Predigt: Matthäus 23,8
Seht da die wunderbare Ordnung des Gottesreiches, die Jesus uns aufgetan: Einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder! Sie steht in der Bibel geschrieben für jeden, der sie sehen will. Aber wahrhaftig nicht nur in der Bibel. Wir alle tragen sie im Herzen. Unter uns ist kein Einziges, das sagen dürfte: ich kenne sie nicht. Jesus hat ja nur hervorgeholt und ans Licht gebracht, was von Anbeginn der Welt an den Menschen als den geliebten Kindern Gottes ins Herz geschrieben war als ihr tiefstes Wesen und ihre höchste Bestimmung. Wenn wir den Ruf Jesu vernehmen, wenn diese Ordnung, die wir alle kennen, hervorgeht aus der Verborgenheit unserer Seele und die Herrschaft gewinnt über unser Fühlen und Denken und Handeln, über unser Leben, dann ist das Gottesreich da. Dann wird uns das Leben zu einer Freude. Denn diese Ordnung ist eine Freudenordnung. Sie verscheucht mit einem Schlag alle die Schatten und Nebel, die jetzt so trüb über uns lagern, sie macht alles das Gift unwirksam, das uns jetzt das Dasein verbittert, sie überwindet die Sünde, sie hebt die Schuld auf, sie besiegt und vernichtet den Tod. Wenn wir wirklich unter dieser Ordnung stehen, tun wir das Gute. Denn sie ist das Gesetz und die Quelle alles Guten. Wenn sie gilt, dann tun wir leicht, fröhlich und selbstverständlich, was recht ist und nur was recht ist. Wo diese Ordnung gilt, da ist Gerechtigkeit, da hören auf alle Ungleichheit, alle Willkür, alle Ausbeutung unter den Menschen; denn sie ist die Ordnung eines gerechten Zusammenlebens. Und |554 sie macht dem Krieg ein Ende; denn sie beseitigt seine Ursachen: den Hochmut, den Neid und den Haß und die Freude an der Gewalt. Warum lassen wir es nicht zu, daß diese Ordnung hervorgehe und die Herrschaft gewinne über uns? Gott wartet nur auf uns.
Hört, wie diese Gottesordnung lautet: Einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder! Daß wir einen Meister haben, das ists, was wir brauchen. Wir sehnen uns danach, einen Meister zu haben, einen, der über uns steht und nach dem wir uns zu richten haben. Wir sind im Grunde traurig und trostlos, solange wir unsere eigenen Herren sein, nach unserem eigenen Kopfe leben wollen. Unsere Seele, unser ganzes Wesen ist darauf angelegt, daß wir uns einer höheren Macht, einer höheren Einsicht, einer höheren Kraft unterwerfen als unserer eigenen. In dieser Unterwerfung finden wir die rechte Freiheit und die rechte Ruhe. Wir wissen dann, wozu wir da sind. Wir wissen, was das Ziel und der Inhalt unseres Lebens sein soll. Wir wissen, was wir zu tun haben. Wir irren nicht mehr. Wir hindern uns selber nicht mehr. Wir verlieren nicht mehr unnötig Zeit und Kraft, wenn wir einen Meister haben. Und wir leiden nicht mehr an jener Angst und Unsicherheit, die manche Menschen bis zu ihrem Tod verfolgt. Ein großer Friede kommt über uns. Wir entsetzen uns nicht mehr vor den Unbegreiflichkeiten des Lebens. Wir brechen nicht mehr zusammen vor seinen Mißerfolgen. Unsere Sache ist ja nicht mehr unsere eigene Sache, wir leben nicht mehr uns selber. Und darum können wir warten, können ertragen, können stille sein. Wir haben nur zu tun, was wir tun können. Was geht es uns an, wie es herauskommt? Wir haben einfach das Vertrauen, daß es schließlich gut herauskommt. So sind wir dran, wenn wir einen Meister haben.
Unser Meister ist Christus. Er allein kann wirklich unser Meister sein, er allein kann der sein, vor dem wir uns wirklich unterwerfen, zu dem wir schließlich jenes rückhaltlose Vertrauen haben können. Denn ihm allein gegenüber können wir schließlich bekennen: da ist nun wirklich höhere Macht, höhere Einsicht, höhere Kraft als meine eigene. Wir spüren zu deutlich, wie das, was in ihm war und |555 was er uns mitzuteilen hat, das Bessere ist, das uns schmerzlich fehlt, solange wir unsere eigenen Zickzackwege gehen. Andere Meister würden uns früher oder später im Stich lassen, sie könnten uns nicht helfen, alle Rätsel aufzulösen, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Wir wären früher oder später doch wieder allein, müßten doch wieder nach etwas Höherem verlangen, wenn wir anderen Meistern folgen wollten. Wenn wir Christus kennen lernen, seinen tiefen unerschütterlichen Lebensernst, seine zu Herzen gehende kindliche Einfachheit, seine unergründliche Wahrhaftigkeit, seine unerschöpflich quellende Freudigkeit und Liebe, dann wissen wir: das ist das Letzte, Höchste, das ich annehmen, dem ich mich unterwerfen muß, das ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, das ist der ewige Felsen der Gottheit, auf den ich für immer und durch Alles hindurch trauen und bauen kann. Das ist mein Meister! Er ist es, weil er uns kein Fremder ist, weil er uns nicht etwas aufdrängt, was eigentlich gar nicht zu uns gehört. Sondern vielmehr das Beste, was in uns ist, er weckt es und holt es hervor. Christus ist nicht der Gärtner, der probiert, eine ausländische Pflanze auf dem widerstrebenden Boden der Menschheit heimisch zu machen. Er ist die Sonne und der Tau des Himmels, der nur zum Leben bringt, was bereits an lebendigen Keimen in diesem Boden enthalten ist. Die Lebenskraft, die vom Himmel kommt, und die Lebenskraft, die in der Erde ist, sie gehören zusammen, sie sind ein Leben und Wesen. Unser Eigenes, das wir ihm opfern müssen, wir verlieren es nicht, sondern wir empfangen es erst, wenn wir es ihm öffnen. Wir finden uns selbst, wenn wir ihn finden. Wenn er unser Meister ist, so ist das nicht Knechtschaft, sondern Freiheit und Herrschaft. Und darum kann er unser Meister sein, wie kein Anderer es sein könnte.
Den tiefsten Grund haben wir noch nicht genannt: Christus ist unser Meister und nur
er, weil er uns gegenübersteht als der, der nichts Eigenes, nichts für sich sucht.
Oder vielmehr: Sein Eigenes ist es, daß er nur Gott suchen und finden will, daß er
auch uns nichts Anderes nahebringen will als den Willen Gottes. Jesus war
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kein Erwerbsmensch und kein Politiker, er wollte nicht persönliche Freunde gewinnen,
und er wollte nicht das Leben genießen. Das sind ja Alles nur verschiedene Arten,
sich selbst zu hegen und zu pflegen, für sich selbst zu leben und zu arbeiten. Jesus
war erlöst von alledem. Er wußte nur, daß Gott herrschen müsse und darum die Liebe
und die Wahrheit und der Friede. Und wenn er unser Meister wird, so will er nichts
von uns, als auch uns unter Gott zu stellen. «Was heißest du mich gut, niemand ist
gut denn allein Gott!» [
Ihr aber seid alle Brüder! Das ist der Wille Gottes, den Jesus uns
nahelegt. Es ist völlig unmöglich, ihm anders zu gehorchen als dadurch, daß wir
untereinander Brüder sind. Alles das, was Gott ist, die Liebe, die Wahrheit und der
Friede, das wird greifbar lebendig in der Gemeinschaft der Menschen untereinander, in
der Brüdergemeinschaft. Und alles das, was von Gott aus hinein soll in unser Leben,
das ist die Brüdergesinnung. Jesus selber hat sich dafür eingesetzt bis in den Tod:
unser Bruder zu sein. Und indem er unser Meister wird, sagt er uns: ihr seid alle
Brüder. «So wir im Licht wandeln, wie er im Lichte ist, so haben wir Gemeinschaft
untereinander» [
Ihr seid alle Brüder! Was heißt das? Wir denken bei dem Wort «Brüder» wohl unwillkürlich zuerst an Menschen, die einander helfen. Und damit haben wir wohl recht. Das Helfen gehört auch zur Bruderliebe. Aber wir müssen tiefer gehen. Wenn z. B. die Glieder einer Familie einander beistehen, wenn gute Freunde sich gegenseitig Dienste leisten, wenn die Mitglieder einer Partei zusammenhalten, wenn überhaupt die Menschen einander «helfen» in dem Sinn, wie wir das Wort etwa brauchen: «er hilft» dem, «er hilft» jenem, so ist das alles ganz schön und löblich und notwendig, aber das alles ist nicht die Gemeinschaft, die wir untereinander haben sollen, wenn einer unser Meister ist, das alles ist nicht die Bruderliebe, die das Gottesreich herbeiführt. Und wenn heute ein jedes Volk mit Gut und Blut zusammensteht, alle privaten Rücksichten und Gegensätze auf die Seite stellt und eins wird in der Aufgabe, sich zu verteidigen gegen den Feind, so ist das zwar ein wunderbar hoher Vorgang, vor dem wir uns nur fragen können, ob wir auch dazu fähig wären, aber die befreiende, erlösende Bruderliebe, das Geschenk Gottes, das dem Menschenleben ewigen Wert und Inhalt gibt, ist auch das nicht. Denn — merkt ihrs? — was wollen die Menschen, wenn sie so zeitenweise |558 wie Brüder miteinander zu handeln scheinen? Sie wollen zusammen Geld verdienen, zusammen sich einen guten Namen machen, zusammen zu Macht und Ansehen kommen, zusammen ein starkes, siegreiches Volk sein. Dazu müssen sie freilich einander helfen. Aber wie gehts? Indem sie einander helfen, schaden sie anderen. Ihre Gemeinschaft ist nicht eine Gemeinschaft des Friedens. Es ist noch viel, wenn sie sagen: wir wollen für uns sehen und uns um die Anderen nicht kümmern. Meistens aber werden sie sagen: wir wollen zusammenhalten gegen die Anderen, gegen die, die gegen uns sind, die uns nicht verstehen, die uns schaden — gegen unsere Feinde. Wir wollen Brüder sein zu Schutz und Trutz, um es zusammen zu gewinnen über die bösen Leute, um ihnen durch vereinte Kraft den Daumen aufs Auge zu setzen, ihnen den Meister zu zeigen. Habt ihrs gehört? Ihnen den Meister zu zeigen! Darum schließen wir uns manchmal untereinander zusammen zu kleineren oder größeren Trüpplein. Darum ist jede Familie ein Block, der zwar nach innen oft sehr uneins, aber nach außen fast immer einig ist, das ist der Zweck und der Inhalt unserer Parteien und Vereine, das ist die Einigkeit der Völker im Kriege. So helfen wir einander. Immer zuletzt doch Einer gegen den Anderen. Aus dieser Art Gemeinschaft und Bruderschaft kann kein Segen entstehen. Keine wirkliche Erlösung und Freiheit kann daraus hervorwachsen. Sie beruht ja gerade auf den Trieben, die die Menschen nicht verbinden, sondern auseinanderreißen. Sie hat Neid und Haß und Vernichtung und Feindschaft zur Folge. Sie hält auch nicht Stand, sie ist nur etwas Vorläufiges, Vorübergehendes. Man hilft sich wohl eine Weile, aber dann zankt man doch wieder miteinander, dann verbindet man sich vielleicht wieder mit irgend einem Anderen, und dann beginnt das Spiel von neuem wie bei den Freundschaften der Kinder. Nicht wahr, so haben wir alle auch schon einander geholfen und haben dann die Erfahrung gemacht, daß nichts Gutes daraus entstanden ist.
Ihr seid alle Brüder! Das ist etwas Anderes. Warum sind wir Brüder? Weil wir alle den einen Meister haben. Weil in unser aller Seelen gemeinsam die Bestimmung wohnt, Gott anzugehören und |559 nach seinem Gebot und in seiner Kraft zu leben. Weil wir alle gemeinsam leiden unter der finsteren Macht der Selbstsucht, die wir zwischenhineinkommen lassen, und unter den traurigen Folgen, die diese böse Herrschaft für uns hat. Weil wir alle die eine Befreiung kennen und haben in dem Weg des Gottesgehorsams, den Jesus gegangen ist. Weil uns allen dieselbe große Aufgabe gestellt ist, diese Befreiung offenbar werden zu lassen in unserem Handeln und Benehmen, in unseren Worten und Taten, in unserem persönlichen Leben wie in der Gemeinde und in der Volksgemeinschaft. Das heißt: «Brüder sein», wenn wir durch diese große Sache miteinander verbunden sind; und wir sind tatsächlich darin miteinander verbunden, diese tiefste Frage unseres Lebens ist tatsächlich das Einheitsband, das uns mit allen Menschen verbindet; so gewiß wir Jesus anerkennen müssen aus tiefstem Herzen als Meister, so gewiß müssen wir einander gegenseitig anerkennen als Brüder, als solche, die zusammengehören. Wer einmal die große Auferweckung der Seele durch Christus erlebt hat, der weiß dann auch, wie er sich zu seinen Mitmenschen zu stellen, wie er von ihnen zu denken hat. Er versteht das große heilige Wort: Gemeinschaft. Die Auferweckung des Menschen aus dem Schlaf eines falschen, ungerechten und unglücklichen Wesens zu einem wahrhaftigen Leben in Gott, das ist die Gemeinschaft. Weil sie aller Menschen Angelegenheit ist, darum sind alle Menschen Brüder. Nicht wahr, das ist wirklich etwas Anderes, als wenn wir einander helfen in unseren höchst menschlichen und oft so höchst widergöttlichen Angelegenheiten, beim Geldzusammenscharren und beim Rechthaben und beim Großsein vor den Leuten und beim Ehrgeiz und Machthunger der Völker. Das alles ist nicht die wahre Bruderschaft. Das ist nichts und daraus wird nichts als eben all der Kummer, all das Gift, als die Unseligkeit, die daraus werden kann. Wenn wir doch das einmal merken wollten: wir sind gar nicht dazu da, um einander zu «helfen», um einander unter die Arme zu greifen, wenn ein Streit ausgefochten wird, um einander recht zu geben, wenn zwei etwas gegeneinander haben!
560 Es wird ja auch manchmal sein müssen, es muß z. B. gegenwärtig sein, wo die Völker den Krieg führen. Aber ist dann da eigentlich etwas Schönes dabei? Müßten wir nicht gerade dabei Sehnsucht bekommen nach einer höheren, wahren Gemeinschaft und Bruderschaft? Da wollen wir uns doch freuen darüber, wir Schweizer, daß wir jetzt niemand «helfen» müssen. Da wollen wir uns doch ganz klar bleiben darüber, daß die Frage, ob nun der Deutsche oder der Franzos recht hat, gar nicht so wichtig ist neben der Tatsache, daß wir Menschen alle mit unserem bisherigen Wesen nicht recht haben, neben der Frage: wie kommen wir dazu, alle miteinander die Gerechtigkeit Gottes zu empfangen in der Nachfolge unseres Meisters? Hoch erhoben über den Streit der Völker sehen wir Christus, der allen Menschen das wahre Leben bringt, und darum haben wir jetzt allen Völkern nichts zu sagen als das: ihr seid alle Brüder! Wer von euch recht hat, wer von euch der Stärkere sein wird, das wissen wir nicht, darauf kommt es nicht so sehr an, darum gibt es für uns nichts zu «helfen», aber das wissen wir, daß ihr alle zusammengehört, weil ihr alle Menschen seid und darum geliebte Kinder Gottes. Damit helfen wir freilich auch beim Völkerkrieg, aber wir helfen nicht dem Deutschen und nicht dem Franzosen und nicht dem Engländer, sondern ihnen allen, wir helfen der Menschheit, die sich so stark nach Erlösung sehnt und die jetzt so schwer unter den Folgen ihrer Irrtümer leidet. Das ist die große Gemeinschaftsaufgabe, die uns Schweizern jetzt von unserem Meister gestellt ist.
Und wir wollen diese Gemeinschaftsaufgabe nicht nur auf den Krieg anwenden, sondern auch auf die Unterschiede und Gegensätze, die uns untereinander trennen, gegeneinander aufhetzen. Hans und Fritz oder Frau Meyer und Frau Müller haben Streit miteinander. Und nun bildet sich um jeden ein Klümplein. Die helfen hier, die helfen dort. Es mag sein, daß das manchmal sein muß. Aber das wollen wir doch keinen Augenblick vergessen, daß es vollständig gleichgültig ist, ob Hans oder Fritz recht hat und es schließlich gewinnt, gewaltig wichtig aber ists, daß beide aus ihrem kleinlichen Wesen herauskommen zu großen Gedanken, die |561 ihnen solche Zänkereien unmöglich machen. Nicht der ist dein guter Freund, der dir hilft beim Zanken, sondern der, der dir etwas Besseres zeigt als Zank und Zänkerei. Ihr seid alle Brüder! Wir haben alle miteinander Besseres zu tun, als zu streiten.
Und es ist das Gleiche bei den Parteien unter uns. Sie müssen ja sein. Aber es kommt nicht so sehr viel darauf an, welche mehr Einfluß und Macht hat, solange es doch alle nur auf ihre eigenen Interessen abgesehen haben. Da hat man noch immer die Erfahrung gemacht, daß es nicht besser gekommen ist, ob nun die eine oder die andere siegte. Wohl aber kommt Alles darauf an, daß überall mehr Einsicht in die Wahrheit und mehr Liebe zur lauteren Gerechtigkeit sich verbreiten, daß Alle hüben und drüben ihren Meister finden. Dann wird sicher zum Schluß die Partei die beste und die stärkste sein, die am kräftigsten erfüllt ist von diesem Brudersinn, die am sichersten steht auf dem Boden dieser ewigen Gemeinschaft des Guten. Und so müssen alle die Grüpplein und Trüpplein, die Vereine und Cliquen, in die wir uns gegeneinander absondern, ihre Bedeutung verlieren. Sie haben alle gerade so viel Recht, als sie nicht etwas für sich sind und gegen niemand gerichtet sind. Wo man auf die Seite geht, um sich selbst aufzublasen und den offenen oder geheimen Unfrieden zu pflegen, da hat mans zum vornherein verloren. Dagegen ist die Freundschaft, der Verein, der Kreis von Menschen etwas wert vor Gottes Augen, der sich nur zusammentut, um die Gemeinschaft mit Allen zu pflegen, um das zu suchen, was uns alle miteinander verbindet.
Ihr seid alle Brüder! Es ist Gottes Wille, daß wir als Wesen, die alle ein Bedürfnis und eine Erlösung haben, eins seien miteinander, statt daß wir unserem eigenen Willen gehorchend auseinanderstreben. Darum ist Christus unser Meister, weil er diesen Gotteswillen in unser Leben hineinträgt. Wir wollen noch einen Augenblick darüber nachdenken, wie wir diesen Gotteswillen in unserem Leben anwenden wollen.
Weil wir Brüder sind, können wir nicht gleichgültig sein gegeneinander. Die heilige, große Angelegenheit, die uns alle verbindet, ist wie der lebendige Funke, der von einem zum anderen hin|562überzünden muß. Sie verträgt keine Kälte, kein Unbekanntsein, keine Trockenheit der Menschen untereinander. Es gibt so viele Menschen, die so viel reifer sein könnten inwendig, wenn sie gewisse andere Menschen kennen würden, nicht nur äußerlich, sondern aus der Nähe. Wenn man sie doch an der Hand fassen und zueinander führen könnte, was für eine Wohltat wäre ihnen erwiesen! Und es gibt einsame Menschen, die sich grämen und langsam verbittern lassen, weil sie unter der Kälte und Trockenheit der Anderen so leiden. Sie hätten es so nötig, berührt zu werden von dem warmen Leben der Anderen, und sie könnten selbst so viel geben, wenn man sich um sie kümmerte. Wenn man doch die Menschen zu ihren einsamen Brüdern führen könnte und die Einsamen zu ihnen! Und wieder Andere verstehen sich nicht und können sich nicht verstehen, weil sie sich mit einer steifen, vornehmen Zurückhaltung umgeben haben. O, wer da die Mauern einreißen könnte und die Menschen zueinander bringen könnte, die so darunter leiden, daß sie sich gleichgültig geworden sind! Ja, das kann man ihnen freilich lange predigen, sie vermögen es nicht zu tun, aber wenn sie durch den einen Meister Brüder geworden sind, dann ist es ihnen selbstverständlich, dann finden sie einander. Weißt du niemand, den [du] so finden müßtest nach langer Kälte?
Und weil wir Brüder sind, können wir einander nicht regenten2 wollen. Das tun wir so gerne. Es macht uns so großes Vergnügen, einander zu erziehen und zu bewachen gegenseitig. Wir sind einander so gern Onkel und besonders Tante. Da sitzt jedes auf seinem Thrönlein und redet auf die Anderen hinunter und hat sie lieb, wenn sie seinen Ratschlägen gehorchen, und grollt mit ihnen, wenn sie auch noch auf andere Leute hören. Und mit diesem Regenten plagen wir einander und uns selber. Das hört auf, nicht wahr, einer ist unser Meister, Christus, wir aber sind alle Brüder. Wir sind nicht dazu da, um uns zu beherrschen und geltend zu machen, sondern um einander zu dienen. Wir stehen nebeneinander mit unseren Gebrechen und Fehlern und mit der großen |563 Sehnsucht, die in uns ist nach etwas Höherem. Wir haben uns gegenseitig viel zu verzeihen und haben gegenseitig viel voneinander zu lernen, so wollen wir doch nicht Zeit verlieren, indem wir darum zanken, wer unter uns der Erste sein soll!
Und weil wir Brüder sind, können wir nicht gegeneinander, sondern nur füreinander sein. Wir denken jetzt natürlich, ob wir dann auch der bösen Menschen Brüder seien? Ja, auch der bösen Menschen. Was ist denn ein böser Mensch? Sind wirs nicht alle? Was ist denn ein guter Mensch? Sollen wirs nicht alle werden? Ist nicht in jedem Menschen viel Beklagenswertes, und fehlt es irgendeinem ganz an dem Ruf Gottes an seine Seele, an dem tiefsten Verlangen, dem Rufe zu folgen? Haben wir das Recht, uns von einem zu scheiden, weil er schwächer, weiter zurück ist als wir? Wir haben nur die Pflicht, ihm soviel wir können beizustehen, daß er weiterkommt. Und dazu müssen wir ihn erst recht als Bruder betrachten und behandeln. Müssen an das Bessere glauben, das in ihm ist, müssen ihn von der Seite nehmen, wo er dem Guten am offensten ist, müssen nichts unversucht lassen, auch ihm zum Bewußtsein zu bringen, daß die Gemeinschaft zwischen ihm und uns trotz Allem besteht. Wenn du wirklich dahin kommst, daß du ihm Feind wirst, daß du ihn hassest, daß du ihm etwas nicht vergessen willst oder wie wirs dann ausdrücken, dann hast dus verloren. Gottes Gemeinschaft hört ja auch nicht auf mit den bösen Menschen, auch mit uns nicht, Gott wird uns auch nicht Feind, obwohl er es könnte. So wollen wir es auch machen. Wir können es gar nicht mehr anders machen, wenn wir einmal unseren Meister gefunden haben.
So, nun haben wir die Ordnung des Gottesreiches wieder einmal vor uns hingestellt. Und unser Gewissen sagt uns: so ist es. Und unsere Seele sehnt sich nach Befreiung und seufzt: wenn es doch bei mir so wäre! Und die ganze unerlöste Welt in uns und um uns seufzt nach Erlösung. Und sie ist uns so nahe. Wir aber, wir gehen nun alle wieder heim in unsere Häuser und machen in allen Stücken das Gegenteil: händeln und helfen händeln, sind kalt und gleichgültig, wollen recht haben und |564 hassen, wo wir gehaßt werden. Nichts ist anders geworden. Eine Predigt mehr über das, was die Menschen ja doch nicht erreichen.
Was denkt wohl eigentlich Gott von uns?