Predigt: Jesaia 42,1-4 (1. Advent)
Nun sind wir schon wieder in der Adventszeit angekommen, und bald wird die Weihnacht
da sein. Aber es wird ein merkwürdiges Weihnachtfeiern sein dies
Jahr. Unsere Gedanken werden hinauswandern müssen zu den Millionen von Menschen, die
sich auch an der Weihnacht zum Kampf gerüstet gegenüberliegen in den Schützengräben.
Und zu den Tausenden und Abertausenden von Familien, die jetzt Weihnacht feiern
müssen ohne den Vater, besonders zu denen, die wissen: er kommt nie mehr zurück.
Unsere Freude kann keine harmlose, keine ungetrübte sein dies Jahr. Zuviel fremdes
Leid drückt auf uns. Und die Frage wird in uns aufsteigen: hats denn überhaupt einen
Sinn, jetzt die Weihnachtsbotschaft zu hören: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede
auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens! [
Aber eben, eine arge Oberflächlichkeit wäre es doch, jetzt so zu reden und die Weihnacht gering zu achten. Gerade wie es oberflächlich und verkehrt war, wenn man überhaupt da und dort wegen des Krieges Gott angeklagt und mißbilligt hat. Gottes Wille ist ja doch der direkte Gegensatz von dem, wovon jetzt die Welt an allen Enden voll ist. Wären wir ihm gehorsam gewesen, so wäre jetzt kein Krieg. Uns selbst und nicht ihn müssen wir anklagen. Und das Licht der Weihnacht, dem wir jetzt wieder entgegengehen dürfen, verheißt uns doch gerade, daß Gottes guter Wille größer ist als unser verdrehter, menschlicher Wille, an dessen Folgen wir jetzt leiden müssen.
Oder wollen wir anderswo eine Antwort und einen Ausweg suchen? Die
kämpfenden Völker warten jetzt auf den Sieg ihrer Heere. Sie sagen:
es wird Alles gut sein, wenn wir unser Recht behauptet und den Gegner niedergerungen
haben. Dann ist ein dauerhafter Friede möglich, und
Andere erwarten das Heil von einer allgemeinen Revolution, von
einer Erhebung der Völker gegen ihre Regierungen, die sie in den Krieg geführt haben.
Es hat keinen Wert, darüber zu reden, ob so etwas möglich wäre. Sicher ist, daß es
nicht gut wäre, daß auch das keine Antwort wäre auf die Frage, die jetzt aus
Millionen von traurigen und verwirrten Seelen zum Himmel emporsteigt. Es ist zwar
bequem, alle Schuld an den Übeln der Welt den Regierungen zuzuschieben. In
Wirklichkeit hat jedes Volk die Regierung, die es verdient. Es mag sie absetzen, es
mag sie umbringen, es ist darum doch das gleiche Volk. Die Eifersucht und der Haß
zwischen den Völkern und Rassen bliebe sich gleich, auch wenn sie alle von heute auf
morgen andere Regierungen und andere Verfassungen bekämen. Und das wäre ja auch nicht
anders möglich als durch Gewalt und Blutvergießen, so wie die Verhältnisse sind. Der
Krieg müßte durch Krieg, durch den schrecklichsten Krieg, den Bürgerkrieg, überwunden
werden. Was meint ihr, würde aus Unrecht Recht entstehen? Hieße das nicht, den Teufel
durch Beelzebub austreiben [vgl.
Und unsere katholischen Mitchristen sagen jetzt, die Völker und die Menschen sollten
der Kirche wieder Untertan werden. Das heutige Unglück sei eine
Strafe für den Abfall von Rom, und vom
Sondern nun sagt uns Gott selber, sagt es uns in dieser Adventszeit, damit wir unsere Herzen vorbereiten auf eine rechte, ernste, gesegnete Weihnacht: Siehe, das ist mein Knecht! Jesus! Der wird das Recht unter die Völker bringen. Der wird die arme seufzende Welt erlösen. Jesus! Wer ist das? Keine Kriegsmacht. All den Millionen von Soldaten der Völker der Erde hat er keinen einzigen entgegenzustellen. Über unsere modernen Waffen und Geschütze würde er erstaunt lächeln: Wozu das? Er versteht nichts davon. Das Ringen der Schlachten geht hin und her. Er steht auf keiner Seite. Er hilft niemandem. Er drückt da und dort einem Sterbenden die Augen zu, er gibt da und dort einem Kämpfenden, Leidenden einen guten, fröhlichen, befreienden Gedanken ins Herz, gleichviel was er für eine Uniform trage. Und er wartet auf die Übrigen: wie lange werden sie es noch treiben? Und wenn nun der Sieg erfochten ist, so ist es ihm gleichgültig. Er wundert sich, worüber sich die Menschen so freuen. Er hat eben nichts zu tun mit solchen Siegen. Jesus ist auch keine Partei. Keine Partei kann ihn einfach als ihren Mann in Anspruch nehmen. Denn alle Parteien kämpfen, müssen siegen durch Klugheit und Übermacht, |593 oft durch List und Unrecht. Er sieht uns solche Wege gehen — er tadelt uns nicht, aber er geht nicht mit. Er siegt nicht durch Wahlen und Abstimmungen. Sein Ziel ist nicht: andere Verfassungen, Gesetze, Behörden. Er ist kein Machtfaktor wie die, mit denen die Politiker und die Zeitungen rechnen. Sie können ganz ruhig sein vor ihm. Er hat keine Anhänger und Vereinsgenossen, die dann und wann etwas unternehmen werden, sodaß man dann sagen könnte: Seht, das ist nun Jesus, das, was die sind, das, was die machen. Eben darum ist er auch kein noch so kluger Papst. Er stellt nicht ein Reich auf neben die Reiche der Welt. Er konkurriert nicht mit den Diplomaten und anderen gescheiten Leuten. Es ist ihm ganz gleichgültig, mit den Königen und Kaisern und anderen großen Herren in einem guten Verhältnis zu stehen oder auch nicht, und ebensowenig wirbt er um die Gunst der Volksmassen. Er geht mitten durch sie alle hindurch als ein Mensch und doch nicht als einer, der es auf menschliche Weise gewinnen will. Er hat gar nichts für sich als das, daß Gott an ihm Wohlgefallen und ihm seinen Geist gegeben hat. Das ist Alles. Das ist seine Macht. Das ist wenig, nicht wahr? Und das ist der, den Gott uns gezeigt als seinen Knecht. Wird er die Welt erlösen?
Wir wollen jetzt hören, wie dieser Knecht Gottes arbeitet. — Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen: Als eine verborgene, stille Macht geht er durch die Welt. Er will nicht reden und von sich reden machen, er will nur angenommen sein. Er drängt sich Niemandem auf, er ist nur still da, wo man ihn verstanden und liebgewonnen hat. Wer ihn nicht sehen will, sieht ihn nicht, und wer ihn nicht hören will, hört ihn nicht. Nichts ist leichter, als sich ihm zu entziehen. Man braucht nur gehörig Lärm zu machen und Staub aufzuwerfen, man braucht nur recht viel zu schwatzen und auf feine oder grobe Weise ein rechtes Wesen zu machen, dann ist er sofort weit entfernt. Er ist nichts als Geist. Er wohnt nirgends anders als im Herzensgrund stiller Seelen. Er tut nichts als Leben ausströmen, Leben von dem, das sein eigenes ist, Geistesleben. Das ist Jesus, |594 der Knecht Gottes. Nur eine Geistesmacht. Aber er ist stärker als die, die man die Großmächte dieser Welt nennt. Stärker als ihre Armeen. Stärker als ihre Kanonen. Stärker als die Maschinen und als das Geld. Stärker als die stärksten Netze und Ketten der Politik. Er ist der Geist der Wahrheit. Hat nicht Jesus die Wahrheit entdeckt, daß ein Vater über uns allen und über jedem von uns ist und daß wir alle Brüder sind? Das ist doch einfach die Wahrheit, und alles Andere, was die Menschen denken und sinnen und tun, ist Lüge daneben. Sie mögen lange denken und sagen: die Welt ist eine Welt der Sorge und des Verdrusses und der Tränen, und es kann nicht anders sein — es ist doch einfach nicht wahr: der Vater herrscht in der Welt und hält seine Hand über jedes seiner Kinder. Sie mögen lange sagen: wir müssen Unrecht tun, und Not kennt kein Gebot4 — es ist nicht wahr, es ist Lüge. Du weißt, daß es vor dem Vater nur ein Müssen gibt: du mußt ihm gehorchen. Sie mögen lange einander vernichten und plagen und chicanieren, sie wissen recht gut: ein solches Leben ist Unwahrheit, wir sind ja doch alle Brüder. Jesus ist mit dem, was er bringt, stärker als alles das, was ihm gegenübersteht. Das Großkapital und der Klassenhaß, der Machthunger der Fürsten und ihre 42-cm-Kanonen fahren auseinander in alle Winde, wenn er da ist, der Geist der Wahrheit. Aber er schreit seine Botschaft nicht hinaus in alle Welt, und seine Stimme hört man nicht auf den Gassen. Er weiß nur, daß er der Stärkere ist. Wo er ist, da ist Gottes Wohlgefallen. Da ist stiller Friede mitten in der Unruhe der Welt. Da ist Sicherheit, wo Alles auf und ab geht. Da ist eine große Freude mitten im Leid.
Und nun geht er seinen stillen Gang durch die Welt. Klopft da an und klopft dort an.
Sucht sich die Leute heraus, die etwas Besseres verlangen als das, was alle Welt tut.
Geht traurig, aber ruhig weiter, wo man ihn noch nicht versteht und nichts von ihm
begehrt. Freut sich, wenn er einen gefunden, der ihm jubelnd antwortet: heute ist
meinem Hause Heil widerfahren [vgl.
Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Jesus ist nicht eine Kraft des Hasses, des Kampfes, der Zerstörung, er ist die Kraft der Aufrichtung, des Trostes, des Verbindens und Heilens, die Kraft der Gemeinschaft. Jesus sieht uns still zu, wie wir es machen und was wir damit anrichten. Er sieht uns, wie wir unseren Standpunkt haben, |596 unsere Meinung, wie wir sagen, wie wir uns wehren für unser Recht und uns dabei so schrecklich streng scheiden von diesen und jenen Anderen, die etwas anders geartet sind, etwas andere Interessen vertreten. Er sieht, wie wir so messerscharfe Urteile in uns herumtragen über unsere Brüder und Schwestern, manchmal still verborgen in uns, sodaß sie nur im Geheimen ihr Giftwerk tun können in uns selbst, manchmal lassen wir sie hervorzucken und -blitzen, daß es eine Art hat, schlagen dort eine Wunde, reißen hier einen Abgrund auf, bauen dort eine Trennungsmauer. Er sieht uns, wie wir so erbarmungslos sind miteinander, wie wir immer Recht haben, wie wir einander cujonieren und verfolgen, wie wir wahre Teufelchen werden aneinander, immer aufs neue hintereinander her sind, immer neue Knäuel von Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten einander an den Kopf werfen — nicht aus Bosheit, bewahre nein, sondern aus lauter Gerechtigkeit. Er sieht uns zu und sieht, was daraus entsteht, von den Gifteleien, mit denen man sich plagt über die Gasse am Vormittag oder am Nachmittag — aus Gerechtigkeit —, bis zum Weltkrieg, in den sich die halbe Menschheit verwickelt hat aus lauter Gerechtigkeit. Er tadelt uns nicht einmal groß deswegen, aber er macht es selbst total anders und wartet nun, bis wir es merken und es auch anders machen. Er geht nicht in die Welt hinaus von der Eigenliebe aus, die sich hinter unserer vermeintlichen Gerechtigkeit versteckt. Er kommt von der Liebe Gottes her.
Und darum sind für ihn die Menschen — die gleichen Menschen — ganz andere Wesen als für uns. Er sieht nicht vor Allem ihre Torheiten und Schwachheiten und Irrtümer, alles das, wo sie fehlbar sind und wo man sie anpacken kann. Es gibt ja dessen genug bei allen Menschen. Aber das interessiert Jesus nicht so stark, wie es uns interessiert. Er sieht in ihnen allen Kranke, zerstoßene Rohre, glimmende Dochte. Er weiß, es lebt etwas Höheres, Besseres in ihnen, in jedem von ihnen. Ein Held ist [in] ihnen gefangen, eine holdselige Königin. Aber eben, sie sind gefangen, krank. Sie leben in großer Kümmerlichkeit und Be|597schwerde. Man merkt ihnen so jämmerlich wenig an von dem Besseren, was in ihnen ist, ganz erstickt ist es von Vielem, das sich nach und nach so in ihnen angehäuft hat, fast will ihnen der Atem ausgehen. Wieviel bleibt übrig von einem Menschen, wenn man einmal anfängt, an ihm zu rupfen und ihm den Standpunkt klar zu machen, wie wir es so gerne tun? Gibt es da einen, dem man nicht zuletzt klipp und klar nachweisen könnte: du hast keinen Glauben, keine Liebe, keine Hoffnung? Und wie müssen erst die Völker dastehen, wenn man sich einmal bemüht, ihnen ihre Nationalfehler aufzuzählen, die Thurgauer und die Basler und die Aargauer, die Engländer, die Franzosen und die Deutschen! Da gibts kein Ende, wenn man einmal urteilen will. Jesus will nicht urteilen. Es macht ihm nicht die geringste Freude, auf einen zu zeigen und ihn in das Gebet zu nehmen und zu ihm zu sagen: du bist so und so einer.
Er kommt von der Liebe Gottes her. Und darum will er schonen, was schwach ist, heilen, was krank ist, verbinden, was auseinandergerissen ist, aufrichten, was darniederliegt. Er hat ein freundliches Wort für jeden Menschen, er ist gütig, um sie zu bessern, er glaubt daran, daß sie im Grunde nicht schlecht sind, sondern allesamt Kinder Gottes, und er zeigt es ihnen, daß er daran glaubt, er hält ihnen nicht den Zorn Gottes gegen sie vor, sondern die väterlichen Gedanken dessen, von dem sie sich entfernt haben. Er schlägt Brücken herüber aus der Ewigkeit hinein in ihr kleines kümmerliches Leben. Er nimmt die Hände der Streitenden und legt sie ineinander und sagt ihnen, daß sie Brüder sind. So geht Jesus durch die Welt. Als der Herold der Liebe Gottes, nur als das. Er paßt schlecht hinein in diese Welt, in der die Waffen gegeneinander prasseln, und lauter als sie die bösen, feindseligen Gedanken der Menschen, die einander verklagen und nichts als verklagen wollen. Er paßt schlecht in eine Welt, in der jeder, koste es, was es wolle, Recht haben will. Wir können getrost sagen: wie unpraktisch! die Liebe Gottes! man muß doch Recht haben, urteilen, streiten in der Welt. Nun wohl, er wartet, wie lange wir noch praktisch sein, wie lange wir noch unseren Weg |598 gehen wollen. Er hat Geduld mit uns Ungeduldigen. Er streitet nicht mit uns Streitsüchtigen. Er ist voll Erbarmen gegen uns Erbarmungslose. Aber das ist sicher, er läßt sich durch uns nicht irremachen. Er bleibt, der er ist. Und so wird er auch an der Weihnacht zu uns kommen: das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Er wartet, ob wir wohl herauskommen wollen aus unseren Mauslöchern und Sackgassen, ob wir mit ihm von der Liebe Gottes aus durch die Welt wandern wollen.
Und — er wird nicht ermatten und nicht zusammenbrechen, bis er auf Erden das Recht gegründet hat. Das ist das Größte, was uns von Jesus unterscheidet: Wir lauten und harten Menschen werden so schnell müde. Wir lärmen und eifern eine Zeitlang, wir stürmen eine Strecke weit, wir verwickeln uns tief hinein in irgend eine unserer Unternehmungen und Aufregungen, und dann auf einmal ist die Mattigkeit da. Woher eigentlich? Wenn wir jeweilen anfangen, könnte es aussehen, als ob wir bis ans Ende der Welt stürmen wollten. Wir treten so fest auf. Wir reden so schöne Worte. Wir kommen so unwiderstehlich daher. Und dann brechen wir eines Tages doch zusammen. Das Verleiden kommt über uns. Wir sagen uns: es geht nicht weiter. Wir suchen und finden einen guten Vorwand, aufzuhören. All unser lautes Rufen und Urteilen und Kämpfen nimmt ein solches Ende, früher oder später. Hast dus noch nie gemerkt, daß mitten im Widersprechen und Urteilen gegen Andere eine große Müdigkeit über dich kam? Ach, ich bin des Treibens müde!6 Ich habe genug, genug, genug geredet. Ich mag nicht mehr. Wie oft schon haben die größten Streitigkeiten und Aufregungen, von denen man hätte meinen können, es gehe um Tod und Leben, im Sand geendigt: es hatten alle Teile genug. Ja, warum mußte man denn überhaupt streiten!
Wie wird es sein, wenn der Weihnachtsabend sich hinuntersenkt über alle die
Schützengräben in
Jesus geht weiter. Er, der stille Mann. Er, der unpraktische Mann der Liebe. Das, was
er in sich trägt von seinem ewigen Vater, das endigt nicht in einem verdrossenen
Genug! Das verläuft nicht im Sande, sondern das ruft: Mehr und Mehr! und Weiter und
Weiter! Eine ungeheure, unbesiegliche Kraft und Ausdauer liegt in der Botschaft, die
Jesus trägt. Die Menschen kommen und gehen, fangen an und hören wieder auf. Die
Reiche der Welt erheben sich und werden stark und übermächtig und beginnen zu
kränkeln und sterben ab. Menschlicher Eifer, menschliche Begeisterung, menschliches
Lieben und Hoffen flauen auf und flauen wieder ab, wie sie gekommen sind. Der Geist
der Wahrheit aber bleibt derselbe durch die Jahrtausende hin, und die Liebe höret
nimmer auf [
Und so kommt er nun zu uns in der Weihnachtszeit. Advent! Amen, ja komm Herr Jesu
[