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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 130,1-4</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 130,1-4, 12. Juli 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5034 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 361–371.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Psalm 130,1-4</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 361-371</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 229</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 130,1-4, 12. Juli 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1670">KBA 1207</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-07-12">12. Juli 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-07-12">12. Juli 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.130.1 Ps.130.4">Psalm 130,1–4</ref>
              <quote>Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir, Herr, höre meine Stimme, laß deine
                        Ohren merken auf die Stimme meines Flehens! So du willst, Herr, Sünde
                        zurechnen, wer wird bestehen? Aber bei dir ist Vergebung, daß man dich
                        fürchte.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>
                        <hi rend="italic">Aus der Tiefe</hi> rufe ich, Herr, zu dir! betet der Psalmsänger.
               Es sind viele unter uns, die können mitfühlen bei diesem «aus der Tiefe». Sie wissen,
               wie das ist «in der Tiefe». Und Andere sind da, die verstehen vielleicht im
               Augenblick noch nicht ganz, was gemeint ist, aber sie sind, ohne es zu wissen,
               tatsächlich in dem Zustand, den der Psalmsänger meint: «in der Tiefe». In einem
               dunklen Tal, dessen Ausgang wir nicht sehen. Auf einem steinigen Weg mit vielen
               Krümmungen. Zu unseren Füßen einen wilden rauschenden Fluß. Und links und rechts hohe
               steile schwarze Berge, über die wir nicht hinwegsehen und noch weniger hinwegkommen
               können. Etwa wie in der <placeName ref="kbga-places-958">Aareschlucht bei Meiringen</placeName>, die Einige von euch vielleicht
               kennen, wenigstens aus Abbildungen.</p>
        <p>Das Eine mag jetzt an seine Arbeit denken zu Hause und auf dem Feld, die ihm so viel
               zu tun gibt, von der es so müde wird, die sein Leben so ausfüllt vom Morgen bis an
               den Abend und bei der doch oft so wenig herauskommt. Das Andere denkt jetzt an seine
               Geldsorgen. Wie das Jahr so schlecht ist, das Wetter so ungünstig und auch der übrige
               Verdienst so schmal, wie solls
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                gehen mit den vielen Kindern und mit dem Zins, der bezahlt sein will? Wieder Eins
               seufzt: wenn ich nur gesund wäre und machen könnte, wie ich wollte, wie wollte ich
               dann froh und zufrieden sein, aber wie ist das langweilig und trostlos, so ein Übel
               immer mit sich schleppen zu müssen! Und wieder ein Anderes hat Familiensorgen: es
               stimmt etwas nicht mit einem lieben Menschen, und bange denkt es: wie wird es auch
               herauskommen? und was wird daraus werden? Und dann sind solche, die sich allein
               fühlen, die niemand haben, der ihnen aufrichtig Liebe erweist, und niemand, dem sie
               Liebe erwidern könnten. Und wieder solche, die verkannt und verachtet sind, die sich
               nicht geltend machen können. Warum verschüpft<note xml:id="n01">«Verschüpfen»
                  ungefähr = beiseitestoßen.</note> man mich? warum will niemand etwas wissen von
               den Blumen, die doch auch in meinem Gärtlein wachsen? Warum soll ich, gerade ich,
               immer zu kurz kommen? Und schließlich solche, die einen Feind haben, einen Menschen,
               der so recht wie ein Klotz auf ihrem Lebensweg liegt. Immer wieder müssen sie ihn
               sehen und an ihn stoßen. Immer wieder gibts Feuer und Rauch, Ärger und Herzeleid. O,
               wie einem so ein einziger Mensch, der einem z’Leid lebt, wirklich das Leben verleiden
               kann, daß man schließlich nicht mehr ein und aus weiß!</p>
        <p>O, es ist etwas durchaus Wohlverständliches und Wohlbekanntes, was der Psalmsänger
               meint, wenn er sagt: «in der Tiefe». Wenn wir traurig und niedergeschlagen sind, wenn
               die Schwierigkeiten sich so vor uns türmen, daß wir ans Ende unserer Kräfte kommen,
               wenn die große allgemeine Verdrossenheit und Müdigkeit am Leben uns ergreift, das ist
               die Tiefe. Und wir kennen sie alle. Die Alten kennen sie, denn sie haben das Leben
               erfahren und geben sich keinen Täuschungen mehr hin. Aber auch die meisten Jungen;
               sie haben es bei den Alten gesehen und gehört, daß das Leben ein schwerer und oft
               hoffnungsloser Kampf ist. Sie gehen bereits mit ernstem, schwerem Gesicht einher wie
               die Großen, obwohl sie das Wohnen[?] in den Tiefen des
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                Lebens erst ahnen. Und die Reichen erfahren sie wie die Armen, obwohl ich glaube,
               daß die Armen im ganzen tiefer hineinsehen lernen als die Reichen. Es gehört ganz
               einfach zum Menschenwesen und Menschenleben, daß wir «in die Tiefe» müssen, in
               bittere, traurige Erfahrungen hinein. Manchmal auf Augenblicke, manchmal auf lange
               Zeiten, manchmal auf Lebenszeit. Das Maß ist sehr verschieden bei den verschiedenen
               Menschen. Und es ist eine von den dunkelsten Fragen des Menschenlebens, warum dieses
               Maß der traurigen Erfahrungen so ungleich ist, warum es aussehen kann, als ob es
               bevorzugte und benachteiligte Menschen gebe. Man kommt mit dieser Frage ganz
               unmöglich an ein Ende, immer bleibt ein Warum? übrig, und ich möchte niemandem
               anraten, dieser Frage nachzuforschen. Es ist unfruchtbar. Aber das ist wichtig, daß
               wir wissen, was wir zu tun, wie wir uns zu stellen haben, wenn wir «in der Tiefe»
               sind.</p>
        <p>Man kann «in der Tiefe», in den dunklen Tälern des Lebens <hi rend="italic">selber
                  dunkel</hi> werden, und viele werden es. Sie lassen sich von der Traurigkeit, die
               über sie kommt, besiegen, d. h. erfüllen. Sie können nichts mehr sehen hinter oder
               über dem Unerfreulichen und Schlimmen in der Welt. Sie ziehen aus den Erfahrungen,
               die sie gemacht, stillschweigend den Schluß: Also es gibt nichts Anderes: der Mensch,
               und ich ganz besonders, muß es nun einmal bös haben, muß seine Tage in seiner Trübsal
               zubringen, muß Unrecht leiden und mißachtet werden. Das ist einmal so, und das wird
               immer so sein. Das Traurige ist ihnen eigentlich Gott geworden, wenigstens kennen sie
               nichts Höheres als die Weisheit, daß es eben viel Erbärmliches und Gefährliches in
               der Welt gebe. «Ich habe es erfahren, ich weiß, wie es geht!» Und sie haben nun eine
               wahre Kunst, das Unerfreuliche und Schlimme wirklich auch überall zu wittern und zu
               entdecken. Auch wenn etwas sich ganz schön und vielversprechend anläßt, sind sie
               sofort mißtrauisch: das könnte aber auch noch andere Seiten haben, das könnte aber
               auch noch anders herauskommen, ich habs erfahren! Und sicher behalten sie dann recht,
               sicher hat in der Tat auch das Schönste, was sie erleben können, eine schlimme Seite,
               und sicher
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                kommt allerlei Schlimmes dabei heraus, an das man gewiß gar nicht gedacht hatte. Sie
               haben eine förmliche Fähigkeit, das Böse, das noch nicht da ist, an den Haaren
               herbeizuziehen, und sicher kommt es in irgend einer Form. Es ist schrecklich, wenn
               man einmal damit begonnen hat, an das Böse und Traurige zu glauben, von nichts
               Anderem mehr zu wissen, dann kommt es in wahren Schwaden über uns, dann wird das
               dunkle Tal dunkler und immer dunkler. Dem Gott, dem man sich ergibt, dem gehört man
               eben auch, und wer sich der Traurigkeit ergibt, wer nichts mehr wissen will, als daß
               die Welt böse und das Leben schwer sei, der gehört dann von Tag zu Tag mehr der
               Traurigkeit. Es gibt so viele Menschen, und die wollen nichts Anderes, als in der
               Tiefe immer noch tiefer sinken, von einer Enttäuschung in die andere, von einer
               Bitterkeit und Schwierigkeit und Ohnmacht in die andere.</p>
        <p>Ich möchte noch das sagen: sehr oft sind solche Menschen auch äußerlich traurige
               Menschen. Man spürt es ihren Worten, ihrem müden, verdrossenen Gesicht ohne weiteres
               an, wie es mit ihnen steht und wohin sie gekommen sind. Aber noch viel häufiger sind
               solche Menschen äußerlich nicht eigentlich traurig. Sie können sogar ganz fröhlich
               sein, alle möglichen Vergnügungen mitmachen, sogar mit ganz besonderem Eifer, sie
               können tüchtige, fleißige Arbeiter sein, die es zu etwas bringen. Und doch sind sie
               innerlich alles andere als glücklich. Sie haben vielleicht einmal eine schwere
               Enttäuschung durchgemacht, und da ist etwas in ihnen zerbrochen: Also so ist das
               Leben! haben sie sich gesagt. So schrecklich kann das Schicksal einem mitspielen, so
               gemein können die Menschen sein! und darüber kamen sie nun nicht mehr hinaus, fortan
               glaubten sie im Grund an nichts mehr als an die traurige Erfahrung, die sie einmal
               gemacht. Sie haben keine Kraft mehr, sich an etwas Anderem aufzurichten. Und nun sind
               sie doch zu stolz, um das zu zeigen. Oder sie wollen es auch selber vergessen, daß
               sie «in der Tiefe» ihr Bestes preisgegeben haben, und darum geben sie sich nun einem
               äußerlich heiteren Wesen hin, reden viel und lachen viel und sind überall dabei, wo
               man sich lustig macht. Verlaßt euch darauf, es ist mancher berühmte
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                Witzmacher, den man für ein heiteres, sonniges Gemüt hält, im Grunde ein solcher
               innerlich gescheiterter und gesunkener Mensch. Und manches Mädchen, dem Tanzen und
               Theater das Höchste ist, manche Frau, bei der man sich wundert, wie mag sie es auch
               nur fertigbringen, so viel zu klappern, mancher Mann, bei dem man kopfschüttelnd
               denkt: wie mag er auch nur so viel in den Wirtshäusern herumhocken?, sind solche
               innerlich Gebrochenen, die einmal über schwere Erfahrungen nicht Meister wurden, sich
               von der Bitterkeit überwältigen ließen und nun vor lauter Traurigkeit ihr Leben in
               solchen Oberflächlichkeiten zubringen. Seht euch das Gesicht eines solchen
               oberflächlichen Menschen an — vielleicht werden wir dazu vor Allem in den Spiegel
               blicken müssen —, und ihr werdet fast nie ein wirklich glückliches Gesicht sehen, wie
               man es erwarten sollte, sondern fast immer einen Ausdruck von Unruhe und heimlicher
               Unzufriedenheit. Und es gibt Manchen, der tüchtig und fleißig schafft und es zu etwas
               bringt und dabei doch nie eigentlich glücklich ist und auch auf Andere keinen guten,
               ermutigenden Einfluß hat, und man fragt sich: was ist eigentlich mit ihm? Man kann
               ihm doch nichts vorwerfen, und doch ist etwas nicht in Ordnung. Ja, man kann ihm
               nichts vorwerfen, nur daß er selbst sich vorwerfen muß, in der Tiefe noch tiefer
               gesunken zu sein, durch seine eigene Schwachheit den Glauben an etwas Höheres
               verloren zu haben über dem öden, trüben Glauben an das Böse und Traurige. Er weiß
               nichts mehr Anderes, als daß das Leben ein bitterer, schwerer Kampf ist, und will
               nichts mehr Anderes wissen. Das ist seine Schuld, von der allerdings er allein etwas
               weiß, denn in der Verborgenheit seiner Seele hat er sie begangen.</p>
        <p>Wir können es aber auch anders machen: der Psalmsänger hat <hi rend="italic">aus der Tiefe
                  zu Gott</hi> gerufen. Was heißt das? Es ist merkwürdig, nicht wahr, wir wissen
               doch alle, wer und was Gott ist. Und doch haben wir es immer wieder nötig, darüber
               nachzudenken und darüber klar zu werden: was ist Gott? was heißt das: zu Gott rufen?
               Ich muß bei jeder Predigt immer am meisten dann studieren, wenn ich an das Wort
               «Gott» oder «der Herr» komme. Was die
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                Menschen sind und ihr Wesen, das ist nicht so schwer zu fassen, aber «Gott» — dieses
               Wort will immer neu überlegt sein. Gott ist eben auch immer wieder etwas Neues für
               uns, auch wenn wir noch so sehr glauben, ihn erfahren und erkannt zu haben. In jeder
               Erfahrung, in jeder Lebenslage, in jeder Frage, über die wir uns entscheiden sollen,
               ist Gott wieder aufs neue der große Unbekannte, den wir suchen müssen. Also was heißt
               das: «aus der Tiefe», aus dem dunklen Tal der Bitterkeiten des Lebens nach dem Herrn
               rufen, statt in der Tiefe zu versinken?</p>
        <p>Wir wollen jetzt einmal ganz bescheiden damit anfangen, daß wir sagen: Wir müssen uns
               fest daran halten, daß es noch etwas <hi rend="italic">Größeres</hi> gibt als das, was uns
               traurig macht, und darum auch für uns etwas <hi rend="italic">Wichtigeres</hi> zu tun, als
               uns der Traurigkeit zu überlassen. Was dich jetzt plagt, das mag ganz gewaltig sein,
               ich will sicher deinen Schmerz nicht verkleinern; es ist etwas vom Allertörichtesten,
               wenn ein Mensch dem anderen angeben<note xml:id="n02">= weismachen.</note> will: es
               ist nicht so gefährlich mit deinem Leid! Wenn man uns so kommt, so haben wir das gute
               Recht, dem Ratgeber die Türe vor der Nase zuzumachen: du verstehst mich nicht. Aber
               das ist ganz sicher: es gibt etwas <hi rend="italic">noch</hi> Gewaltigeres in der Welt
               und in deinem Leben als das, was dich jetzt drückt und fast erdrücken will. Du hast
               auch das gute Recht, traurig zu sein, wenn du «in der Tiefe» hast wandern müssen,
               wenn du vielleicht sehr lange tief in der Bitterkeit und im Jammer deinen Weg gehen
               mußt. Es gibt Menschen, die haben so viel Leid zu tragen, daß man es versteht, wenn
               ihnen das Lachen vergangen ist, und uns allen ist es oft einfach ein Bedürfnis,
               traurig zu sein, und niemand darf uns darin stören mit dem oberflächlichen Rat: sei
               jetzt nur wieder zufrieden. Aber das ist sicher, ebenso sicher: daß du <hi rend="italic">noch</hi> Wichtigeres, Dringenderes zu tun hast, als deiner Traurigkeit, deiner
               Verstimmung, deiner Verzweiflung einfach den Lauf zu lassen. O wenn wir nur dies Eine
               von Gott wüßten, nur dies Eine: Gott ist das <hi rend="italic">noch</hi> Größere und <hi rend="italic">noch</hi> Wichtigere, wie müßte da unser ganzes Leben anders aussehen,
               wieviel weniger innerlich gebrochene, gesunkene Menschen
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                müßte es dann geben, — wenn wir es nämlich im Ernst wüßten! Versuch es einmal, zu
               suchen nach diesem noch Größeren und noch Wichtigeren mitten in der Tiefe, in der du
               jetzt bist! Du fühlst dich so oft müde und abgehetzt von deiner Arbeit. Ja, du hast
               es schwer. Aber weiß du, was noch größer ist als die Macht des Schweren, das auf dir
               liegt? Die Macht des guten Gewissens, das du haben darfst, wenn du müde und seufzend,
               aber doch und immer wieder deine Pflicht tust. Und weißt du, was noch wichtiger ist
               für dich, als zu seufzen und zu klagen, obwohl dir niemand das Seufzen verbieten
               kann? Noch wichtiger ist es für dich, mit aller Treue und Aufmerksamkeit darüber zu
               wachen, daß du dein gutes Gewissen behältst, daß dich keine Müdigkeit und keine
               Verdrossenheit aus der sicheren Bahn deiner Pflicht hinauswerfen kann, daß du deine
               Pflicht tust, so lange es eben gehen will.</p>
        <p>Du mußt krank sein und seufzest innerlich: wie lange, wie lange noch? Nun, es ist
               wahr, wer es nicht selber erfahren, kann dich nicht verstehen. Aber auch für dich
               gibt es ein Größeres und Wichtigeres, an das du dich halten mußt. Größer als deine
               Krankheit oder Gesundheit ist das Heil und der Friede deiner Seele. Du gehörst zu
               Gott, gleichviel ob du krank oder gesund bist. Und wichtiger noch, als zu seufzen in
               deiner Tiefe, müßte es dir sein, aus der Tiefe zu ihm zu rufen, dich an ihn zu
               halten, gesund zu bleiben an deiner Seele, an der so mancher Gesunde krank ist. Du
               hast dein Herz zu bewahren vor der Versuchung, trotzig und verzagt zu werden [vgl.
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.17.9">Jer. 17,9</ref>], du hast die
               Aufgabe, dein Licht brennend zu erhalten, das ist wichtiger als die Frage, ob du
               wieder gesund wirst.</p>
        <p>Und wenn die Geldsorgen da sind, die dringenden Fragen: was werden wir essen? womit
               werden wir uns kleiden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.31">Mt. 6,31</ref>]? womit werden wir zinsen? Ja, das <hi rend="italic">sind</hi> dringende
               Fragen, aber sie dürfen nicht deine Lebensfragen werden, denn noch dringender ist die
               andere Frage: wie kann ich tun, was vor Gott recht ist? Das bedeutet dann vielleicht,
               daß du auch Manches anders machen und über Manches anders denken mußt in deinem
               Haushalt und in deinem Arbeitsverhältnis. Wenn wir aus der Tiefe der Geldnot
               <pb xml:id="p368" ed="pga"/>
                zu Gott rufen, so können uns gar mancherlei Lichter aufgehen über das, was anders zu
               machen wäre, wenn man wollte — aber jedenfalls wirst du dann nicht mehr untergehen in
               der Geldsorge, dich nicht mehr von ihr vergrämen und verbittern lassen, komme es wie
               es wolle. Du wirst dir dann sagen, daß im Notfall selbst das Allerschlimmste zu
               tragen ist, wenn man treu und recht und ehrlich das Seinige getan hat. Wieviel
               fröhliche Gesichter und Herzen würde es geben in der Welt, wenn wir alle damit Ernst
               machen wollten, Gott als das Größere und Wichtigere anzusehen und zu ihm zu rufen aus
               der Tiefe der Geldnot!!</p>
        <p>Und wenn wir Unrecht leiden müssen? Dann wollen wir uns daran halten, daß über der
               Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit steht, und dann wird das unser heiligstes Anliegen
               sein, daß wir in der Gerechtigkeit bleiben und uns nicht von der Ungerechtigkeit
               erwürgen lassen. Trotz dem Leid, trotz der Empörung, die wir empfinden. Ja gerade
               wenn uns das Unrecht leid tut und empört, das wir erfahren haben, dann dürfen wir uns
               ihm doch nicht ergeben. Wir müssen dann vielleicht mannhaft den Kampf aufnehmen,
               nicht aus Rache und Streitlust, sondern um des Rechtes willen. Das ist in vielen
               Fällen der Wille Gottes, jedenfalls aber müssen wir selber fest stehen bleiben, auch
               wenn wir nichts tun können als dulden, dürfen uns um keinen Preis dazu drängen
               lassen, das Unrecht zu anerkennen und mit den Wölfen zu heulen. Nur das nicht! Und
               wenn du dich einsam und verlassen fühlst, dann halte vor Allem das fest, daß du auch
               in deiner Einsamkeit völlig das sein kannst, was du sein mußt, ein Kind Gottes. Das
               ist wichtiger und größer als Alles, was dir fehlt. Und wenn du denkst, man verkennt
               mich und ich komme nicht zur Geltung, das sag dir, daß es wichtiger ist, daß Gott
               dich kennt und du ihn, und daß das die eigentliche große Aufgabe deines Lebens ist,
               bei Gott etwas zu gelten. Ist Gott für mich, wer will wider mich sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.31">Rom. 8,31</ref>]?</p>
        <p>Aber seht, wenn wir damit einmal anfangen, nach Gott zu rufen aus der Tiefe unserer
               Lebenserfahrungen, wenn wir damit anfangen, ihn für größer zu halten als unser Glück
               und Unglück
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                und den Gehorsam gegen ihn für wichtiger als unsere Tränen und unsere Klagen, dann
               kommen wir zu einer Erfahrung, an die wir vorher nun gar nicht gedacht haben. Wir
               sehen dann auf einmal: Ach, es fehlt mir im Grunde in einem ganz anderen Stück, als
               ich dachte. Ich meinte bisher, das sei <hi rend="italic">das Schlimmste</hi>, daß ich
               krank und arm sein müsse, daß man mir Unrecht tue, daß ich niemand habe, daß die
               Leute so wüst mit mir sind, daß ich da und dort meine schweren Sorgen habe. Aber es
               gibt ja viel größere und wichtigere Sachen, es gibt das Gewissen, es gibt die
               Reinheit der Seele, es gibt die Pflicht, die Liebe, die Wahrhaftigkeit, die stille
               treue Liebe zu Gott und den unermüdlichen Bruder- und Schwestersinn den anderen
               Menschen gegenüber. <hi rend="italic">Das</hi> sind die Sachen, auf die es im Leben
               eigentlich ankommt.</p>
        <p>Und wie steht es da mit mir? O, wie weit ab bin ich da von dem, was sein sollte! Wie
               muß ich da fast an allen Punkten sagen: ich kann nicht, ich mag nicht, ich bringe es
               nicht dazu, es ist zu viel und zu groß, was da von mir verlangt wird. Das Andere, das
               mir bis jetzt das Schwerste schien, daß es mir <hi rend="italic">nicht gut ging</hi>, das
               ist ja vielleicht im Grunde nicht so schlimm, das ist jedenfalls eine Kleinigkeit
               gegenüber dem großen Übel, daß ich <hi rend="italic">nicht gut bin</hi>. Seht, wenn wir
               nach dem Größeren, Wichtigeren fragen, dann machen wir die Erfahrung von unserer
               Sünde, von unserer Sünde, die die tiefere Tiefe ist als alles Leid der Welt
               miteinander, das uns treffen könnte. Daß wir mit Gott nicht eins sind, daß wir an so
               vielen Punkten und so häufig von seinem Willen abweichen, daß tief in uns verborgen
               jener schlechte Wille ist, der zu Gott sagt: ich mag nicht, ich kann nicht, das ist
               die Tiefe! Von dem Dichter <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> stammt das tiefsinnige Wort: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Das Leben ist der Güter höchstes nicht</l>
                                <l xml:space="preserve">der Übel größtes aber ist die Schuld.<note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-1543"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, <hi rend="italic">Die Braut von Messina</hi> IV, 10 (Vers 2841f.)</bibl>.</note></l>
                            </lg>
                        </q> Das will sagen: es ist schwer, aber es ist schließlich nicht das Schwerste in
               unserem Dasein, wenn wir hungern und dürsten, <milestone xml:id="m24" unit="page"/>
               <pb xml:id="p370" ed="pga"/>
                entbehren und verlieren, Unrecht und Gewalt leiden, krank sind und sterben müssen,
               das Schwerste ist, wenn das Band zerrissen ist, das uns mit dem Großen, Hohen, der
               über uns und über der ganzen Welt steht, verbindet, mit ihm, der die Wahrheit, das
               Recht und die Liebe, das Licht und das Leben ist. Ihn nicht haben, ihm ferne sein,
               sein Feind sein, das ist die Tiefe. Und wir haben ihn nicht, wir sind ihm fern, wir
               sind seine Feinde. Haben wirs nicht gespürt vorhin, wie wir von dem Größeren,
               Wichtigeren sprachen, wie etwas in uns sich sträubte, sich entschuldigen und
               verstecken wollte, wie wir alle dachten: Das geht nicht, ich bin ein schwacher
               unvollkommener Mensch? Siehst du, gerade das ist die Sünde, unsere Sünde, daß es so
               ist, daß uns Gott und sein Wille so als etwas Fremdes, Unmögliches erscheint.</p>
        <p>Meine Freunde, wenn wir aus der Tiefe zu Gott rufen, dann merken wir erst, was
               eigentlich die Tiefe ist, in der wir leiden. Und jetzt können wir auch erst ganz
               verstehen, wer Gott ist und was es heißt, zu ihm rufen. Wir können nicht vor Gott
               hintreten und mit ihm rechnen: Du mußt mir helfen aus meinen verschiedenen
               Lebensnöten, ich bin doch immer ein ganz rechter, braver Mensch gewesen. Es denken ja
               Viele so, unwillkürlich kommt uns das immer wieder auf die Lippen: womit habe ich das
               verdient? warum tut Gott mir das an? Wenn wir noch so fragen können, so ist das ein
               sicheres Zeichen dafür, daß wir noch nicht aus der Tiefe zu Gott gerufen haben. Sonst
               hätten wir ihn erkannt und wie unendlich viel er von uns fordert und wie weit wir
               dahinter zurückbleiben. Sonst hätten wir erkannt, was der Psalmsänger zu Gott sagt:
                  <hi rend="italic">So du willst, Herr, Sünde zurechnen, wer wird vor dir bestehen?</hi>
               Niemand! Wir können mit Gott nicht rechnen. Das vergeht uns, wenn wir aus der Tiefe
               zu ihm rufen, aus der Tiefe unserer Sünde und Schuld. Da gibt es kein Aufbegehren und
               Reklamieren mehr, kein Trotzen und Murren gegen das Traurige, was Gott uns erleben
               läßt. Wir wissen nur eins: Vor Allem muß das Allertraurigste überwunden, vor Allem
               muß ich in dem Größten und Wichtigsten in Ordnung sein, in der Einheit mit Gottes
               gutem Willen und Gesetz. Und für diese Überwindung, für diese größte
               <pb xml:id="p371" ed="pga"/>
                und wichtigste Ordnung, die in unserm Leben eintreten muß, gibt es nun kein anderes
               Wort als <hi rend="italic">Vergebung</hi>. Es ist ein Geschenk, wenn die Erkenntnis
               unserer großen Schuld sich verwandelt in die Erkenntnis von der noch viel größeren
               Liebe Gottes, von der uns nichts trennen kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.35">Röm. 8,35</ref>]. Wir können da gar nichts machen von uns aus.
               Es gibt keine guten Werke, mit denen wir uns den Himmel verdienen könnten. Wir können
               es nur dankbar annehmen, daß der Gott, der uns so fern ist und dem wir so fremd sind,
               trotz Allem zu uns sagt: du bist mein, du gehörst zu mir, und ich habe dich lieb.</p>
        <p>O meine Freunde, wir wollen uns doch <hi rend="italic">diesen</hi> Weg führen lassen, den
               Weg aus der Tiefe unseres Menschenleides, das keinem erspart bleibt, in die noch
               größere Tiefe der Erkenntnis unserer Schuld und dann auf die selige Höhe, wo wir
               spüren, trotzdem, trotzdem gehöre ich zu Gott und bin ich sein. Wir können dann unser
               Leben so ganz anders ansehen, wir können so ganz anders leben, wenn wir auf dieser
               seligen Höhe angekommen sind. Eine große <hi rend="italic">Freiheit</hi> wird uns zu eigen
               gegenüber all dem, was uns plagt und drückt, weil wir, wenn auch nicht ganz zu
               verstehen, so doch zu ahnen beginnen, wozu wir da hindurch müssen, und daß es uns
               kein Schade ist. Eine große <hi rend="italic">Kraft</hi> bekommen wir, wenn wir einmal die
               ewige Quelle des Guten gesucht und gefunden haben, immer wieder dem Größeren,
               Wichtigeren nachzustreben mit besserem Eifer und mehr Ernst, denn wer Gottes
               Vergebung empfangen, der fürchtet Gott. Und eine große <hi rend="italic">Hoffnung</hi>
               geht uns schließlich auf, auf eine Welt, in der alles das, was uns jetzt noch
               unbegreiflich ist, sich lösen wird, in der auch das dunkle Tal und sein Leid und
               seine Bitterkeit und der Tod nicht mehr sein werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.4">Apk. 21,4</ref>], auf die verborgene kommende
               Welt, in der Gott Alles in Allem ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.28">1.Kor. 15,28</ref>].</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
      <div>
        <div>
        <p>(Im <placeName ref="kbga-places-959">Gyrhölzli</placeName>,<note xml:id="n04">Ein kleines Gehölz hinter dem Pfarrhaus von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>
                  (Auskunft von Frau <persName ref="kbga-actors-26">Nelly Barth</persName>).</note> am Samstag 11. VII. von 3–8 Uhr)</p>
      </div>
    </div>
    </div>
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  </text>
</TEI>
