Predigt: Jesaia 54,9-10 (4. Advent)
In zwei Sprachen redet Gott mit uns. Nein — wir wollen es gleich von Anfang an wahrheitsgemäß sagen: zwei Sprachen Gottes mit uns meinen wir zu hören. Das einemal ist es die Sprache des Krieges, das andere Mal die Sprache des Weihnachtsengels: Siehe, ich verkündige euch große Freude! [
Es ist die Sprache seiner ewigen Freundlichkeit und Barmherzigkeit gegen uns. Gott hat uns lieb. Er ist unser Ursprung und unser Ziel. In unserer Seele spiegelt sich sein herrliches Bild. In unser Menschenleben soll hinein sein Gottesleben. In unserer Gemeinschaft will er selber Gestalt annehmen. Die Welt, die er sich geschaffen, ist voll von den Wundern seiner Güte und Weisheit. Unsere Augen, von ihm erleuchtet, mögen nichts entdecken, was uns nicht von ihm redete, zu ihm uns hinführte. In dem, was uns umgibt, und in dem, was uns widerfährt, waltet eine geheimnisvolle Ordnung, nach der uns Alles zum Besten dienen muß [vgl.
So redet er mit uns in Christus. Christus offenbart uns den Sinn unseres Lebens. Er sagt uns, was hinter dem Sichtbaren, Äußerlichen verborgen ist, was das Wesentliche, die Hauptsache ist mitten in all dem Kleinen und Zufälligen unseres Daseins. Christus zeigt uns Gott so, wie er ist, aber als einen freundlichen, barmherzigen Gott. Er läßt uns hinaufsehen in einen unendlichen Sternenhimmel von Güte und hinunter in ein tiefes, kristallklares Wasser von Wohlwollen. Er sagt uns: seht, das ist der Sinn |624 eures Lebens, das ist Gottes Wille: rein sein, offen sein miteinander und zusammenhalten, frei sein von Allem, was euch gefangennehmen könnte, fröhlich sein wie die Kinder, Böses leiden können, um Gutes zu tun. Und das ist Gottes Ziel: die ruhige Seligkeit und Sicherheit und Kraft eines solchen Lebens. So lebt Gott selber von Ewigkeit zu Ewigkeit, in solchem Paradies will er auch uns leben sehen. So zeigt uns Jesus Gott, so beschreibt er ihn uns in seinen Worten und noch deutlicher in seinem Heilandsleben selbst: Selig im Willen Gottes! So ladet er uns ein: Folget mir nach! Und Jesus hat sich nicht getäuscht und täuscht uns nicht: es ist die Stimme Gottes selber, die da mit uns redet. Die Menschen, die Jesus gehört und die ihm gehorcht haben, haben tatsächlich noch immer ein neues Leben gefunden, das sie um nichts mehr preisgegeben hätten. Die sich von ihm auf die Höhe führen ließen, die verlangten nichts Besseres mehr, weil sie bei ihm einen unerschöpflichen Gottesreichtum und unüberwindliche Gotteskräfte fanden. Wer sich von Jesus und seiner Art wieder entfernen wollte, der würde damit auch Gott wieder den Rücken kehren — während wir mit Jesus in der Beugung unter ihn und im Anschluß an ihn immer inniger mit Gott eins, immer stärker und freudiger in seinem Dienst werden. So ladet uns das Kindlein in der Krippe, das wir nun wieder feiern wollen, mit Vollmacht ein: Lasset euch versöhnen mit Gott [
Und durch diesen Christus ist auf Erden ein verborgenes Reich des Geistes und der Liebe gestiftet, das ist überall da in den Herzen, wo ein Samenkörnlein von seiner Art zu Boden gefallen und eine Stätte gefunden hat, das ist da, wo die Menschen durch ihn dem ewigen Gott in seine Augen voll Trauer gesehen haben, das ist da, wo die Menschen etwas von seinem Augenlicht bekommen haben, um die Welt und einander anders anzublicken als vorher. Dieses Reich ist mitten unter uns [vgl.
Wenn wir doch Gott nur von dieser Seite kennen, nur diese Sprache seiner Freundlichkeit und Barmherzigkeit gegen uns hören würden, die er jetzt in der Weihnachtsbotschaft wieder mit uns reden will! Dann würde die Weihnacht nicht ein einzelnes besonderes Fest sein im Jahr, sondern immer würde uns vor Augen stehen, was uns die Weihnacht sagen will: Gott hält es mit uns und nimmt sich unser an und schenkt uns Alles, was er selber ist und hat, und wir gehören zu ihm und nur zu ihm. So müßte es ja auch sein. Dazu hat uns ja Gott geschaffen, eben nach seinem Bilde [vgl.
Aber nun redet Gott scheinbar noch eine ganz andere Sprache mit uns in dem Krieg da draußen, eine Sprache, die viel lauter vernehmbar ist, als was er in der Weihnachtsbotschaft zu uns sagt. Nicht erst jetzt, nicht nur im Krieg redet er diese andere Sprache. Auch andere Jahre war es so. Die Tatsachen des Lebens zeigten uns Gott immer von einer ganz anderen Seite. Wir sehen die Menschen irren und fehlen und stolpern und fallen, die Menschen, die eigentlich zu Gott hingehören sollten, und wir mußten uns sagen, daß wir auch zu diesen armen Menschen gehören. Wir sahen hinaus in eine Welt, in der gleich ungeheuren Schlangen oder Drachen die Kräfte des Bösen wirksam waren: die Trägheit, die Lüge, die Selbstsucht — was ist neben ihnen der stille, klare Einfluß des Kindleins von
627 Nun sollen wir das alles von Gott annehmen und zugleich Weihnacht feiern — wie vereinigt sich das miteinander? Ists nicht ein entsetzlicher Widerspruch, daß Gott jetzt sagt: Friede auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens! [
Unzählige feine, fromme Menschen, liebe Freunde, klammern sich an dieser Weihnacht daran, daß Gott wirklich zwei Sprachen spreche mit uns Menschen. Ein deutscher Dichter hat ein Büchlein erscheinen lassen unter dem merkwürdigen Titel: «Hurra und Hallelujah!».2 Da haben wir die beiden Sprachen. Aber auch wo sie nicht so kraß reden, sagen sie es uns deutlich genug: wir leben nun einmal in zwei Welten, in der Welt, die anfängt mit den Worten: euch ist heute der Heiland geboren! [
Meine Freunde, wir wollen nicht urteilen über die, die jetzt so denken von Gott. Unzählige von ihnen sind in bitterer Seelennot dazu gekommen, schließlich so zu denken, weil sie keinen anderen Ausweg wußten. Wir würden sehr wahrscheinlich auch so denken, wenn wir jetzt selber als ein kriegführendes Volk Weihnacht feiern müßten. Und wir denken schon jetzt tatsächlich so, wenn nicht über den Krieg, so doch über das Geld: du sollst den Herrn Deinen Gott über Alles lieben! [vgl.
Aber Gott redet nicht zwei Sprachen, liebe Freunde, so wenig als es zwei Götter gibt. Gott redet nicht miteinander das Evangelium |630 der Weihnacht und das Evangelium der gepanzerten Faust und des großen Geldsacks. Wenn wir tatsächlich beide Sprachen hören, so liegt es nicht an Gott, sondern an uns. Gott sagt uns das Eine und von Ewigkeit her nur das Eine: ich habe dich je und je geliebet [
Aber ein ungeheures Mißverständnis hat sich zwischen ihn und uns hineingeschlichen. Gott redet mit uns, aber seine Worte verwandeln sich in unseren Ohren in ganz andere Worte. Gott sagt uns: Wahrheit!, wir aber machen daraus: meine Wahrheit, die Wahrheit, die mir paßt! Gott sagt: Recht!, wir aber hören: mein Recht, das Recht, das ich haben muß gegen alle Anderen! Gott sagt: Liebe!, und wir hören und verstehen: ja, Liebe, Liebe für mich, das habe ich nötig, das möchte ich gerne! Gott sagt: Kraft!, und wir machen daraus: Kraft meines Armes, meiner Gescheitheit, meines Geldes, meiner Kanonen! Gott stellt uns Christus hin als Erlöser und Versöhner; wir antworten: ja, Christus, so wie ich ihn verstehe, soviel als ich von ihm haben will, machen uns unser eigenes Christentum zurecht, setzen sein Kreuz auf unsere Fahnen, als ob wir allein seine Jünger wären, und heften es uns auf die Brust, als ob wir in seiner Nachfolge den Feind erschlagen hätten. Und wenn uns Gott redet von seinem Reich und seiner Macht, so hören wir ihn wohl, aber flugs machen wir daraus: unser Reich und unsere Macht, und aus der Hoffnung, daß er groß werden muß, wird die Hoffnung, daß wir riesengroß sein werden. So mißverstehen wir Gott. Wir hören seine Worte. Sie tönen auch so, wie wir sie mißverstehen, gar gewaltig und groß, und können ihren göttlichen Ursprung nicht verleugnen. |631 Und darum ist auch jetzt die Welt voll von Gesinnungen und Taten, die wir, menschlich betrachtet, sehr groß und — göttlich nennen mögen. Aber eben, nur menschlich betrachtet. Sie sind durchdrungen und im Grunde vergiftet durch das Mißverständnis, daß wir vor und hinter die lauteren Worte Gottes die unlauteren Wörtlein: Ich und Mir und Mich und Mein und wie sie alle heißen, gesetzt haben. Sie sind verdorben durch den Abfall vom Göttlichen zum Eigenen, aus dem sie hervorgegangen sind.
Wir können Gott nicht mehr hören, so wie er wirklich redet, weil wir uns selber heimlich zum Gott erhoben haben. Gott sagt uns nichts Anderes, als daß er uns lieb hat, daß er Gemeinschaft mit uns haben will. Wir aber haben unseren Ursprung und unser Ziel vergessen und sehen bloß, was unser Eigenes ist. Und fortan müssen wir jene doppelte Sprache Gottes hören, die Sprache der Weihnacht und die Sprache des Krieges, die erst in unseren Ohren entstanden ist. Fortan müssen wir in zwei Welten leben, in der Welt Gottes und in der Welt der Habsucht und des Hasses, die wir selbst uns geschaffen haben. Gott ist getreu und wahrhaftig, wir aber sind untreu mit dem, was er uns gibt, wir mißverstehen ihn mit voller Absicht und müssen nun die Folgen tragen. Wir müssen uns nun beugen unter das Gericht, das wir durch unseren Abfall über unserem Haupt zusammengezogen haben. Wir müssen Gott nun wirklich so sehen und hören, wie wir ihn sehen und hören wollen: als einen schrecklichen, fürchterlichen Gott von Blut und Eisen, als einen Höllengott, der seine Kinder von einem Entsetzen ins andere schleudert. Gott ist nicht so. Gott haßt und zürnt und vernichtet nicht. Wir aber müssen ihn nun so sehen und erleben, und das Weihnachtslichtlein mag uns neben seiner Glut wohl als ein gar schwaches Lichtlein erscheinen. Es ist unsere Schuld, unsere gewaltige Schuld.
Aber nun spricht Gott, Gott, so wie er wirklich ist: Solches soll mir sein wie das Wasser
Und der Krieg? Und die schweren dunklen Mächte der Lüge und der Selbstsucht in der Welt? Und unser großes und kleines Elend? Und all die Wehmut und Streiterei in unserem Leben? Ja, das alles ist freilich, wir können es ja mit Händen greifen. Aber seht, das ist das Geheimnis, das uns die Weihnacht still und froh bringen will, — das Alles ist im Grunde nicht. Es ist nur, weil wir Gott mißverstanden haben. Es ist nur, wie eben ein Schatten ist oder ein falscher Reflex. Es ist nichts an ihm selber. Es ist nichts, was Wahrheit wäre gegenüber der Liebe Gottes. Wir hören da nur eine falsche Sprache Gottes. Das Böse und Traurige alles wird null und nichtig sein, wenn wir Gott richtig hören. Die Wasser
So laßt uns dem Gott entgegensehen, der bei uns einkehren will, mit einem wahrhaftigen, treuen Sinn, wie er treu ist. Laßt uns in kindlicher Aufrichtigkeit hinzutreten zu dem Kindlein Jesus, das aller Welt Heiland ist. Laßt uns uns freimachen von den Mißverständnissen und Gottes eine, lautere, klare Sprache hören. Herr, solche Freiheit mußt Du selbst in unserem Herzensgrund werden lassen.