25. Dezember 1914

Predigt: Epheser 1,9 (Weihnacht)

633
252
Weihnacht
Epheser 1,9
Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens.
Liebe Freunde!

Habt ihrs gehört? Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens! Das ist die Bedeutung der Weihnacht. Sollte uns dieser Tag sein wie ein anderer Tag im Kalender, ein Fest unter manchen anderen? Wollen wir hier eine Stunde zusammensein in der Kirche nach altem Brauch und nachher wieder gleichgültig weitergehen, ein Jeder nach seiner alten Weise? Oder wollen wir nicht von Herzen froh sein miteinander über das, was dieser Tag uns zu sagen hat, und nachher etwas mitnehmen von seinem hellen Schein, ein Jeder auf seinen Weg? Es ist ja wahrhaftig etwas zum Frohmachen, was uns die Weihnacht zu sagen hat. Und zwar nicht etwa nur für die Frommen und Eifrig-Religiösen. Es geht geradesogut die Anderen an: die Gleichgültigen und Aufgeklärten und die, welche aus irgend einem Grund nicht gern in die Kirche kommen. Sogar die, welche das alles verachten oder doch schon lange, lange nicht mehr darüber nachgedacht haben. Was die Weihnacht bedeutet, bedeutet sie für uns alle, weil wir ja doch alle im Grunde die gleichen Fragen und Bedürfnisse haben. Still und fein senkt sich ihr Segen hernieder vom Himmel auf alle die noch so verschiedenen Seelen und Gemüter der Menschenkinder. Jedes kann davon nehmen, so viel es will, und sich segnen lassen, und jedem geht etwas verloren, das nicht davon nimmt. Denn die Quelle der Freude wird uns da aufgetan. Oder sollte |634 uns das nicht froh machen, wenn Gott uns das Geheimnis seines Willens wissen läßt? Wir stehen ja doch alle vor diesem Geheimnis, und es macht uns schwere Gedanken und traurige Herzen, daß wir es nicht verstehen. Was uns auch plagen und verbittern, ärgern und drücken mag, es liegt im Grunde daran, daß wir in dies Geheimnis nicht hineinschauen. Die finsteren Wolken auf unseren Stirnen, die traurigen Falten in unseren Gesichtern, die Tränen, die wir heimlich vergießen, und die Fäuste, die wir im Stillen ballen, sie rühren von diesem Geheimnis her. Möchten wir nicht gern von dem allen frei werden? Sollte es uns nicht froh machen, wenn die Weihnacht uns dieses Geheimnis eröffnen will?

Was ist denn das, das Geheimnis des Willens Gottes? Wir könnten es auch ganz einfach das Geheimnis des Lebens nennen. Wir machen unser Leben nicht selbst, wir hängen ab von einem höheren Willen. Einerlei, ob wir diesen höheren Willen das Glück nennen oder das Schicksal oder die Bestimmung oder — Gott. Sicher ist, daß wir nicht einfach können, wie wir wollen, daß eine Macht über uns ist, von der wir ganz abhängig sind. Von der es abhängt, ob unser Leben ein seliges, kraftvolles, friedliches Leben wird oder nicht; ob wir da tief inwendig wissen können: mein Dasein macht mir Freude, und es ist auch etwas wert — oder ob wir das nicht wissen können; ob die Spanne Zeit zwischen unserer Geburt und unserem Tod schließlich einen Inhalt hat, oder ob sie leer ist und leer bleiben soll. Wir wissen das alle, und was für einen Namen wir ihm auch geben mögen, es ist ein Etwas da, über uns im Leben, und das machts am Ende, auf das kommt es schließlich an. Aber dieses Etwas ist uns ein Geheimnis. Wir sehen nicht ohne weiteres klar vor Augen, worauf es im Leben ankommt, was denn nun gelten soll und worauf wir uns verlassen können, wir sehen es nicht so, daß wir es mit Händen greifen und erfassen könnten. Und das ist eigentlich die einzige große Ursache von allem menschlichen Leid und aller menschlichen Sünde: der höhere Wille, der über uns ist und aus dem wir allein Leben und Freude und Stärke gewinnen können, dieser höhere Wille ist uns verborgen. Wir ahnen ihn wohl. Wir sehnen uns nach ihm. Wir |635 fühlen auch unmittelbar, in welcher Richtung er etwa zu finden ist. Und wir suchen ihn auf den mannigfaltigsten Wegen. Jede lebendige Menschenseele ist auf dieser Suche. Aber unendlich viel scheint sich angehäuft zu haben zwischen ihm und uns, ein ganzer Berg, vor dem wir ratlos stehen mit unseren Fragen: wie soll ichs auch machen? wohin soll ich auch gehen? wie muß ich mich auch stellen, damit dieser höhere Wille, diese gewaltige Lebensmacht, auf die Alles ankommt, mich finde und ich sie, damit mein Leben schön und tief werde und froh? Ich habe vorgestern ein Büblein angetroffen und habe es gefragt, was es gerne werden möchte. Es hat mir prompt die Antwort gegeben: ich möchte ein Mensch werden! Du hast recht, Büblein!, habe ich ihm gesagt, etwas Schöneres und Wichtigeres gibt es gar nicht. Das ist doch der Wunsch aller Wünsche, auch von uns erwachsenen Büblein und Mägdlein, daß wir Menschen werden möchten, rechte Menschen nämlich, deren Dasein von Friede und Freude in voller Genüge erfüllt wäre. Aber wir wissen auch, wie unendlich viel zwischen diesem Wunsch und seiner Erfüllung liegt. Wie kommen wir hin zu dem, was uns zu solchen Menschen macht? Wie kommen wir hinweg über alles das, was uns das Menschsein gerade verleiden, verbittern, verekeln will? Wie kommen wir heraus aus dem bloßen Wünschen und Sehnen zum gegenwärtigen sicheren Besitz eines wahrhaftigen Lebens? Das ist das Geheimnis des Willens Gottes. Das ist das große Leid und die große Sorge des Menschenlebens.

Es sind solche unter uns, denen die Aussicht und der Weg zum Willen Gottes versperrt ist durch einen großen Kummer. Vielleicht ists ein einziger stechender Schmerz, den sie in der Seele tragen müssen, etwa eine Krankheit, die ihnen das Leben vergällt, oder traurige Erfahrungen in der Familie oder ein Unrecht, das ihnen angetan ist. Vielleicht ists aber auch nichts Bestimmtes, Einzelnes, sondern nur eine endlose Reihe von täglichen Nadelstichen und Widerwärtigkeiten, die über sie ergeht: wieviel abgearbeitete, müde gewordene Menschen sind unter uns, wieviele, die es längst verlernt haben, sich zu freuen, wieviele, |636 die den Glauben an den Menschen langsam verloren haben und mit dem besten Willen, wie sie meinen, nicht mehr finden können! Und nun ists trübe in ihrem Leben, immer trüb, weil eben immer der gleiche Kummer da ist. O wenn sich doch einmal etwas wenden wollte, o wenn man einmal leben könnte! Aber wo ist das Leben? Was soll dieses andauernde Seufzen und Tragen müssen, dieses ewige sich Abreiben und Aufreiben in kleinen, unangenehmen Erfahrungen? Was ist der Sinn dieses Daseins? Was will denn eigentlich Gott, wohin zielt der Wille, der hinter und über dem allen steht? Wie soll ich in dem dunklen Tal, in dem ich wandern muß [vgl. Ps. 23,4], zu dem freundlichen Licht gelangen, das jenseits der Berge oben den Horizont färbt?

Andere sind unter uns, die haben zwar wenig oder keinen großen Kummer, der von außen käme, zu tragen. Aber in ihnen selbst sind die Berge, die sie vom Willen Gottes absperren. Das sind alle die, die mit sich selbst nicht fertig werden können. O wir wollen nicht so rasch denken: zu denen gehöre ich nicht! Wer von uns darf denn eigentlich sagen: ich bin mit mir selbst fertig? Was für eine Menge von Hindernissen schleppen wir doch in uns selbst herum! Unter wieviel Bürden seufzen wir, die wir selbst uns aufgeladen haben, Bürden, die nichts Anderes sind als unser eigenes Wesen! Des einen Wesen ist, daß er Alles viel zu schwer nimmt, daß er sich aus Allem, was er zu tun hat, nicht nur eine Pflicht, sondern eine Last macht; seufzend kommt er daher, beständig wie in der allermühseligsten Arbeit begriffen, wie unter das schwerste Joch gespannt. Des anderen Wesen ist, daß er so schrecklich empfindlich ist, nervös auf allen Seiten Feinde wittert, wo gar keine sind, und sich dann auch richtig bald da, bald dort in Streit verwickelt, er weiß selber kaum, warum. Und wieder ein Anderer wird von einer Neigung oder Leidenschaft beherrscht und geritten: Von seiner Langsamkeit oder von seinem Jähzorn, von seiner Schwermut oder von seinem Leichtsinn. O, was sind doch alle Leiden und Unglücksfälle, die uns von außen zustoßen mögen, gegen das Unglück, das wir selbst uns beständig bereiten! Und mit jedem Jahr, das wir älter werden, wird auch dieses |637 Unglück schwerer. Wir gewöhnen uns immer mehr an unsere Art. Wir sind zu stolz, um sie nun noch zu ändern: ich bin nun einmal so, mich macht ihr nicht mehr anders! Und doch zieht sie uns nur Leid und immer neues Leid zu. Trüb und trüber wirds in unserem Leben. Abgeschnitten fühlen wir uns von den übrigen Menschen, abgeschnitten auch von jener höheren Quelle des Lebens. Dunkel wird unsere Seele und bitter unsere Lippen: Was soll dieses Leben? was steckt eigentlich dahinter? was will eigentlich der, der für das ganze Getriebe, in dem ich da drin bin, verantwortlich ist? Will er überhaupt etwas, oder ist nicht der Sinn des Lebens Irrtum, Enttäuschung und Durcheinander? Wie in aller Welt soll ich noch dazu kommen, ein Mensch zu werden, ein Mensch, dessen Dasein nicht wertlos und nicht leer, nicht verächtlich ist?

Und zwischen uns allen und dem Willen Gottes steht jetzt das alles, was wir mit dem Worte «Krieg» zusammenfassen. So gewaltig schwer im tiefsten Sinn ist wohl uns allen das Leben noch nicht gemacht worden wie jetzt. Nicht nur die Bedrängnis, in der wir selbst uns jetzt befinden und die leicht noch ganz andere, schärfere Formen annehmen könnte, nicht nur die Not und das Herzeleid von Tausenden und Millionen in den anderen Ländern, deren Geschick wir mit teilnehmender Seele verfolgen, drängender als Beides ist die inwendige geistige Frage, die die Gegenwart uns stellt: die Frage, was denn eigentlich von uns, von der Menschheit zu halten sei, die bei all der sonstigen Entfaltung von sogenannter Civilisation und Kultur noch immer meint, ohne diesen gegenseitigen Massenmord nicht auszukommen, die auf einmal und in tausend Zungen Hassen, Zerstören und Töten als etwas Gewaltiges verherrlicht, ja doch nicht scheut, auch das Göttliche in den Wirbel ihrer Leidenschaft hineinzuziehen, Blut zu vergießen im Namen der höchsten Ideale, im Namen Gottes. Ein ganzes Heer von Zweifeln will auf uns einstürmen wieder und immer wieder, wenn wir an Alles denken. Wir kommen wohl bald darauf, daß das alles nicht anders sein kann, weil die Menschen nicht anders sind. Aber warum sind die Menschen nicht anders? Was sind die Menschen, die so sein |638 müssen, so denken und handeln müssen, wie wir jetzt die Welt sehen? Was sind wir, du und ich, die wir doch auch Menschen sind und in dieser Welt leben? Gibts überhaupt etwas Höheres, gibt es im Menschenleben wahrhaft so etwas wie Reinheit, Friede und Liebe, oder sind das Träumereien, ist in Wirklichkeit das höchste Ideal, das wir erreichen können, das des tapferen, zähnefletschenden Raubtieres, wie es unsere Vorfahren mannigfach in ihren Wappen führten? Aber wenn es so ist, was hat dann dies Leben für einen Sinn? Wozu dann die vielen Anstrengungen, Gutes zu tun, besser zu sein als die Raubtiere, Liebe und Hilfe zu bringen den Schwachen und Verständnis den Irrenden? Wo ist der Wille Gottes, wenn das die Welt ist, was wir jetzt mit entsetzten Blicken sehen? Und wo ist der Wille Gottes, wenn die Welt anders sein sollte, als sie ist? Verbirgt sich Gott hinter Wolken? und wie sollen wir ihm glauben, wenn wir ihn nicht sehen?

Meine Freunde, seht, alle diese Fragen und Klagen sind im Grunde ein gewaltiger Irrtum. Alle — von dem Seufzerlein unserer kleinen, bösen Launen und Mißgeschicke bis zu den ernsten, harten, wirklich Lebensprüfungen, bis zu den schweren, unsere Seele aufrührenden Fragen und Zweifeln des Menschheitslebens. Alle ein gewaltiger Irrtum. Es müßte nicht sein, daß wir so hilflos dastehen, so ganz und gar nicht aus und ein wissen. Der Berg, die vielen Berge, die wir aufgerichtet sehen zwischen uns und dem höheren Willen über uns, zwischen uns und jener Lebensmacht, auf die Alles ankommt, diese Berge sind eigentlich nicht. Wir können sofort, heute noch beginnen, Menschen zu sein, zu leben im tiefsten und freudigsten Sinne. Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens. Wenn wir immer noch tun, als ob wir es nicht wüßten, so liegt es nicht an ihm, sondern an uns. In Jesus Christus hat uns Gott sein Geheimnis eröffnet. Da ist der verborgene Wille über uns klar und offen an uns herangetreten. Da strömt die Lebensmacht, auf die Alles ankommt, überreichlich hinein in unser Leben. Entscheidend wird uns da die Richtung gewiesen für unser Leben. Und endgültig werden |639 wir da in Bewegung gesetzt auf unser Ziel hin. Vor dem Kindlein in der Krippe zu Bethlehem kann es kein Schwanken mehr geben, ob das, was über uns ist, Glück heißen soll oder Schicksal — törichte Redensarten das: was über uns ist, ist Gott, und das will sagen, das Gute in ewiger Herrlichkeit und Kraft. Und vor diesem Kindlein gibt es keine Nöte und Zweifel mehr über die verborgenen Absichten dieses Gottes: hell und offen liegen sie vor uns: er will das, was er selber ist, uns Menschen geben. Er sagt zu uns: ihr seid meines Geschlechts, ihr gehört zu mir, und ich habe euch lieb! Der Vorhang oder Schleier zerreißt, der unser Leben bedeckte, die Berge und Hügel fallen, die uns von der Freude und Freiheit trennten. Wir treten an seiner Hand ein ins Heiligtum, wir dürfen, von ihm geführt, wahrhaftig Menschen werden.

Aber ist denn das auch wahr, und wie soll das zugehen? O ja, da können wir selber, wer wir auch seien und wie dunkel [es] auch in unserem Leben aussehe, die Probe darauf machen, wenn wir nur einmal wirklich hören wollen, was Gott uns an der Weihnacht zu sagen hat. Sieh da, nun tritt dieser Jesus, der dort geboren wurde, zu allen Traurigen und Betrübten von uns und sagt uns: Sieh, ich weiß, was Tränen und Kummer und trübe Stunden und Zeiten sind — aber weine nicht, ich weiß noch etwas Anderes! Und zu uns Zornigen, Streitlustigen, mit fatalen Gewohnheiten Behafteten, zu uns Bösen und ganz Bösen kommt er und legt uns seine Hand auf und sagt uns wieder: ich weiß, wie die Menschen sind, wie leicht man sich nachgibt und wie leicht man dann steckenbleibt für immer, — aber ich weiß noch etwas anderes. Und er kommt zu uns, die wir jetzt traurig sind über den Lauf der Welt, die wir irre werden an der Menschheit, weil wir rings um uns so viel Rohes und Schlimmes sehen, Jesus kommt zu uns und macht nichts schöner, als es ist, er kennt diese Welt so gut und besser als wir, aber er sagt zu uns: Fürchtet euch nicht, denn ich weiß noch etwas Anderes! Was weiß er Anderes, was hat er uns zu zeigen in unserer Dunkelheit vom Geheimnis des Lebens? Es ist so einfach und schlicht und doch so gewaltig und wichtig. |640 Er sagt uns allen: der, der über Allem steht, ist euer Vater, der es gut meint und gut macht. In Allem, was ist und geschieht, bleibt das Gute und die Liebe zuletzt wahr, alles Andere besteht nicht, ist nur vorübergehend, nur Schein. Der Vater hat euch lieb, wenn es auch schwer geht. Der Vater hat euch lieb, wenn ihr dulden und tragen müßt. Der Vater hat euch lieb, wenn man euch Unrecht tut und euch verfolgt. Der Vater hat euch lieb, wenn ihr sterben müßt. Der Grund von Allem ist Liebe und darum Freude und Seligkeit; kehrt nur zurück zu diesem Grunde aller Dinge, der von Leid und Tränen nichts weiß, dessen Licht nicht ab- und zunimmt wie das der Sterne! Ihr seid ja seine Kinder! Es gibt auch für euch eigentlich nichts, was euch wehtun könnte, ihr könnt mitten im finsteren Tal Gottes Kinder sein. Ihr seid Gottes Kinder, und darum gehört Alles, was ihr da mit euch schleppt an törichtem Wesen, eigentlich gar nicht zu euch. Ihr könnt eigentlich gar nicht so hässig2 und leichtfertig und schwerfällig und zänkisch sein. Ihr habt das nicht von Haus aus, sondern ihr habts unterwegs im Staub aufgelesen. Werft es von euch, wie man froh ist, etwas Schmutziges von sich werfen zu können. Ihr müßt es wahrhaftig nicht an euch haben, ihr fröhlichen Gotteskinder! Ihr könnt sofort jetzt damit anfangen, Menschen zu sein, die nicht mehr seufzen, sondern jubeln über ihr Leben. Und wenn jetzt die Welt voll Neid und Leid und Unrecht ist, meint ihr, Gott wolle das? Gott wolle den Krieg, wolle das schwarze, wüste Spinnengewebe, in dem wir uns jetzt alle gefangen haben? Er, der der Vater des Lichts [vgl. Jak. 1,17] und der Liebe ist? Ihr wißt es doch besser, ihr kennt ihn doch, ihr seid ja seine Kinder. Sollten Kinder ihren Vater nicht kennen? Nein, das Raubtierwesen ist nicht das Letzte und Höchste in dieser Welt! Nein, das ist nicht der Sinn des Lebens, daß jeder sich wehrt, um zu seiner Sache zu kommen. Dies Spinnengewebe haben wir selbst gesponnen.

Er ist der Vater und wir sind Brüder, das ist die Wahrheit. Und diese Wahrheit ist stark genug, um das Spinnengewebe zu |641 zerreißen, und wenn es noch zehnmal stärker wäre. Warum zerreißt sie es denn nicht?, fragst du, warum macht Gott dem Traurigen und Bösen nicht ein Ende im Kleinen und im Großen? Törichte Fragen das — siehst du nicht, daß Gottes Befreiungstat bereits geschehen ist, daß er uns in Christus bereits ein für allemal die Erlösung von allem Übel hergestellt hat? Auf was wartest du denn noch? Jetzt handelt es sich nur noch darum, daß dus glaubst und annimmst: ja, ich bin Gottes Kind, der da, der wunderbare Mann von Nazareth, hat es mir gesagt und so gesagt, daß ich nicht daran zweifeln kann. Was werden die Leiden dieser Zeit [vgl. Röm. 8,18] und deine kleinen Charakterfehler, was wird das alles sein, was dich jetzt betrübt und hindert, wenn du das weißt: ich bin des Vaters Kind, des Vaters, der Liebe ist und Freude? Jetzt handelt es sich nur noch darum, daß wir die Wahrheit einmal in uns stark werden lassen, die Wahrheit, daß wir alle Brüder sind. Ist sie in uns stark, dann wird sie auch in der Welt stark werden. Dann zerreißt diese jetzige arge Welt wie ein Morgennebel.

O wir wollen doch einmal aufhören mit dem furchtbaren Irrtum, Gott anzuklagen deshalb, weil die Welt so ist. Was ist denn «die Welt»? Wir sind die Welt. Die Welt wird anders sein, wenn wir anders sind. Und wir können anders sein. Nachdem uns Gott das Geheimnis seines Willens zu wissen getan, kann es da keine Frage mehr geben. Nachdem uns Gott in Christus seine Kinder genannt hat, brauchen wir nicht mehr über das widrige Schicksal und die unvollkommene Menschheit zu klagen, brauchen uns nicht mehr mit wohlfeilem Sehnen, Wünschen und Hoffen zu begnügen. Das Licht von Bethlehem gibt uns die Gewißheit, daß die Liebe gilt in der Welt und nichts Anderes. Die Gewißheit! Denn wer Jesus auch nur von weitem kennengelernt hat, der weiß: Gott lügt nicht. Wenn diese Gewißheit einmal stark wird in uns, wenn sie überhand nimmt, hervortritt aus dem verborgenen Weihnachtswinkelchen unserer Seele und unser Leben erfaßt, dann werden wir anders. Berührt von der Liebe Gottes, werden wir Menschen der Liebe. Und wenn die Welt einmal voll |642 sein wird von Menschen der Liebe, dann ist die neue Welt da, die Welt Gottes. Gott führt keinen Zauberschlag, um diese neue Welt kommen zu lassen. Das große Wunder ist schon geschehen, das Wunder, daß einmal ein solcher Mensch wie Jesus gelebt hat. Nun wartet er darauf, daß das, was er uns gegeben, wachse in uns, und daß wir den Schlüssel zum Geheimnis des Lebens, den er uns anvertraut, auch wirklich brauchen.

Meine Freunde, ist das nicht eine Freudenbotschaft, daß der Schlüssel zum Geheimnis des Lebens da ist, daß wir ihn haben? Daß der Sinn unseres Lebens uns so offen vor Augen steht und der Wille Gottes als gewaltige erlösende Macht so freundlich in unser Leben getreten ist? Die Tür zum Himmel [ist] weit aufgetan. Das ist Gottes Geschenk an uns. Müssen wir Gott auch etwas schenken für die Freude, die er uns da macht? Wollen wirs? Können wirs? Gott verlangt kein Geschenk von uns, und was könnten wir ihm geben? Aber er freut sich herzlich und mit rechter Gottesfreude, wenn wir sein Geschenk annehmen.

Amen.

Sachfußnoten

1
Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf dem Mskr. notiert: Nr. 94: «Wie ist der Tag so freudenreich …» (z. T. nach dem mittelalterlichen «Dies est laetitiae» 🎵; nicht identisch mit EKG 18); Nr. 97: «Fröhlich soll mein Herze springen …» von P. Gerhardt (1607–1676), Strophen 5,7,8 (= EKG 27, Strophen 6,8,9) 🎵.↩
2
= gehässig.↩