28. Juni 1914

Predigt: Genesis 32,23-32

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1. Mose 32,23–32
… und er blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach …. Und er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! … Und Jakob hieß die Stätte Pniel; denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen …
339Liebe Freunde!

Was für eine wunderbare Geschichte! Jakob kommt mit Frauen und Kindern, mit Knechten und Mägden und einem großen Viehstand aus der Fremde heim, ein wandernder Beduinenhäuptling, wie sie in jenen Ländern noch heute ihre Fahrten machen. Noch liegt die alte Schuld gegenüber Esau auf seinem Gewissen, den er betrogen hat. Er fürchtet ihn, den Mächtigen, reiche Geschenke an ihn hat er vorausgesandt, um ihn zu besänftigen. So hat er getan, was er konnte, um seinen Fehler gutzumachen. Wirklich? Ja, warum hat er dann immer noch Angst, warum zittert er so vor dem Gedanken, dem Bruder zu begegnen? Etwas Unsichtbares und doch Schweres, Gewaltiges liegt zwischen ihm und einer friedlichen, fröhlichen Zukunft; er kommt nicht darüber hinweg und würde nicht darüber hinwegkommen und wenn er seine reuigen Geschenke verdoppeln und verdreifachen würde. Da läßt er an der Furt des Jabbokflusses seine ganze Karawane an sich vorbeiziehen und bleibt allein zurück mitten in der Nacht. Und nun kommt das Wunderbare: da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach, und Jakob wird schwer verletzt und hört doch nicht auf zu kämpfen, und der Mann will gehen, aber Jakob hält ihn: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und der Mann fragt ihn nach seinem Namen und gibt ihm einen neuen Namen: Israel: der mit Menschen und mit Gott gekämpft und gesiegt hat. Aber seinen eigenen Namen will er nicht nennen. Er segnet ihn, und Jakob verläßt den Ort: hier habe ich Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. Und dann geht die Sonne auf. Und nun hat er keine Angst mehr, dem Bruder zu begegnen, gegen den er gesündigt hatte. Was all seine reichen Geschenke nicht vermocht hatten, das vermochte diese merkwürdige Nacht: er konnte jetzt frei und getrost in seine Zukunft sehen, die Schuld war abgewälzt von seinem Gewissen, die Scheidewand gefallen. Sicher und freudig sieht er nun den gefürchteten Esau kommen mit seinen Kriegsleuten: es wird kein Unglück geschehen.

Das ist nun eine von den tiefsinnigsten und wichtigsten |340 Geschichten in der Bibel. Freilich auch eine von denen, die man am wenigsten versteht, wenn man lange fragt: Wie ging das zu?, eine von denen, die man selber erleben muß, jawohl, selber erleben nach so viel tausend Jahren, wenn man sie verstehen will. Wenn mich jemand dringend fragen würde, wie ich mir den geheimnisvollen nächtlichen Kampf des Jakob erkläre, so würde ich ihm antworten, daß hier selbstverständlich ein innerlicher Vorgang äußerlich beschrieben ist, wie das in der Bibel und überhaupt in Geschichten aus alter Zeit sehr oft der Fall ist. Gott ist natürlich kein Mann, der mit den Menschen körperlich kämpfen kann. Aber was tut denn das, das ist ja ganz gleichgültig. Wir wollen uns doch lieber freuen darüber, daß uns die Bibel diesen innerlichen Vorgang so anschaulich äußerlich zu erzählen weiß.

Wir wollen mit dem Letzten anfangen: mit dem Jubelruf des Jakob: meine Seele ist genesen! Das ist ja die Hauptsache in dieser Geschichte, daß Jakob gesund wurde, innerlich gesund. Eine Störung war weg, ein Berg war überwunden, eine Last abgeworfen. Die peinliche Erinnerung an jene böse Geschichte verlor ihren Stachel. Seine Angst verschwand. Sein Verhältnis zu dem Bruder wurde ein anderes. Was ist das für etwas Gewaltiges, wenn man sagen kann: meine Seele ist genesen! Wir wissen ja alle, was es heißen will, wieder gesund zu werden am Körper, wenn man krank gewesen ist. Wieder herumgehen und schaffen und mit den Leuten verkehren und sich freuen können. Wie ist es da Einem so wohl, wenn man das erste Mal wieder recht essen mag, und Alle sehen Einen so teilnehmend und erfreut an. Und doch wird mancher gesund und muß eine Plage weitertragen, die schwerer ist als alle Krankheit, die kein Doktor heilen und die durch kein Stilliegen gehoben werden kann. Was hilft es, gesund werden, wenn man diese Plage mit sich schleppen muß? Und was hilft es dem Gesunden, der noch nie einen Tag im Bett gelegen, aber alle Tage ist die Plage da, die schlimmer ist als Krankheit? Das ist das rechte große Gesundwerden, wenn einer sagen kann: meine Seele ist genesen. Denn die Seele ist ja nicht ein Teil des Menschen, sondern der ganze Mensch. Wenn die Seele krank ist, so leidet der |341 ganze Mensch, und wenn er kerngesund wäre. Wenn die Seele gesund ist, so ist der ganze Mensch gesund, und wenn kein gesundes Glied an ihm wäre. Fröhlichkeit und Mut und Friede — alles hängt von der Seele ab. Aber auch die äußeren Umstände und Schicksale. Es gibt Manchen, dem es schlecht geht im Leben, der immer Unglück hat und mit niemandem auskommt, und es ist durchaus nicht sein Pech oder sein widriges Geschick daran schuld, wie er wohl meint, sondern seine Seele ist krank. Es gibt sogar körperliche Krankheiten, die von klugen Ärzten sofort erkannt werden als das, was sie sind, als Folgen eines seelischen Übels. Und wieder sehen wir Manchen, der so flott und sicher seinen Weg durchs Leben geht, der Alles auf die rechte Weise anzugreifen weiß, der mit Allen auskommt, und wir beneiden ihn, wir denken: wie ist das nur möglich, wie bringt ers auch nur fertig, und geraten auf allerlei falsche Vermutungen, während die Wirklichkeit ganz einfach ist: der Mann ist gesund, gesund an der Seele. Denn wie unsere Seele ist, so sehen wir die Dinge, die Menschen, die Welt an. Und wie wir sie ansehen, so wirkt sie auf uns, und so wirken wir auf sie. Gute und böse Erfahrungen, die wir im Leben machen, sind immer mehr oder weniger ein Spiegelbild unserer eigenen Seele. Wie wir sind, so haben wir es auch in tausend Fällen. Unsere innere Art zieht von selbst ganz bestimmte Erfahrungen herbei. Hätten wir eine andere innere Art, so würden wir auch andere Erfahrungen machen. So hängt Alles aneinander. Wenn Einer sagen kann: meine Seele ist genesen, so ist das so ziemlich das Erfreulichste, was ein Mensch von sich selber sagen kann.

Habt ihr gesehen, wie traurig und trostlos unsere ganze Gegend ausgesehen hat bei der langen Regenzeit? Es war, wie wenn jeder Baum, jedes Gras hätte sagen wollen: aber das kann doch nicht so bleiben, das ist doch nicht das Richtige in dieser Jahreszeit. Und da hat sich all das verschiedene Grün der Matten, der Gärten, der Bäume, der Wälder in ein trübes, gleichförmiges Grau verhüllt. Und dann kamen diese strahlenden Sonnentage. Und die ganze Gegend war dieselbe, bis aufs letzte Gräslein, |342 und doch war sie eine ganz andere geworden. Jetzt wars, wie wenn plötzlich ein jedes Ding hätte sagen wollen: seht, so bin ich eigentlich, und hervor trat das innere Wesen aus der grauen Hülle. Die Matten bekamen den eigentümlichen Schimmer wie glänzender Sammet, als ob sie hätten rufen wollen: jetzt ists Zeit, uns zu schneiden! und das wüsteste Haus bekam etwas Festliches zum Ansehen und strahlte mit ein paar Scheiben, so gut es konnte. Und die Eisenbahnschienen und die Telegraphendrähte konnten auf einmal funkeln. Und der Wald stand plötzlich so duftig da mit blaurotem Schatten, und die fernsten Hügel und Berge riefen herüber: wir sind auch noch da, und über Allem ein Himmel, so blau und fröhlich, als ob er gar nicht anders könne.

Seht, so ists, wenn ein Mensch eine gesunde Seele bekommt. Was heißt das? Das heißt: die Sonne ist durch die Wolken gebrochen. Und das ist doch das Natürliche, das Normale. Wolken und Regen müssen ja auch sein, aber doch nur zwischenhinein. Wir leben nicht vom Regen, obwohl wir ohne den Regen nicht sein könnten, sondern wir leben von der Sonne. Licht und Wärme, Lebenskraft in Pflanzen, Tieren und Menschen, das alles kommt von der Sonne. Der Sonnenschein ist das Eigentliche, das Natürliche. Wir atmen auf, wenn er wieder da ist. Und so ist das die Gesundheit der Seele, wenn das Eigentliche, Natürliche, Normale in uns wieder zum Vorschein kommt. Gesund sind wir, wenn wir wieder sind, was wir sein müssen nach unserer innersten Natur, und sonst gar nichts. Gesund sind wir, wenn wir uns entfalten und entwickeln können, nach unserer Art, ruhig, aber auch stetig und ungehindert wie eine Tanne in gutem Erdreich, der man so viel Raum gemacht hat, daß sie wachsen und wachsen kann, dem Himmel entgegen. Das ist die Bestimmung, die Gott uns gegeben hat. Oder wie das Wasser im Gebirge wohl aufgehalten und abgeleitet werden kann, es strebt doch immer wieder kraft der ihm innewohnenden Schwerkraft dem Fluß, dem Strom, dem Meer zu, so wohnt dem Menschengeist ein Streben inne, und dieses Streben ist das Göttliche in ihm, und wenn er diesem Streben nachgibt, dann ist er gesund. Und wenn wir in diesem Streben gehindert |343 sind, wenn wir nicht sein können, was wir sein müßten und im tiefsten Grunde so gern sein möchten, dann sind wir eben krank.

Es gibt so viele arme, kranke Menschen, die, wie ich sagte, ein Hindernis mit sich herumschleppen, das ihnen immer wieder vor die Füße kommt. Es gibt gar viele solche Hindernisse. Ich kann nur einige aufzählen: du hast gegen einen anderen Menschen etwas auf dem Gewissen, wie es bei Jakob war, du kennst einen, der von dir beleidigt, betrogen, enttäuscht worden ist, und du weißt: ich habe es nie gutgemacht. Das liegt dir im Wege, das hindert dich, innerlich froh und getrost zu leben, das macht dich krank. Wie kann ich gesund werden? fragst du! Bei dir ists vielleicht umgekehrt: dir hat ein Anderes etwas zuleid getan, du hörst noch jetzt das böse Wort, siehst die böse Tat, spürst die bösen Folgen, immer wieder; du kommst nicht dazu, fröhlich zu sein und eimmal getrost aufzuatmen, nein, du mußt immer denken: der oder die, die sind so und so mit mir gewesen. Auch du bist krank, auch du möchtest gesund werden. Aber wie? Und auf dich wartet da aus irgend einem Jahr deiner Vergangenheit eine Lebensaufgabe, die du mit frischem Mut hättest angreifen sollen, und dann mochtest du nicht und legtest sie auf die Seite, wie man etwa eine unbezahlte Rechnung mißmutig in eine Schublade stößt. Aber sie ist immer noch da, du weißt es sehr gut. Sie ist noch da, auch wenn du längst nicht mehr nachholen kannst, was du einst versäumt hast. Es lastet auf dir das Bewußtsein: Noch nicht, noch nicht getan, was ich hätte tun müssen, und läßt dir keine Freude und keine Ruhe. Krank, krank bist du an der alten Geschichte. Und du hast dich einmal, vielleicht noch nicht so lange, einem guten Einfluß entzogen. Du hättest die Tür deines Herzens weit auftun sollen für einen guten Gedanken, aber du warst zu klein, zu schwach, du machtest schnell wieder zu voll Angst, du wolltest bleiben, was du warst. Meinst du, so etwas gehe vorüber? Meinst du, dein Leben könne tüchtig, freudig, kraftvoll sein nach solch einem Torschluß? Nein, du bist seit damals krank, seelisch krank; in ganz stillen Stunden kommt der Gedanke unwiderstehlich da|344her: O hätte ich doch damals … es fehlt dir eben etwas, es ist eben etwas nicht da, was natürlicherweise da sein müßte!

Das sind nur einige Beispiele, wie man krank sein kann. Such dir deinen Fall selber. Frag dich selbst: was ist bei mir im Wege, daß ich nicht einfach und schlicht sein kann, was ich sein sollte und sein könnte, ein fröhliches Gotteskind? Es ist ganz sicher etwas da. Du bist krank, so gut wie dort Jakob, du bist ja auch so ängstlich, so verzagt, so unzufrieden, so aufgeregt, so verbittert. Such die Ursachen nicht außer dir! Klage nicht über die Anderen und noch weniger über Gott, der dich so geführt hat. Deine Seele ist krank. Du selbst mußt ein Anderer werden. Wenn man das könnte, nicht wahr? Wenn man gesund werden könnte! Wenn die Sonne durch die Wolken treten würde, daß Alles fröhlich und goldig wird! Wenn ich es dazu brächte, anders in die Welt zu sehen, Anderes, Besseres zu erfahren und zu erleben, anders die Sachen anzupacken, mit den Menschen zu verkehren, mich selbst zu bewachen und zu erziehen! Wenn die Tanne sich emporstrecken dürfte, pfeilgerade in den Himmel hinein, wenn der Bach hinunterstürzen dürfte, jubelnd hinein in die Arme des ewigen Meeres! Gesund werden! Wer das könnte!

Wie ist es Jakob gegangen? Er hat einen Kampf durchmachen müssen. Durch den Kampf wurde er gesund. Alles Andere hätte ihm nicht geholfen. Die schönsten Worte und die reichsten Geschenke nicht, die er dem Esau gab. Auch uns hilft nichts Anderes, als daß wir durch diesen Kampf hindurchgehen. Wir meinen meistens zuerst, wir müßten es auf eine andere Weise probieren. Wir fassen einen guten Vorsatz, wir eröffnen uns irgend einem neuen Gedanken, der uns eigentlich fremd ist, wir suchen über einen Fehler Meister zu werden, wir raffen uns auf und versuchen ein freundliches Wort oder eine gute Tat an einem Ort, wo wir es bis dahin nicht gewohnt waren. Viele Menschen versuchen es auch damit, daß sie wieder einmal in die Kirche gehen, wieder einmal in der Bibel lesen, wieder einmal beten wollen. Und denken dann, daß nun sofort die Sonne aufgehen und Alles gut werden müsse. Irrtum, es hilft dir Alles nichts, bevor du durch den Kampf hin|345durch bist. Wieviele gute Vorsätze sind schon gefaßt, wieviele Anläufe wirklich genommen worden, wie mancher hat auf einmal angefangen mit Beten und Bibellesen, und so viele endigten mit einer Enttäuschung und wurden nicht gesund.

Wer kämpft denn da in diesem Kampf? Gott auf der einen Seite, der Mensch auf der anderen. Das ist ja der tiefe Sinn der Jakobsgeschichte. Gott tritt dem Menschen einmal entgegen, und nun fragt es sich, wer Meister bleiben soll. Das sind die gewaltigen seligen, schweren Augenblicke, wo diese Frage an uns herantritt, wo wir uns entscheiden müssen, wo Gott uns zwingt zur Entscheidung. Bei Jakob geschah es dort durch die stille einsame Nacht, in der er seinem Schicksal entgegengehen mußte mit all den Seinigen, in der ihn die Furcht noch einmal so ganz gewaltig packt vor all dem, was kommen kann. Da stellt ihn Gott und läßt ihn nicht los: Sag, was ists eigentlich mit dir, was bist du und was willst du? Vielleicht, daß Gott uns in einem ganz ähnlichen Augenblick packt, in einem Augenblick, wo wir einer Entscheidung entgegengehen und unser Herz daher offener ist als sonst. Oder vielleicht, wenn wir gerade ganz darniedergeschmettert sind von einem Verlust oder einem anderen Unglück, das uns betroffen. Oder wenn wir allein sind, wenn man uns ringsum mißversteht und gegen uns ist, wenn wir vor allen Menschen fliehen, Alle hassen möchten. Oder, wenn wir uns durch eigene Schuld in eine recht schlimme Lage gebracht haben, nicht mehr vorwärts und nicht mehr rückwärts wissen und gar nicht begreifen: Wie habe ich auch gekonnt! Oder, wenn wir auf einmal den Ekel bekommen vor uns selbst, vor unserer Trägheit oder Leidenschaft oder Härte oder Torheit. In solcher Stunde kommt Gott zu uns, und jetzt muß sichs entscheiden. Wohlverstanden, ich muß es noch einmal sagen: nicht darauf kommt es jetzt an, nicht darum handelt es sich jetzt, daß wir irgend ein Entschlüßlein fassen, daß wir da und dort etwas verbessern in unseren Gedanken oder in unserem Leben. Wir können Gott jetzt nicht erledigen damit, daß wir irgend etwas Gutes denken, sagen oder tun, laß jetzt nur Alles stehen und liegen, du brauchst jetzt zunächst gar nichts zu tun, |346 jetzt entscheidet sich etwas viel Tieferes, Wichtigeres: Gott oder Ich, das ist jetzt die Frage. Woher kommt die Krankheit deiner Seele, warum bist du nicht glücklich und stark, warum scheint die Sonne nicht in deinem Leben? Weil du Ich sein wolltest, statt Gottes zu sein. Alle Fehler, die wir begangen und an denen wir jetzt leiden, kommen daher, daß wir uns an unser Ich klammerten, an das werte «Ich möchte», «Ich wünsche», «Ich bin», «Ich denke», «Ich finde», «Ich möchte jetzt sagen». Und wenn wir immer noch leiden, immer weiter leiden, kommt es daher, daß wir immer noch unter dieser verderblichen Herrschaft stehen. Willst du frei werden davon?, fragte Gott Jakob in jener dunklen einsamen Nacht. Willst du frei werden davon?, fragt er auch uns in jener dunklen und doch so segensreichen Stunde, wo er uns nahekommen kann, weil wir schwach sind. Und da antwortet nun Jakob und da antworten auch wir zunächst: Nein, das wollen wir nicht! Wir sind zu sehr gebunden und gewöhnt an unser Ich-Wesen. Wir wissen ja schon, daß wir unglücklich sind, und auch warum wir es sind. Aber wie sollte es anders sein? Kann man denn los von sich selber? Kann man etwas anderes werden, als man nun einmal ist?

Und nun erhebt sich ein erbitterter Widerstand. O, wie hassen wir da unser Unglück, unsere schlimme Lage, die uns zwingt, Gottes Stimme zu hören! Das ist das Allerärgste, nicht das, was uns sonst widerfährt, aber das, daß wir jetzt Gottes Kraft so verspüren müssen, der uns unser Ich entreißen will. Und nun schlagen wir aus und suchen aus der üblen Lage herauszukommen, möchten unser Schifflein um jeden Preis wieder schwimmen sehen, möchten irgendwie wieder günstig dastehen, nicht um des äußeren Vorteils willen, aber weil wir denken, wenns mir wieder gut geht, dann läßt uns Gott in Ruhe, dann brauchen wir seine Forderung nicht mehr zu hören. O, wie hassen wir in solchen Zeiten die Menschen, die uns vielleicht in guter Meinung gerade das sagen, was wir im Grund unseres Herzens so gut, nur zu gut wissen! Braucht der mirs auch noch zu sagen? Schweig doch, schweig doch!, denken wir, sagen wir, nicht, weil wir ihnen Unrecht geben könnten, nein, |347 weil sie so recht haben und damit Gottes gewaltige Stimme noch lauter tönen lassen. O, wenn wir ihnen entrinnen könnten oder wenn es uns gelingt, ihnen auch einen Fehler nachzuweisen in ihrem Leben, wie froh sind wir, mit welchem Jubel fallen wir darüber her: siehst du, du bist auch kein Heiliger! Es ist nicht Schadenfreude im Grunde, nein, wir wollen uns damit retten vor Gott, der uns von allen Seiten so eindringlich anklagt und angreift. Und nun geht der Kampf hin und her. Immer wilder und zäher setzen wir uns zur Wehr: Ich habe doch recht! Ich fahre doch fort wie bisher! Ich bleibe doch was ich bin! Wir sträuben uns mit Händen und Füßen gegen das, was da an uns herankommen will. Und schon sieht es aus, wie wenn wirs gewinnen sollten! Endlich, denken wir, bin ich ihn los, den Großen, Übermächtigen, endlich wird es still, schläft mein Gewissen ein, hat mein Herz einen tröstlichen Gedanken und Grund gefunden, um sich Gott nicht ausliefern zu müssen. Die Morgenröte naht, der Kampf geht seinem Ende entgegen, werden wir nun Gott wirklich los sein, werden wir wieder frei sein, unseren eigenen Weg zu gehen, der uns so glücklich und so unglücklich macht?

Da geschieht ein merkwürdiger Umschwung. Es geschieht etwas, was wir am wenigsten erwartet haben. Gott zwingt uns nicht, er erdrückt uns nicht, er macht uns nicht mit Feuer und Schwert zu seinen Sklaven. Der Gehorsam, den er von uns haben möchte, muß Freiheit sein. Aber in uns selbst ist bei allem unserem Wahn und Streben gegen Gottes Willen etwas ganz Neues erwacht, eine tiefe, sehnsüchtige Wehmut, ein heißes Verlangen nach dem, den wir da mit allen Kräften von uns stoßen. Je mehr wir uns wehren, desto mehr wächst dieses Verlangen, je heißer wir bleiben wollen, was wir sind, desto sehnsüchtiger sehen wir hinüber nach ihm, der so viel mehr ist als wir. Ich, Ich! rufen wir, denken wir, und Gott, Gott! weint und schluchzt unsere gepeinigte Seele. Soll nun das das Ende sein, daß Alles im Alten bleibt, [daß ich] deutlicher als je spüren [muß]: das, was ich jetzt bin, das ist Krankheit, Leiden, Unglück, und nun soll ich das bleiben, nun soll ichs gewonnen haben — nein, nein, das |348 kann nicht sein, so darf diese Stunde nicht enden: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Ja, warum haben wir denn gekämpft? Gegen Gott, nicht wahr, und für uns selbst, für unsere Art, unsere Wünsche, unser Wesen, und siehe da, auf dem Höhepunkt des Kampfes, als wir eben meinten zu gewinnen, da prallten wir zurück, da sahen wir ein: dieser Sieg wäre die schrecklichste Niederlage, wenn ich jetzt siege, über Gott siege, dann muß ich auf ewig krank und traurig sein, dann kommt die Sonne nie mehr aus den Wolken. Und jetzt haben wir nur noch einen Wunsch: o, nicht zu Ende zu sein mit der seligen Berührung mit Gott, die wir in dieser furchtbaren Stunde erlebten! Mehr sehen, spüren, erfahren von dem Großen, Heiligen, Herrlichen, der uns da gegenübersteht! Nein, ich will ja nicht mehr Ich sein, ich will ja, daß du herrschest in mir, daß du mich erfüllest, daß dein Wille in mir geschehe. Und wir sind unterlegen, in voller Freiheit von uns aus unterlegen, Gott wurde uns zu groß, zu notwendig. Was da unterlegen? Diese Niederlage ist unser wahrer Sieg. Mit Menschen und mit Gott hast du gekämpft und bist obgelegen. Du hast das Ich besiegt, indem du Gott besiegen wolltest.

Seht, das ist der Kampf, durch den wir gesund werden. Es fehlt uns nicht an Stunden, die uns zu solchen Gottesstunden werden können. Machen kann man sie ja nicht, sie müssen von selber kommen. Aber je trauriger wir uns fühlen, je dunkler es uns zu sein scheint um uns her, desto sicherer kommen sie. Vielleicht bist du schon mitten drin in dem großen Kampf zwischen Gott und deinem Ich. Es fragt sich jetzt nur, ob du erkennst, worum es sich handelt, ob du erkennst, daß du unterliegen mußt, um zu siegen, ob du erkennst, daß dein «Ich will nicht!» sich auflösen muß in ein innig verlangendes: Ich lasse dich nicht … Wenn du das erkennst, so wird auch deine Seele genesen und du wirst ein fröhlicher und glücklicher Mensch werden.

Amen.