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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Johannes 15,14-15</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Johannes 15,14-15, 16. August 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5039 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 419–429.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Johannes 15,14-15</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 234</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Joh 15,14-15, 16. August 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1674">KBA 1212</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-08-16">16. August 1914</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-08-16">16. August 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.14 Joh.15.15">Johannes 15,14–15</ref>
              <quote>Ihr seid meine Freunde, so ihr tut, was ich euch gebiete. Ich sage
                        hinfort nicht, daß ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein
                        Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, daß ihr Freunde seid; denn alles, was
                        ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Alle Menschen stehen unter dem Willen Gottes. Alle Menschen sind Geschöpfe des ewigen
               Vaters und können nichts Anderes tun, als seine heiligen Pläne ausführen helfen. Alle
               Menschen vermögen schließlich mit Allem, was sie denken, sagen und machen, nichts
               Anderes, als Gottes Gedanken vollstrecken zu bestimmter Zeit und an bestimmtem Ort.
               Es gibt keine wirkliche Auflehnung gegen Gott. Kein Mensch kann Gott tatsächlich
               entlaufen. Und keiner kann tatsächlich und wirksam Gottes Feind sein. Gott kann nicht
               zu Schanden werden unter den Menschen. Nichts Menschliches geschieht ohne ihn. Wenn
               er etwas will, so geschieht es, und wenn er gebietet, so steht es da [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.33.9">Ps. 33,9</ref>].</p>
        <p>Und nun gibt es doch zweierlei Arten Menschen, zweierlei Arten, sich zu Gottes Willen
               zu stellen. Die Einen sind unbewußte Werkzeuge Gottes. Sie wissen nicht, wem sie
               dienen und gehorsam sind. Sie werden einfach gebraucht. Wie im Traum oder seufzend
               und traurig oder in beständiger Hast und Unruhe oder zähneknirschend und wütend
               müssen sie es sich einfach gefallen
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                lassen, daß Gottes Wille an ihnen und durch sie geschieht, ob sie wollen oder nicht.
               Die Anderen sind wach und lebendig und freudig mit dabei. Sie erkennen den Willen
               Gottes, und sie wollen gerne auch, was Gott will. Sie müssen auch gehorchen, aber sie
               begehren es auch gar nicht anders, sie haben ihre Seligkeit darin gefunden, sich ganz
               in diesen Gehorsam hinzugeben. Auch in der ernsten Zeit, die wir jetzt erleben, sind
               diese zwei Arten von Menschen deutlich zu unterscheiden. Alle Menschen stehen unter
               Gottes Willen, heute so gut wie immer. Auf all den merkwürdigen traurigen Wegen, die
               wir in diesem für alle Zeiten unvergeßlichen Jahr 1914 gehen müssen, vollstrecken wir
               alle irgendwie Gottes Gedanken und Absichten, so gut wie die Sterne, die Winde, das
               Wasser seit Milliarden von Jahren die Bahnen gegangen sind, die er ihnen
               vorgezeichnet hat. Was für ein Trost, was für eine Freude könnte diese Tatsache für
               uns sein mitten im Dunkel und in der Sorge dieser Tage! Wie könnten wir voll Freude
               und Seligkeit sein in aller Unruhe, wenn wir fest und sicher auf das Eine schauen
               würden: Gott will es!</p>
        <p>Aber warum ist das tatsächlich für so Viele kein Trost und keine Freude, warum ist so
               wenig von dem Frieden und der Seligkeit in uns, die in uns sein könnten? Weil auch
               jetzt die <hi rend="italic">Einen</hi> Gottes Willen nur unbewußt, nur im Schlaf gleichsam
               tun. Sie gehen ihre eigenen bösen, selbstsüchtigen, krummen Wege. Sie haben durch
               ihre Geldgier und Herrschsucht und ihren gegenseitigen blinden Haß die Scheite
               zusammengetragen zu dem furchtbaren Brand, der jetzt entstanden ist. Sie sind nicht
               mutig[?] und ernsthaft und wachsam gewesen, um diese Katastrophe zu verhindern, noch
               bevor sie ausgebrochen war. Sie haben mit ihren Leidenschaften noch ins Feuer
               geblasen. Und nun ist auf der einen Seite das wilde Tier im Menschen los von seiner
               Kette und auf der anderen Seite die bleiche jämmerliche Furcht. Voll von Haß- und
               Rachegedanken stehen sie einander gegenüber da draußen an den Grenzen der Weltreiche
               oder auch voll Stumpfsinn, gleichgültig und verzweifelt ihre Pflicht erfüllend. Und
               im Inneren der Länder, auch unseres Landes, wieviel kleinmütige Angst und Auf<pb xml:id="p421" ed="pga" break="no"/>regung, wieviel von der törichten, gedankenlosen Meinung: jeder ist sich selbst der
               Nächste, wieviel oberflächliches Schwatzen und Räsonnieren hin und her! Und doch
               führt Gott auch alle diese Menschen. Er verwendet ihre Leidenschaft, ihre
               Schwachheit, ihre kleinlichen Gedanken zu seinen großen Zwecken, wie er den Blitz und
               den Hagel, die Kröten und Schlangen verwendet in dem großen Haushalt der Natur. Sie
               wissen nichts von der Ordnung, unter der sie stehen, und von dem Ziel, dem auch sie
               dienen müssen. Wenn sie es wüßten, dann dürften sie eine ganz andere Stellung
               einnehmen in den Plänen Gottes. Nicht auf der Schattenseite des Bösen und Schwachen
               müßten sie dann sein, sondern auf der Lichtseite, wo man gute Gedanken haben und gute
               Taten tun darf in Gottes Dienst. Und nicht trostlos müßten sie dastehen inmitten des
               Traurigen und Schrecklichen, was um sie her und vielleicht mit ihnen geschieht,
               sondern als solche, die eine Hoffnung haben, die nicht zu Schanden wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">Röm. 5,5</ref>].</p>
        <p>Das sind die <hi rend="italic">Anderen</hi>, die den Gott erkannt und liebgewonnen haben,
               die, die ihm nicht nur ohne daß sie es wissen und wollen, ihnen selber zum Trotz,
               gehorchen müssen, sondern aus freiem freudigem Einverständnis. Das sind die, die ihre
               Augen und Gedanken zu Gott erhoben haben, noch bevor das große Unrecht und Unglück da
               war. Die auf den Sieg des Guten gehofft und dafür gebetet und gearbeitet haben,
               solange man noch konnte. Die bis zuletzt sich gewehrt haben gegen das kommende
               Unheil. Und das sind die, die nun, wo das Unheil da ist, ihre Pflicht aufnehmen und
               erfüllen, tapfer und gern, wie sie ihnen unter diesen besonderen Umständen nun einmal
               auferlegt ist. Das sind die, die jetzt im Felde draußen mit schwerem Herzen, aber
               auch mit festem, unentwegtem Mut entschlossen sind, für ihr Vaterland mit ihrem Leben
               einzustehen, wenn es denn nun so sein soll. Oder die zu Hause nun vor Allem mit
               kräftiger Liebe Schwachen helfen, Wunden verbinden, Lücken ausfüllen möchten. Oder
               die doch ihr eigenes Geschick, und wäre es noch so dunkel und schwer, mannhaft und
               ohne Klagen zu tragen entschlossen sind. Das sind die Anderen in dieser heutigen
               Zeit. Auch sie müssen sich blind<pb xml:id="p422" ed="pga" break="no"/>lings von Gott führen und gebrauchen lassen nach seiner Absicht und Ordnung. Aber
               sie sind zufrieden damit, sie wollen nichts Anderes als auch in dieser Lage, mitten
               in diesem Triumph des Bösen, mitten in diesem Unglück, das die Menschheit selbst über
               sich gebracht hat, Gott helfen, Gottes Gedanken zu ihren eigenen Gedanken machen.
               Vielleicht mit tüchtigen Worten und Taten, vielleicht bloß mit stillem Sinnen und
               Beten, vielleicht mit der Waffe in der Hand, vielleicht mit irgendeiner schlichten,
               bescheidenen Arbeit des Friedens, die doch jetzt so nötig ist wie nur jemals —
               vielleicht auch durch ihr Leiden und Sterben. Aber Alles mit Gott und für Gott. Und
               weil sie sich so stellen können, so stehen sie jetzt bei diesem dunklen,
               unbegreiflichen Werk Gottes doch auf der Lichtseite, wo man nicht nur das Gute tut,
               sondern wo es einem trotz Allem auch gut geht, wo man unter Sorgen und Tränen sich
               doch freuen kann von einem Tag auf den anderen. Sie kennen eben das Ziel aller
               Menschenwege, und sie wissen, daß sie nach diesem Ziel unterwegs sind.</p>
        <p>Jesus nennt in unserem Textwort die eine Art von Menschen <hi rend="italic">Knechte,</hi>
               die andere <hi rend="italic">Freunde</hi>. Er beschreibt die <hi rend="italic">Knechte</hi> mit
               den Worten: Ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut! Es gibt freilich uns zum Glück
               auch Knechte und Mägde, die zugleich Freunde ihrer Herren sind. Die sind hier nicht
               gemeint. Aber auf die, die nur dienen, weil sie müssen, oder nur um des Lohnes
               willen, auf die trifft diese Beschreibung zu. Die Sache ihres Herrn ist ihnen im
               tiefsten Grunde gleichgültig. Sie leben ihr eigenes Leben für sich, haben ihre
               besonderen Interessen, ihre geheimen Privatwege. Sie stellen sich innerlich nicht
               neben ihren Herrn, sondern abseits von ihm, wenn nicht feindselig ihm gegenüber. Ihre
               Verbindung mit ihm ist ihnen nicht mehr als eine äußerlich zufällige Notwendigkeit.
               Wenn sie gehorchen müssen gegen ihre Meinung und Absicht, so tun sie es zwar, weil
               sie nicht anders können, aber innerlich grollend, weil sie sich ja nicht einen
               Augenblick in die Stellung ihres Herrn versetzen, die Sache von seinem Standpunkt aus
               betrachten mögen. Beim nächsten Anlaß werden sie wieder ihren eigenen Kopf
               durchsetzen. Sie haben keine Liebe
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                zu dem, dem sie gehorchen müssen, und weil sie keine Liebe haben, haben sie auch
               kein Vertrauen, und weil sie kein Vertrauen haben, können sie ihn auch nicht
               verstehen, und wenn sie es schon können, wollen sie es nicht. Sie gehören äußerlich
               zu ihrem Herrn und stehen ihm doch ganz fern, sie müssen es wissen und alle Tage
               spüren, daß er über ihnen ist, und sie sind doch im Herzen todunglücklich darüber.
               Ihr ganzes Leben wird eine beständige Reibung, eine andauernde Unzufriedenheit. Ihr
               Herr muß darunter leiden und sie selbst am allermeisten. Es gibt genug solche Knechte
               und Mägde zu Stadt und Land.</p>
        <p>So können wir uns nun auch zu Gott stellen, wir können, wenn wir wollen, seine
               gezwungenen, verdrossenen, unzufriedenen Knechte sein. Auch da gibts Knechte, die
               zugleich Gottes Freunde sind. Die alten Propheten <placeName ref="kbga-places-34">Israels</placeName> bezeichneten sich gern mit
               diesem Namen, und auch Jesus wird an einigen Stellen des Neuen Testaments der Knecht
               Gottes genannt. Diese stellen wir jetzt auf die Seite: wir reden von denen, die nur
               in der Knechtschaft Gottes stehen, die nur seine Sklaven oder Lohnsklaven sind. Wie
               schlimm sind die dran durch ihre eigene Schuld! Sie wissen im Grunde nichts von
               Gottes Sache, nichts von Wahrheit, Recht und Liebe, nichts von den hohen
               Lebenszielen, denen wir entgegenwandern dürfen, nichts von der großen Zukunft und
               Hoffnung, die Gott dem Menschengeschlecht gegeben hat. Sie haben ihren eigenen Sinn
               und Kopf, sie gehen ihre Privatwege, wie ein solcher Knecht es macht, sooft er nur
               kann. Sie suchen ihr Wohlergehen und ihre Behaglichkeit, das, was ihnen Vergnügen
               verspricht und ihren Ehrgeiz kitzelt, sie lieben und pflegen im Grunde nur ihr
               eigenes Wesen. Nun wissen sie freilich recht gut, daß ein Höherer da ist, dem sie
               gehorchen müßten. Das Ahnen ihres Herzens und das Mahnen ihres Gewissens weist sie
               hin auf den, der sie geschaffen hat und dem sie gehören. Sie hören von Jugend an und
               immer wieder sein Wort, das ihnen sagt, was recht ist und was er von ihnen fordert.
               Sie merken, daß es eine Schande ist und daß man sich selber unglücklich macht, wenn
               man der Stimme des Niedrigen in uns, wenn man seiner Selbstsucht folgt. Sie kommen in
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                Lebenslagen, wo sie, und wenn sie auch noch so gern wollten, nicht anders können als
               eben ihre Pflicht erfüllen. Sie müssen manchmal auch ganz ehrlich sein, sie müssen
               manchmal sich selbst bemeistern und überwinden, sie müssen in vielen Fällen gerecht
               und billig sein, sie müssen da und dort sogar ein wenig Liebe und Barmherzigkeit
               üben. Aber sie müssen nur. Sie wollen eigentlich nicht. Sie stehen dem allen so
               furchtbar fern und fremd gegenüber. Grollend und bitter fügen sie sich in das
               Unvermeidliche. Sie denken bei Allem nur: wann kann ich wohl wieder entschlüpfen?
               wann kann ich wohl wieder sein und denken und reden und tun, so wie es mir selber ums
               Herz ist und gefällt, wie ein Schulkind, das sich den ganzen Morgen nur freut auf den
               Augenblick, wo die Glocke Schluß läutet. Wie Vieles, was vor den Augen der Menschen
               als Bravheit und Rechtschaffenheit gilt, ist im Grunde nichts als eine solche
               Knechtschaft, eine solche Unzufriedenheit mit Gott, der so viel von uns verlangt, ein
               solches Warten auf den Moment, wo man wieder sein eigener Herr sein kann!</p>
        <p>Und nun seht: in solchen Zeiten, wie wir sie jetzt durchmachen, da kommt dann solche
               Knechtschaft zum Vorschein. Da zeigt sichs ja bei Jedem, was er ist, und bei Vielen
               zeigt sichs: er ist eben ein Knecht, ein armer Knecht Gottes. Nun verlangt Gott viel,
               sehr viel von ihm, nun wird sein Glaube, seine Liebe, seine Hoffnung auf eine harte,
               schwere Probe gestellt. Nun sollte er blindlings annehmen können, was Gott ihm
               schenkt, im festen Vertrauen: der Herr weiß es und macht es schon recht. Dann käme er
               sicher und selig auch durch diese Zeit hindurch. Aber das kann er nun nicht. Er hat
               ja im Grunde keinen Herrn. Er hat ihn nur äußerlich gehabt. Er weiß nichts von seinen
               Gedanken und Absichten. Armer Mensch, nun bleibt nichts für ihn übrig als Unruhe und
               Aufregung, nun sind bloß seine bösen und schwachen Instinkte da und beherrschen ihn
               vollständig. Er überläßt sich seiner Leidenschaft oder seinem Stumpfsinn oder seiner
               Angst. Er folgt dem Trieb seiner Selbstsucht, der ja immer der stärkste in ihm war.
               Noch regt sich da und dort etwas Anderes in ihm,
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                Vertrauen, Güte, Pflichtgefühl, das Göttliche in ihm will nicht zum Schweigen
               kommen. Aber wie von einem Strom bei Hochwasser wird er weggerissen, und er muß
               untergehen in seiner Bosheit oder Schwachheit, er wird hoffnungslos hinübergeschwemmt
               auf die andere Seite, auf die Schattenseite, wo freilich auch Gott waltet, wo man
               auch nichts gegen ihn und ohne ihn machen kann, wo auch Alles geschieht, so wie er es
               haben will, aber nicht mehr zum Heil, sondern zum Verderben der Menschen, die sich
               selbst auf diese Seite gestellt haben. Wieviel Düsterkeit und Verzweiflung, wieviel
               kopflose, selbstsüchtige Handlungen, wie sie in den letzten Wochen vorgekommen sind,
               wieviel Mißtrauen und Kleinmut im Hinblick auf die Zukunft haben nur in diesem
               Knechtswesen ihren Grund! Wer bloß ein Knecht Gottes ist, wer ihm innerlich fern und
               fremd bleiben will und ihm nur gehorcht, weil er muß, der kann es freilich nicht
               anders machen. Ein Knecht weiß eben nicht, was sein Herr tut. Er weiß es ganz
               besonders nicht in solchen Zeiten der Prüfung und Läuterung.</p>
        <p>Nun aber ist da die andere Art Menschen, die Jesus <hi rend="italic">Freunde</hi> nennt.
               Wie ganz anders tönt schon dieses Wort. O wenn wir doch Freunde Gottes sein könnten!
               Freunde sind zwei, die nicht aus Zwang, sondern aus eigener freier Wahl sich
               miteinander verbunden fühlen. Freunde sind zwei, die aus eigener freier Entscheidung
               zueinander gesagt haben: wir wollen das gleiche, und darum wollen wir zueinander
               halten, einander helfen. Wenn wir jemandes Freund sind, dann heißt das, daß wir
               innerlich neben ihm stehen, daß wir mit ihm fühlen und denken, daß wir ihn verstehen,
               daß wir uns an seine Stelle versetzen können jeden Augenblick. Je inniger und
               aufrichtiger eine Freundschaft ist, desto weniger kann etwas zwischen die Freunde
               hineinkommen, desto weniger kann es Mißverständnisse geben zwischen ihnen, desto mehr
               werden sie, wie man so schön sagt, ein Herz und eine Seele sein. Da ist man ganz
               aufrichtig miteinander, was sollte man sich auch zu verstecken haben? Da rechnet man
               nicht miteinander, man hat ja gemeinsame Sachen. Da traut keiner dem Anderen Böses
               zu, er würde ja damit sich selber mißtrauen, sich selber
               <pb xml:id="p426" ed="pga"/>
                schädigen. Wo die rechte Freundschaft ist zwischen zweien, da macht sich alles
               Äußerliche ganz von selbst: man will eben einfach Einer das, was dem Anderen gut ist.
               Vielleicht, daß man manchmal fragen muß: ja, warum machst du das nun so? aber auch
               wenn mans nicht sofort ganz klar einsieht, bleibt man doch ruhig, weil man weiß: er
               meints sehr gut, und es wird sich ja Alles weisen. Der Kern und das Wesen von Allem
               ist immer die Liebe, wie der Kern und das Wesen der Knechtschaft die Selbstsucht ist.
               Die Freundschaft ist überhaupt in Allem das direkte Gegenteil der Knechtschaft.</p>
        <p>Und nun sagt uns Jesus, daß wir Freunde, Freunde Gottes sein dürfen. Denkt auch was
               das sagen will: Menschen, die sich aus Freiheit, aus eigenem Willen, aus Liebe Gott
               hingegeben haben, Menschen, die nicht nur unter Gott stehen, sondern unter ihm stehen
               wollen, Menschen, die von Gott etwas ganz Anderes wissen, als daß er der da droben
               ist, der so viel von uns verlangt und dessen Hand oft so schwer auf uns liegt, nein:
               er ist der, mit dem wir einig sind, dessen Sache unsere eigene teuerste Sache ist,
               die uns mehr angeht als alles Andere, der, der auch mit uns einig ist, mit dem wir
               verbunden sind zu Schutz und Trutz! Denkt auch, wie wir dran wären in gewöhnlichen
               und in solchen außerordentlichen Zeiten, wenn wir Gottes Freunde wären! Ein Freund
               Gottes ist einer, der weiß, wozu wir Menschen bestimmt sind, und der nun nicht
               seufzt: ach so viel wird von uns verlangt, sondern der sich darüber freut, daß er so
               hoch steigen darf. Eine neue Pflicht, wie sie das Leben oft unvermutet bringt, drückt
               ihn nicht nieder, er denkt nicht: ach du lieber Gott, jetzt das noch, nun wirds genug
               sein!, sondern er denkt: So, also auch das noch! Gut, ich wills versuchen und in
               Gottes Namen dran hin, ich tu gern, was ich kann! Für ihn ist überhaupt das Gute
               nicht so etwas, das da irgendwo drohend über uns schwebt, jeden Augenblick neue
               Forderungen auf uns regnend oder hagelnd wie eine böse Wolke, sondern eine Kraft ist
               es ihm, die ihn von innen heraus treibt. Er muß das Gute tun, er steht auch unter
               einem Zwang, wenn man will, aber unter einem inneren Zwang, unter seinem
               <pb xml:id="p427" ed="pga"/>
                eigenen Zwang. Die Notwendigkeit, der er gehorcht, ist nicht ein fernes fremdes
               Ungeheuer, dem man am liebsten entrinnen möchte, sie wohnt in seiner Seele, in seinem
               tiefsten Herzen. Er selber hat sich da hinüber gestellt, er selber befiehlt sich und
               beherrscht sich. Es ist seine Sache, seine Herzenssache, wenn er sagt: ich kann nicht
               anders, ich muß — ich muß der Wahrheit folgen, ich muß tun, was recht ist, ich muß
               Liebe üben.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Die</hi> Menschen sind dann gut dran auch in der gegenwärtigen Zeit. Was
               sie ihnen bringt und bringen wird, das ist für sie nicht ein Schicksal, sondern
               etwas, das jedenfalls von ihrem Freund kommt, der es ja gut mit ihnen meint. Sie
               können darum gar nicht klagen und aufbegehren, sie haben einfach das Vertrauen, daß
               das nun gerade so in der Ordnung sei, wie es ist, und fragen nach nichts Anderem als
               danach: was ist nun meine Pflicht für den nächsten Tag? Und sie werden so ganz sicher
               wunderbar behütet und gesegnet durch diese Zeiten hindurchkommen. Sie sind einig mit
               dem, der sie führt nach seinem Willen, und er wiederum schützt und schirmt sie, sodaß
               ihre Füße nicht gleiten oder straucheln können [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.73.2">Ps. 73,2</ref>], komme es, wie es wolle. Sie werden immer auf der
               Lichtseite stehen, dort, wo <hi rend="italic">auch</hi> der Wille Gottes geschieht und
               geschehen muß, wie er bei den Bösen und Schwachen geschieht, aber hier sagt man
               freudig und dankbar ja zu dem, was man dort gar nicht kennt, oder wogegen man sich
               dort aufbäumt. Und darum ist hier Leben und Friede und Seligkeit.</p>
        <p>Gott sei Dank, es kommt auch viel Gutes zum Vorschein bei den Menschen in dieser
               dunklen Zeit. Viel todesmutige Tapferkeit von Männern und Frauen, viel ernste
               Pflichterfüllung, viel aufopfernde Liebe und Hilfsbereitschaft — viel inniges
               gottergebenes Beten haben diese furchtbaren Ereignisse schon zu Tage gefördert. Wir
               können uns darauf verlassen, wo jetzt etwas Gutes geschieht, wo Menschen sich
               wirklich bewähren, wo etwas Besseres aus ihnen hervorleuchtet als in gewöhnlichen
               Zeiten, dann hat das seinen Grund und seine Ursache in einer solchen vielleicht
               tiefverborgenen Freundschaft mit Gott. Es kanns Man<pb xml:id="p428" ed="pga" break="no"/>cher und Manche nicht so zeigen in gewöhnlichen Zeiten, man rechnet sie nicht zu den
               Frommen, sieht nichts Besonderes hinter ihnen, aber in der Tiefe ihrer Herzen besteht
               jene Einigkeit mit Gott. Sie haben sich frei und freudig dem übergeben, der die
               Quelle alles Guten ist, und nun in der schweren Zeit können sie ganz
               selbstverständlich und natürlich sich so stellen, wie es eben ein Mensch kann, der
               mit Gott einig ist. Sie tun ihre Pflicht, sie tragen, was zu tragen ist, sie brechen
               nicht zusammen, sie haben die Hoffnung in sich, daß auf die Finsternis das Licht
               kommen muß. Wenn wir es doch auch könnten!</p>
        <p>Ja, was sind wir denn nun eigentlich, Knechte oder Freunde? Wir haben jetzt diese
               beiden Arten, uns zu Gott zu stellen, einander scharf gegenübergestellt. Aber es ist
               nicht so, daß man nun etwa von einem jeden von uns sagen könnte: Das ist ein Knecht,
               und das ist ein Freund. Ja, bei Keinem von uns könnte man das so sagen: entweder —
               oder! Bei Keinem von all den Millionen Menschen, für die jetzt in diesen
               entscheidenden Wochen und Monaten so viel, zum Teil Alles darauf ankommt, wie sie
               sich nun zu Gott stellen. Wir sind nicht das Eine oder das Andere, sondern wir haben
               von Beidem ein wenig etwas in uns, vom Knecht und vom Freund. Oder geht es euch nicht
               auch so: sie kommen uns Beide gar bekannt vor? Wir unterwerfen uns manchmal Gott nur,
               weil wir müssen, zähneknirschend und mit Hintergedanken, und erleben dann all die
               Höllenqual, die ein solches Verhalten mit sich bringt. Und dann haben wir wieder
               Freude an seinem Willen und können gern annehmen, was er uns schenkt. Auch in diesen
               Wochen haben wir es sicher gespürt, wie Beides sich in uns regte: die Knechtsseele,
               die vor Gott zittert, und die Freundesseele, die ihn loben und verherrlichen möchte
               für Alles, was er an uns tut. Aber wir dürfen uns nicht dabei beruhigen, Beides
               nebeneinander und aufs Mal zu sein, Knechte und Freunde. Wir können es auch nicht auf
               die Länge. Es geht entweder vorwärts mit uns oder rückwärts. Entweder wir sinken
               immer tiefer hinein in das Knechtswesen, in das unwahre, furchtsame, rebellische
               Verhältnis zu unserem Vater, durch das wir uns selbst unglücklich machen.
               <pb xml:id="p429" ed="pga"/>
                Oder wir werden immer mehr Gottes Freunde, wir steigen aufwärts zur Erkenntnis
               seines Willens und zur Freude daran, zum bewußten eifrigen Gehorsam gegen seine
               Gebote in allen Lebenslagen, in die er uns führen mag. Was wollen wir nun, wollen wir
               steigen oder wollen wir fallen? Wollen wir Knechte sein und an der Schattenseite des
               Lebens schließlich innerlich zu Grunde gehen, oder Freunde, Kinder des Lichtes, die
               nun auch nicht anders als im Lichte wandeln können [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.9">Eph. 5,9</ref>].</p>
        <p>Vor diesem Entweder — Oder trifft uns das Wort Jesu: <hi rend="italic">Euch aber habe ich
                  gesagt, daß ihr Freunde seid, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe,
                  habe ich euch kundgetan</hi>. Ja, das ist die große Botschaft, die Jesus uns
               Menschen allen auszurichten hat, daß wir Freunde seien. Jesus zeigt uns in seinem
               Leben und Sterben Gott und seine Liebe so deutlich, er bringt uns ihn so nahe, daß
               wir gar nicht anders können als uns ihm übergeben, als aus freiem freudigem eigenem
               Entschluß heraus auf seine Seite hinüberzutreten. Wir brauchen bloß auf ihn zu hören:
               wer ihn siehet, der siehet den Vater [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.9">Joh. 14,9</ref>], und der muß auch des Vaters Freund werden. Der
               muß merken, daß es mit dem zitternden, aufgeregten, selbstsüchtigen Knechtswesen
               nicht geht. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>].</p>
        <p>Die Not der Zeit zwingt uns alle, die Augen aufzutun und zu merken, daß wir vor
               diesem Entweder — Oder stehen, ob wir ganze Knechte oder ganze Freunde Gottes werden
               wollen. Möchte es uns allen gegeben sein, daß wir das erlösende Wort Jesu hören: Ihr
               seid Freunde! Möchten wir alle etwas spüren von der Kraft, die von ihm ausgeht, die
               diese Verheißung wahr macht, die uns still, aber sicher aufwärts führt, die uns
               wahrhaftig und wirklich zu dem werden läßt, was wir werden sollen, zu Freunden
               Gottes, die nichts mehr irre machen und nichts mehr erschrecken kann!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
