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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Jesaia 54,9-10 (4. Advent)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jesaia 54,9-10 (4. Advent), 20. Dezember 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5056 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 622–632.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Jesaia 54,9-10 (4. Advent)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 251</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jes 54,9-10 (4. Advent), 20. Dezember 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1692">KBA 1229</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-12-20">20. Dezember 1914</date><note xml:id="n01">Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf dem
          <ref corresp="A">Mskr.</ref> notiert:<bibl corresp="kbga-songs-64" type="song"> Nr. 90 (EKG 10): «Wie soll ich dich empfangen …» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (1607–1676), Strophen 1,3,4</bibl>; <bibl corresp="kbga-songs-131" type="song">Nr. 85 (EKG 6): «Macht hoch die
          Tür …» von <persName ref="kbga-actors-1415">G. Weissel</persName> (1590–1635), Strophen 1–3.</bibl></note>
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          <head type="event">IV. Advent</head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.54.9 Jes.54.10">Jesaja 54,9–10</ref>
              <quote>Solches soll mir sein wie das Wasser <persName ref="kbga-actors-2233">Noahs</persName>, da ich schwur, daß die Wasser <persName ref="kbga-actors-2233">Noahs</persName> nicht mehr über den Erdboden gehen sollten. Also habe ich geschworen, daß ich nicht über dich zürnen noch dich schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. 
                            </quote>
                        </cit>
          </epigraph>
        
          <salute><pb rend="noPipe" xml:id="p623" ed="pga"/>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>In <hi rend="italic">zwei Sprachen</hi> redet Gott mit uns. Nein — wir wollen es gleich von Anfang an wahrheitsgemäß sagen: zwei Sprachen Gottes mit uns meinen wir zu hören. Das einemal ist es die Sprache des Krieges, das andere Mal die Sprache des Weihnachtsengels: Siehe, ich verkündige euch große Freude! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.10">Lk. 2,10</ref>], die Sprache des heiligen Abendmahls: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28">Mt. 11,28</ref>]! Nun sind wir der Weihnacht schon ganz nahe gerückt und sollen die andere Sprache Gottes hören dürfen.</p>
        <p>Es ist die Sprache seiner ewigen <hi rend="italic">Freundlichkeit</hi> und <hi rend="italic">Barmherzigkeit</hi> gegen uns. Gott hat uns lieb. Er ist unser Ursprung und unser Ziel. In <hi rend="italic">unserer Seele</hi> spiegelt sich sein herrliches Bild. In unser Menschenleben soll hinein sein Gottesleben. In unserer Gemeinschaft will er selber Gestalt annehmen. Die Welt, die er sich geschaffen, ist voll von den Wundern seiner Güte und Weisheit. Unsere Augen, von ihm erleuchtet, mögen nichts entdecken, was uns nicht von ihm redete, zu ihm uns hinführte. In dem, was uns umgibt, und in dem, was uns widerfährt, waltet eine geheimnisvolle Ordnung, nach der uns Alles zum Besten dienen muß [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>]. In den Mittelpunkt seiner Schöpfung gestellt, dürfen wir von allen Seiten die wärmenden Strahlen seiner Freundlichkeit empfangen, in uns aufnehmen. Langsam führt er uns hinan, von Stufe zu Stufe, der Reife entgegen. Was wir erst ahnten, faßt Boden in uns, wird zur Gewißheit, wird zum klaren, fröhlichen Licht unseres Lebens. Schließlich rückt die Vollendung näher. Alles aus Gott und zu Gott hin.</p>
        <p>So redet er mit uns <hi rend="italic">in Christus</hi>. Christus offenbart uns den Sinn unseres Lebens. Er sagt uns, was hinter dem Sichtbaren, Äußerlichen verborgen ist, was das Wesentliche, die Hauptsache ist mitten in all dem Kleinen und Zufälligen unseres Daseins. Christus zeigt uns Gott so, wie er ist, aber als einen freundlichen, barmherzigen Gott. Er läßt uns hinaufsehen in einen unendlichen Sternenhimmel von Güte und hinunter in ein tiefes, kristallklares Wasser von Wohlwollen. Er sagt uns: seht, das ist der Sinn <pb xml:id="p624" ed="pga"/> eures Lebens, das ist Gottes Wille: rein sein, offen sein miteinander und zusammenhalten, frei sein von Allem, was euch gefangennehmen könnte, fröhlich sein wie die Kinder, Böses leiden können, um Gutes zu tun. Und das ist Gottes Ziel: die ruhige Seligkeit und Sicherheit und Kraft eines solchen Lebens. So lebt Gott selber von Ewigkeit zu Ewigkeit, in solchem Paradies will er auch uns leben sehen. So zeigt uns Jesus Gott, so beschreibt er ihn uns in seinen Worten und noch deutlicher in seinem Heilandsleben selbst: Selig im Willen Gottes! So ladet er uns ein: Folget mir nach! Und Jesus hat sich nicht getäuscht und täuscht uns nicht: es ist die Stimme Gottes selber, die da mit uns redet. Die Menschen, die Jesus gehört und die ihm gehorcht haben, haben tatsächlich noch immer ein neues Leben gefunden, das sie um nichts mehr preisgegeben hätten. Die sich von ihm auf die Höhe führen ließen, die verlangten nichts Besseres mehr, weil sie bei ihm einen unerschöpflichen Gottesreichtum und unüberwindliche Gotteskräfte fanden. Wer sich von Jesus und seiner Art wieder entfernen wollte, der würde damit auch Gott wieder den Rücken kehren — während wir <hi rend="italic">mit</hi> Jesus in der Beugung unter ihn und im Anschluß an ihn immer inniger mit Gott eins, immer stärker und freudiger in seinem Dienst werden. So ladet uns das Kindlein in der Krippe, das wir nun wieder feiern wollen, mit Vollmacht ein: Lasset euch versöhnen mit Gott [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.20">2.Kor. 5,20</ref>]! Es ist der Mann, der uns Gott nahe bringt und uns zu Gott hin.!</p>
        <p>Und durch diesen Christus ist auf Erden <hi rend="italic">ein verborgenes Reich</hi> des Geistes und der Liebe gestiftet, das ist überall da in den Herzen, wo ein Samenkörnlein von seiner Art zu Boden gefallen und eine Stätte gefunden hat, das ist da, wo die Menschen durch ihn dem ewigen Gott in seine Augen voll Trauer gesehen haben, das ist da, wo die Menschen etwas von seinem Augenlicht bekommen haben, um die Welt und einander anders anzublicken als vorher. Dieses Reich ist mitten unter uns [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.21">Lk. 17,21</ref>], obgleich es nicht sichtbar ist. Zu diesem Reich ist jeder von uns berufen, und wenn er der Geringste und wenn es auf den krümmsten Wegen wäre. Dieses Reich breitet sich aus durch den stillen, per<pb xml:id="p625" ed="pga" break="no"/>sönlichen Einfluß der Geister aufeinander. Es gewinnt die herrlichsten Siege da, wo scheinbar Alles voll Finsternis ist. Es geht einer Vollendung entgegen, und wenn noch so sehr die Welt voll zu sein scheint von seinem Gegenteil. Zuletzt muß die Liebe Christi die anderen Einflüsse und Strömungen unter den Menschen brechen, zuletzt muß es sich zeigen, daß die Macht Gottes die größte Macht ist im Leben. Wer das versteht und glaubt, o wie zuversichtlich und fröhlich sieht der in die Lichter des Weihnachtsbaumes! Der weiß, warum sie brennen. Der denkt an die tausend und tausend Lichtlein Gottes, die schon brennen und die noch brennen müssen und brennen werden. Der freut sich auf die Helligkeit, die da sein wird, wenn das Reich einmal zu Allen und zu Allen ganz und herrlich gekommen sein wird. Der wartet getrost darauf, daß Gott es gut machen wird, und ist im Warten selig. In dem Allen treibt Gott sein Werk: in dem stillen Leben der Seele, die ihren Gang geht durch die Welt, von seiner Hand geleitet, in der Offenbarung seiner Heiligkeit und seines Wohlwollens durch Jesus Christus, im Kommen seines Reiches durch alles Dunkel der Zeiten. In dem Allen macht Gott sich selber Ehre, er zeigt sich uns als der, der er ist, in seiner ganzen Größe und Tiefe. Das alles ist seine Gnade gegen uns und der Bund des Friedens, den er zwischen ihm und uns aufgerichtet hat.</p>
        <p>Wenn wir doch Gott <hi rend="italic">nur von dieser Seite</hi> kennen, nur diese Sprache seiner Freundlichkeit und Barmherzigkeit gegen uns hören würden, die er jetzt in der Weihnachtsbotschaft wieder mit uns reden will! Dann würde die Weihnacht nicht ein einzelnes besonderes Fest sein im Jahr, sondern immer würde uns vor Augen stehen, was uns die Weihnacht sagen will: Gott hält es mit uns und nimmt sich unser an und schenkt uns Alles, was er selber ist und hat, und wir gehören zu ihm und nur zu ihm. So müßte es ja auch sein. Dazu hat uns ja Gott geschaffen, eben nach seinem Bilde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref>]. Wir verstehen ja doch diese Sprache seiner Güte gegen uns, besser als unsere Muttersprache. Wir fühlen uns ja doch sofort zu Hause, wenn er von dieser Seite aus sich uns zeigt: als der Vater, der nichts will als uns Licht <milestone xml:id="m40" unit="page"/> 
               <pb xml:id="p626" ed="pga"/> und Leben spenden. Und unsere Herzen und Lippen sind zu gar nichts so sehr bestimmt wie dazu, ihm fröhliche Weihnachtslieder zu singen, ihn zu loben und ihm zu danken für alles Gute, das er uns getan hat und tut.</p>
        <p>Aber nun redet Gott scheinbar noch eine ganz andere Sprache mit uns in dem <hi rend="italic">Krieg</hi> da draußen, eine Sprache, die viel lauter vernehmbar ist, als was er in der Weihnachtsbotschaft zu uns sagt. Nicht erst jetzt, nicht nur im Krieg redet er diese andere Sprache. Auch andere Jahre war es so. Die Tatsachen des Lebens zeigten uns Gott immer von einer ganz anderen Seite. Wir sehen die Menschen irren und fehlen und stolpern und fallen, die Menschen, die eigentlich zu Gott hingehören sollten, und wir mußten uns sagen, daß wir auch zu diesen armen Menschen gehören. Wir sahen hinaus in eine Welt, in der gleich ungeheuren Schlangen oder Drachen die Kräfte des Bösen wirksam waren: die Trägheit, die Lüge, die Selbstsucht — was ist neben ihnen der stille, klare Einfluß des Kindleins von <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName>? Wir sahen das Reich des Elends und der Sünde unter den Menschen unvergleichlich viel stärker und größer als das Reich der Seligkeit und des guten Willens. So wars schon andere Jahre, und die Frage legte sich uns nahe: ists denn Gott Ernst mit der Weihnachtsbotschaft?, und es tat uns im Herzen weh, wenn wir darüber nachdachten. Und nun haben wir dies Jahr Weihnacht mitten im Krieg, und laut will der Krieg die Weihnacht übertönen. Im Krieg ist ja alles das beieinander, was uns auch sonst als traurige, böse Wirklichkeit des Lebens die Weihnacht verleiden möchte: die falsche, törichte Lebensrichtung, in der sich die ungeheure Mehrzahl der Menschen befindet und von der wir uns mit aller Gewalt mitgerissen fühlen, ob wir wollen oder nicht. Die schreckliche Unwahrheit, daß die Völker und die Einzelnen meinen, Böses tun zu müssen, damit Gutes daraus werde. Der Stillstand oder Untergang aller hohen Gedanken und Bestrebungen in einer allgemeinen Flut von Eigenwillen und Haß. Schließlich das namenlose Elend, der herzzerreißende Jammer Unzähliger, die das alles zur Folge haben muß. </p>
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p627" ed="pga"/> Nun sollen wir das alles von Gott annehmen und zugleich Weihnacht feiern — wie vereinigt sich das miteinander? Ists nicht ein entsetzlicher Widerspruch, daß Gott jetzt sagt: Friede auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.14">Lk. 2,14</ref>] und jetzt: Krieg rundum auf der Erde unter allen Völkern, unter Christen und Heiden? O, es geht einem durch die Seele, was das für eine ganz, ganz andere Sprache ist, die wir da hören müssen, die Sprache des Zeitungsblattes, das zu Hause neben unserer Bibel auf dem Tisch liegt. Das ist ganz unmöglich, daß ein nachdenklicher Mensch jetzt Weihnacht feiern kann, ohne mit tiefem Weh an diese ganz andere Sprache des wirklichen Lebens zu denken. Der Gedanke an den Krieg bringt uns ja nur zum Bewußtsein, wieviel Trauriges und Böses in unserem Leben überhaupt ist, in deiner und meiner Seele, in unserer Familie, in unserem Dorfe — ja, wie ists denn nun mit dem, was wir gehört haben, daß Gott uns lieb hat? Sollen wir denken: das sind schöne Träume, der Krieg ist <hi rend="italic">die wahre Stimme Gottes?</hi> So ist die Welt und das Leben: rauh und wild, voll Lüge und Jammer, voll Gewalt und Entsetzen. Und das ist der Sinn des Lebens, daß man sich durchschlägt in dieser bösen Welt, so gut man eben kann, daß jeder für sich sieht, weil ihm auch niemand hilft. Der Stärkste hat Recht, und der Rücksichtsloseste ist der Gescheiteste. Traurig, daß es so ist, aber es ist so, ein Tor, wer etwas Anderes erwartet von den Menschen, ein Narr, wer sich selber anders einrichtet als eben auf Klugheit, und wenns damit nicht geht, auf Gewalt. Gott selber ist nun einmal ein unbegreifliches Schicksal, das über der Welt waltet, und offenbar will er, daß auch wir uns danach einrichten! Sollen wir so denken? Oder wollen wir uns dabei beruhigen: Gott redet nun einmal wirklich <hi rend="italic">zwei Sprachen</hi>, die Sprache, die die Hirten auf dem Felde hörten und nach ihnen noch allerlei gute fromme Seelen, fernab vom Getümmel der Welt, die auch wir hören mögen, wenn die Kinder ahnungslos ihre Weihnachtslieder anstimmen, und auch sonst etwa in einzelnen gerührten Momenten, wo wir dem Gott der Liebe recht geben müssen — daneben die andere Sprache Gottes, die Sprache der <pb xml:id="p628" ed="pga"/> rauhen Wirklichkeit, in der wir nun einmal leben, in der das Geld gilt und die großen Kanonen und die noch größeren Worte, die Wirklichkeit, in der es in Gottesnamen notwendig ist, schlau und stark zu sein?</p>
        <p>Unzählige feine, fromme Menschen, liebe Freunde, klammern sich an dieser Weihnacht daran, daß Gott wirklich zwei Sprachen spreche mit uns Menschen. Ein deutscher Dichter hat ein Büchlein erscheinen lassen unter dem merkwürdigen Titel: «Hurra und Hallelujah!».<note xml:id="n02">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1575">
                                <persName ref="kbga-actors-1413">Dietrich Vorwerk</persName>, «<hi rend="italic">Hurra und Hallelujah. Kriegslieder</hi>», Schwerin 1914</bibl>. Kostproben und eine scharfe Kritik dieses Gedichtbandes bei <bibl corresp="kbga-bibls-1576">
                                <persName ref="kbga-actors-329">[M.] R[ade]</persName> in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 1068f.</bibl>
                        </note> Da haben wir die beiden Sprachen. Aber auch wo sie nicht so kraß reden, sagen sie es uns deutlich genug: wir leben nun einmal in zwei Welten, in der Welt, die anfängt mit den Worten: euch ist heute der Heiland geboren! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.11">Lk. 2,11</ref>], und in der anderen, in der es heißt: ihr müßt heute für die Macht und Ehre unseres Vaterlandes schießen, schlagen und stechen! oder in der es in gewöhnlichen Zeiten heißen würde: ihr müßt heute euren Vorteil wahrnehmen, Geld verdienen, vorwärts kommen, eine Rolle spielen. Beide Sprachen, beide Welten, sagen sie uns, müssen sein und haben ihr Recht — die eine für das Herz, für die Gesinnung, für den Weihnachtsabend, die andere für das Leben in der harten Welt da draußen. Gott trägt schließlich die Verantwortung dafür, daß er auf zwei so verschiedene Weisen mit uns redet, er mag zusehen, wie er Beides einmal in Eines zusammenbringt.</p>
        <p>Meine Freunde, wir wollen nicht urteilen über die, die jetzt so denken von Gott. Unzählige von ihnen sind in bitterer Seelennot dazu gekommen, schließlich so zu denken, weil sie keinen anderen Ausweg wußten. Wir würden sehr wahrscheinlich auch so denken, wenn wir jetzt selber als ein kriegführendes Volk Weihnacht feiern müßten. Und wir denken schon jetzt tatsächlich so, wenn nicht über den Krieg, so doch über das Geld: du sollst den Herrn Deinen Gott über Alles lieben! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.37">Mt. 22,37</ref>] und: du sollst kratzen und raxen,<note xml:id="n03">= sich krampfhaft anstrengen.</note> was du kannst! Zwei Welten! Zwei <pb xml:id="p629" ed="pga"/> Sprachen! Ja, die Frage ist nur, ob das dann wahr ist, daß Gott zwei Sprachen mit uns redet. Daß er uns jetzt sagt: Liebe! und jetzt: Haß! — jetzt: Friede! und jetzt: Gewalt! — jetzt: Geist! und jetzt: Kanonen! Redet Gott diese Doppelsprache mit uns, so daß wir ihm dann mit einem Doppelleben antworten dürften oder müßten?! Noch einmal: wir wollen die Gefühle und Überzeugungen derer achten, die in bitterer Not zu dieser verzweifelten Lebensansicht gekommen sind, aber mit aller Kraft wollen wir uns dagegen wehren, als ob das nun die Wahrheit sei. Wenn das wahr wäre, dann wäre Gott ein Lügner, denn nur ein Lügner kann zwei Sprachen reden. Dann würde er uns ja mit der einen Hand in eben das hineintreiben, woraus er uns mit der anderen erlösen will. Dann würde er uns dazu verdammen, in jeder Sekunde und hoffnungslos für immer zwei Wesen zugleich zu sein, zwei Wesen, die sich nicht miteinander versöhnen können. Müßten wir nicht folgerichtig dazu kommen, anzunehmen, daß die beiden Stimmen, die uns zureden, von zwei ganz verschiedenen Göttern kommen, wie es sich die alten Perser gedacht haben, von zwei verschiedenen Göttern, zwischen denen wir arme Menschen grauenvoll eingekeilt wären? Meine Freunde, wenn das so wäre, dann täten wir doch besser, allen Glauben von uns zu werfen, von heute auf morgen, dann wäre uns doch besser, gar nicht geboren zu sein. Denn was hat ein Leben für einen Sinn, dessen Sinn es ist, im gleichen Atemzug: Hurra! zu rufen und: Hallelujah! zu beten zum Gott der Liebe und im selben Moment zu hassen und zu unterdrücken, selig zu sein im Inneren der Seele und zugleich unselig zu sein und zu bleiben in einer Welt, die von Gott leer ist? Was hätte ein Gott für einen Wert, der mit dem gleichen Willen unsere Befreiung und Erlösung wollte und unsere Gefangenschaft und unser Elend? Wir müssen wahrhaftig auch die begreifen, denen man immer sagte: so ist Gott! so ist das Leben! und die darüber allen Glauben an etwas Höheres verloren haben.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Aber Gott redet nicht zwei Sprachen</hi>, liebe Freunde, so wenig als es zwei Götter gibt. Gott redet nicht miteinander das Evangelium <pb xml:id="p630" ed="pga"/> der Weihnacht und das Evangelium der gepanzerten Faust und des großen Geldsacks. Wenn wir tatsächlich beide Sprachen hören, so liegt es nicht an Gott, sondern an uns. Gott sagt uns das Eine und von Ewigkeit her nur das Eine: ich habe dich je und je geliebet [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31.3">Jer. 31,3</ref>]! In Jesus Christus hat er sein letztes, sein gültiges Wort mit uns geredet. Das Reich des Geistes und der Liebe ist der eine und einzige Zweck seines Willens. Wo hören wir denn Gott anders reden mit uns? Etwa in unserem Gewissen? Etwa in der Natur? Etwa in der Bibel und in der Geschichte? Etwa in den Erfahrungen, die wir auf dem Wege des Gehorsams gegen ihn machen? Sagt uns nicht Alles, was wir von Gott überhaupt wissen können, daß er die Liebe ist — wenn wir mit feinen Ohren genauer hinhören wollten!</p>
        <p>Aber ein ungeheures Mißverständnis hat sich zwischen ihn und uns hineingeschlichen. Gott redet mit uns, aber seine Worte verwandeln sich in unseren Ohren in ganz andere Worte. Gott sagt uns: Wahrheit!, wir aber machen daraus: meine Wahrheit, die Wahrheit, die mir paßt! Gott sagt: Recht!, wir aber hören: mein Recht, das Recht, das ich haben muß gegen alle Anderen! Gott sagt: Liebe!, und wir hören und verstehen: ja, Liebe, Liebe für mich, das habe ich nötig, das möchte ich gerne! Gott sagt: Kraft!, und wir machen daraus: Kraft meines Armes, meiner Gescheitheit, meines Geldes, meiner Kanonen! Gott stellt uns Christus hin als Erlöser und Versöhner; wir antworten: ja, Christus, so wie ich ihn verstehe, soviel als ich von ihm haben will, machen uns unser eigenes Christentum zurecht, setzen sein Kreuz auf unsere Fahnen, als ob wir allein seine Jünger wären, und heften es uns auf die Brust, als ob wir in seiner Nachfolge den Feind erschlagen hätten. Und wenn uns Gott redet von seinem Reich und seiner Macht, so hören wir ihn wohl, aber flugs machen wir daraus: unser Reich und unsere Macht, und aus der Hoffnung, daß er groß werden muß, wird die Hoffnung, daß wir riesengroß sein werden. So mißverstehen wir Gott. Wir hören seine Worte. Sie tönen auch so, wie wir sie mißverstehen, gar gewaltig und groß, und können ihren göttlichen Ursprung nicht verleugnen. <pb xml:id="p631" ed="pga"/> Und darum ist auch jetzt die Welt voll von Gesinnungen und Taten, die wir, menschlich betrachtet, sehr groß und — göttlich nennen mögen. Aber eben, nur menschlich betrachtet. Sie sind durchdrungen und im Grunde vergiftet durch das Mißverständnis, daß wir vor und hinter die lauteren Worte Gottes die unlauteren Wörtlein: Ich und Mir und Mich und Mein und wie sie alle heißen, gesetzt haben. Sie sind verdorben durch den Abfall vom Göttlichen zum Eigenen, aus dem sie hervorgegangen sind.</p>
        <p>Wir können Gott nicht mehr hören, so wie er wirklich redet, weil wir uns selber heimlich zum Gott erhoben haben. Gott sagt uns nichts Anderes, als daß er uns lieb hat, daß er Gemeinschaft mit uns haben will. Wir aber haben unseren Ursprung und unser Ziel vergessen und sehen bloß, was unser Eigenes ist. Und fortan müssen wir jene doppelte Sprache Gottes hören, die Sprache der Weihnacht und die Sprache des Krieges, die erst in unseren Ohren entstanden ist. Fortan müssen wir in zwei Welten leben, in der Welt Gottes und in der Welt der Habsucht und des Hasses, die wir selbst uns geschaffen haben. Gott ist getreu und wahrhaftig, wir aber sind untreu mit dem, was er uns gibt, wir mißverstehen ihn mit voller Absicht und müssen nun die Folgen tragen. Wir müssen uns nun beugen unter das Gericht, das wir durch unseren Abfall über unserem Haupt zusammengezogen haben. Wir müssen Gott nun wirklich so sehen und hören, wie wir ihn sehen und hören wollen: als einen schrecklichen, fürchterlichen Gott von Blut und Eisen, als einen Höllengott, der seine Kinder von einem Entsetzen ins andere schleudert. Gott ist nicht so. Gott haßt und zürnt und vernichtet nicht. Wir aber müssen ihn nun so sehen und erleben, und das Weihnachtslichtlein mag uns neben seiner Glut wohl als ein gar schwaches Lichtlein erscheinen. Es ist unsere Schuld, unsere gewaltige Schuld.</p>
        <p>Aber nun spricht Gott, Gott, so wie er wirklich ist: <hi rend="italic">Solches soll mir sein wie das Wasser <persName ref="kbga-actors-2233">Noahs</persName>, da ich schwur, daß die Wasser <persName ref="kbga-actors-2233">Noahs</persName> nicht mehr über den Erdboden gehen sollten. Also habe ich geschworen, daß ich nicht über dich zürnen noch dich schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von <pb xml:id="p632" ed="pga"/> dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer</hi>. Gott <hi rend="italic">bleibt</hi> sich selber gleich. An seiner Wahrhaftigkeit gegen uns verändert sich nichts, wie wir uns auch stellen mögen. Und wie düster und schreckhaft die Welt aussehen mag durch unsere Schuld, der Herr dieser Welt zeigt uns immer das gleiche freundliche Angesicht, wenn wir ihn suchen. Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, Gott wird nicht anders. Er ist der Gott der Gnade und des Friedens. Und er redet nichts Anderes zu uns als Worte unendlicher Güte und Barmherzigkeit. Der Grund der Welt ist in Ewigkeit Liebe, und wer bei ihm einkehrt in stiller Stunde, der findet bei ihm in Ewigkeit nichts als Liebe. Was die Weihnacht uns verkündigt, das gilt. Und das wird triumphieren, wenn auch vielleicht auf ganz andere Weise, als wir jetzt ahnen.</p>
        <p>Und der <hi rend="italic">Krieg?</hi> Und die schweren dunklen Mächte der Lüge und der Selbstsucht in der Welt? Und unser großes und kleines Elend? Und all die Wehmut und Streiterei in unserem Leben? Ja, das alles <hi rend="italic">ist</hi> freilich, wir können es ja mit Händen greifen. Aber seht, das ist das Geheimnis, das uns die Weihnacht still und froh bringen will, — das Alles <hi rend="italic">ist</hi> im Grunde <hi rend="italic">nicht</hi>. Es <hi rend="italic">ist</hi> nur, weil wir Gott mißverstanden haben. Es <hi rend="italic">ist</hi> nur, wie eben ein Schatten ist oder ein falscher Reflex. Es ist nichts an ihm selber. Es ist nichts, was Wahrheit wäre gegenüber der Liebe Gottes. Wir hören da nur eine falsche Sprache Gottes. Das Böse und Traurige alles wird null und nichtig sein, wenn wir Gott richtig hören. Die Wasser <persName ref="kbga-actors-2233">Noahs</persName> sollen nicht mehr über den Erdboden gehen — das ist die Wahrheit, das ist die Meinung Gottes.</p>
        <p>So laßt uns dem <hi rend="italic">Gott entgegensehen</hi>, der bei uns einkehren will, mit einem wahrhaftigen, treuen Sinn, wie er treu ist. Laßt uns in kindlicher Aufrichtigkeit hinzutreten zu dem Kindlein Jesus, das aller Welt Heiland ist. Laßt uns uns freimachen von den Mißverständnissen und Gottes eine, lautere, klare Sprache hören. Herr, solche Freiheit mußt Du selbst in unserem Herzensgrund werden lassen.</p>
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        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
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