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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Philipper 4,6</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Philipper 4,6, 9. August 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5038 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 408–419.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Philipper 4,6</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 408-419</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 233</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Phil 4,6, 9. August 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1673">KBA 1211</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-08-09">9. August 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                        <idno>233</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-08-09">9. August 1914</date>
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          <argument>
            <ab>
              <hi rend="italic">Krieg zwischen <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8248">Österreich</orgName> — <orgName ref="kbga-actors-8732">Rußland</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8733">England</orgName>.</hi>
            </ab>
          </argument>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.6">Philipper 4,6</ref>
              <quote>Sorget nichts! sondern in allen Dingen lasset euer Bitten in Gebet und
                        Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.
                            </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        
          <salute><pb rend="noPipe" xml:id="p409" ed="pga"/>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>«Mit Menschen- und mit Engelzungen» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.1">1.Kor. 13,1</ref>] sollten wir Pfarrer in diesen schweren
               Zeiten zu euch reden können. Wir wissen ja, wie Viele jetzt ein Wort des Trostes, der
               Ermutigung, der Erhebung von uns erwarten.</p>
        <p>Wir erfahren jetzt alle wieder, wie das ist, was ein Prophet des Alten Testaments
               schreibt: «Es kommt die Zeit, daß ich einen Hunger und Durst ins Land schicken werde,
               das Wort des Herrn zu hören» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Am.8.11">Am. 8,11</ref>]. Wir fühlen, wie trostlos wir dran wären, wenn es nichts Höheres
               gäbe, an dem wir uns halten können. Wir freuen uns über jeden kleinen Sonnenstrahl
               von oben, der durch die dunklen Wolken bricht. Wir blicken sehnsuchtsvoll aus nach
               dem, der mehr weiß und mehr kann als unsereins. O wenn wir jetzt auch einen Propheten
               unter uns hätten, wie <persName ref="kbga-actors-8710">Jesaia</persName> und <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> sie ihrem Volk waren in solchen Zeiten,
               einen Propheten, der uns die Zeichen der Zeit zu deuten, der uns die rechte Stellung
               zu diesen Ereignissen zu zeigen wüßte mit göttlicher Vollmacht und Erleuchtung! Aber
               das ist vielleicht ein törichter Wunsch. Wir <hi rend="italic">haben</hi> ja das
               prophetische Wort, von dem es heißt, daß es scheine an einem dunklen Ort, bis der Tag
               anbreche und der Morgenstern aufgehe in unseren Herzen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.1.19">2.Petr. 1,19</ref>]. Wir <hi rend="italic">haben</hi> ja unsere Bibel. Es ist doch etwas Wunderbares um dieses alte Buch.
               Jahrelang haben wir vielleicht nicht so recht gewußt, was damit anfangen, haben mehr
               aus Pflichtgefühl als aus innerem Trieb von Zeit zu Zeit darin gelesen. Und nun auf
               einmal, sowie wir wieder einmal haben lernen müssen, aus der Tiefe zum Herrn zu rufen
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.130.1">Ps. 130,1</ref>], leuchten
               solche Worte hervor aus dem alten Buch wie die, die wir letzten Sonntag gehört haben:
               Wenn ihr hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so fürchtet euch nicht [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.7">Mk. 13,7</ref>]! … und: «Ich weiß
               wohl, was für Gedanken ich über euch habe, nämlich Gedanken des Friedens und nicht
               des Leides, auf daß ich euch gebe Zukunft und Hoffnung» [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.29.11">Jer. 29,11</ref>] — solche Worte voll Trost und
               Kraft, für uns so gut wie für die Menschen vor tausenden von Jahren, für die sie
               eigentlich bestimmt waren. Und wieviel solch leuchtender Worte
               <pb xml:id="p410" ed="pga"/>
                gibt es noch in der Bibel, einzig z. B. im Buch der Psalmen! Wie liest man da die
               Zeitungen so ganz anders in diesen verhängnisvollen Tagen, wenn man ein einziges
               solches Wort im Kopf und im Herzen hat, wenn es dann so durch alles Unerwartete und
               Schreckliche, was wir aus der Welt jetzt hören, so stark und rein hindurchtönt: Alles
               Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.<note xml:id="n01">
                            <bibl corresp="kbga-songs-20" type="song">Refrain von Lied 3 (EKG 232): «Sollt’ ich meinem Gott nicht singen …» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (1607–1676).</bibl>
                        </note> Und wie kann man sein eigenes persönliches
               Schicksal und Sorgen so ganz anders auffassen, wenn einem ein solches Bibelwort so
               recht lebendig geworden ist! Wir wollen es doch in diesen Zeiten recht lernen, nicht
               nur für diese Zeiten, sondern für immer, hinzugehen zu dieser Quelle und zu trinken.
               Sie steht ja uns allen offen. Und wir wollen uns, auch wenn wir hier in der Kirche
               zusammenkommen, mehr als je daran halten, daß wir ja dieses prophetische Wort haben,
               das uns ein für allemal als ein Licht und als eine Kraft gegeben ist. Dann werden wir
               den vollsten Trost und die kräftigste Ermutigung empfangen, auch wenn kein <persName ref="kbga-actors-8710">Jesaia</persName> und
               <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> persönlich unter uns tritt.</p>
        <p>Aber, meine Freunde, <hi rend="italic">nach oben</hi> müssen wir blicken, wenn wir von
               oben Trost und Ermutigung haben wollen. Es sehnt sich jetzt so manches Herz danach
               und bekommt es nicht, weil es zu Boden sieht und rückwärts statt vorwärts und
               aufwärts. Es greift jetzt auch so Manches zur Bibel und geht in die Kirche und findet
               doch Trost und Mut nicht, weil es sie nach seinen eigenen Gedanken und Wünschen
               suchte. Was suchen wir denn in diesen Stunden, was suchen wir, wenn wir unsere Bibel
               aufschlagen, wenn wir zu Freunden und Nachbarn gehen, um ihnen unser Herz
               auszuschütten? Nicht wahr, wenn du ganz aufrichtig bist, mußt du dir sagen: das, was
               ich begehre, das ist etwa ein Engel oder eine andere Botschaft, die mir vom lieben
               Gott die Nachricht brächte, daß mein Mann oder Bruder oder Freund sicher und gesund
               von den Grenzen wieder zurückkehren wird. Das wäre der rechte Trost, und damit wollte
               ich dann gern zufrieden sein! Und das <pb xml:id="p411" ed="pga"/>
                ist auch ein sehr begreiflicher und erlaubter Wunsch, den du da hast, und wir wollen
               von Herzen hoffen, daß er dir in Erfüllung gehe. Aber sieh, wenn es dir wirklich
               darum zu tun ist, Trost zu empfangen und Mut zu fassen, dann <hi rend="italic">darfst</hi>
               du [dich] jetzt nicht Tag und Nacht mit deinen Gedanken einzig um diesen Punkt
               drehen. Wenn du das ernstliche Verlangen hast, Licht und Kraft von Gott zu bekommen,
               dann <hi rend="italic">darfst</hi> du ihn jetzt nicht bloß bestürmen mit diesem deinem
               einen Wunsch. Das Leben <hi rend="italic">ist</hi> nun einmal nicht so, und unser
               Verhältnis zu Gott <hi rend="italic">ist</hi> nicht so, daß wir uns mit solchen Fragen an
               ihn herandrängen und Antwort von ihm fordern könnten. Wer davon nicht lassen kann,
               wer darüber hinaus nichts Höheres kennt, dem wird nie fester Boden unter die Füße
               kommen. Seht, wenn wir nun immer bloß die eine Frage hin- und herwälzen: Kommen sie
               wohl wieder?, dann kann man uns wohl menschlicherweise trösten. Ein solch
               menschlicher Trost war uns ja diese Woche die Erklärung <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschlands</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreichs</orgName>,
               daß die Neutralität unseres Vaterlandes in den bevorstehenden Kämpfen respektiert
               werden soll. Ein solcher menschlicher Trost mag uns auch die Wahrnehmung sein, daß
               das Gewitter sich vorläufig an anderen Stellen zu entladen scheint als gerade in
               unserer Nähe. Aber mit solcherlei menschlichem Trost, wie die Meisten von uns ihn
               jetzt so heftig begehren, kann es eines Tages plötzlich ein Ende nehmen. Wir haben
               das ja bereits am letzten Sonntag Abend erlebt, wo wir auf eine solche Meldung hin
               meinten, es sei nun alle Gefahr abgewendet, und uns beruhigt schlafen legten.</p>
        <p>Meine Freunde, wir können und wir wollen uns mit solcherlei Trost nicht zufrieden
               geben. Wir können und wir wollen für die vielleicht lange Gedulds- und Kummerzeit,
               die uns bevorsteht, uns nicht abhängig machen von dem, was heute dieser und morgen
               jener behauptet und räsonniert. Wenn wir uns doch das Wort geben wollten in dieser
               Stunde, daß wir von jetzt an <hi rend="italic">nicht</hi> mehr in erster Linie auf diesen
               menschlichen Trost, und wenn er noch so schön und wahr wäre, abstellen, daß wir auch
               Gott gegenüber <hi rend="italic">nicht</hi> mehr in erster Linie unsere menschlichen
               Fragen und Anliegen, und wenn sie noch so wichtig und dringend wären,
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                auf dem Herzen tragen wollten! Wir können und sollen ja Beides nicht unterdrücken:
               wir werden immer wieder liebevoll und angstvoll fragen: was wird aus ihm? und: was
               wird aus uns? und wir werden immer wieder begierig nach Allem greifen, was uns da
               irgendeine befriedigende Antwort darauf geben kann, das ist natürlich und recht so.
               Aber das sollten wir uns jetzt gegenseitig versprechen: Zurück mit dieser Art von
               Fragen und Antworten, zurück damit, denn wenn uns das in vorderster Linie steht, wenn
               wir jetzt immer daran herumgrübeln und studieren, dann werden wir ganz sicher aus der
               Unruhe und Mutlosigkeit, in der sich jetzt Viele befinden, nicht herauskommen, ja,
               dann wird es, je länger die Sache geht, umso weniger mit uns werden, und wenn wir
               dabei noch so viel beten und in der Bibel lesen würden. Denn unser Gebet ist dann gar
               kein wirkliches Gebet, und wenn wir Gott noch so eifrig bestürmen, und das Licht und
               die Kraft der Bibel wird uns verschlossen bleiben, und wenn wir stundenlang
               davorsäßen.</p>
        <p>Wer von Gott etwas haben will, der muß nach oben blicken, hinaus über unsere
               menschlichen Fragen und Antworten, so sehr sie uns am Herzen liegen mögen. Dann
               verstehen wir das wunderbare Apostelwort: <hi rend="italic">Sorget nichts!</hi>, das zu
               unseren Fragen, Zweifeln und Aufregungen so gar nicht paßt. Wer seinen Blick auf den
               Boden oder nach hinten richtet, wer nur danach begehrt, seine menschlichen Anliegen
               zu befriedigen, sich an irgendeinen menschlichen Trost anzuklammern, der kann ein
               solches Wort gar nicht verstehen. Wie kann man einem Menschen, der von Gott verlangt,
               daß er ihm sagen soll, was gerade <hi rend="italic">er</hi> wissen möchte, der von Gott
               verlangt, daß er tun sollte, was gerade <hi rend="italic">er</hi> gerne hätte, wie kann
               man einem solchen Menschen zumuten: Sorget nichts! Er hört das und hört doch gar
               nichts; es läuft an ihm herunter wie Wasser an einer Glasscheibe. Er denkt: natürlich
               muß ich mich jetzt sorgen, natürlich muß ich jetzt aufgeregt und unruhig sein, das
               lasse ich mir nicht nehmen; ich habe doch allen Grund dazu, und das Sorget nichts!
               überlasse ich denen, die nichts zu klagen haben. So denkt er, weil er Gott noch gar
               nicht kennt
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                oder vielleicht auch nicht mehr kennt. Jedenfalls steht ihm das, was Gott ist, nicht
               vor Augen, wohnt ihm nicht im Herzen, sonst könnte er nicht so denken. Er weiß nicht,
               daß Gott unser gütiger, liebevoller Vater ist, der ganz sicher Alles so lenkt, wie es
               uns gut ist. Er weiß aber auch nicht, daß der Wille dieses unseres Vaters dann auch
               absolut und unbedingt gelten muß ohne Zögern und ohne Widerrede und daß wir arme,
               unselige Geschöpfe sind von dem Augenblick an, wo wir etwas ohne oder gegen den
               Willen Gottes tun. Und er weiß nicht, daß auch in den schwersten Zeiten nicht das
               unsere Haupt- und Lebensfrage sein darf, daß Gott nach unserem Willen tue, sondern
               das, daß wir den Willen Gottes tun, daß wir uns seinen Absichten unterziehen, daß wir
               seine Gebote ausführen nach bestem Können. Wer das alles nicht weiß, der kann
               unmöglich verstehen, was das heißt: Sorget nichts! und noch weniger danach tun.</p>
        <p>Eine alte Hausiererin mit ihrer Last auf dem Rücken und einem Eichenstock in der Hand
               kam an einen Kreuzweg und wußte nicht, welche Richtung sie einschlagen sollte.
               Siebenmal warf sie den Stock in die Höhe, bis sie endlich fröhlich weiterwanderte.
               Ein Fußgänger, der hinterdrein kam, wunderte sich darüber und fragte die Frau, warum
               sie nun siebenmal den Stock in die Höhe geworfen habe. «Sehen Sie», war die Antwort —
               «wenn ich an einem Kreuzweg nicht weiß, welche Richtung ich gehen soll, dann frage
               ich darüber den Willen Gottes. Ich werfe meinen Stock in die Höhe, und je nachdem er
               fällt, gehe ich weiter. Diesmal nun mußte ich den Stock siebenmal werfen, bis er den
               Weg zeigte, den ich selbst habe gehen wollen.» — Den ich selbst habe gehen wollen!
                  <hi rend="italic">Mein</hi> Wille ist der Wille Gottes, oder der Wille Gottes soll sich
               eben nach meinem Willen richten.</p>
        <p>Liebe Freunde, denken nicht unzählige Menschen so, wie diese alte Frau es da in aller
               Unschuld und Offenheit aussprach? Denken nicht Unzählige so gerade jetzt, wo ein
               großer Kummer auf uns allen lastet? Wundern wir uns, wenn wir dann für die frohe
               Botschaft: Sorget nichts!, die auch für uns in unserer jetzigen Lage gilt, kein
               offenes Ohr und Herz haben? Wundern wir uns,
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                wenn wir nicht wissen, wie wirs machen sollen, um zu dem rechten Trost und rechten
               Mut, den wir jetzt haben sollten, zu kommen? Seht, solange wir so denken und auch so
               beten, solange sind wir ja mit Gott in heimlichem Streit und Widerspruch, und wenn
               wir ihn noch so inbrünstig anrufen, solange wird auch unser ganzes Leben, und in
               solchen Zeiten wie jetzt besonders, ein Zufallsspiel sein, noch viel törichter als
               das jener alten Frau, solange werden wir sicher nie in den Besitz jener inneren
               Gelassenheit und Zuversicht und Zielbewußtheit kommen, die uns so nötig sind. Und
               darum muß es für uns vor allen Dingen heißen: aufwärts die Blicke und aufwärts die
               Herzen! Und das ists denn auch, was uns das Apostelwort: Sorget nichts! im Grunde
               sagen will, wenn wir es richtig betrachten. Zu Gott hin!, denn ohne ihn und gegen ihn
               gibt es keinen Trost und keinen Mut. Zu Gott hin, zu ihm selber, zu dem, was er uns
               sagt und was er tut, statt immer bei dem zu bleiben, was wir von ihm wissen und haben
               möchten.</p>
        <p>Wer ist denn dieser Gott, zu dem wir hinblicken müssen, um frei und stark zu werden?
               Er ist die unendliche Macht, die über Allem und in Allem waltet. In ihm und durch ihn
               besteht Alles und wird Alles zusammengehalten, was da ist. Er gibt Allem sein Leben
               und seine Bewegung. Es gibt kein Stäublein, das ohne ihn wäre, und es war keine
               Sekunde und wird keine sein, in der er nicht waltete und regierte. Keine Naturkraft
               kann gegen ihn sein, und kein Menschenherz kann sich von ihm losmachen. Und nun ist
               das unser Heil und unsere Freude, daß wir uns seiner Macht überlassen, völlig
               überlassen. Dann sind wir gerettet, dann sind wir sicher und selig mitten im tiefsten
               Leid. Wenn wir ihm widerstreben, dann sind wir unselig, verloren, verdammt, in ewiger
               Unruhe und Unsicherheit und Abhängigkeit, und wenn wir im Besitz aller Freuden, alles
               Glückes wären. Es kann uns nicht schwerfallen, uns ihm zu überlassen. Seine Macht ist
               ja nicht die eines launischen Tyrannen, seine Macht ist seine Güte. Was er will, das
               ist heilig, gerecht und gut, auch wenn wir seine Ziele nicht immer sehen. Das
               tiefste, innerste Sehnen unseres Herzens,
               <pb xml:id="p415" ed="pga"/>
                das unverkennbare Mahnen unseres Gewissens sagt es uns, jedem von uns: übergib dich
               ihm, laß ab von deinem eigenen Weg, du gehörst ja zu ihm, und er meint es so gut mit
               dir. Du bist ja dazu bestimmt, deinen Willen seinem Willen unterzuordnen, du bist ja
               traurig und verworren und müde, solange du es nicht getan hast. Er ebnet dir ja so
               freundlich den Weg, er zeigt dir ja so deutlich, was du denken und sagen und tun
               sollst, wenn du nur auf ihn hören willst. Seht, so lernen wir Gott kennen, wenn wir
               einmal wirklich aufwärts blicken. So steht er vor uns, wie Jesus Christus ihn uns
               gezeigt hat. So ist Gott, Gott selber: unser heiliger Vater, der die ewige, Alles
               überwindende Macht hat.</p>
        <p>Und nun, was haben wir davon, für unser Leben, für unser Leben voll Sorge und banger
               Gedanken, wenn wir diesen Gott ansehen, wie er selber ist, wenn wir einmal aufhören,
               jeden Augenblick wieder dazwischenzufahren: ja aber <hi rend="italic">ich,</hi> gerade <hi rend="italic">ich</hi> möchte jetzt so gerne, wünsche mir, habe so nötig — wenn das
               Alles einmal schweigt in uns und an die zweite Stelle tritt, wo es hingehört — was
               haben wir davon? Seht, da haben wir dann davon, daß uns das freie, kühne Apostelwort:
               Sorget nichts! ganz etwas Natürliches und Selbstverständliches wird, so spanisch es
               uns auf den ersten Blick vorkommen mag. Was heißt denn das: Sorget nichts!? Natürlich
               sind doch unsere Sorgen und Kummer da, und sie werden uns in mancher einsamen Stunde
               das Herz erzittern machen, manche Träne uns erpressen. Aber wir wissen dann bei
               Allem, was kommt und kommen kann: Gott ist dahinter und er will doch nur das Gute,
               und er machts auch sicher gut. Was will ich mich denn da dreinmischen mit meiner
               Aufregung und Unruhe? Was will ich denn da tun, als ob mir oder meinen Lieben etwas
               Böses widerfahren könnte, das ist doch ganz unmöglich bei Gott? Was will ich mir denn
               meine Last selbst noch schwerer machen durch meine kurzen, kleinen Gedanken, durch
               Zappeln und Klagen, besser als Gott kann ichs doch wahrhaftig nicht machen, und so
               werde ichs nur schlechter machen mit meinem unnützen Tun? Gott macht ja Alles, und er
               macht Alles gut. Und ich habe nichts zu tun, gar nichts, als immer darauf
               <pb xml:id="p416" ed="pga"/>
                zu achten, daß ich mit dem Willen Gottes im Reinen bleibe, daß ich nirgends und in
               keinem Augenblick, weder in Gedanken oder in Worten noch sonst mich von ihm entferne,
               daß ich nur ihm nie mißtraue, daß ich nur ihm nie entgegenhandle. Immer über Alles
               die goldene, einfache, gewaltige Regel: dein Wille geschehe [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>]! </p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l xml:space="preserve">Das ist der Anfang aller Ruhe,</l>
                            <l xml:space="preserve">Das ist das Ende aller Pein,</l>
                            <l xml:space="preserve">Daß man den Willen Gottes tue,</l>
                            <l xml:space="preserve">Denn Ruhe ist in Gott allein.<note xml:id="n02">Herkunft nicht nachweisbar.<note type="digital" resp="ak" xml:id="nα" n="α"> <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>: Vorträge und kleinere Arbeiten 1914-1921, <ref type="pub-" target="../volume/48/p586#fn_n94">S. 586f., Anm. 94</ref></note></note></l>
                        </lg>
                    </q> <p>Ja, Ruhe ist in Gott allein. Ein Mensch, der das nicht weiß, ein Mensch, der in
               solcher Prüfungszeit nicht seinen einzigen Frieden sucht in der Macht und in der Güte
               Gottes, ein Mensch, der dabei beharrt, weiter zu tappen und zu stolpern mit unseren
               menschlichen Fragen und Antworten, der wird nie Trost und Mut finden. Wer aber einmal
               Gott ernstlich erkannt hat, der erfährt dann auch: in Gott ist die Ruhe. Der geht
               dann, wenn auch unter schweren Sorgen, wenn auch unter Tränen, sicher seinen Weg. Er
               weiß, daß er ein Ziel hat. Er ist frei von den Hindernissen und Trübsalen, die über
               ihn hereinbrechen, sie drücken ihn, aber sie erdrücken ihn nicht, er weiß: jenseits
               davon kommt etwas Anderes. Er ist frei vor allen Dingen von sich selber, frei von
               seinem Herzen, frei von seinen armen Nerven. Er muß nicht mehr der zitternde Knecht
               seiner eigenen Schwachheit sein, weil er Gottes Knecht geworden ist, und Gott ist ja
               die Kraft. Er kann warten, es pressiert ihm nicht mehr so furchtbar: wenn man nur
               dieses und jenes schon wüßte! Was geht uns das an: was wir nicht wissen, geht uns
               nichts an, Gott weiß es, und Gott wird es machen, und es wird richtig sein. Und er
               hat immer Hoffnung, eine viel größere Hoffnung als die, die wir ja jetzt alle haben,
               daß Alles glücklich vorübergehen und endigen möge. Diese Hoffnung könnte uns
               enttäuschen. Und ich muß euch auch sagen, daß es eigentlich 
               etwas <pb xml:id="p417" ed="pga"/> ganz Erbärmliches ist um diese Art zu hoffen: 
               o wenn es nur für uns Schweizer und
               besonders für mich gut endigt — während rings um uns her Millionen von Menschen
               Verlust um Verlust erleben werden. Nein, wer die Ruhe in Gott gefunden, der hofft auf
               Gottes Reich und Herrlichkeit, die in allen Leiden des Lebens, in allen Greueln der
               Welt schließlich sich offenbaren. Er freut sich, daß jeder freie Schritt vorwärts ein
               Schritt ist diesem Ziel entgegen. Das ist eine felsenfeste Hoffnung. Und keine
               kleinliche, selbstsüchtige Hoffnung. Eine Hoffnung, die nicht zu Schanden wird [vgl.
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">Röm. 5,5</ref>].</p>
        <p>Seht, <hi rend="italic">das</hi> haben wir davon, wenn wir nach oben blicken in dieser
               schweren Zeit, daß wir frei und stark und freudig dastehen können gegenüber Allem,
               was kommen mag. Das heißt: sorget nichts! Die ganze Welt von Leid und Sorgen, von
               Gegenwärtigem und Zukünftigem ist da, und sie drückt uns und tut uns weh, aber wir
               sind ruhig und sicher, weil wir darüber hinwegsehen, wir stehen nicht darunter,
               sondern darüber wie der mächtige heilige Gott selbst, obwohl wir nur schwache kleine
               Menschen sind. Wollen wir nicht lieber die Ruhe in Gott als die Unruhe in uns selbst,
               als die Sorge und Aufregung, die unser Los ist, wenn wir uns jetzt unserem eigenen
               eigenwilligen, selbstsüchtigen Sinn überlassen?</p>
        <p>Meine Freunde, wenn wir der Einladung des Apostels gefolgt sind: sorget nichts!, so
               wie er es eben gemeint hat, dann ist uns auch das Andere, was er sagt, ganz
               selbstverständlich: <hi rend="italic">sondern in allen Dingen lasset euer Bitten im Gebet
                  und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden</hi>. Das ists ja gerade, was wir
               beschrieben haben. Darauf kommts an, ob wir mit unseren Anliegen, den großen und den
               kleinen, bei uns selbst bleiben, immer wieder darum kreisen, darin wühlen mit unseren
               Bedenken und Zweifeln — das heißt Sorgen! — oder ob wir sie im Gebet und Flehen vor
               Gott — aber eben wirklich vor Gott, nicht vor einem selbstgemachten Götzen, sondern
               vor dem mächtigen heiligen Gott kund werden lassen.</p>
        <p>Mit <hi rend="italic">Danksagung</hi> — ich möchte jetzt nur noch dieses unterstreichen
               und betonen. Danken heißt anerkennen, wie Großes Gott schon <milestone xml:id="m27" unit="page"/>
               <pb xml:id="p418" ed="pga"/>
                für uns getan hat. Ich meine, damit müssen wir anfangen, wenn wir zu der Ruhe in
               Gott kommen wollen, in der wir allein Trost und Mut finden. Und ich finde, daß es
               Vielen von uns gerade an diesem Anfang, an der rechten Dankbarkeit Gott gegenüber
               fehlt. Es wäre sonst nicht so viel weichliche Verzagtheit und Unruhe unter uns in
               dieser Prüfungszeit. Ich möchte euch herzlich bitten, statt jetzt so viele Stunden
               mit Kummer und Sorgen zuzubringen, einmal gründlich darüber nachzudenken, wie viel
               uns in unserem freien, starken <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweizerland</orgName> gegeben ist, wieviel sicherer und
               zuversichtlicher wir für unsere Soldaten an der Grenze in die Zukunft blicken dürfen
               als unsere umliegenden Nachbarvölker alle. Ich möchte ganz besonders die vielen
               Frauen, die jetzt an ihren Mann in der Ferne denken und die nicht loskommen von der
               Frage: kommt er wohl wieder heim? — ich möchte sie bitten, sich einen Augenblick zu
               erinnern an die Millionen von Frauen, deren Männer jetzt im <placeName ref="kbga-places-199">Elsaß</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-167">Belgien</placeName>, in
               <placeName ref="kbga-places-286">Polen</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-961">Galizien</placeName>, an der <placeName ref="kbga-places-962">Donau</placeName> oder irgendwo auf dem hohen Meer dem blutigen
               Gefecht entgegengehen oder die vielleicht jetzt an diesem schönen Sonntagmorgen
               mitten drin stehen oder bereits auf fremder Erde für ihr Vaterland gefallen sind. Das
               ist wirkliches Elend und das, was dort in den nächsten Wochen sicher alles geschehen
               wird. Stellt jetzt einen Augenblick eure Herzensfrage zurück und denkt <hi rend="italic">daran</hi>, dann wißt ihr, wofür ihr dankbar zu sein habt. Hat es Gott nicht gut
               gemacht mit uns bisher, besser als wir es verdienten? Versündigen wir uns nicht, wenn
               wir fortfahren zu jammern über das, was vielleicht auch uns geschehen könnte? Und wie
               dankbar müssen wir nicht werden, wenn wir daran denken, wie wenig würdig wir dessen
               sind, daß es uns bis jetzt so viel besser geht als Millionen Anderen. Sind wir etwa
               besser als sie? Ich will es euch selbst überlassen, diesem Gedanken weiter
               nachzugehen. Tut es in der Stille. Fangt damit an, Gott dankbar zu sein, dann werdet
               ihr von selbst dazu kommen, ihm auch vertrauensvoller und gehorsamer zu begegnen,
               seinem mächtigen und heiligen Walten ohne Sorge mit dem festen Blick auf seine Kraft
               und Güte entgegenzusehen. </p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p419" ed="pga"/> Und wenn er dann, was er gnädig verhüten wolle, wirkliches Elend und wirkliches
               Unglück auch über uns verhängen sollte, dann werden wir stark sein und siegen über
               Not und Tod. Wir wollen <hi rend="italic">jetzt</hi> wachen und beten, ruhig und still
               werden in Gott, damit wir nicht fallen, wenn die Anfechtung da ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.8.13">Lk. 8,13</ref>]!</p>
      </div>
      <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
