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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Jeremia 22,29 (Bettag Vormittag)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jeremia 22,29 (Bettag Vormittag), 20. September 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5044 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 482–495.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Jeremia 22,29 (Bettag Vormittag)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 482-495</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 239</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jer 22,29 (Bettag Vormittag), 20. September 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1679">KBA 1217</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-09-20">20. September 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-09-20">20. September
                     1914</date><note xml:id="n01">Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen
                     wurden, sind auf dem <ref corresp="A">Mskr.</ref> notiert: <bibl corresp="kbga-songs-193" type="song">
                                Nr. 81: «Wir schwören heut’ aufs neue …» von <persName ref="kbga-actors-1360">A. E.
                     Fröhlich</persName> (1796–1865), Strophen 1,2,4</bibl>; <bibl corresp="kbga-songs-36" type="song">
                                Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich …» nach dem altkirchlichen Tedeum von <persName ref="kbga-actors-1356">I. Franz</persName> (1719–1790),
                     Strophen 1,7,9.</bibl>
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                    </dateline>
          <head type="event">Bettag Vormittag</head>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.22.29">Jeremia 22,29</ref>
                        </cit>
            <quote>O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!</quote>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Höre des Herrn Wort! O Land, o <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweizerland</orgName>, o Schweizervolk! Höre des Herrn Wort!
               Das ist die Botschaft, die jetzt an uns ergeht, die uns jetzt wecken, ergreifen,
               überwältigen soll. Zur Bettagsfeier sind wir hier zusammengekommen und überall mit
               uns vereint unsere Volksgenossen aus allen Kantonen, aus allen Konfessionen und
               Parteien. Dankbar möchten wir an diesem Tag bekennen, was wir an unserem Gott haben.
               Demütig möchten wir uns fragen, wie es mit unserer Treue steht ihm gegenüber. Und
               kindlich möchten wir ihn bitten, unser auch ferner zu gedenken, an seiner starken
               Hand uns weiter zu führen. Ein merkwürdiger Bettag ist es diesmal, ganz anders als
               andere Jahre. <hi rend="italic">Gott selber</hi> hat mit uns geredet. Er hat immer mit uns
               geredet, aber wir verstanden ihn oft so schwer, er war uns oft so fern und
               undeutlich. Und darum war uns auch der Bettag oft nicht, was er uns hätte sein
               sollen. Dies Jahr nun hat Gott seit bald zwei Monaten so deutlich mit uns gesprochen,
               daß es schwer sein sollte, scheint mir, ihn <hi rend="italic">nicht zu verstehen</hi>. Wir
               haben in dieser kurzen Zeit mehr Erkenntnis und Erfahrung von ihm gewinnen können als
               sonst in zehn oder zwanzig Jahren. Gott selber hält uns dies Jahr die Bettagspredigt.
               O Land, Land, Land, <hi rend="italic">höre</hi> des Herrn Wort, möchten wir auch aus
               ganzem Herzen bitten; höre des Herrn Wort, das in den gewaltigen Ereignissen dieser
               Zeit uns so greifbar nahegetreten ist. Was für eine furchtbare <hi rend="italic">Verantwortung</hi>
               <pb xml:id="p483" ed="pga"/>
                laden wir auf uns, wenn wir ihn jetzt nicht hören. Höre des <hi rend="italic">Herrn</hi>
               Wort. Nicht Menschenworte, auch nicht Pfarrerworte. Wir sind an manchem Bettag in
               früheren Jahren zur Kirche gegangen, um des Pfarrers politische Ansichten zu hören.
               Wir waren damit einverstanden, oder wir schüttelten den Kopf darüber. Das war immer
               eine Verkehrtheit. Dies Jahr würde es eine Gottlosigkeit sein. Denkt jetzt nicht an
               den Mann da vorne, der kommt gar nicht in Betracht, es handelt sich um viel Größeres.
               Ich hätte an allen diesen Sonntagen und auch heute lieber schweigen als reden wollen.
               Wenn ich rede, so tue ich es nur, um euch als Wegweiser zu dienen zu dem, was
               unendlich viel größer ist als meine Meinungen und Worte. Es handelt sich jetzt
               überhaupt nicht um Meinungen und Worte. Des Herrn Wort an uns, das wir hören müssen,
               ist eine Kette von Tatsachen, die wir sehen, die wir erleben müssen. Sie müssen uns
               innerlich aufrühren, wir müssen mit ihnen kämpfen und ringen, sie müssen über uns
               Meister werden, sie müssen uns in tiefster Seele zum Besitz werden. Hoch wie die
               Schneeberge über unseren Hügeln stehen sie über allen Meinungen und Worten. Höre des
                  <hi rend="italic">Herrn</hi> Wort, du Schweizervolk, dringe ein in die Tiefe, bleibe
               nicht stehen beim Kritisieren und Politisieren, bei Äußerlichkeiten, bei
               Kleinlichkeiten und Nichtigkeiten. Laß die <hi rend="italic">Ewigkeit</hi> reden aus den
               Ereignissen der Zeit zu deiner Seele. Sie wird dir <hi rend="italic">nicht so bald
                  wieder</hi> mit einer solchen Fülle von Segen nahetreten.</p>
        <p>Zum <hi rend="italic">Danken</hi> ladet uns dieser Tag ein. Ist wohl ein Einziges unter
               uns, das nicht weiß, wofür wir Gott heute und jeden Tag aufs neue zu danken haben? Es
               liegt ja uns allen auf den Lippen: wir danken ihm, daß er uns bis heute vor der
               ungeheuren Kriegswoge, die jetzt durch die Welt geht, gnädig bewahrt hat. Wir haben
               das nicht verdient. Wir sind nicht besser als die anderen Völker, die jetzt so
               Unsägliches leiden. Wir zeichnen uns vor manchen von ihnen nicht durch Tugenden,
               sondern durch Fehler aus. Wir können auch nicht sagen, daß es so kommen mußte, und
               daß es sich von selbst versteht, daß wir verschont bleiben. Muß ich euch an die
               ersten Tage des August erinnern und alles
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                das, was wir damals befürchteten? Es liegt nicht an uns, wenn es bis jetzt nicht
               eingetroffen ist. Auch nicht an unserer <orgName ref="kbga-actors-8712">Armee</orgName>, so herzliches Vertrauen wir in ihre
               Tätigkeit und Schlagfertigkeit setzen. Die Geschütze, die die Forts von <placeName ref="kbga-places-976">Lüttich</placeName> in
               Trümmerhaufen verwandelt haben,<note xml:id="n02">
                            <date from="1914-08-04" to="1914-08-16">4.-16. August 1914</date>
                  unter General <persName ref="kbga-actors-1352">von Emmich</persName>.</note> würden doch wohl, wenn es darauf angekommen wäre,
               auch mit unseren in Eile hergestellten Befestigungen fertig geworden sein. Und den
               Armeen unserer Nachbarländer gegenüber, die uns jetzt durch ihre Leistungen zur
               Bewunderung zwingen, wollen wir nicht prahlen, als ob die Furcht vor unseren
               Bajonetten sie unseren Grenzen ferngehalten habe. Nicht uns, Herr, nicht uns, deinem
               Namen allein sei Ehre [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.115.1">Ps. 115,1</ref>]! Es hätte Alles gar leicht auch ganz anders kommen können, und es könnte
               noch ganz anders kommen. Wenn es bis jetzt nicht geschehen ist, so wollen wir dafür
               dem Herrn der Welt und der Völker danken, der es nicht gewollt hat. Während es jetzt
               da draußen bald kein Dörflein mehr gibt, in dem kein Toter beklagt würde, dürfen wir
               mit getroster Hoffnung an ein einstiges Wiedersehen mit allen unseren Lieben an der
               Grenze glauben. Während da draußen die Ernte des furchtbaren Schnitters Tod immer
               größer wird, immer mehr und mehr Tränen von Verlassenen fließen, dürfen wir von Tag
               zu Tag zuversichtlicher werden in dem Gedanken, daß das Schlimmste von den Unsrigen
               abgewendet sei. Und während da draußen so mancher blühende, von fleißigen Menschen
               bewohnte Landstrich dem Erdboden gleichgemacht ist, durften wir, nachdem der erste
               furchtbare Stoß im Erwerbsleben vorüber war, ruhig und nicht minder reichlich als
               andere Jahre die Gaben des Sommers und des Herbstes hereinbringen, und auch der
               Verdienst aus der Industrie will sich ja nun wieder einstellen. Kein Klagewort sollte
               über unsere Lippen kommen, wenn wir uns auch nur einen Augenblick mit Anderen und
               dem, was ihnen widerfahren ist, vergleichen. Gott hat Großes an uns getan [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.126.3">Ps. 126,3</ref>], ohne daß wir auch
               nur den leisesten Grund dafür angeben könnten, warum er es nun gerade uns so gnädig
               gemacht hat. </p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p485" ed="pga"/> Aber wir müssen tiefer gehen. Es wäre ein übler Dank, wenn wir jetzt nichts wüßten,
               als Gott dafür zu danken, daß zwar der Nachbarn Häuser verbrannt, das unsrige aber
               stehen geblieben ist. Da dürften wir eigentlich Gott gar nicht danken dafür, das wäre
               zu jämmerlich, zu selbstsüchtig, zu kleinlich. Die anderen Völker, die jetzt so viel
               Leid zu tragen haben, könnten uns sonst am Ende verachten und sagen: Wir machen jetzt
               eine Schule schwerer Not durch, und wir lernen etwas in dieser Schule, wir lernen
               Ernst und Hingabe und Opfer und Bruderliebe, wir lernen Gott kennen im Ungewitter des
               Unheils, das über uns gekommen ist, werdet ihr auch etwas lernen in dieser Zeit, ihr
               Schweizer, die ihr nicht wißt, was Leiden und Kämpfen heißt, die ihr nur behaglich
               von weitem zuseht? Was wollen wir darauf antworten? Könnten wir ein gutes Gewissen
               haben gerade den Anderen gegenüber mit dem selbstsüchtigen Gebet: O Gott, ich danke
               dir, daß unser Häuslein nicht verbrannt ist! Wir haben tiefere Gründe zu danken als
               diese. Schlimmer als Unrecht leiden ist Unrecht tun [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.6.7 1.Kor.6.8">1.Kor. 6,7f.</ref>]. Danken wir Gott vor allen
               Dingen dafür, daß er unser Gebet: Führe uns nicht in Versuchung! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.13">Mt. 6,13</ref>] erhört hat, daß wir bis jetzt
               nicht in die Lage gekommen sind, Unrecht zu tun. Es ist eine große Gnade Gottes, daß
               die schweizerischen Gewehre bis jetzt nicht haben <hi rend="italic">losgehen</hi> müssen,
               daß unsere Hände bis jetzt von Blut rein sind, daß unsere Soldaten an dem großen
               scheußlichen Bruch der Bruderliebe bis jetzt nicht beteiligt sind. Wir würden sie ja
               ganz gewiß nicht minder liebhaben und achten, wenn es anders wäre, aber es ist doch
               etwas Großes, wenn wir bis jetzt von ihnen wissen dürfen: sie haben nicht getötet! Es
               kann ja unmöglich ein Segen liegen auf dem Kriegführen, auf dem Töten, weder für den
               Einzelnen noch für die Völker. Und es muß irgendwie ein Segen liegen auf der Haltung,
               die wir jetzt einnehmen dürfen, auf einem Volk, das die Waffen in der Hand sich
               beherrscht und die Waffen nicht braucht. Dafür wollen wir Gott danken, denn das ist
               ein Geschenk von ihm.</p>
        <p>Und noch für etwas: Auch dafür, daß wir uns innerlich nicht müssen <hi rend="italic">hineinreißen</hi> lassen in den Sturm oder Rausch, in dem sich
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                jetzt alle diese kriegführenden Völker befinden. Was lebt jetzt da für eine Masse
               von Haß und Verachtung in Millionen von Herzen! Wieviel böse Worte fliegen hin und
               her über die Grenzen, was für unheilbaren Selbsttäuschungen über die eigene Unschuld
               und Vortrefflichkeit geben sich jetzt draußen die Massen und selbst die gebildeten
               und christlichen Kreise hin! Das ist ein Jammer, fast ebenso groß wie der, daß die
               Soldaten an der Front aufeinander schießen. Auch das gehört zu dem scheußlichen Bruch
               der Bruderliebe. Und wir dürfen uns von dem allen freihalten. Wir dürfen die
               Nüchternen sein in dem allgemeinen Rausch. Wir dürfen, es ist wieder eine Gnade,
               nicht ein Verdienst. Wären wir Deutsche oder Franzosen, wir würden um kein Haar
               weniger leidenschaftlich empfinden, wir würden wie sie versinken in dieser schwarzen
               Nacht von Barbarei. Und nun müssen wir das nicht, dürfen unseren kühlen neutralen
               Blick behalten, dürfen das Gute anerkennen, wo es sich findet, und das Böse als Böses
               bezeichnen, auf welcher Seite es auch sei, dürfen inmitten dieses unsäglich gemeinen
               Ausbruchs der Völkerselbstsucht abseits stehen und die Zusammengehörigkeit und
               Solidarität der Menschen und Völker liebhaben und hochhalten. Dafür wollen wir doch
               dankbar sein, noch mehr als für die unschuldigen Hände: für das freie Herz, das wir
               bis jetzt uns haben bewahren dürfen, und wollen es uns bewahren um jeden Preis und es
               nicht durch läppisches Parteinehmen und Politisieren aufs Spiel setzen. Werdet nicht
               der Menschen Knechte [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.7.23">1.Kor 7,23</ref>]!</p>
        <p>Darüber hinaus aber noch wollen wir dankbar sein dafür, daß wir als Schweizer und als
               Christen überhaupt eine solch große Zeit erleben dürfen. Denn es ist eine große Zeit,
               das muß man immer wieder sagen, trotz aller Teufelei, die sie zum Vorschein bringt,
               trotz aller Bedrängnis, in die sie uns versetzt. Vor Allem eine Zeit, die uns wieder
               einmal große Gedanken gebracht hat. Wir haben oft gebetet: Gib uns große Gedanken in
               den kleinen Sorgen des Tages. Das ist nun ganz ungesucht und ohne daß wir Verdienst
               daran hätten, so gekommen. Denkt, über wie viel <hi rend="italic">Kleinlichkeiten</hi> und
               Torheiten nur wir hier in unserem Dorf uns oft
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                aufgeregt haben, was für jämmerliche graue Fäden von Klatsch und Haß wir gesponnen
               haben von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr hinüber. Wie hat jetzt auf einmal eine
               ganze Menge davon verstummen müssen, einfach weil wir merkten: das alles ist doch
               furchtbar gleichgültig gegenüber dem, was jetzt die Welt bewegt. Es gibt ja freilich
               noch Unverbesserliche genug, die auch jetzt ganz die Alten bleiben können, aber viele
               sind ihrer nicht. Fast Jedes ist in diesen Wochen von großen Gedanken und Fragen
               wenigstens kräftig berührt worden. Wir haben etwas erfahren von dem, was die
               Menschheit ist und wie sie zusammenhängt in Freud und Leid, in Sünde und
               Gerechtigkeit. Die ewigen Fragen von Recht und Unrecht sind uns brennend geworden
               durch die Vorgänge da draußen. Die Frage: was ist eigentlich unsere ganze moderne
               Civilisation wert? ist vor den Augen von Manchem aufgetaucht, der es vorher für
               selbstverständlich hielt, daß Civilisation und Bildung der Himmel auf Erden sei. Der
               Anblick so massenhaften Sterbens da draußen auf den Schlachtfeldern hat sicher nicht
               Wenige darauf geführt, wieder einmal nachzusinnen über die alten Rätsel von Leben,
               Tod und Ewigkeit. Und in wie Vielen, in wie Unzähligen ist jetzt die Haupt- und
               Lebensfrage nach Gott aufgestiegen! Wer ist er, er, der hinter dem Allen steht, heiße
               er, wie er wolle? Und was sind seine Wege? So fragt und sucht es nun in Millionen
               Seelen. Viel dumme Gleichgültigkeit ihm gegenüber hat sich in angestrengtes
               Nachdenken verwandelt, und viele oberflächliche Meinungen und Dogmen über ihn sind in
               dieser Zeit in aller Stille korrigiert worden. Sollten wir Gott nicht dankbar sein
               für diese Zeit großer Gedanken, die so vielem Krimskrams und Geschwätz ein Ende
               gesetzt hat?</p>
        <p>Und es ist ja nicht bei den großen Gedanken geblieben. Große <hi rend="italic">Aufgaben</hi> stellt diese Zeit an uns alle, auch an unser Schweizervolk, auch an
               jedes Einzelne von uns. Wieviel Energie und Opferbereitschaft mußte jetzt auf einmal
               da sein, als es hieß: das Vaterland ist in Gefahr! Wieviel Liebe und Treue leuchteten
               jetzt auf einmal hervor in vielen Familien, in denen sie vielleicht aus allerlei
               Gründen lange verschüttet waren! Wie sind jetzt auf
               <pb xml:id="p488" ed="pga"/>
                einmal eine ganze Anzahl von Grundsätzen der Bruderliebe und der Solidarität
               zwischen den verschiedenen Parteien und Ständen in unserem Volk notwendig und
               selbstverständlich geworden, die man in Friedenszeiten höchstens als schöne Kanzel-
               und Rednerphrasen gelten ließ! Sollten wir Gott nicht dankbar sein dafür, daß er uns
               jetzt einmal dazu gezwungen hat, Ernst zu machen mit unser aller Bundesschwur: wir
               wollen sein ein einig Volk von Brüdern!<note xml:id="n03">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-846">Anfang des «Rütlischwurs»: <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, «<hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>» II, 2
                     (Vers 1448)</bibl>.</note> Und was für große Aufgaben mögen unser in der
               Zukunft warten! Wir wollen uns nicht aufs Prophezeien einlassen. Aber das ist ganz
               sicher: wir gehen einer Zeit entgegen, in der es mehr als je nötig sein wird, daß wir
               alle gemeinsam nach oben blicken, daß wir versuchen, einander immer besser zu
               verstehen, daß wir freudig zusammenstehen zu gutem Tun. Zeichen genug sind da, die
               darauf hindeuten, daß Vieles, sehr Vieles vielleicht, sich ändern wird. Auch die
               borstigsten Gegner werden einander die Hand geben müssen, auch die Selbstsüchtigsten
               werden einsehen müssen, daß nicht Alles weitergehen kann wie bisher, auch den
               beschränktesten Gewohnheitsmenschen wird etwas aufleuchten, daß es höhere
               Lebensaufgaben und Ziele gibt als das, was sie bis dahin dafür angesehen haben.
               Wollen wir Gott nicht dankbar sein dafür, daß er uns einer Zeit großer Aufgaben
               entgegengehen läßt? O Land, Land, Land höre des Herrn Wort. O Schweizervolk, sieh es
               doch recht tief ein, wie groß die Güte Gottes gegen uns ist, wie sehr wir Anlaß haben
               zu bekennen: der Herr hat Großes an uns getan in dieser ernsten Zeit, der Herr tut
               Großes an uns, des sind wir fröhlich [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.126.3">Ps. 126,3</ref>].</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Buße</hi> ist das Andere, auf das uns dieser Tag hinweist. Man ist es
               gewohnt, am Bettag von Buße predigen zu hören. Gar Mancher auch von denen, die
               überhaupt nur am Bettag in die Kirche kommen, ist ganz gefaßt darauf, an diesem Tag
               eine solide Bußpredigt, eine gründliche Aufzählung und Beleuchtung unserer
               Volksfehler und Volkssünden über sich ergehen zu lassen. Ich
               <pb xml:id="p489" ed="pga"/>
                möchte mich heute nicht zu lange dabei aufhalten. Es hieße Wasser in den Rhein
               tragen, wenn ich jetzt das bekannte Lied von der Verschwendungs- und Vergnügungssucht
               anstimmen wollte. Daß es da toll getrieben worden ist oben und unten, daß in weiten
               Kreisen alle Begriffe von Sparsamkeit und Maßhalten verschwunden waren, das gibt
               jeder verständige Mensch zu. Wohin das führen mußte, das erfährt Mancher, der jetzt
               durch eigene Schuld mit schwerem Bangen in die Zukunft sieht, und ich brauche es ihm
               nicht vorzuhalten. Es besteht auch kein Zweifel, daß die Ereignisse da ganz von
               selber nun für einige Zeit den <hi rend="italic">Riegel schieben</hi> werden, und
               es ist recht so. Da kann sich nun Jeder und Jede, dies angeht, selber Buße
               predigen.</p>
        <p>Ernster und schwerwiegender ist das, worauf wir geführt werden, wenn wir uns das
               Verhalten der Allermeisten von uns in den ersten Tagen der Kriegsnot noch einmal vor
               Augen halten. Das wird nun bleiben als eine Tatsache der Schweizergeschichte, die die
               <placeName ref="kbga-places-960">Aare</placeName> nicht wegwaschen wird, daß in diesen Tagen, in denen Gott eine große Prüfungs-
               und Segenszeit über uns kommen ließ, unsere kriegerische Mobilisation zwar tadellos
               vor sich gegangen ist, zugleich aber eine ganz miserable Angst und Selbstsucht
               krampfhaft über die Allermeisten von uns gekommen ist. Ich denke vor Allem an das
               sinnlose Anhäufen von Geld und Lebensmitteln in den Häusern, mit dem so Viele Verrat
               am Vaterland und an der Allgemeinheit begangen haben. Diese Tatsache ist nun einmal
               da, und wir dürfen und wollen sie nicht vergessen, auch dann nicht, wenn wir einmal
               die Freudenfeuer für den Frieden auf unseren Höhen werden anzünden dürfen. Wenn wir
               dann singen werden: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Heil dir Helvetia,</l>
                                <l xml:space="preserve">hast noch der Söhne ja,</l>
                                <l xml:space="preserve">wie sie <placeName ref="kbga-places-424">St. Jakob</placeName> sah,</l>
                                <l xml:space="preserve">freudvoll zum Streit!<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-songs-195" type="song">Aus der 1. Strophe der (damaligen) schweizerischen Nationalhymne «Rufst du, mein Vaterland» (1811) von <persName ref="kbga-actors-1418">J. Rud. Wyss</persName> (1782–1830)</bibl>: 
                <q rend="block"><lg><l xml:space="preserve">Rufst du, mein Vaterland,</l><l xml:space="preserve">Sieh uns mit Herz und Hand</l><l xml:space="preserve">All dir geweiht.</l><l xml:space="preserve">Heil dir, Helvetia,</l><l xml:space="preserve">Hast noch der Söhne ja,</l><l xml:space="preserve">Wie sie Sankt Jakob sah,</l><l xml:space="preserve">Freudvoll zum Streit.</l></lg></q>
                In der Schlacht bei <placeName ref="kbga-places-424">St. Jakob an der Birs</placeName> (<date when="1444-08-25">25. August 1444</date>) wurden ca. <date when="1500">1500</date> Eidgenossen von der Übermacht der Burgunder und Franzosen völlig aufgerieben. Für das schweizerische Bewußtsein wurde daraus so etwas wie eine «Schlacht an den Thermopylen».</note></l>
                            </lg>
                        </q>
              
              <pb rend="noPipe" xml:id="p490" ed="pga"/> Dann wollen wir daran denken, daß zwar unser Militärwesen geklappt hat, besser als
               bei <placeName ref="kbga-places-424">St. Jakob</placeName>, daß aber die große Mehrzahl der schweizerischen Hausväter und
               Hausmütter sich sehr anders benommen hat in der Schicksalsstunde als die alten
               Eidgenossen. Wir wollen und müssen auch heute daran denken. Es ist in jenen Tagen der
               Aufregung zum Vorschein gekommen, daß wir ein habgieriges, selbstsüchtiges Volk sind,
               ein Volk, das gewohnt ist zuzugreifen, und das schnell bereit ist, über dem Zugreifen
               alle anderen Rücksichten hintanzusetzen. Die letzten Jahrzehnte haben uns in diesen
               fatalen Eigenschaften sehr bestärkt. Wir sind durch eine blühende Entwicklung von
               Gewerbe und Industrie ein wohlhabendes Volk geworden. Wir wissen gar nicht, wie gut
               wir es haben, wir denken nur gar nicht daran, unsere Lage mit der unserer Väter und
               Großväter zu vergleichen. Aber wer dürfte im Ernst behaupten, daß uns diese ganze
               Entwicklung nur zum Guten gereicht sei? Da ist nun jener Geist entstanden und groß
               geworden unter uns, dem um Geld Alles feil ist, Gesundheit und Würde und Charakter,
               der Geist, der da spricht: jeder ist sich selbst der Nächste!<note xml:id="n05">Dieses Sprichwort geht zurück auf <bibl corresp="kbga-bibls-1546">
                                <persName ref="kbga-actors-1411">Terenz</persName> (195[?]-159 v.Chr.), <hi rend="italic">Andria</hi> IV, 1</bibl>: <foreign xml:lang="lat">Proximus sum egomet mihi.</foreign>
                        </note> Der Geist des fieberhaften,
               rücksichtslosen Erwerbsdranges, auch da wieder oben und unten, aber er ist doch
               zuerst oben gewesen, bei der höheren Klasse, und von da aus dann zu den anderen
               gekommen. Dieser Geist ist nicht von Gott, er ist kein Geist der Wahrheit und der
               Gerechtigkeit und des Friedens. Er hat uns auch nicht glücklich gemacht im Grunde. Schon 
               <pb xml:id="p491" ed="pga"/>
              in gewöhnlichen Zeiten fehlte es unserem ganzen, scheinbar so blühenden, Zustand
               nicht an dunklen Schattenseiten. Ich will nicht näher darauf eintreten. Dieser Geist
               war allmählich zum Fluch geworden, der auf uns lastete. Alles, was man sonst an uns
               tadeln kann: unsere Vergnügungssucht, unsere Eitelkeit, merkwürdigerweise auch unser
               Mangel an Sparsamkeit und Häuslichkeit, hing irgendwie damit zusammen. Und nun, in
               den ersten Tagen der Kriegsnot ist der Fluch, der Grundfluch, der auf uns lastet, auf
               einmal offenbar geworden für Alle, die sehen wollten, so offenbar, daß man ihn mit
               Händen greifen konnte.</p>
        <p>Und nun kommen wir sofort tiefer hinein in das, was Buße tun nun für uns bedeutet.
               Was wir da angedeutet haben von der Verfehlung unseres Volkes, ist schließlich nur
               das äußere Anzeichen eines Übels, das tief innen sitzt. Wir stehen <hi rend="italic">zu
                  Gott</hi> nicht, wie wir sollten. Das ist etwas Verborgenes, das Verhältnis eines
               Volkes zu Gott. Jetzt ist es einmal aufgedeckt worden, und wir müssen uns sagen, daß
               es nicht ist, wie es sein sollte, nachdem wir uns vielleicht lange allerlei
               Täuschungen hingegeben hatten. Wir hatten Kirchen und Pfarrer und Orgeln und Glocken
               und jeden Sonntag eine Predigt, wir hatten christliche Vereine, wohltätige Anstalten
               und die Heidenmission — aber was hat denn das alles mit Gott zu tun und mit dem
               Gehorsam gegen ihn? Gott ist doch die Liebe — wie kommt es, daß wir die Rücksicht auf
               unsere Brüder und Schwestern so ungeniert haben bei Seite stellen können? Gott ist
               doch die Ordnung — wie mögen wir nur, als ob wir Räuber wären, so aufs Raffen bedacht
               sein? Gott ist doch die Güte und die Weisheit — wie kam es nur, daß wir so schnell,
               so überraschend schnell das Vertrauen zu ihm wegwarfen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.10.35">Hebr. 10,35</ref>] und uns einer kindischen
               Angst und Nervosität überlassen konnten? Es ist da an den Tag gekommen, daß in
               unserem Verhältnis zu Gott viel Äußerlichkeit, viel Firnis war. Der Gehorsam gegen
               seinen Willen war zu einem großen Teil etwas Angewöhntes, Angeklebtes, nicht unser
               innerer Besitz. Darum ist er nun auch in der Stunde der Prüfung zu einem großen Teil
               einfach von uns abgefallen, und wir stehen da als das, was wir
               <pb xml:id="p492" ed="pga"/>
                eigentlich sind. Ganz besonders das Evangelium und die Person Jesu, meine ich, ist
               uns trotz des vielen Redens und Singens von ihm noch sehr fremd. Wir haben noch wenig
               gespürt von der erlösenden Kraft, die von diesem Mann und seiner Botschaft ausgeht,
               und darum denken und handeln wir dann auch in den entscheidenden Momenten, da, wo es
               darauf ankäme, sich als Christ zu bewähren, ganz anders, als Jesus es an unserer
               Stelle tun würde. Alles in Allem: Gott ist lange nicht wirklich, nicht lebendig
               gegenwärtig genug in unserem Leben. Wir stehen ihm nicht nahe genug, wir lassen uns
               nicht innig genug umfassen und erfüllen von ihm, so daß wir in jeder Lebenslage klar
               und sicher wüßten: wir denken, wir reden, wir handeln — nicht nach weltlicher
               Klugheit, sondern nach der Klugheit, die aus ihm kommt und die die Welt überwindet.
               Wenn Gott uns das wäre, was er uns sein will, dann wären wir ganz andere Menschen
               gewesen, als die Kriegsnot hereinbrach, nicht so ängstlich, nicht so weinerlich,
               nicht so aufgeregt, nicht so selbstsüchtig und rücksichtslos. Und nun soll es uns
               auch klar sein, was Bußetun bedeutet. Vor Allem einmal Ehrlichkeit und Demut den
               eigenen Fehlern gegenüber. Und dann? Solche Fehler wie die unseren legt man nicht von
               heute auf morgen ab. Das, was uns helfen kann ihnen gegenüber, kann nur die <hi rend="italic">Umkehr</hi> zu Gott sein, aus dem alles Gute stammt, und vor Allem die
               Kraft, das Gute nicht nur einzusehen, sondern auch zu tun. Die gegenwärtigen
               Ereignisse zeigen uns auf erschütternde Weise, wie wahr das ist, was wir an so
               manchem Bettag hörten, ohne es vielleicht so recht zu glauben: daß die Sünde der
               Leute Verderben ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Spr.14.34">Spr. 14,34</ref>]. Gott läßt seiner nicht spotten, was der Mensch säet, das muß er ernten
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>]. Wenn die Völker
               Europas anders zu Gott stehen würden, wenn sie Ernst gemacht hätten mit dem
               Evangelium Jesu, statt es äußerlich zu verherrlichen und tatsächlich mit Füßen zu
               treten, dann wäre es nicht zu diesem wahnsinnigen Krieg gekommen; er wäre im Keime
               erstickt worden. Nun ist das Gericht hereingebrochen. Es hat uns Schweizer noch nicht
               in seiner ganzen Schwere getroffen, obwohl wir wahrhaftig nicht besser sind als die
               Anderen.
               <pb xml:id="p493" ed="pga"/>
                Wollen wir denn darauf warten, gedankenlos und leblos, bis es auch an uns kommt?
               Wollen wir denn den Ruf Gottes nicht hören, der uns jetzt so machtvoll einladet, uns
               zu ihm zu wenden aus ganzem Herzen, solange es noch Zeit ist, das Eine zu ergreifen,
               was allein zu unserem Frieden dienen kann? O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! O
               Schweizervolk, geh jetzt einmal in die Tiefe und erkenne, wie sehr es dir am Besten
               und Wichtigsten noch fehlt und wo es zu finden ist! Mach jetzt einmal Ernst mit dem,
               was du schon lange weißt! Es ist Bußzeit. Bußzeit heißt Gnadenzeit. Bußetun heißt
               nicht grämlich und gedrückt sein. Buße ist ein freudiges, ein jubelndes Erfassen des
               Größten, was es gibt, ein kindlich dankbares Annehmen der Erlösung vom Bösen, die uns
               jetzt angeboten wird. Buße ist am Ende nichts Anderes als die rechte Dankbarkeit für
               Gottes große Güte gegen uns.</p>
        <p>Und haben wir nun noch nötig, besonders auf das hinzuweisen, was uns dieser Tag als
                  <hi rend="italic">Bettag</hi> zu sagen hat? Um Schonung möchten wir bitten in den
               Schrecken der gegenwärtigen Ereignisse, nicht wahr? Um Gottes Schutz und Schirm für
               unser liebes <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweizerland</orgName>! Um seine gnädige Führung und Bewahrung in den schweren
               und verworrenen Zeiten, denen wir entgegengehen. Ja darum dürfen und wollen wir
               beten, das mag auch heute wieder der Anfang unseres Betens sein. Wir bitten Gott, daß
               er uns unsere Freiheit und Unabhängigkeit im Sturm dieser Zeit fernerhin erhalte. Wir
               bitten ihn für unsere Soldaten, daß [er] über ihnen wache und sie uns an Leib und vor
               Allem auch an der Seele gesund wieder zurückgeben möge. Wir bitten ihn, daß er uns
               allzu bittere Not und allzu schwere Sorge im kommenden Winter erspare! Warum sollten
               wir ihn nicht darum bitten? Wir wissen ja, daß wir mit allen unseren Anliegen einen
               guten Vater bei ihm finden.</p>
        <p>Aber sofort muß es nun auch da für uns heißen: tiefer hinein, tiefer hinein ins
               Gebet, in das, was das Gebet eigentlich ist, in die lebendige innere Berührung mit
               dem, der der Herr der Welt und unseres Lebens ist! Ich könnte mir vorstellen, daß
               ernste Christen jetzt noch ganz anders beten könnten als so: Nein, Herr
               <pb xml:id="p494" ed="pga"/>
                unser Gott, laß die Wellen deines Gerichtes nur mit aller Gewalt auch über uns
               ergehen, sodaß wir dich endlich, endlich hören und merken, wer du bist und was du von
               uns forderst! Laß jetzt nur unsere schweizerische Freiheit einmal in schwere Gefahr
               kommen, damit wir einsehen: sie ist kein selbstverständlicher Besitz, sondern ein
               Geschenk deiner Güte, zu dem wir Sorge tragen und dessen wir uns immer wieder würdig
               erweisen müssen. Laß die Zeit der Bedrängnis nur noch länger dauern und schwerer
               werden als bisher, wenn es nötig ist, damit wir nicht so schnell wieder aufatmen und
               in unseren alten Schlendrian zurücksinken können! Wir möchten nicht und wir können es
               nicht wünschen, daß du weniger deutlich und ernst mit uns redest als mit den anderen
               Völkern. Wir haben ja nicht das Recht, so zu beten, wir dürfen und wollen es Gott
               nicht vorschreiben, wie er es mit uns machen soll, weder im Guten noch im Schlimmen.
               Aber das ist sicher, wenn uns der heutige Tag zuruft: Betet, freie Schweizer, betet!,
               dann soll unser Leben etwas Tieferes und Besseres sein als ein Bitten und Betteln,
               daß er uns nichts tun möge, während alle Anderen leiden müssen. Sondern darum wollen
               wir vor allem Anderen beten, daß der Dank, den wir Gott schuldig sind, und die Buße,
               zu der er uns einladet, wahrhaftig und recht seien, daß es wieder kommen möge zu
               einer vollen Gemeinschaft unserer Seele, auch der Seele unseres Volkes mit ihm, dem
               Heiligen und Gerechten. Wir wollen zu ihm sagen: Herr, was unser <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweizerland</orgName> jetzt
               nötig hat, das ist, daß du mit uns im Bunde seiest, nicht als ein Gott der
               Schlachten, sondern als der Gott, der die Regierenden und die Bürger alle erfüllt mit
               großen Gedanken, der die Parteien und Stände und Konfessionen verbindet, nicht in
               einer törichten und gedankenlosen Toleranz, sondern in der gemeinsamen Liebe, in
               einem gemeinsamen Eifer für das, was gut und notwendig ist, als der Gott, der Recht
               und Gerechtigkeit aufrichtet und hält und alles kleinliche selbstsüchtige Wesen
               zerschlägt und vernichtet. Herr unser Gott, wir bitten dich nicht um Sieg, nicht um
               Macht und Reichtum, aber wir möchten ein Volk sein, in dem auch der Schwache und der
               <pb xml:id="p495" ed="pga"/>
                Geringe sein Recht findet ungeschmälert und seines Daseins sich freuen kann. Befreie
               uns von aller Unordnung und Willkür, erlöse uns von dem Hochmut der Großen und
               Reichen und von der Gedankenlosigkeit der Kleinen und Armen. Laß deinen guten Geist
               des Ernstes und der Kraft unter uns hervorbrechen. Zeig uns aufs Neue und immer
               deutlicher, was wir haben in dem leuchtenden Bild unseres Herrn Jesus, durch den du
               zu uns redest. Öffne unsere Ohren und unsere Herzen und zieh ein bei uns, mach uns
               wahrhaftig zu deinen Kindern und erfülle uns mit deiner Herrlichkeit!</p>
        <p>So wollen wir beten. Beten heißt ja, Gott suchen, dankbar, indem wir auf ihn sehen,
               und demütig, wenn wir auf uns sehen. O wenn jetzt überall so gebetet, so Gott selber
               und die Gemeinschaft mit ihm gesucht würde im <placeName ref="kbga-places-58">Schweizerland</placeName>, was für ein Segen würde
               dann von diesem Bettag, von dieser ganzen wunderbaren Betzeit ausgehen! O Land, Land,
               Land, höre des Herrn Wort! O Schweizervolk merke es und sieh es an, was du jetzt zu
               beten hast in deinen Kirchen, im stillen Kämmerlein, in der Einsamkeit der Natur:
               Gott, du Großer, du Lebendiger, ich will dein sein, und dann mach es mit mir, wie du
               willst!</p>
        <p>Gott schenke es uns, liebe Freunde, das alles, was wir nötig haben — nicht nur für
               heute — für die ernsten Zeiten, denen wir entgegengehen, für unser ganzes Leben: den
               rechten Dank, die rechte Buße, auch das rechte Gebet zu ihm. Es muß ja Alles <hi rend="italic">sein</hi> Werk sein, wenn es gut sein soll. Er <hi rend="italic">will</hi> es
               uns schenken. Auch das heilige Abendmahl sagt es uns wieder deutlich, greifbar: ich
               will euch das Höchste schenken, was ihr braucht. Und er hat seine Wege zu jedem von
               uns. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.20">Apk. 3,20</ref>]! Hörst du ihn? Willst du ihm auftun? O Land,
               Land, Land, höre des Herrn Wort!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
