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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Johannes 17,20-21 (Reformation)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Johannes 17,20-21 (Reformation), 1. November 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5049 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 544–552.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Johannes 17,20-21 (Reformation)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 544-552</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 244</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Joh 17,20-21 (Reformation), 1. November 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1684">KBA 1222</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-11-01">1. November 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-11-01">1. November 1914</date><note xml:id="n01">Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf
                     dem <ref corresp="A">Mskr.</ref> notiert: <bibl corresp="kbga-songs-139" type="song">163 (EKG 220): «Eine Herde und ein Hirt …» von <persName ref="kbga-actors-1377">Fr. A. Krummacher</persName>
                       (1767–1845), Strophen 1,5,6</bibl>; <bibl corresp="kbga-songs-138" type="song">170: «Die Sach’ ist dein, Herr Jesu Christ …» von <persName ref="kbga-actors-736">S. Preiswerk</persName> (1799–1871) (V. 1/2) und <persName ref="kbga-actors-1419">F. Zaremba</persName>
                        (1794–1874) (V. 3), Strophen 1–3</bibl>.</note>
                    </dateline>
            <head type="event">Reformation</head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.17.20 Joh.17.21">Johannes 17,20–21</ref>
              <quote>
                                <hi rend="text-recte">Ich bitte</hi> … daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich
                        in dir, daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, du habest
                        mich gesandt.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Am heutigen Sonntag gedenken wir nach alter Übung dessen, was uns die Reformation vor
               bald 400 Jahren gebracht hat. Aber unsere Gedanken können dabei diesmal nicht
               dieselben Wege gehen wie andere Jahre.</p>
        <p>Unsere Gedanken sollen jetzt überhaupt nicht die alten gewohnten Wege gehen, weder
               heute noch sonst, weder hier in der Kirche noch in unserem übrigen Leben. Muß ich
               euch denn noch besonders daran erinnern, daß Gott uns jetzt Neues zu sagen hat, alte
               ewige Wahrheit in ganz neuer Weise, und daß auch wir uns innerlich neu einrichten
               müssen, um ihm gehorsam zu sein? Ja, liebe Freunde, ich muß euch daran erinnern. Es
               scheint, daß Viele von uns es jetzt schon wieder satt haben, über den Krieg
               nachzudenken. Sie möchten jetzt wieder etwas Anderes hören in der Predigt. Sie
               denken, «der Herr Pfarrer sollte doch jetzt wieder zur Bibel zurückkehren».<note xml:id="n02"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: Zwei große Ausrufezeichen am Rand zu dieser Stelle.</note> Es
               tut mir leid für die, die so denken und reden können. Solche Gedanken sind ein
               Zeichen von großer Oberflächlichkeit. Man könnte auch sagen: von einer großen
               Verstocktheit. Was soll denn eigentlich Gott mit uns machen? Nun läßt er uns diese
               große, merkwürdige Zeit erleben. Eine Erntezeit, eine
               <pb xml:id="p545" ed="pga"/>
                Gerichtszeit, aber auch eine Gnadenzeit, wie sie vielleicht noch nie dagewesen ist.
               Die bisherige Welt, in der wir lebten, ist in ihren Grundvesten erschüttert. Der
               Mensch ist wieder ein Stück auf dem Pfad seines eigenen Wesens zu Ende gegangen und
               erkennt mit Schaudern, wohin er gekommen ist. Wir alle werden dringend vor die Frage
               gestellt, wo unsere Seele ihre Heimat habe, hier in dieser Welt oder in der Welt
               Gottes. Weit offen hat Gott die Bibel vor uns hingelegt. <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> und die Propheten
               beginnen wieder zu reden, als ob sie mitten unter uns wären. Das Bild Jesu Christi
               leuchtet in der dunklen Welt, wie wir es noch nie haben leuchten sehen, und seine
               Apostel stehen auf und weisen auf ihn hin: es ist in keinem anderen Heil [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.4.12">Apg. 4,12</ref>]! Wir aber, nach
               einer kurzen Zeit der Aufregung und Aufmerksamkeit, haben bereits genug, möchten
               jetzt gern wieder etwas Anderes hören als «vom Krieg», verlangen danach, «wieder zur
               Bibel zurückzukehren».</p>
        <p>Was soll das heißen? Ich glaube, wir haben Angst vor der wirklichen Bibel, vor der
               Bibel Gottes, vor der Bibel, die lebendiges Wort ist, Offenbarung des göttlichen
               Gerichts und der göttlichen Gnade, vor der Bibel, die ein Schwert ist, das da
               scheidet unsere Gedanken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.4.12">Hebr. 4,12</ref>], ein Hammer, der Felsen zerschlägt [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.23.39">Jer. 23,29</ref>], eine Quelle, aus der Wasser des Lebens
               fließt, für die, die wahrhaft dürsten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.17">Apk. 22,17</ref>]. Oder merken wir etwa nichts davon, wie Gott
               uns durch die Ereignisse dieser Zeit hinführt zu der wirklichen Bibel? Meint ihr im
               Ernst, wir reden hier vom Krieg so zum Vergnügen, um zu «kriegen», wie ihr sagt? Sind
               uns denn all die gewaltigen und furchtbaren Dinge, die wir erleben, etwas so
               Oberflächliches, Gleichgültiges, daß wir so rasch begehren, die Seite umzuschlagen,
               wie ein Kind in seinem Bilderbuch? Meinen wir immer noch, das Wort Gottes sei so ein
               gutes altes Erbauungs- und Unterhaltungsbuch, und wir kommen hier zusammen zu einem
               frommen Zeitvertreib? Ich kann es niemandem ausreden, der trotz Allem jetzt noch so
               denkt und empfindet, ich kann nur noch einmal sagen: es tut mir leid um die, die das
               können, die auch jetzt nicht hinauszusehen vermögen über den engen Zaun ihrer
               bisherigen Gewohn<milestone xml:id="m35" unit="page"/><pb xml:id="p546" ed="pga" break="no"/>heit. Wenn irgend einmal, so sollten wir jetzt den Mut fassen, Gott zu sehen und zu
               hören, wie er ist, und nicht so, wie wir ihn gern hätten. Wenn irgend einmal, so
               sollten wir es jetzt wagen, die <hi rend="italic">neuen</hi> Wege zu gehen mit unseren
               Gedanken, die er selber uns jetzt weist, und wenn uns die alten noch so lieb wären.
               Was soll er denn mit uns machen, wenn wir uns jetzt eigenwillig und träge vor ihm
               zurückziehen und nicht erwachen wollen?</p>
        <p>Die Ereignisse der Zeit zwingen uns, auch der <hi rend="italic">Reformation</hi> heute in
               anderer Weise zu gedenken als andere Jahre. Die Reformation war ein Kampf der
               Geister, und eine Scheidung der Christenheit war ihre Folge. Und wenn wir uns
               freuten, ein evangelisches Volk, Erben der Reformation zu sein, so mußten wir
               unwillkürlich vor Allem an diesen Kampf, an diese Scheidung denken: an den Kampf für
               den freien Zugang zum reinen Evangelium, für den sicheren Trost des unruhigen
               Gewissens, für eine klare und einfache Religion. Wie eine Beute aus gewonnener
               Schlacht kamen uns diese in der Reformation errungenen Güter vor. Und an die
               Scheidung mußten wir denken, an die Scheidung zwischen katholischem und
               protestantischem Christentum und Wesen. Wir haben uns zwar jeweilen so gut wir
               konnten gehütet davor, etwas von der alten grimmigen Feindschaft wieder aufleben zu
               lassen, die einst war zwischen hüben und drüben. Wir suchten uns des Eigenen dankbar
               zu freuen, ohne das Fremde anzugreifen. Und doch war es ja nicht anders möglich, als
               daß wir uns gerade an diesem Tag im Gegensatz fühlten zu den katholischen Christen.
               Wir mußten das Besondere unseres Glaubens betonen und damit das, was uns von ihnen
               trennt. Wir mußten, wenn nicht Mauern aufrichten, so doch Grenzlinien ziehen. Das
               Wesentliche und Bezeichnende an diesem Erinnerungstag war doch immer die Erkenntnis
               und das Bekenntnis: Wir hier — ihr dort!</p>
        <p>Es scheint mir, heute müssen unsere Gedanken in eine andere Richtung gehen. Wir
               denken auch heute in herzlicher Dankbarkeit an Alles, was uns durch die Reformation
               geschenkt ist, und wir möchten kein Jota davon preisgeben. Wir kennen auch heute
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                ganz genau die Grenzen, die uns von den Katholischen scheiden. Aber wir wissen heute
               noch etwas Anderes, und das ist uns größer und wichtiger als diese Grenzen. Wir hören
               die Stimme Jesu, der seine Getreuen sieht inmitten einer Welt voll Sünde und Schuld,
               so dunkel und feindselig, und sie so schwach und hilflos, und der nun für sie betet:
               Ich bitte, <hi rend="italic">daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich
                  in dir, daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, du habest mich
                  gesandt</hi>. An dieses Gebet Jesu müssen wir heute denken, wenn wir an die
               Katholiken denken und an unser Verhältnis zu ihnen. Wir stehen heute in einer <hi rend="italic">Welt, die nicht glaubt,</hi> daß Christus von Gott gesandt ist. Ja, sie
               scheint daran zu glauben. Sie errichtet ihm Kirchen. Sie betet sein Kreuz an. Sie
               nennt sich nach seinem Namen. Aber in Tat und Wahrheit hat sie ihn, den Fürsten des
               Friedens, verworfen. Sie hält es für eine Torheit, daß es eine wahre, alle Menschen
               umfassende Gemeinschaft der Liebe geben könne, sondern sie predigt den Haß, und so
               flammt in Leidenschaft ein Volk wider das andere. Sie will nicht groß sein im Geist
               und am größten im Dienen, sondern groß in der Macht, die auf die Gewalt gegründet
               ist, und ist stolz darauf, daß sie so nüchtern und frei von Schwärmerei ist. Sie
               sieht nicht in der Gerechtigkeit die Erhöhung eines Menschen und eines Volkes [vgl.
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.14.34">Spr. 14,34</ref>], sondern in
               der Menge des Geldes, in der Zahl der Soldaten und in der Größe der Kanonen. Sie hält
               dafür, daß nicht das Kreuz, sondern der Säbel das letzte Wort habe, und predigt
               darum: Wer mir will nachfolgen, der behaupte sich selbst und wehre sich so gut er
               kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.24">Mt. 16,24</ref>]. So hat
               die Welt Christus verworfen. Und darum hat die Welt jetzt Krieg.</p>
        <p>Und nun hören wir das <hi rend="italic">Gebet Jesu:</hi> ich bitte, daß sie alle
               eins seien! Jesus ruft die auf, die <hi rend="italic">an ihn glauben,</hi> d. h. die, denen
               seine Botschaft vom Frieden und von der Gerechtigkeit, sein Ruf zum Reiche Gottes zu
               Herzen gegangen ist, denen es damit ernst ist. Alles, was Wahrheit und Liebe und
               Recht ist in den Menschen, das muß jetzt auf den Plan. Wo etwas von seinem Geiste ist
               in den Menschen, das muß jetzt aufwachen. Es gilt jetzt eine Entscheidung. Da ist die
               Menschheit mit ihrem Krieg, mit ihrer
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                Selbstsucht, die den Krieg erzeugt hat, mit ihrem ganzen weltlichen Wesen, das durch
               und durch Selbstsucht ist. Die Menschheit, die sich selbst so unglücklich macht, die
               so furchtbar leiden muß unter den Folgen ihres Unglaubens, ihres Abfalls. Und da ist
               das Evangelium, da ist die Gotteskraft der Wahrheit, die in Christus in die Welt
               getreten ist. In ihr liegt der Sieg über die Welt. Die Erlösung der Welt. Die Welt
               muß glauben lernen, daß Christus von Gott gesandt ist, sie muß merken, daß das Leben
                  <hi rend="italic">Jesu</hi> das wirkliche Leben ist und nicht das Geld und die Gewalt.
               Und die Welt wird dem Evangelium glauben, sie wird seine Gotteskraft merken und
               spüren, sie wird besiegt und erlöst werden, das ist das Programm, das Jesus den
               Seinigen mitgegeben hat. Aber wenn das geschehen soll, dann müssen die Seinigen, die
               ihn erkannt haben, ihn liebhaben, ihr Licht leuchten lassen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.16">Mt. 5,16</ref>], dann muß Alles, was von ihm
               stammt, in Tätigkeit kommen. Es ist soviel Leben aus Gott da, verborgen in den
               Menschen, das seine Tätigkeit noch nicht gefunden hat. Es ist soviel christliche
               Gesinnung da, die ihren Feind oder ihre Arbeit noch auf ganz falschen Gebieten sucht.
               Es gibt so viele Christen, die noch warten auf die rechte Stellung und Aufgabe, die
               dem tiefsten Sehnen ihrer Seele entspräche. In dieser großen Zeit ruft Jesus alle
               diese Kräfte auf. Er zeigt ihnen den Feind. Er zeigt ihnen die Arbeit. Die Welt ist
               voll Torheit und Leidenschaft und Gewalt. Sie muß für den Gott der Liebe gewonnen
               werden.</p>
        <p>Aber dazu müssen die Kräfte des Guten, Göttlichen sich vor Allem <hi rend="italic">sammeln</hi>. «Ich bitte, daß sie alle eins seien.» Wie Christus mit Gott eins
               war, er der Mensch mit dem ewigen Gott und Gott mit ihm, so die Menschen, die die
               Wahrheit erkannt haben untereinander. Eins sein heißt nicht gleich sein, aber es
               heißt einander verstehen, einander anerkennen, miteinander fühlen und denken und
               zusammen arbeiten. Man kann sehr verschieden sein und doch eins sein. Dann nämlich,
               wenn man in Gott eins ist. Gott ist der größte Freund der Mannigfaltigkeit, weil er
               ein reicher und nicht ein armer Gott ist. Gott hat es offenbar gewollt, daß die
               Christen auseinandergingen in die beiden großen Gemeinschaften, die
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                katholische und die protestantische, um auf getrennten Wegen ihm zu dienen und die
               Wahrheit zu erkennen. Er ist aber auch ein Gott der Einheit und bleibt es. Er will
               wohl, daß die Seinigen sich trennen, aber nicht, daß sie sich scheiden. «Der Israel
               zerstreut hat, der wird es auch wieder sammeln» [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31.10">Jer. 31,10</ref>]. Heute ist eine Zeit, in der er Allen, denen
               es Ernst ist mit seinem Willen, Allen, die den Herrn Jesus lieb haben, zuruft, sich
               zu sammeln. Alles hat seine Zeit: Es gab Zeiten, da war es nötig, den Katholischen
               gegenüber zu betonen: Wir hier — ihr dort. Vielleicht kommen solche Zeiten wieder,
               das wissen wir nicht. Heute ist keine solche Zeit. Heute stehen wir nur vor dem
               klaffenden Gegensatz: Krieg oder Frieden? Selbstsucht oder Liebe? Die Welt oder Gott?
               und darüber müssen alle kleineren Unterschiede und Gegensätze, so wichtig sie sonst
               sein mögen, zurücktreten. Heute müssen wir uns verhalten nach dem Worte unseres
               Meisters: wer nicht wider uns ist, der ist mit uns [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.40">Mk. 9,40</ref>]! Heute soll uns darum auch der Reformationstag
               nicht an das erinnern, was uns von den Katholischen trennt, sondern an das, was uns
               mit ihnen verbindet.</p>
        <p>Wir haben Vieles und Wichtiges <hi rend="italic">gemeinsam</hi> mit den Katholischen,
               nicht nur mit einzelnen wohlmeinenden Leuten unter ihnen, sondern sogar, und Gott sei
               Dank, mit dem Papst in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>. Vor Allem haben wir eine <hi rend="italic">Schuld</hi> mit
               ihnen gemeinsam. Und das verbindet uns aufs stärkste mit ihnen in dieser Zeit. Denn
               es heißt: Gemeinsame Schuld, gemeinsame Erlösung. Die beiden Kirchen, die katholische
               wie die protestantische, haben die große Schuld auf sich geladen, daß sie nicht
               kräftig genug für die Wahrheit eingetreten sind, sodaß nun trotz ihnen dieses Unglück
               gekommen ist. Der gegenwärtige Krieg ist vor Allem eine Niederlage des Christentums,
               und keine Konfession kann da der anderen etwas vorwerfen. Sie haben es beide fehlen
               lassen am rechten Ernst gegenüber dem Geist der Welt. Sie haben es sich gefallen
               lassen, daß man das Kreuz in tausend Kirchen aufstellte und auf allen Straßen
               verleugnete. Sie haben das weltliche Wesen gesegnet mit frommen Worten und Bräuchen,
               statt dagegen Einspruch zu
               <pb xml:id="p550" ed="pga"/>
                erheben, wie es die Propheten Gottes getan haben. Sie haben oft genug schwarz in
               weiß verkehrt und böse gut genannt, oft genug sich dieser Welt gleichgestellt. Wie
               haben es die Priester und Pfarrer verstanden, den Großen dieser Welt das Christentum
               leicht zu machen, wie leicht haben sie selbst es sich vielfach gemacht! Wie weit
               haben sie sich entfernt von dem klaren Bekenntnis ihres Meisters: Mein Reich ist
               nicht von dieser Welt! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.36">Joh. 18,36</ref>] und selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.8">Mt. 5,8</ref>]! Das ist die
               gemeinsame Schuld der christlichen Kirchen, und die wollen wir heute auch gemeinsam
               auf uns nehmen und mit den Katholischen bekennen: Vater, wir haben gesündigt am
               Himmel und vor dir, wir sind nicht wert, wir sind Alle nicht wert, deine Kinder zu
               heißen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.21">Lk. 15,21</ref>]! O
               wenn wir Christen alle in dieser Zeit eins würden in diesem Bekenntnis, was für eine
               Kraft müßte dann bald von uns ausgehen auf die arme Welt!</p>
        <p>Das zweite Gemeinsame, das uns mit den Katholischen verbindet und gerade in dieser
               Zeit verbinden muß, ist die Macht des <hi rend="italic">Gebetes</hi>. Hüben und drüben
               befinden wir uns in der gleichen Tiefe. Unser Christentum ist zu schwach gewesen. Die
               Welt hat über uns triumphiert. Aber hüben und drüben wissen wir auch, woher uns die
               Hilfe kommt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.121.1 Ps.121.2">Ps. 121,1f.</ref>]. Aus der Tiefe rufen wir, Herr, zu dir [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.130.1">Ps. 130,1</ref>]! Ist das Christentum schwach
               gewesen und darum unterlegen gegenüber den Mächten der Selbstsucht und des Hochmuts,
               so muß es nun wieder stark werden, und es wird durch keine äußeren Mittel stark
               werden, sondern allein dadurch, daß wir hüben und drüben in die Tiefe gehen und in
               die Stille, daß wir lernen zu beten, so wie Gott gebeten sein will, nachdem er uns
               nun gezeigt hat, wohin wir es bringen ohne ihn. Was jetzt nötig ist, das sind
               Menschen, die wissen, was es heißt, vor Gott hintreten, vor seinem Willen sich
               beugen, von seinem Lichte sich durchstrahlen lassen. Von solchen Menschen geht
               unfehlbar eine Wirkung aus auf ihre Umgebung. Sobald es mehr solche Menschen geben
               wird, dann wird gleichsam eine neue Luft entstehen, eine neue Luft, in der die
               giftigen Dünste, aus denen Haß und Krieg hervorgehen, nicht entstehen können. Gott
               sei
               <pb xml:id="p551" ed="pga"/>
                Dank gibt es schon jetzt solche Menschen hüben und drüben. Sie sind die wahren
               Herolde und Erstlinge einer besseren Zukunft. Sorgen wir nur dafür von unserer Seite,
               daß ihre Schar immer größer werde! Ist es nicht merkwürdig übrigens, daß die großen
               Heiligen der katholischen Kirche, denen drüben der heutige Tag geweiht ist, und
               unsere Reformatoren bei aller Verschiedenheit das Gemeinsame haben, daß sie alle
               große Beter waren? Es war etwas in der Seele der Heiligen und der Reformatoren, das
               vor Gottes Auge eins war, die reine Flamme der Gottesliebe, von der ihre Gebete voll
               waren. Wenn wir eins würden, wir Christen hüben und drüben, in dieser reinen Flamme,
               dann würde die Welt bald ein anderes Gesicht bekommen.</p>
        <p>Das dritte Gemeinsame zwischen uns und den Katholischen ist das Ziel unserer
               Hoffnung, das <hi rend="italic">Gottesreich</hi>. Wir alle glauben daran, daß der stolze
               Geist der Welt nicht das letzte Wort behalten wird. Wir sehen die Torheit und die
               Bosheit der menschlichen Natur, aber wir geben uns nicht damit zufrieden, daß das so
               sein muß, sondern wir warten auf eine Vollendung. Und wir sind einig darin, daß
               dieses Gottesreich des Friedens und der Gerechtigkeit nicht durch einen natürlichen
               Fortschritt kommt, nicht auf dem Wege der Selbstsucht, den die Menschen bis jetzt auf
               alle raffinierten Weisen gegangen sind, sondern durch das Wunder Gottes, dadurch, daß
               eine neue Gesinnung hervorbricht in den Menschen, dadurch, daß sie durch die
               Bruderliebe ihm die Ehre geben. Diese Hoffnung lebt hüben und drüben, mögen die
               Formen noch so verschieden sein. Nur daran fehlts, daß wir hüben und drüben bisher zu
               wenig kräftig gehofft haben. Wollen wir uns nicht freuen und stärken an der Tatsache,
               daß wir alle diesem gleichen Ziel entgegensehen? Könnten wir Protestanten uns ein
               schwereres Losungswort denken als das des verstorbenen Papstes: Alles in Christus
                  erneuern?,<note xml:id="n03">«<foreign xml:lang="lat">Instaurare omnia in Christo</foreign>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1.10">Eph. 1,10</ref>): die Devise, unter die <persName ref="kbga-actors-1391">Pius X.</persName> (<date from="1903" to="1914">1903–1914</date>) sein Pontifikat gestellt hatte.</note> und könnte sich
               der eifrigste Katholik eine tiefere, umfassendere Aufgabe stellen als die, die <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>
               sich stellte, die Gottesstadt auf Erden zu bauen? Folgen wir
               <pb xml:id="p552" ed="pga"/>
                unseren besten Führern auf beiden Seiten in der Hoffnung und im tatkräftigen
               Einstehen für das kommende Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, dann rückt der
               Sieg über die Welt und ihre Erlösung in greifbare Nähe. Nicht die verschiedenen
               Formen hüben und drüben sind das Hindernis, sondern das, daß wir auf beiden Seiten
               noch nicht Ernst genug gemacht haben.</p>
        <p>Meine Freunde, wenn wir heute, in dieser entscheidenden Zeit des Gegensatzes zwischen
               Gott und Welt, auf den Ruf Jesu, daß wir alle eins sein sollen, hören, dann werden
               wir damit dem Geiste unserer Reformatoren nicht untreu. Sie würden heute, an unserer
               Stelle, nicht anders handeln, gerade wie die Besten der katholischen Kirche heute
               unsere Hand nicht von sich stoßen würden. Wenn wir am heutigen Tag mit Ernst darüber
               nachdenken, was es heißt, ein Christ sein in wahrer Herzensgemeinschaft mit Allen,
               die auch Christen sein möchten,<note xml:id="n04">An dieser Stelle ist ein Einschub
                  von drei bis fünf Worten, beginnend mit «gegenüber», nicht zu entziffern.</note>
               wenn wir trachten nach der Einheit der Gläubigen, durch die sie stark werden für
               ihren großen Kampf und Streit in der dunklen Welt — dann dann zeigen wir unseren
               Reformatoren die rechte Treue. Denn sie haben nicht zu ihrer eigenen Ehre gelebt und
               geschafft, sondern zur Ehre dessen, den die Welt jetzt von sich stößt und der doch
               nach dem Szepter greift und zuletzt herrschen wird von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ihm
               innerlich immer gehorsamer werden, wie sie es taten, das ists, womit wir Gott unsere
               Dankbarkeit bezeugen wollen für das, was er uns in ihnen geschenkt hat.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
