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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 23,37</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 23,37, 21. Juni 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5031 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 325–338.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 23,37</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 226</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 23,37, 21. Juni 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1668">KBA 1204</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-06-21">21. Juni 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.23.37">Matthäus 23,37</ref>
              <quote>Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigest, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre <!--Küchlein ist Original Luther-Text ostmitteldeutsch -->Küchlein unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
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        <p>Warum sind wir alle nicht glücklichere, fröhlichere Menschen? Warum leuchtet aus so vielen Augen die Unruhe und die Unzufriedenheit, und warum reden so viele Lippen so viel Bitteres? Warum ist so viel Zank und Gleichgültigkeit und Kälte unter uns, warum so wenig Begeisterung und guter Wille? Wie kommt es, daß es soviel kleinliche, beschränkte Gedanken gibt in unseren Köpfen und Herzen und daß wir so ganz von ihnen beherrscht werden? Warum ist das Leben so Vielen von uns eine <pb xml:id="p326" ed="pga"/> Last oder ein Rätsel oder etwas ganz Gleichgültiges, statt daß es uns eine Freude und eine ernste Aufgabe wäre? Warum sind wir Tag für Tag, Jahr für Jahr immer die gleichen Leute von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> mit unserer kleinen Art, in unserem kleinen Kreis, statt daß wir Gottesmenschen würden: frei, kraftvoll, fröhlich, ein Gottesvolk stark in der Wahrheit, in der Liebe, im Frieden? Ich denke an so Manchen, der wie vor einer Mauer steht in seinem Leben: da ist ein Kreuz, das er nicht trägt, da ist eine Aufgabe, an die er nicht herangeht, da ist ein Mensch, mit dem er nicht fertig wird, da ist ein tief in der Erde haftender Wurzelstock einer alten Neigung oder Gewohnheit, die er nicht ausreutet — und das Etwas ist nun zwischen ihm und dem rechten Leben, das Etwas läßt ihn nicht glücklich und fröhlich werden. Ich denke an so Vieles, mit dem wir Menschen uns gegenseitig plagen, was zwischen uns liegt und uns trennt und immer wieder sündigen und leiden macht, was die wahre Wohlfahrt, den wahren Frieden nicht unter uns auf kommen läßt. Warum das alles? Muß das alles so sein? Ist das wirklich der Zweck unseres Daseins, ein solches Leben zu leben, dessen letztes, bitteres Ende notwendig für Alle eine tiefe Unbefriedigung sein muß?</p>
        <p>Wir haben am letzten Sonntag davon geredet, daß das durchaus nicht so sein muß. Wir haben gehört, daß wir allen Anlaß haben, Gott von Herzen dankbar zu sein. Gott ist das Gegenteil von einem solchen Leben in Kleinlichkeit, Bosheit, Mißverständnis und Jammer. Gott ist die Größe, die Liebe, die Klarheit, die Freude, und das alles nicht als ein schöner Traum, nicht als eine kluge Pfarrermeinung fürs Krankenbett und für die Kinder, sondern als eine Wahrheit und Wirklichkeit so gut wie die goldene Sonne und das blaue Himmelszelt. Überall strahlt er in unser Leben hinein auf die mannigfaltigste Weise, überall redet er mit uns, sagt uns: Sieh, da bin ich und so bin ich, so gütig, so wahr, so gerecht, so selig, da bin ich und da hast du mich. Und wenn wir ihn dann annehmen, so fängt etwas Wunderbares, Neues bei uns an. Indem wir Ja sagen zu ihm, färben seine herrlichen Eigenschaften auf uns ab, ein neues höheres Leben fängt an in <pb xml:id="p327" ed="pga"/> uns, wir können nur noch den Kopf schütteln über die greisenhafte Meinung, wir müßten immer gleich unvollkommen und unbefriedigt bleiben. Nein doch! Wir spüren, wie bessere Wege und Lichter sich uns zeigen, wie höhere Kräfte uns durchströmen, wie wir dazu kommen, Alles hinter uns zu lassen, Ungutes zu überwinden. Und dann bekommen wir auch eine ganz neue Zuversicht zum Leben, wir können viel mehr ernst machen mit unseren Pflichten, wir können viel getroster herangehen an unsere Hindernisse, und die Augen gehen uns auf, daß wir noch viel mehr Quellen göttlicher Kraft und göttlicher Freude links und rechts an unserem Weg entdecken. Wir bekommen dann auch den Glauben und die Hoffnung, daß der Unfriede und das Unrecht und die Gewalt nicht immer herrschen müssen in unseren Lebensverhältnissen, auch im Leben der Völker, daß das Zusammenleben der Menschen nicht ewig vergiftet sein wird durch die Selbstsucht und durch die Lüge, daß es Heilskräfte gibt, die das Gift einmal aufzehren und vertilgen werden, und wenn wir auch nicht meinen, daß alle Ungerechtigkeit und alle Not und alle Tränen auf einmal aufhören können, so sehen wir doch sehr deutlich einen besseren Morgen tagen, an dem das alles nicht mehr sein wird, weil das Alte vergangen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>], und wir freuen uns auf diesen Morgen. Nein, es muß also nicht sein, all jenes Böse und Traurige, all das, was uns am Aufatmen und an der Freude hindert, was unsere Kraft zerstört, die unzufriedenen Gesichter, die verbitterten Herzen, die verknorzten, zwanghaften Gedanken, die geballten Fäuste. All das muß nicht sein, einfach darum, weil Gott Gott ist. Er wirkt und schafft an uns mit allen Kräften des Lichtes und der Erlösung. Er schenkt uns beständig, nicht nur einmal, gerade das, was wir so bitter nötig haben, was unserer Schwachheit aufhilft. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.103.2">Ps. 103,2</ref>]!</p>
        <p>Aber woher kommt es nur, daß trotzdem all jenes Andere einfach da ist, so sicher, daß uns manchmal der Teufel viel lebendiger zu sein scheint als der lebendige Gott? Seht, da ant<pb xml:id="p328" ed="pga" break="no"/>wortet auch uns jenes Wort, das Jesus vor der Gottesstadt <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> gesprochen hat: <hi rend="italic">Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind, vie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!</hi> Da haben wir die herbe, traurige Wahrheit über uns und unseren Zustand. Ja, Jerusalem war einst eine Gottesstadt und jenes Land in der Südostecke des mittelländischen Meeres ein Gottesland, mit keinem anderen zu vergleichen. Wie hat Gott dort so deutlich geredet, sich so unmittelbar und wunderbar offenbart, daß die Menschen ihn kennen und liebhaben mußten, will es uns scheinen! Wie wenig haben die Völker von ihm zu spüren bekommen, die ihn ahnten und verehrten in den Elementen und Kräften der Natur, in der Sonne, im Sturm, im Feuer, im Meer, wie wenig war das, verglichen mit dem hellen Licht, das Israel gegeben war in einem <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>, einem <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName>, einem <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> und wie sie Alle hießen! Gott der persönliche Vater, Führer und Richter der Seinigen, Gott der Wahre und der Gerechte, der unsichtbare, allgewaltige Geist, wie hätte Israel mit dieser Erkenntnis stark und glücklich sein müssen! Und zuletzt dann der Gottessohn, der vollendete, was seine Vorgänger gebracht, der Zimmermann von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName>, in dem die letzten Tiefen der Gottheit sich diesem Volke aufschlossen, der ihnen Gottes ewige Barmherzigkeit so lebendig zeigte und den Weg zu Gott so deutlich, so kindlich sicher und einfach, Jesus, der ein mit Gott einiges Leben nicht nur predigte, sondern vor Aller Augen lebte, sodaß niemand mehr zweifeln konnte, daß es Gotteslicht und Gotteskraft gibt und immer wieder geben wird auch in dieser dunklen Welt. Wie viel war diesem Volk geschenkt, wie mußte da dieses ganze Volk Judäa ein Garten geworden sein, in dem Liebe und Geist und Freude blühten, weit sichtbar für alle Völker, wie hätte da sein ganzes Leben, seine ganze Geschichte eine einzige laute, leuchtende Antwort sein müssen auf so viel Gnade und Bevorzugung! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!</p>
        <p>Aber es kam anders. Sie wohnten wohl im Gottesland und in <pb xml:id="p329" ed="pga"/> der Gottesstadt, die Juden, sie erlebten Zeichen und Wunder wie kein anderes Volk, aber sie wurden dabei keine Gottesmenschen, kein Gottesvolk. Wir merkten nichts davon, daß sie wirklich glücklicher und besser gewesen wären als andere: Leidenschaft und Habsucht und Grausamkeit, Jammer und Herzeleid gab es bei ihnen so gut wie bei den Anderen. <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> hat so viel Blut und Unrecht gesehen wie irgendeine Heidenstadt des Altertums, Judäa wurde kein Garten der Wunder Gottes, keine Leuchte der Völker, eher, daß sich Frevel und Übermut und Selbstgerechtigkeit hier noch breiter machen durften als anderswo. Und heute ist jenes Land eine Steinwüste, ein Ruinenland, dem man wohl noch die Spuren einstiger besserer Zeiten ansieht, das aber heute, fast auf Alle, die es besuchen, einen überaus kläglichen Eindruck macht. Ich las diese Woche einen Reisebericht von dort,<note xml:id="n01">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1550">
                                <persName ref="kbga-actors-706">Fr. Naumann</persName>, «<hi rend="italic">Asia</hi>», Berlin-Schöneberg 
                        1899</bibl>. Die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitierten Urteile dort S. 62–67 und 102–120. S. 110: «Wir haben in <placeName ref="kbga-places-871">Palästina</placeName> und besonders auch in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> manche weihevolle Stunde wahrer Jesusdankbarkeit erlebt, aber das Land und die dortigen Erinnerungsstätten haben daran keinen Teil. Es war deutsches, evangelisches Christentum, das uns auch dort wohlgethan hat … Ohne diese Stärkung mit gläubiger Heimatsreligion hätten wir nicht in Palästina sein mögen, um so mehr als dieses Land, auch abgesehen vom Zustand des morgenländischen Christentums, einzelne von uns auf eine harte Probe stellte.»</note> dessen Verfasser sagt, es sei für ihn geradezu eine Prüfung seines Glaubens gewesen, dieses heruntergekommene Land zu sehen und sich dabei zu sagen, daß das nun die heiligsten Erinnerungsstätten des Christentums seien. Das einzige Erfreuliche, was er z. B. in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> fand, war das syrische Waisenhaus, die Gründung des ehrwürdigen <persName ref="kbga-actors-1402">Schneller</persName><note xml:id="n02">Das Syrische Waisenhaus, <date when="1860">1860</date> von dem Württemberger <persName ref="kbga-actors-1402">Johann Ludwig Schneller</persName> (1820–1896) in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> gegründet, bei <bibl corresp="kbga-bibls-1550">
                                <persName ref="kbga-actors-706">Naumann</persName> erwähnt: a.a.O. S. 69.</bibl>
               </note> und überhaupt die paar neuen europäischen Gemeinden und Anstalten, während sich gerade an den sogenannten heiligen Stätten, auf dem <placeName ref="kbga-places-953">Tempelberg</placeName>, in der <placeName ref="kbga-places-954">Grabeskirche</placeName>, an der <placeName ref="kbga-places-955">Klagemauer</placeName> ein Aberglaube breitmacht, und zwar von Christen, Juden und Mohammedanern, der einem alle Religion verleiden könnte. Und was ist aus dem Judenvolk geworden, <pb xml:id="p330" ed="pga"/> das einst diese Stätten bewohnte, das einst dort die gewaltigsten Botschaften Gottes vernahm, seine größten Wohltaten empfangen durfte? Ihrer Heimat beraubt, zerstreut in alle Weltteile, ein Volk, das kein Volk mehr ist, und von dem wir Anderen sicher nichts Besonderes mehr zu erwarten haben. Das ist doch eine furchtbar ernste Tatsache. Verschwenderisch reich lag der Segen Gottes auf jenem Land und jener Stadt, und doch haben sie nichts davon gehabt, der Segen ist ihnen verlorengegangen. Und die Ursache davon? Es lag nicht an Gott. Gott wollte nur Gutes und tat nur Gutes. Aber jenes Volk und jene Stadt verschlossen sich die Augen, wenn sie Gott hätten sehen, und verstopften sich die Ohren, wenn sie ihn hätten hören sollen. Sie fanden mehr Freude an sich selbst und ihrer Art als an Gottes Geist und Gaben, die sich mit Macht auf sie heruntersenken wollten. Sie hatten immer gerade mehr Lust an dem Sumpf, in dem sie steckten, als an der Hand Gottes, die sie daraus befreien wollte. Sie gewöhnten sich daran, Gottes lebendiges Wort zu hassen, während sie ihn mit den Lippen verherrlichten. Und so ist die Geschichte dieses außerordentlich reichbegabten Volkes eine einzige große Enttäuschung: Ich suchte Trauben und siehe da, ich fand Herlinge [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.5.2 Jes.5.4">Jes. 5,2–4</ref>]! Daß sie ihre Propheten steinigten und töteten, daß sie ihren Besten und Heiligsten schließlich ans Kreuz schlugen, das war schrecklich, aber etwas Anderes war noch schrecklicher, nämlich ihre Seele, aus der solche Schandtaten hervorgingen. Diese Seele sagte: wir wollen nicht! wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.14">Lk. 19,14</ref>]! Ja, da konnte Gott lange sich zeigen und reden, schenken und strömen lassen die reichste Fülle, sie widerstanden. Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihren Flügeln versammelt, und ihr habt nicht gewollt! — So kann der Segen Gottes verlorengehen!</p>
        <p>Auch für uns! meine Freunde. Das ist die tiefste Ursache und im Grunde die einzigste Ursache alles Traurigen und Bösen in unserem Leben, daß wir immer wieder den Segen Gottes verlorengehen lassen. Gott wirkt und schafft ohne Ende, wir aber wollen nicht, und so wird unser Leben zu einer Enttäuschung. Es ist eine <pb xml:id="p331" ed="pga"/> böse und gefährliche Heuchelei, wenn wir gegenüber so Vielem, was nicht gut ist, gegenüber so viel Jämmerlichkeit und Gemeinheit, [wie] wir sie um uns her und bei uns selbst wahrnehmen müssen, gegenüber so viel Unzufriedenheit und Unordnung im Großen und im Kleinen immer nur das Sprüchlein wissen: Ja, das ist nun eben so, so ist das Leben! Nein, so ist das Leben nicht, so muß es nicht sein, aber so sind wir Menschen, das ist wahr. So undankbar sind wir im tiefsten Grund, so unfähig und unwillig, Gottes Gnade anzunehmen und in seiner Kraft sofort ganz andere Menschen mit einem ganz anderen Leben zu werden. Wir wollen nicht, wir lassen uns den Segen Gottes entgehen. Wie oft ist es uns so gegangen!</p>
        <p>Siehe, da ist <hi rend="italic">Gott sehr gütig mit dir</hi> gewesen. Vielleicht, daß er dir aus schwerer Not geholfen hat. Vielleicht hat er dir ein großes Glück geschenkt. Dein Herz konnte wieder froh werden, alle Schatten mußten weichen, du konntest getrost in die Zukunft blicken. Gnadenzeit, große Gnadenzeit, verstehst dus wohl, so gut, wie für die Israeliten, als sie aus Ägypten frei wurden oder als Gott sie in der Wüste speiste [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.12 Ex.16">Ex. 12–16</ref>]. Gott war gut mit dir, damit du auch gut werden solltest, seine Güte sollte dich zur Besinnung, zur Buße lenken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.4">Röm. 2,4</ref>], du solltest tiefer, reiner, freundlicher werden durch das große Glück. Nichts von dem allen geschah, du ließest dir Alles gefallen, du genossest behaglich die Ruhe, das wiedergefundene Glück, aber nichts wurde anders bei dir, du bliebst immer derselbe unruhige, gierige Mensch. Du hörst wohl, wie Gott dir ruft: Komm!, aber du antwortest in der Tiefe deiner Seele: ich will nicht! Was hilft dir nun die Ruhe und die Freude und Alles, was dir geschenkt war, sie werden wohl bald vorüber sein; den Segen, den Gott dir damit geben wollte, den hast du jedenfalls verspielt, wundere dich nicht darüber, wenn du bald wieder in dem alten unbefriedigenden Leben drin bist. Das ist eben das Leben ohne Gott, das du dir gewählt hast.</p>
        <p>Ein anderes Mal hat Gott dich <hi rend="italic">fehlen</hi> und <hi rend="italic">fallen</hi> lassen. Vielleicht hast du einen groben Fehltritt getan, vielleicht bist du nach <pb xml:id="p332" ed="pga"/> und nach in eine falsche Richtung gekommen. Du mußtest dich schämen: wie weit ists mit mir gekommen, wie tief bin ich gesunken, du durftest die Augen nicht mehr aufschlagen vor den Anderen, die ehrlicher, tapferer waren als du, du hattest die Achtung vor dir selbst verloren. Eine Gnadenzeit, lieber Freund, obwohl du sie sicher nicht gut in Erinnerung hast. Sieh, in solchen Erlebnissen ist viel Segen Gottes verborgen, für den wir ihm dankbar sein sollten. Hat <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> nicht fallen <hi rend="italic">müssen</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Sam.11">2.Sam. 11</ref>], um Gott besser zu erkennen, als er es vorher in seiner Tugend und Herrlichkeit konnte? Mußten nicht die Zöllner eben schlechte Leute sein, um Jesus aufzunehmen, besser und ernsthafter als die frommen Leute von dazumal? Welchen Segen bereitet uns Gott oft in solchen Zeiten der Sünde! Aber du ließest diese Zeit vorübergehen. Vielleicht bist du seither langsam wieder besser geworden, vielleicht bist du auch tiefer gesunken, vielleicht hast du auch bloß gelernt, dich besser in acht zu nehmen, aber irgend etwas gewonnen[?], mitgenommen hast du nicht aus jener Zeit, wo es so ungut mit dir stand. Du denkst bloß: zum Glück ists lange her! und schüttelst dich und denkst nicht mehr an die üble Geschichte. Gott rief dir zu: Komm! — in deine Beschämung und Reue von damals rief er es dir zu, du aber wolltest nicht hören, du wolltest nur möglichst rasch darüber hinweg — wieder ein verlorener Segen! Wunderst du dich, wenn dein Leben schwieriger und unbefriedigender wird von Schritt zu Schritt, wenn du so von dir stößest, was Gott dir geben will? Wundere dich nicht darüber: du warst Gott und einem glücklicheren Leben näher damals, als du zerknirscht und traurig überdachtest, was du angerichtet hattest, als jetzt, wo du vielleicht wieder ganz brav und zufrieden dasitzest und niemand dir etwas vorzuwerfen hat. Damals war die gute Stunde, warum hast du sie vorübergehen lassen?</p>
        <p>Und wieder einen anderen Segen hat Gott dir gegeben durch einen <hi rend="italic">feinen, tüchtigen, tiefen Menschen</hi>, den er dir über den Weg geführt hat. Es fehlt auf keinem Lebensweg ganz an solchen Menschen, die wir als Gottesboten ansehen müssen, wenn wir sie recht verstehen, vielleicht daß sie uns durch ihr ganzes Leben <pb xml:id="p333" ed="pga"/> Vorbilder gewesen sind, vielleicht daß uns eine bestimmte Eigenschaft an ihnen etwas Großes zu sagen hat, vielleicht daß sie durch ein einziges Wort, durch eine einzige Tat Licht auf unseren Weg warfen. Wir spüren unmittelbar: das ist gut! Wir spüren etwas, das uns mitreißen will! Wir ahnen etwas von einem besseren, überlegenen Leben, zu dem wir auch bestimmt wären. Sieh, wo du das ahnst, da hast du einen Propheten vor dir, und wenn es schon nur ein armer sündiger Mensch ist wie du selbst. <persName ref="kbga-actors-8710">Jesaia</persName> und <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> waren auch nur Menschen, aber Menschen, die den Anderen Gottesboten waren. Sag nicht, du habest nie einen Gottesboten gehört, der Erste Beste kann es dir werden und ist es dir schon oft geworden. Aber ebenso oft bist du nicht bereit und geneigt gewesen, sie zu hören. Du hast Jahre und Jahre mit Einem gelebt, der dir viel hätte sein können, aber er wurde dir nichts, durch deine Schuld, du hattest alle möglichen Gründe, dich ihm innerlich zu verschließen, du warst umsonst neben ihm. Du hast einen starken, guten Eindruck bekommen von einer Persönlichkeit, du spürtest: der hat etwas, was ich nicht habe, aber da wehrtest du dich gegen diesen Eindruck. Es kam dir vor, du müßtest dich demütigen, wenn du jetzt annehmen wolltest, was der da wollte. Und demütigen wolltest du [dich] nicht. Man kann sich schon wehren gegen solche Gottesboten: Man kann ein Buch zuschlagen und von einem Menschen sich abwenden — nichts ist leichter als das, Augen und Ohren zuzumachen und zu sagen: ich will nicht. Aber was hast du davon? Die Zeit geht um, es werden dir zweifellos bald wieder viele andere Menschen begegnen, die dir nichts zu sagen und zu bieten haben, die dich nicht beunruhigen und von denen du nicht zu lernen brauchst und Jahre um Jahre kannst du wieder mit solchen zusammen sein. Aber die Gnadenzeit ist dann eben auch vorbei. Wundere dich nicht über die Ödigkeit und Trostlosigkeit deines Lebens, wundere dich nicht über das unzufriedene Gesicht, das dich aus dem Spiegel ansieht, wundere dich nicht über die Unruhe, von der du oft erfüllt bist, du hast die nicht hören wollen, die dir den Weg zu Gott und einem höheren Leben hätten zeigen können, nun hast du das andere. </p>
        
        <p>
          <pb rend="noPipe" xml:id="p334" ed="pga"/> Meine Freunde! Auch in der <hi rend="italic">Geschichte der Menschheit</hi> gibt es solche besonderen Gnadenzeiten, wo Gott besonders kräftig mit uns redet und an uns arbeitet, wo besonders viel von seinem Segen für uns zu holen wäre. Die Reformationszeit war eine solche Gnadenzeit. Ganz neu und herrlich trat da Gott hervor und bot sich selbst den Menschen an: da bin ich, nehmt mich auf! Da hat es Völker gegeben, die ihn verstanden, die sich erfassen und bewegen ließen von dem neuen Zug des Geistes, und die empfingen den Segen Gottes und empfangen ihn bis auf den heutigen Tag. Andere Völker spürten nichts davon, wollten nichts davon spüren, sie verschlossen sich hartnäckig in das, was sie gewohnt waren, und die große Zeit ging vorüber, sie empfingen den Segen Gottes nicht, sie sind bis auf den heutigen Tag krank davon, daß sie nicht hören wollten, was Gott durch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und seine Genossen den Menschen zu sagen hatte.</p>
        <p>Vielleicht leben wir auch heute in einer größeren, wichtigeren Zeit, als wir es selber ahnen. Gewaltiges geht vor in der Welt. Überall sehen wir die Menschen auf der Suche nach neuer Wahrheit und neuem Recht, unter Irrtum und Kampf und Leiden, gewiß, aber sie suchen. Man klagt viel darüber, wie die Zeiten böse und die Menschen schlecht geworden seien gegen früher. Ich will nicht davon reden. Aber das ist sicher: es ist heutzutage mehr, viel mehr Sehnsucht und Hoffnung nach Vollkommenheit in der Menschheit als noch vor einem Menschenalter, viel mehr Glaube an den Sieg des Guten und ehrlicher Wille, das Gute zu tun. Und von Jesus wissen wir, daß den Sehnsüchtigen, den Hoffenden das Himmelreich gehört. Gehören wir auch dazu, meine Freunde, zu den Sehnsüchtigen und Hoffenden unserer Zeit, zu denen, die etwas glauben und wollen, die den Mut haben, einem Ideal zuzustreben, das höher steht als das, was die Ersten Besten so nennen? Merken wir überhaupt etwas von dem großen Zug nach Licht und Freiheit, nach Frieden und Kraft, der durch unsere Zeit geht, oder verschließen wir uns ängstlich in unserem kleinen Kreislein von Leuten und Gedanken und sind froh, wenn wir von allem Neuen unberührt bleiben? Laßt uns daran denken, daß alles Gute <pb xml:id="p335" ed="pga"/> im Neuen aus Gott stammt und daß wir uns gegen Gott wehren, wenn wir uns gegen das Neue wehren, das heutzutage doch unaufhaltsam und an allen Enden kommt. Wollen wir unsere Zeit, die sicher eine Gnadenzeit ist, erleben, wie die Spanier und Italiener die Reformationszeit erlebt haben, fern und abgeschlossen, gleichgültig und feindselig? Wir würden es zu unserem eigenen Schaden tun. Wenn wir steckenbleiben wollen in all unserer Kleinlichkeit und Unordnung, in all dem Unbefriedigenden und Unguten, das unser Leben heute an sich hat, innerlich und äußerlich, dann müssen wir nur fortfahren damit, uns so ängstlich zu wehren gegen alles Ungewohnte, gegen jeden frischen Luftzug, gegen jede Möglichkeit, einmal neue Wege zu gehen. Gott bewahre uns vor solcher Versäumnis, ehe es zu spät ist! Gott bewahre uns überhaupt vor der Undankbarkeit, vor dem verbohrten Neinsagen, mit dem wir uns selber zugrunderichten! Jerusalems Schuld und Schicksal soll uns eine Mahnung sein.</p>
        <p>Es gibt freilich <hi rend="italic">allerlei Arten</hi> von dieser Undankbarkeit Gottes lebendigem Wort gegenüber, allerlei Arten, uns zu verschließen, zu sagen: Wir wollen nicht! Nicht immer tönt es so bestimmt und aufrichtig, wie Jesus es da den Leuten von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> vorhält. Nicht immer machen wir es wie die bösen Weingärtner im Gleichnis, die die Knechte ihres Herrn schlugen und schließlich seinen Sohn umbrachten [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.33 Mt.21.41">Mt. 21,33–41</ref>]. Wir haben noch keinen Propheten gesteinigt und getötet, keinen Messias ans Kreuz geschlagen. Wir würden uns sogar schämen, hell und buchstäblich zu sagen: Ich will nicht, was Gott will! Dazu sind wir zu gut erzogen und zu sehr an die Religion gewöhnt. Aber Achtung, wir tun es trotzdem. Es gibt Menschen, die an Allem <hi rend="italic">kritteln</hi> müssen. Kritteln nennt man das, wenn einer es nicht lassen kann, überall nach Unerfreulichem und Schlechtem zu förscheln und zu suchen. Es ist eine Lieblingsbeschäftigung kleiner Geister. Viele verlieren den Segen Gottes, weil sie an Allem kritteln müssen. Sie erleben etwas Gutes: «Ja, aber das hat nun auch seine Schattenseiten!» Sie erleben etwas Schlimmes: «Ja, und man weiß noch lange nicht Alles, und was kann noch Alles daraus entstehen!» Sie lernen <pb xml:id="p336" ed="pga"/> einen neuen Menschen kennen: «Ja, der hat auch seine Fehler, paßt nur auf, sie werden schon zum Vorschein kommen.» Man will ihnen eine Wahrheit begreiflich machen, sie aber erinnern sich nur an einen unangenehmen Menschen, der auch dieser Ansicht war, oder an einen einzigen Fall, wo es nicht zu stimmen scheint, und sofort sind sie fertig und wollen nichts mehr hören. Arme Menschen, wenn sies nur wüßten: Mit jedem Fehlerlein und Einwändlein, das sie da hervorklauben, bauen sie an der Mauer, die sie von ihrem eigenen Glück trennt. Man kann lang disputieren mit ihnen, man kann ihnen lange Gründe bringen, sie wollen keine Gründe, sie wollen kritteln, sie wollen im Grunde Gott ablehnen.<note xml:id="n03">
                            <p>An dieser Stelle ist folgender Abschnitt von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> aus dem <ref corresp="A">Mskr.</ref> gestrichen:</p>
                            <p>Andere leiden am <hi rend="italic">Übertreiben</hi>. Gottes Segen ist eine feine stille Sache. Man muß ihn rein, ich möchte sagen keusch in sich aufnehmen. Eine verborgene innere Erfahrung ists, mit Gott in Berührung zu kommen. Es gibt Menschen, die das nicht können, nein: nicht wollen. Es wird ihnen Angst vor dieser stillen Erfahrung des Herzens und Gewissens, sie wollen etwas Lautes, Tönendes, und nun nehmen sie den Mund so voll bei Allem, was sie erleben. Immer himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt, jetzt fühlen sie sich den lieben Engelein gleich an Seligkeit, und wo sie ein wenig geplagt werden von den Leuten, vergleichen sie sich schon mit dem Heiland und seinen Feinden. Das ist nicht etwa besonders fromm, sondern das ist auch eine Art, sich gegen Gott zu wehren, etwas Anderes zu machen als das, was er will. Solche Menschen können sich selbst sehr unglücklich machen und großen Schaden anrichten unter Anderen.</p>
                        </note>
            </p>
        <p>Wieder Andere leiden nicht am Übertreiben, aber am <hi rend="italic">Übertönen</hi>. Sie meinen, auf jeden starken Eindruck müßten sie antworten mit etwas noch Stärkerem. Im Gespräch erkennt man sie sogleich daran, daß sie ohne Weiteres das Gespräch an sich reißen, und nun soll der Andere nur hören, immer nur hören, und der Mund der Weisheit fließt und fließt … Sie können beim Anblick einer schönen Landschaft die längste Rede halten über irgend etwas Anderes. Sie haben das Bedürfnis, wenn es ihnen gut geht und wenn es ihnen schlecht geht, eine Unmenge Worte auszustoßen, dahin und dorthin zu laufen, sie haben eine beneidenswerte Gabe, wenn ihnen etwas unangenehm ist, von etwas Anderem anzufan<pb xml:id="p337" ed="pga" break="no"/>gen — sie benehmen sich überhaupt beständig so, wie wenn sie mit einem unsichtbaren Feind kämpfen würden. Und das tun sie denn auch, sie kämpfen gegen Gott. Ganz sicher kann Gott mit solchen Menschen nicht reden, ihnen nichts schenken. Sie sind ja beständig daran, etwas vorzuschieben, etwas auszuweichen, sie bauen aus Worten und Worten ganze Mauern, ganze Pyramiden — und tun damit sich selbst so bitteres Leid an. Sie hören schließlich wirklich Gottes Stimme nicht mehr in dem Getöse, das sie selbst verursacht [haben].</p>
        <p>Und wieder Andere sind so schrecklich <hi rend="italic">vergeßlich</hi>. Ich meine jetzt natürlich nicht das schwache Gedächtnis. Dafür kann niemand etwas. Aber es gibt Menschen, die wollen vergessen, die wollen beständig Alles, was sie erleben, sofort wieder zum Alten legen. Nur weiter, nur immer weiter, nur nicht nachdenken, nicht tiefer eindringen, nichts gründlich nehmen. Sie haben die größte Angst davor, daß etwas sie ergreifen und festhalten und in die Tiefe ziehen könnte. Wie auf der Flucht leben sie. Oder wie im Kinematograph sitzen sie da und lassen die Bilder des Lebens da an der Wand an sich vorbeischnurren. Wieder ein Bild vorbei, man reibt die Augen, man sieht die Wand leer, man denkt schon wieder an etwas Anderes — da, ein neues Bild!! Wer so lebt, wer so leben will, der kann Gottes Gaben nicht empfangen. Gott muß man eindringen, muß man Wurzel schlagen lassen: etwas Beständiges, Festes muß entstehen zwischen ihm und uns, wer das nicht will, wer immer nur vergessen, weiterrollen will, von einem zum anderen, der will überhaupt Gott nicht.</p>
        <p>Wir könnten noch mehr solche Mauern nennen, mit Gott fertig zu werden, grobe und feine. Es kommt immer aufs selbe hinaus. Es steckt in dem allen die Absage: wir <hi rend="italic">wollen</hi> nicht! Wir <hi rend="italic">wollen</hi> nicht mit auf den Weg des Vertrauens und der Liebe zu dem, der uns ruft! Wir <hi rend="italic">wollen</hi> lieber bleiben, wie wir sind. Alle die Fehler, die ich vorhin nannte, sind nur Kennzeichen des inneren Widerstandes, den wir Gott leisten. Wir alle haben diese Fehler mehr oder weniger, wir alle haben schon auf diese oder jene Art oder auf alle Arten Gott von uns abgewehrt. Wenn wir einmal <milestone xml:id="m22" unit="page"/> 
               <pb xml:id="p338" ed="pga"/> diesen Widerstand aufgeben werden, dann werden auch diese Fehler alle ganz von selbst verschwinden. Mißtrauen und Unwahrheit, Eitelkeit und Oberflächlichkeit sind nur möglich, wo man gegen Gott kämpft, sie sind Waffen in diesem merkwürdigen, gefährlichen Kampfe. Wenn Gott es gewonnen hat, sind sie nicht mehr da.</p>
        <p>Es wäre traurig, wenn wir damit schließen müßten, Jesus Recht zu geben, wenn er auch uns sagt: ihr habt nicht gewollt! wahr ist es zwar, aber es braucht nicht dabei zu bleiben. Es kann sich das Nein in ein Ja verwandeln, und unzähligen Neinsagern ist das schon so gegangen. Sie trotzten, sie wichen aus, sie drückten sich auf alle mögliche Weise vor dem göttlichen Leben, das in sie einströmen wollte, schließlich aber zerbrachen sie. Es kann uns nichts Besseres widerfahren als diese Niederlage. Und da ist es nun derselbe Jesus, der uns so ernst von unserem Nein redet, der uns am besten anleitet zu dem großen Ja. Er ist uns vorangegangen damit. Sein ganzes Leben war <hi rend="italic">ein</hi> großes Ja Gott gegenüber. Schließlich aber ist das eine Sache, die sich ganz zwischen jedem Einzelnen von uns und seinem Gott vollziehen muß, die Entscheidung, ob wir wollen oder nicht wollen. Keine Macht der Erde kann dich zwingen in dieser Sache. Und keine Macht der Erde kann dir die Verantwortung dafür abnehmen. Aber <hi rend="italic">du hast</hi> die Verantwortung dafür. Und <hi rend="italic">du hast</hi> die Macht, aus tiefstem Herzen ja zu sagen, Gottes Gabe anzunehmen und selig zu werden.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
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  </text>
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