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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 130,5-8</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 130,5-8, 19. Juli 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5035 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 372–383.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Psalm 130,5-8</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 230</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 130,5-8, 19. Juli 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1671">KBA 1208</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-07-19">19. Juli 1914</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-07-19">19. Juli 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.130.5 Ps.130.8">Psalm 130,5–8</ref>
              <quote>Ich harre des Herrn; meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.
                        Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache bis zur anderen.
                        Israel hoffe auf den Herrn; denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel
                        Erlösung bei ihm, und er wird Israel erlösen aus allen seinen
                        Sünden.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Von der <hi rend="italic">Geduld</hi> reden die schönen Psalmworte, die wir gehört haben.
               Ob wir es wohl nötig haben, uns das wieder einmal zu sagen: So seid nun <hi rend="italic">geduldig</hi>, liebe Brüder! [<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.5.7">Jak. 5,7</ref>]? Ach ja, das ist ja eins von den Dingen im Leben, von denen man
               nie genug weiß, von denen man nie sagen kann: Das habe ich schon, und davon brauch
               ich nichts mehr, eine von den Grundsäulen des Lebens, an denen wir immer wieder bauen
               müssen. Es gibt so viele ungeduldige Menschen in der Welt, so viele Menschen, die
               gerade das nicht können, wovon wir da lesen: auf den Herrn harren! Und solange sie
               dieses Eine nicht können, ist ihr Leben ungenügend, unerfreulich, fehlt es ihnen am
               Frieden und auch an der rechten Kraft, und wenn sie vielleicht sonst noch so eifrige,
               tüchtige, fromme Menschen wären. Bis sie dann eines Tages auch noch dieses Eine
               lernen, auf den Herrn zu harren. Ist nicht Manches auch unter uns, das sich gerade
               das müßte sagen lassen, wenn es einmal ganz fein stille auf Gottes Stimme hören
               wollte: Du hast sehr Vieles, du bist fleißig und treu und ehrlich und meinst es gut
               mit den Leuten, aber Eins fehlt dir, du weißt nicht, was geduldig sein heißt. Du hast
               es noch nie gewußt, du hast immer getan, als ob du gerade dieses Stück von der großen
               Kunst zu leben nicht brauchtest. Oder du hast es einmal gewußt, aber du hast es im
               Strudel des Lebens wieder vergessen und verlernt.</p>
        <p>Wozu brauchen wir denn Geduld? Weil die Welt und weil unser Leben voll ist von ganz
               gewaltigen und hartnäckigen <hi rend="italic">Schwierigkeiten</hi>, Widerständen und
               Hindernissen. Ja, wenn unser Leben einem Wasser gleichen würde, dem man einen schönen
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                schnurgeraden Kanal gegraben hat, in dem es nun nichts zu tun hat, als, seinem
               Schwergewicht folgend, geradeaus zu eilen! Ja, wenn unser Leben einfach ein für
               allemal eine fröhliche, gute und schöne Richtung nehmen würde, so daß wir nur immer
               nötig hätten, weiterzumachen, weiterzuleben, wie wir einmal angefangen! Ja, da
               brauchte es freilich keine Geduld. Und oft, oft denken wir uns das Leben so. Aber das
               wäre ja gar kein wirkliches Menschenleben. So <hi rend="italic">ist</hi> es einfach nicht,
               und wenn wir es noch so gerne so hätten. Sieh dir einmal den Lauf eines wirklichen
               Flusses an, den Lauf der Aare z. B.! Wieviel merkwürdige Umwege muß sie machen, wie
               hat sie sich ihren Weg suchen und an manchen Orten durch große Hindernisse hindurch
               selbst graben müssen in tausend- und tausendjähriger Arbeit, um endlich im Rhein und
               durch den Rhein im Meer ihr Wasser zur Ruhe zu bringen! <hi rend="italic">So</hi> geht es
               zu im wirklichen Leben. Das hat auch ein Ziel — ganz sicher, es hat ein Ziel —, und
               dieses Ziel heißt Freude und Liebe, Friede und Ruhe in Gott für dich und für alle
               Menschen, für das äußere und für das inwendige Leben. Und jeder Tag in unserem Leben
               muß uns diesem Ziel, dem Reiche Gottes näherbringen. Aber ein langer Weg ist bis
               dahin, und auf dem Wege hat es steile Berge und endlos lange Hügelzüge und
               unermeßliche Sand- und Steinwüsten und schaurige Abgründe. Arme Menschen sind wir,
               wenn wir das nicht ganz klar einsehen, daß es so ist und so sein muß, wenn wir
               meinen: jetzt, sofort oder doch sehr bald sollte das da sein, worauf ich hoffe, was
               ich von Gott zu erwarten habe, und wenn wir dann nicht lernen, etwas ruhiger, reifer
               zu denken über dieses «Jetzt» oder «Bald».</p>
        <p>Da ist eins, und das ist mit so großen gespannten Erwartungen an <hi rend="italic">Freude</hi> ins Leben hinausgezogen. Es dachte sich als jung<note xml:id="n01">=
                  als es jung war.</note> immer ein großes geheimnisvolles Glück, das einmal kommen
               müsse, eine über die Maßen hohe Seligkeit, die ihm ganz sicher beschieden sei. Hatte
               es Recht damit? O ja, es hatte Recht, das dürfen und das sollen wir vom Leben
               erwarten, daß es uns unermeßlich viel
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                Schönes bringen werde, und es ist ein ganz jammervolles Geschäft, das Manche meinen
               ausüben zu müssen, solche erwartungsvollen Menschen, Kinder z. B., im Voraus
               abzukühlen und abzuschrecken. Nein, es hatte Recht, sich zu freuen. Aber nun kam das
               Leben und brachte so Vieles, was ganz anders aussah als die Freude, die es sich
               vorgestellt hatte, brachte unerwartete Enttäuschungen, brachte endlos lange graue
               Reihen von Monaten und Tagen, die lauter Mühe und Arbeit waren, brachte Verdruß und
               Herzeleid, brachte so manches Wenn und Aber, das die Erfüllung auch der
               bescheidensten Wünsche unmöglich machte. Und nun? nun kam das arme Menschenkind in
               eine große Unruhe hinein, immer meinte es: aber das Schöne, Freudige muß nun doch
               einmal kommen, und wollte es aufsuchen und fing an, allem Möglichen nachzulaufen, was
               man so Freude zu nennen pflegt, war überall zu finden, wo Leute sich lustig machen,
               und immer mit dem Gedanken: das, das ist es nun, das große Glück des Lebens.
               Dabeisein, mitmachen, genießen, das ists, worauf es ankommt. Vielleicht ist es nicht
               in schwere äußerliche Sünde hineingeraten, aber jedenfalls in eine Unruhe, in eine
               Hetzerei nach Vergnügen, in der seine Seele zu Grunde gehen mußte. Es fand das Glück
               nie und war jedesmal, wenn die sogenannte Freude wieder einmal vorbei war, im Grunde
               nur um eine Enttäuschung reicher. Warum? weil es nicht geduldig war, weil es nicht
               warten konnte auf die große Seligkeit, die ganz sicher für uns alle bestimmt ist,
               weil es sich zerstreuen und verzetteln, hetzen und aufreiben ließ in der Sehnsucht
               nach dem, was das Leben ihm sicher gebracht hätte, wenn es sich nicht hätte
               erschrecken und aufregen lassen durch alles das, was zwischen ihm und seinem Ziel zu
               stehen schien.</p>
        <p>Da ist ein Anderer, der einen <hi rend="italic">guten Vorsatz</hi> gefaßt hatte, z. B. etwa
               den Vorsatz, absolut aufrichtig und ehrlich zu sein, oder den Vorsatz, gute
               Kameradschaft und Solidarität zu wahren mit den Mitarbeitern, oder den Vorsatz, eine
               schlechte und gefährliche Neigung, das Trinken etwa, aufzugeben. Und nun freute er
               sich über seinen guten Vorsatz und schritt tapfer und rüstig aus,
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                er war auf dem Weg zu dem göttlichen Ziel, ein tüchtiger, rechter, ehrenwerter
               Mensch zu werden. Aber nun kam der steile Berg oder die Sandwüste auch für ihn. Nun
               mußte er erfahren, wie stark doch die Macht des Bösen noch immer war in ihm. Nun
               merkte er, daß es auch äußerlich gar nicht immer so leicht ist, das Gute zu tun, das
               man tun möchte. Nun erfuhr er den Widerspruch und Widerstand der Anderen, die es sich
               eben gar nicht so gerne gefallen lassen, wenn einer auf einmal seinen eigenen Weg
               geht. Und er fehlt einmal, zweimal, dreimal gegen seine guten Vorsätze. Und dann gab
               ers plötzlich auf. Halt, ich merke schon, es geht nicht, ich kann es doch nicht
               durchführen, ich bin zu schwach! Die Freude am Vorwärtsgehen war weg, wie vom Winde
               weggetragen, und er ließ Alles sein, was er sich vorgenommen, und wurde wieder, was
               er vorher gewesen war. Er erreichte das göttliche Ziel seines Lebens nicht, weil er
               es nicht fassen und begreifen konnte oder wollte, daß der Weg zu diesem Ziel weit und
               mühselig ist. Er war so gut unterwegs, er wäre so sicher zu seinem Ziel gekommen, o,
               warum ließ er sich erschrecken und aufhalten?</p>
        <p>Und wieder ein Anderer kam nicht nur mit einem guten Vorsatz für sich selbst, sondern
               mit einer <hi rend="italic">guten Meinung</hi> für die Anderen, mit einem guten Gedanken,
               den er ihnen mitteilen, einer guten Bestrebung, für die er sie gewinnen wollte. Er
               war so ganz sicher, das Richtige zu haben, und es war auch vielleicht wirklich das
               Richtige. Aber nun glaubte er auch, das müsse nun sofort wirken und einschlagen und
               aufgenommen werden, es müßten es doch sofort Alle oder doch die Allermeisten merken,
               wie gut er es meine. Und das geschah nun nicht. Die Allerwenigsten merkten etwas und
               auch die nur halb und halb, die Allermeisten schüttelten die Köpfe, blieben so hart
               wie Glas und gingen ihrer Wege vorher wie nachher. Zäher klebriger Widerstand stellte
               sich seiner guten Meinung entgegen. Und nun? Nun hätte er warten, nun hätte er Geduld
               und Vertrauen haben müssen, statt dessen wurde er unruhig und böse. Nun fing er wegen
               seiner guten Meinung Streit an mit diesem und jenem. Nun geriet er auf allerlei
               Kleinlichkeiten und Künsteleien, um sich durchzusetzen und zu behaupten,
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                nun wurde er leidenschaftlich und aufgeregt, nun passierte ihm das Schlimmste, was
               einem in solchem Fall passieren kann: er verwechselte seine gute Sache mit sich
               selber und seinem Kopf und seinen Wünschen, er eiferte und handelte daher, wie ein
               Anderer ums Geld oder um sein Ansehen eifert und handelt, nun machte er selbst aus
               seiner guten Meinung eine enge kleine persönliche Partei- oder Sektensache. Und so
               ist auch er schließlich gestrandet. Er war auf dem Wege zum Reiche Gottes, er hätte
               etwas tun und erreichen können für das Reich Gottes, aber er hatte die Geduld nicht,
               er wußte nicht, daß der Weg dahin weit und beschwerlich ist und daß es so sein muß.
               Er konnte nicht warten, und damit verdarb er Alles, sich selbst und den Anderen, mit
               denen er es so gut meinte.</p>
        <p>Und da war wieder ein Anderes, das hatte eine große starke <hi rend="italic">Liebe</hi> in
               sich, es hatte so einen starken Trieb zu helfen, wohlzutun, Freude zu machen. Es gibt
               solche Menschen, deren Wesen man gar nicht besser beschreiben könnte als mit den
               Worten: sie möchten liebhaben. Sie möchten! Sie spüren so deutlich, daß die Liebe das
               Schönste und Beste ist im Leben, sie möchten so gern etwas davon ausströmen lassen
               und darin selig sein, so recht reichlich ihr Bestes von sich zu geben. Sie möchten!
               Und sie haben ganz recht, die Liebe <hi rend="italic">ist</hi> das Höchste in der Welt,
               und wehe dem, der einen solchen Menschen in seiner Gesinnung stört und betrübt! Aber
               Hindernisse sind da auf dem Weg, auch auf diesem guten Weg, das ist einmal nicht
               anders. Die meisten Menschen sind durchaus nicht entgegenkommend, durchaus nicht
               empfänglich und dankbar dafür, wenn man sie liebhat, wenigstens äußerlich nicht. Bei
               sehr Vielen von ihnen hat sich eine ganze Eiskruste von Trotz und Mißtrauen gebildet,
               vielleicht mit Recht, weil sie schon viele Enttäuschungen durchgemacht, vielleicht
               auch mit Unrecht. Aber jedenfalls braucht es viel starke und andauernde Sonnenwärme,
               um alle diese Eiskrusten aufzutauen. Wenn man nun da zurückgestoßen und dort
               mißverstanden und dort betrogen wird, ja, wer kann da die ganze ursprüngliche Liebe
               bewahren? Ist es da nicht schon den liebevollsten Herzen so gegangen, daß
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                sie endlich verzagten, daß sie anfingen, das Feuer ihrer Freundlichkeit und
               Teilnahme erlöschen zu lassen in dem feuchten Tod ihrer unerquicklichen Erfahrungen,
               daß sie ihre Liebe einschränkten und einschränkten, bald diese bald jene davon
               ausschlossen und am Ende eine enge kleine Familien- und Verwandtenliebe daraus werden
               ließen, die mit der echten großen Gottesliebe fast gar nichts mehr zu tun hat, weil
               das größte Menschenmißtrauen oder traurigster Menschenhaß ruhig daneben bestehen
               können. Was für ein bedauerlicher Vorgang, wenn die Liebe so abstirbt und sich gar in
               ihr Gegenteil verwandelt! Und doch kommt das gar nicht so selten vor. Viel Mißmut und
               Gram und Feindschaft in der Welt ist enttäuschte, verärgerte, erstorbene Liebe. Warum
               erstorben? Weil sie nicht die Geduld bei sich hatte, weil sie nicht warten konnte auf
               das Auftauen der Eiswände, weil sie meinte, das müsse sich sofort einstellen, sowie
               sie anfange mit ihren Sonnenstrahlen. Und so ist wieder ein Weg, der sicher zu dem
               herrlichen Gottesreich hätte führen müssen, traurig abgebrochen, abgebrochen
               eigentlich weniger wegen der Macht der Hindernisse, die sich einstellten, als weil
               die Erkenntnis fehlte, daß die Hindernisse sein müssen.</p>
        <p>Irgendwo haben wir es sicher alle schon erlebt, daß wir den Weg und damit auch das
               Ziel verloren, weil wir nicht die Geduld hatten, den Weg, der uns zum Ziele führen
               mußte, nun auch wirklich zu gehen. Irgendwo könnte man ganz gewiß von jedem von uns
               sagen, daß es ganz anders dastehen würde, innerlich aber vielleicht auch äußerlich,
               wenn es da und dort einmal hätte warten können, statt ungeduldig zu werden und in der
               Ungeduld stehen zu bleiben oder rückwärts zu gehen oder verkehrte Wege einzuschlagen.
               Vielleicht sind solche unter uns, die sich durch ihre Ungeduld ihr ganzes bisheriges
               Leben verpfuscht haben oder die im Begriffe stehen, es zu tun. Jetzt zeigt uns der
               Psalmsänger etwas Anderes: <hi rend="italic">Ich harre des Herrn</hi>, sagt er, <hi rend="italic">meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort, meine Seele wartet des
                  Herrn, von einer Morgenwache bis zur anderen</hi>. Ja, das ist etwas Anderes,
               etwas Anderes als das müde Zusammenbrechen auf dem guten Wege, etwas Anderes,
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                Höheres aber auch als das, was man so gewöhnlich «<hi rend="italic">Geduld</hi>»
               nennt.</p>
        <p>Ach, es ist oft so etwas Trostloses, Herzloses, einem Menschen zu sagen, er müsse
               eben Geduld haben, er solle sich nicht abschrecken und irre machen lassen durch die
               gewaltigen Lebensschwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellen. Er solle nur warten.
               Ja, worauf soll er denn warten? Man sage das einem schwer Kranken, für den alle
               Hoffnung vorbei ist, oder Einem, der mit seinen Mitmenschen so recht traurige
               Erfahrungen durchgemacht hat, oder Einem, der unter der Last seiner eigenen Fehler
               und Schwachheiten zusammengebrochen ist. Geduld? Ausharren? Ja, aber wenn das
               Hindernis so unüberwindlich groß ist, daß es einfach nicht geht? Wenn man aufschreien
               möchte: ich kann nicht mehr! Tönt es da nicht fast wie ein Spott: du mußt Geduld
               haben? Möchte man da nicht bitter antworten, wie der Dr. Faust in <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> berühmtem
               Gedicht: Fluch sei der Hoffnung, Fluch dem Glauben und Fluch vor allem der
                  Geduld!<note xml:id="n02">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, Vers
                        1605f.</bibl>
                        </note> Ist es nicht in gewissen Lebenslagen fast wie eine Erlösung, Alles gehen und
               fahren zu lassen, wie es will, auf alles Höhere, Bessere zu verzichten, das Warten
               aufzugeben und zornig und im Innersten müde auszubrechen: Ich kann nicht und ich will
               nicht! Ja, das ist freilich so: mit der gewöhnlichen sogenannten Geduld kommt man
               nicht weit. <hi rend="italic">Die</hi> Geduld, die man so leichthin in den Mund nimmt und
               von der man etwa sagt: Geduld bringt Rosen!, die muß fast notwendig vor allen
               ernsthaften Lebensschwierigkeiten zusammenbrechen. Und wenn sie Bestand zu haben
               scheint, dann ist sie oft mehr eine gewisse Stumpfheit, eine Art Schafssinn, der
               gerade innerlich lebendigen Menschen ganz unmöglich ist.</p>
        <p>Die echte, die <hi rend="italic">wirkliche Geduld</hi>, die Geduld, die zum Sieg führt,
               gibt es nur mit Gott. Und nur da hat es einen Sinn, die Ungeduld in sich zum
               Schweigen zu bringen, einen Sinn, zu warten, wo man auf den Herrn warten kann. Und
               was wir in erster Linie brauchen, das ist, daß wir diesen Gott kennen, der größer ist
               als Alles,
               <pb xml:id="p379" ed="pga"/>
                größer ist als die Widerwärtigkeiten auf unserem Weg, größer, unendlich viel größer
               als alle Menschen miteinander, größer vor Allem als wir selbst mit unserer kleinen
               Kraft, ihn, der der Herr ist über Alles, der nicht nur unserem Leben jene hohen Ziele
               gibt und uns die Sehnsucht ins Herz, daß wir nach ihm streben und verlangen müssen,
               solange wir leben — sondern der nun auch unser Leben in der Hand hält und Alles, was
               uns zustößt an Freud und Leid, der ganz genau weiß, welcher Weg für uns der richtige
               ist, und der uns ganz genau den Weg gehen läßt, der für uns der beste ist. Den Gott
               müssen wir kennen lernen, der es so gut mit uns meint, viel besser, als wir selber es
               mit uns meinen könnten, — den Gott, der so weise erkennt, wo gerade du vorbei mußt,
               um dein ganz besonderes Ziel zu erreichen, viel viel besser, als du es erkennen
               kannst, auch wenn du das nicht glaubst, — den Gott, der so stark ist, daß einfach gar
               nichts in der Welt ein wirkliches Hindernis seines guten freundlichen Willens werden
               könnte. Das ists, was wir brauchen, daß wir diesen Gott kennen lernen oder wieder
               kennen lernen, wenn er uns fremd geworden ist. Wenn wir ihn haben, dann haben wir
               auch die rechte Geduld, dann können wir auch warten. Aber zuerst müssen wir ihn
               haben. Der Psalmsänger legt allen Nachdruck darauf, und er hat recht, wir müssen auf
               ihn hören. Er sagt: Bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm, und er
               wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.</p>
        <p>Es ist merkwürdig, daß er da auf einmal von der Sünde redet, und daß wir davon frei
               werden sollen. Man erwartet das hier nicht, wo er von der Geduld, vom Warten auf den
               Herrn redet. Und doch gehört es zusammen. Wir betrachteten am letzten Sonntag den
               Anfang dieses Psalms und sahen dort, wie das zusammengehört: Aus der Tiefe rufe ich,
               Herr, zu dir! und: bei dir ist die Vergebung. Wir sahen, wie nur der frei wird aus
               den Tiefen des Lebens, der dazu gekommen ist, nach Vergebung seiner Sünde zu
               verlangen. So ists auch hier: Wir können nur dann Geduld haben, wir können nur dann
               getrost warten trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten, wenn wir erlöste Menschen
               sind, Menschen,
               <pb xml:id="p380" ed="pga"/>
                denen ihre Sünde vergeben ist. Denn das ist der tiefste Grund unserer Ungeduld,
               unseres Nichtwartenkönnens, durch das wir uns so viel verderben, daß wir mit Gott
               heimlich oder offen im Kriege leben, daß wir an irgend einem Punkt uns weigern,
               Gottes Willen zu unserem Willen werden zu lassen, daß wir irgendwie uns selbst, unser
               eigenes Ich lieber haben als Gott. Und diesen Zustand, den wir alle sehr wohl kennen,
               nennt die Bibel Sünde. Solange wir in der Sünde sind, können wir gar nicht Geduld
               haben, da ist Alles umsonst, da werden wir immer wieder zusammenbrechen und uns
               verirren, bevor, lange bevor wir unsere göttlichen Ziele erreicht haben.</p>
        <p>Aber bei Gott ist Erlösung und Vergebung der Sünde. Wir können Gott gar nicht
               kennenlernen, ohne Vergebung der Sünde zu empfangen. Der Dichter <persName ref="kbga-actors-1035">H. Heine</persName>, der ein
               bekannter Religionsspötter war, soll auf seinem Sterbebette gesagt haben: Gott wird
               mir vergeben, das ist ja sein Metier!<note xml:id="n03">«<foreign xml:lang="fre">Dieu me pardonnera, c’est
                  son métier</foreign>»; zitiert bei <bibl corresp="kbga-bibls-1551">
                                <persName ref="kbga-actors-8711">L. Marcuse</persName>, <hi rend="italic">Heinrich Heine in
                           Selbstzeugnissen und Bilddokumenten</hi>, Reinbek bei
                           Hamburg 1960, S. 155</bibl>.</note> Ein solches leichtfertiges Wort in solcher Stunde berührt uns 
               schrecklich, nicht wahr, aber es war vielleicht ernster gemeint, als es aussah, und
               jedenfalls war mehr Wahrheit darin, als der es sprach selber wußte. Ja, das ist
               Gottes Handwerk, zu vergeben, das ist sein innerstes Wesen, daß er immer wieder zu
               uns kommt, auch wenn wir uns noch so weit von ihm entfernt haben, daß er uns immer
               wieder die Hand reicht und uns zu sich zieht, auch wenn wir uns als seine ärgsten
               Feinde gezeigt haben, daß er uns lieb hat, auch wenn wir seiner nicht im Geringsten
               würdig sind. Gott ist die Gnade, die uns erlöst aus den traurigen Zuständen, in die
               wir uns durch eigene Schuld hineinbegeben haben, und die Vergebung, die uns frei
               macht von diesem alten Wesen zu einem Leben im Frieden mit seinen Geboten. O, wir
               wollen doch zu ihm gehen, der die Gnade und die Vergebung ist, wir wollen doch vor
               allen Dingen bei ihm abladen, was uns von ihm trennt, bevor wir seufzen über unsere
               Lebensschwierigkeiten. Wir wollen
               <pb xml:id="p381" ed="pga"/>
                uns von ihm frei machen, den Frieden des Gewissens uns schenken lassen, ohne den
               unsere Seele nicht leben kann. Gnade und Vergebung brauchen wir vor Allem, wir Müden,
               wir Enttäuschten, wir Verzagten, wir alle, die wir immer wieder auf dem Weg zum Ziel
               stecken bleiben und zusammenbrechen. Nicht so viel geklagt und gescholten über das
               Schicksal und über die Welt und über die Menschen, liebe Freunde, und dafür einmal
               gründlich eingekehrt bei uns selbst, nein, bei unserem Vater im Himmel, und bekannt
               und gebetet: Gott, sei mir Sünder gnädig [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.13">Lk. 18,13</ref>]! Ein Jedes von uns muß nun selber wissen, was
               es da besonders vor Gottes Thron niederlegen, was da besonders bei ihm anders werden
               muß. Wir wissen alle etwas. Aber Jedes von uns darf auch erwarten, daß Gott eine
               besondere Vergebung, eine besondere Kraft gerade für ihn bereit hat.</p>
        <p>Und wenn wir die empfangen haben, dann haben wir auch Geduld, nicht mehr die
               oberflächliche unnütze Geduld, von der man schwatzt und singt, und nicht die
               stumpfsinnige tote Geduld, sondern die große echte, die fruchtbare und siegreiche <hi rend="italic">Gottesgeduld</hi>. Jetzt wird uns das ganz natürlich und
               selbstverständlich, was der Psalmsänger beschreibt: <hi rend="italic">meine Seele harret,
                  und ich hoffe auf sein Wort</hi>. Und was heißt nun das: o, das heißt ganz
               einfach, daß wir zu ihm, mit dem wir nun Frieden haben, nun auch das rechte kindliche
               Vertrauen haben, er werde es wohlmachen. Es ist Alles in seiner Hand, und er meint es
               mit Allem gut mit mir! Das ist dieses Zutrauen. Und wenn man das hat, dann kann man
               warten. Warten, auch wenn der Lebensweg ins Gebirge und in die Wüste hineinführt,
               warten, auch wenn Alles um uns und in uns uns zuzurufen scheint: Unmöglich, du wirst
               dein Ziel nie erreichen! Warten heißt nicht stillestehen. Die große Gottesgeduld, die
               der Vater seinen erlösten Kindern schenkt, hat nichts zu schaffen mit Faulheit und
               Gleichgültigkeit. Die irren sich ganz gewaltig, die da meinen, auf den Herrn harren,
               das heiße, die Hände in den Schoß legen und andächtig und gemächlich warten, wie
               Alles komme. Das wäre eine bequeme Religion, und da machen sich Viele eine viel zu
               bequeme Religion. Nein, warten heißt vorwärtsgehen,
               <pb xml:id="p382" ed="pga"/>
                warten heißt treu sein und alle Aufgaben, die das Leben uns stellt, eifrig und
               gründlich in die Hand zu nehmen. Warten heißt Alles tun, was ein Mensch noch tun
               kann, um seinem Ziele nahe zu kommen. Aber vorwärtsgehen ohne Unruhe und Aufregung,
               ohne himmelhohes Jauchzen und Zutodebetrübtsein,<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1552">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Klärchens Lied</hi> in: <hi rend="italic">Egmont</hi>, 3. Aufzug</bibl>: … <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Himmelhoch jauchzend,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Zum Tode betrübt —</l>
                                    <l xml:space="preserve">Glücklich allein</l>
                                    <l xml:space="preserve">Ist die Seele, die liebt.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> ohne Gewaltsprünge und Seitenweglein. Ruhig und sicher und ununterbrochen
               vorwärts gehen, weil nichts, was kommen kann, etwas Fremdes ist, weil Alles sowieso
               von Gott kommt, sei es groß oder klein, gehe es lang oder kurz, das heißt auf den
               Herrn warten. Man könnte auch sagen, die Gottesgeduld, die uns geschenkt wird, sei
               ein großes <hi rend="italic">Reif</hi>werden, ein großes <hi rend="italic">Nüchtern</hi>werden.
               Ja, nicht daß wir damit irgend etwas von unseren großen heiligen Hoffnungen oder
               Erwartungen auf das Leben preisgeben, nicht das Geringste. Aber die Hoffnung wird
               fest und sicher, sie läßt sich nicht mehr erschrecken, wir getrauen uns, sie in Alles
               hineinzutragen, auch in die gewaltigsten, zähesten Schwierigkeiten hinein, überall
               aufzupflanzen mitten in der bösen Welt. Nicht matt wird die Hoffnung, indem wir reif
               und nüchtern werden. Im Gegenteil: jetzt lernen wir erst hoffen, so recht kraftvoll
               und freudig hoffen, indem wir warten lernen.</p>
        <p>Diese gottesgeduldige Hoffnung wird sich dann immer mehr nach allen Seiten <hi rend="italic">bewähren</hi>. Nicht immer auf die gleiche Weise. Sieh einmal zu, wie es
               die Ameisen machen, wenn sie ein Hindernis, etwa einen Bretterzaun, überwinden
               müssen, vielleicht machen sie einen großen Umweg, vielleicht klettern sie mühselig
               darüber hinweg, vielleicht suchen sie sich einen Weg, der unten hindurch führt. So
               wird es auch für uns manchmal heißen: Umwege einzuschlagen, manchmal: tapfer Meister
               zu werden über das Hindernis, und manchmal heißt es: gebückt, gebückt, und wir müssen
               <pb xml:id="p383" ed="pga"/>
                unten hindurch. Aber so oder so, immer wird das Ende ein Sieg, ein Fortschritt sein.
               Gottesgeduld werden wir haben gegenüber den Fügungen und Schicksalen unseres Lebens,
               so unbegreiflich sie sein mögen. Gott ist der Herr über sie, und es wird ganz gewiß
               eines Tages das Licht aus der dichtesten Finsternis hervorbrechen, wenn wir nur still
               und treu an seiner Hand bleiben. Gottesgeduld werden wir dann auch haben unseren
               Mitmenschen gegenüber, wenn sie uns so oft widerstehen und enttäuschen und Sorge
               bereiten. Es liegt ganz bei Gott, das Werk hinauszuführen, das uns bekümmert hat, wir
               haben nichts zu tun, als unsere Pflicht zu erfüllen und zu warten, der Erfolg kommt
               eines Tages ganz sicher, wenn auch vielleicht ganz anders, als wir meinten.
               Gottesgeduld, nicht schwächliche Menschengeduld! können wir dann auch haben mit uns
               selbst und unseren Schwächen und Fehlern. Solange wir mit Gott wahrhaftig und
               aufrichtig verbunden sind, kann uns kein Fehler, den wir begehen, von unserem Ziel
               trennen, muß uns auch unser Fallen zum Heil dienen. Gott will uns wirklich auch die
               Sorge um uns selbst abnehmen, wenn er uns einmal vergeben hat.</p>
        <p>So bewährt sich die reifgewordene, die nüchterne Hoffnung in unserem Leben. Sie läßt
               uns unserem göttlichen Ziele entgegengehen mit gewissen, sicheren, unaufhaltsamen
               Schritten. Wollen wir nicht auch solche reifen, nüchternen Hoffnungsmenschen werden?
               O, dann hin zu ihm selber, der allein uns dazu machen kann. Hin zu der ewigen Liebe,
               die nur darauf wartet, wie lange wir noch auf einsamen eigenen Wegen müde werden und
               in die Irre gehen wollen. Hin zu der Gnade Gottes, die Frieden stiften will zwischen
               ihm und uns, der uns mit seinem Frieden auch seine Kraft schenken will zu einem
               wahrhaftigen Leben.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
      <div>
        <p>Geschrieben im <placeName ref="kbga-places-959">Gyrhölzli</placeName><note xml:id="n05">Vgl. Anm. 4 zu Predigt 229 vom <date when="1914-07-12">12. Juli 1914</date>, <ref type="pub" target="5034#fn_n04">S. 371</ref>.
               </note> 18. VII.</p>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
