6. Dezember 1914

Predigt: Jesaia 42,23-43,1 (2. Advent)

600
249
II. Advent
Jesaja 42,23–43,1
… Wer hat Jakob übergeben den Plünderern und Israel den Räubern? Hats nicht der Herr getan, an dem wir uns versündigt haben, und sie wollten auf seinen Wegen nicht wandeln und gehorchten seinem Gesetz nicht. Darum hat er über sie ausgeschüttet den Grimm seines Zornes und die Wut des Krieges, und hat es rings um sie her entzündet, aber sie merken es nicht, und hat sie in Brand gesteckt, aber sie nehmen es nicht zu Herzen. Und nun |601 spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset; ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein!
Liebe Freunde!

Unsere Textworte sind von denen, die uns einladen zu weiten, großen Überblicken über die Gedanken Gottes mit uns, soweit sie unserem Verständnis zugänglich sind. Und darum passen sie so recht in diese Adventszeit. Denn die Adventszeit ruft uns auf zu weiten, großen Gedanken. Auf einen hohen Berg sollen wir uns da führen lassen zu stillem, ruhigem Sinnen und Betrachten: Woher? und Wohin? Hinter uns liegt das Jahr mit seinen Sorgen und Freuden, seinen Fortschritten und Verwirrungen, mit seinen Sünden und Gnadenerfahrungen — vor uns nun noch die Weihnacht mit ihrer alten, ewig neuen Botschaft:

Christ ist erschienen,
uns zu versühnen,
freue, freue dich, o Christenheit!2

Hinter uns liegt die Welt mit ihrer Schuld und ihrer Sehnsucht, vor uns das Wort und die Verheißung Gottes: mache dich auf und werde licht! denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über Dir [Jes. 60,1]. Hinter uns die Zeit, vor uns die Ewigkeit. Wie sollten da unsere Gedanken nicht gern einen hohen Flug nehmen, mehr als gewöhnlich, wo unsere Augen vom Nächstliegenden, Aktuellen, allzu oft vom Kleinen und ganz Kleinen in Anspruch genommen sind? Und nötiger als je muß uns das sein in dieser Kriegszeit. So vielen Menschen fehlt es gerade jetzt am freien Überblick über die großen Grundwahrheiten des Lebens. So viel ist da, was sich an uns heran, in uns hinein drängen und uns hinunterziehen will in die finsteren Täler, in denen der Nebel herrscht und aus denen es keinen Ausweg gibt. Die Sorgen und |602 Kummer: wie wird Alles noch gehen und wie werden wir es überstehen! kommen daher und werden dringend, je weiter der Winter fortschreitet. Und die Fragen und Gedanken lasten auf uns: wie das in der Welt noch werden wird? warum es so sein mußte? wie es nachher sein wird? Es gibt Menschen, die krank geworden sind über all dem Leid, das sie mitansehen müssen, über den Zweifeln, die bei dem allen in ihnen aufsteigen. Auf der anderen Seite dann ebenso vielerlei Trostgründe und Erklärungen, z. T. selbstsüchtiger Art, z. T. andere.

Wie sollen wir uns halten gegenüber den Ereignissen der Zeit? Sollen wir vor Allem bewundern bei [?] all dem Großen, [was] geschieht,3 oder mitleiden bei all dem unsagbaren Schmerz, der jetzt so Viele erfüllt, oder innerlich protestieren gegen das Unrecht, das begangen wird, gegen die Greuel des Krieges überhaupt — oder vielleicht uns gleichgültig abwenden von dem ungeheuren Schauspiel, da es ja uns persönlich augenblicklich nicht viel angeht? Schwere Gefahren bedrohen jetzt unsere Seele von allen Seiten: Mutlos und ängstlich könnte diese Zeit uns machen, hineingerissen könnten wir werden in den Strudel der Leidenschaften, der jetzt die Welt durchtobt, in den Irrtum könnten wir hineingeraten, als ob Macht vor Recht gehe und gehen müsse unter den Menschen, kleinlich und krämerisch könnten wir werden in dem Bestreben, uns in der allgemeinen Notlage in Sicherheit zu bringen, der Stumpfsinn und die Gottlosigkeit könnten uns überkommen, als ob die Welt ein wüstes Chaos wäre, ohne Sinn und ohne Geist und ohne Liebe. Wer von uns kennt diese Gefahren nicht, macht sie nicht durch in der gegenwärtigen Zeit, muß nicht dagegen kämpfen mit Aufbietung aller besseren Kräfte, die in ihm sind? So fühlen wir uns bedrängt und hin- und hergezogen von allen Seiten. So sehen wir uns die Aussicht versperrt dahin und dorthin. So will uns die Welt gerade jetzt den Atem verschnüren und das Licht rauben. Nötig ist es uns, daß wir uns |603 darum gerade jetzt von Gott auf die hohe Warte führen lassen, wo uns gezeigt wird, was er uns zu schenken hat und was er von uns will, was das Leben ist und wohin unser Weg geht. Adventszeit! selige Zeit großer, befreiender Gedanken inmitten der Unruhe und Gefangenschaft und Kleinheit der Welt. O, daß wir uns wirklich von Gott dahin führen lassen wollten!

Unser Prophetenwort redet von einer großen Bedrängnis, die über das Volk Gottes hereingebrochen ist. Plünderern und Räubern ist es dahingegeben. Jammer und Krieg umgeben es wie ein loderndes Feuer. Vom Volk Israel war das einst gesagt, das die bitterste Erfahrung machen mußte, daß ihm sein Vaterland genommen, es selber in die Fremde verschleppt wurde. Aber es liegt darin, wenn wir es recht überdenken, ohne Weiteres das Erlebnis, das jede Menschenseele durchzumachen hat, und jetzt mehr als je. Unsere Seele ist ein Himmelskind, von Gott geschaffen, für Gott bestimmt. Ein Sehnen ist in uns, zurück zu unserem Ursprung. Wir müssen im Lichte leben, in der Freude, in der Wahrheit, in dem, was göttlich ist. Solange dies Sehnen nicht gestillt ist, sind wir in Unruhe und Unglück. Und dies Sehnen ist noch nicht gestillt, das erfahren wir jetzt. Wir müssen mitten drinstehen in einer Welt voll scharfer Dornen und Kanten, voller Schwierigkeiten und Hindernisse. Der Friede, nach dem da drinnen eine Stimme ruft, wir finden ihn da draußen nicht, im Gegenteil: der Unfriede der Welt will hineindrängen in das Heiligtum unseres Herzens, und er dringt hinein, wir wissen es. Von der Freude, die unsere Seele erwartet wie ein Kind, weiß man da draußen nichts. Finster und ernst und böse gehts da zu, so recht um uns reif und erfahren und altklug und unkindlich zu machen, uns alle Freudenerwartungen zu nehmen. Und getäuscht sehen wir uns, wenn wir an eine heilige Wahrheit glaubten und auf ihren Sieg rechneten, wir sehen hinaus in eine Welt, in der die Klugheit, die Verstellung, zuletzt die Lüge triumphiert und können es nicht hindern. So ist die Menschenseele fremd in der Welt; sie ist von Gott, aber die Welt ist nicht von Gott, will es scheinen, zu viel Trauriges, Dunkles, Schlechtes ist darin!

604 Aber nicht nur fremd muß sie sein, sondern umdrängt von Feinden. Unsere Augen werden scharf über all der Not, in der wir sind, und wir fangen an, die Menschen zu durchschauen: die einen in ihrer Oberflächlichkeit, die anderen in ihrer Begehrlichkeit, die anderen in ihrem Hochmut, die anderen in ihrer Streitlust. Zuerst meinen wir: einige Menschen sind so, dann kommen wir weiter und denken: die meisten, zuletzt ballen wir die Faust und grollen still: Alle! Das sind die Plünderer und Räuber, denen wir dahingegeben sind. Das sind nun die Leute, mit denen wir leben, mit denen wir auskommen sollten. Und unser Leben in der fremden Welt wird uns zu einem zähen, erbitterten Kampf gegen «die Leute»: sie sollen uns nicht ungestraft plagen. Mit bitterbösen Augen und Gedanken folgen wir allen ihren Bewegungen, lauern wir darauf, ihnen zu zeigen, daß wir ihnen feind sind, freuen wir uns, wenn ihnen etwas Ungeschicktes widerfährt. Und leiden doch gleichzeitig so schwer unter ihnen. O, was ist das für ein jämmerliches Los, daß die Menschenseele solche Feinde haben muß an den anderen Menschen. Nirgends so gut wie in den Psalmen des Alten Testaments spüren wir es, wie sie ringt mit Gott: Befreie mich von meinen Feinden, erschlage sie in deinem Grimm, denn sie treten mich unter ihre Füße. Aber wir haben wohl selber schon gelegentlich Solches empfunden. Und im Krieg kommt dieser Jammer der Feindschaft zum Vorschein, zum Ausbruch im Großen: Volk gegen Volk, Erdteil gegen Erdteil. Etwas von dem tiefsten Leid des Menschenlebens offenbart sich im Krieg: der Mensch muß des Menschen Feind sein.

Und während wir in tiefster Brust die Gewißheit tragen, daß das Gute, die Liebe, die Gerechtigkeit herrschen müssen im Leben, daß der gute Gott Meister sein muß in der Welt, stehen wir tatsächlich vor einer ganzen Reihe von Lebensgewalten, die von dem allen das volle Gegenteil sind. Wir sehen den Schmerz herrschen über die ganze Menschheit mit unumschränkter Gewalt und haben selber unser größeres oder kleineres Teil daran mitzutragen. Wir sehen den Irrtum übermäßig groß. Unser Wissen ist Stückwerk [1.Kor. 13,9], ja und jedes Körnlein Wahrheit ist umhüllt von einer |605 gewaltigen Masse Kurzsichtigkeit und Übertreibung. Keines von uns ist frei davon. Wir sehen den schlechten Willen, das Unbegreiflichste von Allem, das den Menschen vom Guten fernhält, sodaß er nicht will, obwohl er könnte, eine geheimnisvoll wirkende Kraft, überall und überall müssen wir mit ihm rechnen, bei jedem Menschen müssen wir daran glauben, auch bei uns selbst sind wir nicht sicher vor ihm, auf einmal ist er da und verdirbt uns Alles. So sind wir von Bedrängnis umgeben rundum, eingeschlossen wie von einer Feuersbrunst. Und das soll nun das Leben der Seele sein, von Gott geschaffen, für Gott bestimmt? Muß da nicht der Zweifel überhandnehmen, ob nicht am Ende alles Höhere Lug und Trug sei, oder doch die zornige Anklage gegen Gott, warum er uns so im Stiche lasse, allein in hoffnungslosem Kampf gegen widergöttliche Mächte, die uns aber zu stark sind? So hat auch das Volk Israel in der Verbannung und seiner Bedrängnis gezweifelt und geklagt. Der Gedanke an Gott und an alles Höhere mochte ihm als ein Hohn erscheinen angesichts von all dem Leid und Unrecht, von dem es sich erdrückt sah.

Da gab ihnen Gott durch den Propheten die rechte Antwort, und er gibt sie auch uns: deutlicher als ihnen, weil zwischen ihnen und uns der steht, in dem alle göttliche Wahrheit und Lebenskraft zusammengefaßt ist, Jesus Christus. Durch das Evangelium, an dessen Licht uns die kommende Weihnacht aufs neue erinnern will, wird uns die Antwort: der Herr hats getan, von ihm kommt das alles, was uns ängstet und drückt und bedrängt. Es ist sein Werk, daß wir leiden und straucheln und schwach sein müssen gegenüber den Mächten des Bösen. Es ist sein Werk, daß wir, von Feinden umgeben, im Kampf sein müssen Tag und Nacht.4 Es ist sein Werk, daß wir in einer solchen Welt leben müssen. So wenig uns das gefallen und überzeugen mag, so sicher steht |606 es vor uns, wenn wir an das Kreuz Jesu denken. Wenn irgend einer, so hätte es doch der reinen Seele Jesu anders ergehen müssen in der Welt, es ging ihr aber nicht anders, wir sehen ihn endigen unter dem ganzen furchtbaren Druck dieses Lebens, der uns tausendfach von allen Seiten zuzuschreien scheint: du bist nicht das Himmelskind, das du gerne wärest, du bist Staub und Erde, und die Welt ist wert, daß sie zu Grunde gehe!5 Auch Jesus konnte das Leben solches zuschreien, auch über ihn konnten der Zweifel und die Fragen kommen mit mehr Recht als über uns, denn er hat mehr erlitten. «Er hatte keine Gestalt noch Schönheit, wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte, er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg» [Jes. 53,2f.]. Aber wer wollte gerade angesichts des Leidens und Sterbens Jesu sagen, daß das nicht Gottes guter Wille gewesen sei, der da am Werk war? Dürfen wir uns auflehnen gegen Gott oder gar zweifeln an ihm, wenn wir sehen, wie Jesus sich bei der ganzen schweren Last, die auf ihm lag, hindurchgerungen hat bis dahin, wo er willig und freudig annehmen konnte, was ihm widerfuhr? Dürfen wir fragen und murren gegen die Leiden und Ungerechtigkeiten der Welt, wenn wir sehen, wie seine göttliche Seele in Schmerz und im Unrechtleiden nicht unterging, sondern gerade da am herrlichsten leuchtete? Nein, in unsere Trostlosigkeit und Unruhe hinein bringt er uns zunächst einmal groß und klar und einfach die Botschaft: der Herr hats getan. Er schließt unseren Beschwerden den Mund, indem er uns durch die Tat das Große, das Göttliche des Kämpfens und Leidens zeigt. Er gibt auf unsere vielen: Warum? zunächst keine Antwort, aber er stellt uns etwas vor Augen, das uns aufhören macht, so zu fragen. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden! Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, |607 denn ihrer ist das Himmelreich [Mt. 5,4–10]. Wir müssen es ihm zunächst einfach glauben, was er uns durch seine Tat sagt: es steckt ein Sinn und ein Ziel hinter der verworrenen Welt, ein Sinn und Ziel auch in unseren Schmerzen und Niederlagen, der Herr hats getan, und es ist gut so. Und er ist groß genug, um uns diesen Glauben zu schenken. Vor seinem Kreuze ist tatsächlich schon Tausenden und Tausenden das Zweifeln und Murren vergangen im schwersten Schicksal. Sie nahmen es hin als aus Gottes Hand. Und erlebten dann ein Vorgefühl davon, wie die Seele, das Himmelskind, aufleben kann mitten in der dunklen Welt, wie sie ihre Flügel erhebt und die Hindernisse vor ihr klein werden, wie sie einen Panzer bekommt und ein Schwert zu Schutz und Trutz gegen die drohenden Gewalten des Lebens. Aber ein stilles inneres Erlebnis muß dem vorangehen, eine demütige Beugung unter den Geheimnisvollen, Großen, der die Welt beherrscht, aber nicht wie wir wollen, sondern wie er will [vgl. Mt. 26,39].

Dann kommen wir aber auch zu tieferer Einsicht über die Gefangenschaft des Leides und des Unrechts, in der wir uns befinden. Der Herr hats getan, an dem wir gesündigt haben, und sie wollten auf seinen Wegen nicht wandeln, und seinem Gesetz gehorchten sie nicht. In unlöslicher Verbindung steht der Schmerz und die Feindschaft unter den Menschen und die bösen Gewalten, die die Oberhand haben da draußen, mit der Sünde, die in uns ist. Auch das muß uns klar werden vor dem Kreuze Jesu. All das Böse und Traurige, das uns dort erscheint, das dort die Seele des Heilands erdrücken wollte, es war nicht von ungefähr da, es hatte seinen tiefen Grund in der Art der Menschen, die seinen Tod herbeiführten. Es mag wie ein Widerspruch erscheinen, und es ist doch so: darin, daß dort der Gerechteste unschuldig leiden mußte, offenbarte sich die Gerechtigkeit Gottes. Dahin mußten es die Menschen bringen in ihrer Lieblosigkeit und Unaufrichtigkeit, in ihrer Gottesfremdheit, daß sie den freundlichen, hilfsbereiten, ernsten Mann von Nazareth wie einen Verbrecher in den Tod stießen und alle Not und Bedrängnis auf ihn häuften. Es war ein Gottesgericht, das da die Verblendeten an sich selbst vollstrecken |608 mußten in unaufhaltsamer Raserei. Gott wollte das so. Sie sollten ihren eigenen Weg zu Ende gehen, nachdem sie sich längst von ihm geschieden hatten. Sie sollten die Früchte ernten, nachdem sie lange Zeit Verderben gesät hatten [vgl. Gal. 6,8]. Gott läßt seiner nicht spotten [Gal. 6,7]. Sie, die Richter, waren die Gerichteten an jenem Tag. Daß Jesus hat leiden müssen, was sie hätten leiden müssen als Folge ihrer Verkehrtheit, ändert daran nichts. Es ist Gottes wunderbare Weisheit, daß er an jenem Tage aus Bösem Gutes werden ließ. Daß das unschuldige Leben Jesu zu einem Siegeszeichen der Selbstverleugnung und des Gottvertrauens wurde, daß Segensströme von diesem blutigen Kreuz ausgegangen sind und noch ausgehen in die arme Welt. Aber darum bleibt es doch wahr, daß dort das Traurige, das Dunkle, das Böse im Leben gekennzeichnet worden ist als ein Schatten, der von der menschlichen Sünde, von unserer falschen, verschlossenen Stellung Gott gegenüber hin in die Welt fällt. Gott will es, daß alles das da ist, es ist Alles sein Werk, und wir müssen es in der Nachfolge unseres Heilands als sein Werk auf uns nehmen. Aber er will es, weil es darin an den Tag kommen muß, was wir eigentlich sind, wir Menschen mit unserer Art. Weil er uns nicht anders helfen kann, als indem er uns die Folgen unseres Verhaltens tragen läßt. Und dann wartet er, ob wirs endlich merken wollen, warum wir leiden, warum wir Feinde haben und Feinde sein, warum wir in einer Welt des Hasses und der Lüge leben müssen. Warum? Weil unsere Seelen von ihm, unserem Schöpfer und Vater, von ihm, der unser Ziel und unsere Heimat ist, losgekommen sind. Wir sehnen uns nach dem, was göttlich ist, aber sind wir denn auch dem Göttlichen in uns ernsthaft gehorsam? Wir verlangen nach Freude, Frieden und Wahrheit, aber ergreifen wir sie dann auch an der uns allen so naheliegenden Quelle? Wir fühlen uns in Unruhe und trauern über uns selbst und die Welt, wenn wir die Unvollkommenheiten des Lebens sehen, aber müssen wir dann nicht die gleiche Frage an uns richten lassen, die Jesus einst an einen Kranken richtete: Willst Du gesund werden? [Joh. 5,6] O meine Freunde, wenn unsere |609 Seele wirklich das reine Himmelskind wäre mitten in der dunklen Welt, wie wir meinen, dann wäre ja eben die Welt nicht dunkel. Ja, wir leiden freilich unter der Traurigkeit, unter den Feindschaften, unter all dem Bösen des Lebens sehr wirklich, sehr fühlbar leiden wir.

Aber wie ists denn eigentlich mit all diesen Mächten? Entstehen sie da draußen irgendwo im Weltenraum, ohne daß wir etwas dafür könnten? Hageln sie in unser Leben hinein, ohne daß wir etwas dazu zu sagen hätten? Sind sie grobe viereckige Klötze, die ein Gott uns anwirft, ohne daß wir dafür verantwortlich wären? Oder steht es nicht vielmehr so, daß diese Mächte, die uns das Leben schwer machen, letzten Grundes in uns selbst entstehen? Wir haben ja hier öfters davon geredet, als wir über die tieferen Ursachen des Krieges nachdachten. Gott will den Krieg, obwohl er ein Gott des Friedens ist [vgl. 1.Kor. 14,33], obwohl er in seinem innersten Wesen nichts, gar nichts mit dem Krieg zu tun hat. Aber er will ihn, weil der Krieg die natürliche Folge unserer Menschenart ist, die natürliche Frucht unseres inneren Abfalls von ihm. Der Herr hats getan, an dem wir gesündigt haben. Der Krieg soll uns zur Besinnung bringen über das Eine, was unserer Seele nottut. Und nun wartet Gott, wartet, indem er über uns trauert, ob wir wohl durch solche Gerichte zur Besinnung kommen wollen. Und wie mit dem Krieg, so ists mit Allem, was uns drückt und uns das Leben verleiden will. Es kommt wirklich nicht von außen in unser Leben hinein, es ist wirklich, wie uns gerade das Leiden Jesu zeigt, nicht einfach ein Schicksal, das über uns kommt. Sondern es entsteht in uns selber. Es würde nicht sein, wenn wir anders wären. Unsere Seele ist nicht die leidende Unschuld, die wir uns einbilden, sondern wir tun etwas, das uns notwendig immer wieder all das Schwere zuzieht. Derselbe Prophet, von dem unser Textwort stammt, hat es ein andermal ausgesprochen: wir gingen alle in die Irre, ein jeder sah nur auf seinen eigenen Weg [vgl. Jes. 53,6]. Das ist die Ursünde, die wir alle begehen. Wir bleiben nicht bei Gott, zu dem wir gehören, wir wollen mehr sein als seine Kinder und Erben, etwas Eigenes |610 wollen wir sein und haben ihm gegenüber. Er läßt uns machen, aber sowie wir es tun, stellt sich notwendig alles das ein, was uns das Leben verbittert. Eins ums Andere stürmt auf uns ein, und nun kommen wir uns so verlassen und ausgeliefert vor, und nur noch die Sehnsucht bleibt uns nach dem verlorenen Paradies. O ja, es ist so — wir sind wirklich verlassen und ausgeliefert, und wir müssen auf diesem Weg hinuntersteigen von einer Dunkelheit in die andere, aber wohlverstanden, wir selber haben uns dahin begeben. Wir selber haben der Traurigkeit gerufen, die uns rings zu umgeben scheint. Die Welt gehört eben Gott mit Allem, was darin ist, in Gott und durch Gott und nur durch Gott lebt und ist sie, was wunder, wenn sie uns ohne ihn ein trauriges Gesicht bietet? Wenn uns etwas traurig macht, so heißt das einfach, daß wir es nicht verstehen, und wir werden je länger je weniger verstehen vom Leben, solange wir es versuchen, es ohne Gott zu machen. Wir selber rufen auch die Feindschaft mit den Menschen, die grobe und die feine. Diese bösen Menschen da draußen sind doch alle Gottes Kinder. Wenn wir selber nichts Anderes sein wollten als Gottes Kinder, dann würden wir auch die Anderen verstehen als das, was sie ja im tiefsten Grunde sind, statt daß wir jetzt nur ihre schlimmen Seiten sehen. Je mehr wir davon entdecken, je mehr wir unter den Leuten leiden, je mehr wir uns aufbäumen gegen das Unrecht, das uns geschieht, desto sicherer können wir sein, daß wir von Gott abgekommen sind. Ohne ihn kann es uns freilich nicht anders gehen. Ohne ihn ist das Zusammenleben der Menschen tatsächlich nichts Anderes als ein Zusammenprall Aller gegen Alle mit ihren schlechten Seiten. Und wir selber rufen allen finsteren Mächten, die uns zu umdrängen scheinen. In uns entstehen sie, indem wir unseren Weg gingen, indem wir unser Leben aus der Hand Gottes wegnahmen und in unsere eigene Hand legten.

Es ist wohl recht, wenn wir die Sehnsucht fühlen nach einem glücklichen, fröhlichen, göttlichen Leben. Es ist wohl recht, wenn wir Heimweh haben nach einer besseren Welt als der, in der wir stehen. Aber es gibt dazu keinen anderen Weg, als daß wir jene |611 Grundsünde wieder gut machen, indem wir schüchtern, aber fest anfangen, wieder Ja zu sagen zu dem, zu dem wir so lange Nein gesagt hatten bei aller äußeren Frömmigkeit und Tugend. Ja sagen zu Gott, zu dem wir einmal hingehören, das ist das Geheimnis des Lebens, das ist die Lösung seiner Schwierigkeiten, die Überwindung seiner Bitternisse. Der Herr hats getan, an dem wir gesündigt haben, wollen wir zu uns selber sagen, wenn wir leiden müssen. Nicht wahr, nun ists kein blinder Glaube mehr, sondern ein klar verstandener Glaube, wenn wir Jesus gehorchen und nachfolgen in seinem großen, geduldigen Leiden am Kreuze: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe! [Lk. 22,42]. Ja, sein Wille muß geschehen, denn sein Gericht über uns ist gerecht.

Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! Ich brauche nun nicht mehr viel hinzuzufügen zu diesen wunderbar tiefen und frohen Worten des Propheten. Das Kreuz unseres Herrn sagt uns, daß die Bedrängnis des Lebens sein muß und warum sie sein muß. Aber wer das verstanden hat, wer begonnen hat, sich zu beugen unter Gottes Willen und seiner Gerechtigkeit die Ehre zu geben, dem sagt es dann sofort noch unendlich viel mehr. Er spürt die Hand Gottes, die uns da ergreifen und aus der Bedrängnis herausführen will. Er hört den Ruf, den freundlichen, starken Ruf: Komm jetzt heraus aus der Ursünde, aus dem Abfall, aus deinen eigenen Wegen, komm zurück zu dem, der dich geschaffen hat! Ach, es ist so schwer, das zu tun aus eigener Kraft! Es ist so unmöglich, sich selber zu erlösen. Wir hängen so gewaltig stark an unserem eigenen Willen. Alle Gerichte Gottes könnten uns nicht belehren, wenn er uns nicht eben mitten im Gericht seine Liebe fühlen ließe. Ja, er liebt uns, uns, die wir ihn verlassen haben. Es dauert ihn, wenn er sieht, wie wir uns selber strafen. Er vermißt etwas von ihm selber, wenn er uns in die Irre gehen sieht. Und er läßt nicht nach, uns zu suchen, bis er uns gefunden hat.

Sieh, nun sucht er auch dich und mich. Auch jetzt wieder, |612 in diesem Advent, in dunkler, schlimmer Kriegszeit. Er zeigt uns den, der so leuchtend rein dastand über aller menschlichen Bedrängnis, weil er so rein und ganz mit ihm, dem Vater, verbunden war. Wenn du ihn, den Knecht Gottes, siehst, siehst in seinem Triumph am Kreuz, dann siehst du auch etwas von den feinen Strahlen, wie sie die alten Maler gezeichnet haben, die von seinen durchbohrten Händen und Füßen nach deinem Herzen gehen. Und wenn du ihn hörst, hörst im Tiefsten, was er uns sagen will, dann hörst du ihn sagen im Namen und Auftrag seines Vaters: Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! Und wenn du das siehst und hörst, dann ist das schon alles Wahrheit bei dir, dann bist du wie er wieder Eigentum des ewigen Vaters geworden, und die Bedrängnis und Sehnsucht liegt unter dir, wie sie unter ihm lagen. Möchtest du dahin? Es braucht dazu keine schwierige Entwicklung und Veränderung deines Lebens! Es braucht dazu nur das schlichte ehrliche Ja zu dem, was schon da ist und auf dich wartet. Denn du bist erlöst. Du bist Gottes. Glaube es.

Amen.

Sachfußnoten

1
Als Lied, das in dem Gottesdienst gesungen wurde, ist auf dem Mskr. notiert: Nr. 87: «Auf, auf, ihr Reichsgenossen …» von J. Rist (1607–1667), Strophen 1–3; 4–6 (EKG 8, Strophen 1,2,5; 6–8) 🎵.↩
2
Aus dem geistlichen Volkslied «O du fröhliche …», Strophe 2 (von H. Holzschuher, 1798–1847) 🎵.↩
3
Der Satz ist anscheinend nicht intakt. Das mit «bei» wiedergegebene Wort ist durch eine Korrektur unleserlich geworden, vor diesem Wort ist von Barth ein Komma gestrichen.↩
4
Anspielung auf Lied 83 (EKG 223): «Zeuch an die Macht, du Arm des Herrn» von Fr. Oser (1820–1891), Ende der 1. Strophe 🎵:
Wir sind im Kampfe Tag und Nacht,
O Herr, nimm gnädig uns in acht
Und steh uns an der Seiten!
↩
5
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, Vers 1338–1340 (Mephistopheles) 📖:
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zu Grunde geht.
↩