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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Jesaia 52,7-9 (3. Advent)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jesaia 52,7-9 (3. Advent), 13. Dezember 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5055 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 612–622.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Jesaia 52,7-9 (3. Advent)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 612-622</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 250</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jes 52,7-9 (3. Advent), 13. Dezember 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1691">KBA 1228</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-12-13">13. Dezember 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-12-13">13. Dezember 1914</date><note xml:id="n01">Als Lied, das in dem Gottesdienst gesungen wurde, ist auf dem
                     <ref corresp="A">Mskr.</ref> notiert: <bibl corresp="kbga-songs-129" type="song">
                                Nr. 93 (EKG 12): «Dein König kommt in niedern Hüllen …» von <persName ref="kbga-actors-1398">Fr. Rückert</persName>
                        (1788–1866), Strophen 1–3; 4–6.</bibl>
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                    </dateline>
          <head type="event">III. Advent</head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.52.7 Jes.52.9">Jesaja 52,7–9</ref>
            
            <quote>Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden
                   verkündigen, Freude predigen, Heil ankündigen, die da sagen zu Zion: dein
                   Gott ist König! Deine Wächter erheben ihre Stimme und jubeln alle, denn sie
                        sehen es mit Augen, wie der Herr heimkehrt nach Zion. Jubelt alle
                        miteinander, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr tröstet sein Volk und
                        erlöst Jerusalem.
                            </quote>
                        </cit>
            
          </epigraph>
          
          <salute><pb rend="noPipe" xml:id="p613" ed="pga"/>Meine Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Jubelt alle miteinander, ihr Trümmer Jerusalems! Freuen soll sich Alles, was da
               zerknickt und zerstoßen, geschlagen, vergiftet und getötet ist! Jauchzen sollen die
               Leichenfelder und die verwüsteten Städte, jauchzen alle betrübten Herzen, alle, denen
               ihr Liebstes und Bestes genommen ist, die sich verirrt haben und unter ihrem
               Schicksal seufzen müssen. Neuer Geist, neues Denken, neuer Wille sind erwacht in der
               armen Menschheit. Sie hat ihre Sünde, die sie elend machte, hinter sich, vor sich
               Morgenrot der Ewigkeit. Sie muß nicht mehr «arm» sein, die Tränen dürfen vertrocknen,
               die Seufzer verstummen, die geballten Fäuste sich auflösen. Noch brüllen die Kanonen,
               noch jammern die Sterbenden, noch frohlocken die Sieger, und die Besiegten knirschen
               mit den Zähnen. Aber das alles gilt nicht mehr, es ist nur noch ein Nachklang des
               Alten, das vergangen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>], man kann es nicht mehr ernst nehmen, nicht mehr daran glauben.
               Es wird bald von selbst aufhören. Die Völker mögen nicht mehr daran denken, daß sie
               sich noch eben Feinde nannten und als Feinde behandelten, sie gehören doch zusammen,
               sie sind doch Brüder, sie müssen doch eines am anderen Freude haben, die Deutschen
               und die Franzosen und die Engländer, die Weißen, die Gelben und die Schwarzen, sie
               sind doch alle Menschen vor Allem, haben einander nötig und müssen einander glücklich
               machen. Aus ihren Schützengräben kommen sie hervor an allen Ecken und Enden und geben
               einander die Hand und lachen einander ins Gesicht, aber nicht mehr höhnisch, sondern
               freundlich, und die Schaufeln nehmen sie und werfen die wüsten Löcher zu, in die sie
               sich voreinander verkrochen haben, damit wieder Brot wachse auf der Erde, denn dazu
               ist sie da. Und die Ingenieure, die die großen Kriegsschiffe und Mörser erfunden und
               gebaut haben, schütteln den Kopf über die viele verlorene Mühe und über all das
               verpulverte Geld und besinnen sich vergnügt, was man mit all dem alten Eisen nun
               machen könnte. Und die Fürsten und Staatsmänner schreiben und telegraphieren, aber
               nicht mehr Ultimatums und Kriegserklärungen, es reut sie, was sie angerichtet
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                haben; Einheit und Einigkeit wollen sie jetzt stiften unter den Völkern und sind
               ganz erstaunt, wie leicht das ist, wenn man nur einmal den Willen hat. Und die
               Arbeiter, die Bauern, die Handeltreibenden, die Alten und Jungen, sie alle, alle, die
               aufgestanden waren wie im Sturm zu blinden, sinnlosen Kämpfen, sie kehren heim, um
               Wunden zu verbinden, Traurige zu trösten, Zerstörtes wiederaufzubauen, neues Leben
               erstehen zu lassen, in freudigem, friedlichem Wetteifer. Das Gespenst der Macht darf
               die Menschen nicht mehr bezaubern, nicht mehr sie in die gegenseitige Vernichtung
               hineintreiben. Das Geld darf nicht mehr Kaiser und Papst sein über sie, nicht mehr
               sie bedrücken und erwürgen. Seltsam erstaunt sind die Menschen darüber, daß sie so
               lange meinten, lügen und heucheln zu müssen, lachend und groß ist die Wahrheit über
               sie gekommen. Wie auf ein fremdartiges Puppenspiel blicken sie zurück auf die
               kleinlichen Zänkereien, mit denen sie sich vordem einsam und in den Familien und
               Dörfern und in der großen Welt das Leben sauer machten; wieviel einfacher und reifer
               ist es doch, nur noch an Güte und gegenseitiges Vertrauen zu glauben! Höchst kurios
               steht die alte Ich-Religion da, diese Religion, bei der man nur sich selber lieb
               hatte und nur sich selber anbetete und bei der man sich dem Tod und dem Teufel
               anheimgab und die Welt dem Verderben; gemerkt haben sie es, daß es keine Last mehr
               gibt im Leben, wenn einer des anderen Last tragen will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.2">Gal. 6,2</ref>]. Keine Unzufriedenen sind mehr da
               und keine Verbitterten, keine Unterdrückten und keine Giftkröten, keine Spötter und
               keine Kritiker. Das Leid ist überwunden durch die Freude, das Unrecht durch die
               Gerechtigkeit, der Tod durch das Leben. Die Menschen sind durch die Nacht zum Lichte
               gedrungen. Die Menschen sind frei geworden. Die Menschen haben begonnen, wahrhaft
               Menschen zu sein. Jubelt Alle miteinander, ihr Trümmer Jerusalems: denn der Herr
               tröstet sein Volk und erlöst Jerusalem!</p>
        <p>Ja, was ist denn nun das alles? Ein schöner Traum, ein buntes Phantasiebild? Nein,
               meine Freunde, das ist die Weihnachtsbotschaft. Das alles geschieht, wenn <hi rend="italic">Gott heimkehrt nach Zion. Gottes</hi>
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                innerstes Wesen ist ja doch Güte und Seligkeit. Niemand, der ihn kennenlernt, lernt
               ihn anders kennen. Im Walten seiner Naturkräfte und im Seelenleben der großen,
               gottergebenen Menschen tritt er uns entgegen als Freude und Wahrheit. Der Grund der
               Welt, aus dem Alles hervorgegangen ist, ist frei von Selbstsucht, Haß und Elend. Der
               Vater aller Dinge und Menschen weiß nichts von Krieg und Geldknechtschaft und
               Zänkerei, frei und stark und fröhlich lebt er sein heiliges Leben. Und wir Menschen
                  <hi rend="italic">gehören doch zu ihm</hi> und er zu uns. Sind wir nicht seine liebsten
               Kinder? Ist uns nicht sein Bild in die Seele geprägt? Sollten wir nicht Anteil haben
               an Allem, was er ist? Ja, der Mensch weiß von Haus aus nichts von all dem, womit er
               sich jetzt plagt, so wenig wie Gott davon weiß. Von Haus aus sind Seligkeit und Güte
               seine Lebenselemente, wie sie die Lebenselemente Gottes sind. Wir sehen das Kindlein
               lachen, und wir hören die Vögelein zwitschern, und es tut uns in innerster Seele
               leid, denn so sollten wir ja eigentlich auch sein. Unter all den Millionen von
               Soldaten, die jetzt zu Wasser und zu Land aufeinander schießen, ist kein einziger,
               der nicht wüßte: das ist eigentlich nichts, was wir da tun, eine Verdrehtheit, ein
               Verbrechen, etwas, das nicht zu uns Menschen paßt und gehört. Und die Generäle wissen
               es, die die Soldaten in den Krieg führen, der Feldmarschall <persName ref="kbga-actors-1047">Hindenburg</persName><note xml:id="n02">
                            
                                <persName ref="kbga-actors-1047">Paul von Hindenburg</persName> (1847–1934), seit <date when="1914-08-22">22. August
                     1914</date> Oberbefehlshaber der deutschen 8. Armee, Sieger in der Schlacht bei
                  Tannenberg (26.-30. August 1914), seit <date when="1914-11-01">1. November 1914</date>
                  Oberbefehlshaber Ost.
                        </note> und der Generalissimus <persName ref="kbga-actors-1373">Joffre</persName><note xml:id="n03">
                            
                                <persName ref="kbga-actors-1373">Joseph Jacques Césaire Joffre</persName>
                     (1852–1931), seit 1911 Chef des französischen
                  Generalstabes, seit Beginn des Ersten Weltkrieges Oberbefehlshaber der Nord- und
                  Nordostfront, brachte im September 1914 in der Marneschlacht die
                  deutsche Offensive zum Stillstand.
                        </note> und wie sie alle heißen. Und die hohen
               Minister wissen es hinter ihren grünen Tischen, die die Generäle und Soldaten nach
               allen Seiten aufeinander losgelassen haben mit einem Federstrich. Und sogar die
               Bankiers und großen Geldmenschen wissen es, um deren Dividenden sich jetzt die Völker
               schlagen müssen. Von den Kaisern und Königen und Präsidenten bis zum letzten
               russischen Bauern, der nicht lesen noch schreiben
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                kann, wissen wir es alle, daß das alles, was jetzt ist, eigentlich nicht sein
               sollte. Woher wissen wir es? Weil wir alle eigentlich zu Gott gehören und Gott zu
               uns, er, der Gott der Wahrheit und der Freude. In all unserem Tun und Leiden drin
               spüren wir immer wieder, daß es etwas Anderes, Höheres gibt und für uns gibt. Wir
               scharren und raffen, wir zanken und führen Krieg, aber wir tun es gleichsam zögernd,
               verdrossen, mit schlechtem Gewissen, aber mit einem krankhaften Eifer, mit einer
               unnatürlichen Begeisterung, die auch nur ein Zeichen von innerer Unsicherheit ist.
               Wir glauben im Grunde nicht an dieses Leben, glauben nicht, daß es das Letzte,
               Höchste ist, der Vorhang des eigentlichen wahren Lebens muß sich erst auseinandertun
               vor uns. Gott ist anders, ganz anders als dieses unser jetziges Leben. Gott selber
               hat es uns ins Herz geschrieben, daß er anders ist, und seine Schriftzüge verlöschen
               nicht.</p>
        <p>Und nun ist uns Gott <hi rend="italic">ein Fremder</hi> geworden. Das ist unser Zustand.
               Wir haben uns so verhalten, daß er nicht bei uns bleiben konnte. Es war uns nur fast
               zu wohl in der Nähe Gottes, an seiner starken Hand, umgeben von dem Lichte seiner
               Wahrhaftigkeit und in dem Schutz seiner Treue. Wir konnten soviel Gutes nicht
               vertragen. Die Neugier erwachte in uns zu wissen, wie es sein möchte außerhalb Gottes
               und seines Friedensreiches. Die Üppigkeit stach uns, ob uns nicht noch mehr Glück
               beschert sein könnte auf eigenen Wegen. Der Hochmut überfiel uns, daß wir mehr sein
               wollten als Gottes Kinder, große, selbständige Wesen wollten wir werden, wohl gar
               Gott selber gleich, selber wollten wir ausmachen und wissen, was gut und böse sei.
               Und Gott ließ uns gehen. Nein, er ließ uns stehen, da wo wir uns hingestellt, und
               ging weiter, ohne uns, und wurde uns ein Fremder. Das ist die Geschichte, die uns das
               zweite Blatt der Bibel erzählt: das Paradies ging verloren [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref>]. Das ist die Geschichte des Volkes
               Israel: Gott konnte nicht bleiben im Heiligtum seines auserwählten Volkes und wurde
               ein Fremder in Zion. Das ist die Geschichte jeder Menschenseele: sie gehört Gott, und
               Gott gehört ihr, aber er kann bei ihr nicht bleiben, weil sie es nicht will. Und so
               zerteilt
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                sich immer wieder in zwei, was eins sein sollte: Gott und die Menschen, die Menschen
               und Gott. Nun müssen wir vermissen, was bei uns und in uns sein sollte und was wir
               nicht vergessen können. Nun müssen wir Heimweh haben und uns sehnen nach dem, was
               unser heiligstes Eigentum war. Nun müssen wir das anbeten, was wir eigentlich hassen,
               und dem uns unterwerfen, was uns von Jahrtausend zu Jahrtausend nur Fluch und
               Vernichtung bringen kann.</p>
        <p>Aber Gott <hi rend="italic">will heimkehren</hi> zu uns. Das ist die erlösende
               Friedensbotschaft der Weihnacht. Wie wir <hi rend="italic">ihn</hi> nicht vergessen
               können, so hat auch er sein Herz bei uns gelassen, und es zieht ihn, sich uns wieder
               zu nahen, weil auch er unser nicht vergessen kann. Er will sich nicht damit begnügen,
               die Sternenheere mit seiner Liebe zu umfassen und im Gras und in den Blumen des
               Feldes seine Herrlichkeit leuchten zu lassen. Er möchte zurück zu den Menschen, vor
               deren Eitelkeit und Hochmut er sich zurückgezogen hat und die er nun mit wehem Herzen
               leiden sieht unter dem Gericht, das sie sich selbst zugezogen haben. Er möchte in
               einer erlösten und befreiten Menschheit sein größtes Werk vollenden, größer als die
               Wunder des Ozeans, des Himmels und der Erde. Er möchte an den Menschenkindern, die
               ihm gleich geworden sind nicht im Trotz, sondern in der Liebe, seine größte Freude
               erleben. Und das sagt er uns an der Weihnacht: Also hat Gott die Welt geliebet … [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.16">Joh. 3,16</ref>]!</p>
        <p>Aber wir sinds ja, die Gottes Heimkehr <hi rend="italic">nötig haben</hi>. Er in seinem
               Reichtum, in seiner Größe bedürfte ja unser nicht, es ist nur seine Liebe, daß er uns
               nicht will fahren lassen, daß er sich nicht zufrieden geben kann, bis er uns
               gefunden. Wir aber in unserem Zustand haben keinen Ausgang und keine Hoffnung als
               die, daß Gott wieder zu uns komme, nachdem er so lange sein Angesicht vor uns
               verborgen. Man hat oft gemeint, man könne mit menschlichem Zwang die Menschen besser
               machen, könne ihnen solche Gesetze geben und sie so regieren, daß Friede und
               Eintracht und Glück unter ihnen sein müssen. Das hat sich noch nie bewährt. Überall,
               wo man die Menschen zu ihrem Heil hat zwingen wollen,
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                mischte sich der menschliche Unverstand, die menschliche Selbstsucht ein und verdarb
               Alles, bei denen, die herrschten, und bei denen, die gehorchen sollten. Mit Macht und
               Zwang ist das Wunder der Erlösung der Menschen aus ihrem großen und kleinen Wirrwarr
               nicht möglich. Und ebensowenig durch Belehrung und Aufklärung. Den großen Übeln der
               Menschheit, der Lüge und dem Übermut und dem schlechten Willen, ist mit noch so guter
               Schulbildung, mit noch so eifriger Zeitungspropaganda nicht beizukommen. Den Völkern
               da draußen an unserer Grenze, die sich jetzt so ineinander verbissen haben, fehlt es
               wahrhaftig zum wenigsten an feiner Bildung. Aber selbst ihre feinsten, besten Köpfe
               stehen nicht über dem Wirrwarr. Und sind wir etwa besser geworden — ich meine jetzt
               ernsthafter, fröhlicher, glücklicher durch die bessere Schulung und Aufklärung, die
               wir haben unseren Vorvätern gegenüber? Es wird uns alles das nichts helfen, wobei wir
               doch im Grunde die gleichen alten Menschen bleiben. Es wird uns alles das nicht
               herausretten aus dem Gericht, wobei die alte, traurige Geschichte von <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName>
               nicht umgekehrt wird. Es wird uns alles das nicht erlösen, wobei der Weg der Neugier
               und der Üppigkeit und des Hochmuts Gott gegenüber fortgesetzt wird nach alter oder
               moderner Manier, statt daß eine neue Richtung hineinkommt in das Leben unserer
               Seele.</p>
        <p>Die <hi rend="italic">Heimkehr Gottes</hi> zu uns ist das, was wir nötig haben.
               Gott ruft uns zurück zur Demut, in der der Anfang aller Kraft liegt für uns Menschen.
               Das Äußerliche verleidet uns an so Manchem, wo wir mitgemacht. Unbedeutend kommt uns
               vor, was uns vorher so wichtig gewesen war. Und das Verderbliche tritt uns vor Augen
               an der Richtung, in der wir bis dahin gelaufen waren. Das ist das erste, ferne Grüßen
               des heimkehrenden Gottes. Und dann geht es tiefer hinein: wir blicken auf die Sorgen
               und Schmerzen und Hindernisse unseres Lebens, unter denen wir bis jetzt murrend
               gelitten, gegen die wir hoffnungslos gekämpft haben. Wir beginnen, ihren Sinn zu
               ahnen, wir merken, daß es auch mit ihnen anders sein könnte, wenn wir mit Gott
               richtig dran wären; wir merken: was uns drückt und plagt in diesem Leben, das ist väter<pb xml:id="p619" ed="pga" break="no"/>liche Strafe und darum Mahnung und Einladung, uns anders zu stellen zu dem Herrn
               unseres Lebens. So klopft Gott an an unsere Tür. Und nun durchzittert uns das erste
               befreiende Gefühl: ich kann, ich will mich anders stellen, Gott und Mensch können
               nicht mehr zwei sein, ich kann und darf nicht mehr mein Ich, mein kleines Ich meinem
               großen Gott gegenüberstellen, mich wehren gegen ihn, aus dem alles Leben strömt, wie
               Schuppen fällt es von unseren Augen: wie konnte ich nur so lange mir selber zu leid
               leben? wie konnte ich in die steinige Wüste hineinlaufen, während schönes, sonniges
               Land dicht vor mir liegt? Und die Freude überfällt uns nach der langen Entbehrung,
               die Freude an dem, was gut und göttlich ist, was groß ist und wahr, was Liebe heißt,
               herzliche Fröhlichkeit. So tritt Gott über unsere Schwelle. Und nun steht er da, der
               langersehnte Fremde, der doch kein Fremder ist, der Wanderer, der nirgends so gern
               rastet wie gerade in diesem Hause. Nun wird der Sinn wieder einfach und schlicht wie
               Kindersinn, daß wir wieder heiter und aufrichtig leben können nach dem langen
               verknorzten Wesen. Nun entsteht in uns der Wille zur guten Tat, der nicht mehr fragt:
               wie kommts heraus?, sondern: was ist recht? Nun lernen wir auch leiden und Kreuz
               tragen, wenns denn sein muß, und es muß ja in jedem Leben sein. Wir ahnen in Allem,
               was uns geschieht, die gute Absicht des Vaters, und wenn wir nicht frei werden von
               Tränen und Seufzen, so werden wir doch frei von sinnlosem, tatlosem Klagen und
               Schelten, weil wir wissen, daß durch jedes Leid hindurch der Weg aufwärts gehen
               muß.</p>
        <p>Und nun will Gott bleiben und bei uns sein unter unserem Dache. Nun geht es an das
               fröhliche völlige Opfern des eigenen Willens, der eigenen Gedanken, der eigenen
               Wünsche. Wir wissen ja: was Ich ist, das ist nicht frei, nicht sonnig, nicht
               fruchtbar. Gott muß herrschen. Was Brauch ist und was alle Welt tut, das kann nicht
               mein Segen sein, es darf keine Macht mehr haben über mich. Gott ist allein mächtig
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.62.12">Ps. 62,12</ref>]. O, es fällt
               uns oft schwer, sehr schwer, Gott gelten zu lassen und nur ihn. Aber jeder Schritt
               auf diesem Weg ist uns selig. Klar und hell wirds
               <pb xml:id="p620" ed="pga"/>
                jetzt um uns herum. Eine große innerliche Ruhe kommt über uns, in der uns nichts
               mehr ernstlich stören, aus der uns nichts mehr vertreiben kann. Wir sind mit dem
               einig geworden, der allein Macht über uns hat, was sollte uns da erschrecken können?
               Und froh und zuversichtlich wissen wir jetzt, was der Sinn des Lebens ist; er heißt:
               Leben in Harmonie und Einheit und fröhlichem Frieden mit den Kindern Gottes, mit den
               Menschen, die mit uns gemeinsam den ewigen Vater haben. In Harmonie und Einheit und
               Frieden lebt auch der Wald, leben die Tropfen im Weltmeer, leben die Ähren im
               Kornfeld. Sie können nicht ohne einander und nicht gegeneinander sein. Auch die
               liebsten Kinder Gottes, die Menschen, können nicht ohne, nicht gegeneinander sein.
               Sie sind dazu geschaffen, sich freundlich in die Augen zu sehen, sich warm die Hand
               zu geben, sich aneinander zu freuen, einander zu helfen und zu tragen. Der Sinn ihres
               Lebens ist die Liebe. Denn Gott ist die Liebe [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.8">1.Joh. 4,8</ref>]. Wenn Gott ganz und bleibend heimgekehrt ist
               zu ihnen, dann leben sie still und vergnügt in der Liebe. Die Liebe hat sie von sich
               selber frei gemacht. Die Liebe löst die Knäuel auf und zerhaut die Schnüre und
               Stricke, in die sich eine lieblose, gottlose Welt selbst verwickelt hat. Die Liebe
               verwandelt diese Welt aus einem Tal des Jammers in ein Tal der Freude. Mit der Liebe
               ist die Erlösung da aus der Schuld, in die wir uns verstrickt hatten. Mit der Liebe
               kehrt das Paradies wieder, das verloren war. — Das ist Gottes Heimkehr nach Zion.</p>
        <p>Und <hi rend="italic">das tut Gott</hi>, so erbarmt er sich unser und kehrt zurück zu uns.
               Das Weihnachtsfest verkündigt es uns. Siehe, deine Wächter erheben ihre Stimme und
               jubeln alle, denn sie sehen es mit Augen! Das Weihnachtsfest redet uns von Jesus. Was
               ist denn <hi rend="italic">Jesus</hi>, seine Botschaft, sein Leben, sein Sterben Anderes
               als eben die Heimkehr Gottes uns zum Heil? Wer ihn sieht, der sieht den Vater
                  [vgl.<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.9">Joh 14,9</ref>]. Der sieht
               ihn, wie er sich zu uns neigt, uns die Hand reicht und herausführt aus dem
               selbstgebauten Gefängnis, in dem wir schmachten. Der sieht ihn, wie er voll Erbarmen
               ist und jedes Menschlein so lieb hat und zu jedem Menschlein wirklich kommen will, um
               es frei und fröhlich zu machen. Der
               <pb xml:id="p621" ed="pga"/>
                sieht ihn, der Kraft genug hat, alle Fesseln zu sprengen, und Reichtum genug, alle
               glücklich zu machen. Und wer Jesus sieht, der sieht den Vater nicht nur, sondern er
               spürt und erfährt und erlebt ihn. Nicht umsonst hat Jesus zu den Armen und Betrübten
               und Bedrückten und Sehnsüchtigen seiner Zeit vor Allem gesagt: Selig seid ihr! Freuet
               euch! Jubelt und jauchzet! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3 Mt.5.12">Mt. 5,3–12</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.6.20 Lk.6.23">Lk. 6,20–23</ref>]. Er redet sie damit an als solche, die
               Gott schon von Weitem gegrüßt hat, weil er zu ihnen kommen will. Und er sagt auch zu
               uns: selig seid ihr! er hält uns keine Sündenpredigten, er kritisiert uns nicht, er
               macht uns nicht die Moral und schreibt uns keine Paragraphen vor. Er läßt uns einfach
               etwas davon erleben, wie das ist, wenn Gott zu uns kommt. Oder ists nicht so? Spüren
               wirs nicht: an dem Geist, den dieser Mann in sich trug, werden wir genesen? Seine
               Worte werfen Licht in das Dunkel unseres Lebens? Sein Kreuz richtet uns auf in
               unseren Ängsten und Bedrängnissen und zeigt uns den einfachen, frohen Weg des vollen
               Gottesgehorsams? Ists nicht so, wenn wir ihm gegenüberstehen, beginnt etwas von jener
               stillen, heiteren Friedlichkeit uns zu erfüllen, sodaß wir so Vieles vergessen
               können, sodaß wir so viel Neues, Herrliches entdecken, sodaß über Alles, was vor uns
               und um uns ist, ein klares, fröhliches Licht fällt. Das alles ist nicht Traum,
               sondern Erfahrung, Erfahrung von Tausenden. Auch wir haben schon daran teilnehmen
               dürfen. Auch in unser Leben hat er schon etwas gebracht von den fernen Grüßen des
               heimkehrenden Gottes: Selig seid ihr! O, und wie viele Erfahrungen sind noch bei ihm
               zu machen, wieviel Erlösung kann und will er bringen ins Kleine und Große unseres
               Menschenlebens! Wo er Meister wird, wo man die Weihnachtsbotschaft hört, da wird das
               alles wahr, was wir am Anfang gesagt haben. Es könnte schon morgen wahr sein, wenn
               wir wollten!</p>
        <p>Und nun redet unser Text von den <hi rend="italic">Boten</hi>, die Frieden verkündigen,
               Freude predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: dein Gott ist König! Was
               sind das für Boten? Seht, das ist Alles, was von Jesus her in der Welt wirksam ist
               und was nun in der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit auch in unserem
               <pb xml:id="p622" ed="pga"/>
                Leben wirksam werden will. Gott hat viele Boten an uns, wie er viele Mahnungen hat
               für uns. Und mitten in dieser harten, schweren Zeit gehen seine Boten aus und
               verrichten ihren Auftrag wie immer. Vielleicht solls ein guter, lichter Gedanke sein,
               ein Gedanke, wie Jesus sie dachte, der jetzt bei dir Einlaß begehrt. Vielleicht eine
               Gelegenheit zu guter Tat, wie Jesus sie vollbrachte, eine von denen, von denen er
               sagt: das habt ihr mir getan [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.40">Mt. 25,40</ref>]. Vielleicht ein Mensch, der etwas Geist von seinem Geiste in sich
               trägt. Vielleicht eine freundliche Lebenserfahrung, die dich auf einmal lehrt, ein
               klein wenig mit Jesu Augen in die Welt zu sehen. O es kommt nicht darauf an, was für
               ein Bote es ist, ob dies oder das. Wenn dus nur merkst, wenn dus nur hörst, das
               Anklopfen und Rufen. Die Welt ist voll von solch stillen Boten. Selig bist du!, sie
               kommen auch zu dir. Selig bist du, du arme Welt, sie verkündigen dir Frieden, sie
               sagen dir: dein Gott ist König!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
