des Kreuzes.
Und wer zu Gott gehören will, der muß bereit sein, dies Kreuz auf sich zu nehmen
[vgl.
Wir haben aber auch gesehen, daß Gott etwas ganz Anderes ist, als was die christlichen Kirchen, das sogenannte Christentum, aus ihm gemacht haben. Da haben sie sich nun überall Götter gemacht, die ihnen die Mordwaffen segnen oder die ihnen doch den Gebrauch dieser Waffen gütig erlauben sollen, Götter, die mit ihnen hassen und kämpfen sollen. Die ungeheure Verführung ist auch an uns herangetreten und könnte noch ganz anders an uns herantreten, uns zu allem Anderen auch noch einen schweizerischen Schlachten- und Siegesgott zurechtzumachen. Auch unser Christentum würde nicht stark genug sein, dieser Versuchung zu widerstehen, das kann man schon jetzt sagen. Um so klarer und reiner erhebt sich das wahre Bild Gottes über all das, was sich die Menschen, auch die frommen Menschen, über ihn gedacht haben. Um so deutlicher zeigt es sich jetzt, wo die Welt voll ist vom Götzendienst des Gegenteils, daß Gott Liebe ist, im Ernst und in Ewigkeit nur das. Der Irrtum ist so übermächtig und ungeschminkt hervorgetreten, daß er selber Zeugnis ablegen muß für die Wahrheit.
646 Unter den Händen zerfahren ist uns aber überhaupt die Anschauung, als ob Gott wolle, was wir Menschen wollen, wir Menschen mit unseren guten Absichten und Bestrebungen, mit unseren Gemeinschaften, Vereinen und Parteien, mit unseren Staaten und Vaterländern. Wir meinten ja wohl unwillkürlich: das alles ist schön und gut und darum auch göttlich, weil ja auch in der Tat viel Schönes und Gutes dabei war. Wir gingen ganz auf in diesen Dingen, wir legten uns mit aller Begeisterung für sie ins Zeug, wir waren eifrige Schaffer für irgend einen guten Zweck, energische Parteimänner, gute Schweizer, wie man so sagt, oder auch gute Deutsche, gute Franzosen, und wir meinten mit dem allen Gottesdienst zu tun. Und nun mußten wir auf einmal erleben, wie Gott von dem allen gleichsam Abstand nimmt: ihr Licht ist viel zu klein gegen seinen Glanz und Schein. Denn mit dem allen verhindern wir ja das Unrecht nicht, davon jetzt die Welt voll ist, ja wir tragen noch dazu bei, vermehren es noch. Wie wundervoll ist, menschlich betrachtet, all die Begeisterung und Tatkraft, die der Krieg erzeugt hat, ja im Ernst wundervoll und erhebend. Aber Gott ist und will etwas Anderes, Gott ist und will Liebe, während wir mit dem, was wir wollen, jetzt ganz offenkundig steckenbleiben und uns verrennen im Ungöttlichen, in der Behauptung und im Sieg durch Gewalt. Die Majestät Gottes haben wir in diesem Jahr kennen lernen können, seine unbedingte Erhabenheit über uns Menschen und unsere Gedanken und Einrichtungen. Beugen haben wir uns lernen unter seine Gedanken, ohne sie beständig wieder herabzuziehen zu unserem eigenen Wesen, weil wir sehen mußten, wohin dies unser eigenes Wesen führt. Eben damit sind wir aber auch frei geworden von vielen menschlichen Fesseln, die wir uns in bester Absicht selbst auferlegten. Wir werden uns wieder unmittelbar Gott selbst verantwortlich fühlen, nachdem wir gesehen, daß die menschlichen Machenschaften aller Art uns eher von ihm fernhalten als zu ihm hinführen. Wir werden es wieder lernen, vertrauensvoller und freudiger auf seine Stimme zu hören statt auf all die Gewohnheiten und Ordnungen unseres bisherigen Lebens.
647 Umso deutlicher ist uns aber, im Gegensatz zur ganzen Welt, in der wir uns bewegten
und zu der wir gehörten und in der wir mitmachten, klar geworden, was uns Jesus Christus ist und bedeutet. Wir haben auch nie eine Advents-
und Weihnachtszeit erleben können, in der uns die Wahrheit so klar vor Augen treten
konnte, daß in keinem anderen Namen Heil ist als in dem Namen Jesus
[vgl.
Und ich meine, wir spüren, wie aus all diesen Offenbarungen Gottes an uns im
vergangenen Jahr etwas Neues auch in uns selbst entstehen
will, eine neue Art zu denken, zu leben, zu sein. Der Krieg hat einem so viel
verleidet, was einem vorher wichtig war. Der Krieg hat einem so Manches unmöglich
gemacht, was man vorher unbesehen hinnahm. Der Krieg hat einen dafür auf die ganz
wichtigen Dinge des Lebens hingewiesen, auf die Gedanken und Charaktereigenschaften,
die in der jetzigen Welt gerade fehlen, die darum eine so elende Welt ist. Der Krieg
ruft Kräfte in uns wach, die wir vorher gar nicht in uns kannten, führt uns an
Quellen, die wir vorher verachteten, treibt uns in Richtungen, in die wir sonst nie
gegangen wären. Ein neuer Mensch will entstehen unter dem gewaltigen Reden Gottes in
dieser Zeit, ein Mensch, der viel einfacher, kindlicher denkt als der, der wir vorher
waren, ein Mensch, der viel mehr ernst macht mit dem, was er
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einmal erkannt hat, ein Mensch, der still ist und geduldig warten kann und sich
nicht fürchtet, einsam zu sein. Ein Mensch, [der] sich wohl plagen und auslachen
läßt, der sich aber um keinen Preis mehr in einen Streit verwickeln lassen will, weil
sonst das Heiligtum seiner Seele wieder in Gefahr gebracht würde. Ein Mensch, der
nicht etwas für sich sein will, wie wir es alle bis dahin wollten, sondern der sich
füllen und regieren und treiben lassen will von dem, der über uns ist, von Gott, der
uns jetzt so mächtig und durchdringend gerufen hat und noch ruft: Kehret wieder, ihr
Menschenkinder [vgl.
Wenn wir im tiefsten Grunde dankbar auf das Kriegsjahr 1914
zurückblicken müssen, dann haben wir aber auch eine gewaltige Verantwortung auf uns. Von den Weisen aus Morgenland hören wir, daß sie hoch
erfreut waren, als sie den Stern sahen, und ihm nachgingen, bis sie das Kindlein
fanden und ihm das Kostbarste schenkten, was sie besaßen. Und wir? Haben wir uns denn
überhaupt aufgemacht, sind wir auf der Wanderschaft wie sie und wie
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wir es jetzt wahrhaftig sein sollten? Oder sollte es sein, daß Gott umsonst mit uns
geredet hat? Laßt es mich euch gestehen am Ende dieses Jahres und zugleich als den
besten Wunsch zum Antritt des neuen: Es ist mir so oft angst um Viele von euch, sie
könnten den Stern umsonst gesehen haben. Als die Not groß war, da seid ihr in großen
Scharen hier in die Kirche gekommen, um etwas Tröstliches von Gott zu hören. Nachher,
als die Spannung für uns ein wenig nachließ, habt ihrs dann wieder leichter genommen.
Ich lege darauf kein großes Gewicht. Man kann auf Gott hören auch außerhalb der
Kirche, und ich sehe gern, daß das bei Vielen zutrifft. Auch ich habe euch ja auch in
dieser Zeit nicht immer das rechte, zu Herzen gehende Wort bieten können, wie ich es
gerne getan hätte. Aber das ist schlimm, daß soviel Leichtsinn und Oberflächlichkeit
sich bereits wieder breit macht unter uns. Das ist schlimm, daß die Jagd nach dem
Geld und das rücksichtslose und charakterlose Kniebeugen vor der Macht des Mammon
bereits wieder so überhand nehmen will. Das ist schlimm, daß wir noch immer in so
viel kleinlicher, erbärmlicher Schwätzerei und Zänkerei drinstecken — wir da abseits
in unserem Schweizer Dörflein, während da draußen Gott mit der Menschheit redet und
die Welt darüber aus den Fugen gehen will. Können wir das verantworten, liebe
Freunde? Dürfen wir vor Gott hintreten und ruhigen Gewissens zu ihm sagen: sieh da,
Herr unser Gott, da ist das merkwürdige Jahr 1914, und da ist das, was wir daraus
gemacht haben? Was haben wir daraus gemacht? Ist uns Gott größer
geworden in dieser großen Zeit? Ist uns Christus nähergetreten in
diesen Ereignissen, die uns mit Posaunenschall zuzurufen scheinen: Siehe da, der Weg,
die Wahrheit und das Leben [vgl.
651 Und sie müssen auch nicht. Wir haben den Stern gesehen Wir sehen ihn. Es braucht nichts, als daß wir uns nun auch fröhlich und entschieden in Bewegung setzen. Daß wir Gott unsere Dankbarkeit bezeugen für Alles, was er an uns getan hat, indem wir hier annehmen, eindringen lassen, was jetzt von ihm kommt. Daß wir uns [der] gnadenreichen Wirkung nicht widersetzen. Nur das nicht, uns nicht widersetzen! Nicht etwas Beschränktes, Knorziges, Flatterhaftes, Eigensinniges, Unklares jetzt zwischen ihn und uns hineinschieben! Wir brauchen nichts zu tun, gar nichts. Gott tut jetzt genug. Aber wir müssen und wollen ihn tun lassen, was er an uns tun will. Und er will noch viel mehr an uns tun.