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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 103,2</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 103,2, 14. Juni 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5030 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 314–325.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Psalm 103,2</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 314-325</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 225</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 103,2, 14. Juni 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1667">KBA 1203</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-06-14">14. Juni 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, den <date when="1914-06-14">14. Juni 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.103.2">Psalm 103,2</ref>
              <quote>Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Wir sind so oft undankbar. — Undankbar! Das ist einer von den Vorwürfen, die wir am
               wenigsten gern hören. Lieber noch: du hast gelogen! du bist ungehorsam gewesen! du
               hast mir weh getan! Aber: du bist undankbar!, das hat etwas unvergleichlich Bitteres
               und Schmerzliches, wenn man sich das muß sagen lassen. Wir spüren es schon als
               Kinder, daß da etwas Schweres darin liegt, und je älter wir werden, desto mehr spüren
               wir es. Zugleich an einem Anderen und an uns selbst verfehlen wir uns da, ganz gemein
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                und verächtlich machen wir uns. Etwas Gutes ist uns getan worden, und wir haben es
               nicht anerkannt, nicht erwidert, wir haben dem Anderen nicht Treue gehalten und damit
               uns selbst nachträglich unwürdig gemacht. Wir verdienten es nicht, daß es uns gut
               ging. Wir müssen uns schämen.</p>
        <p>Ich meine jetzt aber nicht nur die Undankbarkeit Menschen gegenüber, die gehört
               allerdings auch dazu, aber sie ist lange nicht das Ganze. Es gibt etwas viel
               Schwereres. Es gibt eine Undankbarkeit dem Leben gegenüber oder, wenn wir es noch
               tiefer und richtiger ausdrücken wollen, eine Undankbarkeit Gott gegenüber, der uns
               unser Leben geschenkt hat, der es fügt und leitet nach seinem Willen und uns mit
               Allem so viel Gutes tut — und wir anerkennen und erwidern es nicht. Das ist eine der
               allerschwersten Sünden, und wir begehen sie sehr oft; wir sind eigentlich immer ein
               wenig darin. Damit scheiden wir uns von Gott und verderben uns selbst unser Leben,
               das so schön und glücklich sein könnte. Auf der anderen Seite ist das eine der
               größten Gnaden, die ein Mensch haben kann, wenn er lernt und gelernt hat, dankbar zu
               sein. Da wird seine Verbindung mit Gott echt und stark, da wird sein Leben schön und
               kraftvoll und friedlich. Laßt uns heute hören, was uns das Psalmwort zu sagen hat:
                  <hi rend="italic">Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan
                  hat!</hi> Wir haben es nötig, das zu hören.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Lobe den Herrn, meine Seele!</hi> Ja haben wir denn Grund dazu? Ja, wir
               haben allen Grund dazu! Ich auch? fragst du. Ja, du auch! Es gibt nichts
               Naheliegenderes, nichts Dringenderes für uns, als den Herrn zu loben. «<hi rend="italic">Loben</hi>» heißt ja, ganz besonders Gott gegenüber, nicht Worte, schöne Worte
               machen. Da kann keiner sich entschuldigen: ich habe keine Zeit dazu, und ich weiß
               nicht, wie ichs anstellen soll. Gott loben ist nicht ein Werk unserer Hände oder
               Lippen, sondern ein Zustand unseres Herzens. Wir könnens tun mitten in aller Arbeit
               und Beschäftigung. Wir könnens tun ohne Bibelspruch und Gesangbuchverse, wenn uns die
               zu schwer sind. Gott den Herrn loben wir, wenn wir von ganzem Herzen und in vollem
               Ernst seine Größe anerkennen und dann so recht
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                aufrichtig mit Freude erfüllt sind. Das ist das Lob, das Gott von uns verlangt, ein
               anderes begehrt er nicht. Wer diesen Herzenszustand kennt und hat, der ist mit Gott
               im Bunde und auf dem rechten Weg zu ihm, auch wenn er sonst ein schwacher,
               unvollkommener Mensch ist. Und der lebt wahrhaftig, frei, glücklich, selig, seine
               Tage haben einen Inhalt und ein Ziel. Denn alles Andere, was es sonst braucht, um zu
               tun, was vor Gott recht ist, und zu einem solchen wahrhaftig glücklichen Leben, alles
               Andere fließt ja aus dem Einen. Stark sein in der Verführung, geduldig, wenns bös
               geht, festen Willen haben zu großen Lebensaufgaben, rechte Liebe zu den Schwachen und
               Törichten, sicher bleiben, wenn die Menschen um uns her schwatzen und tosen, sich die
               tiefe Zuversicht und den wahren Frieden nicht nehmen lassen durch alle
               oberflächlichen Dinge und Zerstreuungen, Meister sein über sich selbst und immer
               wieder sicher in seinem Ziele, das alles kommt und ist da, wenn das Eine kommt und da
               ist bei uns: die schweigende, innerliche Erkenntnis von der Majestät des verborgenen
               ewigen Vaters, die Erkenntnis, daß er größer ist als Alles, daß er standhält, wenn
               Alles [sich] ändert und vergeht, daß sein Wille geschehen muß, und wenn die ganze
               Welt darüber in Trümmer gehen müßte, weil es ein guter Wille ist. Unsere Seele muß
               Gott loben, wie der Psalmsänger sagt, dann kommts gut mit uns.</p>
        <p>Das ist <hi rend="italic">nichts Beschwerliches</hi>, Sonderbares, Fremdes. Manche Leute
               meinen es. Sie sehen das, worauf es ankommt, furchtbar weit, statt auf dem
               allernächsten Wege. Sie nennen es Frömmigkeit und verstehen darunter irgend etwas,
               was man machen und künsteln müsse. Sie glauben, da müsse man seine Seele irgendwie
               verrenken, zu etwas Unnatürlichem zwingen. Und dann gelingt es ihnen nicht und sie
               wenden sich enttäuscht ab: ich weiß mit Gott nichts anzufangen. Oder es gelingt
               ihnen, sie schrauben sich hinein in allerlei Gefühle und Gedanken, die doch nicht
               aufrichtig und wahrhaftig ihre eigenen sind, aber es liegt dann auch kein Segen
               darauf. Und beidemal bekommen sie das nicht, was wir bekommen können, wenn wir aus
               ganzer Seele dazu gekommen sind, Gott den Herrn zu loben: Kraft und Zuversicht und
               Festig<pb xml:id="p317" ed="pga" break="no"/>keit, Ernst und Freude, Freiheit und Frieden. Das fehlt ihnen, weil ihnen die Quelle
               von dem allen fehlt. Und doch wäre sie so einfach zu finden. Gott bleibt uns ja doch
               nicht ferne. Er macht es uns nicht schwer, unsere Seele voll werden zu lassen von
               seinem Lob, von der Erkenntnis seiner Größe und Macht. Wir brauchen keine mühsam
               verschlungenen Wege zu gehen, um ihn zu verstehen und dann allen Segen zu spüren, der
               auf solchem Verständnis ruht.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Gott redet mit uns</hi>, er kommt uns nahe, so nahe als wir uns denken
               können, sagt uns gleichsam wie ein Freund dem anderen: sieh, da bin ich! Kennst du
               mich nicht mehr? Du weißt doch, wie gut ich es mit dir meine! Und indem wir ihn
               hören, spüren wir schon, wie gut er es wirklich mit uns meint. Verheißung und
               Erfüllung folgen sich auf dem Fuße. Etwas Neues fängt an in uns zu keimen, zu
               entstehen, und wenn wir nur treu und achtsam sind, dann wird es wahr: siehe, ich
               mache alles neu [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.5">Apk. 21,5</ref>]!
               Bald zeigt er sich uns von dieser Seite, bald von jener. Bald wird unser Gemüt
               erschüttert von seiner stillen, eindringlichen Rede, bald unser Gewissen erschreckt
               und aufgeweckt. Bald ists ein kleines Lichtlein, das uns da oder dort aufleuchtet in
               einer vielleicht an sich unbedeutenden Lebensangelegenheit, bald ist es eine große
               Helligkeit, die über die höchsten Berge steigt und von da aus hinunterflutet bis in
               die tiefsten Täler und keinen Winkel mehr im Schatten läßt. Gott redet so unendlich
               verschiedene Stimmen. Und doch will er immer dasselbe mit uns: Er will uns das Eine
               geben, in dem uns dann Alles gegeben ist; er will uns mit sich selber verbinden,
               damit unser Leben schön und reich, ein ewiges Leben werde, er will uns beschenken mit
               jener tiefen innerlichen Erkenntnis, daß er selber größer ist als Alles, mit dieser
               Erkenntnis, die uns ganz, ganz sicher frei, stark und selig machen muß. Wir wollen
               uns nicht enttäuschen und verbittern lassen, wenn wir von all dieser Güte bis jetzt
               noch wenig oder nichts gespürt haben. Wir wollen auch nicht ermüdende Umwege
               einschlagen, die uns doch nicht zum Ziel führen. Wir wollen auf Gott hören, wir
               wollen Gott sehen, so wie er selber <hi rend="italic">sich uns zeigt und
               anbietet</hi>.</p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p318" ed="pga"/> Sieh, er redet mit uns in allem <hi rend="italic">Schönen</hi>, was es in der Welt gibt,
               in der Sternenpracht und im blauen Frühlingshimmel, im Rauschen des Tannenwaldes und
               im Wogen der Felder, die der Ernte harren, in der versteinerten Riesenmacht der Berge
               und im Wasser, das in seinem Wechsel ein Bild der Ewigkeit ist, in den Gedanken, die
               der Künstler denkt und auszudrücken sucht, so gut es ihm gegeben ist, und in den
               fröhlichen, frischen Augen des Kindleins. Geh einmal auf die Suche nach Allem, was
               schön ist, wie unendlich reich ist die Welt davon, auch deine Welt, wie reich an
               Dingen, die dich freuen, erheben, ermutigen — die dich heiter und freundlich stimmen,
               die dein Herz wie durch eine Zaubermacht alles Graue, Schwere des Alltags vergessen
               oder doch zurückstellen lassen. Das ist nicht irgendetwas, liebe Freunde, das was
               schön ist; das ist Gott, und was sagt er dir? er sagt dir überall: Ich bin freundlich
               und meine Güte währet ewiglich [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.136">Ps. 136</ref>]!</p>
        <p>Redet Gott auch durch <hi rend="italic">das Dunkle</hi>, das Schwere, das Häßliche mit
               uns? Jawohl, auch dadurch und nicht weniger. Durch das Gewitter und durch den Hagel,
               durch Erdbeben und Feuersbrunst, durch Krankheit und Unglück, durch alle Schauer der
               Seelen und durch alle Schrecken, die die Menschen, die wir selbst verursacht haben,
               durch jenen grauen Alltag saurer Pflicht und unerfreulicher Arbeit, durch Gefahren,
               Hindernisse und Enttäuschungen, die keinem Menschen erspart bleiben — Gott bewahre
               uns vor alledem, ja, aber durch alles das redet doch auch Gott mit uns, er und kein
               Anderer, und wenn es an uns kommt, können wir auch da ihn sehen und hören und in uns
               aufnehmen. Das Dunkle, das Häßliche, das Schreckliche in der Welt, es ist kein
               Schicksal, keine Teufelsmacht, es ist wieder Gott, aber der Gott, der sich immer
               wieder ins Geheimnis hüllt auch vor seinen liebsten Kindern — ist es nicht nötig, daß
               wir ihn auch von dieser Seite kennen, als den ewig Geheimnisvollen? Gott wäre nicht
               Gott für uns, wenn er uns nur im Schönen, Hellen, Freundlichen begegnen würde.
               Ehrfurcht flößt er uns ein durch alles Schreckliche, was er uns in der Welt begegnen
               läßt, Aufgaben stellt er uns damit, was wäre der Mensch für ein elendes Wesen ohne
               seine
               <pb xml:id="p319" ed="pga"/>
                Lebensaufgabe, und gerade durch das Schwere bringt uns Gott diese Aufgabe daher. Und
               sehnsüchtig läßt er uns die Hände ausstrecken nach ihm, wir würden es nicht lernen,
               wenn die Welt nur ein heller freundlicher Garten wäre.</p>
        <p>Und so kommt Gott in den Stunden der <hi rend="italic">Freude</hi> zu uns, jawohl, wenn
               wir uns von Herzen freuen, dann dürfen wirs wissen: jetzt ist mir Gott ganz nahe.
               Wenn wir uns hochgemut fühlen, von Zufriedenheit und Begeisterung erfüllt, dann zeigt
               uns Gott gleichsam unser Ziel, unsere Heimat. Alle unsere Freude, wenn sie von Herzen
               kommt, ist ein Abglanz der eigenen Freude Gottes, eine Verheißung auf unendlich viel
               mehr. Genieße, ruft er uns zu! du darfst! du sollst! es kommt von mir, du darfst doch
               annehmen, was ich dir schenke. Aber sofort müssen wir hinzufügen: Gott ist auch im
                  <hi rend="italic">Leid</hi>, in Kreuz und Unglück, im Jammer, der uns zerreißen will,
               und in den Tränen, die nicht aufhören wollen. Kein böser Feind tut es dir an, wenn es
               dir bös geht, wenn du zu tragen hast. Nichts ist da, gegen das du dich wehren müßtest
               als gegen etwas Böses, Teuflisches, gegen etwas, was dir zuleid getan ist. Nein, auch
               das Leid, gerade das Leid kommt direkt aus Gottes Vaterherzen, gerade im Leid redet
               er die wunderbarsten Worte mit uns. Wenn wir jung sind, denken wir: Gott muß mich
               gesund erhalten, muß mirs Wohlergehen lassen, mir helfen, und in diesem Sinn hoffen
               und trauen wir auf ihn. Wenn wir reifer werden, merken wir: es geht manchmal auch
               ganz ganz anders. Aber Gott ist dann nicht ferne, nicht ohnmächtig. Nein, gerade wenn
               er mir wehtut, hat er mich lieb, ist er mir besonders kraftvoll nahe, spüre ich
               besonders deutlich, was er mir ist. Durch das Leid hindurch, nicht am Leid vorbei,
               geht der Weg zur Freude, zur Herrlichkeit. Arme Menschen, die Gott noch gar nicht von
               dieser Seite haben kennen lernen, arme Menschen, die noch gar nicht haben leiden
               dürfen!</p>
        <p>Gott redet mit uns auch durch unsere <hi rend="italic">Brüder und Schwestern</hi>,
               die uns lieb haben, die uns verstehen und wir sie, die uns etwas zu bieten und zu
               geben haben, Gaben des Herzens und des Verstandes, die uns emporreißen durch die
               Kraft ihres Willens, durch
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                den Ernst ihrer Entschlüsse. Ist das nicht ein Gotteswunder, einen Menschen zu
               wissen, der uns lieb hat, der mit uns einig ist, der mit uns Alles trägt, Alles
               glaubt, Alles hofft und Alles duldet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.7">1.Kor. 13,7</ref>], der uns immer wieder verzeihen und immer
               wieder helfen will, so weit es in seinen Kräften liegt? Laßt uns doch so etwas, wenn
               wir es erfahren dürfen, nicht einfach hinnehmen, als sei es nichts weiteres! O doch,
               hinter dem Stücklein Liebe, das du erfahren darfst, steckt verborgen die ewige Liebe
               Gottes. Was du erfährst, ist nur ein Abglanz des Ewigen, eine Verheißung auf noch
               viel Größeres. Sieh da Gott, den lebendigen Gott, der dir sagt, was er ist, wenn dich
               jemand lieb hat. Und hinter jedem Stücklein Kraft und Überlegenheit, das du bei einem
               Mitmenschen zu spüren bekommst, steckt etwas von der ewigen Kraft und Überlegenheit
               Gottes, und wo helle hohe Gedanken und schöne tiefe Empfindungen Anderer dich
               berühren und in Bewegung setzen, wahrhaftig, das sind im Grunde nicht die Menschen
               Soundso, die dir das antun, du sollst sie nicht darum ansehen, das ist wieder Gott,
               der sein Licht in ihre Herzen gegeben, damit es dir leuchten solle. Was ist
               wunderbarer: Gottes Liebe, Gottes Kraft, Gottes Weisheit, oder das, daß er sie uns
               zuströmen läßt durch schwache Menschen, durch unseresgleichen, daß jeder gute Mensch
               sein lebendigster, bester Bote an uns werden kann?</p>
        <p>Aber die <hi rend="italic">bösen Menschen?</hi> Die Verbrecher und Lüstlinge, die
               Gewalttätigen und die Charakterlosen, die, welche gesunken, gefallen sind und andere
               sinken und fallen machen? Und die Anderen alle, das große Heer der Harten, der
               Schwankenden, der Kurzsichtigen, der Eingebildeten, der Zänkischen — o, wer zählt
               alle Teufel auf, von denen Menschen besessen sein können — und die Langweiler, die
               Stumpfsinnigen, die, mit denen nichts anzufangen ist? — wir müssen doch wohl auch mit
               solchen Menschen verkehren, wir sind umgeben von solchen, mehr als von Guten, denken
               wir jetzt im Stillen. Was sollen sie uns? Auch durch sie redet Gott mit uns. Gott ist
               nicht so ohnmächtig, daß er nicht auch durch den verkommensten Trunkenbold, durch den
               leidenschaftlichsten, unzufriedensten Fanatiker, durch den hartgesotten<pb xml:id="p321" ed="pga" break="no"/>sten Geldmenschen mit uns reden könnte. Glaub nur nicht, daß die bösen Leute, an die
               du jetzt gerade denkst, da eine Ausnahme machen, daß bei ihnen nichts von Gott her zu
               hören und zu finden sei! Doch, auch bei ihnen! Auf gar mancherlei Art redet Gott mit
               uns durch die bösen Menschen. Manchmal müssen sie uns wirklich nur dazu dienen, uns
               zur Besinnung zu rufen, uns klar zu machen, daß Gott seiner nicht spotten läßt [vgl.
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>], uns fest zu
               überzeugen: das geht nicht, das darf nicht sein, davor muß ich mich hüten! Ein <persName ref="kbga-actors-2301">Judas
               Ischarioth</persName> z. B. war ein Gottesbote dieser Art, und ähnliche Menschen, vor deren Leben
               und Sterben wir am liebsten die Hände vors Gesicht halten möchten. Manchmal müssen
               wir solchen Menschen begegnen, damit das Mitleid, die Liebe, die Tatkraft in uns
               wachwerden, damit wir spüren: diesen und solchen Menschen gegenüber, z. B. einem
               Trunkenbold oder einem verlotterten jungen Menschen, habe ich eine Pflicht, dem kann
               und muß geholfen werden durch mich. Frag dich doch, ob Gott dich nicht an eine
               Pflicht erinnern will durch den, den du so fürchtest oder hassest! Wieder ein anderes
               Mal steht es vielleicht so, daß die vermeintlich schlechten Menschen in Wirklichkeit
               allerlei gute Eigenschaften besitzen, die den Anderen, den Guten, Braven und Frommen
               fehlen, ja sie sind vielleicht im Grunde dem Reiche Gottes näher als sie. Denk an die
               Pharisäer! Wie töricht waren die, daß sie seufzend die Achseln zuckten über die
               gottlosen Zöllner und Dirnen, statt bei ihnen zu lernen, was hungern und dürsten ist
               nach Gerechtigkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>]. Könnte es nicht ähnlich sein bei manchen, die wir jetzt als böse
               Menschen bedauern oder verachten? Und manchmal wieder braucht Gott die bösen
               Menschen, ob sies wollen oder nicht, als Werkzeuge seines Willens. Sie müssen einen
               bestimmten Dienst tun in dem großen Werk Gottes: zur Strafe, zur Besserung, zur Zucht
               in der Gerechtigkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.3.16">2.Tim. 3,16</ref>]; ich denke an einen Mann wie <persName ref="kbga-actors-292">Napoleon</persName> z. B., dessen dämonische Macht
               jetzt vor 100 Jahren dem endgültigen Sieg entgegenging und dessen Erscheinung trotz
               aller Greuel und Torheiten jener Zeit doch für die europäische Menschheit ganz
               zweifellos ein Segen gewesen ist. <milestone xml:id="m021" unit="page"/>
               <pb xml:id="p322" ed="pga"/>
                Ja im Grunde wird es mit allen «bösen» Menschen so stehen, daß sie, ohne es zu
               wissen und zu wollen, Instrumente des göttlichen Segens sind. Die Frage ist nur, ob
               wir sie als solche erkennen. <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> hat tiefsinnig von der Macht gesprochen, die
               stets das Böse will und stets das Gute schafft.<note xml:id="n01">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, Vers
                        1337</bibl>.</note> Wenn wir das einmal erkannt haben, dann können wir die «bösen»
               Menschen nicht mehr fürchten und nicht mehr hassen, wir werden uns in keiner Hinsicht
               mehr durch sie bestimmen lassen, sondern nur noch gespannt darauf warten, was Gott
               nun durch sie und mit ihnen ausrichten wird für seine großen heiligen Zwecke.</p>
        <p>Seht, wieviel verschiedenartiges, reichhaltiges Gotteswort an uns finden wir nun in
               dieser einen Art, bei den bösen Menschen, denen wir doch so aus dem Weg gehen! Wie
               unendlich reich ist unser ganzes Leben davon! Wir könnten ja noch lange weiterfahren.
               Wir könnten davon reden, wie Gott uns nahe ist in den Stunden, wo wir <hi rend="italic">gute Entschlüsse</hi> fassen und ausführen, wo wir Versuchungen überwinden oder
               über uns selbst Meister werden in den Taten der Wahrheit, des Rechtes und der Liebe.
               Vorwärts! sagt er uns in solchen Stunden, nun bist du auf dem rechten Weg, siehst du,
               du kannst, wenn du willst, fürchte dich nicht und geh weiter! Aber wenn wir <hi rend="italic">sündigen</hi> und fallen, ist uns Gott auch nicht fern in der Niederlage
               und in der Verzweiflung, die uns erfaßt, wenn wir uns gestehen müssen: schon wieder
               gestrauchelt, wie oft noch!? in der Beschämung über unsere schwache Menschenart, in
               der Angst und Unsicherheit über unsere eigene Kraft, in dem allen ist Gott uns nahe,
               sehr nahe. Heil kann uns widerfahren in solchen Stunden, wie wir es nie erlebt
               hätten, wenn wir immer auf dem braven, geraden Weg geblieben wären. Gott hat uns
               fallen lassen, um uns umso höher wieder zu heben. Wie könnten wir höher kommen,
               vorwärts und aufwärts ohne Einsicht in unserer Schwachheit, ohne Reue, ohne
               Ausstrecken unserer Hände nach dem, der allein gut ist? Wir könnten davon reden, wie
               Gott mit uns redet durch <hi rend="italic">das Neue</hi>, das er Tag für Tag in unser
               Leben
               <pb xml:id="p323" ed="pga"/>
                hineinbringt, durch Menschen, Bücher, Verhältnisse, Ereignisse, die überraschend und
               ungewohnt an uns herantreten und uns langsam aber sicher durch ihren Einfluß
               verändern: wir schreiten vorwärts, wir kommen zu neuen Einsichten, neuen Erfahrungen,
               neuen Entschlüssen, zu neuem Glauben, Lieben und Hoffen. So soll es sein, und Gott
               ists, der sich im Neuen uns mitteilt, was wir erleben, manchmal verheißend, manchmal
               warnend, manchmal gebietend. So auch im Menschenleben im Großen, im Völkerleben und
               Staatsleben. Jeder Fortschritt, jede neue Bewegung hat uns etwas von Gott zu sagen.
               Aber auch <hi rend="italic">das Alte</hi>, auch die Vergangenheit, auch das, was hinter
               uns liegt, das ist das Merkwürdige. Unser Leben, das hinter uns liegt, soll nicht
               gestorben und begraben sein, es soll weiterleben, an jedem neuen Tag hat uns auch der
               gestrige Tag etwas von Gott zu sagen und in jedem neuen Jahr auch das alte und die
               alten, die längst vergangenen. Da stehen sie vor dir im Spiegel, deine Jugendjahre
               und dann deine Arbeitsjahre mit all ihren Fehlern und Irrtümern, auch mit all ihrer
               Freude und mit ihrer Kraft, sie sind nicht vergangen, sie reden noch, reden zu dir,
               dem gegenwärtig Lebenden, von Großem und Kleinem, von Starkem und Schwachem, von
               guten und bösen Ansätzen. Wenn du sie verstehst, deine Vergangenheit, wie unendlich
               viel verstehst du für dein Leben!</p>
        <p>Aber wir wollen <hi rend="italic">innehalten!</hi> Was wollten wir mit alledem? Wir
               wollten sehen, wie Gott <hi rend="italic">mit uns redet</hi>. Wie er es uns leicht macht,
               ihn zu loben, ihm unser Herz zu öffnen und zu schenken, im tiefsten Grund unserer
               Seele ihn zu erkennen in seiner überwältigenden Größe. Wir können nicht sagen, daß
               wir nichts von ihm wissen können, keines von uns. Wir brauchen uns nicht in törichte
               Künsteleien und Nebenwege zu verlieren im vermeintlichen Eifer, ihm zu dienen. Er <hi rend="italic">zeigt sich uns allen</hi>, ganz ungesucht. Wo wir hinblicken, begegnen
               wir ihm. Er zeigt sich jedem auf seine eigene Weise und ist doch immer derselbe: der
               Freundliche, der Erhabene, das hellste Licht und der tiefste Ernst, die Weisheit und
               die Kraft und das unfaßbare Wunder, das wir nie fertig entdeckt haben, die
               Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit, er ist
               <pb xml:id="p324" ed="pga"/>
                gestern und heute, hinter uns und vor uns — und das alles ist er <hi rend="italic">nicht
                  für sich</hi>, Gott ist nicht ein schöner, prunkvoller Götze, der für sich
               irgendwo dasteht — das alles ist Gott für uns — wir dürfen das gar nicht voneinander
               trennen: «Gott» und «für uns» — Gott lebt und wirkt und schafft für uns, an uns, in
               uns, Alles, was er uns zeigt, das will er uns auch schenken, will es in uns
               einströmen lassen: tief und stark und rein und liebevoll und friedensreich, Alles,
               was er ist, das sollen und dürfen wir auch werden, und wo er uns etwas von sich
               selber zeigt, da schenkt er es uns auch gleich, wo er mit uns redet, da läßt er etwas
               in uns entstehen, wo uns etwas von seinem Licht und seiner Kraft begegnet, da läßt er
               sie uns zu eigen werden. Gott gibt sich uns! Das ist Gottes Wesen und Art.</p>
        <p>Wissen wir nun, was <hi rend="italic">Dankbarkeit</hi> ist, Dankbarkeit gegen Gott? <hi rend="italic">Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan
                  hat!</hi> Wir können ja nichts für Gott tun, denn was wir haben, ist von ihm und
               aus ihm. Wie könnten wir dem Herrn vergelten alle seine Wohltaten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.116.12">Ps. 116,12</ref>]? Wie könnten wir
               etwas leisten an Stelle von dem, was er für uns leistet? Wir können nur etwas tun:
               Nicht vergessen, was er uns Gutes getan hat. Ihn anerkennen, den wirksamen,
               lebendigen, schaffenden Gott, der so deutlich mit uns redet, der sich so kräftig
               unser annimmt, ihn anerkennen in unserer Seele, das muß unsere Dankbarkeit sein.
               Darin muß unser Verhältnis zu Gott bestehen, daß wir hören, was er uns zu sagen hat,
               daß wir Ja sagen und danach tun, wenn er uns ruft, daß wir unsere Hände ausstrecken
               und uns beschenken lassen, wenn er uns etwas von sich selbst geben will. Das Gute uns
               zu eigen machen, das er uns getan hat und immer noch tut, recht fröhlich, recht
               vollständig, recht tief, das heißt Gott loben und ihm danken. Von anderem Lob und
               Dank will Gott nichts wissen. Und das ist das große, aber einfache Geheimnis des
               Lebens, daß wir all das Göttliche, das uns täglich umflutet wie ein großer Strom,
               anerkennen, daß wir den Segen empfangen wollen, der beständig auf uns wartet. Sind
               wir nicht oft wie Hungernde vor einer reichen Tafel, wir armen Undankbaren? Wir
               klagen, wir schimpfen, wir gehen
               <pb xml:id="p325" ed="pga"/>
                trocken und gleichgültig unsere alten Wege — und ringsumher ist schöne grüne
                Weide!<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647">ebd. Vers 1830–1834</bibl>: <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Ich sag’ es dir: ein Kerl, der spekuliert,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide</l>
                                    <l xml:space="preserve">Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Und rings umher liegt schöne grüne Weide.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> Wir vergessen, was er uns Gutes getan hat und was uns selig machen würde,
               wenn wir es nur einen Augenblick merken würden. Gott befreie uns von unserer
               Vergeßlichkeit! Gott befreie uns von dem Schein- und Schattenwesen, in dem wir uns
               befinden und in dem wir vor Bäumen den Wald nicht sehen! Gott befreie uns von uns
               selber und nehme uns in seine Hut! Alles um uns her wartet darauf, daß wir diese
               Gottesfreiheit annehmen. Wie lange muß Gott warten auf uns?</p>
              </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
