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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Jesaia 30,15</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jesaia 30,15, 30. August 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5041 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 443–456.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5041</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Jesaia 30,15</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 443-456</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 236</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jes 30,15, 30. August 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1676">KBA 1214</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-08-30">30. August 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                        <idno>236</idno>
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          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> und <placeName ref="kbga-places-243">Kölliken</placeName>,<note xml:id="n01">Nachbardorf von
                     <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vertrat den dortigen Pfarrer <persName ref="kbga-actors-595">Traugott Haller</persName>.</note> Sonntag,
                  den <date when="1914-08-30">30. August 1914</date>
               </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.30.15">Jesaia 30,15</ref>
              <quote>Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Einem kleinen Volk mitten unter großen Kriegsmächten hat einst dieses Wort vom
               Stillesein und Hoffen gegolten. Es war das Königreich <placeName ref="kbga-places-964">Juda</placeName>, das sich aus der Stadt
               <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> und einigen Landstrichen in ihrer Umgebung zusammensetzte, kaum in der
               Größe einiger Schweizerkantone. Das nördliche Bruderreich Israel mit seiner
               Hauptstadt <placeName ref="kbga-places-965">Samaria</placeName> war bereits durch die Assyrer erobert und besetzt worden, und nun
               stand diese unersättliche Weltmacht fast vor den Toren der Davidsstadt. Im Süden aber
               begann bald die Interessensphäre und der Machtbereich des alten Afrikanerreiches
               <orgName ref="kbga-actors-8734">Ägypten</orgName>, das eifersüchtig hinüberblickte zu dem assyrischen Nebenbuhler, bereit,
               seinen Ansprüchen mit aller Macht und mit dem Ernst eines alten, in sich gefestigten
               Staatswesens entgegenzutreten. Zwischen den beiden Großen und ihren immer neuen
               Kriegsgelüsten und Kriegen drin das kleine <placeName ref="kbga-places-964">Juda</placeName>, ganz auf seine eigene Kraft
               angewiesen, auf seine Klugheit und — auf seinen Gott! Als ein Gotteswort in ungeheuer
               schwieriger und gefährlicher Weltlage hat ihm der Prophet <persName ref="kbga-actors-8710">Jesaia</persName> einmal dieses Wort
               gesagt: durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Es ist merkwürdig, zu
               sehen, wieviel Ähnlichkeit besteht zwischen der damaligen Lage dieses kleinen
               Königreiches in <placeName ref="kbga-places-871">Palästina</placeName> und der heutigen ernsten Situation, in der sich unser
               liebes <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweizerland</orgName> befindet, inmitten der längst machtgierigen und eifersüchtigen
               und nun auf einmal in offene Feindschaft geratenen großen Kriegsmächte <placeName ref="kbga-places-204">Europas</placeName>. Und
               sofort müssen wir auch die Ähnlichkeit verspüren, wenn wir etwas tiefer nachdenken,
               zwischen dem, was dort Gott durch den Propheten von
               <pb xml:id="p444" ed="pga"/>
                jenem Volke verlangte, und was für uns, für uns Schweizer, in der heutigen Weltlage
               göttlich recht und notwendig ist. Wir dürfen das Wort vom Stillesein und Hoffen, wenn
               wir es recht verstehen, ohne Weiteres auf uns anwenden. Es ist vielleicht mehr als
               eins unter uns, das schon in schwerer Lebenslage in diesem freundlichen, lichten Wort
               Trost und Halt gefunden hat. Aber wohl noch gar nie hat es so sehr in seinem
               ursprünglichen Sinn auf uns alle und das, was uns not tut, zugetroffen wie gerade
               jetzt. Es soll uns nun helfen, uns über den Willen Gottes mit unserem Volk und Land
               in dieser schweren Zeit gründlich Rechenschaft zu geben.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Stillesein</hi>, das ist das Erste, was der Prophet vom Volk und von den
               Regierenden in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> forderte. Das «Stillesein», das er meint, ist nichts Anderes
               als das, was man heutzutage mit einem Fremdwort «Neutralität» nennt. Sie sollten sich
               hüten vor Parteinahme, sie sollten weder der einen noch der anderen der Großmächte um
               sie her an die Seite treten, sondern für sich bleiben und abwarten. Diese Mahnung war
               nötig. Es gab eine starke Partei, die dazu drängte, man solle sich, um sich vor
               <orgName ref="kbga-actors-8735">Assyrien</orgName> zu schützen, <orgName ref="kbga-actors-8734">Ägypten</orgName> in die Arme werfen. Man hatte in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> großen
               Respekt vor dem starken Heer der Ägypter, besonders vor ihrer Reiterei und ihren
               Kriegswagen, und Viele erwarteten Wunders viel von einem solchen Bundesgenossen.
               <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> war nüchtern genug, sich nicht blenden zu lassen. Ägypten ist Mensch und nicht
               Gott! rief er solchen Politikern zu — und ihre Rosse sind Fleisch und nicht Geist.
               Und der Herr könnte seine Hand ausstrecken, daß der Helfer strauchle und der, dem
               geholfen wird, falle und alle miteinander umkommen [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.31.3">Jes. 31,3</ref>]! Ihr habt Besseres zu tun, wollte er ihnen
               sagen, als euch in diesen Streit zu mischen und dabei womöglich selber zu Grunde zu
               gehen. Ihr könnt jetzt inmitten der hadernden Weltmächte das Volk des lebendigen
               Gottes sein. Vertraut ihm und dient ihm in jeder Beziehung, dann habt ihr eine
               sichere Zukunft vor euch, dann erfüllt ihr einen besonderen Beruf unter den Völkern,
               dann werdet ihr stark und rein und groß aus der gegenwärtigen
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                schweren Lage hervorgehen. Stillesein sei jetzt euer hohes Recht und eure unbedingte
               Pflicht.</p>
        <p>Damit haben wir eigentlich ganz genau gehört, was unsere <hi rend="italic">schweizerische
                  Neutralität</hi> im gegenwärtigen Weltkrieg ist und sein soll. Als dieser Krieg
               vor vier Wochen entbrannte, da hat sich unser Bundesrat beeilt, bei den
               Kriegführenden die Erklärung abzugeben: die <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName> bleibt neutral, sie stellt sich
               freundschaftlich zu beiden Teilen und kann und wird darum keine Partei ergreifen. Um
               diese unsere unabhängige und überlegene Stellung zu sichern, ist unsere Armee an die
               Grenzen gezogen, und wir dürfen das gute Vertrauen haben, daß sie diese ihre Pflicht
               unter allen Umständen erfüllen wird. Aber damit, meine Freunde, ist die Sache nicht
               erledigt. Die schweizerische Neutralität ist durchaus nicht nur eine Angelegenheit
               der Politik und des Militärs. Sondern hinter unseren höchsten Behörden, die zum Glück
               in diesem Stück einsichtiger sind als die Könige von <placeName ref="kbga-places-964">Juda</placeName>, und hinter unseren
               Soldaten muß ein Volk stehen, das völlig einig und entschlossen ist in dem Willen,
               stille zu sein, nicht Partei zu ergreifen für oder gegen, sondern abzuwarten. Und
               hier fehlt es. Es mögen zwar ganz Wenige im Schweizervolk, ein paar junge Offiziere
               vielleicht, sein, die den Wunsch haben, wir möchten doch auch direkt in den tobenden
               Sturm hineingerissen werden. Die ungeheure Mehrzahl ist ganz einverstanden damit, daß
               unser Land und unsere Soldaten von der Teilnahme an diesem Krieg verschont bleiben
               möchten. Aber das ist nicht genug, wenn wir diesen Wunsch haben. Wir sollten uns viel
               klarer sein, als wir es sind, daß wir als Schweizer im gegenwärtigen Moment das
               Recht, aber auch die Pflicht haben, uns auch innerlich, auch in unseren Gedanken und
               Gefühlen neutral zu halten. Wir begehen ein großes Unrecht, meine Freunde, und wir
               berauben uns des besten Segens, den wir in dieser Zeit haben können, wenn wir jetzt
               nicht die Einsicht haben: dieser Krieg da draußen geht uns nichts, aber auch gar
               nichts an!, wenn wir uns statt dessen mit törichten Gedanken und noch törichterem
               Schwatzen auf die eine oder die andere Seite stellen. Es ist durchaus nicht
               gleichgültig,
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                mit was für Gedanken wir jetzt die Zeitungen lesen, wie wir innerlich auf all die
               Nachrichten, die jetzt kommen, antworten, wie wir uns darüber äußern im
               Privatgespräch, in der Familie, auf der Gasse oder sonstwo. Es ist nicht
               gleichgültig, denn von unserem jetzigen inneren Verhalten hängt der Ertrag dieses
               Krieges sehr wesentlich mit ab. Unsere jetzige Gesinnung könnte weitertragende Folgen
               haben, als wir uns jetzt vorstellen. Durch Stillesein werdet ihr stark sein. Es wird
               viel darauf ankommen, daß wir in diesen unglückseligen Ereignissen, und noch mehr,
               wenn sie einmal vorüber sein werden, stark sind, gerade wir Schweizer. Unser kleines
               Volk und Land könnte noch eine große Aufgabe und Zukunft haben in dem armen
               zerrissenen <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName>. Wenn wir stark sein wollen, müssen wir aber jetzt ehrlich und in
               der Tiefe stille sein, kühl bis ans Herz hinan<note xml:id="n02">Aus dem Anfang von
                     <bibl corresp="kbga-bibls-1555">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> Ballade
                        <hi rend="italic">Der Fischer</hi></bibl>: <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Ein Fischer saß daran,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Sah nach dem Angel ruhevoll,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Kühl bis ans Herz hinan.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> müssen wir diesem Kampf zusehen und keiner Partei den Sieg wünschen. Gott
               wirds machen, daß die Sachen gehen, wie es heilsam ist!<note xml:id="n03">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-226">Anfang der
                     1. Strophe von Lied 271 von <persName ref="kbga-actors-1370">J. D. Herrnschmidt</persName> (1675–1723).</bibl>
                        </note>
            </p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Warum</hi> das alles? Der gegenwärtige Krieg ist zu einem guten Teil ein
                  <hi rend="italic">Rassen</hi>kampf. Der alte Gegensatz von deutscher und französischer
               Art ist wieder einmal zum offenen Ausbruch gekommen. Diese Völker meinen jetzt, ihre
               natürliche Verschiedenheit und Eifersucht könne nur noch durch Töten und Zerstören
               zum Austrag kommen. Und auf der anderen Seite, im Osten <placeName ref="kbga-places-204">Europas</placeName>, steht Deutschtum
               gegen Slawentum. Dieser Rassenhaß und Rassenkampf, meine Freunde, geht uns nichts an.
               Wir dürfen und können und wollen uns nicht, auch nicht in unseren Gedanken und
               Wünschen, auf diese oder jene Seite stellen. Wir hier sind zwar auch deutschen,
               alemannischen Stammes, und insofern stehen uns selbstverständlich unsere deutschen
               Nachbarn von den kämpfenden Parteien am nächsten. Aber was soll uns der deutsche
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                Hochmut und Haß gegen die Franzosen, gegen die Russen? Wir haben keinen Anlaß, diese
               Stimmungen auch nur im geringsten mitzumachen. Sind nicht die Waadtländer, die
               Genfer, die Tessiner unsere schweizerischen Brüder? Und es sind doch Franzosen,
               Italiener, fremde Völker, wenn man so will. Aber wir anerkennen das nun einmal nicht,
               wir Schweizer, daß zwischen fremden Völkern Haß und Krieg sein müsse, wir haben uns
               zusammengetan, drei «fremde» Völker, und zueinander gesagt: wir wollen sein ein einig
               Volk von Brüdern.<note xml:id="n04">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-846">
                                <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi> II,
                        2 (Vers 1448)</bibl>: Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern.</note> Diese unsere Einigkeit
               muß sich jetzt bewähren, aber nicht nur nach innen, auch in unserem Urteil über das
               Ausland. Wir begreifen das nicht und wollen das nicht begreifen, wir Schweizer, daß
               Deutsche und Franzosen jetzt einander vernichten müssen. Wir können, ob wir nun
               Deutschschweizer oder Welschschweizer sind, dabei nur den einen Gedanken haben, daß
               dieser Rassenkampf nicht notwendig, sondern abscheulich ist. <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> und <persName ref="kbga-actors-1846">Rousseau</persName> sind
               Franzosen gewesen, ich denke auch an den edlen russischen Grafen und Schriftsteller
               <persName ref="kbga-actors-1412">Leo Tolstoj</persName>, ich denke an die Männer, die <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> uns geschenkt hat: <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>,
               <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName>, <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> und so manche andere, und an alles das, was die Menschheit diesen
               Männern verdankt. Es besteht kein ernsthafter Grund, weshalb die Völker, die solche
               Männer hervorgebracht, einander hassen und bekämpfen müßten. Jedenfalls haben wir
               Schweizer, und wenn wir noch so lange deutsche Schweizer sind, keinen Grund, uns auch
               nur in Gedanken gegen das Volk <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName>, gegen das Volk <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstojs</persName> einnehmen zu lassen.
               Nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da.<note xml:id="n05">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-885">
                                <persName ref="kbga-actors-1407">Sophokles</persName>, 
                                    <hi rend="italic">Antigone</hi>, Vers 523.</bibl>
                        </note> Es ist das hohe
               Vorrecht unserer schweizerischen Freiheit und Unabhängigkeit, daß wir das Gute und
               Edle an allen Völkern ruhig und unparteiisch sehen und anerkennen, daß wir jetzt in
               dieser Zeit der Leidenschaft die Brüderlichkeit aller Völker hochhalten dürfen. Wir
               wollen dieses Vorrecht nicht verscherzen durch törichte Partei<pb xml:id="p448" ed="pga" break="no"/>nahme. Die Zeit könnte kommen, wo man froh ist über ein solches unparteiisches,
               wahrhaftes, internationales Volk, wie wir es durch Gottes Gnade sein dürfen.</p>
        <p>Und der gegenwärtige Krieg ist zum anderen Teil ein <hi rend="italic">Macht</hi>kampf.
               Jahrzehntelang schon hat er sich vorbereitet, dieser Kampf um die Entscheidung, wer
               der Erste oder die Ersten sein sollen in <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName>, in der Welt. Der Krieg zwischen
               <orgName ref="kbga-actors-8605">England</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName> z. B. hat keinen anderen Hintergrund als diese Machtfrage.
               Wirtschaftliche Gründe spielen dabei mit. Die Völker wollen jedes einen möglichst
               großen und schönen «Platz an der Sonne»,<note xml:id="n06">Ihren spezifisch
                  deutsch-nationalistischen Sinn hatte die Redewendung vom «Platz an der Sonne»
                  gewonnen durch eine Rede von <persName ref="kbga-actors-1347">Bernhard Graf (später Fürst) von Bülow</persName>,
                  Staatssekretär des Äußeren (später Reichskanzler) am <date when="1897-12-06">6. Dezember 1897</date>
                  im <orgName ref="kbga-actors-8623">deutschen Reichstag</orgName> anläßlich der Okkupation von <placeName ref="kbga-places-967">Kiautschou</placeName> durch <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName>:
                  «Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz
                  an der Sonne.»</note> wie sie sagen, für ihren Welthandel. Aber auch der ganz
               persönliche nationale Ehrgeiz ist stark beteiligt. <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName> kann es nicht
               vergessen, was es zur Zeit <persName ref="kbga-actors-1380">Ludwigs XIV.</persName> und <persName ref="kbga-actors-292">Napoleons</persName> gewesen ist, <orgName ref="kbga-actors-8605">England</orgName> hat sich
               fast ein Jahrhundert lang in allen Weltteilen als die eigentliche Weltmacht
               aufgespielt, und nun ist seit einigen Jahrzehnten <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName> gekommen mit den
               gleichen Parolen: <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName> in der Welt voran! Am deutschen Wesen muß die Welt
                  genesen!<note xml:id="n07">Gebräuchliches ungenaues Zitat aus dem Gedicht <bibl corresp="kbga-bibls-1556">
                                Deutschlands Beruf (1861) von
                           <persName ref="kbga-actors-1362">E. Geibel</persName> (1815–1884). Original</bibl>: <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Und es mag am deutschen Wesen</l>
                                    <l xml:space="preserve">Einmal noch die Welt genesen.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> Wir Deutschen fürchten niemand als Gott!<note xml:id="n08">«Wir Deutsche
                  fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt.» So <persName ref="kbga-actors-500">O. von Bismarck</persName> in einer
                  Reichstagsrede vom <date when="1888-02-06">6. Februar 1888</date>.</note> So eins nach dem anderen,
               bis auf das ferne <orgName ref="kbga-actors-8770">Japan</orgName>. Kein Volk hat dem anderen viel vorzuwerfen, sie haben alle
               gewetteifert in großen Redensarten und in drohenden Rüstungen, das eine gegen das
               andere. Nun ist der heimliche Machtkampf offenbar geworden. Wir Schweizer können auch
               da nur wieder sagen: dieser Machtkampf geht uns nichts an! Wir haben durchaus keinen
               Anlaß, uns auf die eine oder die andere Seite zu stellen. Wir glauben einfach
               <pb xml:id="p449" ed="pga"/>
                nicht daran, daß ein Volk das erste und stärkste sein müßte auf Unkosten aller
               übrigen. Wir glauben nicht daran und wollen nicht daran glauben, daß dem Wohl der
               Völker damit gedient sei, daß man ihnen immer wieder vorsagt: die Anderen dort drüben
               sind eure Feinde! Es gibt genug Plätze an der Sonne, die Alle genießen könnten, wenn
               Alle ihrer Selbstsucht und ihrem Hochmut einmal etwas Einhalt gebieten würden, wenn
               Alle sich als Brüder, statt als Konkurrenten und Gegner fühlen und benehmen würden.
               Wir können in diesem ganzen Machtkampf nur einen furchtbaren Wahnsinn erblicken, und
               darum können wir weder der einen noch der anderen Partei einfach den Sieg wünschen,
               denn wenn jetzt eine der beiden Parteien siegen sollte, dann wird dadurch die
               Selbstsucht und der Hochmut, die an allem Unheil schuld sind, nicht gebrochen,
               sondern erst recht gestärkt werden. Auf Seiten der Sieger wird dann der Übermut und
               auf Seiten der Besiegten die trotzige Rachsucht Platz greifen, wie es 1870<note xml:id="n09">Deutsch-französischer Krieg von <date from="1870" to="1871">1870/71</date>, der zum Sturz
                  des französischen Kaisertums und zur Gründung des deutschen Reiches führte
                  (<placeName ref="kbga-places-63">Versailles</placeName> <date when="1871-01-18">18. Januar 1871</date>). Durch die Annektion von
                  <placeName ref="kbga-places-199">Elsaß</placeName>-<placeName ref="kbga-places-971">Lothringen</placeName> wurde das deutsch-französische Verhältnis schwer belastet.</note>
               der Fall war, und früher oder später muß es dann zu neuen Kriegen, zu neuem Unheil
               und Elend kommen. Wir haben nichts zu erwarten von diesem Machtkampf, gleichviel ob
               nun die Deutschen oder ihre Gegner triumphierend daraus hervorgehen. Und darum können
               wir auch in unseren Gedanken und Wünschen nicht Partei ergreifen, wir können nur
               unter herzlichem Bedauern mit all den unschuldigen Opfern zusehen und uns selber und,
               soweit es uns möglich ist, unsere Nachbarn befestigen in der Überzeugung, daß dieser
               Machtkampf überhaupt eine Verrücktheit und eine Sünde ist, durch die die Menschheit
               sich zu Grunde richtet. Wiederum ist es Gottes Gnade, daß wir Schweizer jetzt so
               abseits stehen dürfen, daß wir in dieses blind wütende Treiben des Ehrgeizes und der
               Eifersucht nicht hineingezogen sind. Wir wollen doch diese Gottesgnade nicht
               verspielen. Nur wenn wir still sind, werden wir stark sein, stark in uns selber und
               stark, anderen zu <milestone xml:id="m29" unit="page"/>
               <pb xml:id="p450" ed="pga"/>
                helfen als ein Volk, das sein Interesse und seine Kraft weder auf diese noch auf
               jene Karte gesetzt, sondern durch Alles hindurch an die Einigkeit aller Menschen
               geglaubt hat. Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden das Erdreich besitzen
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.9">Matth. 5,9</ref> u. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.5">5</ref>].
        Ganz besonders dürfen und wollen wir uns in dieser verworrenen Zeit auch dadurch
               nicht irre machen lassen, daß jetzt hüben und drüben viel gebetet und von Gott
               geredet wird. Ganz besonders aus <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> kommen jetzt viel derartige Nachrichten.
               Da liest man immer wieder: Wir haben doch recht, wir sind doch unschuldig
               angegriffen, Gott muß sich doch zu unserer guten Sache bekennen, und er tut es auch;
               er hat uns bereits geholfen, so daß wir schon manche Schlachten gewonnen haben! So
               redet der deutsche <persName ref="kbga-actors-839">Kaiser</persName>,<note xml:id="n10">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1557">Vgl. den Erlaß <persName ref="kbga-actors-839">Wilhelms II.</persName> zum Bettag
                  am 5. August 1914, Wortlaut dieses Aufrufs vom 2.8.1914
                  in: Allgemeines Kirchenblatt für das evangelische Deutschland 63, 1914, S. 386.</bibl>
               </note> so wird offenbar jetzt von den meisten deutschen Kanzeln geredet, so reden
               selbst einsichtige christliche Männer. Eine ganze Welle von religiöser Begeisterung
               geht durch <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>. In einem angesehenen Blatt war zu lesen, <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName> habe
               seinen Gott wiedergefunden. Und so führen die Deutschen ihren Krieg «mit Gott für
               König und Vaterland», wie es auf den Helmen ihrer Soldaten steht.<note xml:id="n11">«Jeder Landwehrmann wird als solcher durch ein Kreuz von weißem Blech mit der
                  Inschrift ‹Mit Gott für König und Vaterland› bezeichnet, welches vorn an der Mütze
                  angeheftet wird.» Aus der Verordnung <persName ref="kbga-actors-1359">König Friedrich Wilhelms III. von Preußen</persName> vom
                     <date when="1813-03-17">17. März 1813</date> über die Organisation der Landwehr, Beilage III,
                  Abs. 5.</note> Und das hören wir nun und denken: das müssen doch fromme Leute
               sein, diese Deutschen, und unwillkürlich meinen wir: mit denen müssen wir es auch
               halten, sicher hält es Gott mit ihnen! Ihr glaubt mir hoffentlich, daß ich nichts
               gegen, sondern sehr viel für die Deutschen habe. Ich habe in meiner Studienzeit<note xml:id="n12">
                            <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Studium in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>: WS 1906/07: <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>; WS
                  <date from="1907" to="1908">1907/08</date>: <placeName ref="kbga-places-61">Tübingen</placeName>; SS <date when="1908">1908</date>: <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName>. Von Herbst <date when="1908">1908</date> bis
                  Herbst <date when="1909">1909</date> war er als Hilfsredakteur der «<orgName ref="kbga-actors-5420">Christlichen Welt</orgName>»
                  wiederum in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName>.</note> geistig so viel empfangen von Deutschen, daß ich nur
               in größter Dankbarkeit
               <pb xml:id="p451" ed="pga"/>
                und Verehrung an dieses herrliche und hochbegabte Volk denken kann. Ich habe liebe
               Freunde dort, z. T. jetzt auch unter den Waffen, deren Fühlen ich wohl verstehe und
               deren Geschick mir nahe ans Herz geht. Aber ich bitte euch, laßt euch durch diese
               Reden von der Unschuld und dem Recht <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschlands</orgName> in diesem Krieg, von dem Gott, der
               den Deutschen helfen müsse und helfen werde, keinen Eindruck machen, so schön und
               voll es auch klingen mag. Ganz dasselbe sagen auch die anderen Völker. Sie wollen
               auch alle recht haben und unschuldig sein, und sie bitten auch alle Gott, er möge
               ihren Heeren beistehen. Nicht nur die rings um uns entfesselte Kriegsleidenschaft,
               auch der sonderbare religiöse Taumel, dem sich die Völker nun für den Augenblick
               hingeben, kann für uns nur eine ernste Mahnung sein, still zu bleiben, uns von dieser
               Aufregung nicht anstecken zu lassen und darauf zu warten, daß Gott sein Recht
               hervorbrechen lasse, das ein ganz anderes ist als das der Menschen, das die Menschen
               alle oft genug mit Füßen getreten haben, daß Gott sich als Meister zeige, vielleicht
               sehr anders, als jetzt von hüben und drüben gebetet wird. Mir scheint es etwas vom
               Schmerzlichsten in dieser schweren Zeit, zu sehen, wie man sich jetzt im Brustton der
               heiligsten Überzeugung alles mögliche Unrecht vorwirft, wo doch ein jedes Volk so
               viel vor seiner eigenen Türe zu wischen hätte, wie jetzt der Name Gottes
               hereingezogen wird in das sündliche, leidenschaftliche Treiben der Menschen, als sei
               er einer von den alten Kriegsgöttern, zu denen unsere heidnischen Vorfahren
               riefen.</p>
        <p>Es kann gar keine Rede davon sein, daß Gott den Deutschen «hilft» oder den Franzosen
               oder den Engländern. Gott «hilft» auch nicht uns Schweizern. Gott hilft dem Recht und
               der Liebe. Gott hilft seinem Reiche, und das ist international. Gott ist Geist, und
               die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.24">Joh. 4,24</ref>]. Die tolle Vermischung von
               Vaterlandsliebe, Kriegsbegeisterung und christlichem Glauben könnte einmal zu den
               bittersten Enttäuschungen führen. «Der im Himmel wohnet, lachet ihrer, und der Herr
               spottet ihrer» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.2.4">Ps. 2,4</ref>]. Wir
               wollen nicht mittrinken von diesem Rauschtrank. Wir wollen fest und
               <pb xml:id="p452" ed="pga"/>
                unbeweglich auf den Gott hinsehen, der über allen Völkern ist, der Alle gleich lieb
               hat, von dem Alle gleich sehr abgewichen sind und des Ruhmes ermangeln, den sie vor
               ihm haben sollten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">Röm. 3,23</ref>], 
               der Alle gleicherweise zu sich ziehen und sammeln möchte unter das
               Regiment seines guten und heiligen Willens. Wohl uns noch einmal, daß wir jetzt
               stille sein dürfen, stille vor ihm, daß wir abseits stehen dürfen von dem
               gefährlichen Taumel, in den jetzt Millionen hineingeraten sind, daß wir ihn sehen
               dürfen, wie er ist in seiner ganzen Majestät! Es ist seine Gnade, nicht unser
               Verdienst, daß wir das dürfen. Wir können nicht sorgfältig genug umgehen mit dem
               kostbaren Gut dieser unabhängigen Stellung, dieses unbestochenen Urteils, die er uns
               möglich gemacht hat. Wir können uns nicht deutlich genug sagen, was für eine große
               Verantwortlichkeit auf uns ruht, da wir so bevorzugt sind. Große Aufgaben warten auf
               uns. Wie müssen wir uns Mühe geben, das uns von Gott Geschenkte, diese Freiheit und
               Neutralität im tiefsten innersten Sinn, zu bewahren! Stille zu bleiben in dieser
               lärmerfüllten bewegten Zeit, um dereinst stark zu sein!</p>
        <p>Kühl bis ans Herz hinan sollen wir zusehen, sagte ich. Wir wünschen niemandem Sieg
               oder Niederlage. Sie sind uns alle lieb und wert. Wir hassen niemand, sollen niemand
               hassen. Wir hassen nur den Krieg und die Selbstsucht und den Hochmut, die ihn
               entzündet haben. Aber mit heißem, brennendem Herzen sollen und wollen wir die Partei
               Gottes ergreifen, sollen und wollen wir mit unseren innersten Gedanken und Wünschen,
               mit unserem Beten und Denken und Wollen auf seine Seite, auf die Seite der Wahrheit
               und des Rechtes und des Friedens treten. Das ist das zweite, was schon <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> von den
               Leuten in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> forderte: <hi rend="italic">Hoffen!</hi> <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> war nicht ein
               engherziger Patriot, der nur aus kleinlicher Klugheit seinen Landsleuten geraten
               hatte: laßt die Finger von dem Spiel der Großen, da kommt nichts dabei heraus für
               euch, da könntet ihr zu Schaden kommen! Seine Warnung hatte einen tieferen Grund. Ihr
               seid das Volk des lebendigen Gottes, wollte er ihnen sagen, das Volk, dem es gegeben
               ist,
               <pb xml:id="p453" ed="pga"/>
                statt euch in das Getümmel der Welt zu mischen, euch an den zu halten, euch dem ganz
               zu unterwerfen und anzuschließen, der über das Getümmel der Welt einmal Meister
               werden wird. Ihr dürft das Gefäß sein, in dem in einer rauhen stürmischen Zeit das
               Recht und die Liebe aufbewahrt bleibt für eine bessere Zukunft. Haltet euch würdig
               dieser hohen Aufgabe! Werft diesen heiligen Beruf nicht weg! Ihr habt diese Zukunft
               schon jetzt, wenn ihr treu seid! Durch Hoffen werdet ihr stark sein. In wundervollen
               Worten, ein Seher von Gottes Gnaden, hat <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> von dieser besseren Zukunft geredet:
               Zu der Zeit wird eine Straße sein von <placeName ref="kbga-places-379">Ägypten</placeName> nach <placeName ref="kbga-places-966">Assyrien</placeName> — von einem der jetzt
               feindlichen Völker zum anderen —, daß die Assyrer nach <placeName ref="kbga-places-379">Ägypten</placeName> kommen und die Ägypter
               nach <placeName ref="kbga-places-966">Assyrien</placeName> kommen und die Ägypter samt den Assyrern Gott dienen. Zu der Zeit wird
               <placeName ref="kbga-places-34">Israel</placeName> selbdritt sein mit den Ägyptern und Assyrern, ein Segen mitten auf Erden. Denn
               der Herr Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du Ägypten, mein Volk,
               und du Assur, meiner Hände Werk, und du Israel, mein Erbe 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.19.23 Jes.19.25">Jes. 9,23–25</ref>]! Wie stark hätte
               dieses Volk sein können, meine Freunde, wenn es getan hätte, was der Prophet im Namen
               des lebendigen Gottes von ihm forderte, wenn es gehofft hätte, hingesehen [hätte] auf
               diese Zeit, wo die Gegensätze und Rivalitäten zwischen den Völkern zu Ende sind, wo
               sie alle, Ägypter und Assyrer und Israeliten, Gott dienen werden in rechtschaffener
               Gerechtigkeit und Heiligkeit, wenn es sich gesagt hätte mit allem Ernst: nun kann nur
               Eines gelten mitten in der Not und Sorge der Zeit: wir müssen uns rüsten, vorbereiten
               auf dieses herrliche Ende, das Gott nach allem Leid kommen läßt, wir müssen für uns
               und für die Anderen heilige Wächter dieses heiligen Glaubens sein, damit er sich zum
               Segen der ganzen Welt recht bald zur vollen Wirklichkeit entfalten kann.</p>
        <p>Seht da, meine Freunde, die Aufgabe auch unseres <hi rend="italic">Schweizervolkes</hi> in
               dieser Zeit des Eisens und des Blutens. O, wir sollen nicht gleichgültig sein
               gegenüber den Ereignissen, die sich jetzt um uns her abspielen. Neutralität heißt
               nicht Gleichgültigkeit. Und fern von uns sei auch der erbärmliche pfiffige Geschäfts<pb xml:id="p454" ed="pga" break="no"/>sinn, der uns jetzt vielleicht auch einflüstern könnte: haltet euch hübsch beiseite,
               es trägt euch nichts ab, da mitzumachen, nachher, wenn die anderen sich verblutet
               haben, werdet ihr umso mehr Profit machen. Pfui, wenn das die schweizerische
               Neutralität wäre, dann würde ich die Deutschen und die Franzosen beneiden, die sich
               jetzt in blinder Leidenschaft, aber doch für eine große Idee in den gegenseitigen
               Vernichtungskampf stürzen. Nicht aus Furcht und nicht aus philisterhafter Klugheit
               wollen wir neutral sein, sondern weil wir eine noch größere Idee, ein noch höheres
               Gut kennen und leidenschaftlich lieb haben als das, was die Völker da draußen das
               «Vaterland» nennen. Wir glauben an eine andere als die gegenwärtige böse Welt. Wir
               glauben daran, daß die Menschen trotz aller Stammesverschiedenheiten und
               Interessengegensätze als Brüder leben werden auf der Erde, als ein einiges Volk, wie
               wir Schweizer es in unserem kleinen Land schon jetzt wollen und können. Wir glauben
               daran, daß Gerechtigkeit und Friede möglich sind in der Welt, daß Krieg und
               Blutvergießen einmal wie ein böser Traum hinter uns liegen werden, dann, wenn die
               Selbstliebe und die Eitelkeit in den Menschen gebändigt, ausgerottet sein werden. Wir
               glauben daran, daß Deutsche und Franzosen und Russen sich einmal finden werden als
               solche, die zusammengehören, daß eine Straße sein wird von dem Einen zu dem Anderen,
               wie <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> es von den Völkern der alten Welt geweissagt hat, daß sie alle statt für
               ihr Vaterland zu kämpfen, einmal für die brüderlich geeinte Menschheit gemeinsam
               arbeiten werden. Wir glauben auch daran, daß Gott durch alle Greuel der Gegenwart
               hindurch die Welt diesen Zielen entgegenführt.</p>
        <p>Es mußte wohl Alles so kommen. Die menschliche Schuld hatte sich so angehäuft, daß es
               zu dieser furchtbaren Katastrophe kommen mußte. Aber nach der Schuld und nach der
               Strafe kommt in Gottes Ordnung die Erlösung. Dieser Krieg muß, wenn auch unter vielen
               Tränen und Unrecht, eine Stufe sein zum kommenden Völkerfrieden und noch höher zum
               Gottesfrieden, nach dem sich alle Herzen sehnen. Ob er das werden wird, das hängt nun
               von uns ab, ganz besonders von uns Schweizern, die wir uns jetzt
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                verhältnismäßig so ruhig, ungestört durch persönliches Unglück und durch nationale
               Leidenschaften dieser Hoffnung hingeben dürfen. Wo lebendige Hoffnung ist, da ist
               auch immer Gottes Reich und Herrschaft nähergekommen. Noch einmal: wir tragen eine
               große Verantwortung, weil wir jetzt so bevorzugt sind. Wir werden einmal Rechenschaft
               geben müssen darüber: was habt ihr mit eurem Vorzug gemacht? Seid ihr rechte
               lebendige Hoffnungsmenschen, Zukunftsmenschen gewesen, wie ihr es sein konntet in
               dieser ernsten Zeit, oder seid ihr gedankenlos, in oberflächlichem Sinn und Schwatzen
               durch sie hindurchgegangen? Seid ihr ein Licht der Welt, ein Salz der Erde [vgl. 
               <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.13 Mt.5.14">Mt. 5,13f.</ref>] geblieben, oder seid
               ihr innerlich geworden, wie diese Welt ist?</p>
        <p>Was werden wir für Antwort geben? O meine Freunde, wir werden nur dann eine
               befriedigende Antwort geben können, wir werden nur dann stark sein, wir werden nur
               dann dastehen als rechte Schweizer, die die Neutralität ihres lieben Vaterlandes
               verstanden haben — wenn wir rechte Christen sind. Stillesein und hoffen kann nur, wer
               ein Christ ist. Wer bei Jesus das Leben kennengelernt hat, das wertvoller ist als
               Alles, was die Eitelkeit und Selbstsucht uns verspricht, wer bei Jesus den lebendigen
               Gott erfahren hat, der über allen deutschen, französischen und schweizerischen Volks-
               und Kriegsgöttern steht, wer von Jesus sich hat mit der Zuversicht erfüllen lassen,
               daß Gottes Reich kommt und daß auch alles Unrecht und Übel der Welt schließlich
               seinem Kommen dienen muß. Sind wir rechte Schweizer?</p>
        <p>Sind wir rechte Christen? möchten wir jetzt fragen. Ist es nicht wunderbar, daß unser
               Volk jetzt eigentlich berufen ist, mit seiner Neutralität das Evangelium, ja
               wahrhaftig das Evangelium zu predigen in dieser unruhigen, zerrissenen Menschheit!?
               Aber es ist nicht damit getan, daß unsere Soldaten an der Grenze stehen. Sie muß zu
               unserem inneren Besitz werden, sie muß uns in Fleisch und Blut übergehen, diese
               unsere Neutralität, dieses Stillesein und Hoffen, durch das wir stark sein und durch
               das wir Schwache stark machen werden, wenn einmal der Tag dazu gekommen ist. Der
               Geist Jesu muß in uns lebendig werden, aus dem jetzt allein
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                der rechte Schweizergeist hervorgehen kann. Und den suche nun ein jeder von uns, wie
               er zu finden ist. Den lasse er demütig und freudig einziehen in sein Herz, das so
               wenig von Liebe und Freude weiß. Den erbitte er sich alle Tage neu von Gott. Dann
               sind wir stark. Dann haben wir eine große Zukunft vor uns. Denn dem Aufrichtigen läßt
               es der Herr gelingen [<ref type="can" subtype="bible" target="Spr.2.7">Spr. 2,7</ref>].</p>
      </div>
      <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
