7. Juni 1914

Landesausstellung

301
Landesausstellung1
Psalm 8,6–10
Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk; Alles hast du unter seine Füße getan …
Matthäus 16,26
Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk; Alles hast du unter seine Füße getan …
Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?
Liebe Freunde!

Denkt, ich möchte heute über die schweizerische Landesausstellung in Bern mit euch reden! — Wer die beiden vorgelesenen Bibeltexte aufmerksam mit angehört hat, der kann eigentlich jetzt schon wissen, was ich darüber sagen werde und wie ich es meine mit diesem Thema. Aber es könnten doch auch andere da sein, die zum Voraus mit mir unzufrieden sind. Die Landesausstellung! Das ist doch so etwas Weltliches. Davon hört und liest man in den Zeitungen, in der Wirtschaft, in der Eisenbahn. Dafür mögen sich die Geschäftsleute interessieren und die, |302 die sonst Geld, Lust und Zeit haben, solchen Veranstaltungen nachzureisen. Aber was soll das hier in der Kirche? Wie sollen uns von der Landesausstellung Sonntagsgedanken kommen, Trost und Freudigkeit und Kraft für die beginnende Woche, wie wir sie hier suchen? Was hat uns die Landesausstellung von Gott zu sagen? Ich will zuerst darauf Antwort geben. Das ist freilich wahr: etwas durch und durch Weltliches, Menschliches ist so eine Ausstellung. Da wollen unsere Geschäftsleute mit Befriedigung und Stolz zeigen, was sie geleistet haben. Da hoffen sie Aufträge zu bekommen aus dem Inland und aus dem Ausland. Da gehen sie hin, um bei den Konkurrenten Anregungen zu bekommen zu neuen Versuchen und Unternehmungen. Da will auch die bloße törichte Neugier und die noch törichtere oberflächliche Vergnügungssucht auf ihre Rechnung kommen. Da hofft die ganze Stadt Bern und Umgebung gewaltige Einnahmen zu machen von dem Völkerheer, das von allen Seiten herbeikommt, und manch einer hat sich jetzt geräuschvoll und sichtbar oder in aller Stille parat gemacht, sein Netz aufzuspannen, um auch etwas zu kriegen von dem großen Fünfliberstrom. Und über allem und hinter allem das Ausstellungskomitee samt seinen finanziellen Hintermännern mit der Haupt- und Lebensfrage: Reingewinn oder Defizit? und mit seinen täglichen Telegrammen ins ganze Land hinaus: heute 20000, heute 30000 Besucher! Was für eine Menge verschiedener Gedanken, Absichten und Nebenabsichten bei solch einem Landesjahrmarkt! Und alle, alle weltlich, natürlich, menschlich — kein Zweifel daran, daß es so ist! Und daran wird nun nichts geändert dadurch, daß irgendwo in einer Ecke in gemütvoller Umgebung auch eine Kirche aufgestellt ist mit einer Orgel und schönen Glasscheiben und Bildern und ein Pfarrhaus mit Büchern und Abendmahlskelchen und Anderm, was so zu kirchlichem Wesen gehört, katholisch und protestantisch friedlich schiedlich nebeneinander. Ich habe mir auch diesen Teil der Ausstellung angesehen, und er kam mir gerade so weltlich vor wie alles übrige. Auch da sind eben Menschen: Pfarrer und andere Kirchenfürsten, die zeigen wollen: seht da, wir sind auch noch da |303 mit unserem Wesen, und wieder andere, die mit dem Kirchenwesen ihr Geschäft machen wollen, wie man ein anderes Geschäft macht, und Reklame und Geschäft sind nun einmal weltlich, auch wenn die Sache sich Kirche nennt. Man kann den Wunsch haben, diese Ausstellungskirche samt Inhalt möchte lieber nicht aufgerichtet worden sein; sie kann doch nur falsche Begriffe erwecken von dem, was Religion und Christentum in Wirklichkeit ist. Wer nicht viel Zeit hat in Bern, mag sie ruhig beiseite lassen; er verliert nicht viel. Jedenfalls möchte ich all denen von euch, die diesen Sommer nach Bern gehen werden, raten, euch in jener Ecke unter den kirchlichen Siebensachen ja keiner besonderen Rührung hinzugeben. Vom lebendigen Gott ist dort gerade so wenig oder so viel wahrzunehmen, wie etwa beim großen Dieselmotor der Gebrüder Sulzer in der Maschinenhalle. Man kann sogar den Motor vorziehen. Also es ist wirklich eine weltliche Sache, diese Ausstellung in Bern, weltlich von A bis Z, weltlich in den Absichten und in den Wirkungen. Aber darum hätten wir doch nicht recht, wenn wir als Christenmenschen sagen wollten: sie geht uns nichts an und es ist schade um den schönen Sonntagmorgen, uns mit ihr zu beschäftigen. Ja, was heißt denn «weltlich»? Weltlich ist doch einfach alles das, wonach wir Menschen suchen und streben. Weltlich ist das Dichten und Trachten unseres innern, und das Denken, Reden und Schaffen unseres äußeren Lebens. Freilich geht durch alles hindurch der verborgene schwache und doch so sehnsüchtige Zug unseres Herzens nach dem Reiche Gottes. Aber wäre es nicht eine Heuchelei, uns zu wehren und zu sagen: ich will von dem Weltlichen nichts wissen und nichts hören hier in der Kirche? Was da! Wer so redet, das ist fast immer einer, der Angst hat, er könnte im Weltlichen gestört werden durch Gott. Darum will er nur von Gott hören! Und das ist eben Heuchelei! Wenn wir weiter kommen wollen darin, durch alles hindurch nach dem Reiche Gottes zu trachten, dann müssen wir vor allem ganz ehrlich werden und dem Weltlichen klar ins Gesicht sehen: es ist nun einmal da, es füllt uns völlig aus, dich und dich und mich auch, auf allerlei Arten. Seht, |304 da kann uns die Ausstellung einen großen Dienst tun. Sie zeigt uns — was? Maschinen, Bauwerke, Kleider, Pflanzen, Tiere und wieder Maschinen? Nein, uns selbst, den Menschen, in unserer ganzen Weltlichkeit. Was wir möchten und was wir schon erreicht haben: Reichtum und Schönheit, Wohlsein und Bequemlichkeit, Ordnung und kluge Organisation, Arbeit, Geschicklichkeit und Freude, das alles breitet sich da vor uns aus, das alles findet da seinen vollendeten Ausdruck, kann da in einigen Stunden oder Tagen übersichtlich und gründlich erlebt werden, wie nicht gleich wieder. Ganz überwältigt ist man zunächst von der Größe und Herrlichkeit des menschlichen Wesens. Man hat Mühe, an Gott zu denken inmitten all dieser Dinge, die von nichts anderem reden als von menschlicher Gescheitheit und Energie, von menschlichen Fortschritten und Annehmlichkeiten. Was soll Gott in dieser wundervoll eingerichteten und funktionierenden Menschenwelt? Es tut uns gut, uns armen unentschiedenen Christenmenschen, wenn uns das weltliche Wesen einmal so recht übermächtig lebhaft vor Augen tritt. Die Ausstellung verhilft: uns dazu. Da hält unser ganzes Volk sich selbst den Spiegel vor, und im Spiegel erscheint das Bild dessen, was wir sind und erstreben — und siehe, es ist etwas anderes als Gott: Wohlstand, Wohlfahrt, Zivilisation vielleicht, Kultur sogar, aber nicht Gott. Man kann Gott gerade so gut hinwegdenken, es liegt näher, ihn hinwegzudenken. Kraft und Stoff und stolzer, unerschöpflicher Menschenwille, das sind die Wirklichkeiten des Lebens. Auch deines und meines Lebens, wir gehören ja auch zu dem Volke, das da sich selbst erkennt. Alle Zweifel an Gott, die wir je gehabt, steigen wieder in uns auf. Geht es nicht ohne Gott? Die Welt ist so stark und so laut, so gescheit und so schön ohne ihn? Muß es nicht ohne Gott gehen? Ein leises Frieren erfaßt uns. Also das ist das Leben? Allerlei Bedenken steigen in uns auf, die zum Schweigen gekommen waren vor all der Pracht. Aber wir kommen nicht weiter. Ich wünsche euch, daß recht viele von euch dieses Erlebnis der Unsicherheit machen möchten, wenn sie nach Bern kommen. Das tut uns gut, denn je gründlicher es ist, desto gründlicher muß es sich dann auch auf|305lösen. Wenn die Welt uns so deutlich und übermächtig entgegentritt, dann können wir auch wieder verstehen, im Unterschied dazu, wer und was Gott ist. Gerade wenn die Welt so laut zu uns redet, wenn sie uns so deutlich sagt, daß sie die Welt ist, gerade dann werden Glaube, Liebe, Hoffnung uns lebendig als die Tatsachen, die über Vernunft und Stoff und Kultur stehen. Wir wissen wieder, wozu wir da sind und wohin unser Weg geht. Aber noch in einem andern Sinn werden wir frei von der Welt, wenn wir einmal durch diese Unsicherheit hindurch sind. Wir können das Weltliche wieder ruhig ansehen, ohne Angst und ohne Haß. Ja sogar dankbar: wir ahnen das Göttliche, das irgendwie darin verborgen sein muß, wir hören auf das, was Gott uns durch die Welt zu sagen hat. Wie hat es denn Jesus gehalten? Wir wissen es: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt!» Was die Menschen am nötigsten haben, das steht über Menschenmacht und Menschenkunst. Aber dabei ist keiner dessen so sicher gewesen wie Jesus, daß die Welt Gottes ist und daß in der ganzen Fülle des Lebens, im Großen wie im Kleinen, im Guten wie im Bösen Gottes Gedanken und Gesetze verborgen sind. Er hatte die Augen, sie zu lesen. Er fand Gott beim Gras auf dem Feld und beim habsüchtigen Kaufmann, Ihm wurde alles Vergängliche zu einem Gleichnis, voll Liebe und Freude und Verständnis konnte er alles ansehen, gerade weil er so ganz frei war davon. So soll uns auch die Landesausstellung mit all dem durch und durch Weltlichen, was sie ist und bezweckt, zum Gleichnis werden, durch das wir hindurchsehen ins Ewige. Wir wollen mit hineinsehen in den Spiegel, der uns das Menschenwesen in voller Entfaltung zeigt. Gott wird uns wohl etwas damit zu sagen haben. Zweierlei, meine ich: Das eine ist wichtig und das andere ist noch wichtiger, das eine aus dem alten Testament und das andere aus dem neuen. Wir müssen beides hören.

Wir wollen die Ausstellung zuerst ansehen mit den Augen des Mannes, der in alter Zeit den achten Psalm gedichtet hat. Voll Bewunderung und Freude redet er von der Größe, die Gott dem Menschen gegeben hat. Ihm ist’s aufgegangen, wie wunderbar das eigentlich ist, daß der kleine schwache Mensch so inmitten der |306 unendlichen Natur leben und durch seinen Geist sogar darin herrschen darf. Er sieht die ungeheuren Kräfte der Natur: das Meer und den Sturm, die Tiere und die Pflanzen — und nun das eine kleine Wesen, das sie bändigt und in seinen Dienst stellt, nur durch das Denken und durch die Arbeit. Was für ein Schauspiel! Herrschaft, so viel Herrschaft! Ist das nicht Gott selber, Gott im Menschen? Der ewige Schöpfer und Vater aller Dinge, der seine Gewalt ausübt durch den Verstand und Willen des Menschenkindes?! Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkest, wie kommt er zu dieser außerordentlichen Stellung, wie kommt er dazu, wenig niedriger zu sein als du selbst?! Er ist ja auch ein Schöpfer und Regierer. Er ruft ja auch Werke hervor aus dem Nichts und lenkt und braucht sie nach seinem Willen. Er ist ein zweiter Gott hier auf der Erde. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk. Alles hast du unter seine Füße getan, Schafe und Ochsen allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und was im Meer gehet — Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen! Hört, wie es da jubelt und jauchzt vor tausenden von Jahren, das hohe Lied von der Herrlichkeit des Menschen, nein von der Herrlichkeit Gottes, die im Geist und in der Arbeit des Menschen wirksam ist. Und nun denkt euch, dieser Mann könnte aus seinem Grab auferstehen und nach Bern an die Ausstellung kommen! Das war ja noch gar nichts, was zu seiner Zeit die Menschen wußten und konnten. Wie unbeholfen und roh kommen uns heute die Einrichtungen und Werkzeuge vor, deren man sich damals bediente — und doch freut er sich darüber, dankt Gott, der dem Menschen solche Macht verliehen! Wie würde er sich erst freuen, wenn er sehen könnte, wie heute die Menschen Meister geworden sind nicht nur über «Schafe und Ochsen allzumal», sondern über Dampfkraft und Wasserkraft, über Magnetismus und Elektrizität, über die Tiefen der Erde und über die Höhen des Luftreiches, wie ihnen kein Steingebirge mehr zu hart ist, sie bahnen sich ihren Weg hindurch, und kein Metall zu spröde, sie machen daraus, was sie wollen, mit wunderbarer Genauigkeit und Feinheit — wenn er |307 die Maschinen sehen könnte, von Menschen ersonnen und hergestellt, die jetzt in einer Stunde fertig bringen, woran zu seiner Zeit Hunderte und Tausende tage- und wochenlang hätten arbeiten müssen, die Schnelligkeit, mit der wir miteinander verkehren können auf die größten Entfernungen, als ob der trennende Raum gar keine Bedeutung hätte, die raffinierte Umsicht der modernen Unternehmer und Techniker, für die es gar keine Schwierigkeit mehr zu geben scheint, die jedem Bedürfnis zu genügen, jedes Hindernis zu umgehen oder zu unterdrücken weiß. Wie hätte er da erst gebetet, zwischen Demut und Begeisterung: Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen! Ja seht, wie merkwürdig, das ist das erste, was uns die Ausstellung gerade in ihrer ganzen Menschlichkeit und Weltlichkeit zu sagen hat: Wie groß ist doch Gott! Zuerst sehen wir nur die Menschen, die sich da groß machen, ihren selbstsüchtigen Zwecken nachgehen wollen. Dann ahnen wir: sie verstehen sich selbst nicht in ihrem Tun. Was sind die einzelnen Menschen mit ihren Firmenschildern und Katalogen und Preisen, was sind die Bauern, die Fabrikanten, die Techniker, die Beamten, die Künstler — nichts, gar nichts schließlich, denn die Leistung jedes Einzelnen ist ja nur eine Stufe, die ohne die Leistungen früherer Geschlechter unmöglich wäre und die selbst bald wieder überholt und vergessen sein wird. Und nur ein Posten ist sie in dem ungeheuren Reiche der Arbeit überhaupt, wertlos und unverständlich ohne das Ganze. Aber hinter und über den einzelnen Menschen, da taucht etwas vor unseren Blicken auf, und das ist wahrhaftig und ewig, das ist der schaffende, ordnende, gestaltende Wille. Was ist der Mensch vor diesem Willen? Und doch ist dieser Wille in der Menschheit und ihrer Arbeit wirksam. Wenn wir in der Ausstellung nicht nur Fabrikanten und Fabrikate sehen, wenn wir dort etwas spüren und erleben von diesem Willen, dann kann uns dort etwas von der Herrlichkeit Gottes offenbar werden. Seht euch so eine Schnellzugslokomotive an in Bern oder eine von den wundervollen Brückenkonstruktionen, mit denen die tiefsten, weitesten Täler überspannt werden, als verstünde sich alles von selbst, oder diese |308 Webmaschinen, zehn Meter lang, von einer Person kontrolliert, die fast mit menschlichem Bewußtsein ihre exakte Arbeit zu tun scheint. Seht, das ist Gott der Schöpfer, Gott der Geist und die Kraft, Gott mitten im Menschenwerk! Ein armer Mensch, der bei alle dem über das Menschliche, Weltliche, Äußerliche nicht hinweg zu kommen vermag, bewundernd oder mißtrauisch! Das alles sind doch vor allem Siege Gottes. Er hat ja gesagt: Machet euch die Erde untertan! Und nun geschieht es. Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen! Und dann denke weiter nach über das, was du siehst! Sieh, wie der Mensch fertig werden kann mit der gewaltigen Natur, wenn er sich anstrengt und will. Du jammerst und kapitulierst so oft vor deiner Schwachheit und Leidenschaft und vor der anderer, vor den Hindernissen und Unvollkommenheiten des Lebens, vor den Unwahrheiten und Ungerechtigkeiten der Welt. Du seufzest und meinst, das alles müsse so sein. Nein doch, das alles ist nur Natur, und Natur bedeutet für uns Menschen immer eine Aufgabe, unsere menschliche Natur so gut wie Feuer und Wasser, Berge und Luftwirbel, Stahl und Eisen, die von Technikern gebändigt werden. Gott läßt es uns gewinnen über die Natur — wollen wir uns vor dem großen Motor schämen mit unserer Bedenklichkeit? Und nun beruht die Arbeit und das Leben überhaupt auf der Gemeinschaftlichkeit, auf dem Zusammenstehen und Zusammenscharen. Wir leiden so oft bitter darunter, in jeder Beziehung, daß wir einander nicht verstehen, nicht verstehen wollen, daß jeder seinen Weg geht und sein Horn bläst und seine Ellenbogen braucht, möglichst gleichgültig, möglichst feindselig gegen alle andern. An der Ausstellung können wir wieder einmal sehen, was das eigentlich für ein Unsinn ist. Kopf und Hand, Feder und Hammer, Erdscholle und Maschine, Bureau und Studierzimmer, das sind freilich verschiedene Welten, so verschieden, wie die Menschen selbst sind. Aber darum gehören sie doch zusammen und sind auf einander angewiesen, die Menschen und ihre Werke. Sie sind gar nichts, wenn sie nicht Brüder sind und Bruderwerke. Friedlich haben sie sich in Bern nebeneinander gestellt, eines des anderen Ergänzung. |309 Das ist etwas vom Wichtigsten, was so eine Ausstellung leisten kann, sie lehrt uns einander verstehen und achten, und das ist dann bereits der Weg zu noch viel Größerem. Oder ist die Ausstellung nicht wie eine Verheißung? Die menschliche Arbeit wird einmal ein Ganzes werden, und dann erst wird sie allen Menschen, die guten Willens sind, ein Segen sein. Die Mächte der Selbstsucht, die sie jetzt von einander trennen, sind überwindbar. Es werden einst alle mit allen und alle für alle arbeiten an der großen Gottesaufgabe, die unserm Geschlecht gestellt ist. Diese Hoffnung ist mehr als die Begeisterung des Psalmsängers. Unzählige wissen noch heute nichts anderes dazu zu sagen als «Unmöglich!» Aber wenn wir die Botschaft des neuen Testamentes ernsthaft zu uns reden lassen, wird sie uns ganz selbstverständlich. Und die Ausstellung sagt es uns: Das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit kommt, kommt auch für die menschliche Arbeit, bei der jetzt noch einer des andern Feind sein muß. Wir haben noch andere, höhere Hoffnungen, aber wir haben auch diese, und es ist nötig, daß die Menschen heutzutage gerade diese Hoffnung haben. Möchten doch recht viele von denen, die diesen Sommer nach Bern ziehen, Ohren haben, um dort diese Weissagung zu hören. Dann wird einmal eine Zeit kommen, wo die Menschen noch viel freudiger angesichts dessen, was ihr Denken und ihre Arbeit geschaffen, bekennen werden: Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Damit haben wir bereits gesagt, daß wir uns nicht begnügen dürfen, in den Freudenruf des achten Psalms einzustimmen angesichts des Spiegelbildes, das unser Volk sich in seiner Ausstellung gegenwärtig selbst vorhält. Es wäre eine Unwahrheit, ein Unrecht, dabei stehen zu bleiben. Gott sei Dank, daß wir uns mit jenem Mann an der da geleisteten Kulturarbeit einmal ganz getrost freuen dürfen, aber Gott sei Dank, daß er uns durch unsern Herrn Jesus nun auch noch tiefere Einblicke gibt in unser Leben und in das, was wir nötig haben. Der Psalmsänger ist das fröhliche zuversichtliche Kind, das denkt: es kommt schon gut! Jesus ist der reife charaktervolle Mann und sagt uns: Ja, es kommt schon |310 gut, aber es braucht vieles dazu! Was wird denn aus eurer Seele bei dieser ganzen Kulturarbeit? fragt er uns. Er weiß auch, daß wir dazu gemacht sind, wenig niedriger zu sein als Gott. Er hat auch das Wort dafür, das dem Psalmsänger noch fehlte: Kinder des ewigen Vaters sind wir. Aber sind wir’s? Einsicht und Ordnung und Macht, Geist und Kraft ist nicht alles in Gott, es kann auch nicht alles sein in seinen Kindern. Gott ist die Wahrhaftigkeit und die Gerechtigkeit und der Friede, Gott ist die Heiligkeit und die Seligkeit, Gott ist die Liebe. Sind wir seine Kinder, sind wir, wie er ist? Oder sind wir’s nur in dem kleinen Stück, das wir Kulturarbeit nennen? Gott ist größer, Gott will auch uns mehr sein, als wir denken. Gott läßt sich nicht zerteilen. Wir können nicht das Eine in ihm und aus ihm annehmen und das Andere vergessen und verleugnen. Sind wir nicht vielleicht seelenkrank oder seelenlos? Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele? — Und nun wollen wir die Ausstellung ansehen mit dieser Frage Jesu. Da müssen sofort die tiefen Schatten, die auf dem Bilde liegen, hervortreten. Und die Schatten werden so stark, daß sie einem das glänzende Bild fast verleiden könnten. Mitten in dem freudigen, göttlich-guten Schaffen und Vorwärtsschreiten erscheint uns die brutale menschliche Selbstsucht, an der nichts, aber auch gar nichts Göttliches zu finden ist, die Gier zu besitzen, die Gier zu genießen, die Gier, der Erste zu sein. Wir fühlen den Boden erzittern unter den Stößen der gewaltigen widergöttlichen Kräfte, die in dieser Gotteswelt auch wirksam sind. Wir ahnen, daß das vollkommene Leben nichts so Einfaches ist, wie wir vorher im Rausch der Bewunderung wohl dachten. Warum erfüllen die Menschen nicht rein und völlig ihre Bestimmung? Es ist, wie wenn etwas zwischenhinein gekommen wäre, eine Unruhe, eine Hast, eine Sucht, eine Wut, wir sehen sie unglücklich, schlecht, unfriedlich untereinander, uneinig und zerrissen in sich selbst. Nicht nur die Leistung, sondern auch das Leiden des modernen Menschen wird in der Ausstellung offenbar. Und das große Übel der Periode, in der wir leben, ist der Kapitalismus, das rücksichts|311lose blinde Gewinnstreben, das alle Arbeit beherrscht. Ein Meer von Sünde und Not hat in dieser Verirrung ihre Quelle. Wer das nicht versteht oder verstehen will, der versteht das Elend der heutigen Menschheit nicht. Nicht als ob der Kapitalismus der letzte Feind wäre, wir ahnen tiefere Zusammenhänge, ahnen ein Reich des Widerstandes gegen Gott, das immer wieder seine Boten aussendet als Engel des Lichts verkleidet. Aber der Kapitalismus ist seine heutige Erscheinung. Und seine Folgen sind so fürchterlich, daß sie auch durch das glänzende Kulturbild einer solchen Ausstellung nicht verhüllt, sondern vielmehr enthüllt werden. Und wir müssen Jesus antworten: Ja, es ist so, wir nehmen Schaden an unserer Seele, trotzdem wir’s so herrlich weit gebracht haben!2 Wir sind in der Gottesfremde mitten in all der Entfaltung unseres Wissens und Könnens. Können sie nicht fast ein teuflisches Gesicht annehmen, die wundervollen Maschinen der Neuzeit, wenn wir daran denken, daß sie schließlich am allerwenigsten dazu dienen, allem Volk wirklich das Leben zu erleichtern und zu verschönern, sondern dazu, das Geld und damit die Macht und den Lebensgenuß einiger Weniger zu vermehren, während Unzählige durch sie zu müden gehetzten Sklaven werden, die zum großen Teil schon so tief gesunken sind, daß sie die Ketten nicht einmal mehr spüren, die sie tragen? Helfen sollten sie dem Menschen, zu herrschen über die Natur, frei zu sein, und zum Mittel werden sie, durch das der eine den andern materiell ausnützt und geistig unterdrückt! Wir gehen durch die Räume mit all den Herrlichkeiten von Möbeln, Kleidern, Kunstgegenständen — wieviel von diesen Herrlichkeiten kommt denen zugute, die daran gearbeitet haben? wie groß wird überhaupt die Zahl derer sein, die derartige Dinge zu genießen bekommen gegenüber der Unzahl derer, die das Nötige, ja vielleicht das Nötigste, Luft und Licht und gesunde Nahrung entbehren müssen, auch in unserm Lande? Und wir können noch weiter fragen: Wie groß wird schließlich die Zahl |312 derer sein, die an diesen Dingen wirklich Freude erleben, wenn sie sie haben, gegenüber den vielen, vielen, die alles haben, was sie begehren, und doch unruhig, unzufrieden, unglücklich sind, die im Genuß verschmachten nach Begierde? Da lernen wir in einer Abteilung die so nötigen Bestrebungen zur Bekämpfung der Tuberkulose kennen, die Sanatorien, die Heilmethoden, die Vorsichtsmaßregeln. Aber unmittelbar daneben kann man sehen, wie die Tuberkulose durch die schlecht gelegenen und schlecht gebauten Armenwohnungen der großen Städte notwendig immer wieder herangezüchtet wird; auch diese Wohnungen sind Reichtumsquellen! Überhaupt, diese Darstellung des Armen- und Krankenwesens, der Fürsorgetätigkeit in allen möglichen Richtungen, des Polizeidienstes, der Genossenschafts- und Abstinenzbewegung. Wie viel gäbe es da zu lernen! Wieviel umsichtiger und gründlicher ist man geworden gegen früher! Wie gut sind wir doch versorgt und behütet gegen jeden nur möglichen Übelstand! Aber nun muß ich leider gerade an die gegenüberliegende Halle denken, in der einige vortrefflich eingerichtete Eisenbahnwagen zu sehen sind, die ausschließlich dem Transport von — Bier und Wein dienen. Mit solchen Wagen werden jährlich sechs Millionen Hektoliter alkoholischer Getränke über die ganze Schweiz verbreitet. Könnte einem nicht angesichts dieser einzigen Tatsache der ganze komplizierte Verbesserungsapparat auf der andern Seite wie ein großer Schwindel vorkommen oder doch wie ein rührendes, aber herzlich törichtes Schöpfen in ein Faß ohne Boden? Oder noch etwas: Da ist ein Saal, in dem einem gar anschaulich die Tätigkeit und die Hilfsmittel der Militärsanität gezeigt werden, der Ärzte und Krankenpfleger im Kriege. Wir sehen Tragbahren, Betten, Verbände von allen Arten. Sehr schön, denkt man, wie heutzutage für diese Unglücklichen gesorgt wird. Ja, sehr schön, nur ist leider dieser Saal ein kleines Anhängsel einer großen Halle, und diese Halle ist voll von Geschützen, Granaten, Patronen, Säbeln, Bajonetten und allen möglichen Mordinstrumenten. Wirklich prächtig: hier vernimmt man, wie man Menschen mit allen Mitteln moderner Erfindungen umbringt |313 und verstümmelt, und dort, wie der Schaden wieder gut gemacht wird, wenn er nicht allzu groß ist. Solche Rätsel, solche unbegreiflichen Widersprüche finden sich noch mehr in der Ausstellung. Ich rede nicht davon, um zu kritteln. Den Spiegel wird kein Vernünftiger tadeln, die Ausstellung ist sehr schön. Aber das Bild, das der Spiegel zeigt, ist jammervoll. Er zeigt uns die moderne Menschheit, diese rastlose, erfinderische, arbeitsame Menschheit, zu der wir ja auch gehören, als eine Herde, die keinen Hirten hat, ganz wie einst das Volk von Galiläa, von dem Jesus das sagte. Wir sind krank an unserer Seele, und unsere Krankheit besteht darin, daß wir eigentlich zwei Seelen haben. Wir wissen nicht, wo hinaus wir streben sollen. Wir folgen mit halbem Herzen den guten Geistern der Wahrheit, des Rechts, der Bruderliebe, mit halbem Herzen aber auch den Geistern der schrankenlosen Gier, des Genießens, des Unfriedens. Seht, das heißt: Schaden leiden an seiner Seele, ferne sein vom lebendigen Gott, wenn man so alles halb ist. Und nun möchte ich euch auch das wünschen, daß recht viele von denen, die die Ausstellung besuchen oder davon hören oder lesen werden, auch etwas spüren möchten von dieser entsetzlichen Halbheit, von diesem fürchterlichen Widerspruch, der durch unsere ganze Kultur hindurch geht, trotz all ihrer Klugheit und all ihres Glanzes. Spüren müssen wir’s: Alles, was sich da vor uns ausbreitet an Fortschritten und erreichten Zielen, das ist von sehr, sehr fraglichem Werte; denn was helfen uns die steinernen, hölzernen, eisernen Fortschritte, wenn die Gegenkräfte, die Trägheit und das Raubtier im Menschen, so gewaltig sind, größer vielleicht und schneller fortschreitend als das, was wir Kultur nennen? Seht, diese Frage muß uns der Besuch der Ausstellung ins Herz brennen; wenn wir nur bewundernd ah! und oh! rufen, sind wir umsonst dort gewesen. Wenn uns in Bern diese Frage recht lebendig und klar wird, dann hat uns die Ausstellung einen großen Dienst getan.

Unser Menschenwesen soll sie uns zeigen, in seiner Größe und in seinem Jammer. Und, indem sie es uns zeigt, uns darüber hinausführen. Sehnsucht und Hoffnung in uns erwecken nach einer |314 neuen Menschheit, in der alles Weltliche ganz und gar von Gott, von Gott in seiner ganzen Fülle durchdrungen sein wird, in der die großen Gaben, die Gott der Menschheit gegeben, frei und ungehindert zur Entfaltung kommen werden, in der sie ihre großen Aufgaben lösen wird, rein und vollkommen und ohne die störende Einwirkung der bösen Geister, von denen wir jetzt geplagt sind. Wir glauben an diese kommende Menschheit, weil wir an den lebendigen Gott glauben, der die Quelle alles Lebens und der Überwinder des Bösen ist. Er ist unser Ziel und unsere Heimat. Er will die Welt und die menschliche Gesellschaft und jeden einzelnen von uns umgestalten in das Bild seines Sohnes. Noch stehen wir mitten drin in dieser unruhigen, zerrissenen Welt. Noch leiden wir Schaden an unserer Seele. Aber er will uns gesund machen. Er will den Schaden heilen, und er tut es. Er ist unser Licht und unser Friede. Sein ist die Herrschaft und die Kraft im Äußern und im Inwendigen, im Gegenwärtigen und im Zukünftigen, in der Zeit und in der Ewigkeit.

Amen.

Sachfußnoten

1
Überarbeitete Fassung der vorigen Predigt, in: Neue Wege. Blätter für religiöse Arbeit, Jg. 8 (1914), S. 304–313. 📖 Vgl. die Anmerkungen zur vorigen Predigt. Bibelstellennachweise ebd. im Text.↩
2
Vgl. J. W. v. Goethe, Faust I, V. 573 📖: «… Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.»↩