Predigt: Matthäus 23,37
Warum sind wir alle nicht glücklichere, fröhlichere Menschen? Warum leuchtet aus so vielen Augen die Unruhe und die Unzufriedenheit, und warum reden so viele Lippen so viel Bitteres? Warum ist so viel Zank und Gleichgültigkeit und Kälte unter uns, warum so wenig Begeisterung und guter Wille? Wie kommt es, daß es soviel kleinliche, beschränkte Gedanken gibt in unseren Köpfen und Herzen und daß wir so ganz von ihnen beherrscht werden? Warum ist das Leben so Vielen von uns eine |326 Last oder ein Rätsel oder etwas ganz Gleichgültiges, statt daß es uns eine Freude und eine ernste Aufgabe wäre? Warum sind wir Tag für Tag, Jahr für Jahr immer die gleichen Leute von
Wir haben am letzten Sonntag davon geredet, daß das durchaus nicht so sein muß. Wir haben gehört, daß wir allen Anlaß haben, Gott von Herzen dankbar zu sein. Gott ist das Gegenteil von einem solchen Leben in Kleinlichkeit, Bosheit, Mißverständnis und Jammer. Gott ist die Größe, die Liebe, die Klarheit, die Freude, und das alles nicht als ein schöner Traum, nicht als eine kluge Pfarrermeinung fürs Krankenbett und für die Kinder, sondern als eine Wahrheit und Wirklichkeit so gut wie die goldene Sonne und das blaue Himmelszelt. Überall strahlt er in unser Leben hinein auf die mannigfaltigste Weise, überall redet er mit uns, sagt uns: Sieh, da bin ich und so bin ich, so gütig, so wahr, so gerecht, so selig, da bin ich und da hast du mich. Und wenn wir ihn dann annehmen, so fängt etwas Wunderbares, Neues bei uns an. Indem wir Ja sagen zu ihm, färben seine herrlichen Eigenschaften auf uns ab, ein neues höheres Leben fängt an in |327 uns, wir können nur noch den Kopf schütteln über die greisenhafte Meinung, wir müßten immer gleich unvollkommen und unbefriedigt bleiben. Nein doch! Wir spüren, wie bessere Wege und Lichter sich uns zeigen, wie höhere Kräfte uns durchströmen, wie wir dazu kommen, Alles hinter uns zu lassen, Ungutes zu überwinden. Und dann bekommen wir auch eine ganz neue Zuversicht zum Leben, wir können viel mehr ernst machen mit unseren Pflichten, wir können viel getroster herangehen an unsere Hindernisse, und die Augen gehen uns auf, daß wir noch viel mehr Quellen göttlicher Kraft und göttlicher Freude links und rechts an unserem Weg entdecken. Wir bekommen dann auch den Glauben und die Hoffnung, daß der Unfriede und das Unrecht und die Gewalt nicht immer herrschen müssen in unseren Lebensverhältnissen, auch im Leben der Völker, daß das Zusammenleben der Menschen nicht ewig vergiftet sein wird durch die Selbstsucht und durch die Lüge, daß es Heilskräfte gibt, die das Gift einmal aufzehren und vertilgen werden, und wenn wir auch nicht meinen, daß alle Ungerechtigkeit und alle Not und alle Tränen auf einmal aufhören können, so sehen wir doch sehr deutlich einen besseren Morgen tagen, an dem das alles nicht mehr sein wird, weil das Alte vergangen ist [vgl.
Aber woher kommt es nur, daß trotzdem all jenes Andere einfach da ist, so sicher, daß uns manchmal der Teufel viel lebendiger zu sein scheint als der lebendige Gott? Seht, da ant|328wortet auch uns jenes Wort, das Jesus vor der Gottesstadt
Aber es kam anders. Sie wohnten wohl im Gottesland und in |329 der Gottesstadt, die Juden, sie erlebten Zeichen und Wunder wie kein anderes Volk, aber sie wurden dabei keine Gottesmenschen, kein Gottesvolk. Wir merkten nichts davon, daß sie wirklich glücklicher und besser gewesen wären als andere: Leidenschaft und Habsucht und Grausamkeit, Jammer und Herzeleid gab es bei ihnen so gut wie bei den Anderen.
Auch für uns! meine Freunde. Das ist die tiefste Ursache und im Grunde die einzigste Ursache alles Traurigen und Bösen in unserem Leben, daß wir immer wieder den Segen Gottes verlorengehen lassen. Gott wirkt und schafft ohne Ende, wir aber wollen nicht, und so wird unser Leben zu einer Enttäuschung. Es ist eine |331 böse und gefährliche Heuchelei, wenn wir gegenüber so Vielem, was nicht gut ist, gegenüber so viel Jämmerlichkeit und Gemeinheit, [wie] wir sie um uns her und bei uns selbst wahrnehmen müssen, gegenüber so viel Unzufriedenheit und Unordnung im Großen und im Kleinen immer nur das Sprüchlein wissen: Ja, das ist nun eben so, so ist das Leben! Nein, so ist das Leben nicht, so muß es nicht sein, aber so sind wir Menschen, das ist wahr. So undankbar sind wir im tiefsten Grund, so unfähig und unwillig, Gottes Gnade anzunehmen und in seiner Kraft sofort ganz andere Menschen mit einem ganz anderen Leben zu werden. Wir wollen nicht, wir lassen uns den Segen Gottes entgehen. Wie oft ist es uns so gegangen!
Siehe, da ist Gott sehr gütig mit dir gewesen. Vielleicht, daß er dir aus schwerer Not geholfen hat. Vielleicht hat er dir ein großes Glück geschenkt. Dein Herz konnte wieder froh werden, alle Schatten mußten weichen, du konntest getrost in die Zukunft blicken. Gnadenzeit, große Gnadenzeit, verstehst dus wohl, so gut, wie für die Israeliten, als sie aus Ägypten frei wurden oder als Gott sie in der Wüste speiste [vgl.
Ein anderes Mal hat Gott dich fehlen und fallen lassen. Vielleicht hast du einen groben Fehltritt getan, vielleicht bist du nach |332 und nach in eine falsche Richtung gekommen. Du mußtest dich schämen: wie weit ists mit mir gekommen, wie tief bin ich gesunken, du durftest die Augen nicht mehr aufschlagen vor den Anderen, die ehrlicher, tapferer waren als du, du hattest die Achtung vor dir selbst verloren. Eine Gnadenzeit, lieber Freund, obwohl du sie sicher nicht gut in Erinnerung hast. Sieh, in solchen Erlebnissen ist viel Segen Gottes verborgen, für den wir ihm dankbar sein sollten. Hat
Und wieder einen anderen Segen hat Gott dir gegeben durch einen feinen, tüchtigen, tiefen Menschen, den er dir über den Weg geführt hat. Es fehlt auf keinem Lebensweg ganz an solchen Menschen, die wir als Gottesboten ansehen müssen, wenn wir sie recht verstehen, vielleicht daß sie uns durch ihr ganzes Leben |333 Vorbilder gewesen sind, vielleicht daß uns eine bestimmte Eigenschaft an ihnen etwas Großes zu sagen hat, vielleicht daß sie durch ein einziges Wort, durch eine einzige Tat Licht auf unseren Weg warfen. Wir spüren unmittelbar: das ist gut! Wir spüren etwas, das uns mitreißen will! Wir ahnen etwas von einem besseren, überlegenen Leben, zu dem wir auch bestimmt wären. Sieh, wo du das ahnst, da hast du einen Propheten vor dir, und wenn es schon nur ein armer sündiger Mensch ist wie du selbst.
334 Meine Freunde! Auch in der Geschichte der Menschheit gibt es solche besonderen Gnadenzeiten, wo Gott besonders kräftig mit uns redet und an uns arbeitet, wo besonders viel von seinem Segen für uns zu holen wäre. Die Reformationszeit war eine solche Gnadenzeit. Ganz neu und herrlich trat da Gott hervor und bot sich selbst den Menschen an: da bin ich, nehmt mich auf! Da hat es Völker gegeben, die ihn verstanden, die sich erfassen und bewegen ließen von dem neuen Zug des Geistes, und die empfingen den Segen Gottes und empfangen ihn bis auf den heutigen Tag. Andere Völker spürten nichts davon, wollten nichts davon spüren, sie verschlossen sich hartnäckig in das, was sie gewohnt waren, und die große Zeit ging vorüber, sie empfingen den Segen Gottes nicht, sie sind bis auf den heutigen Tag krank davon, daß sie nicht hören wollten, was Gott durch
Vielleicht leben wir auch heute in einer größeren, wichtigeren Zeit, als wir es selber ahnen. Gewaltiges geht vor in der Welt. Überall sehen wir die Menschen auf der Suche nach neuer Wahrheit und neuem Recht, unter Irrtum und Kampf und Leiden, gewiß, aber sie suchen. Man klagt viel darüber, wie die Zeiten böse und die Menschen schlecht geworden seien gegen früher. Ich will nicht davon reden. Aber das ist sicher: es ist heutzutage mehr, viel mehr Sehnsucht und Hoffnung nach Vollkommenheit in der Menschheit als noch vor einem Menschenalter, viel mehr Glaube an den Sieg des Guten und ehrlicher Wille, das Gute zu tun. Und von Jesus wissen wir, daß den Sehnsüchtigen, den Hoffenden das Himmelreich gehört. Gehören wir auch dazu, meine Freunde, zu den Sehnsüchtigen und Hoffenden unserer Zeit, zu denen, die etwas glauben und wollen, die den Mut haben, einem Ideal zuzustreben, das höher steht als das, was die Ersten Besten so nennen? Merken wir überhaupt etwas von dem großen Zug nach Licht und Freiheit, nach Frieden und Kraft, der durch unsere Zeit geht, oder verschließen wir uns ängstlich in unserem kleinen Kreislein von Leuten und Gedanken und sind froh, wenn wir von allem Neuen unberührt bleiben? Laßt uns daran denken, daß alles Gute |335 im Neuen aus Gott stammt und daß wir uns gegen Gott wehren, wenn wir uns gegen das Neue wehren, das heutzutage doch unaufhaltsam und an allen Enden kommt. Wollen wir unsere Zeit, die sicher eine Gnadenzeit ist, erleben, wie die Spanier und Italiener die Reformationszeit erlebt haben, fern und abgeschlossen, gleichgültig und feindselig? Wir würden es zu unserem eigenen Schaden tun. Wenn wir steckenbleiben wollen in all unserer Kleinlichkeit und Unordnung, in all dem Unbefriedigenden und Unguten, das unser Leben heute an sich hat, innerlich und äußerlich, dann müssen wir nur fortfahren damit, uns so ängstlich zu wehren gegen alles Ungewohnte, gegen jeden frischen Luftzug, gegen jede Möglichkeit, einmal neue Wege zu gehen. Gott bewahre uns vor solcher Versäumnis, ehe es zu spät ist! Gott bewahre uns überhaupt vor der Undankbarkeit, vor dem verbohrten Neinsagen, mit dem wir uns selber zugrunderichten! Jerusalems Schuld und Schicksal soll uns eine Mahnung sein.
Es gibt freilich allerlei Arten von dieser Undankbarkeit Gottes lebendigem Wort gegenüber, allerlei Arten, uns zu verschließen, zu sagen: Wir wollen nicht! Nicht immer tönt es so bestimmt und aufrichtig, wie Jesus es da den Leuten von
Wieder Andere leiden nicht am Übertreiben, aber am Übertönen. Sie meinen, auf jeden starken Eindruck müßten sie antworten mit etwas noch Stärkerem. Im Gespräch erkennt man sie sogleich daran, daß sie ohne Weiteres das Gespräch an sich reißen, und nun soll der Andere nur hören, immer nur hören, und der Mund der Weisheit fließt und fließt … Sie können beim Anblick einer schönen Landschaft die längste Rede halten über irgend etwas Anderes. Sie haben das Bedürfnis, wenn es ihnen gut geht und wenn es ihnen schlecht geht, eine Unmenge Worte auszustoßen, dahin und dorthin zu laufen, sie haben eine beneidenswerte Gabe, wenn ihnen etwas unangenehm ist, von etwas Anderem anzufan|337gen — sie benehmen sich überhaupt beständig so, wie wenn sie mit einem unsichtbaren Feind kämpfen würden. Und das tun sie denn auch, sie kämpfen gegen Gott. Ganz sicher kann Gott mit solchen Menschen nicht reden, ihnen nichts schenken. Sie sind ja beständig daran, etwas vorzuschieben, etwas auszuweichen, sie bauen aus Worten und Worten ganze Mauern, ganze Pyramiden — und tun damit sich selbst so bitteres Leid an. Sie hören schließlich wirklich Gottes Stimme nicht mehr in dem Getöse, das sie selbst verursacht [haben].
Und wieder Andere sind so schrecklich vergeßlich. Ich meine jetzt natürlich nicht das schwache Gedächtnis. Dafür kann niemand etwas. Aber es gibt Menschen, die wollen vergessen, die wollen beständig Alles, was sie erleben, sofort wieder zum Alten legen. Nur weiter, nur immer weiter, nur nicht nachdenken, nicht tiefer eindringen, nichts gründlich nehmen. Sie haben die größte Angst davor, daß etwas sie ergreifen und festhalten und in die Tiefe ziehen könnte. Wie auf der Flucht leben sie. Oder wie im Kinematograph sitzen sie da und lassen die Bilder des Lebens da an der Wand an sich vorbeischnurren. Wieder ein Bild vorbei, man reibt die Augen, man sieht die Wand leer, man denkt schon wieder an etwas Anderes — da, ein neues Bild!! Wer so lebt, wer so leben will, der kann Gottes Gaben nicht empfangen. Gott muß man eindringen, muß man Wurzel schlagen lassen: etwas Beständiges, Festes muß entstehen zwischen ihm und uns, wer das nicht will, wer immer nur vergessen, weiterrollen will, von einem zum anderen, der will überhaupt Gott nicht.
Wir könnten noch mehr solche Mauern nennen, mit Gott fertig zu werden, grobe und feine. Es kommt immer aufs selbe hinaus. Es steckt in dem allen die Absage: wir wollen nicht! Wir wollen nicht mit auf den Weg des Vertrauens und der Liebe zu dem, der uns ruft! Wir wollen lieber bleiben, wie wir sind. Alle die Fehler, die ich vorhin nannte, sind nur Kennzeichen des inneren Widerstandes, den wir Gott leisten. Wir alle haben diese Fehler mehr oder weniger, wir alle haben schon auf diese oder jene Art oder auf alle Arten Gott von uns abgewehrt. Wenn wir einmal |338 diesen Widerstand aufgeben werden, dann werden auch diese Fehler alle ganz von selbst verschwinden. Mißtrauen und Unwahrheit, Eitelkeit und Oberflächlichkeit sind nur möglich, wo man gegen Gott kämpft, sie sind Waffen in diesem merkwürdigen, gefährlichen Kampfe. Wenn Gott es gewonnen hat, sind sie nicht mehr da.
Es wäre traurig, wenn wir damit schließen müßten, Jesus Recht zu geben, wenn er auch uns sagt: ihr habt nicht gewollt! wahr ist es zwar, aber es braucht nicht dabei zu bleiben. Es kann sich das Nein in ein Ja verwandeln, und unzähligen Neinsagern ist das schon so gegangen. Sie trotzten, sie wichen aus, sie drückten sich auf alle mögliche Weise vor dem göttlichen Leben, das in sie einströmen wollte, schließlich aber zerbrachen sie. Es kann uns nichts Besseres widerfahren als diese Niederlage. Und da ist es nun derselbe Jesus, der uns so ernst von unserem Nein redet, der uns am besten anleitet zu dem großen Ja. Er ist uns vorangegangen damit. Sein ganzes Leben war ein großes Ja Gott gegenüber. Schließlich aber ist das eine Sache, die sich ganz zwischen jedem Einzelnen von uns und seinem Gott vollziehen muß, die Entscheidung, ob wir wollen oder nicht wollen. Keine Macht der Erde kann dich zwingen in dieser Sache. Und keine Macht der Erde kann dir die Verantwortung dafür abnehmen. Aber du hast die Verantwortung dafür. Und du hast die Macht, aus tiefstem Herzen ja zu sagen, Gottes Gabe anzunehmen und selig zu werden.