Predigt: Jesaia 52,7-9 (3. Advent)
Jubelt alle miteinander, ihr Trümmer Jerusalems! Freuen soll sich Alles, was da
zerknickt und zerstoßen, geschlagen, vergiftet und getötet ist! Jauchzen sollen die
Leichenfelder und die verwüsteten Städte, jauchzen alle betrübten Herzen, alle, denen
ihr Liebstes und Bestes genommen ist, die sich verirrt haben und unter ihrem
Schicksal seufzen müssen. Neuer Geist, neues Denken, neuer Wille sind erwacht in der
armen Menschheit. Sie hat ihre Sünde, die sie elend machte, hinter sich, vor sich
Morgenrot der Ewigkeit. Sie muß nicht mehr «arm» sein, die Tränen dürfen vertrocknen,
die Seufzer verstummen, die geballten Fäuste sich auflösen. Noch brüllen die Kanonen,
noch jammern die Sterbenden, noch frohlocken die Sieger, und die Besiegten knirschen
mit den Zähnen. Aber das alles gilt nicht mehr, es ist nur noch ein Nachklang des
Alten, das vergangen ist [vgl.
Ja, was ist denn nun das alles? Ein schöner Traum, ein buntes Phantasiebild? Nein,
meine Freunde, das ist die Weihnachtsbotschaft. Das alles geschieht, wenn Gott heimkehrt nach Zion. Gottes
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innerstes Wesen ist ja doch Güte und Seligkeit. Niemand, der ihn kennenlernt, lernt
ihn anders kennen. Im Walten seiner Naturkräfte und im Seelenleben der großen,
gottergebenen Menschen tritt er uns entgegen als Freude und Wahrheit. Der Grund der
Welt, aus dem Alles hervorgegangen ist, ist frei von Selbstsucht, Haß und Elend. Der
Vater aller Dinge und Menschen weiß nichts von Krieg und Geldknechtschaft und
Zänkerei, frei und stark und fröhlich lebt er sein heiliges Leben. Und wir Menschen
gehören doch zu ihm und er zu uns. Sind wir nicht seine liebsten
Kinder? Ist uns nicht sein Bild in die Seele geprägt? Sollten wir nicht Anteil haben
an Allem, was er ist? Ja, der Mensch weiß von Haus aus nichts von all dem, womit er
sich jetzt plagt, so wenig wie Gott davon weiß. Von Haus aus sind Seligkeit und Güte
seine Lebenselemente, wie sie die Lebenselemente Gottes sind. Wir sehen das Kindlein
lachen, und wir hören die Vögelein zwitschern, und es tut uns in innerster Seele
leid, denn so sollten wir ja eigentlich auch sein. Unter all den Millionen von
Soldaten, die jetzt zu Wasser und zu Land aufeinander schießen, ist kein einziger,
der nicht wüßte: das ist eigentlich nichts, was wir da tun, eine Verdrehtheit, ein
Verbrechen, etwas, das nicht zu uns Menschen paßt und gehört. Und die Generäle wissen
es, die die Soldaten in den Krieg führen, der Feldmarschall
Und nun ist uns Gott ein Fremder geworden. Das ist unser Zustand.
Wir haben uns so verhalten, daß er nicht bei uns bleiben konnte. Es war uns nur fast
zu wohl in der Nähe Gottes, an seiner starken Hand, umgeben von dem Lichte seiner
Wahrhaftigkeit und in dem Schutz seiner Treue. Wir konnten soviel Gutes nicht
vertragen. Die Neugier erwachte in uns zu wissen, wie es sein möchte außerhalb Gottes
und seines Friedensreiches. Die Üppigkeit stach uns, ob uns nicht noch mehr Glück
beschert sein könnte auf eigenen Wegen. Der Hochmut überfiel uns, daß wir mehr sein
wollten als Gottes Kinder, große, selbständige Wesen wollten wir werden, wohl gar
Gott selber gleich, selber wollten wir ausmachen und wissen, was gut und böse sei.
Und Gott ließ uns gehen. Nein, er ließ uns stehen, da wo wir uns hingestellt, und
ging weiter, ohne uns, und wurde uns ein Fremder. Das ist die Geschichte, die uns das
zweite Blatt der Bibel erzählt: das Paradies ging verloren [
Aber Gott will heimkehren zu uns. Das ist die erlösende
Friedensbotschaft der Weihnacht. Wie wir ihn nicht vergessen
können, so hat auch er sein Herz bei uns gelassen, und es zieht ihn, sich uns wieder
zu nahen, weil auch er unser nicht vergessen kann. Er will sich nicht damit begnügen,
die Sternenheere mit seiner Liebe zu umfassen und im Gras und in den Blumen des
Feldes seine Herrlichkeit leuchten zu lassen. Er möchte zurück zu den Menschen, vor
deren Eitelkeit und Hochmut er sich zurückgezogen hat und die er nun mit wehem Herzen
leiden sieht unter dem Gericht, das sie sich selbst zugezogen haben. Er möchte in
einer erlösten und befreiten Menschheit sein größtes Werk vollenden, größer als die
Wunder des Ozeans, des Himmels und der Erde. Er möchte an den Menschenkindern, die
ihm gleich geworden sind nicht im Trotz, sondern in der Liebe, seine größte Freude
erleben. Und das sagt er uns an der Weihnacht: Also hat Gott die Welt geliebet … [
Aber wir sinds ja, die Gottes Heimkehr nötig haben. Er in seinem
Reichtum, in seiner Größe bedürfte ja unser nicht, es ist nur seine Liebe, daß er uns
nicht will fahren lassen, daß er sich nicht zufrieden geben kann, bis er uns
gefunden. Wir aber in unserem Zustand haben keinen Ausgang und keine Hoffnung als
die, daß Gott wieder zu uns komme, nachdem er so lange sein Angesicht vor uns
verborgen. Man hat oft gemeint, man könne mit menschlichem Zwang die Menschen besser
machen, könne ihnen solche Gesetze geben und sie so regieren, daß Friede und
Eintracht und Glück unter ihnen sein müssen. Das hat sich noch nie bewährt. Überall,
wo man die Menschen zu ihrem Heil hat zwingen wollen,
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mischte sich der menschliche Unverstand, die menschliche Selbstsucht ein und verdarb
Alles, bei denen, die herrschten, und bei denen, die gehorchen sollten. Mit Macht und
Zwang ist das Wunder der Erlösung der Menschen aus ihrem großen und kleinen Wirrwarr
nicht möglich. Und ebensowenig durch Belehrung und Aufklärung. Den großen Übeln der
Menschheit, der Lüge und dem Übermut und dem schlechten Willen, ist mit noch so guter
Schulbildung, mit noch so eifriger Zeitungspropaganda nicht beizukommen. Den Völkern
da draußen an unserer Grenze, die sich jetzt so ineinander verbissen haben, fehlt es
wahrhaftig zum wenigsten an feiner Bildung. Aber selbst ihre feinsten, besten Köpfe
stehen nicht über dem Wirrwarr. Und sind wir etwa besser geworden — ich meine jetzt
ernsthafter, fröhlicher, glücklicher durch die bessere Schulung und Aufklärung, die
wir haben unseren Vorvätern gegenüber? Es wird uns alles das nichts helfen, wobei wir
doch im Grunde die gleichen alten Menschen bleiben. Es wird uns alles das nicht
herausretten aus dem Gericht, wobei die alte, traurige Geschichte von
Die Heimkehr Gottes zu uns ist das, was wir nötig haben. Gott ruft uns zurück zur Demut, in der der Anfang aller Kraft liegt für uns Menschen. Das Äußerliche verleidet uns an so Manchem, wo wir mitgemacht. Unbedeutend kommt uns vor, was uns vorher so wichtig gewesen war. Und das Verderbliche tritt uns vor Augen an der Richtung, in der wir bis dahin gelaufen waren. Das ist das erste, ferne Grüßen des heimkehrenden Gottes. Und dann geht es tiefer hinein: wir blicken auf die Sorgen und Schmerzen und Hindernisse unseres Lebens, unter denen wir bis jetzt murrend gelitten, gegen die wir hoffnungslos gekämpft haben. Wir beginnen, ihren Sinn zu ahnen, wir merken, daß es auch mit ihnen anders sein könnte, wenn wir mit Gott richtig dran wären; wir merken: was uns drückt und plagt in diesem Leben, das ist väter|619liche Strafe und darum Mahnung und Einladung, uns anders zu stellen zu dem Herrn unseres Lebens. So klopft Gott an an unsere Tür. Und nun durchzittert uns das erste befreiende Gefühl: ich kann, ich will mich anders stellen, Gott und Mensch können nicht mehr zwei sein, ich kann und darf nicht mehr mein Ich, mein kleines Ich meinem großen Gott gegenüberstellen, mich wehren gegen ihn, aus dem alles Leben strömt, wie Schuppen fällt es von unseren Augen: wie konnte ich nur so lange mir selber zu leid leben? wie konnte ich in die steinige Wüste hineinlaufen, während schönes, sonniges Land dicht vor mir liegt? Und die Freude überfällt uns nach der langen Entbehrung, die Freude an dem, was gut und göttlich ist, was groß ist und wahr, was Liebe heißt, herzliche Fröhlichkeit. So tritt Gott über unsere Schwelle. Und nun steht er da, der langersehnte Fremde, der doch kein Fremder ist, der Wanderer, der nirgends so gern rastet wie gerade in diesem Hause. Nun wird der Sinn wieder einfach und schlicht wie Kindersinn, daß wir wieder heiter und aufrichtig leben können nach dem langen verknorzten Wesen. Nun entsteht in uns der Wille zur guten Tat, der nicht mehr fragt: wie kommts heraus?, sondern: was ist recht? Nun lernen wir auch leiden und Kreuz tragen, wenns denn sein muß, und es muß ja in jedem Leben sein. Wir ahnen in Allem, was uns geschieht, die gute Absicht des Vaters, und wenn wir nicht frei werden von Tränen und Seufzen, so werden wir doch frei von sinnlosem, tatlosem Klagen und Schelten, weil wir wissen, daß durch jedes Leid hindurch der Weg aufwärts gehen muß.
Und nun will Gott bleiben und bei uns sein unter unserem Dache. Nun geht es an das
fröhliche völlige Opfern des eigenen Willens, der eigenen Gedanken, der eigenen
Wünsche. Wir wissen ja: was Ich ist, das ist nicht frei, nicht sonnig, nicht
fruchtbar. Gott muß herrschen. Was Brauch ist und was alle Welt tut, das kann nicht
mein Segen sein, es darf keine Macht mehr haben über mich. Gott ist allein mächtig
[vgl.
Und das tut Gott, so erbarmt er sich unser und kehrt zurück zu uns.
Das Weihnachtsfest verkündigt es uns. Siehe, deine Wächter erheben ihre Stimme und
jubeln alle, denn sie sehen es mit Augen! Das Weihnachtsfest redet uns von Jesus. Was
ist denn Jesus, seine Botschaft, sein Leben, sein Sterben Anderes
als eben die Heimkehr Gottes uns zum Heil? Wer ihn sieht, der sieht den Vater
[vgl.
Und nun redet unser Text von den Boten, die Frieden verkündigen,
Freude predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: dein Gott ist König! Was
sind das für Boten? Seht, das ist Alles, was von Jesus her in der Welt wirksam ist
und was nun in der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit auch in unserem
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Leben wirksam werden will. Gott hat viele Boten an uns, wie er viele Mahnungen hat
für uns. Und mitten in dieser harten, schweren Zeit gehen seine Boten aus und
verrichten ihren Auftrag wie immer. Vielleicht solls ein guter, lichter Gedanke sein,
ein Gedanke, wie Jesus sie dachte, der jetzt bei dir Einlaß begehrt. Vielleicht eine
Gelegenheit zu guter Tat, wie Jesus sie vollbrachte, eine von denen, von denen er
sagt: das habt ihr mir getan [