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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 23,8</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 23,8, 8. November 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5050 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 553–564.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 23,8</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 553-564</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 245</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 23,8, 8. November 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1685">KBA 1223</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-11-08">8. November 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-11-08">8. November 1914</date><note xml:id="n01">Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf
                     dem <ref corresp="A">Mskr.</ref> notiert: <bibl corresp="kbga-songs-202" type="song">
                                Nr. 19: «Die Gottesseraphim erheben ihre Stimm’» von <persName ref="kbga-actors-579">Chr. Gregor</persName>
                        (1723–1801) (V. 1) und <persName ref="kbga-actors-1414">H. Weber</persName> (1821–1900) (V.
                     2/3), Strophen 1–3</bibl>; <bibl type="song" corresp="kbga-songs-115">Nr. 168 (EKG 219): «O daß doch bald dein Feuer brennte» von <persName ref="kbga-actors-1353">G. F. Fickert</persName>
                     (1758–1815), Strophen 1,6,7,8.</bibl>
                        </note>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.23.8">Matthäus 23,8</ref>
              <quote>Einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder!</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Seht da die wunderbare Ordnung des Gottesreiches, die Jesus uns aufgetan: Einer ist
               euer Meister, ihr aber seid alle Brüder! Sie steht in der Bibel geschrieben für
               jeden, der sie sehen will. Aber wahrhaftig nicht nur in der Bibel. Wir alle tragen
               sie im Herzen. Unter uns ist kein Einziges, das sagen dürfte: ich kenne sie nicht.
               Jesus hat ja nur hervorgeholt und ans Licht gebracht, was von Anbeginn der Welt an
               den Menschen als den geliebten Kindern Gottes ins Herz geschrieben war als ihr
               tiefstes Wesen und ihre höchste Bestimmung. Wenn wir den Ruf Jesu vernehmen, wenn
               diese Ordnung, die wir alle kennen, hervorgeht aus der Verborgenheit unserer Seele
               und die Herrschaft gewinnt über unser Fühlen und Denken und Handeln, über unser
               Leben, dann ist das Gottesreich da. Dann wird uns das Leben zu einer Freude. Denn
               diese Ordnung ist eine Freudenordnung. Sie verscheucht mit einem Schlag alle die
               Schatten und Nebel, die jetzt so trüb über uns lagern, sie macht alles das Gift
               unwirksam, das uns jetzt das Dasein verbittert, sie überwindet die Sünde, sie hebt
               die Schuld auf, sie besiegt und vernichtet den Tod. Wenn wir wirklich unter dieser
               Ordnung stehen, tun wir das Gute. Denn sie ist das Gesetz und die Quelle alles Guten.
               Wenn sie gilt, dann tun wir leicht, fröhlich und selbstverständlich, was recht ist
               und nur was recht ist. Wo diese Ordnung gilt, da ist Gerechtigkeit, da hören auf alle
               Ungleichheit, alle Willkür, alle Ausbeutung unter den Menschen; denn sie ist die
               Ordnung eines gerechten Zusammenlebens. Und
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                sie macht dem Krieg ein Ende; denn sie beseitigt seine Ursachen: den Hochmut, den
               Neid und den Haß und die Freude an der Gewalt. Warum lassen wir es nicht zu, daß
               diese Ordnung hervorgehe und die Herrschaft gewinne über uns? Gott wartet nur auf
               uns.</p>
        <p>Hört, wie diese Gottesordnung lautet: Einer ist euer Meister, ihr aber seid alle
               Brüder! Daß wir einen <hi rend="italic">Meister</hi> haben, das ists, was wir brauchen.
               Wir sehnen uns danach, einen Meister zu haben, einen, der über uns steht und nach dem
               wir uns zu richten haben. Wir sind im Grunde traurig und trostlos, solange wir unsere
               eigenen Herren sein, nach unserem eigenen Kopfe leben wollen. Unsere Seele, unser
               ganzes Wesen ist darauf angelegt, daß wir uns einer höheren Macht, einer höheren
               Einsicht, einer höheren Kraft unterwerfen als unserer eigenen. In dieser Unterwerfung
               finden wir die rechte Freiheit und die rechte Ruhe. Wir wissen dann, wozu wir da
               sind. Wir wissen, was das Ziel und der Inhalt unseres Lebens sein soll. Wir wissen,
               was wir zu tun haben. Wir irren nicht mehr. Wir hindern uns selber nicht mehr. Wir
               verlieren nicht mehr unnötig Zeit und Kraft, wenn wir einen Meister haben. Und wir
               leiden nicht mehr an jener Angst und Unsicherheit, die manche Menschen bis zu ihrem
               Tod verfolgt. Ein großer Friede kommt über uns. Wir entsetzen uns nicht mehr vor den
               Unbegreiflichkeiten des Lebens. Wir brechen nicht mehr zusammen vor seinen
               Mißerfolgen. Unsere Sache ist ja nicht mehr unsere eigene Sache, wir leben nicht mehr
               uns selber. Und darum können wir warten, können ertragen, können stille sein. Wir
               haben nur zu tun, was wir tun können. Was geht es uns an, wie es herauskommt? Wir
               haben einfach das Vertrauen, daß es schließlich gut herauskommt. So sind wir dran,
               wenn wir einen Meister haben.</p>
        <p>Unser Meister ist <hi rend="italic">Christus</hi>. Er allein kann wirklich unser Meister
               sein, er allein kann der sein, vor dem wir uns wirklich unterwerfen, zu dem wir
               schließlich jenes rückhaltlose Vertrauen haben können. Denn ihm allein gegenüber
               können wir schließlich bekennen: da ist nun wirklich höhere Macht, höhere Einsicht,
               höhere Kraft als meine eigene. Wir spüren zu deutlich, wie das, was in ihm war und
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                was er uns mitzuteilen hat, das Bessere ist, das uns schmerzlich fehlt, solange wir
               unsere eigenen Zickzackwege gehen. Andere Meister würden uns früher oder später im
               Stich lassen, sie könnten uns nicht helfen, alle Rätsel aufzulösen, alle
               Schwierigkeiten zu überwinden. Wir wären früher oder später doch wieder allein,
               müßten doch wieder nach etwas Höherem verlangen, wenn wir anderen Meistern folgen
               wollten. Wenn wir Christus kennen lernen, seinen tiefen unerschütterlichen
               Lebensernst, seine zu Herzen gehende kindliche Einfachheit, seine unergründliche
               Wahrhaftigkeit, seine unerschöpflich quellende Freudigkeit und Liebe, dann wissen
               wir: das ist das Letzte, Höchste, das ich annehmen, dem ich mich unterwerfen muß, das
               ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, das ist der ewige Felsen der
               Gottheit, auf den ich für immer und durch Alles hindurch trauen und bauen kann. Das
               ist mein Meister! Er ist es, weil er uns kein Fremder ist, weil er uns nicht etwas
               aufdrängt, was eigentlich gar nicht zu uns gehört. Sondern vielmehr das Beste, was in
               uns ist, er weckt es und holt es hervor. Christus ist nicht der Gärtner, der
               probiert, eine ausländische Pflanze auf dem widerstrebenden Boden der Menschheit
               heimisch zu machen. Er ist die Sonne und der Tau des Himmels, der nur zum Leben
               bringt, was bereits an lebendigen Keimen in diesem Boden enthalten ist. Die
               Lebenskraft, die vom Himmel kommt, und die Lebenskraft, die in der Erde ist, sie
               gehören zusammen, sie sind ein Leben und Wesen. Unser Eigenes, das wir ihm opfern
               müssen, wir verlieren es nicht, sondern wir empfangen es erst, wenn wir es ihm
               öffnen. Wir finden uns selbst, wenn wir ihn finden. Wenn er unser Meister ist, so ist
               das nicht Knechtschaft, sondern Freiheit und Herrschaft. Und darum kann er unser
               Meister sein, wie kein Anderer es sein könnte.</p>
        <p>Den tiefsten Grund haben wir noch nicht genannt: Christus ist unser Meister und nur
               er, weil er uns gegenübersteht als der, der nichts Eigenes, nichts für sich sucht.
               Oder vielmehr: Sein Eigenes ist es, daß er nur Gott suchen und finden will, daß er
               auch uns nichts Anderes nahebringen will als den Willen Gottes. Jesus war
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                kein Erwerbsmensch und kein Politiker, er wollte nicht persönliche Freunde gewinnen,
               und er wollte nicht das Leben genießen. Das sind ja Alles nur verschiedene Arten,
               sich selbst zu hegen und zu pflegen, für sich selbst zu leben und zu arbeiten. Jesus
               war erlöst von alledem. Er wußte nur, daß Gott herrschen müsse und darum die Liebe
               und die Wahrheit und der Friede. Und wenn er unser Meister wird, so will er nichts
               von uns, als auch uns unter Gott zu stellen. «Was heißest du mich gut, niemand ist
               gut denn allein Gott!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.18">Mk. 10,18</ref>]. Und das spüren wir, wenn wir ihn kennen lernen. Wir spüren in ihm
               nichts Kurioses, nichts Unnatürliches, keine persönliche Schrulle, sondern einfach
               die Antwort auf die tiefste Frage unserer Seele. Unsere Seele dürstet ja nach Gott,
               nach dem lebendigen Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.42.3">Ps. 42,3</ref>]. Es ist selbstverständlich, daß er unser Meister wird. Er entfaltet
               ja nur, was längst in uns ist, er entdeckt, was wir durch unsere Torheit und Bosheit
               in uns verschüttet haben. Er sagt uns, daß wir Gottes sind. Das ist seine
               Meisterschaft über uns.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Ihr aber seid alle Brüder!</hi> Das ist der Wille Gottes, den Jesus uns
               nahelegt. Es ist völlig unmöglich, ihm anders zu gehorchen als dadurch, daß wir
               untereinander Brüder sind. Alles das, was Gott ist, die Liebe, die Wahrheit und der
               Friede, das wird greifbar lebendig in der Gemeinschaft der Menschen untereinander, in
               der Brüdergemeinschaft. Und alles das, was von Gott aus hinein soll in unser Leben,
               das ist die Brüdergesinnung. Jesus selber hat sich dafür eingesetzt bis in den Tod:
               unser Bruder zu sein. Und indem er unser Meister wird, sagt er uns: ihr seid alle
               Brüder. «So wir im Licht wandeln, wie er im Lichte ist, so haben wir Gemeinschaft
               untereinander» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.7">1.Joh. 1,7</ref>].
               Wir müssen immer wieder darüber nachdenken, daß das das Höchste und das Tiefste ist
               in unserem Leben, die Brücke zwischen Himmel und Erde: Gemeinschaft untereinander.
               Wir würden dem oft so gerne ausweichen, so gerne der Meisterschaft Jesu über uns eine
               andere Auslegung geben. Aber wir können nicht. Überall hören wir seine Stimme, die
               uns klar und deutlich sagt: Hier muß stehen, wer zu mir gehört! Wir möchten uns
               freuen über seine hohen und
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                schönen Gedanken. Er aber sagt uns: meine Gedanken helfen dir nicht, solange du
               nicht Gemeinschaft hältst mit deinen Brüdern. Wir möchten uns erheben an seinem
               Wahrheitsmut und seinem unerschrockenen Sinn. Er aber antwortet uns: Was hülfe dir
               alle Überzeugungstreue und aller Mut, wenn du nichts weißt vom Brudersinn? Wir
               möchten uns erwärmen an dem milden Strahl verzeihender, versöhnender Liebe, die von
               seinem Kreuz ausgeht. Er aber sagt uns: du kannst mich nicht liebhaben, ohne auch die
               Brüder liebzuhaben. Wir möchten uns von ihm hinleiten lassen zu Gott und in die ewige
               Seligkeit. Er aber sagt uns: es gibt keinen Gott und keine Seligkeit, wo keine
               Gemeinschaft der Menschen untereinander ist. Ihr seid alle Brüder! Das ist das
               Geheimnis des Lebens, das er uns eröffnet. Das ist die Antwort auf die tiefe Frage,
               die in uns allen schlummert und die er uns auflöst.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Ihr seid alle Brüder!</hi> Was heißt das? Wir denken bei dem Wort
               «Brüder» wohl unwillkürlich zuerst an Menschen, die einander helfen. Und damit haben
               wir wohl recht. Das Helfen gehört auch zur Bruderliebe. Aber wir müssen tiefer gehen.
               Wenn z. B. die Glieder einer Familie einander beistehen, wenn gute Freunde sich
               gegenseitig Dienste leisten, wenn die Mitglieder einer Partei zusammenhalten, wenn
               überhaupt die Menschen einander «helfen» in dem Sinn, wie wir das Wort etwa brauchen:
               «er hilft» dem, «er hilft» jenem, so ist das alles ganz schön und löblich und
               notwendig, aber das alles ist nicht die Gemeinschaft, die wir untereinander haben
               sollen, wenn einer unser Meister ist, das alles ist nicht die Bruderliebe, die das
               Gottesreich herbeiführt. Und wenn heute ein jedes Volk mit Gut und Blut
               zusammensteht, alle privaten Rücksichten und Gegensätze auf die Seite stellt und eins
               wird in der Aufgabe, sich zu verteidigen gegen den Feind, so ist das zwar ein
               wunderbar hoher Vorgang, vor dem wir uns nur fragen können, ob wir auch dazu fähig
               wären, aber die befreiende, erlösende Bruderliebe, das Geschenk Gottes, das dem
               Menschenleben ewigen Wert und Inhalt gibt, ist auch das nicht. Denn — merkt ihrs? —
               was wollen die Menschen, wenn sie so zeitenweise
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                wie Brüder miteinander zu handeln scheinen? Sie wollen zusammen Geld verdienen,
               zusammen sich einen guten Namen machen, zusammen zu Macht und Ansehen kommen,
               zusammen ein starkes, siegreiches Volk sein. Dazu müssen sie freilich einander
               helfen. Aber wie gehts? Indem sie einander helfen, schaden sie anderen. Ihre
               Gemeinschaft ist nicht eine Gemeinschaft des Friedens. Es ist noch viel, wenn sie
               sagen: wir wollen für uns sehen und uns um die Anderen nicht kümmern. Meistens aber
               werden sie sagen: wir wollen zusammenhalten gegen die Anderen, gegen die, die gegen
               uns sind, die uns nicht verstehen, die uns schaden — gegen unsere Feinde. Wir wollen
               Brüder sein zu Schutz und Trutz, um es zusammen zu gewinnen über die bösen Leute, um
               ihnen durch vereinte Kraft den Daumen aufs Auge zu setzen, ihnen den Meister zu
               zeigen. Habt ihrs gehört? Ihnen den Meister zu zeigen! Darum schließen wir uns
               manchmal untereinander zusammen zu kleineren oder größeren Trüpplein. Darum ist jede
               Familie ein Block, der zwar nach innen oft sehr uneins, aber nach außen fast immer
               einig ist, das ist der Zweck und der Inhalt unserer Parteien und Vereine, das ist die
               Einigkeit der Völker im Kriege. So helfen wir einander. Immer zuletzt doch Einer
               gegen den Anderen. Aus dieser Art Gemeinschaft und Bruderschaft kann kein Segen
               entstehen. Keine wirkliche Erlösung und Freiheit kann daraus hervorwachsen. Sie
               beruht ja gerade auf den Trieben, die die Menschen nicht verbinden, sondern
               auseinanderreißen. Sie hat Neid und Haß und Vernichtung und Feindschaft zur Folge.
               Sie hält auch nicht Stand, sie ist nur etwas Vorläufiges, Vorübergehendes. Man hilft
               sich wohl eine Weile, aber dann zankt man doch wieder miteinander, dann verbindet man
               sich vielleicht wieder mit irgend einem Anderen, und dann beginnt das Spiel von neuem
               wie bei den Freundschaften der Kinder. Nicht wahr, so haben wir alle auch schon
               einander geholfen und haben dann die Erfahrung gemacht, daß nichts Gutes daraus
               entstanden ist.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Ihr seid alle Brüder!</hi> Das ist etwas Anderes. Warum sind wir Brüder?
               Weil wir alle den einen Meister haben. Weil in unser aller Seelen gemeinsam die
               Bestimmung wohnt, Gott anzugehören und
               <pb xml:id="p559" ed="pga"/>
                nach seinem Gebot und in seiner Kraft zu leben. Weil wir alle gemeinsam leiden unter
               der finsteren Macht der Selbstsucht, die wir zwischenhineinkommen lassen, und unter
               den traurigen Folgen, die diese böse Herrschaft für uns hat. Weil wir alle die eine
               Befreiung kennen und haben in dem Weg des Gottesgehorsams, den Jesus gegangen ist.
               Weil uns allen dieselbe große Aufgabe gestellt ist, diese Befreiung offenbar werden
               zu lassen in unserem Handeln und Benehmen, in unseren Worten und Taten, in unserem
               persönlichen Leben wie in der Gemeinde und in der Volksgemeinschaft. Das heißt:
               «Brüder sein», wenn wir durch diese große Sache miteinander verbunden sind; und wir
                  <hi rend="italic">sind</hi> tatsächlich darin miteinander verbunden, diese tiefste
               Frage unseres Lebens <hi rend="italic">ist</hi> tatsächlich das Einheitsband, das uns mit
               allen Menschen verbindet; so gewiß wir Jesus anerkennen müssen aus tiefstem Herzen
               als Meister, so gewiß müssen wir einander gegenseitig anerkennen als Brüder, als
               solche, die zusammengehören. Wer einmal die große Auferweckung der Seele durch
               Christus erlebt hat, der weiß dann auch, wie er sich zu seinen Mitmenschen zu
               stellen, wie er von ihnen zu denken hat. Er versteht das große heilige Wort:
               Gemeinschaft. Die Auferweckung des Menschen aus dem Schlaf eines falschen,
               ungerechten und unglücklichen Wesens zu einem wahrhaftigen Leben in Gott, das ist die
               Gemeinschaft. Weil sie aller Menschen Angelegenheit ist, darum sind alle Menschen
               Brüder. Nicht wahr, das ist wirklich etwas Anderes, als wenn wir einander helfen in
               unseren höchst menschlichen und oft so höchst widergöttlichen Angelegenheiten, beim
               Geldzusammenscharren und beim Rechthaben und beim Großsein vor den Leuten und beim
               Ehrgeiz und Machthunger der Völker. Das alles ist nicht die wahre Bruderschaft. Das
               ist nichts und daraus wird nichts als eben all der Kummer, all das Gift, als die
               Unseligkeit, die daraus werden kann. Wenn wir doch das einmal merken wollten: wir
               sind gar nicht dazu da, um einander zu «helfen», um einander unter die Arme zu
               greifen, wenn ein Streit ausgefochten wird, um einander recht zu geben, wenn zwei
               etwas gegeneinander haben!</p>
       
        <p>
              <pb rend="noPipe" xml:id="p560" ed="pga"/> Es wird ja auch manchmal sein müssen, es muß z. B. gegenwärtig sein, wo die Völker
               den Krieg führen. Aber ist dann da eigentlich etwas Schönes dabei? Müßten wir nicht
               gerade dabei Sehnsucht bekommen nach einer höheren, wahren Gemeinschaft und
               Bruderschaft? Da wollen wir uns doch freuen darüber, wir Schweizer, daß wir jetzt
               niemand «helfen» müssen. Da wollen wir uns doch ganz klar bleiben darüber, daß die
               Frage, ob nun der Deutsche oder der Franzos recht hat, gar nicht so wichtig ist neben
               der Tatsache, daß wir Menschen alle mit unserem bisherigen Wesen nicht recht haben,
               neben der Frage: wie kommen wir dazu, alle miteinander die Gerechtigkeit Gottes zu
               empfangen in der Nachfolge unseres Meisters? Hoch erhoben über den Streit der Völker
               sehen wir Christus, der allen Menschen das wahre Leben bringt, und darum haben wir
               jetzt allen Völkern nichts zu sagen als das: ihr seid alle Brüder! Wer von euch recht
               hat, wer von euch der Stärkere sein wird, das wissen wir nicht, darauf kommt es nicht
               so sehr an, darum gibt es für uns nichts zu «helfen», aber das wissen wir, daß ihr
               alle zusammengehört, weil ihr alle Menschen seid und darum geliebte Kinder Gottes.
               Damit helfen wir freilich auch beim Völkerkrieg, aber wir helfen nicht dem Deutschen
               und nicht dem Franzosen und nicht dem Engländer, sondern ihnen allen, wir helfen der
               Menschheit, die sich so stark nach Erlösung sehnt und die jetzt so schwer unter den
               Folgen ihrer Irrtümer leidet. Das ist die große Gemeinschaftsaufgabe, die uns
               Schweizern jetzt von unserem Meister gestellt ist.</p>
        <p>Und wir wollen diese Gemeinschaftsaufgabe nicht nur auf den Krieg anwenden, sondern
               auch auf die Unterschiede und Gegensätze, die uns untereinander trennen,
               gegeneinander aufhetzen. Hans und Fritz oder Frau Meyer und Frau Müller haben Streit
               miteinander. Und nun bildet sich um jeden ein Klümplein. Die helfen hier, die helfen
               dort. Es mag sein, daß das manchmal sein muß. Aber das wollen wir doch keinen
               Augenblick vergessen, daß es vollständig gleichgültig ist, ob Hans oder Fritz recht
               hat und es schließlich gewinnt, gewaltig wichtig aber ists, daß beide aus ihrem
               kleinlichen Wesen herauskommen zu großen Gedanken, die
               <pb xml:id="p561" ed="pga"/>
                ihnen solche Zänkereien unmöglich machen. Nicht der ist dein guter Freund, der dir
               hilft beim Zanken, sondern der, der dir etwas Besseres zeigt als Zank und Zänkerei.
               Ihr seid alle Brüder! Wir haben alle miteinander Besseres zu tun, als zu
               streiten.</p>
        <p>Und es ist das Gleiche bei den Parteien unter uns. Sie müssen ja sein. Aber es kommt
               nicht so sehr viel darauf an, welche mehr Einfluß und Macht hat, solange es doch alle
               nur auf ihre eigenen Interessen abgesehen haben. Da hat man noch immer die Erfahrung
               gemacht, daß es nicht besser gekommen ist, ob nun die eine oder die andere siegte.
               Wohl aber kommt Alles darauf an, daß überall mehr Einsicht in die Wahrheit und mehr
               Liebe zur lauteren Gerechtigkeit sich verbreiten, daß Alle hüben und drüben ihren
               Meister finden. Dann wird sicher zum Schluß die Partei die beste und die stärkste
               sein, die am kräftigsten erfüllt ist von diesem Brudersinn, die am sichersten steht
               auf dem Boden dieser ewigen Gemeinschaft des Guten. Und so müssen alle die Grüpplein
               und Trüpplein, die Vereine und Cliquen, in die wir uns gegeneinander absondern, ihre
               Bedeutung verlieren. Sie haben alle gerade so viel Recht, als sie nicht etwas für
               sich sind und gegen niemand gerichtet sind. Wo man auf die Seite geht, um sich selbst
               aufzublasen und den offenen oder geheimen Unfrieden zu pflegen, da hat mans zum
               vornherein verloren. Dagegen ist <hi rend="italic">die</hi> Freundschaft, <hi rend="italic">der</hi> Verein, <hi rend="italic">der</hi> Kreis von Menschen etwas wert vor Gottes
               Augen, der sich nur zusammentut, um die Gemeinschaft mit Allen zu pflegen, um das zu
               suchen, was uns alle miteinander verbindet.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Ihr seid alle Brüder!</hi> Es ist Gottes Wille, daß wir als Wesen, die
               alle <hi rend="italic">ein</hi> Bedürfnis und <hi rend="italic">eine</hi> Erlösung haben, eins
               seien miteinander, statt daß wir unserem eigenen Willen gehorchend
               auseinanderstreben. Darum ist Christus unser Meister, weil er diesen Gotteswillen in
               unser Leben hineinträgt. Wir wollen noch einen Augenblick darüber nachdenken, wie wir
               diesen Gotteswillen in unserem Leben anwenden wollen.</p>
        <p>Weil wir Brüder sind, können wir <hi rend="italic">nicht gleichgültig</hi> sein
               gegeneinander. Die heilige, große Angelegenheit, die uns alle verbindet, ist wie der
               lebendige Funke, der von einem zum anderen hin<milestone xml:id="m36" unit="page"/><pb xml:id="p562" ed="pga" break="no"/>überzünden muß. Sie verträgt keine Kälte, kein Unbekanntsein, keine Trockenheit der
               Menschen untereinander. Es gibt so viele Menschen, die so viel reifer sein könnten
               inwendig, wenn sie gewisse andere Menschen kennen würden, nicht nur äußerlich,
               sondern aus der Nähe. Wenn man sie doch an der Hand fassen und zueinander führen
               könnte, was für eine Wohltat wäre ihnen erwiesen! Und es gibt einsame Menschen, die
               sich grämen und langsam verbittern lassen, weil sie unter der Kälte und Trockenheit
               der Anderen so leiden. Sie hätten es so nötig, berührt zu werden von dem warmen Leben
               der Anderen, und sie könnten selbst so viel geben, wenn man sich um sie kümmerte.
               Wenn man doch die Menschen zu ihren einsamen Brüdern führen könnte und die Einsamen
               zu ihnen! Und wieder Andere verstehen sich nicht und können sich nicht verstehen,
               weil sie sich mit einer steifen, vornehmen Zurückhaltung umgeben haben. O, wer da die
               Mauern einreißen könnte und die Menschen zueinander bringen könnte, die so darunter
               leiden, daß sie sich gleichgültig geworden sind! Ja, das kann man ihnen freilich
               lange predigen, sie vermögen es nicht zu tun, aber wenn sie durch den einen Meister
               Brüder geworden sind, dann ist es ihnen selbstverständlich, dann finden sie einander.
               Weißt du niemand, den [du] so finden müßtest nach langer Kälte?</p>
        <p>Und weil wir Brüder sind, können wir einander <hi rend="italic">nicht</hi> regenten<note xml:id="n02">= regieren (berndeutsch).</note> wollen. Das tun wir so gerne. Es
               macht uns so großes Vergnügen, einander zu erziehen und zu bewachen gegenseitig. Wir
               sind einander so gern Onkel und besonders Tante. Da sitzt jedes auf seinem Thrönlein
               und redet auf die Anderen hinunter und hat sie lieb, wenn sie seinen Ratschlägen
               gehorchen, und grollt mit ihnen, wenn sie auch noch auf andere Leute hören. Und mit
               diesem Regenten plagen wir einander und uns selber. Das hört auf, nicht wahr, <hi rend="italic">einer</hi> ist unser Meister, Christus, wir aber sind alle Brüder. Wir
               sind nicht dazu da, um uns zu beherrschen und geltend zu machen, sondern um einander
               zu dienen. Wir stehen nebeneinander mit unseren Gebrechen und Fehlern und mit der
               großen
               <pb xml:id="p563" ed="pga"/>
                Sehnsucht, die in uns ist nach etwas Höherem. Wir haben uns gegenseitig viel zu
               verzeihen und haben gegenseitig viel voneinander zu lernen, so wollen wir doch nicht
               Zeit verlieren, indem wir darum zanken, wer unter uns der Erste sein soll!</p>
        <p>Und weil wir Brüder sind, können wir <hi rend="italic">nicht gegeneinander</hi>, sondern
               nur füreinander sein. Wir denken jetzt natürlich, ob wir dann auch der bösen Menschen
               Brüder seien? Ja, auch der bösen Menschen. Was ist denn ein böser Mensch? Sind wirs
               nicht alle? Was ist denn ein guter Mensch? Sollen wirs nicht alle werden? Ist nicht
               in jedem Menschen viel Beklagenswertes, und fehlt es irgendeinem ganz an dem Ruf
               Gottes an seine Seele, an dem tiefsten Verlangen, dem Rufe zu folgen? Haben wir das
               Recht, uns von einem zu scheiden, weil er schwächer, weiter zurück ist als wir? Wir
               haben nur die Pflicht, ihm soviel wir können beizustehen, daß er weiterkommt. Und
               dazu müssen wir ihn erst recht als Bruder betrachten und behandeln. Müssen an das
               Bessere glauben, das in ihm ist, müssen ihn von der Seite nehmen, wo er dem Guten am
               offensten ist, müssen nichts unversucht lassen, auch ihm zum Bewußtsein zu bringen,
               daß die Gemeinschaft zwischen ihm und uns trotz Allem besteht. Wenn du wirklich dahin
               kommst, daß du ihm Feind wirst, daß du ihn hassest, daß du ihm etwas nicht vergessen
               willst oder wie wirs dann ausdrücken, dann hast dus verloren. Gottes Gemeinschaft
               hört ja auch nicht auf mit den bösen Menschen, auch mit uns nicht, Gott wird uns auch
               nicht Feind, obwohl er es könnte. So wollen wir es auch machen. Wir können es gar
               nicht mehr anders machen, wenn wir einmal unseren Meister gefunden haben.</p>
        <p>So, nun haben wir die Ordnung des Gottesreiches wieder einmal vor uns hingestellt.
               Und unser Gewissen sagt uns: so ist es. Und unsere Seele sehnt sich nach Befreiung
               und seufzt: wenn es doch bei mir so wäre! Und die ganze unerlöste Welt in uns und um
               uns seufzt nach Erlösung. Und sie ist uns so nahe. Wir aber, wir gehen nun alle
               wieder heim in unsere Häuser und machen in allen Stücken das Gegenteil: händeln und
               helfen händeln, sind kalt und gleichgültig, wollen recht haben und
               <pb xml:id="p564" ed="pga"/>
                hassen, wo wir gehaßt werden. Nichts ist anders geworden. Eine Predigt mehr über
               das, was die Menschen ja doch nicht erreichen.</p>
        <p>Was denkt wohl eigentlich Gott von uns?</p>
      </div>
      <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
