14. Juni 1914

Predigt: Psalm 103,2

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Psalm 103,2
Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!
Liebe Freunde!

Wir sind so oft undankbar. — Undankbar! Das ist einer von den Vorwürfen, die wir am wenigsten gern hören. Lieber noch: du hast gelogen! du bist ungehorsam gewesen! du hast mir weh getan! Aber: du bist undankbar!, das hat etwas unvergleichlich Bitteres und Schmerzliches, wenn man sich das muß sagen lassen. Wir spüren es schon als Kinder, daß da etwas Schweres darin liegt, und je älter wir werden, desto mehr spüren wir es. Zugleich an einem Anderen und an uns selbst verfehlen wir uns da, ganz gemein |315 und verächtlich machen wir uns. Etwas Gutes ist uns getan worden, und wir haben es nicht anerkannt, nicht erwidert, wir haben dem Anderen nicht Treue gehalten und damit uns selbst nachträglich unwürdig gemacht. Wir verdienten es nicht, daß es uns gut ging. Wir müssen uns schämen.

Ich meine jetzt aber nicht nur die Undankbarkeit Menschen gegenüber, die gehört allerdings auch dazu, aber sie ist lange nicht das Ganze. Es gibt etwas viel Schwereres. Es gibt eine Undankbarkeit dem Leben gegenüber oder, wenn wir es noch tiefer und richtiger ausdrücken wollen, eine Undankbarkeit Gott gegenüber, der uns unser Leben geschenkt hat, der es fügt und leitet nach seinem Willen und uns mit Allem so viel Gutes tut — und wir anerkennen und erwidern es nicht. Das ist eine der allerschwersten Sünden, und wir begehen sie sehr oft; wir sind eigentlich immer ein wenig darin. Damit scheiden wir uns von Gott und verderben uns selbst unser Leben, das so schön und glücklich sein könnte. Auf der anderen Seite ist das eine der größten Gnaden, die ein Mensch haben kann, wenn er lernt und gelernt hat, dankbar zu sein. Da wird seine Verbindung mit Gott echt und stark, da wird sein Leben schön und kraftvoll und friedlich. Laßt uns heute hören, was uns das Psalmwort zu sagen hat: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat! Wir haben es nötig, das zu hören.

Lobe den Herrn, meine Seele! Ja haben wir denn Grund dazu? Ja, wir haben allen Grund dazu! Ich auch? fragst du. Ja, du auch! Es gibt nichts Naheliegenderes, nichts Dringenderes für uns, als den Herrn zu loben. «Loben» heißt ja, ganz besonders Gott gegenüber, nicht Worte, schöne Worte machen. Da kann keiner sich entschuldigen: ich habe keine Zeit dazu, und ich weiß nicht, wie ichs anstellen soll. Gott loben ist nicht ein Werk unserer Hände oder Lippen, sondern ein Zustand unseres Herzens. Wir könnens tun mitten in aller Arbeit und Beschäftigung. Wir könnens tun ohne Bibelspruch und Gesangbuchverse, wenn uns die zu schwer sind. Gott den Herrn loben wir, wenn wir von ganzem Herzen und in vollem Ernst seine Größe anerkennen und dann so recht |316 aufrichtig mit Freude erfüllt sind. Das ist das Lob, das Gott von uns verlangt, ein anderes begehrt er nicht. Wer diesen Herzenszustand kennt und hat, der ist mit Gott im Bunde und auf dem rechten Weg zu ihm, auch wenn er sonst ein schwacher, unvollkommener Mensch ist. Und der lebt wahrhaftig, frei, glücklich, selig, seine Tage haben einen Inhalt und ein Ziel. Denn alles Andere, was es sonst braucht, um zu tun, was vor Gott recht ist, und zu einem solchen wahrhaftig glücklichen Leben, alles Andere fließt ja aus dem Einen. Stark sein in der Verführung, geduldig, wenns bös geht, festen Willen haben zu großen Lebensaufgaben, rechte Liebe zu den Schwachen und Törichten, sicher bleiben, wenn die Menschen um uns her schwatzen und tosen, sich die tiefe Zuversicht und den wahren Frieden nicht nehmen lassen durch alle oberflächlichen Dinge und Zerstreuungen, Meister sein über sich selbst und immer wieder sicher in seinem Ziele, das alles kommt und ist da, wenn das Eine kommt und da ist bei uns: die schweigende, innerliche Erkenntnis von der Majestät des verborgenen ewigen Vaters, die Erkenntnis, daß er größer ist als Alles, daß er standhält, wenn Alles [sich] ändert und vergeht, daß sein Wille geschehen muß, und wenn die ganze Welt darüber in Trümmer gehen müßte, weil es ein guter Wille ist. Unsere Seele muß Gott loben, wie der Psalmsänger sagt, dann kommts gut mit uns.

Das ist nichts Beschwerliches, Sonderbares, Fremdes. Manche Leute meinen es. Sie sehen das, worauf es ankommt, furchtbar weit, statt auf dem allernächsten Wege. Sie nennen es Frömmigkeit und verstehen darunter irgend etwas, was man machen und künsteln müsse. Sie glauben, da müsse man seine Seele irgendwie verrenken, zu etwas Unnatürlichem zwingen. Und dann gelingt es ihnen nicht und sie wenden sich enttäuscht ab: ich weiß mit Gott nichts anzufangen. Oder es gelingt ihnen, sie schrauben sich hinein in allerlei Gefühle und Gedanken, die doch nicht aufrichtig und wahrhaftig ihre eigenen sind, aber es liegt dann auch kein Segen darauf. Und beidemal bekommen sie das nicht, was wir bekommen können, wenn wir aus ganzer Seele dazu gekommen sind, Gott den Herrn zu loben: Kraft und Zuversicht und Festig|317keit, Ernst und Freude, Freiheit und Frieden. Das fehlt ihnen, weil ihnen die Quelle von dem allen fehlt. Und doch wäre sie so einfach zu finden. Gott bleibt uns ja doch nicht ferne. Er macht es uns nicht schwer, unsere Seele voll werden zu lassen von seinem Lob, von der Erkenntnis seiner Größe und Macht. Wir brauchen keine mühsam verschlungenen Wege zu gehen, um ihn zu verstehen und dann allen Segen zu spüren, der auf solchem Verständnis ruht.

Gott redet mit uns, er kommt uns nahe, so nahe als wir uns denken können, sagt uns gleichsam wie ein Freund dem anderen: sieh, da bin ich! Kennst du mich nicht mehr? Du weißt doch, wie gut ich es mit dir meine! Und indem wir ihn hören, spüren wir schon, wie gut er es wirklich mit uns meint. Verheißung und Erfüllung folgen sich auf dem Fuße. Etwas Neues fängt an in uns zu keimen, zu entstehen, und wenn wir nur treu und achtsam sind, dann wird es wahr: siehe, ich mache alles neu [Apk. 21,5]! Bald zeigt er sich uns von dieser Seite, bald von jener. Bald wird unser Gemüt erschüttert von seiner stillen, eindringlichen Rede, bald unser Gewissen erschreckt und aufgeweckt. Bald ists ein kleines Lichtlein, das uns da oder dort aufleuchtet in einer vielleicht an sich unbedeutenden Lebensangelegenheit, bald ist es eine große Helligkeit, die über die höchsten Berge steigt und von da aus hinunterflutet bis in die tiefsten Täler und keinen Winkel mehr im Schatten läßt. Gott redet so unendlich verschiedene Stimmen. Und doch will er immer dasselbe mit uns: Er will uns das Eine geben, in dem uns dann Alles gegeben ist; er will uns mit sich selber verbinden, damit unser Leben schön und reich, ein ewiges Leben werde, er will uns beschenken mit jener tiefen innerlichen Erkenntnis, daß er selber größer ist als Alles, mit dieser Erkenntnis, die uns ganz, ganz sicher frei, stark und selig machen muß. Wir wollen uns nicht enttäuschen und verbittern lassen, wenn wir von all dieser Güte bis jetzt noch wenig oder nichts gespürt haben. Wir wollen auch nicht ermüdende Umwege einschlagen, die uns doch nicht zum Ziel führen. Wir wollen auf Gott hören, wir wollen Gott sehen, so wie er selber sich uns zeigt und anbietet.

318 Sieh, er redet mit uns in allem Schönen, was es in der Welt gibt, in der Sternenpracht und im blauen Frühlingshimmel, im Rauschen des Tannenwaldes und im Wogen der Felder, die der Ernte harren, in der versteinerten Riesenmacht der Berge und im Wasser, das in seinem Wechsel ein Bild der Ewigkeit ist, in den Gedanken, die der Künstler denkt und auszudrücken sucht, so gut es ihm gegeben ist, und in den fröhlichen, frischen Augen des Kindleins. Geh einmal auf die Suche nach Allem, was schön ist, wie unendlich reich ist die Welt davon, auch deine Welt, wie reich an Dingen, die dich freuen, erheben, ermutigen — die dich heiter und freundlich stimmen, die dein Herz wie durch eine Zaubermacht alles Graue, Schwere des Alltags vergessen oder doch zurückstellen lassen. Das ist nicht irgendetwas, liebe Freunde, das was schön ist; das ist Gott, und was sagt er dir? er sagt dir überall: Ich bin freundlich und meine Güte währet ewiglich [vgl. Ps. 136]!

Redet Gott auch durch das Dunkle, das Schwere, das Häßliche mit uns? Jawohl, auch dadurch und nicht weniger. Durch das Gewitter und durch den Hagel, durch Erdbeben und Feuersbrunst, durch Krankheit und Unglück, durch alle Schauer der Seelen und durch alle Schrecken, die die Menschen, die wir selbst verursacht haben, durch jenen grauen Alltag saurer Pflicht und unerfreulicher Arbeit, durch Gefahren, Hindernisse und Enttäuschungen, die keinem Menschen erspart bleiben — Gott bewahre uns vor alledem, ja, aber durch alles das redet doch auch Gott mit uns, er und kein Anderer, und wenn es an uns kommt, können wir auch da ihn sehen und hören und in uns aufnehmen. Das Dunkle, das Häßliche, das Schreckliche in der Welt, es ist kein Schicksal, keine Teufelsmacht, es ist wieder Gott, aber der Gott, der sich immer wieder ins Geheimnis hüllt auch vor seinen liebsten Kindern — ist es nicht nötig, daß wir ihn auch von dieser Seite kennen, als den ewig Geheimnisvollen? Gott wäre nicht Gott für uns, wenn er uns nur im Schönen, Hellen, Freundlichen begegnen würde. Ehrfurcht flößt er uns ein durch alles Schreckliche, was er uns in der Welt begegnen läßt, Aufgaben stellt er uns damit, was wäre der Mensch für ein elendes Wesen ohne seine |319 Lebensaufgabe, und gerade durch das Schwere bringt uns Gott diese Aufgabe daher. Und sehnsüchtig läßt er uns die Hände ausstrecken nach ihm, wir würden es nicht lernen, wenn die Welt nur ein heller freundlicher Garten wäre.

Und so kommt Gott in den Stunden der Freude zu uns, jawohl, wenn wir uns von Herzen freuen, dann dürfen wirs wissen: jetzt ist mir Gott ganz nahe. Wenn wir uns hochgemut fühlen, von Zufriedenheit und Begeisterung erfüllt, dann zeigt uns Gott gleichsam unser Ziel, unsere Heimat. Alle unsere Freude, wenn sie von Herzen kommt, ist ein Abglanz der eigenen Freude Gottes, eine Verheißung auf unendlich viel mehr. Genieße, ruft er uns zu! du darfst! du sollst! es kommt von mir, du darfst doch annehmen, was ich dir schenke. Aber sofort müssen wir hinzufügen: Gott ist auch im Leid, in Kreuz und Unglück, im Jammer, der uns zerreißen will, und in den Tränen, die nicht aufhören wollen. Kein böser Feind tut es dir an, wenn es dir bös geht, wenn du zu tragen hast. Nichts ist da, gegen das du dich wehren müßtest als gegen etwas Böses, Teuflisches, gegen etwas, was dir zuleid getan ist. Nein, auch das Leid, gerade das Leid kommt direkt aus Gottes Vaterherzen, gerade im Leid redet er die wunderbarsten Worte mit uns. Wenn wir jung sind, denken wir: Gott muß mich gesund erhalten, muß mirs Wohlergehen lassen, mir helfen, und in diesem Sinn hoffen und trauen wir auf ihn. Wenn wir reifer werden, merken wir: es geht manchmal auch ganz ganz anders. Aber Gott ist dann nicht ferne, nicht ohnmächtig. Nein, gerade wenn er mir wehtut, hat er mich lieb, ist er mir besonders kraftvoll nahe, spüre ich besonders deutlich, was er mir ist. Durch das Leid hindurch, nicht am Leid vorbei, geht der Weg zur Freude, zur Herrlichkeit. Arme Menschen, die Gott noch gar nicht von dieser Seite haben kennen lernen, arme Menschen, die noch gar nicht haben leiden dürfen!

Gott redet mit uns auch durch unsere Brüder und Schwestern, die uns lieb haben, die uns verstehen und wir sie, die uns etwas zu bieten und zu geben haben, Gaben des Herzens und des Verstandes, die uns emporreißen durch die Kraft ihres Willens, durch |320 den Ernst ihrer Entschlüsse. Ist das nicht ein Gotteswunder, einen Menschen zu wissen, der uns lieb hat, der mit uns einig ist, der mit uns Alles trägt, Alles glaubt, Alles hofft und Alles duldet [vgl. 1.Kor. 13,7], der uns immer wieder verzeihen und immer wieder helfen will, so weit es in seinen Kräften liegt? Laßt uns doch so etwas, wenn wir es erfahren dürfen, nicht einfach hinnehmen, als sei es nichts weiteres! O doch, hinter dem Stücklein Liebe, das du erfahren darfst, steckt verborgen die ewige Liebe Gottes. Was du erfährst, ist nur ein Abglanz des Ewigen, eine Verheißung auf noch viel Größeres. Sieh da Gott, den lebendigen Gott, der dir sagt, was er ist, wenn dich jemand lieb hat. Und hinter jedem Stücklein Kraft und Überlegenheit, das du bei einem Mitmenschen zu spüren bekommst, steckt etwas von der ewigen Kraft und Überlegenheit Gottes, und wo helle hohe Gedanken und schöne tiefe Empfindungen Anderer dich berühren und in Bewegung setzen, wahrhaftig, das sind im Grunde nicht die Menschen Soundso, die dir das antun, du sollst sie nicht darum ansehen, das ist wieder Gott, der sein Licht in ihre Herzen gegeben, damit es dir leuchten solle. Was ist wunderbarer: Gottes Liebe, Gottes Kraft, Gottes Weisheit, oder das, daß er sie uns zuströmen läßt durch schwache Menschen, durch unseresgleichen, daß jeder gute Mensch sein lebendigster, bester Bote an uns werden kann?

Aber die bösen Menschen? Die Verbrecher und Lüstlinge, die Gewalttätigen und die Charakterlosen, die, welche gesunken, gefallen sind und andere sinken und fallen machen? Und die Anderen alle, das große Heer der Harten, der Schwankenden, der Kurzsichtigen, der Eingebildeten, der Zänkischen — o, wer zählt alle Teufel auf, von denen Menschen besessen sein können — und die Langweiler, die Stumpfsinnigen, die, mit denen nichts anzufangen ist? — wir müssen doch wohl auch mit solchen Menschen verkehren, wir sind umgeben von solchen, mehr als von Guten, denken wir jetzt im Stillen. Was sollen sie uns? Auch durch sie redet Gott mit uns. Gott ist nicht so ohnmächtig, daß er nicht auch durch den verkommensten Trunkenbold, durch den leidenschaftlichsten, unzufriedensten Fanatiker, durch den hartgesotten|321sten Geldmenschen mit uns reden könnte. Glaub nur nicht, daß die bösen Leute, an die du jetzt gerade denkst, da eine Ausnahme machen, daß bei ihnen nichts von Gott her zu hören und zu finden sei! Doch, auch bei ihnen! Auf gar mancherlei Art redet Gott mit uns durch die bösen Menschen. Manchmal müssen sie uns wirklich nur dazu dienen, uns zur Besinnung zu rufen, uns klar zu machen, daß Gott seiner nicht spotten läßt [vgl. Gal. 6,7], uns fest zu überzeugen: das geht nicht, das darf nicht sein, davor muß ich mich hüten! Ein Judas Ischarioth z. B. war ein Gottesbote dieser Art, und ähnliche Menschen, vor deren Leben und Sterben wir am liebsten die Hände vors Gesicht halten möchten. Manchmal müssen wir solchen Menschen begegnen, damit das Mitleid, die Liebe, die Tatkraft in uns wachwerden, damit wir spüren: diesen und solchen Menschen gegenüber, z. B. einem Trunkenbold oder einem verlotterten jungen Menschen, habe ich eine Pflicht, dem kann und muß geholfen werden durch mich. Frag dich doch, ob Gott dich nicht an eine Pflicht erinnern will durch den, den du so fürchtest oder hassest! Wieder ein anderes Mal steht es vielleicht so, daß die vermeintlich schlechten Menschen in Wirklichkeit allerlei gute Eigenschaften besitzen, die den Anderen, den Guten, Braven und Frommen fehlen, ja sie sind vielleicht im Grunde dem Reiche Gottes näher als sie. Denk an die Pharisäer! Wie töricht waren die, daß sie seufzend die Achseln zuckten über die gottlosen Zöllner und Dirnen, statt bei ihnen zu lernen, was hungern und dürsten ist nach Gerechtigkeit [vgl. Mt. 5,6]. Könnte es nicht ähnlich sein bei manchen, die wir jetzt als böse Menschen bedauern oder verachten? Und manchmal wieder braucht Gott die bösen Menschen, ob sies wollen oder nicht, als Werkzeuge seines Willens. Sie müssen einen bestimmten Dienst tun in dem großen Werk Gottes: zur Strafe, zur Besserung, zur Zucht in der Gerechtigkeit [vgl. 2.Tim. 3,16]; ich denke an einen Mann wie Napoleon z. B., dessen dämonische Macht jetzt vor 100 Jahren dem endgültigen Sieg entgegenging und dessen Erscheinung trotz aller Greuel und Torheiten jener Zeit doch für die europäische Menschheit ganz zweifellos ein Segen gewesen ist. |322 Ja im Grunde wird es mit allen «bösen» Menschen so stehen, daß sie, ohne es zu wissen und zu wollen, Instrumente des göttlichen Segens sind. Die Frage ist nur, ob wir sie als solche erkennen. Goethe hat tiefsinnig von der Macht gesprochen, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.1 Wenn wir das einmal erkannt haben, dann können wir die «bösen» Menschen nicht mehr fürchten und nicht mehr hassen, wir werden uns in keiner Hinsicht mehr durch sie bestimmen lassen, sondern nur noch gespannt darauf warten, was Gott nun durch sie und mit ihnen ausrichten wird für seine großen heiligen Zwecke.

Seht, wieviel verschiedenartiges, reichhaltiges Gotteswort an uns finden wir nun in dieser einen Art, bei den bösen Menschen, denen wir doch so aus dem Weg gehen! Wie unendlich reich ist unser ganzes Leben davon! Wir könnten ja noch lange weiterfahren. Wir könnten davon reden, wie Gott uns nahe ist in den Stunden, wo wir gute Entschlüsse fassen und ausführen, wo wir Versuchungen überwinden oder über uns selbst Meister werden in den Taten der Wahrheit, des Rechtes und der Liebe. Vorwärts! sagt er uns in solchen Stunden, nun bist du auf dem rechten Weg, siehst du, du kannst, wenn du willst, fürchte dich nicht und geh weiter! Aber wenn wir sündigen und fallen, ist uns Gott auch nicht fern in der Niederlage und in der Verzweiflung, die uns erfaßt, wenn wir uns gestehen müssen: schon wieder gestrauchelt, wie oft noch!? in der Beschämung über unsere schwache Menschenart, in der Angst und Unsicherheit über unsere eigene Kraft, in dem allen ist Gott uns nahe, sehr nahe. Heil kann uns widerfahren in solchen Stunden, wie wir es nie erlebt hätten, wenn wir immer auf dem braven, geraden Weg geblieben wären. Gott hat uns fallen lassen, um uns umso höher wieder zu heben. Wie könnten wir höher kommen, vorwärts und aufwärts ohne Einsicht in unserer Schwachheit, ohne Reue, ohne Ausstrecken unserer Hände nach dem, der allein gut ist? Wir könnten davon reden, wie Gott mit uns redet durch das Neue, das er Tag für Tag in unser Leben |323 hineinbringt, durch Menschen, Bücher, Verhältnisse, Ereignisse, die überraschend und ungewohnt an uns herantreten und uns langsam aber sicher durch ihren Einfluß verändern: wir schreiten vorwärts, wir kommen zu neuen Einsichten, neuen Erfahrungen, neuen Entschlüssen, zu neuem Glauben, Lieben und Hoffen. So soll es sein, und Gott ists, der sich im Neuen uns mitteilt, was wir erleben, manchmal verheißend, manchmal warnend, manchmal gebietend. So auch im Menschenleben im Großen, im Völkerleben und Staatsleben. Jeder Fortschritt, jede neue Bewegung hat uns etwas von Gott zu sagen. Aber auch das Alte, auch die Vergangenheit, auch das, was hinter uns liegt, das ist das Merkwürdige. Unser Leben, das hinter uns liegt, soll nicht gestorben und begraben sein, es soll weiterleben, an jedem neuen Tag hat uns auch der gestrige Tag etwas von Gott zu sagen und in jedem neuen Jahr auch das alte und die alten, die längst vergangenen. Da stehen sie vor dir im Spiegel, deine Jugendjahre und dann deine Arbeitsjahre mit all ihren Fehlern und Irrtümern, auch mit all ihrer Freude und mit ihrer Kraft, sie sind nicht vergangen, sie reden noch, reden zu dir, dem gegenwärtig Lebenden, von Großem und Kleinem, von Starkem und Schwachem, von guten und bösen Ansätzen. Wenn du sie verstehst, deine Vergangenheit, wie unendlich viel verstehst du für dein Leben!

Aber wir wollen innehalten! Was wollten wir mit alledem? Wir wollten sehen, wie Gott mit uns redet. Wie er es uns leicht macht, ihn zu loben, ihm unser Herz zu öffnen und zu schenken, im tiefsten Grund unserer Seele ihn zu erkennen in seiner überwältigenden Größe. Wir können nicht sagen, daß wir nichts von ihm wissen können, keines von uns. Wir brauchen uns nicht in törichte Künsteleien und Nebenwege zu verlieren im vermeintlichen Eifer, ihm zu dienen. Er zeigt sich uns allen, ganz ungesucht. Wo wir hinblicken, begegnen wir ihm. Er zeigt sich jedem auf seine eigene Weise und ist doch immer derselbe: der Freundliche, der Erhabene, das hellste Licht und der tiefste Ernst, die Weisheit und die Kraft und das unfaßbare Wunder, das wir nie fertig entdeckt haben, die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit, er ist |324 gestern und heute, hinter uns und vor uns — und das alles ist er nicht für sich, Gott ist nicht ein schöner, prunkvoller Götze, der für sich irgendwo dasteht — das alles ist Gott für uns — wir dürfen das gar nicht voneinander trennen: «Gott» und «für uns» — Gott lebt und wirkt und schafft für uns, an uns, in uns, Alles, was er uns zeigt, das will er uns auch schenken, will es in uns einströmen lassen: tief und stark und rein und liebevoll und friedensreich, Alles, was er ist, das sollen und dürfen wir auch werden, und wo er uns etwas von sich selber zeigt, da schenkt er es uns auch gleich, wo er mit uns redet, da läßt er etwas in uns entstehen, wo uns etwas von seinem Licht und seiner Kraft begegnet, da läßt er sie uns zu eigen werden. Gott gibt sich uns! Das ist Gottes Wesen und Art.

Wissen wir nun, was Dankbarkeit ist, Dankbarkeit gegen Gott? Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat! Wir können ja nichts für Gott tun, denn was wir haben, ist von ihm und aus ihm. Wie könnten wir dem Herrn vergelten alle seine Wohltaten [vgl. Ps. 116,12]? Wie könnten wir etwas leisten an Stelle von dem, was er für uns leistet? Wir können nur etwas tun: Nicht vergessen, was er uns Gutes getan hat. Ihn anerkennen, den wirksamen, lebendigen, schaffenden Gott, der so deutlich mit uns redet, der sich so kräftig unser annimmt, ihn anerkennen in unserer Seele, das muß unsere Dankbarkeit sein. Darin muß unser Verhältnis zu Gott bestehen, daß wir hören, was er uns zu sagen hat, daß wir Ja sagen und danach tun, wenn er uns ruft, daß wir unsere Hände ausstrecken und uns beschenken lassen, wenn er uns etwas von sich selbst geben will. Das Gute uns zu eigen machen, das er uns getan hat und immer noch tut, recht fröhlich, recht vollständig, recht tief, das heißt Gott loben und ihm danken. Von anderem Lob und Dank will Gott nichts wissen. Und das ist das große, aber einfache Geheimnis des Lebens, daß wir all das Göttliche, das uns täglich umflutet wie ein großer Strom, anerkennen, daß wir den Segen empfangen wollen, der beständig auf uns wartet. Sind wir nicht oft wie Hungernde vor einer reichen Tafel, wir armen Undankbaren? Wir klagen, wir schimpfen, wir gehen |325 trocken und gleichgültig unsere alten Wege — und ringsumher ist schöne grüne Weide!2 Wir vergessen, was er uns Gutes getan hat und was uns selig machen würde, wenn wir es nur einen Augenblick merken würden. Gott befreie uns von unserer Vergeßlichkeit! Gott befreie uns von dem Schein- und Schattenwesen, in dem wir uns befinden und in dem wir vor Bäumen den Wald nicht sehen! Gott befreie uns von uns selber und nehme uns in seine Hut! Alles um uns her wartet darauf, daß wir diese Gottesfreiheit annehmen. Wie lange muß Gott warten auf uns?

Amen.

Sachfußnoten

1
J. W. von Goethe, Faust I, Vers 1337 📖.↩
2
Vgl. ebd. Vers 1830–1834 📖:
Ich sag’ es dir: ein Kerl, der spekuliert,
Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.
↩