Predigt: Jesaia 42,23-43,1 (2. Advent)
Unsere Textworte sind von denen, die uns einladen zu weiten, großen Überblicken über die Gedanken Gottes mit uns, soweit sie unserem Verständnis zugänglich sind. Und darum passen sie so recht in diese Adventszeit. Denn die Adventszeit ruft uns auf zu weiten, großen Gedanken. Auf einen hohen Berg sollen wir uns da führen lassen zu stillem, ruhigem Sinnen und Betrachten: Woher? und Wohin? Hinter uns liegt das Jahr mit seinen Sorgen und Freuden, seinen Fortschritten und Verwirrungen, mit seinen Sünden und Gnadenerfahrungen — vor uns nun noch die Weihnacht mit ihrer alten, ewig neuen Botschaft:
Hinter uns liegt die Welt mit ihrer Schuld und ihrer Sehnsucht, vor uns das Wort
und die Verheißung Gottes: mache dich auf und werde licht! denn dein Licht kommt, und
die Herrlichkeit des Herrn geht auf über Dir [
Wie sollen wir uns halten gegenüber den Ereignissen der Zeit? Sollen wir vor Allem bewundern bei [?] all dem Großen, [was] geschieht,3 oder mitleiden bei all dem unsagbaren Schmerz, der jetzt so Viele erfüllt, oder innerlich protestieren gegen das Unrecht, das begangen wird, gegen die Greuel des Krieges überhaupt — oder vielleicht uns gleichgültig abwenden von dem ungeheuren Schauspiel, da es ja uns persönlich augenblicklich nicht viel angeht? Schwere Gefahren bedrohen jetzt unsere Seele von allen Seiten: Mutlos und ängstlich könnte diese Zeit uns machen, hineingerissen könnten wir werden in den Strudel der Leidenschaften, der jetzt die Welt durchtobt, in den Irrtum könnten wir hineingeraten, als ob Macht vor Recht gehe und gehen müsse unter den Menschen, kleinlich und krämerisch könnten wir werden in dem Bestreben, uns in der allgemeinen Notlage in Sicherheit zu bringen, der Stumpfsinn und die Gottlosigkeit könnten uns überkommen, als ob die Welt ein wüstes Chaos wäre, ohne Sinn und ohne Geist und ohne Liebe. Wer von uns kennt diese Gefahren nicht, macht sie nicht durch in der gegenwärtigen Zeit, muß nicht dagegen kämpfen mit Aufbietung aller besseren Kräfte, die in ihm sind? So fühlen wir uns bedrängt und hin- und hergezogen von allen Seiten. So sehen wir uns die Aussicht versperrt dahin und dorthin. So will uns die Welt gerade jetzt den Atem verschnüren und das Licht rauben. Nötig ist es uns, daß wir uns |603 darum gerade jetzt von Gott auf die hohe Warte führen lassen, wo uns gezeigt wird, was er uns zu schenken hat und was er von uns will, was das Leben ist und wohin unser Weg geht. Adventszeit! selige Zeit großer, befreiender Gedanken inmitten der Unruhe und Gefangenschaft und Kleinheit der Welt. O, daß wir uns wirklich von Gott dahin führen lassen wollten!
Unser Prophetenwort redet von einer großen Bedrängnis, die über das Volk Gottes hereingebrochen ist. Plünderern und Räubern ist es dahingegeben. Jammer und Krieg umgeben es wie ein loderndes Feuer. Vom Volk Israel war das einst gesagt, das die bitterste Erfahrung machen mußte, daß ihm sein Vaterland genommen, es selber in die Fremde verschleppt wurde. Aber es liegt darin, wenn wir es recht überdenken, ohne Weiteres das Erlebnis, das jede Menschenseele durchzumachen hat, und jetzt mehr als je. Unsere Seele ist ein Himmelskind, von Gott geschaffen, für Gott bestimmt. Ein Sehnen ist in uns, zurück zu unserem Ursprung. Wir müssen im Lichte leben, in der Freude, in der Wahrheit, in dem, was göttlich ist. Solange dies Sehnen nicht gestillt ist, sind wir in Unruhe und Unglück. Und dies Sehnen ist noch nicht gestillt, das erfahren wir jetzt. Wir müssen mitten drinstehen in einer Welt voll scharfer Dornen und Kanten, voller Schwierigkeiten und Hindernisse. Der Friede, nach dem da drinnen eine Stimme ruft, wir finden ihn da draußen nicht, im Gegenteil: der Unfriede der Welt will hineindrängen in das Heiligtum unseres Herzens, und er dringt hinein, wir wissen es. Von der Freude, die unsere Seele erwartet wie ein Kind, weiß man da draußen nichts. Finster und ernst und böse gehts da zu, so recht um uns reif und erfahren und altklug und unkindlich zu machen, uns alle Freudenerwartungen zu nehmen. Und getäuscht sehen wir uns, wenn wir an eine heilige Wahrheit glaubten und auf ihren Sieg rechneten, wir sehen hinaus in eine Welt, in der die Klugheit, die Verstellung, zuletzt die Lüge triumphiert und können es nicht hindern. So ist die Menschenseele fremd in der Welt; sie ist von Gott, aber die Welt ist nicht von Gott, will es scheinen, zu viel Trauriges, Dunkles, Schlechtes ist darin!
604 Aber nicht nur fremd muß sie sein, sondern umdrängt von Feinden. Unsere Augen werden scharf über all der Not, in der wir sind, und wir fangen an, die Menschen zu durchschauen: die einen in ihrer Oberflächlichkeit, die anderen in ihrer Begehrlichkeit, die anderen in ihrem Hochmut, die anderen in ihrer Streitlust. Zuerst meinen wir: einige Menschen sind so, dann kommen wir weiter und denken: die meisten, zuletzt ballen wir die Faust und grollen still: Alle! Das sind die Plünderer und Räuber, denen wir dahingegeben sind. Das sind nun die Leute, mit denen wir leben, mit denen wir auskommen sollten. Und unser Leben in der fremden Welt wird uns zu einem zähen, erbitterten Kampf gegen «die Leute»: sie sollen uns nicht ungestraft plagen. Mit bitterbösen Augen und Gedanken folgen wir allen ihren Bewegungen, lauern wir darauf, ihnen zu zeigen, daß wir ihnen feind sind, freuen wir uns, wenn ihnen etwas Ungeschicktes widerfährt. Und leiden doch gleichzeitig so schwer unter ihnen. O, was ist das für ein jämmerliches Los, daß die Menschenseele solche Feinde haben muß an den anderen Menschen. Nirgends so gut wie in den Psalmen des Alten Testaments spüren wir es, wie sie ringt mit Gott: Befreie mich von meinen Feinden, erschlage sie in deinem Grimm, denn sie treten mich unter ihre Füße. Aber wir haben wohl selber schon gelegentlich Solches empfunden. Und im Krieg kommt dieser Jammer der Feindschaft zum Vorschein, zum Ausbruch im Großen: Volk gegen Volk, Erdteil gegen Erdteil. Etwas von dem tiefsten Leid des Menschenlebens offenbart sich im Krieg: der Mensch muß des Menschen Feind sein.
Und während wir in tiefster Brust die Gewißheit tragen, daß das Gute, die Liebe, die
Gerechtigkeit herrschen müssen im Leben, daß der gute Gott Meister
sein muß in der Welt, stehen wir tatsächlich vor einer ganzen Reihe von
Lebensgewalten, die von dem allen das volle Gegenteil sind. Wir sehen den Schmerz
herrschen über die ganze Menschheit mit unumschränkter Gewalt und haben selber unser
größeres oder kleineres Teil daran mitzutragen. Wir sehen den Irrtum übermäßig groß.
Unser Wissen ist Stückwerk [
Da gab ihnen Gott durch den Propheten die rechte Antwort, und er gibt sie auch uns:
deutlicher als ihnen, weil zwischen ihnen und uns der steht, in dem alle göttliche
Wahrheit und Lebenskraft zusammengefaßt ist, Jesus Christus. Durch das Evangelium, an
dessen Licht uns die kommende Weihnacht aufs neue erinnern will, wird uns die
Antwort: der Herr hats getan, von ihm kommt das alles, was uns
ängstet und drückt und bedrängt. Es ist sein Werk, daß wir leiden und straucheln und
schwach sein müssen gegenüber den Mächten des Bösen. Es ist sein Werk, daß wir, von
Feinden umgeben, im Kampf sein müssen Tag und Nacht.4 Es ist sein Werk, daß wir in einer solchen Welt leben müssen. So wenig uns
das gefallen und überzeugen mag, so sicher steht
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es vor uns, wenn wir an das Kreuz Jesu denken. Wenn irgend einer, so hätte es doch
der reinen Seele Jesu anders ergehen müssen in der Welt, es ging ihr aber nicht
anders, wir sehen ihn endigen unter dem ganzen furchtbaren Druck dieses Lebens, der
uns tausendfach von allen Seiten zuzuschreien scheint: du bist nicht das Himmelskind,
das du gerne wärest, du bist Staub und Erde, und die Welt ist wert, daß sie zu Grunde
gehe!5 Auch Jesus konnte das Leben solches zuschreien, auch über ihn konnten der
Zweifel und die Fragen kommen mit mehr Recht als über uns, denn er hat mehr erlitten.
«Er hatte keine Gestalt noch Schönheit, wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die
uns gefallen hätte, er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und
Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg» [
Dann kommen wir aber auch zu tieferer Einsicht über die Gefangenschaft des Leides und
des Unrechts, in der wir uns befinden. Der Herr hats getan, an dem wir
gesündigt haben, und sie wollten auf seinen Wegen nicht wandeln, und seinem
Gesetz gehorchten sie nicht. In unlöslicher Verbindung steht der Schmerz und die
Feindschaft unter den Menschen und die bösen Gewalten, die die Oberhand haben da
draußen, mit der Sünde, die in uns ist. Auch das muß uns klar werden vor dem Kreuze
Jesu. All das Böse und Traurige, das uns dort erscheint, das dort die Seele des
Heilands erdrücken wollte, es war nicht von ungefähr da, es hatte seinen tiefen Grund
in der Art der Menschen, die seinen Tod herbeiführten. Es mag wie ein Widerspruch
erscheinen, und es ist doch so: darin, daß dort der Gerechteste unschuldig leiden
mußte, offenbarte sich die Gerechtigkeit Gottes. Dahin mußten es die Menschen bringen
in ihrer Lieblosigkeit und Unaufrichtigkeit, in ihrer Gottesfremdheit, daß sie den
freundlichen, hilfsbereiten, ernsten Mann von
Aber wie ists denn eigentlich mit all diesen Mächten? Entstehen sie da draußen
irgendwo im Weltenraum, ohne daß wir etwas dafür könnten? Hageln sie in unser Leben
hinein, ohne daß wir etwas dazu zu sagen hätten? Sind sie grobe viereckige Klötze,
die ein Gott uns anwirft, ohne daß wir dafür verantwortlich wären? Oder steht es
nicht vielmehr so, daß diese Mächte, die uns das Leben schwer machen, letzten Grundes
in uns selbst entstehen? Wir haben ja hier öfters davon geredet, als wir über die
tieferen Ursachen des Krieges nachdachten. Gott will den Krieg, obwohl er ein Gott
des Friedens ist [vgl.
Es ist wohl recht, wenn wir die Sehnsucht fühlen nach einem glücklichen, fröhlichen,
göttlichen Leben. Es ist wohl recht, wenn wir Heimweh haben nach einer besseren Welt
als der, in der wir stehen. Aber es gibt dazu keinen anderen Weg, als daß wir jene
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Grundsünde wieder gut machen, indem wir schüchtern, aber fest anfangen, wieder Ja zu
sagen zu dem, zu dem wir so lange Nein gesagt hatten bei aller äußeren Frömmigkeit
und Tugend. Ja sagen zu Gott, zu dem wir einmal hingehören, das ist das Geheimnis des
Lebens, das ist die Lösung seiner Schwierigkeiten, die Überwindung seiner
Bitternisse. Der Herr hats getan, an dem wir gesündigt haben, wollen wir zu uns
selber sagen, wenn wir leiden müssen. Nicht wahr, nun ists kein blinder Glaube mehr,
sondern ein klar verstandener Glaube, wenn wir Jesus gehorchen und nachfolgen in
seinem großen, geduldigen Leiden am Kreuze: Vater, nicht mein, sondern dein Wille
geschehe! [
Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat,
Sieh, nun sucht er auch dich und mich. Auch jetzt wieder, |612 in diesem Advent, in dunkler, schlimmer Kriegszeit. Er zeigt uns den, der so leuchtend rein dastand über aller menschlichen Bedrängnis, weil er so rein und ganz mit ihm, dem Vater, verbunden war. Wenn du ihn, den Knecht Gottes, siehst, siehst in seinem Triumph am Kreuz, dann siehst du auch etwas von den feinen Strahlen, wie sie die alten Maler gezeichnet haben, die von seinen durchbohrten Händen und Füßen nach deinem Herzen gehen. Und wenn du ihn hörst, hörst im Tiefsten, was er uns sagen will, dann hörst du ihn sagen im Namen und Auftrag seines Vaters: Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! Und wenn du das siehst und hörst, dann ist das schon alles Wahrheit bei dir, dann bist du wie er wieder Eigentum des ewigen Vaters geworden, und die Bedrängnis und Sehnsucht liegt unter dir, wie sie unter ihm lagen. Möchtest du dahin? Es braucht dazu keine schwierige Entwicklung und Veränderung deines Lebens! Es braucht dazu nur das schlichte ehrliche Ja zu dem, was schon da ist und auf dich wartet. Denn du bist erlöst. Du bist Gottes. Glaube es.