Predigt: 2. Mose 14,14 (Bettag Nachmittag)
Die Israeliten standen am
Wir sind heute auch als ein solches Volk in Bedrängnis vor Gott getreten, um Bettag zu feiern. Der Krieg da draußen lastet auf uns wie ein böser Traum. Was werden die nächsten Tage uns bringen? Was wird die Zukunft sein, in die wir hineingehen? Fühlen wir uns nicht auch bedrängt von allen Seiten? Und auch in der Mutlosigkeit und Verworrenheit sind wir dem Volk Israel in der Wüste nicht unähnlich. Viel Unsicherheit und Seelenangst ist heute Land auf Land ab in die Kirchen getragen worden: Lieber Gott, sieh, so ists uns zumut! Hilf uns, wenns dein Wille ist. Und auf dem Grunde der Seelen war wohl überall auch viel Unzufriedenheit und Trotz, viel Vorwürfe gegen Gott, warum er nur das alles so habe kommen lassen, auch wohl viel Zweifel an Gott, ob er denn auch wirklich da sei, wie man sagt. Und darum dann auch viel unbestimmtes und zweckloses Nachdenken und Planen und Vermuten und Reden hin und her. Wie ein Ameisen|497haufen, in dem gerührt worden ist. Diese Mutlosigkeit und Verworrenheit unserer Herzen und Sinne in dieser Zeit ist schlimmer als die äußere Bedrängnis. Was ists jetzt für eine Gnade Gottes, daß wir alle Woche einen Sonntag haben, um uns ein wenig zu sammeln und unsere Gedanken auf den zu richten, der unerschütterlich über allen irdischen Verirrungen steht und der will, daß auch wir unerschütterlich werden sollen! Und nun fällt der Bettag als ein großer gemeinsamer Sonntag unseres ganzen Volkes gerade in diese Zeit, wo wir solche Sammlung und Erhebung so nötig haben. O wenn auch nur ein wenig mehr Klarheit und Sicherheit und Freudigkeit ausgehen würde von diesem Tag in unsere Herzen, wie müßten wir ihn segnen! Wir wollen jetzt noch einmal hören, was Gott uns heute zu sagen hat. Sein Knecht, sein Held aus alten Tagen soll auch uns jetzt zusprechen wie einst den bedrohten und erschreckten Israeliten: Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein!
Daß ein Herr ist über Allem, das wollen wir uns zuerst sagen lassen. Es liegt eine ganz wunderbare Erlösungskraft einzig in dieser Erkenntnis. Sie verscheucht die Mutlosigkeit und die Verworrenheit. Sie verhindert es mit unbedingter Sicherheit, daß wir in der Bedrängnis versinken und umkommen. Aber wir müssen etwas beachten, wenn sie uns helfen soll. Die meisten Menschen machen es so, daß sie ihre Sorgen, ihren Kummer oder ihren Verdruß zuerst groß und immer größer werden lassen. Hundertmal wälzen ihre Gedanken die gleichen Fragen und Bedenken hin und her. Schließlich sind sie dann ganz voll Aufregung, ganz niedergedrückt und ratlos. Und jetzt erst, wenn sie so ganz müde geworden sind, kommen sie und fragen nach Gott, der der Herr ist über Alles. Und nun soll ihnen Gott Rat und Trost, Licht und Antwort geben. So gehts nicht. Wenn es im Psalm heißt: aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir! [
Wir müssen es von einem anderen Ende aus anfassen. Fest vor allem Anderen und über allem Anderen muß die Erkenntnis dastehen: Gott ist der Herr. Das muß nicht das Letzte, sondern das Erste sein, der feste Ausgangspunkt, der hohe Berg, von dem aus wir das ganze Leben, die ganze Welt betrachten. Nun erst kommen die Sorgen und Bedrängnisse, die tausenderlei Fragen daher, nun erst dürfen sie kommen. Wir dürfen sie überhaupt erst sehen, erst ernst nehmen, erst dann anfangen, mit ihnen zu ringen, wenn wir das Eine sicher wissen: Gott ist der Herr! Wohl uns, wenn wirs sicher wissen in dem Augenblick, wo die Welle der Gefahr oder des Unglücks gegen uns daherkommt. Aber wenn wirs nicht wissen? Diese Wellen kommen oft so überraschend, oft gerade in einem Moment des Zweifels oder der Vergessenheit. Ists uns nicht allen so gegangen diesen Sommer? Kam die Bedrängnis nicht gerade in eine Zeit hinein, wo wir nicht mehr so lebhaft daran dachten und glaubten, daß Gott der Herr ist? Was dann? Meine Freunde, dann vor Allem nicht anfangen zu sorgen und zu grämen, bevor wir uns mit Gott wieder ins rechte Verhältnis gesetzt haben. Dann nur nicht sich tiefer und immer tiefer hinunterziehen lassen in eine Aufregung und Bekümmerung fern von Gott, nein, da hilft nichts Anderes, als der Sorge und dem Gram zunächst einmal den Rücken zu kehren, gar nicht fragen: wie wirds? und was soll ich machen? und wie habe ich das zu verstehen? Dafür zu Gott hin sich gewendet mit der einzigen Sorge: ich habe ihn aus den Augen verloren, ich war ihm untreu geworden, ich kümmerte mich nicht mehr um ihn, ich war dessen nicht mehr so ganz gewiß, daß er mein Herr und der Herr der Welt ist: vor allem Anderen, bevor ich getröstet sein, bevor ich Antwort auf meine Fragen haben will, möchte und muß ich ihn wieder zu sehen bekommen. Bevor ich mich um das tosende Anschwellen der Wellen da unten kümmern kann, muß ich wieder auf der Bergspitze stehen, muß ich den Punkt wieder gefunden haben, wo alles Leben anfängt. Man beginnt den Bau eines |499 Hauses nicht damit, das Dach zuzudecken, sondern, wenn auch noch so viele Dachziegel auf dem Bauplatz bereit liegen, fängt man damit an, das Fundament zu graben und Stein auf Stein zu setzen. Wenn Alles so weit ist, wird sich dann das Dach schon finden. So mit dem Leben, mit dem Leben in bedrängten Zeiten. Und wenn noch so viel Fragen und Sorgen da wären, wir dürfen nicht zuerst danach verlangen, getröstet und beruhigt zu werden, sondern zuerst müssen wir Gott als den Herrn erkannt haben, dann findet sich gewiß Trost und Ruhe von selber, wenn es Zeit ist. O liebe Freunde, wenn wir doch alle in dieser ernsten Zeit diese Reihenfolge gut verstehen würden! Wir hungern und dürsten ja jetzt alle nach Erlösung, wenn wir in die Welt hinaussehen, die uns so viel furchtbare Rätsel stellt, und wenn wir unser Leben betrachten und das unserer Lieben, in dem es jetzt so viel Ungewisses und Bedrohliches gibt. Wir werden diese Erlösung erfahren, es kann uns nichts geschehen, als was er hat ersehen, und was uns selig ist2 — aber wenn wir das erfahren wollen, müssen wir die ewige Ordnung Gottes beachten: Zuerst dankbar und demütig und willig hin zu ihm, dann siegreich mit ihm hindurch durch alle Bedrängnisse und Sorgen.
Der Herr wird für euch streiten. Das ist das Zweite. Wer auf den hohen Berg gestiegen ist, wer sich Gott übergeben hat in vollem Gehorsam und Vertrauen, der sieht Alles ganz anders an, eben so, wie es von Gott aus aussieht. Er sieht, wie es wohl schweres bitteres Leid gibt und böse feindliche Gewalten, die das Licht hassen, und den Tod, dieses große ewige Rätsel. Er sieht das alles, aber er weiß: von dem allen ist schließlich nichts herrenlos. Es gibt da keine Schicksalsmacht und keinen bösen Zufall, sondern hinter Allem steht Gott, und in Allem triumphiert er schließlich. Das Leid und der Schmerz dürfen sich auswirken, aber endlich verwandeln sie sich in einen Segen. Das Böse darf sich austoben, aber schließlich wird es seine eigene Strafe, und das |500 Gute siegt, gerade weil das Böse so übermächtig groß geworden war. Der Tod darf sein Szepter schwingen über alle Kreatur, in Wahrheit ist er die Ankündigung eines Lebens, unendlich viel vollkommener als das, welches er zerstören darf. Immer wird Gott schließlich Meister. Alles Dunkle, Schlechte, Traurige ist nur etwas Vorläufiges. Wer auf dem hohen Berg steht, wo man weiß: Gott ist der Herr, der sieht durch das alles hindurch, darüber hinweg, es kann ihn wohl erschrecken, aber nicht irremachen.
Darum kann er aber auch nicht mehr so ängstlich fragen: was wird aus mir? Was solls noch geben? Was soll ich machen? Er wird ja freilich auch Alles überlegen müssen, aber er nimmt es nicht mehr so wichtig, daß er sich davon erschüttern ließe bis ins Innerste seines Wesens. Das hat Jesus gemeint, als er den Seinigen den uns fast unbegreiflichen Rat gegeben hat: Sorget nicht [
501 Es braucht uns nicht angst zu sein um Gottes Sache. Gerade in der gegenwärtigen Zeit nicht. Wir können es uns nicht genug sagen, daß diese Zeit mit ihren Ereignissen eine Offenbarung Gottes ist, ein furchtbarer Beweis seiner Wahrheit und seiner Macht. Es zeigt sich jetzt, daß es nicht gleichgültig ist, wie wir vielleicht lange meinten, ob die Menschen und die Völker in Liebe und Gerechtigkeit leben nach seinen Gesetzen, die ihnen so wohl bekannt sind, oder ob sie sich gehen lassen in Hochmut und Selbstsucht und Selbstgerechtigkeit. Ihr eigener Weg mußte jetzt endigen in diesen schweren Gerichten. So schwer sie uns treffen mögen, so wollen wir doch die Hauptsache nicht vergessen, das, was uns bei aller Sorge, bei allem Druck, der auf uns liegt, doch freuen muß: jetzt zeigt es sich wieder einmal, daß Gott zu seiner Sache steht. Gottes Gerichte machen uns Mut: es bewährt sich jetzt, daß sein Wille gilt. Der böse Wille führt in den Abgrund hinein. Und je mehr das geschieht, desto deutlicher muß es ja allen Menschen werden, welcher Ordnung sie sich zu unterwerfen haben, früher oder später, schneller oder langsamer. Es ist zweifellos, daß gerade die gegenwärtige Zeit dieser Erkenntnis dienen muß. Sollte uns das nicht sicher und getrost machen?
Wir wollen das auch auf unsere jetzige Lage anwenden. Wir fürchten jetzt, die Woge des Krieges könnte auch noch in unser Land hereinbrechen, wir fürchten uns vor einem teuren Winter mit wenig Verdienst. Ja, das alles mag uns Kummer machen, und darum sehen wir uns vor, so gut wir können. Aber Angst und Aufregung sollte darum nicht unter uns sein. Wird denn nicht Alles so geschehen und kommen, wie Gott es will? Wissen wir nicht, daß Gott getreu ist und sicher nichts Böses über uns verhängt? Es kann vielleicht Not und Unglück sein, aber doch nichts Böses! Würde es denn an Gottes Liebe und Treue gegen uns nur das Geringste ändern, wenn wir jetzt z. B. den Feind im Lande haben müßten? Er wolle es gnädig verhüten, und unsere Soldaten werden ja auch das Ihrige tun, daß es nicht dazu kommt, |503 aber wenn es sein müßte, müßten wir es dann nicht annehmen aus seiner Hand, ohne Murren, mit der einzigen Frage: was will uns nun Gottes Güte mit diesem Unglück schenken? Denn daß er uns in Glück oder Unglück immer etwas zu schenken hat, das ist sicher. Es würde unter allen Umständen wahr bleiben: der Herr wird für uns streiten — er führt unsere Sache und führt sie gut. Sehen wir nur dazu, und das sei jetzt unsere einzige Sorge, ich sage es noch einmal, daß wir wirklich dort stehen, wo man die Dinge so ruhig und sicher ansehen kann! Sehen wir zu, daß wir unsere Sache und uns selbst völlig in Gottes Hand stellen, Alles fahren lassen, was ihm fremd ist, das große Licht gläubig annehmen, das er uns leuchten läßt! Dann ist uns auch jener Weg offen, der siegreich durch Bedrängnis und Sorge hindurchführt.
Und jetzt noch etwas vom Stillesein, von dem schon
Dazu braucht es allerdings ein Stillewerden. Unser Sorgen und Kümmern und Uns-Aufregen ist immer etwas Geräuschvolles. Da haben wir den Kopf voll Gedanken. Da klopft uns das Herz und zittern unsere Hände. Da haben wir beständig das Bedürfnis, unser Leid diesem oder jenem zu klagen, immer wieder unsre |504 eigene Stimme zu hören. Da wird es uns angst und bang, sobald wir allein sind. Das ist ein krankhafter Zustand. Da können wir unmöglich dazu kommen, die Welt und unser Leben mit Gottes Augen anzusehen. Stillewerden heißt Gott reden lassen. Er hat jedem von uns viel zu sagen. Wieviel könnte er uns sagen, wenn wir einmal statt immer auf unsre oft so einfältigen Sorgen oder auf das Geschwätz der Leute auf unser Gewissen hören würden, das wir so lange übertäubt haben! Wie nahe könnte er uns treten, wenn wir einmal, statt uns immer mit uns selbst zu beschäftigen, unseren Blick auf Jesus und auf sein Kreuz lenken würden! Wie könnte er uns erfüllen mit seiner Kraft und seinem Frieden, wenn wir einmal damit anfangen wollten, zu beten, nicht, um etwas von Gott zu fordern, sondern um ihn selbst zu finden! O nein, dieses Stillesein ist keine Untätigkeit, es ist die höchste Tätigkeit, die wir uns denken können, aber keine Tätigkeit unserer Nerven, unserer Hände und Füße, unseres Mundes, sondern eine Tätigkeit unserer Seele. Gott wird tätig in uns, wenn wir stille sind, und dann führt er uns auf die Höhe, wo es keine Sorge und keine Aufregung mehr gibt. Wir sollten keinen Tag vorübergehen lassen gerade in dieser ernsten Zeit, ohne einmal stille zu werden vor Gott. Jeder Sonntag sollte uns jetzt vor Allem diese Stille bringen. Und auch der heutige Bettag sollte uns vor Allem ein solcher Tag des Stilleseins werden. Dann bringt er uns die Sammlung und Erhebung, die uns jetzt so nötig ist. Die drei großen Losungen des Bettags: Dank, Buße, Gebet sagen uns deutlich, was das ist, Stillewerden. Fragst du noch: wie soll ich das machen, so ruhig und vertrauensvoll zu werden? Meinst du noch, es sei so ungeheuer schwierig? Es ist sicher nicht schwierig. Gott hat dich, er hat uns alle ja so lieb. Er will uns allen ganz sicher hindurchhelfen durch diese Zeit der Bedrängnis und Sorge. Aber wir dürfen die Hand nicht zurückziehen, wenn er uns nun wirklich trösten und stärken will. Wir müssen ihn da suchen, wo er zu finden ist. Wir müssen ihn an uns schaffen lassen.
Wenn Gott für uns ist, wer will dann wider uns sein [