29. November 1914

Predigt: Jesaia 42,1-4 (1. Advent)

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I. Advent
Jesaja 42,1–4
Siehe, das ist mein Knecht, den ich aufrecht halte, und mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Völker bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Er wird das Recht wahrhaftiglich halten lehren. Er wird nicht ermatten und nicht zusammenbrechen, bis er auf Erden das Recht gegründet hat, und seine Unterweisung hören bereits die Inseln.
Liebe Freunde!

Nun sind wir schon wieder in der Adventszeit angekommen, und bald wird die Weihnacht da sein. Aber es wird ein merkwürdiges Weihnachtfeiern sein dies Jahr. Unsere Gedanken werden hinauswandern müssen zu den Millionen von Menschen, die sich auch an der Weihnacht zum Kampf gerüstet gegenüberliegen in den Schützengräben. Und zu den Tausenden und Abertausenden von Familien, die jetzt Weihnacht feiern müssen ohne den Vater, besonders zu denen, die wissen: er kommt nie mehr zurück. Unsere Freude kann keine harmlose, keine ungetrübte sein dies Jahr. Zuviel fremdes Leid drückt auf uns. Und die Frage wird in uns aufsteigen: hats denn überhaupt einen Sinn, jetzt die Weihnachtsbotschaft zu hören: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens! [Lk. 2,14]? Ist das Bild, das die Welt uns jetzt bietet, nicht ein Hohn auf diese Worte? Die Weihnacht versichert uns, daß Gott sich unser angenommen habe in grenzenloser Liebe; statt dessen legt uns der Krieg da |589 draußen die Frage nahe, ob uns denn Gott eigentlich vergessen habe. Ich könnte mir sehr wohl denken, daß einer sagte: ehrlicherweise wollen wir dies Jahr und vielleicht auch das nächste das Feiern bleiben lassen. Es ist ja doch eine Heuchelei auf diese Weise. Wir wollen uns auch gar nicht wundern darüber, wenn solche Äußerungen auch in der einen oder anderen Zeitung stehen werden. Wer das Tiefste und Feinste im Christentum nicht versteht und dabei ein aufrichtiger Mensch ist, kann kaum sehr viel anders denken und reden.

Aber eben, eine arge Oberflächlichkeit wäre es doch, jetzt so zu reden und die Weihnacht gering zu achten. Gerade wie es oberflächlich und verkehrt war, wenn man überhaupt da und dort wegen des Krieges Gott angeklagt und mißbilligt hat. Gottes Wille ist ja doch der direkte Gegensatz von dem, wovon jetzt die Welt an allen Enden voll ist. Wären wir ihm gehorsam gewesen, so wäre jetzt kein Krieg. Uns selbst und nicht ihn müssen wir anklagen. Und das Licht der Weihnacht, dem wir jetzt wieder entgegengehen dürfen, verheißt uns doch gerade, daß Gottes guter Wille größer ist als unser verdrehter, menschlicher Wille, an dessen Folgen wir jetzt leiden müssen.

Sein’ Hand zu helfen hat kein Ziel,
wie groß auch sei der Schade.2
Es ist ein Trost da für Alle, die jetzt weinen in dunkler Nacht. Es wartet eine Erlösung auf die Menschheit, die jetzt alle Besinnung verloren hat in diesem ungeheuren Sturm von Torheit und Entsetzen. Warum sollten wir das Licht von uns stoßen, das freilich gar seltsam absticht von dem jetzigen Zustand der Welt, das uns aber auch gerade darum und gerade jetzt verheißt: es gibt noch etwas Anderes! Es gibt einen Ausweg aus dieser dunklen Welt. Es gibt einen Sieg über Sünde und Schuld und Tod. Es gibt eine Welt der Wahrheit und des Friedens, die einmal über |590 diese jetzige Welt triumphieren wird. Indem Gott es jetzt wieder Weihnacht werden läßt über uns armen, verwirrten, verlorenen Menschen, führt er uns aus aller Not und allem Grauen des Tages hin zu dem Bilde Jesu und sagt uns als Antwort auf alle unsere Seufzer und Klagen, als Antwort auf all unser Sündigen und Leiden: Siehe, das ist mein Knecht, den ich aufrecht halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Völker bringen.

Oder wollen wir anderswo eine Antwort und einen Ausweg suchen? Die kämpfenden Völker warten jetzt auf den Sieg ihrer Heere. Sie sagen: es wird Alles gut sein, wenn wir unser Recht behauptet und den Gegner niedergerungen haben. Dann ist ein dauerhafter Friede möglich, und Europa hat Ruhe. Hunderttausende hoffen jetzt in dieser Adventszeit auf den Frieden, der durch den Sieg erlangt werden soll. Hunderttausende beten darum. Und hüben und drüben sind die Hoffnungen gleich stark, die Gebete gleich eifrig. Wir können schon jetzt sagen, daß der Sieg der Waffen, ob er nun dieser oder jener Partei zufalle, eine Erlösung nicht bringen wird, keine wirkliche Antwort auf das große Weh, das durch die Menschheit geht. Die Erfahrung von Jahrtausenden sagt uns, daß der Sieg im Kriege die Einen in den Hochmut und in die Zügellosigkeit hineintreiben wird und die Anderen in die Wut und in die Verzweiflung. Das ist noch nie anders gewesen. Hochmut und Verzweiflung aber sind notwendig der Same zu neuen Völker- und Menschheitssünden und damit die Vorbereitung zu neuen Gottesgerichten, wie wir jetzt ein solches erleben. Gott wird es mit Sieg und Niederlage in diesem Krieg nach seiner Weisheit und Gerechtigkeit machen. Sieg und Niederlage werden die Weltgeschichte aufs tiefste beeinflussen, der Erdoberfläche ein anderes Gesicht geben, aber eins können sie nicht: sie zeigen keinen Ausweg aus der Not, die das Menschenleben im Großen und Kleinen beherrscht. Der größte und vollständigste Sieg vermag das Leid und das Unrecht nicht wieder gutzumachen, durch das er erkauft ist. Und am Tage, wo der Friede geschlossen wird auf dem Nacken der Besiegten, werden |591 auch die Kriegsrüstungen wieder beginnen, die dereinst die Vergeltung ermöglichen sollen.

Andere erwarten das Heil von einer allgemeinen Revolution, von einer Erhebung der Völker gegen ihre Regierungen, die sie in den Krieg geführt haben. Es hat keinen Wert, darüber zu reden, ob so etwas möglich wäre. Sicher ist, daß es nicht gut wäre, daß auch das keine Antwort wäre auf die Frage, die jetzt aus Millionen von traurigen und verwirrten Seelen zum Himmel emporsteigt. Es ist zwar bequem, alle Schuld an den Übeln der Welt den Regierungen zuzuschieben. In Wirklichkeit hat jedes Volk die Regierung, die es verdient. Es mag sie absetzen, es mag sie umbringen, es ist darum doch das gleiche Volk. Die Eifersucht und der Haß zwischen den Völkern und Rassen bliebe sich gleich, auch wenn sie alle von heute auf morgen andere Regierungen und andere Verfassungen bekämen. Und das wäre ja auch nicht anders möglich als durch Gewalt und Blutvergießen, so wie die Verhältnisse sind. Der Krieg müßte durch Krieg, durch den schrecklichsten Krieg, den Bürgerkrieg, überwunden werden. Was meint ihr, würde aus Unrecht Recht entstehen? Hieße das nicht, den Teufel durch Beelzebub austreiben [vgl. Mt. 12,24]? Die Revolution, auf die Viele hoffen, brächte vielleicht wohl eine kleine vorläufige Besserung, aber nicht die Erlösung, die wir nötig haben, weil sie wohl die Zustände verändern würde, aber nicht die Menschen, und weil sie selber ein Meer von Bitterkeit und Verbrechen entfesseln würde.

Und unsere katholischen Mitchristen sagen jetzt, die Völker und die Menschen sollten der Kirche wieder Untertan werden. Das heutige Unglück sei eine Strafe für den Abfall von Rom, und vom Stuhle Petri aus werde das Wort und die Kraft des wirklichen Friedens in die Welt hinausgehen. Ein Mann ist Papst geworden,3 der hauptsächlich als kluger Politiker gerühmt wird, und viele Augen blicken auf ihn, erwartungsvoll, ob nicht von dort das Heil kommen wolle. Es wird nicht von dort kommen, |592 auch das können wir auf Grund der Erfahrungen der Geschichte schon jetzt sagen. Die Kirche hat jahrhundertelang die Macht und den Einfluß auf die Seelen und auf die Staaten gehabt, die sie sich jetzt wieder wünscht. Aber sie hat ihnen den Gottesfrieden nicht geben können, einfach darum, weil sie ihn selber nicht hatte. Sie hat gegrollt und gehaßt und geherrscht und Geld zusammengescharrt, nicht besser und nicht schlimmer als andere Fürstentümer und Königreiche. Sie ist auch heute ein menschliches, weltliches, politisches Gebilde wie andere auch. Mit Politik ist der armen Menschheit nicht geholfen, wir haben nur zu viel Politik, wir ersticken ja eben an Politik. Die Welt kann nicht durch die Welt erlöst werden. Auch der kluge Mann in Rom und alle seine gewandten Diplomaten werden uns nicht aus dem Dunkel heraus-, sondern tiefer hineinführen in die Nacht menschlicher Schlauheiten und Gewaltsamkeiten, in der wir ohnehin schon so ratlos und hilflos umhertappen.

Sondern nun sagt uns Gott selber, sagt es uns in dieser Adventszeit, damit wir unsere Herzen vorbereiten auf eine rechte, ernste, gesegnete Weihnacht: Siehe, das ist mein Knecht! Jesus! Der wird das Recht unter die Völker bringen. Der wird die arme seufzende Welt erlösen. Jesus! Wer ist das? Keine Kriegsmacht. All den Millionen von Soldaten der Völker der Erde hat er keinen einzigen entgegenzustellen. Über unsere modernen Waffen und Geschütze würde er erstaunt lächeln: Wozu das? Er versteht nichts davon. Das Ringen der Schlachten geht hin und her. Er steht auf keiner Seite. Er hilft niemandem. Er drückt da und dort einem Sterbenden die Augen zu, er gibt da und dort einem Kämpfenden, Leidenden einen guten, fröhlichen, befreienden Gedanken ins Herz, gleichviel was er für eine Uniform trage. Und er wartet auf die Übrigen: wie lange werden sie es noch treiben? Und wenn nun der Sieg erfochten ist, so ist es ihm gleichgültig. Er wundert sich, worüber sich die Menschen so freuen. Er hat eben nichts zu tun mit solchen Siegen. Jesus ist auch keine Partei. Keine Partei kann ihn einfach als ihren Mann in Anspruch nehmen. Denn alle Parteien kämpfen, müssen siegen durch Klugheit und Übermacht, |593 oft durch List und Unrecht. Er sieht uns solche Wege gehen — er tadelt uns nicht, aber er geht nicht mit. Er siegt nicht durch Wahlen und Abstimmungen. Sein Ziel ist nicht: andere Verfassungen, Gesetze, Behörden. Er ist kein Machtfaktor wie die, mit denen die Politiker und die Zeitungen rechnen. Sie können ganz ruhig sein vor ihm. Er hat keine Anhänger und Vereinsgenossen, die dann und wann etwas unternehmen werden, sodaß man dann sagen könnte: Seht, das ist nun Jesus, das, was die sind, das, was die machen. Eben darum ist er auch kein noch so kluger Papst. Er stellt nicht ein Reich auf neben die Reiche der Welt. Er konkurriert nicht mit den Diplomaten und anderen gescheiten Leuten. Es ist ihm ganz gleichgültig, mit den Königen und Kaisern und anderen großen Herren in einem guten Verhältnis zu stehen oder auch nicht, und ebensowenig wirbt er um die Gunst der Volksmassen. Er geht mitten durch sie alle hindurch als ein Mensch und doch nicht als einer, der es auf menschliche Weise gewinnen will. Er hat gar nichts für sich als das, daß Gott an ihm Wohlgefallen und ihm seinen Geist gegeben hat. Das ist Alles. Das ist seine Macht. Das ist wenig, nicht wahr? Und das ist der, den Gott uns gezeigt als seinen Knecht. Wird er die Welt erlösen?

Wir wollen jetzt hören, wie dieser Knecht Gottes arbeitet. — Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen: Als eine verborgene, stille Macht geht er durch die Welt. Er will nicht reden und von sich reden machen, er will nur angenommen sein. Er drängt sich Niemandem auf, er ist nur still da, wo man ihn verstanden und liebgewonnen hat. Wer ihn nicht sehen will, sieht ihn nicht, und wer ihn nicht hören will, hört ihn nicht. Nichts ist leichter, als sich ihm zu entziehen. Man braucht nur gehörig Lärm zu machen und Staub aufzuwerfen, man braucht nur recht viel zu schwatzen und auf feine oder grobe Weise ein rechtes Wesen zu machen, dann ist er sofort weit entfernt. Er ist nichts als Geist. Er wohnt nirgends anders als im Herzensgrund stiller Seelen. Er tut nichts als Leben ausströmen, Leben von dem, das sein eigenes ist, Geistesleben. Das ist Jesus, |594 der Knecht Gottes. Nur eine Geistesmacht. Aber er ist stärker als die, die man die Großmächte dieser Welt nennt. Stärker als ihre Armeen. Stärker als ihre Kanonen. Stärker als die Maschinen und als das Geld. Stärker als die stärksten Netze und Ketten der Politik. Er ist der Geist der Wahrheit. Hat nicht Jesus die Wahrheit entdeckt, daß ein Vater über uns allen und über jedem von uns ist und daß wir alle Brüder sind? Das ist doch einfach die Wahrheit, und alles Andere, was die Menschen denken und sinnen und tun, ist Lüge daneben. Sie mögen lange denken und sagen: die Welt ist eine Welt der Sorge und des Verdrusses und der Tränen, und es kann nicht anders sein — es ist doch einfach nicht wahr: der Vater herrscht in der Welt und hält seine Hand über jedes seiner Kinder. Sie mögen lange sagen: wir müssen Unrecht tun, und Not kennt kein Gebot4 — es ist nicht wahr, es ist Lüge. Du weißt, daß es vor dem Vater nur ein Müssen gibt: du mußt ihm gehorchen. Sie mögen lange einander vernichten und plagen und chicanieren, sie wissen recht gut: ein solches Leben ist Unwahrheit, wir sind ja doch alle Brüder. Jesus ist mit dem, was er bringt, stärker als alles das, was ihm gegenübersteht. Das Großkapital und der Klassenhaß, der Machthunger der Fürsten und ihre 42-cm-Kanonen fahren auseinander in alle Winde, wenn er da ist, der Geist der Wahrheit. Aber er schreit seine Botschaft nicht hinaus in alle Welt, und seine Stimme hört man nicht auf den Gassen. Er weiß nur, daß er der Stärkere ist. Wo er ist, da ist Gottes Wohlgefallen. Da ist stiller Friede mitten in der Unruhe der Welt. Da ist Sicherheit, wo Alles auf und ab geht. Da ist eine große Freude mitten im Leid.

Und nun geht er seinen stillen Gang durch die Welt. Klopft da an und klopft dort an. Sucht sich die Leute heraus, die etwas Besseres verlangen als das, was alle Welt tut. Geht traurig, aber ruhig weiter, wo man ihn noch nicht versteht und nichts von ihm begehrt. Freut sich, wenn er einen gefunden, der ihm jubelnd antwortet: heute ist meinem Hause Heil widerfahren [vgl. Lk. 19,9], |595 und ihn aufnimmt als König seines Lebens. Freut sich am meisten, wenn einem von den Verschüpften,5 Verachteten, Geschimpften und Verstoßenen die Augen aufgehen und er die Wahrheit erkennt. Er hat am meisten Freunde unter diesen Leuten, unter denen, die in der Minderheit sind, unter denen, über die man den Kopf schüttelt, unter denen, denen es am «gesunden Menschenverstand» fehlt, wie man sagt. Und indem er so still durch die Welt geht und sich Freunde sucht, kann er warten. Es pressiert ihm nicht. Er begehrt keine unreifen Früchte. Eben darum preßt und beunruhigt er niemanden. Wenn jemand ihn nicht will, so ist er eben noch nicht reif dazu. Wenn irgendwo die Verhältnisse und Zustände verlottert und verdreht sind, dann ist eben die Zeit noch nicht da, wo sie durch die Kraft des Geistes verwandelt werden. Sie wird schon kommen. Aber es heißt warten. Er weiß, daß es um die Wahrheit eine große, heilige Sache ist, die man durch nichts mehr schädigt, als wenn man sie mit Gewalt aufrichten will. Sie muß wachsen. Sie muß entstehen, zuerst in den Seelen, und dann zunehmen und zu ihrem Rechte kommen und schließlich einfach da sein, schlicht und selbstverständlich. Bis dann einmal die Wahrheit alle Lüge verschlungen hat. So wirkt Jesus. So will er vor uns hintreten an der Weihnacht als ein stiller Mann, er, der uns das Größte zu sagen hat, als ein Geräuschloser, er, der die gewaltigste Botschaft auszurufen hat, als ein Bescheidener, er, der der Stärkste ist, weil er der Geist der Wahrheit ist. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Ob wir ihn wohl verstehen und aufnehmen werden?

Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Jesus ist nicht eine Kraft des Hasses, des Kampfes, der Zerstörung, er ist die Kraft der Aufrichtung, des Trostes, des Verbindens und Heilens, die Kraft der Gemeinschaft. Jesus sieht uns still zu, wie wir es machen und was wir damit anrichten. Er sieht uns, wie wir unseren Standpunkt haben, |596 unsere Meinung, wie wir sagen, wie wir uns wehren für unser Recht und uns dabei so schrecklich streng scheiden von diesen und jenen Anderen, die etwas anders geartet sind, etwas andere Interessen vertreten. Er sieht, wie wir so messerscharfe Urteile in uns herumtragen über unsere Brüder und Schwestern, manchmal still verborgen in uns, sodaß sie nur im Geheimen ihr Giftwerk tun können in uns selbst, manchmal lassen wir sie hervorzucken und -blitzen, daß es eine Art hat, schlagen dort eine Wunde, reißen hier einen Abgrund auf, bauen dort eine Trennungsmauer. Er sieht uns, wie wir so erbarmungslos sind miteinander, wie wir immer Recht haben, wie wir einander cujonieren und verfolgen, wie wir wahre Teufelchen werden aneinander, immer aufs neue hintereinander her sind, immer neue Knäuel von Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten einander an den Kopf werfen — nicht aus Bosheit, bewahre nein, sondern aus lauter Gerechtigkeit. Er sieht uns zu und sieht, was daraus entsteht, von den Gifteleien, mit denen man sich plagt über die Gasse am Vormittag oder am Nachmittag — aus Gerechtigkeit —, bis zum Weltkrieg, in den sich die halbe Menschheit verwickelt hat aus lauter Gerechtigkeit. Er tadelt uns nicht einmal groß deswegen, aber er macht es selbst total anders und wartet nun, bis wir es merken und es auch anders machen. Er geht nicht in die Welt hinaus von der Eigenliebe aus, die sich hinter unserer vermeintlichen Gerechtigkeit versteckt. Er kommt von der Liebe Gottes her.

Und darum sind für ihn die Menschen — die gleichen Menschen — ganz andere Wesen als für uns. Er sieht nicht vor Allem ihre Torheiten und Schwachheiten und Irrtümer, alles das, wo sie fehlbar sind und wo man sie anpacken kann. Es gibt ja dessen genug bei allen Menschen. Aber das interessiert Jesus nicht so stark, wie es uns interessiert. Er sieht in ihnen allen Kranke, zerstoßene Rohre, glimmende Dochte. Er weiß, es lebt etwas Höheres, Besseres in ihnen, in jedem von ihnen. Ein Held ist [in] ihnen gefangen, eine holdselige Königin. Aber eben, sie sind gefangen, krank. Sie leben in großer Kümmerlichkeit und Be|597schwerde. Man merkt ihnen so jämmerlich wenig an von dem Besseren, was in ihnen ist, ganz erstickt ist es von Vielem, das sich nach und nach so in ihnen angehäuft hat, fast will ihnen der Atem ausgehen. Wieviel bleibt übrig von einem Menschen, wenn man einmal anfängt, an ihm zu rupfen und ihm den Standpunkt klar zu machen, wie wir es so gerne tun? Gibt es da einen, dem man nicht zuletzt klipp und klar nachweisen könnte: du hast keinen Glauben, keine Liebe, keine Hoffnung? Und wie müssen erst die Völker dastehen, wenn man sich einmal bemüht, ihnen ihre Nationalfehler aufzuzählen, die Thurgauer und die Basler und die Aargauer, die Engländer, die Franzosen und die Deutschen! Da gibts kein Ende, wenn man einmal urteilen will. Jesus will nicht urteilen. Es macht ihm nicht die geringste Freude, auf einen zu zeigen und ihn in das Gebet zu nehmen und zu ihm zu sagen: du bist so und so einer.

Er kommt von der Liebe Gottes her. Und darum will er schonen, was schwach ist, heilen, was krank ist, verbinden, was auseinandergerissen ist, aufrichten, was darniederliegt. Er hat ein freundliches Wort für jeden Menschen, er ist gütig, um sie zu bessern, er glaubt daran, daß sie im Grunde nicht schlecht sind, sondern allesamt Kinder Gottes, und er zeigt es ihnen, daß er daran glaubt, er hält ihnen nicht den Zorn Gottes gegen sie vor, sondern die väterlichen Gedanken dessen, von dem sie sich entfernt haben. Er schlägt Brücken herüber aus der Ewigkeit hinein in ihr kleines kümmerliches Leben. Er nimmt die Hände der Streitenden und legt sie ineinander und sagt ihnen, daß sie Brüder sind. So geht Jesus durch die Welt. Als der Herold der Liebe Gottes, nur als das. Er paßt schlecht hinein in diese Welt, in der die Waffen gegeneinander prasseln, und lauter als sie die bösen, feindseligen Gedanken der Menschen, die einander verklagen und nichts als verklagen wollen. Er paßt schlecht in eine Welt, in der jeder, koste es, was es wolle, Recht haben will. Wir können getrost sagen: wie unpraktisch! die Liebe Gottes! man muß doch Recht haben, urteilen, streiten in der Welt. Nun wohl, er wartet, wie lange wir noch praktisch sein, wie lange wir noch unseren Weg |598 gehen wollen. Er hat Geduld mit uns Ungeduldigen. Er streitet nicht mit uns Streitsüchtigen. Er ist voll Erbarmen gegen uns Erbarmungslose. Aber das ist sicher, er läßt sich durch uns nicht irremachen. Er bleibt, der er ist. Und so wird er auch an der Weihnacht zu uns kommen: das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Er wartet, ob wir wohl herauskommen wollen aus unseren Mauslöchern und Sackgassen, ob wir mit ihm von der Liebe Gottes aus durch die Welt wandern wollen.

Und — er wird nicht ermatten und nicht zusammenbrechen, bis er auf Erden das Recht gegründet hat. Das ist das Größte, was uns von Jesus unterscheidet: Wir lauten und harten Menschen werden so schnell müde. Wir lärmen und eifern eine Zeitlang, wir stürmen eine Strecke weit, wir verwickeln uns tief hinein in irgend eine unserer Unternehmungen und Aufregungen, und dann auf einmal ist die Mattigkeit da. Woher eigentlich? Wenn wir jeweilen anfangen, könnte es aussehen, als ob wir bis ans Ende der Welt stürmen wollten. Wir treten so fest auf. Wir reden so schöne Worte. Wir kommen so unwiderstehlich daher. Und dann brechen wir eines Tages doch zusammen. Das Verleiden kommt über uns. Wir sagen uns: es geht nicht weiter. Wir suchen und finden einen guten Vorwand, aufzuhören. All unser lautes Rufen und Urteilen und Kämpfen nimmt ein solches Ende, früher oder später. Hast dus noch nie gemerkt, daß mitten im Widersprechen und Urteilen gegen Andere eine große Müdigkeit über dich kam? Ach, ich bin des Treibens müde!6 Ich habe genug, genug, genug geredet. Ich mag nicht mehr. Wie oft schon haben die größten Streitigkeiten und Aufregungen, von denen man hätte meinen können, es gehe um Tod und Leben, im Sand geendigt: es hatten alle Teile genug. Ja, warum mußte man denn überhaupt streiten!

Wie wird es sein, wenn der Weihnachtsabend sich hinuntersenkt über alle die Schützengräben in Frankreich und Belgien und Polen? Man wird dann allerlei niedliche Geschichtchen lesen, |599 wie auch dort Weihnacht gefeiert wurde, wie die Gegner einander in Ruhe ließen für den Abend, wie sie einander vielleicht sogar allerlei freundliche Grüße zusandten. Warum nicht? 18707 sind manche derartige rührende Züge vorgekommen. Aber wird dann nicht gerade dabei und beim Gedanken an das Fest eine unendliche innere Mattigkeit all die Kämpfenden befallen, das Gefühl: Genug, genug, genug mit diesem Morden hier, wir mögen nicht mehr! O ja, Alle, fast Alle werden so fühlen in der Weihnachtsnacht, auch die Kriegseifrigen zu Hause, hinter dem warmen Ofen, die jetzt nicht genug in das Feuer des Hasses und der Begeisterung blasen können. Es ist nicht anders: unsere menschlichen Machenschaften enden einmal alle in einem ungeheuren Überdruß. Sie gehen alle einmal an sich selbst zu Grunde. Sie sind alle Holzwege, die sich zuletzt im Gestrüpp verlieren, wo man nicht mehr weiter kann.

Jesus geht weiter. Er, der stille Mann. Er, der unpraktische Mann der Liebe. Das, was er in sich trägt von seinem ewigen Vater, das endigt nicht in einem verdrossenen Genug! Das verläuft nicht im Sande, sondern das ruft: Mehr und Mehr! und Weiter und Weiter! Eine ungeheure, unbesiegliche Kraft und Ausdauer liegt in der Botschaft, die Jesus trägt. Die Menschen kommen und gehen, fangen an und hören wieder auf. Die Reiche der Welt erheben sich und werden stark und übermächtig und beginnen zu kränkeln und sterben ab. Menschlicher Eifer, menschliche Begeisterung, menschliches Lieben und Hoffen flauen auf und flauen wieder ab, wie sie gekommen sind. Der Geist der Wahrheit aber bleibt derselbe durch die Jahrtausende hin, und die Liebe höret nimmer auf [1.Kor. 13,8]. Wenn wir zusehen, wie diese Gewalten wirksam sind durch alles Leid und alle Sünde hindurch, wie sie sich immer wieder geltend machen, immer wieder da sind, immer wieder kräftiger und kräftiger ihr Anrecht geltend machen auf den Menschen, dann bekommen wir einen Eindruck davon, daß die Geschichte der Menschheit geführt und geleitet |600 wird von einer kräftigen Hand, den Eindruck von der stillen Überlegenheit Gottes über die Welt. Wohl mag sichs manchmal wieder verwirren und verdunkeln, aber der Gang Jesu ist schließlich nicht aufzuhalten. Der Knecht Gottes arbeitet weiter, «bis er auf Erden das Recht gegründet hat». Und vorher wird er nicht ermatten und nicht zusammenbrechen. Er ist unwiderstehlich. Darum kann er warten und stille sein. Darum kann er so geduldig und freundlich bleiben. Er ist des Sieges gewiß. Er wird die neue Welt bauen.

Und so kommt er nun zu uns in der Weihnachtszeit. Advent! Amen, ja komm Herr Jesu [Apk. 22,20]! Wie, wir sollten dies Jahr nicht Weihnacht feiern? Umgekehrt! Gerade dies Jahr werden Tausende und Abertausende zum ersten Mal wissen, warum sie Weihnacht feiern. Sie werden aus Not und Sünde ihre Augen zu ihm erheben und ihn erkennen, der uns still und sanftmütig das Reich des Friedens bringt.

Amen.

Sachfußnoten

1
Als Lied, das in dem Gottesdienst gesungen wurde, ist auf dem Mskr. notiert: Nr. 89: «Nun jauchzet all’, ihr Frommen …» von M. Schirmer (1606–1673), Strophen 1 und 2; 3–5 (EKG 7, Strophe 1 und 3; 4–6) 🎵.↩
2
Aus Strophe 5 des Liedes 214 (EKG 195): «Aus tiefer Not schrei ich zu dir …» von M. Luther (1483–1546). 🎵↩
3
Benedikt XV. (1914–1922).↩
4
Vgl. Predigt 243 vom 25. Oktober 1914, S. 532. ↩
5
Verschüpft = beiseite gestoßen.↩
6
Aus J. W. von Goethes Gedicht «Wanderers Nachtlied» I (1776) 📖.↩
7
Deutsch-französischer Krieg.↩