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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Epheser 1,9 (Weihnacht)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Epheser 1,9 (Weihnacht), 25. Dezember 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5057 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 633–642.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Epheser 1,9 (Weihnacht)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 252</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 1,9 (Weihnacht), 25. Dezember 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1693">KBA 1230</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-12-25">25. Dezember 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, den <date when="1914-12-25">25. Dezember 1914</date><note xml:id="n01">Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf
                     dem <ref corresp="A">Mskr.</ref> notiert: <bibl corresp="kbga-songs-170" type="song">
                                Nr. 94: «Wie ist der Tag so freudenreich …» (z. T. nach dem
                     mittelalterlichen «Dies est laetitiae»</bibl>; nicht identisch mit 
                                EKG 18); <bibl corresp="kbga-songs-7" type="song">Nr. 97:
                     «Fröhlich soll mein Herze springen …» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (1607–1676),
                     Strophen 5,7,8 (= EKG 27, Strophen 6,8,9)</bibl>.</note>
                    </dateline>
            <head type="event">Weihnacht</head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1.9">Epheser 1,9</ref>
              <quote>Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Habt ihrs gehört? Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens! Das ist
               die Bedeutung der Weihnacht. Sollte uns dieser Tag sein wie ein anderer Tag im
               Kalender, ein Fest unter manchen anderen? Wollen wir hier eine Stunde zusammensein in
               der Kirche nach altem Brauch und nachher wieder gleichgültig weitergehen, ein Jeder
               nach seiner alten Weise? Oder wollen wir nicht von Herzen froh sein miteinander über
               das, was dieser Tag uns zu sagen hat, und nachher etwas mitnehmen von seinem hellen
               Schein, ein Jeder auf seinen Weg? Es ist ja wahrhaftig etwas zum Frohmachen, was uns
               die Weihnacht zu sagen hat. Und zwar nicht etwa nur für die Frommen und
               Eifrig-Religiösen. Es geht geradesogut die Anderen an: die Gleichgültigen und
               Aufgeklärten und die, welche aus irgend einem Grund nicht gern in die Kirche kommen.
               Sogar die, welche das alles verachten oder doch schon lange, lange nicht mehr darüber
               nachgedacht haben. Was die Weihnacht bedeutet, bedeutet sie für uns alle, weil wir ja
               doch alle im Grunde die gleichen Fragen und Bedürfnisse haben. Still und fein senkt
               sich ihr Segen hernieder vom Himmel auf alle die noch so verschiedenen Seelen und
               Gemüter der Menschenkinder. Jedes kann davon nehmen, so viel es will, und sich segnen
               lassen, und jedem geht etwas verloren, das nicht davon nimmt. Denn die Quelle der
               Freude wird uns da aufgetan. Oder sollte
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                uns das nicht froh machen, wenn Gott uns das Geheimnis seines Willens wissen läßt?
               Wir stehen ja doch alle vor diesem Geheimnis, und es macht uns schwere Gedanken und
               traurige Herzen, daß wir es nicht verstehen. Was uns auch plagen und verbittern,
               ärgern und drücken mag, es liegt im Grunde daran, daß wir in dies Geheimnis nicht
               hineinschauen. Die finsteren Wolken auf unseren Stirnen, die traurigen Falten in
               unseren Gesichtern, die Tränen, die wir heimlich vergießen, und die Fäuste, die wir
               im Stillen ballen, sie rühren von diesem Geheimnis her. Möchten wir nicht gern von
               dem allen frei werden? Sollte es uns nicht froh machen, wenn die Weihnacht uns dieses
               Geheimnis eröffnen will?</p>
        <p>Was ist denn das, das Geheimnis des Willens Gottes? Wir könnten es auch ganz einfach
               das Geheimnis des Lebens nennen. Wir machen unser Leben nicht selbst, wir hängen ab
               von einem höheren <hi rend="italic">Willen</hi>. Einerlei, ob wir diesen höheren Willen
               das Glück nennen oder das Schicksal oder die Bestimmung oder — Gott. Sicher ist, daß
               wir nicht einfach können, wie wir wollen, daß eine Macht über uns ist, von der wir
               ganz abhängig sind. Von der es abhängt, ob unser Leben ein seliges, kraftvolles,
               friedliches Leben wird oder nicht; ob wir da tief inwendig wissen können: mein Dasein
               macht mir Freude, und es ist auch etwas wert — oder ob wir das nicht wissen können;
               ob die Spanne Zeit zwischen unserer Geburt und unserem Tod schließlich einen Inhalt
               hat, oder ob sie leer ist und leer bleiben soll. Wir wissen das alle, und was für
               einen Namen wir ihm auch geben mögen, es ist ein Etwas da, über uns im Leben, und das
               machts am Ende, auf das kommt es schließlich an. Aber dieses Etwas ist uns ein <hi rend="italic">Geheimnis</hi>. Wir sehen nicht ohne weiteres klar vor Augen, worauf es
               im Leben ankommt, was denn nun gelten soll und worauf wir uns verlassen können, wir
               sehen es nicht so, daß wir es mit Händen greifen und erfassen könnten. Und das ist
               eigentlich die einzige große Ursache von allem menschlichen Leid und aller
               menschlichen Sünde: der höhere Wille, der über uns ist und aus dem wir allein Leben
               und Freude und Stärke gewinnen können, dieser höhere Wille ist uns verborgen. Wir
               ahnen ihn wohl. Wir sehnen uns nach ihm. Wir
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                fühlen auch unmittelbar, in welcher Richtung er etwa zu finden ist. Und wir suchen
               ihn auf den mannigfaltigsten Wegen. Jede lebendige Menschenseele ist auf dieser
               Suche. Aber unendlich viel scheint sich angehäuft zu haben zwischen ihm und uns, ein
               ganzer Berg, vor dem wir ratlos stehen mit unseren Fragen: wie soll ichs auch machen?
               wohin soll ich auch gehen? wie muß ich mich auch stellen, damit dieser höhere Wille,
               diese gewaltige Lebensmacht, auf die Alles ankommt, mich finde und ich sie, damit
               mein Leben schön und tief werde und froh? Ich habe vorgestern ein Büblein angetroffen
               und habe es gefragt, was es gerne werden möchte. Es hat mir prompt die Antwort
               gegeben: ich möchte ein Mensch werden! Du hast recht, Büblein!, habe ich ihm gesagt,
               etwas Schöneres und Wichtigeres gibt es gar nicht. Das ist doch der Wunsch aller
               Wünsche, auch von uns erwachsenen Büblein und Mägdlein, daß wir Menschen werden
               möchten, rechte Menschen nämlich, deren Dasein von Friede und Freude in voller Genüge
               erfüllt wäre. Aber wir wissen auch, wie unendlich viel zwischen diesem Wunsch und
               seiner Erfüllung liegt. Wie kommen wir hin zu dem, was uns zu solchen Menschen macht?
               Wie kommen wir hinweg über alles das, was uns das Menschsein gerade verleiden,
               verbittern, verekeln will? Wie kommen wir heraus aus dem bloßen Wünschen und Sehnen
               zum gegenwärtigen sicheren Besitz eines wahrhaftigen Lebens? Das ist das Geheimnis
               des Willens Gottes. Das ist das große Leid und die große Sorge des
               Menschenlebens.</p>
        <p>Es sind solche unter uns, denen die Aussicht und der Weg zum Willen Gottes versperrt
               ist durch einen großen <hi rend="italic">Kummer</hi>. Vielleicht ists ein einziger
               stechender Schmerz, den sie in der Seele tragen müssen, etwa eine Krankheit, die
               ihnen das Leben vergällt, oder traurige Erfahrungen in der Familie oder ein Unrecht,
               das ihnen angetan ist. Vielleicht ists aber auch nichts Bestimmtes, Einzelnes,
               sondern nur eine endlose Reihe von täglichen Nadelstichen und Widerwärtigkeiten, die
               über sie ergeht: wieviel abgearbeitete, müde gewordene Menschen sind unter uns,
               wieviele, die es längst verlernt haben, sich zu freuen, wieviele,
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                die den Glauben an den Menschen langsam verloren haben und mit dem besten Willen,
               wie sie meinen, nicht mehr finden können! Und nun ists trübe in ihrem Leben, immer
               trüb, weil eben immer der gleiche Kummer da ist. O wenn sich doch einmal etwas wenden
               wollte, o wenn man einmal leben könnte! Aber wo ist das Leben? Was soll dieses
               andauernde Seufzen und Tragen müssen, dieses ewige sich Abreiben und Aufreiben in
               kleinen, unangenehmen Erfahrungen? Was ist der Sinn dieses Daseins? Was will denn
               eigentlich Gott, wohin zielt der Wille, der hinter und über dem allen steht? Wie soll
               ich in dem dunklen Tal, in dem ich wandern muß 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23.4">Ps. 23,4</ref>], zu dem freundlichen Licht gelangen, das jenseits
               der Berge oben den Horizont färbt?</p>
        <p>Andere sind unter uns, die haben zwar wenig oder keinen großen Kummer, der von außen
               käme, zu tragen. Aber in ihnen selbst sind die Berge, die sie vom Willen Gottes
               absperren. Das sind alle die, die <hi rend="italic">mit sich selbst nicht fertig</hi>
               werden können. O wir wollen nicht so rasch denken: zu denen gehöre ich nicht! Wer von
               uns darf denn eigentlich sagen: ich bin mit mir selbst fertig? Was für eine Menge von
               Hindernissen schleppen wir doch in uns <hi rend="italic">selbst</hi> herum! Unter wieviel
               Bürden seufzen wir, die wir <hi rend="italic">selbst</hi> uns aufgeladen haben, Bürden,
               die nichts Anderes sind als unser eigenes Wesen! Des einen Wesen ist, daß er Alles
               viel zu schwer nimmt, daß er sich aus Allem, was er zu tun hat, nicht nur eine
               Pflicht, sondern eine Last macht; seufzend kommt er daher, beständig wie in der
               allermühseligsten Arbeit begriffen, wie unter das schwerste Joch gespannt. Des
               anderen Wesen ist, daß er so schrecklich empfindlich ist, nervös auf allen Seiten
               Feinde wittert, wo gar keine sind, und sich dann auch richtig bald da, bald dort in
               Streit verwickelt, er weiß selber kaum, warum. Und wieder ein Anderer wird von einer
               Neigung oder Leidenschaft beherrscht und geritten: Von seiner Langsamkeit oder von
               seinem Jähzorn, von seiner Schwermut oder von seinem Leichtsinn. O, was sind doch
               alle Leiden und Unglücksfälle, die uns von außen zustoßen mögen, gegen das Unglück,
               das wir selbst uns beständig bereiten! Und mit jedem Jahr, das wir älter werden, wird
               auch dieses
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                Unglück schwerer. Wir gewöhnen uns immer mehr an unsere Art. Wir sind zu stolz, um
               sie nun noch zu ändern: ich bin nun einmal so, mich macht ihr nicht mehr anders! Und
               doch zieht sie uns nur Leid und immer neues Leid zu. Trüb und trüber wirds in unserem
               Leben. Abgeschnitten fühlen wir uns von den übrigen Menschen, abgeschnitten auch von
               jener höheren Quelle des Lebens. Dunkel wird unsere Seele und bitter unsere Lippen:
               Was soll dieses Leben? was steckt eigentlich dahinter? was will eigentlich der, der
               für das ganze Getriebe, in dem ich da drin bin, verantwortlich ist? Will er überhaupt
               etwas, oder ist nicht der Sinn des Lebens Irrtum, Enttäuschung und Durcheinander? Wie
               in aller Welt soll ich noch dazu kommen, ein Mensch zu werden, ein Mensch, dessen
               Dasein nicht wertlos und nicht leer, nicht verächtlich ist?</p>
        <p>Und zwischen uns allen und dem Willen Gottes steht jetzt das alles, was wir mit dem
               Worte «<hi rend="italic">Krieg</hi>» zusammenfassen. So gewaltig schwer im tiefsten Sinn
               ist wohl uns allen das Leben noch nicht gemacht worden wie jetzt. Nicht nur die
               Bedrängnis, in der wir selbst uns jetzt befinden und die leicht noch ganz andere,
               schärfere Formen annehmen könnte, nicht nur die Not und das Herzeleid von Tausenden
               und Millionen in den anderen Ländern, deren Geschick wir mit teilnehmender Seele
               verfolgen, drängender als Beides ist die inwendige geistige Frage, die die Gegenwart
               uns stellt: die Frage, was denn eigentlich von uns, von der Menschheit zu halten sei,
               die bei all der sonstigen Entfaltung von sogenannter Civilisation und Kultur noch
               immer meint, ohne diesen gegenseitigen Massenmord nicht auszukommen, die auf einmal
               und in tausend Zungen Hassen, Zerstören und Töten als etwas Gewaltiges verherrlicht,
               ja doch nicht scheut, auch das Göttliche in den Wirbel ihrer Leidenschaft
               hineinzuziehen, Blut zu vergießen im Namen der höchsten Ideale, im Namen Gottes. Ein
               ganzes Heer von Zweifeln will auf uns einstürmen wieder und immer wieder, wenn wir an
               Alles denken. Wir kommen wohl bald darauf, daß das alles nicht anders sein kann, weil
               die Menschen nicht anders sind. Aber warum sind die Menschen nicht anders? Was sind
               die Menschen, die so sein
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                müssen, so denken und handeln müssen, wie wir jetzt die Welt sehen? Was sind wir, du
               und ich, die wir doch auch Menschen sind und in dieser Welt leben? Gibts überhaupt
               etwas Höheres, gibt es im Menschenleben wahrhaft so etwas wie Reinheit, Friede und
               Liebe, oder sind das Träumereien, ist in Wirklichkeit das höchste Ideal, das wir
               erreichen können, das des tapferen, zähnefletschenden Raubtieres, wie es unsere
               Vorfahren mannigfach in ihren Wappen führten? Aber wenn es so ist, was hat dann dies
               Leben für einen Sinn? Wozu dann die vielen Anstrengungen, Gutes zu tun, besser zu
               sein als die Raubtiere, Liebe und Hilfe zu bringen den Schwachen und Verständnis den
               Irrenden? Wo ist der Wille Gottes, wenn das die Welt ist, was wir jetzt mit
               entsetzten Blicken sehen? Und wo ist der Wille Gottes, wenn die Welt anders sein
               sollte, als sie ist? Verbirgt sich Gott hinter Wolken? und wie sollen wir ihm
               glauben, wenn wir ihn nicht sehen?</p>
        <p>Meine Freunde, seht, alle diese Fragen und Klagen sind im Grunde <hi rend="italic">ein</hi> gewaltiger <hi rend="italic">Irrtum</hi>. Alle — von dem Seufzerlein unserer
               kleinen, bösen Launen und Mißgeschicke bis zu den ernsten, harten, wirklich
               Lebensprüfungen, bis zu den schweren, unsere Seele aufrührenden Fragen und Zweifeln
               des Menschheitslebens. Alle ein gewaltiger Irrtum. Es müßte nicht sein, daß wir so
               hilflos dastehen, so ganz und gar nicht aus und ein wissen. Der Berg, die vielen
               Berge, die wir aufgerichtet sehen zwischen uns und dem höheren Willen über uns,
               zwischen uns und jener Lebensmacht, auf die Alles ankommt, diese Berge sind
               eigentlich nicht. Wir können sofort, heute noch beginnen, Menschen zu sein, zu leben
               im tiefsten und freudigsten Sinne. Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis
               seines Willens. Wenn wir immer noch tun, als ob wir es nicht wüßten, so liegt es
               nicht an ihm, sondern an uns. In <hi rend="italic">Jesus Christus</hi> hat uns Gott
               sein Geheimnis eröffnet. Da ist der verborgene Wille über uns klar und offen an uns
               herangetreten. Da strömt die Lebensmacht, auf die Alles ankommt, überreichlich hinein
               in unser Leben. Entscheidend wird uns da die Richtung gewiesen für unser Leben. Und
               endgültig werden
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                wir da in Bewegung gesetzt auf unser Ziel hin. Vor dem Kindlein in der Krippe zu
               <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> kann es kein Schwanken mehr geben, ob das, was über uns ist, Glück heißen
               soll oder Schicksal — törichte Redensarten das: was über uns ist, ist Gott, und das
               will sagen, das Gute in ewiger Herrlichkeit und Kraft. Und vor diesem Kindlein gibt
               es keine Nöte und Zweifel mehr über die verborgenen Absichten dieses Gottes: hell und
               offen liegen sie vor uns: er will das, was er selber ist, uns Menschen geben. Er sagt
               zu uns: ihr seid meines Geschlechts, ihr gehört zu mir, und ich habe euch lieb! Der
               Vorhang oder Schleier zerreißt, der unser Leben bedeckte, die Berge und Hügel fallen,
               die uns von der Freude und Freiheit trennten. Wir treten an seiner Hand ein ins
               Heiligtum, wir dürfen, von ihm geführt, wahrhaftig Menschen werden.</p>
        <p>Aber ist denn das auch wahr, und <hi rend="italic">wie soll das zugehen?</hi> O ja, da
               können wir selber, wer wir auch seien und wie dunkel [es] auch in unserem Leben
               aussehe, die Probe darauf machen, wenn wir nur einmal wirklich hören wollen, was Gott
               uns an der Weihnacht zu sagen hat. Sieh da, nun tritt dieser Jesus, der dort geboren
               wurde, zu allen Traurigen und Betrübten von uns und sagt uns: Sieh, ich weiß, was
               Tränen und Kummer und trübe Stunden und Zeiten sind — aber weine nicht, ich weiß noch
               etwas Anderes! Und zu uns Zornigen, Streitlustigen, mit fatalen Gewohnheiten
               Behafteten, zu uns Bösen und ganz Bösen kommt er und legt uns seine Hand auf und sagt
               uns wieder: ich weiß, wie die Menschen sind, wie leicht man sich nachgibt und wie
               leicht man dann steckenbleibt für immer, — aber ich weiß noch etwas anderes. Und er
               kommt zu uns, die wir jetzt traurig sind über den Lauf der Welt, die wir irre werden
               an der Menschheit, weil wir rings um uns so viel Rohes und Schlimmes sehen, Jesus
               kommt zu uns und macht nichts schöner, als es ist, er kennt diese Welt so gut und
               besser als wir, aber er sagt zu uns: Fürchtet euch nicht, denn ich weiß noch etwas
               Anderes! Was weiß er Anderes, was hat er uns zu zeigen in unserer Dunkelheit vom
               Geheimnis des Lebens? Es ist so einfach und schlicht und doch so gewaltig und
               wichtig.
               <pb xml:id="p640" ed="pga"/>
                Er sagt uns allen: der, der über Allem steht, ist euer Vater, der es gut meint und
               gut macht. In Allem, was ist und geschieht, bleibt das Gute und die Liebe zuletzt
               wahr, alles Andere besteht nicht, ist nur vorübergehend, nur Schein. Der Vater hat
               euch lieb, wenn es auch schwer geht. Der Vater hat euch lieb, wenn ihr dulden und
               tragen müßt. Der Vater hat euch lieb, wenn man euch Unrecht tut und euch verfolgt.
               Der Vater hat euch lieb, wenn ihr sterben müßt. Der Grund von Allem ist Liebe und
               darum Freude und Seligkeit; kehrt nur zurück zu diesem Grunde aller Dinge, der von
               Leid und Tränen nichts weiß, dessen Licht nicht ab- und zunimmt wie das der Sterne!
               Ihr seid ja seine Kinder! Es gibt auch für euch eigentlich nichts, was euch wehtun
               könnte, ihr könnt mitten im finsteren Tal Gottes Kinder sein. Ihr seid Gottes Kinder,
               und darum gehört Alles, was ihr da mit euch schleppt an törichtem Wesen, eigentlich
               gar nicht zu euch. Ihr könnt eigentlich gar nicht so hässig<note xml:id="n02">=
                  gehässig.</note> und leichtfertig und schwerfällig und zänkisch sein. Ihr habt das
               nicht von Haus aus, sondern ihr habts unterwegs im Staub aufgelesen. Werft es von
               euch, wie man froh ist, etwas Schmutziges von sich werfen zu können. Ihr müßt es
               wahrhaftig nicht an euch haben, ihr fröhlichen Gotteskinder! Ihr könnt sofort jetzt
               damit anfangen, Menschen zu sein, die nicht mehr seufzen, sondern jubeln über ihr
               Leben. Und wenn jetzt die Welt voll Neid und Leid und Unrecht ist, meint ihr, Gott
               wolle das? Gott wolle den Krieg, wolle das schwarze, wüste Spinnengewebe, in dem wir
               uns jetzt alle gefangen haben? Er, der der Vater des Lichts 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.17">Jak. 1,17</ref>] und der Liebe ist? Ihr wißt es
               doch besser, ihr kennt ihn doch, ihr seid ja seine Kinder. Sollten Kinder ihren Vater
               nicht kennen? Nein, das Raubtierwesen ist nicht das Letzte und Höchste in dieser
               Welt! Nein, das ist nicht der Sinn des Lebens, daß jeder sich wehrt, um zu seiner
               Sache zu kommen. Dies Spinnengewebe haben wir selbst gesponnen.</p>
        <p>Er ist der Vater und wir sind Brüder, das ist die Wahrheit. Und diese Wahrheit ist
               stark genug, um das Spinnengewebe zu
               <pb xml:id="p641" ed="pga"/>
                zerreißen, und wenn es noch zehnmal stärker wäre. Warum zerreißt sie es denn nicht?,
               fragst du, warum macht Gott dem Traurigen und Bösen nicht ein Ende im Kleinen und im
               Großen? Törichte Fragen das — siehst du nicht, daß Gottes Befreiungstat bereits
               geschehen ist, daß er uns in Christus bereits ein für allemal die Erlösung von allem
               Übel hergestellt hat? Auf was wartest du denn noch? Jetzt handelt es sich nur noch
               darum, daß dus glaubst und annimmst: ja, ich bin Gottes Kind, der da, der wunderbare
               Mann von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName>, hat es mir gesagt und so gesagt, daß ich nicht daran zweifeln
               kann. Was werden die Leiden dieser Zeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.18">Röm. 8,18</ref>] 
               und deine kleinen Charakterfehler, was wird das
               alles sein, was dich jetzt betrübt und hindert, wenn du das weißt: ich bin des Vaters
               Kind, des Vaters, der Liebe ist und Freude? Jetzt handelt es sich nur noch darum, daß
               wir die Wahrheit einmal in uns stark werden lassen, die Wahrheit, daß wir alle Brüder
               sind. Ist sie in uns stark, dann wird sie auch in der Welt stark werden. Dann
               zerreißt diese jetzige arge Welt wie ein Morgennebel.</p>
        <p>O wir wollen doch einmal aufhören mit dem furchtbaren Irrtum, Gott anzuklagen
               deshalb, weil die Welt so ist. Was ist denn «die Welt»? <hi rend="italic">Wir</hi> sind
               die Welt. Die Welt wird anders sein, wenn wir anders sind. Und wir können anders
               sein. Nachdem uns Gott das Geheimnis seines Willens zu wissen getan, kann es da keine
               Frage mehr geben. Nachdem uns Gott in Christus seine Kinder genannt hat, brauchen wir
               nicht mehr über das widrige Schicksal und die unvollkommene Menschheit zu klagen,
               brauchen uns nicht mehr mit wohlfeilem Sehnen, Wünschen und Hoffen zu begnügen. Das
               Licht von <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> gibt uns die Gewißheit, daß die Liebe gilt in der Welt und nichts
               Anderes. Die Gewißheit! Denn wer Jesus auch nur von weitem kennengelernt hat, der
               weiß: Gott lügt nicht. Wenn diese Gewißheit einmal stark wird in uns, wenn sie
               überhand nimmt, hervortritt aus dem verborgenen Weihnachtswinkelchen unserer Seele
               und unser Leben erfaßt, dann werden wir anders. Berührt von der Liebe Gottes, werden
               wir Menschen der Liebe. Und wenn die Welt einmal voll <milestone xml:id="m41" unit="page"/>
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                sein wird von Menschen der Liebe, dann ist die neue Welt da, die Welt Gottes. Gott
               führt keinen Zauberschlag, um diese neue Welt kommen zu lassen. Das große Wunder ist
               schon geschehen, das Wunder, daß einmal ein solcher Mensch wie Jesus gelebt hat. Nun
               wartet er darauf, daß das, was er uns gegeben, wachse in uns, und daß wir den
               Schlüssel zum Geheimnis des Lebens, den er uns anvertraut, auch wirklich
               brauchen.</p>
        <p>Meine Freunde, ist das nicht eine Freudenbotschaft, daß der Schlüssel zum Geheimnis
               des Lebens <hi rend="italic">da ist</hi>, daß wir ihn haben? Daß der Sinn unseres Lebens
               uns so offen vor Augen steht und der Wille Gottes als gewaltige erlösende Macht so
               freundlich in unser Leben getreten ist? Die Tür zum Himmel [ist] weit aufgetan. Das
               ist Gottes Geschenk an uns. Müssen wir Gott auch etwas schenken für die Freude, die
               er uns da macht? Wollen wirs? Können wirs? Gott verlangt kein Geschenk von uns, und
               was könnten wir ihm geben? Aber er freut sich herzlich und mit rechter Gottesfreude,
               wenn wir sein Geschenk annehmen.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
     </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
