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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 13,7</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 13,7, 2. August 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5037 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 395–408.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5037</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Markus 13,7</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 395-408</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 232</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 13,7, 2. August 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2230">KBA 1210.1</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt: Mk 13,7: "[Gebet]", 2. August 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2234">KBA 1210.2</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1914-08-02">2. August 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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        <head>
                        <idno>232</idno>
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          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> und <placeName ref="kbga-places-382">Ürkheim</placeName>,<note xml:id="n01">Vgl. Anm. 1 zu Predigt 231 vom <date when="1914-07-26">26. Juli 1914</date>, <ref type="pub" target="5036#fn_n01">S. 384</ref>.
            </note> Sonntag, den <date when="1914-08-02">2. August 1914</date><note xml:id="n02">Als Lieder, die in den Gottesdiensten gesungen wurden, sind auf dem
               Manuskript notiert: <bibl corresp="kbga-songs-50" type="song">Nr. 266 (EKG 294),
               Strophen 1–3: «Befiehl du deine Wege …» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>
                  (1607–1676)</bibl>;
                  <bibl corresp="kbga-songs-189" type="song">
                                Nr. 257, Strophe 1–3: «Ich bleib’ bei dir!» von <persName ref="kbga-actors-1385">
                                    <choice>
                                        <sic ed="pga">A. Morath</sic>
                                        <corr resp="ak" type="misprint">A. Moraht</corr>
                                    </choice>
                                </persName>(1805–1884)</bibl>;
                   <bibl corresp="kbga-songs-67" type="song"> Nr. 9 (EKG 233), Strophe 1,5,6: «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von <persName ref="kbga-actors-1404">J. J. Schütz</persName>
                  (1640–1690</bibl>);
                  <bibl corresp="kbga-songs-115" type="song"> Nr. 168 (EKG 219), Strophe 1,6,7,8: «O daß doch bald dein Feuer brennte …» von <persName ref="kbga-actors-1353">G. F. Fickert</persName>
                  (1758–1815</bibl>). Je zwei Liednummern sind untereinander geschrieben, die
               beiden Kolumnen durch einen senkrechten Strich getrennt. Das dürfte bedeuten, daß die
               beiden erstgenannten Lieder in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, die beiden anderen in <placeName ref="kbga-places-382">Uerkheim</placeName> gesungen
               wurden.</note>
         </dateline>
          <argument>
            <ab>
              <hi rend="italic">Krieg zwischen <orgName ref="kbga-actors-8248">Österreich</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-8731">Serbien</orgName>. Drohender Konflikt zwischen <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName>,
               <orgName ref="kbga-actors-8732">Rußland</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName>. Mobilisation der ganzen <orgName ref="kbga-actors-8712">schweizerischen Armee</orgName> zur Grenzbesetzung.</hi>
            </ab>
          </argument>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.7">Markus 13,7</ref>
              <quote>Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so fürchtet euch nicht.
               Denn es muß also geschehen; aber das Ende ist noch nicht da.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Wir haben gestern einen 1. August<note xml:id="n03">Schweizer
                  Nationalfeiertag.</note> erlebt wie noch gar nie. War es nicht an diesem Abend
          ohne all den gewohnten Freuden<pb xml:id="p396" ed="pga" break="no"/>lärm, nur mit dem ernsten Ruf der Glocken, als ob man etwas spüre von dem
               angehaltenen Atem unseres ganzen Volkes in all seinen tausend Städten und Dörfern,
               das sich anschickt, alle seine Kraft zusammenzunehmen, um nach dem Vorbild der Väter
               mit Gut und Blut einzustehen für seine Freiheit und Unabhängigkeit. Wir wissen nun,
               wie das ist: wenn ihr hören werdet von Krieg und Kriegsgeschrei!<note xml:id="n04">Diese Anfangssätze der Predigt ersetzen den folgenden ursprünglichen, von Barth
                  gestrichenen Anfang: «Wir haben in den vergangenen Wochen viel gehört von Krieg
                  und Kriegsgeschrei, und noch immer scheint es ja nicht ausgeschlossen, daß wir
                  noch ganz anders davon zu hören und zu sehen bekommen könnten.»</note> Wie es nun
               auch herauskommen mag, wir werden diese Tage der Spannung, der beständigen
               Beunruhigung, Beschwichtigung und neuen Beunruhigung nicht so bald wieder
               vergessen.</p>
        <p>Was für eine Zaubermacht liegt in diesem Wörtlein <hi rend="italic">Krieg!</hi> Wir alle
               haben ihn ja noch nie aus der Nähe erlebt; ein paar ganz alte Leute im Dorf erinnern
               sich noch an das, was ihre Eltern ihnen erzählten vom Durchzug der Franzosen durch
               diese Gegend im Jahr 1798,<note xml:id="n05">
                            <date when="1798">1798</date> wurde die alte <orgName ref="kbga-actors-8387">schweizerische Eidgenossenschaft</orgName> nach dem
                  Einmarsch französischer Truppen unter den Generalen <persName ref="kbga-actors-1345">Brune</persName> und <persName ref="kbga-actors-1400">Schauenburg</persName>
                  gewaltsam in die — von <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName> abhängige — «<orgName ref="kbga-actors-8722">Helvetische Republik</orgName>»
                  umgewandelt.</note> bei ein paar Namen von jungen Männern im alten Familienbuch
               liest man die Bemerkung «gefallen unter den 12000 Schweizern in <placeName ref="kbga-places-297">Rußland</placeName>». Und der
               Schatten des großen <persName ref="kbga-actors-292">Napoleon</persName> zeigt sich von weitem dem Geschlecht unserer Tage. Das
               war das letzte Mal, daß wir eigentlich große Kriegsnot im Lande gehabt haben. Was
               sich seither etwa ereignet hat, kann man nicht eigentlich so nennen. Und was <hi rend="italic">wir</hi> vom Krieg wissen, das wissen wir aus Büchern und Zeitungen,
               nicht aus eigener Erfahrung. Und doch erreicht uns das Wort mit einer ganz
               unvergleichlichen Gewalt. Haben wir vielleicht von unseren Vorfahren mit ihrem Blut
               das Grauen geerbt, das ihnen in den schweren Leiden längst vergangener Jahrhunderte
               und Jahrtausende zur anderen Natur geworden war? Oder ahnen wir unmittelbar etwas von
               der Fürch<pb xml:id="p397" ed="pga" break="no"/>terlichkeit der Tatsache, daß die ursprüngliche Wildheit des Menschen von der Kette
               losgelassen wird, daß der Mensch dem Menschen, das Volk dem Volke gegenüber steht als
               Feind gegen Feind, als Raubtier gegen Raubtier?</p>
        <p>Das ist sicher und das erleben wir jetzt wieder, daß uns vor dieser Tatsache, auch
               wenn sie nur aus der Ferne als eine Möglichkeit auftaucht, all <hi rend="italic">das
                  Andere</hi>, was uns sonst bewegt und erfüllt, <hi rend="italic">klein und
                  unbedeutend</hi> wird. Was ist unser Erwerben und Besitzen? Wenn es Krieg wird, so
               werden auch die sichersten Grundlagen unserer Existenz erschüttert und vielleicht
               vernichtet. Was sind unsere Zukunftspläne? Wenn es Krieg wird, müssen wir uns mehr
               als je darauf gefaßt machen, daß Alles ganz anders wird, als wir es jetzt voraussehen
               und berechnen. Was ist unser Lieben und Hassen? Im Krieg ist jedes Leben bedroht, die
               teuersten und die widerwärtigsten Menschen könnten auf einmal dahingerafft werden,
               und was soll dann unsere Zuneigung und Abneigung? Was sind wir selbst, mit unseren
               kleinen Wünschen und Liebhabereien, mit unseren Charaktereigentümlichkeiten und
               Gewohnheiten? Der Krieg kann unser Leben auf einmal in eine ganz andere Bahn werfen,
               vielleicht unser Glück zertrümmern, vielleicht uns ein Leid aufladen, das wir jetzt
               noch gar nicht ahnen, jedenfalls uns Erfahrungen beibringen und uns zu Gedanken
               zwingen, die auch dem Ältesten von uns ganz neu sein müssen und die vielleicht ganz
               andere Menschen aus uns machen. Kein Wunder, daß das Andere, so wichtig es uns sonst
               sein mag, schweigen und zurücktreten muß, je mehr die ungeheure Tatsache: Krieg in
               die Nähe zu rücken scheint.</p>
        <p>Und auch darin spüren wir etwas von der unvergleichlichen Gewalt des Krieges, wenn
               wir sehen, wie da <hi rend="italic">das Verborgene</hi> in den Menschen und Völkern auf
               einmal <hi rend="italic">offenbar</hi> wird wie sonst nur ganz selten. Es gibt so Vieles,
               was die Menschen und die Völker in gewöhnlichen Zeiten sorgfältig vor sich selbst und
               voreinander verstecken unter dem dichten Mantel von Civilisation und Kultur, wie man
               diese schönen Dinge nennt, auch wohl unter dem Mantel von Frömmigkeit und
               Christentum. In Kriegszeiten, da
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                zeigt sichs, daß dieser Mantel große Löcher hat, oder er fällt wohl gar überhaupt
               herunter. Da wird die Menschheit zur Ehrlichkeit gezwungen. Wieviel dumpfen,
               leidenschaftlichen Haß sehen wir jetzt auf einmal hervorlodern zwischen den Völkern,
               was für eine Mühe haben die verantwortlichen Führer der Staaten, die Tausende
               zurückzuhalten, die nur darauf brennen, zurückzukehren in den wilden, blutigen
               Urzustand der Menschen, Abrechnung zu halten nach jahrzehntelangem Ingrimm mit dem
               alten verhaßten Gegner! Wieviel Rauflust und Abenteuerlust hat da seit langem gekocht
               und gebrodelt in unzähligen Gehirnen und verlangt nun auf einmal, sich auszubrausen!
               Wie paßt das zu der fortgeschrittenen Menschheit von heutzutage?!</p>
        <p>Und auf der anderen Seite: wieviel jämmerliche, zitternde Furcht für das liebe Leben
               und besonders für das teure Geld bei hoch und niedrig! Ihr habt die Mahnungen in den
               Zeitungen gelesen, daß man jetzt nicht den Kopf verlieren und meinen solle, das Geld
               sei in der Kommode sicherer als auf den Sparkassen, und ihr wißt selber, wie nötig
               diese Mahnungen sind. Aber ist es nicht traurig, daß solche Mahnungen überhaupt nötig
               sind, daß es so Viele gibt, die nicht merken, daß sie mit solchem Tun zugleich eine
               Dummheit begehen (denn euer Geld ist auch in Kriegszeit auf der Sparkasse sicherer
               als bei euch zu Hause) und einen Vaterlandsverrat (denn die Banken haben gerade in
               solchen Zeiten das bare Geld nötig, wenn nicht alle Verhältnisse in Unordnung kommen
               sollen)? Wie paßt diese nervöse Unruhe und Fassungslosigkeit zu dem klugen
               haushälterischen Sinn, den man doch Menschen von heutzutage meinte zutrauen zu
               dürfen? So bringt der Krieg an den Tag, was verborgen ist.</p>
        <p>Nötiger als je haben wir es in solchen Tagen, wo eine solche neue, furchtbare
               Tatsache in unser Leben hineingestellt wird, wo soviel Ungutes und Schwaches, was in
               uns schlummerte, sich ans Licht drängen will, nötiger als je haben wir es da, zu
               fragen nach dem, was unserem Leben einen <hi rend="italic">festen Halt</hi> geben kann.
               Freilich, wer ihn nicht schon hat, der wird ihn mitten in solchen Zeiten des Sturmes
               schwerlich finden. Wer nicht aus den ruhigen
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                Tagen her, wo wir nachdenken und uns innerlich vertiefen konnten, einen Schatz an
               herzlichem Gottvertrauen und inbrünstiger Liebe mitgebracht hat, der wird jetzt kaum
               das Licht und die Kraft besitzen, schwierigen und ernsten Erlebnissen in der rechten
               Weise entgegenzugehen. Was der Mensch gesät hat, das muß er dann ernten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>]. Und es ist immer so
               gewesen, daß in solchen ernsten Zeiten mancher oberflächliche und schwache
               Christenglaube kläglich versagt hat und zusammengebrochen ist. Aber, meine Freunde,
               wir <hi rend="italic">haben</hi> doch einen solchen festen Halt und brauchen ihn nicht
               erst zu suchen, wenn wir ihn auch oft genug vergessen, nicht gebraucht und mißachtet
               haben. Wir brauchen bloß zu achten auf das, was uns gegeben ist, es zu ergreifen, uns
               darauf zu stützen. Hinuntersteigen aus der Oberfläche in die Tiefe, stark werden
               lassen, was schwach ist in uns, das ists, was wir alle tun müssen und tun können.
               Das, was uns gegeben ist, ist die Gegenwart und die Liebe des ewigen lebendigen
               Gottes, der Alles in seiner Hand hält und leitet nach seinem guten, heiligen Willen
               und der uns nahegetreten und offenbar geworden ist in Jesus Christus. Wer sich auf
               ihn stützt, der wird nicht versagen und nicht zusammenbrechen in dem Traurigen und
               Schrecklichen, dem wir vielleicht entgegengehen.</p>
        <p>Und nun laßt uns aus dem Munde Jesu hören, was <hi rend="italic">die Gedanken Gottes</hi>
               sind <hi rend="italic">vom Kriege</hi>, der uns in so unheimliche Nähe gerückt ist. <hi rend="italic">Wenn ihr hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei</hi>, sagt er uns,
                  <hi rend="italic">so fürchtet euch nicht. Denn es muß also geschehen; aber das Ende ist
                  noch nicht da</hi>. Nicht wahr, wir spüren alle, daß das etwas Höheres, etwas
               Überlegenes ist, was da in unsere Gedanken hineinkommt. Wir sind jetzt voll Unruhe
               über das allgemeine Unglück, das uns bedroht. Sorgenvoll eilen unsere Gedanken in die
               Zukunft. Viele von uns denken an ihre Lieben, die hinausziehen müssen, nicht mehr zu
               harmloser Waffenübung diesmal, sondern vielleicht zu blutigem Ernst. Anderen liegt am
               Herzen, wie es mit Handel und Wandel nun werden wird, von dem wir bisher gelebt
               haben. Andere denken an die teuren Zeiten, denen wir wahrscheinlich entgegengehen.
               Und wenn wir auch Ärgeres zu befürchten hätten,
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                wenn unser Land zum Kriegsschauplatz werden müßte wie damals 1798, mit all dem
               Schrecklichen, was das nach sich ziehen würde? Ist einmal der Krieg da, so sind wir
               vor gar nichts sicher. Und nun möchten wir Gott anrufen: Herr, erbarme dich unser und
               verschone uns! Laß den Stern deiner Güte ferner strahlen nieder auf unser liebes
                  <placeName ref="kbga-places-58">Schweizerland</placeName>!<note xml:id="n06">Anspielung auf den Schluß des <bibl type="song" corresp="kbga-songs-230">Vaterlandsliedes «O mein Heimatland» von <persName ref="kbga-actors-637">Gottfried Keller</persName> (1819–1890)</bibl>: <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Werf ich von mir einst dies Staubgewand,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Beten will ich dann zu Gott, dem Herrn:</l>
                                    <l xml:space="preserve">«Lasse strahlen deinen schönsten Stern</l>
                                    <l xml:space="preserve">Nieder auf mein irdisch Vaterland!»</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> Laß den Kelch an uns vorübergehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.39">Mt. 26,39</ref>]! Herr, gib uns Frieden gnädiglich!<note xml:id="n07">Vgl. die Antiphon <hi rend="italic">Da pacem Domine</hi>, verdeutscht von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (<date when="1531">1531</date>): <bibl corresp="kbga-songs-191" type="song">«Verleih uns Frieden gnädiglich …» (EKG 139)</bibl>.</note> Ja, so dürfen und so wollen wir bitten und flehen, solange wir noch können, und sicher hört uns Gott. Aber ob er uns erhört, ob er tut nach unserem
               Willen — das können wir nicht wissen, das steht ganz in seiner Hand. Er sagt uns
               nicht: ich will euch verschonen, es wird keinen Krieg geben, aber er sagt uns auf
               alle Fälle: «<hi rend="italic">Fürchtet euch nicht!</hi>»</p>
        <p>Meine Freunde, wir müssen verstehen lernen, daß das das Größte ist, was Gott uns da
               geben will, und daß wir vor Allem um dieses Größte, um die Furchtlosigkeit, bitten
               müssen in diesen Tagen. Gelassen warten können, von einer Stunde zur anderen treu und
               nüchtern unsere Pflicht tun, unnützes Sorgen und Jammern um Dinge, die noch in weiter
               Ferne liegen, mannhaft unterdrücken, das Übel aber, wenn es einmal da sein sollte,
               tapfer anpacken und überwinden, das ist Furchtlosigkeit, und das ists, was wir jetzt
               alle brauchen. Wir wünschen sie denen, die jetzt an die Grenzen ziehen müssen, um das
               Land vor einem feindlichen Einfall zu schützen. Möchten sie morgen alle ohne Zaudern
               und Zagen dem Rufe folgen, auch wenn es den Allermeisten schwer genug fallen mag!
               Möchte es sich jetzt zeigen, daß unser Patriotismus, der sich an so manchem
               fröhlicheren 1. August, an so manchem Schützen- und Turnerfest laut Luft gemacht hat,
               mehr
               <pb xml:id="p401" ed="pga"/>
                Wert ist als Raketengeknatter und leeres Geschrei! Fürchtet euch nicht, ihr dürft
               euch nicht fürchten, — wenn es soweit kommen sollte, so wird Alles abhängen von eurer
               Kaltblütigkeit, von der Ruhe und Sicherheit eures Pflichtgefühls. Furchtlosigkeit
               haben aber ebensosehr und vielleicht noch mehr wir anderen nötig, die wir nicht mit
               hinausziehen. Die Kraft und Widerstandsfähigkeit eines Volkes liegt auch im
               Kriegsfall nicht nur bei seinen Soldaten an der Grenze, sondern ebensosehr bei all
               den Männern und Frauen, den Alten und Jungen, die hinter den Soldaten stehen. Es mag
               uns schwer fallen, ruhig zu bleiben bei dem Gedanken an Alles, was geschehen und
               kommen kann, während wir von weitem zusehen müssen; manchen von uns mag der Gedanke
               naheliegen: o wenn ich doch auch dabei sein könnte, da, wo etwas getan wird! Aber da
               hilft nun nichts: wir haben andere Pflichten, wir haben unsere Pflichten. Es wird
               z. B. sehr viel davon abhängen, in welchem Geist und Sinn ihr Frauen morgen eure
               Männer ziehen lasset, ob in einem Geist der haltlosen Unruhe und Sorge oder im Geist
               der Zuversicht und des Glaubens. Sehr viel wird davon abhängen, was für Briefe ihr
               ihnen schreiben werdet, ob ihr sie irre machen werdet durch Klagen und Jammern, oder
               ob ihr ihnen den Rücken stärken werdet durch das Gefühl, daß ihr ruhig und sicher das
               Nötige euch zu tun bemüht auch ohne sie.</p>
        <p>Und wenn der Krieg vorbei ist, dann wird so oder so das Leben der Arbeit, das
               Familienleben wieder weitergehen müssen, und daß es dann möglichst gut und glücklich
               weitergeht, dafür tragen mehr oder weniger wir, die wir jetzt zurückbleiben, die
               Verantwortung. Schwere Tage der Arbeit stehen jetzt Vielen bevor; ungern läßt jetzt
               so mancher Vater und Sohn alles das im Stich, was zu tun wäre, und überläßt es den
               Seinigen. Fürchtet euch nicht!, heißt es auch da, laßt euch nicht in eine sinnlose
               Angst und Aufregung hineinhetzen wegen all dem, was erledigt sein sollte! Greift
               jeden Tag an, was nötig, und vollendet, was möglich ist, dann wird das Elend nicht so
               groß werden, als ihr jetzt denkt, dann werdet ihr vor Allem die Ausziehenden, die
               alle Sinne bei ihrer Sache haben müssen, ruhig und zuversichtlich <milestone xml:id="m26" unit="page"/>
               <pb xml:id="p402" ed="pga"/>
                machen. Ich denke auch an die wichtige Arbeit der Kindererziehung, die nun für
               einige Zeit euch Müttern allein obliegt. Verdoppelt eure Mühe und Aufmerksamkeit in
               dieser Richtung gerade jetzt, wo die kräftige Hand des Vaters euch nicht mehr helfen
               kann, damit uns ein reines, kräftiges, arbeitsames und wahrheitsmütiges Geschlecht
               nachwächst! Unsere Jugend ist unsere Zukunft, und sie ist jetzt in eure Hand gelegt.
               O wenn wir jetzt alle von dem starken Geist der Furchtlosigkeit durchströmt würden,
               wenn wir Alles von uns werfen wollten, was uns und Andere jetzt nur stören und
               hindern kann, wenn wir auf nichts schauen und an nichts denken wollten als daran: was
               ist jetzt meine Pflicht an meinem Posten, die ich zum Wohl der Meinigen und meines
               ganzen Volkes erfüllen muß, so gut ich kann!! — seht, das ists, was Gott von uns will
               in diesen Tagen, das ists, was er uns schenken will, wenn wir ihn darum bitten, und
               darum müssen wir ihn heute vor allem Anderen bitten. Haben wir dieses Eine, dann mag
               jetzt der Sturm losbrechen, den wir befürchten, er wird uns nicht zerbrechen, ja es
               wird ein Segen für uns verborgen sein in dieser schweren Zeit.</p>
        <p>Aber wie kommen wir zu diesem guten und starken Geist der Furchtlosigkeit, mit dem
               wir allein sicher durch diese Zeiten und Umstände hindurchkommen werden?
               Furchtlosigkeit will einen Grund und eine Hoffnung haben. Gott gibt uns auch diese,
               wenn [wir] hören wollen auf das, was er uns durch Jesus zu sagen hat. Jesus sagt: <hi rend="italic">es muß also geschehen</hi>. Das tönt auf das erste Anhören eher bitter
               und entmutigend. Sollte Jesus damit sagen wollen, der Krieg sei ein Übel, das eben
               hingenommen werden müsse? Es sei ein Schicksal, daß die Menschheit von Zeit zu Zeit
               sich gegenseitig zerfleischen und morden müsse, und da gelte es zu schweigen und zu
               dulden, es werde nicht anders sein können auf dieser Erde? Nein und tausendmal nein,
               so dürfen wir den Krieg nicht hinnehmen. Gerade jetzt, wo es wieder einmal Krieg
               werden soll in der Welt, wo der Krieg alle anderen Interessen und Gedanken zu
               verschlingen droht, gerade jetzt müssen wir alle, und zwar die, welche ausziehen, und
               die, welche zu Hause bleiben, ganz klar
               <pb xml:id="p403" ed="pga"/>
                davon durchdrungen sein: der Krieg ist unrecht, der Krieg ist Sünde, der Krieg ist
               keine Notwendigkeit, sondern er stammt nur aus dem Bösen der menschlichen Natur. Es
               wird auch jetzt wieder nicht fehlen an solchen, die so reden, als wäre der Krieg eine
               Naturerscheinung wie Sonne und Regen, unvermeidlich und unüberwindbar wie diese. Und
               auch an schwachmütigen Christen wird es nicht fehlen, die an keine andere Welt
               glauben mögen als an diese Welt des Krieges, die uns sagen, Frieden, ewigen Frieden
               gebe es nur im Grabe, nur in einem besseren Jenseits. Ihr mögt gerade in der Lage, in
               der wir uns jetzt befinden, selber entscheiden, ob euch diese Meinungen tröstlich und
               wahr vorkommen. Sollen wir wirklich das Kriegsunglück mit all seinen Folgen, das
               jetzt über uns hereinbrechen will, hinnehmen mit dem Gedanken: es wird immer so sein?
               Müssen wir uns wirklich denken, daß unser Menschenleben nun einmal gleichsam
               eingemauert ist in solche harten Naturnotwendigkeiten, über die es keinen Sieg und
               kein Entrinnen gibt? In was für einer erdrückenden, erstickenden Lage wären wir, wenn
               es sich wirklich so verhielte! Aber es verhält sich ganz anders. Wir dürfen und
               sollen von Gott viel, viel mehr erwarten als sie. Und wenn Jesus sagt: es muß also
               geschehen!, so steht er dabei himmelhoch über der Art, die nichts Anderes weiß als:
               es ist einmal so! Wir wollen hinaufsteigen auf seine Höhe, dann sehen wir, wie er mit
               seinem «es muß» uns Grund und Hoffnung gibt für die Furchtlosigkeit, die wir jetzt so
               nötig haben.</p>
        <p>Jesus lebte in der Welt des himmlischen <hi rend="italic">Vaters</hi>. Er wußte, daß der
               Vater <hi rend="italic">nicht grausam</hi> ist. Gott will nicht das Unrecht, das Leiden,
               das Elend, Gott will den Krieg nicht. Gott ist nur die Liebe, die Seligkeit, der
               Friede. Der Vater ist auch <hi rend="italic">nicht gleichgültig</hi>. Wir gehören zu ihm,
               er will uns nicht steckenlassen in der Nacht der Sünde und Schuld; er will nicht, daß
               wir uns gegenseitig das Leben verbittern; es tut ihm weh, wenn er sieht, wie die
               Menschheit sich selber Not bereitet; er will uns zu sich ziehen. Und der Vater ist
                  <hi rend="italic">nicht schwach</hi>. Er steht nicht neben oder über uns
               Menschenkindern und läßt uns unsere verworrenen unglücklichen
               <pb xml:id="p404" ed="pga"/>
                Wege gehen, sondern er leitet uns und unsere Schicksale. Er kann Alles so wenden,
               wie es seinem guten und heiligen Willen entspricht, und er tut es auch. Er ist der
               allein Mächtige und Starke, den es überhaupt gibt, und außer ihm gibt es keine
               Notwendigkeiten. In diesen Gedanken lebte Jesus, und er hatte sie nicht nur als
               Gedanken, sondern als Tatsache: der heilige, liebevolle, starke Gott war für ihn das
               Gewisseste des Gewissen, die Lebenstatsache, auf die er jeden Gedanken, jedes Wort,
               jede Handlung gründete. Er dachte, sagte, tat Alles aus der sicheren Voraussetzung:
               dieser Gott lebt. Daneben kam für ihn alles Andere gar nicht in Betracht. Das
               Schlechte und Wüste in der Welt, das Unrecht und das Leiden, die Sünde und der Tod,
               Krieg und Verfolgung und Verrat — das alles sah er wohl, und es tat ihm weh, es zu
               sehen, und er litt auch darunter, aber es konnte schließlich nicht gelten, nicht
               Bestand haben. Er sagte von nichts: das ist nun einmal so, weil er bei Allem Gott
               hinzudachte und weil er von Gott wußte, daß er größer ist als Alles. Er sah bei Allem
               die <hi rend="italic">Vollendung</hi> vor sich, die Gott mit der Welt und der Menschheit
               im Sinn hat. Auch das Kapitel, aus dem unser Text genommen ist, ist ganz voll von
               dieser Vollendungshoffnung. Es schildert, wie es durch Alles hindurch den Zielen der
               Liebe Gottes entgegengeht. Nichts kann schließlich bestehen von all den feindseligen
               widergöttlichen Gewalten in der Welt: Unglück, Hunger, Irrtum, Lüge und Verwüstung,
               alles Schändliche und Traurige ist nur eine Stufe. Darüber hinaus führt der sichere
               Weg Gottes, bis endlich des Menschen Sohn kommt in seiner Kraft und Herrlichkeit
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.26">Mk. 13,26</ref>], und das
               will sagen: bis endlich die erlösende Gewalt Jesu die Menschheit verwandelt hat, so
               daß sie nun wahrhaftig dem Bild Gottes ähnlich geworden ist.</p>
        <p>Meine Freunde, wenn wir uns von Jesus jetzt so recht reich können beschenken lassen
               mit etwas — auch nur<note xml:id="n08"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: nur auch.</note> etwas — von seinem
               Glauben an den heiligen, liebevollen, starken Gott und an die Vollendung, der Alles
               entgegengeht nach Gottes Willen, dann
               <pb xml:id="p405" ed="pga"/>
                sind wir in diesen schweren Zeiten furchtlos. Wir <hi rend="italic">sind</hi> es, wir
               brauchen es nicht erst zu werden. Es ist uns dann selbstverständlich, daß auch das
               Schwere und Traurige, was jetzt gegen uns daherkommt, nicht das Letzte, nicht das
               Ende sein kann. Wir sind frei, von vornherein über Alles, was jetzt kommt,
               hinwegzusehen auf jenes Größere, auf die Liebe Gottes, die Alles lenkt, auf die
               Vollendung, der Alles entgegentreibt. Das Unglück, das uns bedroht, mag uns dann wohl
               erschrecken und beunruhigen, aber es kann uns nicht zu Boden drücken. Es ist uns
               nichts Fremdes, nichts Entsetzliches mehr, wir wissen, was es ist und was es soll,
               auch wenn wir seinen Umfang und Ausgang jetzt noch gar nicht kennen. Es ist eine
               Stufe auf dem Wege Gottes. Eine schwere und steile Stufe, wir erfahren es jetzt, aber
               eine Stufe, die uns vorwärts, aufwärts bringen muß. Kann man da im Ernst Angst haben,
               kann man sich da in Nervosität und zitternde Unruhe versetzen lassen, wenn man das
               weiß: wir sind auf Gottes Weg, wenn man weiß, daß dieser Weg ein Ziel hat, wenn man
               weiß, daß der Krieg, auch <hi rend="italic">dieser</hi> Krieg, wie alles Schwere ein
               Schritt sein muß auf diesem Weg?</p>
        <p>Meine Freunde, ich sage euch nicht: wir wollen und sollen jetzt furchtlos und getrost
               sein. Das wäre ein ganz nutzloses Gerede. Wie kann mans denn, wenn das Herz so voll
               Unruhe ist? Aber das sage ich euch: wenn wir uns von Jesus in die Gemeinschaft mit
               Gott einführen lassen, in der er selber stand, wenn wir nur ein klein wenig in uns
               spüren von seiner Art, von seiner Liebe und seinem Vertrauen zum Vater, dann braucht
               es das gar nicht mehr: «wir sollen, wir wollen», wir sind dann furchtlos, weil wir
               mit ihm, mitten im Krieg, mitten unter Tränen und Abschiednehmen und Ratlosigkeit,
               wenn es sein muß, in der Welt des himmlischen Vaters sind, der die Liebe ist. Ja, wir
               können dann auch vom Krieg, von diesem schrecklichen Völkerkrieg, dessen Stürme jetzt
               von allen Seiten losbrechen wollen, sagen: wenn es sein muß, so <hi rend="italic">muß es
                  also geschehen</hi>, so wird es eine Notwendigkeit, aber eine göttliche, gute
               Notwendigkeit sein müssen, daß wir jetzt diese dunkle Bahn geführt werden.</p>

        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p406" ed="pga"/> Es ist ja etwas Merkwürdiges und im Grunde immer wieder Unbegreifliches, daß der Weg
               zur völligen Gottesherrschaft durch solche Übel, Sünden und Leiden hindurchgehen muß,
               daß solche steilen Stufen mit soviel bitterem Weh erstiegen werden müssen, bis dann
               der völlige Sieg des Menschensohnes eines Tages einfach da ist in Kraft und
               Herrlichkeit. Wer vermag in die Pläne Gottes hineinzusehen? Aber das sehen wir, wie
               tatsächlich noch immer auf große Übel und Schrecken ein Sieg Gottes gefolgt ist. So
               war es mit den Kriegen und Hungersnöten und Verfolgungen, die Jesus in unserem Text
               zunächst seinen Jüngern für ihre Lebenszeit angekündigt hat. Sie sind durch Alles
               hindurchgegangen, haben gelitten und getragen, und schließlich hat Gott doch
               triumphiert. So wird es uns auch gehen, wenn wir aus kindlichem gläubigem Herzen in
               dieses furchtlose, siegessichere: es muß also sein einstimmen, wenn wir uns durch
               das Alles hindurchführen lassen mit dem festen Blick auf den Gott, der das Ende in
               seiner Hand hält. Und auch das sehen wir, wie alle großen und kleinen Übel und Leiden
               und Ungerechtigkeiten in der Welt ihre Zeit gehabt haben: sie kamen, sie wuchsen, sie
               erhoben sich zu beängstigender Größe und Gewalt, sie lebten und wirkten sich aus, und
               dann, wenn sie auf ihrem Höhepunkt waren, fielen sie in sich selbst zusammen, sie
               wurden unmöglich, gerade weil sie so groß geworden waren. So war es mit manchem auf
               Lüge und Gewalt aufgebauten Weltreich, so war es mit der Sklaverei, mit dem
               Alkoholismus — Gott wartete und wartete — bei manchen solchen Übeln und Sünden wartet
               er heute noch — wie lange werden die Menschen brauchen, bis sie erwachen, bis aus der
               Not heraus die Kraft geboren wird, die die Not überwindet, bis sie lernen, ihre Augen
               und Gedanken und Hände zu brauchen, bis sie lernen zu beten, daß das Übel und die
               Sünde beseitigt wird? Diese Augenblicke des Höhepunktes und des Zusammenbruchs, des
               Aufraffens der leidenden, sündigen Menschheit sind noch immer gekommen. Wird nicht
               ein solcher Augenblick auch für das Übel und die Sünde des Krieges eines Tages
               einfach da sein, ein Augenblick, wo das Leid und das Unrecht des Krieges so groß
               geworden ist, daß es nicht mehr
               <pb xml:id="p407" ed="pga"/>
                weitergehen kann, daß die Augen der Menschen sich öffnen, daß sie sich zusammentun,
               nicht nur einzelne Wenige wie heutzutage, sondern zu Millionen, zu ganzen Völkern,
               und erklären: wir können nicht mehr und wir wollen nicht mehr, und dieser Krieg ist
               der letzte gewesen?</p>
        <p>Meine Freunde, wir blicken da in eine ferne Zukunft, die wir alle wohl nicht mehr
               erleben, aber wir stehen auf einem festen Boden. Wir haben die Erfahrung für uns und
               die sichere Verheißung Gottes, wenn wir so glauben. Und das gibt uns den Mut, auch
               von den jetzigen Ereignissen, wie sie sich auch gestalten mögen, zu denken und zu
               sagen: es muß also sein! Das Übel und die Sünde des Krieges muß reif werden, reif
               werden unter viel Not und Blut und Tränen, aber wenn es ganz reif geworden ist, dann
               ist Gott da, und das Übel und die Sünde sind überwunden. Wollen wir uns nicht freuen,
               wenn es wieder einen Schritt vorwärts geht, diesem Ziel entgegen? Wollen wir nicht
               denken, daß auch die Angst und Sorge, die wir jetzt durchmachen, zu den Zeichen der
               Zeit gehört, die die Zeit Gottes ist? Seht, dann haben wir den festen Halt, der uns
               jetzt so nötig ist, die, die hinausziehen an die Grenzen, und die, die zu Hause ihre
               Pflicht erfüllen, dann fürchten wir uns nicht und geben uns keinem kleinlichen,
               unruhigen Wesen hin trotz allem Ernst unserer Lage, dann können wir auf Gott warten,
               wie er auf uns wartet, bis es wieder hell wird am Himmel und wir zu ahnen vermögen,
               daß über dem allen der große Tag Gottes nähergerückt ist.</p>
        <p>Gott schenke uns allen reichlich, was uns jetzt das Nötigste ist, die Gemeinschaft
               seines Geistes, der ein Geist der Kraft und der Hoffnung ist.</p>
      </div>
      <div type="closer">
        <salute>Amen.</salute>
      </div>
      <div type="prayer">
        <p>Herr unser Gott, himmlischer Vater! In tiefer Bewegung heben wir unsere Augen auf zu
               dir, von welchem uns Hilfe kommt. Du weißt, wie unruhig jetzt unsere Herzen sind. Du
               weißt, wie erschrocken wir sind über das Unerwartete, das über uns hereingebrochen
               ist. Vater, wenn es sein kann, so erhalte uns den teuren
               <pb xml:id="p408" ed="pga"/>
                Frieden. Wehre du dem Haß der Völker und verhindere den Brand, der entstehen will.
               Nimm du unser liebes Vaterland in deine Obhut. Erhalte uns unsere Unabhängigkeit, für
               die unsere Väter in heißen Kämpfen gestritten. Sei du mit unseren Soldaten, mit all
               den Vätern, Ehegatten, Brüdern und Söhnen, die morgen hinausziehen sollen, einem
               unbekannten Los entgegen, und führe sie uns gesund wieder zurück. Du weißt ja, wie
               nötig wir sie haben. Sei du auch mit uns, die wir zurückbleiben. Bewahre uns vor
               Hunger, Not und aller Unordnung. Erhöre uns, wenn es dein heiliger Wille ist.</p>
        <p>Aber wenn es dein Wille ist, daß wir leiden sollen, wenn Krieg und Angst und Not uns
               bevorstehen, dann sagen wir aus ganzem Herzen: Herr, dein Wille geschehe! Hier sind
               wir, mach mit uns, wie es dir wohlgefällt! Gib uns nur das Eine, daß wir in
               Gemeinschaft bleiben mit dir, daß nichts uns das Vertrauen und die Liebe zu dir aus
               dem Herzen reißen möge, daß wir, je schwerere Tage kommen, umso inniger und williger
               uns dir übergeben. Und dann laß dein Reich, das Reich des Friedens, näher kommen
               mitten hindurch durch alles Leiden und alles Schwere, und laß uns jeden Augenblick
               uns dessen getrösten, daß das Ende aller Dinge in deiner Hand ist.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Unser Vater …</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
