9. August 1914

Predigt: Philipper 4,6

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Krieg zwischen Deutschland, Österreich — Rußland, Frankreich, England.
Philipper 4,6
Sorget nichts! sondern in allen Dingen lasset euer Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.
409Liebe Freunde!

«Mit Menschen- und mit Engelzungen» [1.Kor. 13,1] sollten wir Pfarrer in diesen schweren Zeiten zu euch reden können. Wir wissen ja, wie Viele jetzt ein Wort des Trostes, der Ermutigung, der Erhebung von uns erwarten.

Wir erfahren jetzt alle wieder, wie das ist, was ein Prophet des Alten Testaments schreibt: «Es kommt die Zeit, daß ich einen Hunger und Durst ins Land schicken werde, das Wort des Herrn zu hören» [vgl. Am. 8,11]. Wir fühlen, wie trostlos wir dran wären, wenn es nichts Höheres gäbe, an dem wir uns halten können. Wir freuen uns über jeden kleinen Sonnenstrahl von oben, der durch die dunklen Wolken bricht. Wir blicken sehnsuchtsvoll aus nach dem, der mehr weiß und mehr kann als unsereins. O wenn wir jetzt auch einen Propheten unter uns hätten, wie Jesaia und Jeremia sie ihrem Volk waren in solchen Zeiten, einen Propheten, der uns die Zeichen der Zeit zu deuten, der uns die rechte Stellung zu diesen Ereignissen zu zeigen wüßte mit göttlicher Vollmacht und Erleuchtung! Aber das ist vielleicht ein törichter Wunsch. Wir haben ja das prophetische Wort, von dem es heißt, daß es scheine an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in unseren Herzen [vgl. 2.Petr. 1,19]. Wir haben ja unsere Bibel. Es ist doch etwas Wunderbares um dieses alte Buch. Jahrelang haben wir vielleicht nicht so recht gewußt, was damit anfangen, haben mehr aus Pflichtgefühl als aus innerem Trieb von Zeit zu Zeit darin gelesen. Und nun auf einmal, sowie wir wieder einmal haben lernen müssen, aus der Tiefe zum Herrn zu rufen [vgl. Ps. 130,1], leuchten solche Worte hervor aus dem alten Buch wie die, die wir letzten Sonntag gehört haben: Wenn ihr hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so fürchtet euch nicht [Mk. 13,7]! … und: «Ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides, auf daß ich euch gebe Zukunft und Hoffnung» [Jer. 29,11] — solche Worte voll Trost und Kraft, für uns so gut wie für die Menschen vor tausenden von Jahren, für die sie eigentlich bestimmt waren. Und wieviel solch leuchtender Worte |410 gibt es noch in der Bibel, einzig z. B. im Buch der Psalmen! Wie liest man da die Zeitungen so ganz anders in diesen verhängnisvollen Tagen, wenn man ein einziges solches Wort im Kopf und im Herzen hat, wenn es dann so durch alles Unerwartete und Schreckliche, was wir aus der Welt jetzt hören, so stark und rein hindurchtönt: Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.1 Und wie kann man sein eigenes persönliches Schicksal und Sorgen so ganz anders auffassen, wenn einem ein solches Bibelwort so recht lebendig geworden ist! Wir wollen es doch in diesen Zeiten recht lernen, nicht nur für diese Zeiten, sondern für immer, hinzugehen zu dieser Quelle und zu trinken. Sie steht ja uns allen offen. Und wir wollen uns, auch wenn wir hier in der Kirche zusammenkommen, mehr als je daran halten, daß wir ja dieses prophetische Wort haben, das uns ein für allemal als ein Licht und als eine Kraft gegeben ist. Dann werden wir den vollsten Trost und die kräftigste Ermutigung empfangen, auch wenn kein Jesaia und Jeremia persönlich unter uns tritt.

Aber, meine Freunde, nach oben müssen wir blicken, wenn wir von oben Trost und Ermutigung haben wollen. Es sehnt sich jetzt so manches Herz danach und bekommt es nicht, weil es zu Boden sieht und rückwärts statt vorwärts und aufwärts. Es greift jetzt auch so Manches zur Bibel und geht in die Kirche und findet doch Trost und Mut nicht, weil es sie nach seinen eigenen Gedanken und Wünschen suchte. Was suchen wir denn in diesen Stunden, was suchen wir, wenn wir unsere Bibel aufschlagen, wenn wir zu Freunden und Nachbarn gehen, um ihnen unser Herz auszuschütten? Nicht wahr, wenn du ganz aufrichtig bist, mußt du dir sagen: das, was ich begehre, das ist etwa ein Engel oder eine andere Botschaft, die mir vom lieben Gott die Nachricht brächte, daß mein Mann oder Bruder oder Freund sicher und gesund von den Grenzen wieder zurückkehren wird. Das wäre der rechte Trost, und damit wollte ich dann gern zufrieden sein! Und das |411 ist auch ein sehr begreiflicher und erlaubter Wunsch, den du da hast, und wir wollen von Herzen hoffen, daß er dir in Erfüllung gehe. Aber sieh, wenn es dir wirklich darum zu tun ist, Trost zu empfangen und Mut zu fassen, dann darfst du [dich] jetzt nicht Tag und Nacht mit deinen Gedanken einzig um diesen Punkt drehen. Wenn du das ernstliche Verlangen hast, Licht und Kraft von Gott zu bekommen, dann darfst du ihn jetzt nicht bloß bestürmen mit diesem deinem einen Wunsch. Das Leben ist nun einmal nicht so, und unser Verhältnis zu Gott ist nicht so, daß wir uns mit solchen Fragen an ihn herandrängen und Antwort von ihm fordern könnten. Wer davon nicht lassen kann, wer darüber hinaus nichts Höheres kennt, dem wird nie fester Boden unter die Füße kommen. Seht, wenn wir nun immer bloß die eine Frage hin- und herwälzen: Kommen sie wohl wieder?, dann kann man uns wohl menschlicherweise trösten. Ein solch menschlicher Trost war uns ja diese Woche die Erklärung Deutschlands und Frankreichs, daß die Neutralität unseres Vaterlandes in den bevorstehenden Kämpfen respektiert werden soll. Ein solcher menschlicher Trost mag uns auch die Wahrnehmung sein, daß das Gewitter sich vorläufig an anderen Stellen zu entladen scheint als gerade in unserer Nähe. Aber mit solcherlei menschlichem Trost, wie die Meisten von uns ihn jetzt so heftig begehren, kann es eines Tages plötzlich ein Ende nehmen. Wir haben das ja bereits am letzten Sonntag Abend erlebt, wo wir auf eine solche Meldung hin meinten, es sei nun alle Gefahr abgewendet, und uns beruhigt schlafen legten.

Meine Freunde, wir können und wir wollen uns mit solcherlei Trost nicht zufrieden geben. Wir können und wir wollen für die vielleicht lange Gedulds- und Kummerzeit, die uns bevorsteht, uns nicht abhängig machen von dem, was heute dieser und morgen jener behauptet und räsonniert. Wenn wir uns doch das Wort geben wollten in dieser Stunde, daß wir von jetzt an nicht mehr in erster Linie auf diesen menschlichen Trost, und wenn er noch so schön und wahr wäre, abstellen, daß wir auch Gott gegenüber nicht mehr in erster Linie unsere menschlichen Fragen und Anliegen, und wenn sie noch so wichtig und dringend wären, |412 auf dem Herzen tragen wollten! Wir können und sollen ja Beides nicht unterdrücken: wir werden immer wieder liebevoll und angstvoll fragen: was wird aus ihm? und: was wird aus uns? und wir werden immer wieder begierig nach Allem greifen, was uns da irgendeine befriedigende Antwort darauf geben kann, das ist natürlich und recht so. Aber das sollten wir uns jetzt gegenseitig versprechen: Zurück mit dieser Art von Fragen und Antworten, zurück damit, denn wenn uns das in vorderster Linie steht, wenn wir jetzt immer daran herumgrübeln und studieren, dann werden wir ganz sicher aus der Unruhe und Mutlosigkeit, in der sich jetzt Viele befinden, nicht herauskommen, ja, dann wird es, je länger die Sache geht, umso weniger mit uns werden, und wenn wir dabei noch so viel beten und in der Bibel lesen würden. Denn unser Gebet ist dann gar kein wirkliches Gebet, und wenn wir Gott noch so eifrig bestürmen, und das Licht und die Kraft der Bibel wird uns verschlossen bleiben, und wenn wir stundenlang davorsäßen.

Wer von Gott etwas haben will, der muß nach oben blicken, hinaus über unsere menschlichen Fragen und Antworten, so sehr sie uns am Herzen liegen mögen. Dann verstehen wir das wunderbare Apostelwort: Sorget nichts!, das zu unseren Fragen, Zweifeln und Aufregungen so gar nicht paßt. Wer seinen Blick auf den Boden oder nach hinten richtet, wer nur danach begehrt, seine menschlichen Anliegen zu befriedigen, sich an irgendeinen menschlichen Trost anzuklammern, der kann ein solches Wort gar nicht verstehen. Wie kann man einem Menschen, der von Gott verlangt, daß er ihm sagen soll, was gerade er wissen möchte, der von Gott verlangt, daß er tun sollte, was gerade er gerne hätte, wie kann man einem solchen Menschen zumuten: Sorget nichts! Er hört das und hört doch gar nichts; es läuft an ihm herunter wie Wasser an einer Glasscheibe. Er denkt: natürlich muß ich mich jetzt sorgen, natürlich muß ich jetzt aufgeregt und unruhig sein, das lasse ich mir nicht nehmen; ich habe doch allen Grund dazu, und das Sorget nichts! überlasse ich denen, die nichts zu klagen haben. So denkt er, weil er Gott noch gar nicht kennt |413 oder vielleicht auch nicht mehr kennt. Jedenfalls steht ihm das, was Gott ist, nicht vor Augen, wohnt ihm nicht im Herzen, sonst könnte er nicht so denken. Er weiß nicht, daß Gott unser gütiger, liebevoller Vater ist, der ganz sicher Alles so lenkt, wie es uns gut ist. Er weiß aber auch nicht, daß der Wille dieses unseres Vaters dann auch absolut und unbedingt gelten muß ohne Zögern und ohne Widerrede und daß wir arme, unselige Geschöpfe sind von dem Augenblick an, wo wir etwas ohne oder gegen den Willen Gottes tun. Und er weiß nicht, daß auch in den schwersten Zeiten nicht das unsere Haupt- und Lebensfrage sein darf, daß Gott nach unserem Willen tue, sondern das, daß wir den Willen Gottes tun, daß wir uns seinen Absichten unterziehen, daß wir seine Gebote ausführen nach bestem Können. Wer das alles nicht weiß, der kann unmöglich verstehen, was das heißt: Sorget nichts! und noch weniger danach tun.

Eine alte Hausiererin mit ihrer Last auf dem Rücken und einem Eichenstock in der Hand kam an einen Kreuzweg und wußte nicht, welche Richtung sie einschlagen sollte. Siebenmal warf sie den Stock in die Höhe, bis sie endlich fröhlich weiterwanderte. Ein Fußgänger, der hinterdrein kam, wunderte sich darüber und fragte die Frau, warum sie nun siebenmal den Stock in die Höhe geworfen habe. «Sehen Sie», war die Antwort — «wenn ich an einem Kreuzweg nicht weiß, welche Richtung ich gehen soll, dann frage ich darüber den Willen Gottes. Ich werfe meinen Stock in die Höhe, und je nachdem er fällt, gehe ich weiter. Diesmal nun mußte ich den Stock siebenmal werfen, bis er den Weg zeigte, den ich selbst habe gehen wollen.» — Den ich selbst habe gehen wollen! Mein Wille ist der Wille Gottes, oder der Wille Gottes soll sich eben nach meinem Willen richten.

Liebe Freunde, denken nicht unzählige Menschen so, wie diese alte Frau es da in aller Unschuld und Offenheit aussprach? Denken nicht Unzählige so gerade jetzt, wo ein großer Kummer auf uns allen lastet? Wundern wir uns, wenn wir dann für die frohe Botschaft: Sorget nichts!, die auch für uns in unserer jetzigen Lage gilt, kein offenes Ohr und Herz haben? Wundern wir uns, |414 wenn wir nicht wissen, wie wirs machen sollen, um zu dem rechten Trost und rechten Mut, den wir jetzt haben sollten, zu kommen? Seht, solange wir so denken und auch so beten, solange sind wir ja mit Gott in heimlichem Streit und Widerspruch, und wenn wir ihn noch so inbrünstig anrufen, solange wird auch unser ganzes Leben, und in solchen Zeiten wie jetzt besonders, ein Zufallsspiel sein, noch viel törichter als das jener alten Frau, solange werden wir sicher nie in den Besitz jener inneren Gelassenheit und Zuversicht und Zielbewußtheit kommen, die uns so nötig sind. Und darum muß es für uns vor allen Dingen heißen: aufwärts die Blicke und aufwärts die Herzen! Und das ists denn auch, was uns das Apostelwort: Sorget nichts! im Grunde sagen will, wenn wir es richtig betrachten. Zu Gott hin!, denn ohne ihn und gegen ihn gibt es keinen Trost und keinen Mut. Zu Gott hin, zu ihm selber, zu dem, was er uns sagt und was er tut, statt immer bei dem zu bleiben, was wir von ihm wissen und haben möchten.

Wer ist denn dieser Gott, zu dem wir hinblicken müssen, um frei und stark zu werden? Er ist die unendliche Macht, die über Allem und in Allem waltet. In ihm und durch ihn besteht Alles und wird Alles zusammengehalten, was da ist. Er gibt Allem sein Leben und seine Bewegung. Es gibt kein Stäublein, das ohne ihn wäre, und es war keine Sekunde und wird keine sein, in der er nicht waltete und regierte. Keine Naturkraft kann gegen ihn sein, und kein Menschenherz kann sich von ihm losmachen. Und nun ist das unser Heil und unsere Freude, daß wir uns seiner Macht überlassen, völlig überlassen. Dann sind wir gerettet, dann sind wir sicher und selig mitten im tiefsten Leid. Wenn wir ihm widerstreben, dann sind wir unselig, verloren, verdammt, in ewiger Unruhe und Unsicherheit und Abhängigkeit, und wenn wir im Besitz aller Freuden, alles Glückes wären. Es kann uns nicht schwerfallen, uns ihm zu überlassen. Seine Macht ist ja nicht die eines launischen Tyrannen, seine Macht ist seine Güte. Was er will, das ist heilig, gerecht und gut, auch wenn wir seine Ziele nicht immer sehen. Das tiefste, innerste Sehnen unseres Herzens, |415 das unverkennbare Mahnen unseres Gewissens sagt es uns, jedem von uns: übergib dich ihm, laß ab von deinem eigenen Weg, du gehörst ja zu ihm, und er meint es so gut mit dir. Du bist ja dazu bestimmt, deinen Willen seinem Willen unterzuordnen, du bist ja traurig und verworren und müde, solange du es nicht getan hast. Er ebnet dir ja so freundlich den Weg, er zeigt dir ja so deutlich, was du denken und sagen und tun sollst, wenn du nur auf ihn hören willst. Seht, so lernen wir Gott kennen, wenn wir einmal wirklich aufwärts blicken. So steht er vor uns, wie Jesus Christus ihn uns gezeigt hat. So ist Gott, Gott selber: unser heiliger Vater, der die ewige, Alles überwindende Macht hat.

Und nun, was haben wir davon, für unser Leben, für unser Leben voll Sorge und banger Gedanken, wenn wir diesen Gott ansehen, wie er selber ist, wenn wir einmal aufhören, jeden Augenblick wieder dazwischenzufahren: ja aber ich, gerade ich möchte jetzt so gerne, wünsche mir, habe so nötig — wenn das Alles einmal schweigt in uns und an die zweite Stelle tritt, wo es hingehört — was haben wir davon? Seht, da haben wir dann davon, daß uns das freie, kühne Apostelwort: Sorget nichts! ganz etwas Natürliches und Selbstverständliches wird, so spanisch es uns auf den ersten Blick vorkommen mag. Was heißt denn das: Sorget nichts!? Natürlich sind doch unsere Sorgen und Kummer da, und sie werden uns in mancher einsamen Stunde das Herz erzittern machen, manche Träne uns erpressen. Aber wir wissen dann bei Allem, was kommt und kommen kann: Gott ist dahinter und er will doch nur das Gute, und er machts auch sicher gut. Was will ich mich denn da dreinmischen mit meiner Aufregung und Unruhe? Was will ich denn da tun, als ob mir oder meinen Lieben etwas Böses widerfahren könnte, das ist doch ganz unmöglich bei Gott? Was will ich mir denn meine Last selbst noch schwerer machen durch meine kurzen, kleinen Gedanken, durch Zappeln und Klagen, besser als Gott kann ichs doch wahrhaftig nicht machen, und so werde ichs nur schlechter machen mit meinem unnützen Tun? Gott macht ja Alles, und er macht Alles gut. Und ich habe nichts zu tun, gar nichts, als immer darauf |416 zu achten, daß ich mit dem Willen Gottes im Reinen bleibe, daß ich nirgends und in keinem Augenblick, weder in Gedanken oder in Worten noch sonst mich von ihm entferne, daß ich nur ihm nie mißtraue, daß ich nur ihm nie entgegenhandle. Immer über Alles die goldene, einfache, gewaltige Regel: dein Wille geschehe [Mt. 6,10]!

Das ist der Anfang aller Ruhe,
Das ist das Ende aller Pein,
Daß man den Willen Gottes tue,
Denn Ruhe ist in Gott allein.2

Ja, Ruhe ist in Gott allein. Ein Mensch, der das nicht weiß, ein Mensch, der in solcher Prüfungszeit nicht seinen einzigen Frieden sucht in der Macht und in der Güte Gottes, ein Mensch, der dabei beharrt, weiter zu tappen und zu stolpern mit unseren menschlichen Fragen und Antworten, der wird nie Trost und Mut finden. Wer aber einmal Gott ernstlich erkannt hat, der erfährt dann auch: in Gott ist die Ruhe. Der geht dann, wenn auch unter schweren Sorgen, wenn auch unter Tränen, sicher seinen Weg. Er weiß, daß er ein Ziel hat. Er ist frei von den Hindernissen und Trübsalen, die über ihn hereinbrechen, sie drücken ihn, aber sie erdrücken ihn nicht, er weiß: jenseits davon kommt etwas Anderes. Er ist frei vor allen Dingen von sich selber, frei von seinem Herzen, frei von seinen armen Nerven. Er muß nicht mehr der zitternde Knecht seiner eigenen Schwachheit sein, weil er Gottes Knecht geworden ist, und Gott ist ja die Kraft. Er kann warten, es pressiert ihm nicht mehr so furchtbar: wenn man nur dieses und jenes schon wüßte! Was geht uns das an: was wir nicht wissen, geht uns nichts an, Gott weiß es, und Gott wird es machen, und es wird richtig sein. Und er hat immer Hoffnung, eine viel größere Hoffnung als die, die wir ja jetzt alle haben, daß Alles glücklich vorübergehen und endigen möge. Diese Hoffnung könnte uns enttäuschen. Und ich muß euch auch sagen, daß es eigentlich etwas |417 ganz Erbärmliches ist um diese Art zu hoffen: o wenn es nur für uns Schweizer und besonders für mich gut endigt — während rings um uns her Millionen von Menschen Verlust um Verlust erleben werden. Nein, wer die Ruhe in Gott gefunden, der hofft auf Gottes Reich und Herrlichkeit, die in allen Leiden des Lebens, in allen Greueln der Welt schließlich sich offenbaren. Er freut sich, daß jeder freie Schritt vorwärts ein Schritt ist diesem Ziel entgegen. Das ist eine felsenfeste Hoffnung. Und keine kleinliche, selbstsüchtige Hoffnung. Eine Hoffnung, die nicht zu Schanden wird [vgl. Röm. 5,5].

Seht, das haben wir davon, wenn wir nach oben blicken in dieser schweren Zeit, daß wir frei und stark und freudig dastehen können gegenüber Allem, was kommen mag. Das heißt: sorget nichts! Die ganze Welt von Leid und Sorgen, von Gegenwärtigem und Zukünftigem ist da, und sie drückt uns und tut uns weh, aber wir sind ruhig und sicher, weil wir darüber hinwegsehen, wir stehen nicht darunter, sondern darüber wie der mächtige heilige Gott selbst, obwohl wir nur schwache kleine Menschen sind. Wollen wir nicht lieber die Ruhe in Gott als die Unruhe in uns selbst, als die Sorge und Aufregung, die unser Los ist, wenn wir uns jetzt unserem eigenen eigenwilligen, selbstsüchtigen Sinn überlassen?

Meine Freunde, wenn wir der Einladung des Apostels gefolgt sind: sorget nichts!, so wie er es eben gemeint hat, dann ist uns auch das Andere, was er sagt, ganz selbstverständlich: sondern in allen Dingen lasset euer Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. Das ists ja gerade, was wir beschrieben haben. Darauf kommts an, ob wir mit unseren Anliegen, den großen und den kleinen, bei uns selbst bleiben, immer wieder darum kreisen, darin wühlen mit unseren Bedenken und Zweifeln — das heißt Sorgen! — oder ob wir sie im Gebet und Flehen vor Gott — aber eben wirklich vor Gott, nicht vor einem selbstgemachten Götzen, sondern vor dem mächtigen heiligen Gott kund werden lassen.

Mit Danksagung — ich möchte jetzt nur noch dieses unterstreichen und betonen. Danken heißt anerkennen, wie Großes Gott schon |418 für uns getan hat. Ich meine, damit müssen wir anfangen, wenn wir zu der Ruhe in Gott kommen wollen, in der wir allein Trost und Mut finden. Und ich finde, daß es Vielen von uns gerade an diesem Anfang, an der rechten Dankbarkeit Gott gegenüber fehlt. Es wäre sonst nicht so viel weichliche Verzagtheit und Unruhe unter uns in dieser Prüfungszeit. Ich möchte euch herzlich bitten, statt jetzt so viele Stunden mit Kummer und Sorgen zuzubringen, einmal gründlich darüber nachzudenken, wie viel uns in unserem freien, starken Schweizerland gegeben ist, wieviel sicherer und zuversichtlicher wir für unsere Soldaten an der Grenze in die Zukunft blicken dürfen als unsere umliegenden Nachbarvölker alle. Ich möchte ganz besonders die vielen Frauen, die jetzt an ihren Mann in der Ferne denken und die nicht loskommen von der Frage: kommt er wohl wieder heim? — ich möchte sie bitten, sich einen Augenblick zu erinnern an die Millionen von Frauen, deren Männer jetzt im Elsaß, in Belgien, in Polen, in Galizien, an der Donau oder irgendwo auf dem hohen Meer dem blutigen Gefecht entgegengehen oder die vielleicht jetzt an diesem schönen Sonntagmorgen mitten drin stehen oder bereits auf fremder Erde für ihr Vaterland gefallen sind. Das ist wirkliches Elend und das, was dort in den nächsten Wochen sicher alles geschehen wird. Stellt jetzt einen Augenblick eure Herzensfrage zurück und denkt daran, dann wißt ihr, wofür ihr dankbar zu sein habt. Hat es Gott nicht gut gemacht mit uns bisher, besser als wir es verdienten? Versündigen wir uns nicht, wenn wir fortfahren zu jammern über das, was vielleicht auch uns geschehen könnte? Und wie dankbar müssen wir nicht werden, wenn wir daran denken, wie wenig würdig wir dessen sind, daß es uns bis jetzt so viel besser geht als Millionen Anderen. Sind wir etwa besser als sie? Ich will es euch selbst überlassen, diesem Gedanken weiter nachzugehen. Tut es in der Stille. Fangt damit an, Gott dankbar zu sein, dann werdet ihr von selbst dazu kommen, ihm auch vertrauensvoller und gehorsamer zu begegnen, seinem mächtigen und heiligen Walten ohne Sorge mit dem festen Blick auf seine Kraft und Güte entgegenzusehen.

419 Und wenn er dann, was er gnädig verhüten wolle, wirkliches Elend und wirkliches Unglück auch über uns verhängen sollte, dann werden wir stark sein und siegen über Not und Tod. Wir wollen jetzt wachen und beten, ruhig und still werden in Gott, damit wir nicht fallen, wenn die Anfechtung da ist [vgl. Lk. 8,13]!

Amen.

Sachfußnoten

1
Refrain von Lied 3 (EKG 232): «Sollt’ ich meinem Gott nicht singen …» von P. Gerhardt (1607–1676). 🎵 ↩
2
Herkunft nicht nachweisbar.α↩