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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 2,1-12</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 2,1-12, 27. Dezember 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5058 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 642–651.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 2,1-12</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 642-651</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 253</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 2,1-12, 27. Dezember 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1694">KBA 1231</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-12-27">27. Dezember 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-12-27">27. Dezember 1914</date><note xml:id="n01">Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf
                     dem <ref corresp="A">Mskr.</ref> notiert: <bibl corresp="kbga-songs-4" type="song">
                                Nr. 2 (EKG 228): «Nun danket alle Gott …» von <persName ref="kbga-actors-1393">M. Rinckart</persName> (1586–1649), Strophen 1–3</bibl>; <bibl corresp="kbga-songs-48" type="song">
                                Nr. 237: «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern …» nach <persName ref="kbga-actors-4872">Ph. Nicolai</persName> (1556–1608), Strophen 1–3</bibl> (Textfassung stark abweichend von EKG 48).</note>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.2.1 Mt.2.12">Matthäus 2,1–12</ref>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Denkt ihr noch daran, wie es war, als wir als Kinder diese Geschichte von den Weisen
               aus Morgenland hörten? Wie wir uns wunderten über den merkwürdigen Stern, der sie auf
               die Wander<pb xml:id="p643" ed="pga" break="no"/>schaft getrieben, um den neugeborenen Messias der Juden anzubeten? Wie wir
               erstaunten über ihre weite Reise mit all ihren Tieren und ihrem Gepäck? Wie wir uns
               entrüsteten über den bösen König <persName ref="kbga-actors-2190">Herodes</persName>, der da seine Ränke schmiedete gegen das
               unschuldige Kindlein, und wie wir uns freuten, daß die Weisen das Kindlein fanden,
               ihm ihre reichen Geschenke brachten und dann auf einem anderen Weg wieder in ihr Land
               zurückkehrten? Mit diesem schönen und heiteren Bild wollen wir heute vom alten Jahr
               Abschied nehmen.</p>
        <p>Freudig und dankbar erzählen die Weisen: <hi rend="italic">Wir haben seinen Stern
                  gesehen!</hi> Wie ein rechtes Wunder war er ihnen am Himmel aufgegangen. Alles
               hatten sie stehen und liegen lassen, um ihm nachzugehen. Dem Stern Gottes mußten sie
               Folge leisten. Und wir haben doch diesen Stern auch gesehen. Gottes Güte gegen uns
               läßt uns nicht ohne Zeichen. Sein Wille über uns ist klar, und sein Herz steht uns
               offen. In dunkler Nacht, im dicken Nebel, im finsteren Tal wirds auf einmal hell, und
               das Helle sagt uns, daß noch etwas Anderes da ist als das Einerlei des Alltags, als
               die Sorge ums tägliche Brot, als die Leiden des Körpers und der Seele, als die
               Torheit und Bosheit der Menschen, als unsere eigenen Sünden und Gebrechen. Euch ist
               heute der Heiland geboren! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.11">Lk. 2,11</ref>],
               hat uns Gottes Stimme gesagt. Und wir haben seinen Stern gesehen.</p>
        <p>Ein ganzes langes <hi rend="italic">Jahr</hi> haben wir jetzt wieder an Gottes Hand
               zurücklegen dürfen. Und was für ein Jahr ists gewesen! Wir wollen jetzt von allem
               Kleinen und bloß Persönlichen, was es uns gebracht hat, absehen und gleich an das
               eine große Erlebnis denken, das für uns alle unauflöslich mit der Erinnerung an dies
               Jahr verbunden sein wird. Wir sind ja alle einig darin, daß der Krieg, der da über
               uns gekommen ist, ein furchtbares Unglück ist, dessen baldiges Ende wir von Herzen
               herbeiwünschen für uns selbst und für die Anderen alle, die so viel härter als wir
               betroffen sind. Aber heute, meine Freunde, wollen wir einmal Gott danken, daß er uns
               dies merkwürdige Jahr 1914 und alle diese gewaltigen Ereignisse hat erleben lassen.
               Oder ists nicht wahr, daß wir dies
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                Jahr mit ganz besonderer Dankbarkeit und Freude bekennen dürfen: Wir haben seinen
               Stern gesehen! Wir haben etwas Großes von Gott erfahren, und etwas Leuchtendes ist
               von ihm her in unser kleines, dunkles Leben hineingetreten. In ganz besonderem Sinn
               dürfen wir dies Jahr uns sagen: wir sind andere Menschen geworden, seit wir zum
               letzten Mal Neujahr feierten, nicht durch unsere eigene Tugend und Kraft, aber durch
               das, was Gott an uns getan hat. Und in ganz besonderer Weise ists wahr, wenn wir
               diesmal beim Jahresschluß bei aller schmerzlichen Einsicht in unsere Trägheit und
               Kurzsichtigkeit auch das Andere einsehen: wir haben etwas lernen, wir haben ein
               Schrittlein vorwärts tun dürfen. Das hat uns Gott durch diesen furchtbaren Krieg von
               1914 gegeben. Ich möchte Keines beneiden, das davon nichts weiß, an dem Alles spurlos
               vorübergegangen ist. Ich glaube aber auch nicht, daß Viele unter uns [sind], auf die
               das wirklich zuträfe. Eine gewaltige göttliche Schulstunde haben wir hinter uns, wenn
               wir auf dies Jahr zurückblicken. Klar geworden ist uns, daß es mit der
               oberflächlichen Sicherheit, in der wir alle dahinlebten, nichts ist. Erschüttert sind
               wir worden in all den natürlichen Voraussetzungen unseres Lebens wie noch nie und
               damit zurückgeworfen auf den ewigen, unerschütterlichen Ursprung und <hi rend="italic">Grund des Lebens</hi>. Noch nie ist wohl die Frage nach Gott so stark und
               lebendig gewesen in Millionen von Seelen, noch nie ist so gebetet worden wie in
               diesem Sommer und Herbst. Und wenn viel törichtes Reden von Gott, viel heidnisches,
               selbstsüchtiges Beten dabei war, so ändert das nichts daran, daß [etwas] wie eine
               große Welle einer inneren Bewegung nach Gott hin durch die ganze Menschheit gegangen
               ist und noch geht.</p>
        <p>Aber nicht nur fragen nach Gott haben wir wieder gelernt, weil wir sehen mußten, wie
               alles Andere außer ihm über Nacht unsicher werden und zerbrechen kann. Wir haben
               gewonnen an lebendiger <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> Gottes. Wir wissen deutlicher,
               wie er ist und was er von uns will, als wir es vor einem Jahr wußten. Gott ist uns
               greifbarer geworden, möchte ich sagen, das wissen Alle, die in dieser Zeit ernsthaft
               über ihn nachgedacht, wahrhaft zu ihm
               <pb xml:id="p645" ed="pga"/>
                gebetet haben. Wir können ihn jetzt deutlicher, als wir es vorher konnten,
               unterscheiden von allerlei Anderem, was zu den Bildnissen und Gleichnissen gehört,
               von denen das zweite Gebot redet und von denen es sagt: bete sie nicht an und diene
               ihnen nicht! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.5">Ex. 20,5</ref>].</p>
        <p>Wir haben eingesehen, daß der Weg seiner gandenvollen Wahrheit nicht ein Weg des <hi rend="italic">glatten, natürlichen Fortschrittes</hi>, nicht ein Weg des zufriedenen
               Wohlbehagens sein kann, sie muß leiden, sie muß sich verachten und mit Füßen treten
               lassen in der Welt. Ihr Weg zur Herrlichkeit ist ein Weg des Leidens und des Kreuzes.
               Und wer zu Gott gehören will, der muß bereit sein, dies Kreuz auf sich zu nehmen
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.24">Mt. 16,24</ref>]. Wie ganz
               anders als früher werden wir hoffentlich im neuen Jahr nach diesem erschütternden
               Anschauungsunterricht die Passionszeit und den Karfreitag verstehen und erleben! Ich
               wünsche mir schon jetzt die Kraft, die dann nötig sein wird, euch von diesen tiefsten
               Dingen des Lebens zu reden.</p>
        <p>Wir haben aber auch gesehen, daß Gott etwas ganz Anderes ist, als was die <hi rend="italic">christlichen Kirchen</hi>, das sogenannte Christentum, aus ihm gemacht
               haben. Da haben sie sich nun überall Götter gemacht, die ihnen die Mordwaffen segnen
               oder die ihnen doch den Gebrauch dieser Waffen gütig erlauben sollen, Götter, die mit
               ihnen hassen und kämpfen sollen. Die ungeheure Verführung ist auch an uns
               herangetreten und könnte noch ganz anders an uns herantreten, uns zu allem Anderen
               auch noch einen schweizerischen Schlachten- und Siegesgott zurechtzumachen. Auch
               unser Christentum würde nicht stark genug sein, dieser Versuchung zu widerstehen, das
               kann man schon jetzt sagen. Um so klarer und reiner erhebt sich das wahre Bild Gottes
               über all das, was sich die Menschen, auch die frommen Menschen, über ihn gedacht
               haben. Um so deutlicher zeigt es sich jetzt, wo die Welt voll ist vom Götzendienst
               des Gegenteils, daß Gott Liebe ist, im Ernst und in Ewigkeit nur das. Der Irrtum ist
               so übermächtig und ungeschminkt hervorgetreten, daß er selber Zeugnis ablegen muß für
               die Wahrheit.</p>

        <p>
                <pb rend="noPipe" xml:id="p646" ed="pga"/> Unter den Händen zerfahren ist uns aber überhaupt die Anschauung, als ob Gott wolle,
                  <hi rend="italic">was wir Menschen wollen</hi>, wir Menschen mit unseren guten
               Absichten und Bestrebungen, mit unseren Gemeinschaften, Vereinen und Parteien, mit
               unseren Staaten und Vaterländern. Wir meinten ja wohl unwillkürlich: das alles ist
               schön und gut und darum auch göttlich, weil ja auch in der Tat viel Schönes und Gutes
               dabei war. Wir gingen ganz auf in diesen Dingen, wir legten uns mit aller
               Begeisterung für sie ins Zeug, wir waren eifrige Schaffer für irgend einen guten
               Zweck, energische Parteimänner, gute Schweizer, wie man so sagt, oder auch gute
               Deutsche, gute Franzosen, und wir meinten mit dem allen Gottesdienst zu tun. Und nun
               mußten wir auf einmal erleben, wie Gott von dem allen gleichsam Abstand nimmt: ihr
               Licht ist viel zu klein gegen seinen Glanz und Schein. Denn mit dem allen verhindern
               wir ja das Unrecht nicht, davon jetzt die Welt voll ist, ja wir tragen noch dazu bei,
               vermehren es noch. Wie wundervoll ist, menschlich betrachtet, all die Begeisterung
               und Tatkraft, die der Krieg erzeugt hat, ja im Ernst wundervoll und erhebend. Aber
               Gott ist und will etwas Anderes, Gott ist und will Liebe, während wir mit dem, was
               wir wollen, jetzt ganz offenkundig steckenbleiben und uns verrennen im Ungöttlichen,
               in der Behauptung und im Sieg durch Gewalt. Die Majestät Gottes haben wir in diesem
               Jahr kennen lernen können, seine unbedingte Erhabenheit über uns Menschen und unsere
               Gedanken und Einrichtungen. Beugen haben wir uns lernen unter seine Gedanken, ohne
               sie beständig wieder herabzuziehen zu unserem eigenen Wesen, weil wir sehen mußten,
               wohin dies unser eigenes Wesen führt. Eben damit sind wir aber auch frei geworden von
               vielen menschlichen Fesseln, die wir uns in bester Absicht selbst auferlegten. Wir
               werden uns wieder unmittelbar Gott selbst verantwortlich fühlen, nachdem wir gesehen,
               daß die menschlichen Machenschaften aller Art uns eher von ihm fernhalten als zu ihm
               hinführen. Wir werden es wieder lernen, vertrauensvoller und freudiger auf seine
               Stimme zu hören statt auf all die Gewohnheiten und Ordnungen unseres bisherigen
               Lebens.</p>

        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p647" ed="pga"/> Umso deutlicher ist uns aber, im Gegensatz zur ganzen Welt, in der wir uns bewegten
               und zu der wir gehörten und in der wir mitmachten, klar geworden, was uns <hi rend="italic">Jesus Christus</hi> ist und bedeutet. Wir haben auch nie eine Advents-
               und Weihnachtszeit erleben können, in der uns die Wahrheit so klar vor Augen treten
               konnte, daß in keinem anderen Namen Heil ist als in dem Namen Jesus
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.4.12">Apg. 4,12</ref>]. Was haben jetzt,
               inmitten dieser heutigen Welt die Worte Jesu für einen gewaltigen Klang bekommen:
               Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden das Erdreich besitzen
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.9 Mt.5.15">Mt. 5,9–15</ref>]! Widerstehet nicht dem Übel,
               sondern, so dich jemand schlägt auf die eine Wange, dem biete die andere auch dar
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.39">Mt. 5,39</ref>]! Ihr wisset,
               daß die weltlichen Fürsten herrschen und ihre Machthaber sich dienen lassen, aber bei
               euch soll es nicht also sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.20.25 Mt.20.26">Mt. 20,25f.</ref>]!
               Gott läßt seine Sonne scheinen über Böse und Gute und läßt
               regnen über Gerechte und Ungerechte, so seid denn vollkommen, wie euer Vater im
               Himmel vollkommen ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.45 Mt.5.48">Mt. 5,45–48</ref>].
               Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.7">Mt. 5,7</ref>]! Diese Worte und
               so manche andere — jetzt verstehen wir sie, jetzt sehen wir, wie wunderbar frei und
               überlegen allem Gewöhnlichen gegenüber sie sind. Wir verstehen jetzt aber auch viel
               deutlicher das Heilandsleben, aus dem solche Worte hervorgingen. Jetzt, wo die
               Weltreiche in gewaltigem Zusammenprall sich selbst vernichten müssen, jetzt ahnen
               wir, warum Jesus kein solches Reich gründen wollte. Jetzt, wo der Hunger nach Macht
               und Herrschaft die Völker mit Tod und Verderben straft, jetzt ahnen wir, warum er den
               Weg des Dienens gegangen. Jetzt, wo das allmächtige Kapital seine goldenen Fesseln
               angezogen und die Menschheit in die Hölle dieses Kriegs hineingerissen hat, jetzt
               ahnen wir, warum Jesus arm sein wollte, warum er erklärt hat, ihr könnt nicht Gott
               dienen und dem Mammon [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.24">Mt. 6,24</ref>].
               Und die Größe und Herrlichkeit dieses Heilandslebens, das mit der Welt
               so ganz im Widerspruch steht, tritt uns leuchtend vor Augen. Wir blicken hinein in
               das Wunder seiner Seele, die sich Gott so ganz übergeben hatte, daß sie mit
               <pb xml:id="p648" ed="pga"/>
                ihm eines Wesens war,<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1577">
                                <hi rend="italic">Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum</hi>
                  (381), Art. 2</bibl>: «… <foreign xml:lang="lat">consubstantialem Patri</foreign>…».</note> die sich unter die Brüder
               stellte als der Geringsten einer und doch ganz zu Gott und unter Gott hin, zu dem
               Vater, der die Liebe ist, und wir fühlen: das ist die Erlösung der Welt, das hat
               gerade die jetzige wirkliche Welt nötig, und das könnte und müßte ihr helfen, wenn
               solches Leben von dem einen Menschen in alle Menschen hineinströmte. Wo Gott so
               gewaltig ist wie in Jesus, da wird die Welt überwunden, die jetzt so stolz und
               trotzig ist, da verstehen sich die Menschen, die einander jetzt meinen hassen zu
               müssen. Da wird der Friede groß anstelle der jetzigen Zerrissenheit. Wir wissen dies
               Jahr, was wir sagen, wenn wir Christus Gottes Sohn nennen, den Eingeborenen des
               Vaters, wir kommen jetzt nicht mehr in Versuchung, ihn mit uns Menschen in eine Linie
               zu stellen, zu deutlich hebt er sich von uns ab, zu kraftvoll zeigt er uns jetzt die
               goldene Straße, die uns hinausführt über uns selbst. Wir wissen, wofür wir dankbar zu
               sein haben, wenn wir jetzt auf die Weihnacht zurückblicken. Ja, wir haben seinen
               Stern gesehen, wir haben die Freundlichkeit Gottes in dieser menschlichen Erscheinung
               verspürt wie noch niemals so.</p>
        <p>Und ich meine, wir spüren, wie aus all diesen Offenbarungen Gottes an uns im
               vergangenen Jahr etwas <hi rend="italic">Neues auch in uns selbst</hi> entstehen
               will, eine neue Art zu denken, zu leben, zu sein. Der Krieg hat einem so viel
               verleidet, was einem vorher wichtig war. Der Krieg hat einem so Manches unmöglich
               gemacht, was man vorher unbesehen hinnahm. Der Krieg hat einen dafür auf die ganz
               wichtigen Dinge des Lebens hingewiesen, auf die Gedanken und Charaktereigenschaften,
               die in der jetzigen Welt gerade fehlen, die darum eine so elende Welt ist. Der Krieg
               ruft Kräfte in uns wach, die wir vorher gar nicht in uns kannten, führt uns an
               Quellen, die wir vorher verachteten, treibt uns in Richtungen, in die wir sonst nie
               gegangen wären. Ein neuer Mensch will entstehen unter dem gewaltigen Reden Gottes in
               dieser Zeit, ein Mensch, der viel einfacher, kindlicher denkt als der, der wir vorher
               waren, ein Mensch, der viel mehr ernst macht mit dem, was er
               <pb xml:id="p649" ed="pga"/>
                einmal erkannt hat, ein Mensch, der still ist und geduldig warten kann und sich
               nicht fürchtet, einsam zu sein. Ein Mensch, [der] sich wohl plagen und auslachen
               läßt, der sich aber um keinen Preis mehr in einen Streit verwickeln lassen will, weil
               sonst das Heiligtum seiner Seele wieder in Gefahr gebracht würde. Ein Mensch, der
               nicht etwas für sich sein will, wie wir es alle bis dahin wollten, sondern der sich
               füllen und regieren und treiben lassen will von dem, der über uns ist, von Gott, der
               uns jetzt so mächtig und durchdringend gerufen hat und noch ruft: Kehret wieder, ihr
               Menschenkinder [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.3">Ps. 90,3</ref>],
                kehret zu mir, ihr seid mein! Es ist der Mensch, der in Christus lebt und
               Christus in ihm [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.2.20">Gal. 2,20</ref>],
               wie es <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> beschrieben hat — der Christus, der uns jetzt wieder
               aufgegangen ist, neu wie die Sonne an einem neuen Tag, der Christus, der wahrhaftig
               der Sohn ist des Vaters, dessen Majestät wir in unserer Zeit wieder haben anbeten
               lernen. O, noch ist er nicht da, dieser neue Mensch in uns, aber wir fühlen sein
               Kommen, wir fühlen, wie er entstehen will, wie Alles in uns und außer uns uns zuruft:
               dahin, dahin, da ist die Erlösung. Wir fühlen hinter den furchtbaren Ereignissen der
               Zeit die schaffende Hand des ewigen Gottes, der diesen Menschen haben will. Noch ists
               ein roher, ungefüger Marmorblock, an dem er arbeitet, aber gewaltig hat er eben jetzt
               den Meißel eingesetzt, wuchtig tönen die Schläge seines Hammers, und unwiderstehlich
               wollen sie hervortreten, die Züge dieses neuen Menschenantlitzes, geschaffen nach dem
               Bilde des Schöpfers, der die Liebe ist. Wir haben seinen Stern gesehen, meine
               Freunde, wir haben ihn <hi rend="italic">wahrhaftig</hi> dieses Jahr sehen dürfen. Und
               dafür sollten wir nicht dankbar sein?</p>
        <p>Wenn wir im tiefsten Grunde <hi rend="italic">dankbar</hi> auf das Kriegsjahr 1914
               zurückblicken müssen, dann haben wir aber auch eine gewaltige <hi rend="italic">Verantwortung</hi> auf uns. Von den Weisen aus Morgenland hören wir, daß sie hoch
               erfreut waren, als sie den Stern sahen, und ihm nachgingen, bis sie das Kindlein
               fanden und ihm das Kostbarste schenkten, was sie besaßen. Und wir? Haben wir uns denn
               überhaupt aufgemacht, sind wir auf der Wanderschaft wie sie und wie
               <pb xml:id="p650" ed="pga"/>
                wir es jetzt wahrhaftig sein sollten? Oder sollte es sein, daß Gott umsonst mit uns
               geredet hat? Laßt es mich euch gestehen am Ende dieses Jahres und zugleich als den
               besten Wunsch zum Antritt des neuen: Es ist mir so oft angst um Viele von euch, sie
               könnten den Stern umsonst gesehen haben. Als die Not groß war, da seid ihr in großen
               Scharen hier in die Kirche gekommen, um etwas Tröstliches von Gott zu hören. Nachher,
               als die Spannung für uns ein wenig nachließ, habt ihrs dann wieder leichter genommen.
               Ich lege darauf kein großes Gewicht. Man kann auf Gott hören auch außerhalb der
               Kirche, und ich sehe gern, daß das bei Vielen zutrifft. Auch ich habe euch ja auch in
               dieser Zeit nicht immer das rechte, zu Herzen gehende Wort bieten können, wie ich es
               gerne getan hätte. Aber das ist schlimm, daß soviel Leichtsinn und Oberflächlichkeit
               sich bereits wieder breit macht unter uns. Das ist schlimm, daß die Jagd nach dem
               Geld und das rücksichtslose und charakterlose Kniebeugen vor der Macht des Mammon
               bereits wieder so überhand nehmen will. Das ist schlimm, daß wir noch immer in so
               viel kleinlicher, erbärmlicher Schwätzerei und Zänkerei drinstecken — wir da abseits
               in unserem Schweizer Dörflein, während da draußen Gott mit der Menschheit redet und
               die Welt darüber aus den Fugen gehen will. Können wir das verantworten, liebe
               Freunde? Dürfen wir vor Gott hintreten und ruhigen Gewissens zu ihm sagen: sieh da,
               Herr unser Gott, da ist das merkwürdige Jahr 1914, und da ist das, was wir daraus
               gemacht haben? Was haben wir daraus gemacht? <hi rend="italic">Ist</hi> uns Gott größer
               geworden in dieser großen Zeit? <hi rend="italic">Ist</hi> uns Christus nähergetreten in
               diesen Ereignissen, die uns mit Posaunenschall zuzurufen scheinen: Siehe da, der Weg,
               die Wahrheit und das Leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>]!
               <hi rend="italic">Ist</hi> von dem neuen Menschen etwas in uns
               entstanden, der in Christus lebt, der nach des Vaters Bild geschaffen ist? Was wollen
               wir antworten? Meine Freunde, es stehen schwere, harte Worte in der Bibel über die,
               die solche Gelegenheiten, wie wir sie jetzt haben, durch eigene Schuld versäumen.
               Nicht wahr, wir möchten nicht, daß sie wirklich auf uns Anwendung finden müßten.</p>

        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p651" ed="pga"/> Und sie müssen auch nicht. Wir haben den Stern gesehen Wir sehen ihn. Es braucht
               nichts, als daß wir uns nun auch fröhlich und entschieden in <hi rend="italic">Bewegung</hi> setzen. Daß wir Gott unsere Dankbarkeit bezeugen für Alles, was er
               an uns getan hat, indem wir hier annehmen, eindringen lassen, was jetzt von ihm
               kommt. Daß wir uns [der] gnadenreichen Wirkung nicht widersetzen. Nur das nicht, uns
               nicht widersetzen! Nicht etwas Beschränktes, Knorziges, Flatterhaftes, Eigensinniges,
               Unklares jetzt zwischen ihn und uns hineinschieben! Wir brauchen nichts zu tun, gar
               nichts. Gott tut jetzt genug. Aber wir müssen und wollen ihn tun lassen, was er an
               uns tun will. Und er will noch viel mehr an uns tun.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
