5. Juli 1914

Predigt: Hebräer 10,31 und Psalm 16,11

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Hebräer 10,31
Schrecklich ists, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!
Psalm 16,11
Schrecklich ists, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!
Vor dir ist Freude die Fülle und lieblich Wesen zu deiner Rechten ewiglich!
Liebe Freunde!

Was für merkwürdige Bibelsprüche, wenn man sie so nebeneinanderstellt und hintereinander liest! Schrecklich sei es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen, sagt uns der eine, und der andere sagt uns von demselben Gott, es sei Freude die Fülle und lieblich Wesen zu seiner Rechten ewiglich. Schrecken und Freude — das paßt schlecht zusammen. Manchmal lassen sich solche Widersprüche in der Bibel einfach auflösen dadurch, daß man darauf achtet, wie das neue Testament freundlich die Härte und Unbegreiflichkeit des alten beseitigt: Jesus Christus, die Erfüllung und Verklärung des alten Bundes. Aber so einfach steht es hier nicht: das freundliche Wort steht diesmal im alten und das harte Wort im neuen Testament. Wir können also nicht etwa damit auskommen, daß wir sagen: Das harte Wort gilt für uns nicht mehr. Nein, dieses Wort hat ein Mann geschrieben, der den Gott der Liebe kannte, den Jesus uns verkündigte.

Fasse es, wer da kann, aber es gelten beide Worte und beide Wahrheiten. Es ist ein Schrecken, in die Hände Gottes zu fallen, und doch ist da wahrhaftig die Freude und der Frieden. Es gibt Menschen, und wir alle gehören zu Zeiten zu diesen Menschen, die verstehen nur das Eine oder das Andere. Entweder wir kennen nur den schrecklichen Gott. Als junge Menschen z. B. merken wir, daß es eine ernste Sache ist um das Gewissen und um die Verantwortlichkeit, daß Gott strengen Gehorsam von uns fordert, daß ein unbestimmtes, aber schweres Unglück auf uns wartet, |350 wenn wir ihm nicht Gehorsam leisten. Bei manchen jungen Leuten hat das, was sie in der Schule und im Unterricht von Gott hören, hauptsächlich den Erfolg, daß sie vor Gott Angst haben wie vor einem gewaltigen Meister. Aber auch als Erwachsene sind wir oft ganz in der gleichen Lage, sehen Gott nur von dieser Seite an: Wir spüren, wie entsetzlich schwer es ist, Gott Genüge zu leisten, das Bewußtsein unserer grenzenlosen Schuld ergreift uns und drückt uns nieder: wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten [vgl. Röm. 3,23]! Wir sehen die Not und die Sünde unseres Lebens und des Lebens anderer Menschen und fühlen uns so verzweifelt hilflos dem gegenüber. Wir erzittern bei dem Gedanken, daß Gott so heilig und gut und selig ist und wir und die Welt so ganz, ganz anders. Und wenn man uns nun von der Freude in Gott redet, wenn wir z. B. in der Predigt hören von dem hellen, strahlenden Licht, das in unsere Welt gekommen ist und das in Alles hineinkommen muß, vom Sieg und vom Jubel und vom Frieden eines Gotteskindes, wenn wir unsere Lieder singen: Sollt’ ich meinem Gott nicht singen, sollt’ ich ihm nicht fröhlich sein … Geh aus mein Herz und suche Freud’ in dieser lieben Sommerszeit … Fröhlich soll mein Herze springen …,1 dann verstehen wir das einfach nicht. Wir hören es wohl, aber wie etwas, was weit weg, was für uns nicht wahr ist. Freuet euch in dem Herrn allewege [Phil. 4,4] — lesen wir in der Bibel, ja, aber Gott ist doch so ernst und streng und macht uns das Leben so schwer. Wir wissen nichts Anderes, als daß es einem beim Gedanken an Gott dunkel zu Mut sein müsse. Wir wollen auch nichts Anderes wissen, und es fällt uns schwer, andere Menschen in anderer Stimmung zu sehen. Eine halbe Gotteserkenntnis ist das. Und mit einer halben Gotteserkenntnis sind wir immer in der Gottesferne. Wir sind wohl unruhig, aber es entsteht kein Leben daraus. Wir eifern wohl, aber |351 es ist eine unruhig flackernde Flamme, kein stilles ruhiges Feuer. Es bohrt wohl und nagt in unserem Gewissen, aber wir finden keinen sicheren Grund, auf dem wir stehen und bauen könnten. Wir können den Anderen wohl ernste strenge Gesichter machen und Worte geben, aber wir können sie nur beunruhigen, nicht sie auf den Weg des Friedens leiten. Gott ist uns nahe und doch unendlich fern, wir hören sein Wort, aber er ist uns keine Kraft, wir wissen, wer er ist, aber wir haben ihn nicht. Er ist nicht unser Leben, und unser Leben ist nicht sein Dienst.

Aber vielleicht gehören wir zu den Anderen, die Gott nur von der freudigen schönen Seite kennen. Die meisten Kinder lernen ihn zum Glück vor Allem von dieser Seite kennen. Gott ist der, der Alles gut macht. Er läßt die Sonne scheinen und das Gras wachsen. Er wird schon helfen, wenn es bös geht, und er macht uns immer wieder viel Freude, an der Weihnacht und das ganze Jahr hindurch. Viele bleiben nur Kinder, auch wenn sie erwachsen sind, oder sie werden es doch immer wieder, auch wenn sie zwischendurch andere Erfahrungen machen. Gott muß uns fröhlich machen, uns das Herz erheben mitten in der Langeweile und in der Not des Lebens. Gott leitet uns nach seinem Rat und nimmt uns endlich mit Ehren an. Wenn wir nur ihn haben, fragen wir nichts nach Himmel und Erde [vgl. Ps. 73,24f.]. Daran denken wir, wenn wir an Gott denken, wenn wir Lieder singen zu seiner Ehre, dazu gehen wir in die Kirche und in die Versammlung: etwas Schönes, Frohes wollen wir hören und erleben. Und jetzt geht es uns wieder so, daß wir das Andere nicht verstehen, nichts davon wissen wollen, das Andere, daß Gott ein schrecklicher Gott ist. Wir denken nicht gern daran und wir wollen lieber nichts davon hören, daß wir eine ernste, große Verantwortlichkeit und Aufgabe haben in diesem Leben, daß wir bitter kämpfen müssen, daß eine schwere Schuld auf uns lastet, die mit einem noch so schönen und frommen Gebet oder Lied nicht abgewälzt ist, daß es Not gibt und Unrecht in der Welt. Wir denken: das mag wahr sein, aber es ist nichts «Schönes», darum nichts für mich. Ja, was ist denn nun das, wenn wir bloß das Heitere, Wohltuende sehen wollen an Gott |352 und dem Harten, Scharfen, Ernsten und Strengen so aus dem Weg gehen? Seht, das ist wieder eine halbe Gotteserkenntnis. Und mit einer halben Gotteserkenntnis sind und bleiben wir Gott ferne. Wir freuen uns wohl unseres Gottes, aber wieder entsteht kein göttliches Leben daraus. Wir reden viel von ihm, laufen für ihn, singen für ihn, aber wir haben nichts, was uns eigentlich Halt gibt. Wir haben wohl ein getröstetes und beruhigtes Gewissen, aber nur zu sehr: unseren Gedanken und Handlungen fehlen die deutlichen Wegweiser und das sichere Ziel. Wir lächeln wohl und sind zufrieden und sagen Anderen, daß wir es sind, aber es geht nicht wahrhaft Segen und Befreiung von uns aus, wir sind glücklich oder meinen es zu sein, aber wir machen niemand glücklich. Wir meinen Gott zu haben, aber sein Geist und seine Kraft sind uns ferne. Unser Leben sieht einem guten göttlichen Leben täuschend ähnlich, aber es ist es nicht.

So geht es uns, wenn wir Gott bloß von der einen Seite aus ansehen, nur von der strengen oder nur von der freundlichen Seite aus. Da wird dann auch unser Leben einseitig und damit schwach, wertlos, entweder finster, traurig, hoffnungslos oder kindisch und oberflächlich. Etwas Fehlerhaftes kommt in unsere ganze Entwicklung hinein, je länger wir dabei bleiben, je älter wir damit werden. Der Fehler liegt daran, daß unser Zustand ein unreifer ist. Unser Verhältnis zu Gott muß ein reifes werden, wir müssen die Beschränktheit und die Scheu ablegen und alle Erfahrungen mit ihm machen, die man bei ihm machen kann, auch wenn sie uns zuerst fremdartig zu sein scheinen. Wir müssen uns von einer Seite der Erkenntnis Gottes zur anderen leiten lassen, damit er uns gegenwärtig sein kann nicht nur halb, nicht nur von ferne, sondern in seinem ganzen Reichtum. Wir Menschen sind nun einmal so: der eine mehr schwermütig, der andere mehr leichtblütig, der eine mehr bitter und hart, der andere mehr oberflächlich und heiter, aber wir dürfen uns Gott nicht machen nach unserem Bilde. Wir müssen verstehen lernen: in Gott ist das eins, was bei uns getrennt ist: er ist schrecklich und er ist freundlich. Wollen wir Menschen Gottes sein in der Zeit und in der Ewig|353keit, dann müssen wir Gott ganz gelten lassen, ganz, nicht nur so, wie es unserem Charakter entspricht, nicht nur so, wie wir ihn gerne hätten. Ein Gott, der nur unser Spiegelbild ist, könnte uns nicht selig machen. Wir müssen auch das annehmen in Gott, was uns fremd ist. Dann wird unsere Erfahrung mit ihm lebendig und fruchtbar, dann wird sie reif. Ich denke jetzt an Jesus, der eine solche reife Gotteserkenntnis hatte, der Gott kannte von den beiden Seiten, die durch unsere zwei Sprüche beschrieben sind. Das hat ihn so unvergleichlich stark und groß gemacht. Durch diese reife Gotteserfahrung konnte er Gottes Sohn sein. Wir können nun nicht einfach den Entschluß fassen: ich will auch so reif werden, ich will Gott auch ganz kennenlernen, und uns so Jesus an die Seite stellen. So etwas kann man nicht beschließen und machen, dazu muß man geführt werden. Wohl aber können wir den Entschluß fassen, uns vielleicht etwas williger führen zu lassen in unserem Leben, wenn Gott uns zeigen will: sieh, ich bin noch mehr, als du bis jetzt meintest. Dann nicht die Augen und Ohren zu verschließen, sondern aufzumerken auf das, was Gott uns zeigen will. Das können wir uns vornehmen. Und wie Gott uns das von Schritt zu Schritt zeigen kann, davon wollen wir noch Einiges hören.

Die Meisten von uns haben wohl Gott vor Allem dann erlebt, wenn ihnen etwas Gutes widerfuhr. Wahrscheinlich in jungen Jahren schon: bei den schönen Geschichten und Liedern der Sonntagsschule, bei den Lichtern des Weihnachtsbaumes, bei einer schönen freudigen Überraschung, bei einer gnädigen Bewahrung oder Errettung unserer Gesundheit oder unseres Lebens, da sagte man uns: das ist der liebe Gott, und wir glaubten es. Und das ist auch wahr: das war der liebe Gott und das ist er, jedesmal wenn uns etwas Gutes geschieht. Wenn wir gesund werden, wenn wir vorwärtskommen, wenn wir etwas erreichen oder einem Unglück entgehen, da sind wir gern bereit und sollen auch gern bereit sein zu denken, wie gut ist Gott. Bei dir ist Freude die Fülle und lieblich Wesen zu deiner Rechten! Wir erwarten von Gott, daß er die nimmer versiegende Quelle, der unermüdliche Schenker alles |354 Guten sei. Und er ist es auch. Aber nun müssen wir uns auch weiterführen lassen: Was heißt denn das: etwas Gutes? Wahrhaftig nicht nur das, was uns angenehm und erfreulich ist. Auch durch Kreuz und Not, durch Krankheit und Verlassenheit, durch Unglück und Tod tut Gott uns Gutes. Ja, Gott ist auch in allen diesen Sachen. Da erfahren wir es auf einmal: es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Da sollen wir Gott auf einmal nicht mehr unter Lächeln und mit zufriedenem Gesicht erleben, sondern mitten unter Tränen, in Angst und Verzweiflung. Und das soll der gleiche Gott sein! Wie schwer wird es uns, das zu glauben. Wir meinen jetzt nur, Gott sollte uns schleunigst wieder erlösen von allem Bitteren, das über uns gekommen. Da lernen wir wieder beten in solchen Stunden. Aber was beten wir? Der Gott der Freude und des Friedens und des lieblichen Wesens möchte uns zurückkehren. Und nun kommt er nicht. Die Not und das Kreuz bleiben, der schwere Druck wird nicht von uns genommen. Sieh, nun entscheidet sichs: Werden wir nun hindurchdringen zu der Erkenntnis: es ist doch derselbe Gott, der mir nur Gutes tut; — dieser Schreckliche, der mir jetzt so weh tut, er ist der Gleiche, dem ich in guten Stunden dankbar war, dem ich als klein2 so fröhlich singen konnte: «Gott ist die Liebe, er liebt auch mich!»3 Er ist doch derselbe, ich glaube es, auch wenn ich es nicht begreifen kann! Werden wir hindurchdringen? Dann dringen wir hindurch zur vollen, zur reifen Gotteserfahrung, wie Jesus sie hatte, das war ja sein Kampf und sein Sieg in Gethsemane [vgl. Mt. 26,36–46]. Oder werden wir zurückbleiben: nein, das Schreckliche, was ich jetzt erlebe, das kann ich nicht verstehen, das kann nicht Gott sein. Gott ist nur in der Freude, |355 im Heiteren und Schönen, und wenn das nicht zurückkommt, wenn nicht Alles, Alles wieder gut wird, dann kann ich nicht mehr an Gott glauben. Arme Menschen sind wir, wenn wir so zurückbleiben. Wie Viele sind so in der Not von Gott losgekommen! Sie konnten es nicht fassen, daß es manchmal auch schrecklich ist, in Gottes Hand zu sein, von ihm erzogen und bearbeitet zu werden. Sie blicken nur immer wehmütig zurück auf die Zeiten, wo es noch ein «liebliches Wesen» war in ihrem Leben, und vorwärts auf bessere Zeiten, von denen sie wieder mehr Freude erwarten. Arme Menschen! Vielleicht kommt es ja schon wieder anders in ihrem Leben, aber was hilft es ihnen? Gott haben sie dann eben nicht gefunden, den starken, heiligen Gott, der uns durchs Leiden erproben und läutern will, der uns durchs Kreuz zur Krone führt, haben sie nicht gefunden. O, wir wollen es doch nicht versäumen zu antworten, wenn Gott zu uns kommt in Angst und Not: ich will reif werden, ja ich erkenne dich, du Schrecklicher, ja ich erkenne dich, der mir jetzt so Leides zufügt, du bist doch, der du bist, du bist doch die Liebe!

Wir wollen einen anderen Weg einschlagen. Wir denken an unsere Lebensaufgaben, an unsere Pflichten gegen uns selbst und unsere Mitmenschen. Wir hören Gottes Stimme, die uns auffordert, edel zu sein, hilfreich und gut,4 Ewigkeitsmenschen zu werden in der Zeit und unsere Nächsten zu lieben wie uns selbst [vgl. Mt. 22,39]. Wie gern hören wir das, wie tönt da das Echo zurück aus dem Tiefsten unserer Seele: Zu was Besserem sind wir geboren! Wie freudig lassen wir uns an unsere hohe Bestimmung erinnern! Bei dir ist Freude die Fülle. Wir glauben es. Wenigstens manchmal. Wenigstens in den Zeiten, wo uns vielleicht eine neue Aufgabe, eine neue Pflicht vor die Augen getreten ist, wo wir uns aufgerafft und einen großen Anlauf genommen haben. |356 Gesegnete Zeiten, wenn wir so vor etwas Großem stehen und den Ruf in uns spüren: jetzt drauf und dran, ich muß es tun und ich will es tun! Wie Wanderer in der klaren Morgenluft. Wie Segler, die aufs hohe Meer hinausfahren. Vorwärts, vorwärts! Da ist das Leben eine Lust, da haben wir Freude an Gott.

Aber auf den schönen klaren Morgen folgt der heiße dunstige Mittag, auf die frische fröhliche Ausfahrt mit vollen Segeln vielleicht die träge traurige Windstille, wo das Schiff nicht mehr vorwärts will trotz allem Warten, vielleicht aber auch der Sturm, der es aus der Bahn werfen und vernichten will. Wir fühlen, wie die Aufgaben und Pflichten, die wir uns so schön gedacht, wachsen und wachsen und uns schließlich fast erdrücken wollen. Immer rein sein, immer treu sein, immer den starken Willen behalten gegenüber den Schwierigkeiten und Hindernissen, ja, wer kann denn das? Wir fühlen, wie wir so unendlich langsam vorwärts kommen, wie manchmal Alles stillzustehen scheint, die Luft will uns ersticken, wir kommen ja doch nie an ein Ziel! Und wir fühlen, wie unsere eigenen Fehler und Schwachheiten das schwerste Hindernis sind. Alles um uns her scheint uns zuzurufen: du hasts versäumt! du hast dich geirrt! du bist zu leidenschaftlich, zu kurzsichtig, zu kleinlich gewesen! du bist schuld! Und nun Gott? Wir waren ihm doch so dankbar, unser Herz war so voll Lob und Preis für ihn, als wir an unsere Pflicht herantraten. Und nun ist er uns mit einemmal zu einem schrecklichen Gott geworden, gerade durch unsere Pflicht, die so unüberwindlich schwer ist, durch die Hindernisse, die uns im Weg stehen, durch unsere eigene Schwachheit, die immer wieder Alles verdirbt!

Was sollen wir dazu sagen? Wieder stehen wir am Scheidewege. Wieder kanns uns nun vorkommen: nein, das ist nicht Gott! ja heute morgen, der mich da ausziehen und arbeiten hieß, das war Gott, aber der da in der Mittagshitze, der da in meinem Stocken und Stolpern und Zusammenbrechen, nein, das kann nicht Gott sein. Gott kann mich doch nicht unterliegen lassen. Gott kann doch nicht die Absicht haben, daß ich mit meinem guten edlen Willen da so scheitern muß. Warum macht er mir die Aufgabe so |357 schwer? Warum räumt er mir die Hindernisse nicht aus dem Weg? Warum macht er mich nicht stärker? Er tut das Alles nicht? Er zeigt sich mir so hart, so streng, so schrecklich — nein, da kann ich nicht an ihn glauben, ich kenne keinen schrecklichen Gott, nur den anderen, bei dem Freude und liebliches Wesen ist, und wenn die ausbleiben, wenn es so dunkel und unfreudig wird um mich her, dann lasse ich lieber Gott und den Glauben und die Hoffnung überhaupt fahren.

Unzählige arme Menschen sind schon so zusammengebrochen. Sie meinten immer: Gott sollte mir helfen! Gott sollte mirs gelingen lassen, mir mit meinem guten Willen. Und Gott ließ es ihnen mißlingen. Da verloren sie Gott. Arme Menschen! O, wir wollen es nicht machen wie sie. Wenn solche Stunden kommen in unserem Leben, wo Alles stillsteht, ja rückwärts geht, wo wir verzweifeln möchten: zuviel, zuviel wird von mir verlangt, wo wir uns schämen müssen in die Erde hinein, da wollen wir Gottes Hand fassen und ihn anflehen: Führe mich hindurch, daß ich dich ganz erkennen lerne: du bist mitten drin auch in all diesem Schrecklichen, im Stillstand, im Zusammenbruch, in der Verzweiflung, du bist da, wo wir meinen: nun ist alles Gute, was in mir ist, zu Ende. Du hast mich dahin kommen lassen, damit ich dich ganz erkennen möge: du wolltest mich demütigen, du wolltest mich zur Erkenntnis meiner selbst führen, du wolltest mich dazu bringen, zu hungern und zu dürsten nach den Kräften, die ich nicht aus mir selbst nehmen kann, du wolltest mich neben den ärmsten armen Sünder stellen, damit ich wahrhaft begreifen lerne, was es heißt, des Mitmenschen Bruder zu sein. Noch verstehe ich dich nicht, es ist zu schrecklich, sich so eingestehen zu müssen: ich kann nicht, es geht nicht! hilf du mir, daß ich dich verstehen lerne, die Liebe verstehen lerne, die auch in dieser schrecklichen Erfahrung für mich verborgen ist. Führe mich hindurch, ich möchte reif werden!

Und nun noch ein anderer Weg. Wenn wir Gott erkennen und liebbekommen, dann wird es uns freudig, stolz und trotzig ums Herz. Jawohl, wir fühlen, daß das etwas Besonderes ist, wenn |358 Gott uns die Augen auftut für seine Herrlichkeit. Wie lästige Krücken fällt so Manches von uns ab, was wir bis jetzt für unentbehrlich hielten, törichte Gedanken, törichte Gewohnheiten, törichtes Rücksichtnehmen auf die Leute. Wir fühlen nur: ich möchte und ich will meinen Weg gehen, und um keinen Preis kann ich mir das wieder nehmen lassen, was ich gefunden habe. Diesen Stolz und Trotz des rechten Gotteskindes kann man besonders gut bei den alten Propheten Israels kennen lernen, und dann bei Paulus und bei Luther. Wir sehen es ihnen an, wie tief und gewaltig die Erfahrung war, die sie gemacht hatten: bei dir, bei dir ist Freude die Fülle … das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte [Ps. 73,28]. Wir beneiden solche Männer, wir möchten uns ihnen an die Seite stellen, auch so sicher und unabhängig und frei in Gott unseren Weg gehen können. Jawohl, wir können es, jeder von uns. Aber Achtung, wer es schon erfahren hat, der weiß es, daß wir gerade in dieser Beziehung Gott auch von der anderen Seite kennen lernen müssen. Was heißt denn das, frei sein in Gott, stolz und trotz[ig] und sicher sein in dem, was wir gefunden? Meine Freunde, das heißt einsam sein, das heißt anders sein als die ganze übrige Welt. Wer es mit Gott hält, der kann es nicht gleichzeitig mit allen Leuten halten. Der hat ganz besondere Augen, ein besonderes Gewissen, ein besonderes Urteil bekommen. Der denkt und redet und handelt anders, als der Herr Jedermann es tut. Der muß wahrhaftig seinen eigenen Weg gehen. Wie schön tönt das, und wie unendlich schwer ist es! Eine öde schmerzliche Sache kann es uns auf einmal werden, wenn wir uns nun auf einmal wirklich allein sehen, allein mit Gott oder allein unter den Menschen. Und nun sehen sie uns von allen Seiten an: Warum bist du so? Warum nicht so wie wir? Warum belästigst du uns durch dein Anderssein? Warum verdirbst du dir selbst das Leben?

Denkt, wie es Mose zumut sein mußte unter seinem Volke, das er führen sollte und das ihn doch so gar nicht verstand! Oder Elias, der vor lauter innerer Einsamkeit schließlich in die Wüste floh und sterben wollte! Oder Jeremia, der ein so tiefes, feines |359 Herz hatte für sein Volk und doch so unendlich allein sein mußte, weil niemand annahm, was er zu sagen hatte, weil Alles ihn zurückstieß! Denkt an Jesus selber, der von seinen Nächsten sagen mußte: Wer sind meine Mutter und meine Brüder [Mt. 12,48], geschweige denn, daß sein Volk, das er so liebte, auf ihn gehört hätte! Wir wollen doch ja nicht denken, es sei jenen Männern leicht geworden, so allein zu sein, und es könne uns leicht werden, es zu sein. Nein, bitter schwer ist es ihnen gefallen. Gott von seiner schrecklichen Seite haben sie da kennen gelernt, gelitten haben sie unter der furchtbaren Einsamkeit, in der sie dastehen mußten, mit dem Höheren, Besseren, das sie hatten und das niemand ihnen abnehmen wollte. Hindurchdringen mußten sie zu der Gewißheit: es ist doch Gott, der mich führt, der es so haben will, derselbe Gott, der mir vorher den großen freudigen Stolz und Trotz ins Herz gegeben hat.

Und auch wir stehen wieder vor der Entscheidung: Wollen wir zurückbleiben, oder wollen wir hindurch zu diesem schrecklichen Gott und erkennen, daß er doch Gott ist? Vieles könnte uns wieder zurückhalten. Mit Recht könnten wir mißtrauisch werden und sagen: ein Weg, den ich allein gehe, kann kein guter Weg sein. Ein kluger Mann fragt immer: was machen die Anderen? Ich sollte einsam sein, ich sollte einen Weg gehen, auf dem mir niemand nachkommt, nein, das kann nicht Gott sein, der das von mir fordert. Gott läßt mich wohl meine eigene Meinung haben, aber es wird doch nur die Meinung sein, die ein paar dutzend Andere auch haben. Gott läßt mich wohl stolz und froh sein, aber er schickt mir gewiß ein paar, die mich halten, links und rechts. Wenn ich allein sein muß, dann ists gewiß nicht Gott, rückwärts, rückwärts! Gott ist bei den Zufriedenen, Behaglichen, bei denen, die immer einverstanden sind miteinander, aber nicht bei den Einsamen, bei den Sonderlingen, Gott ist nicht da, wo man sich das Herz verbrennt vor Sehnsucht nach Menschen, nach mitfühlenden Menschen. Arme Menschen, die sich so zurückhalten lassen, Gott zu folgen! Wie Viele sind da zusammengebrochen, sind da nicht weitergekommen auf dem Wege, Gottesmenschen |360 zu werden! O, wir wollen Gottes Hand nicht fahren lassen, gerade an dieser Stelle nicht. Wir wollen uns ihm in die Arme werfen und wieder zu ihm sagen: du bist schrecklich, ich leide, leide hier, wo du mich hingeführt hast, ich verstehe es nicht, daß ich so allein sein muß, aber ich will jetzt auch da hindurch, hindurch an deiner Hand, um dich ganz kennen zu lernen. Du willst mir vielleicht gerade erst in der Einsamkeit so recht zeigen, wie groß und heilig du bist, du willst mich aus der Oberflächlichkeit herausnehmen, die immer dort ist, wo der große Haufe ist. Du willst meine Liebe zu den Brüdern erst so recht brennend machen. Ich weiß nicht, was du von mir und mit mir willst. Nach meinem Sinn und Herz müßte es anders gehen. Aber ich vertraue jetzt ganz auf dich. Ich will jetzt gar nichts Anderes, als dich kennen lernen. Gar nichts Anderes als reif werden. Und darum nehme ich dich an, glaube ich an dich, du Schrecklicher, wie ich an dich geglaubt habe, als du mir in der Freude, in lieblichem Wesen erschienst. Du bist in Beidem die ewige Liebe. Und ich möchte in Beidem dein sein.

Meine Freunde, das sind nur einige von den Schritten, die wir tun, von den Entscheidungen, die wir treffen müssen, um Gott ganz kennen zu lernen. Einige wenige. Ihr mögt nun selber darüber nachdenken und das, was ich gesagt, aus eurer Erfahrung ergänzen. Es ist ein ganzes Meer, vor dem wir da stehen. Jawohl, ein Meer. Wo wir auch zuerst stehen, wir sehen das gegenüberliegende Ufer nicht. Wir müssen den Mut fassen, die Fahrt anzutreten. Wir müssen den Mut fassen zu glauben, in Gott ist Freude und Schrecken eins. Er läßt uns Beides erfahren. Er will, daß wir in der Freude bereit seien für das Schwere, Harte, Strenge. Und er will, daß uns mitten im Dunkel die Gewißheit leuchte: das ist derselbe Gott, der mir so viel Gutes getan hat, und er tut mir auch jetzt Gutes. In unserem Leben wird uns freilich immer Beides zweierlei sein. Wir werden nie ganz davon loskommen, die Freude und das liebliche Wesen lieber zu haben als den Schrecken. Vielleicht ist das auch eine von den Lösungen, die erst in der Ewigkeit auf uns warten: daß auch uns Beides ganz eins wird, wie es in Gott eins ist, daß wir nicht mehr jubeln |361 und nicht mehr trauern, sondern ganz ruhig geworden sind in der seligen Einheit mit dem Vater. Er lehre uns die ersten schwachen Schritte tun auf dem Wege, der dahin führt!

Amen.

Sachfußnoten

1
Drei Lieder von P. Gerhardt (1607–1676): Nr. 3 (EKG 232) 🎵, Nr. 57 (EKG 371) 🎵 und Nr. 97 (EKG 27) 🎵. Barth zitiert in der Fassung des Schweizer Gesangbuchs, die bei Nr. 3 vom Original («… sollt ich ihm nicht dankbar sein?») abweicht.↩
2
= als ich klein war.↩
3
Refrain des Liedes«Gott ist die Liebe …» von Dietr. Aug. Rische (1819–1906) 🎵: Drum sag ichs noch einmal:
Gott ist die Liebe,
Gott ist die Liebe,
Er liebt auch mich.
↩
4
Vgl. J. W. von Goethes Gedicht Das Göttliche (1783) aus: Vermischte Gedichte. 2. Abteilung 📖:
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut! …
↩