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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Landesausstellung</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Landesausstellung, 7. Juni 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5029 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 301–314.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5029</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Landesausstellung</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 301-314</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, landesausstellung</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Landesausstellung [Predigt über Ps. 8,6–10], in: Neue Wege. Blätter für religiöse Arbeit Jg. 8, Nr. 8 (1914), S. 304–313 Überarbeitete Fassung von kbga-texts-935</bibl>
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        <date type="creation" when="1914-06-07">7. Juni 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                            <orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName><note xml:id="n01">Überarbeitete Fassung der vorigen Predigt, in:
                  <bibl corresp="kbga-bibls-1533">
                                    Neue Wege. Blätter für religiöse Arbeit, Jg. 8 (1914), S. 304–313.</bibl>
                  Vgl. die Anmerkungen zur vorigen Predigt. Bibelstellennachweise ebd. im
                  Text.</note>
                  </head>
                    
          <dateline>
            Predigt, gehalten in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>
            <date>am 7. Juni 1914</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.8.6 Ps.8.10">Psalm 8,6–10</ref>
              <quote>Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Ehre und Schmuck
                        hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk;
                        Alles hast du unter seine Füße getan …</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.26">Matthäus 16,26</ref>
              <quote>Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch
                        Schaden an seiner Seele?</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Denkt, ich möchte heute über die <orgName ref="kbga-actors-8708">schweizerische Landesausstellung</orgName> in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> mit euch
               reden! — Wer die beiden vorgelesenen Bibeltexte aufmerksam mit angehört hat, der kann
               eigentlich jetzt schon wissen, was ich darüber sagen werde und wie ich es meine mit
               diesem Thema. Aber es könnten doch auch andere da sein, die zum Voraus mit mir
               unzufrieden sind. Die <orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName>! Das ist doch so etwas Weltliches. Davon hört
               und liest man in den Zeitungen, in der Wirtschaft, in der Eisenbahn. Dafür mögen sich
               die Geschäftsleute interessieren und die, <milestone xml:id="m304" unit="page"/>
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                die sonst Geld, Lust und Zeit haben, solchen Veranstaltungen nachzureisen. Aber was
               soll das hier in der Kirche? Wie sollen uns von der <orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName>
               Sonntagsgedanken kommen, Trost und Freudigkeit und Kraft für die beginnende Woche,
               wie wir sie hier suchen? Was hat uns die <orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName> von Gott zu sagen? Ich
               will zuerst darauf Antwort geben. Das ist freilich wahr: etwas durch und durch
               Weltliches, Menschliches ist so eine Ausstellung. Da wollen unsere Geschäftsleute mit
               Befriedigung und Stolz zeigen, was sie geleistet haben. Da hoffen sie Aufträge zu
               bekommen aus dem Inland und aus dem Ausland. Da gehen sie hin, um bei den
               Konkurrenten Anregungen zu bekommen zu neuen Versuchen und Unternehmungen. Da will
               auch die bloße törichte Neugier und die noch törichtere oberflächliche
               Vergnügungssucht auf ihre Rechnung kommen. Da hofft die ganze Stadt <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> und Umgebung
               gewaltige Einnahmen zu machen von dem Völkerheer, das von allen Seiten herbeikommt,
               und manch einer hat sich jetzt geräuschvoll und sichtbar oder in aller Stille parat
               gemacht, sein Netz aufzuspannen, um auch etwas zu kriegen von dem großen
               Fünfliberstrom. Und über allem und hinter allem das Ausstellungskomitee samt seinen
               finanziellen Hintermännern mit der Haupt- und Lebensfrage: Reingewinn oder Defizit?
               und mit seinen täglichen Telegrammen ins ganze Land hinaus: heute 20000, heute 30000
               Besucher! Was für eine Menge verschiedener Gedanken, Absichten und Nebenabsichten bei
               solch einem Landesjahrmarkt! Und alle, alle weltlich, natürlich, menschlich — kein
               Zweifel daran, daß es so ist! Und daran wird nun nichts geändert dadurch, daß
               irgendwo in einer Ecke in gemütvoller Umgebung auch eine Kirche aufgestellt ist mit
               einer Orgel und schönen Glasscheiben und Bildern und ein Pfarrhaus mit Büchern und
               Abendmahlskelchen und Anderm, was so zu kirchlichem Wesen gehört, katholisch und
               protestantisch friedlich schiedlich nebeneinander. Ich habe mir auch diesen Teil der
               <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> angesehen, und er kam mir gerade so weltlich vor wie alles übrige. Auch
               da sind eben Menschen: Pfarrer und andere Kirchenfürsten, die zeigen wollen: seht da,
               wir sind auch noch da <milestone xml:id="m304-305" unit="page"/>
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                mit unserem Wesen, und wieder andere, die mit dem Kirchenwesen ihr Geschäft machen
               wollen, wie man ein anderes Geschäft macht, und Reklame und Geschäft sind nun einmal
               weltlich, auch wenn die Sache sich Kirche nennt. Man kann den Wunsch haben, diese
               Ausstellungskirche samt Inhalt möchte lieber nicht aufgerichtet worden sein; sie kann
               doch nur falsche Begriffe erwecken von dem, was Religion und Christentum in
               Wirklichkeit ist. Wer nicht viel Zeit hat in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, mag sie ruhig beiseite lassen; er
               verliert nicht viel. Jedenfalls möchte ich all denen von euch, die diesen Sommer nach
               <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> gehen werden, raten, euch in jener Ecke unter den kirchlichen Siebensachen ja
               keiner besonderen Rührung hinzugeben. Vom lebendigen Gott ist dort gerade so wenig
               oder so viel wahrzunehmen, wie etwa beim großen Dieselmotor der Gebrüder <orgName ref="kbga-actors-4987">Sulzer</orgName> in
               der Maschinenhalle. Man kann sogar den Motor vorziehen. Also es ist wirklich eine
               weltliche Sache, diese <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, weltlich von A bis Z, weltlich in den
               Absichten und in den Wirkungen. Aber darum hätten wir doch nicht recht, wenn wir als
               Christenmenschen sagen wollten: sie geht uns nichts an und es ist schade um den
               schönen Sonntagmorgen, uns mit ihr zu beschäftigen. Ja, was heißt denn «weltlich»?
               Weltlich ist doch einfach alles das, wonach wir Menschen suchen und streben. Weltlich
               ist das Dichten und Trachten unseres innern, und das Denken, Reden und Schaffen
               unseres äußeren Lebens. Freilich geht durch alles hindurch der verborgene schwache
               und doch so sehnsüchtige Zug unseres Herzens nach dem Reiche Gottes. Aber wäre es
               nicht eine Heuchelei, uns zu wehren und zu sagen: ich will von dem Weltlichen nichts
               wissen und nichts hören hier in der Kirche? Was da! Wer so redet, das ist fast immer
               einer, der Angst hat, er könnte im Weltlichen gestört werden durch Gott. Darum will
               er nur von Gott hören! Und das ist eben Heuchelei! Wenn wir weiter kommen wollen
               darin, durch alles hindurch nach dem Reiche Gottes zu trachten, dann müssen wir vor
               allem ganz ehrlich werden und dem Weltlichen klar ins Gesicht sehen: es ist nun
               einmal da, es füllt uns völlig aus, dich und dich und mich auch, auf allerlei Arten.
               Seht, <milestone xml:id="m305-306" unit="page"/>
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                da kann uns die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> einen großen Dienst tun. Sie zeigt uns — was? Maschinen,
               Bauwerke, Kleider, Pflanzen, Tiere und wieder Maschinen? Nein, uns selbst, den
               Menschen, in unserer ganzen Weltlichkeit. Was wir möchten und was wir schon erreicht
               haben: Reichtum und Schönheit, Wohlsein und Bequemlichkeit, Ordnung und kluge
               Organisation, Arbeit, Geschicklichkeit und Freude, das alles breitet sich da vor uns
               aus, das alles findet da seinen vollendeten Ausdruck, kann da in einigen Stunden oder
               Tagen übersichtlich und gründlich erlebt werden, wie nicht gleich wieder. Ganz
               überwältigt ist man zunächst von der Größe und Herrlichkeit des menschlichen Wesens.
               Man hat Mühe, an Gott zu denken inmitten all dieser Dinge, die von nichts anderem
               reden als von menschlicher Gescheitheit und Energie, von menschlichen Fortschritten
               und Annehmlichkeiten. Was soll Gott in dieser wundervoll eingerichteten und
               funktionierenden Menschenwelt? Es tut uns gut, uns armen unentschiedenen
               Christenmenschen, wenn uns das weltliche Wesen einmal so recht übermächtig lebhaft
               vor Augen tritt. Die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> verhilft: uns dazu. Da hält unser ganzes Volk sich
               selbst den Spiegel vor, und im Spiegel erscheint das Bild dessen, was wir sind und
               erstreben — und siehe, es ist etwas anderes als Gott: Wohlstand, Wohlfahrt,
               Zivilisation vielleicht, Kultur sogar, aber nicht Gott. Man kann Gott gerade so gut
               hinwegdenken, es liegt näher, ihn hinwegzudenken. Kraft und Stoff und stolzer,
               unerschöpflicher Menschenwille, das sind die Wirklichkeiten des Lebens. Auch deines
               und meines Lebens, wir gehören ja auch zu dem Volke, das da sich selbst erkennt. Alle
               Zweifel an Gott, die wir je gehabt, steigen wieder in uns auf. Geht es nicht ohne
               Gott? Die Welt ist so stark und so laut, so gescheit und so schön ohne ihn? Muß es
               nicht ohne Gott gehen? Ein leises Frieren erfaßt uns. Also das ist das Leben?
               Allerlei Bedenken steigen in uns auf, die zum Schweigen gekommen waren vor all der
               Pracht. Aber wir kommen nicht weiter. Ich wünsche euch, daß recht viele von euch
               dieses Erlebnis der Unsicherheit machen möchten, wenn sie nach <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> kommen. Das tut
               uns gut, denn je gründlicher es ist, desto gründlicher muß es sich dann auch auf<milestone xml:id="m306" unit="page"/><pb xml:id="p305" ed="pga" break="no"/>lösen. Wenn die Welt uns so deutlich und übermächtig entgegentritt, dann können wir
               auch wieder verstehen, im Unterschied dazu, wer und was Gott ist. Gerade wenn die
               Welt so laut zu uns redet, wenn sie uns so deutlich sagt, daß sie die Welt ist,
               gerade dann werden Glaube, Liebe, Hoffnung uns lebendig als die Tatsachen, die über
               Vernunft und Stoff und Kultur stehen. Wir wissen wieder, wozu wir da sind und wohin
               unser Weg geht. Aber noch in einem andern Sinn werden wir frei von der Welt, wenn wir
               einmal durch diese Unsicherheit hindurch sind. Wir können das Weltliche wieder ruhig
               ansehen, ohne Angst und ohne Haß. Ja sogar dankbar: wir ahnen das Göttliche, das
               irgendwie darin verborgen sein muß, wir hören auf das, was Gott uns durch die Welt zu
               sagen hat. Wie hat es denn Jesus gehalten? Wir wissen es: «Mein Reich ist nicht von
               dieser Welt!» Was die Menschen am nötigsten haben, das steht über Menschenmacht und
               Menschenkunst. Aber dabei ist keiner dessen so sicher gewesen wie Jesus, daß die Welt
               Gottes ist und daß in der ganzen Fülle des Lebens, im Großen wie im Kleinen, im Guten
               wie im Bösen Gottes Gedanken und Gesetze verborgen sind. Er hatte die Augen, sie zu
               lesen. Er fand Gott beim Gras auf dem Feld und beim habsüchtigen Kaufmann, Ihm wurde
               alles Vergängliche zu einem Gleichnis, voll Liebe und Freude und Verständnis konnte
               er alles ansehen, gerade weil er so ganz frei war davon. So soll uns auch die
               <orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName> mit all dem durch und durch Weltlichen, was sie ist und bezweckt,
               zum Gleichnis werden, durch das wir hindurchsehen ins Ewige. Wir wollen mit
               hineinsehen in den Spiegel, der uns das Menschenwesen in voller Entfaltung zeigt.
               Gott wird uns wohl etwas damit zu sagen haben. Zweierlei, meine ich: Das eine ist
               wichtig und das andere ist noch wichtiger, das eine aus dem alten Testament und das
               andere aus dem neuen. Wir müssen beides hören.</p>
        <p>Wir wollen die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> zuerst ansehen mit den Augen des Mannes, der in alter Zeit
               den achten Psalm gedichtet hat. Voll Bewunderung und Freude redet er von der Größe,
               die Gott dem Menschen gegeben hat. Ihm ist’s aufgegangen, wie wunderbar das
               eigentlich ist, daß der kleine schwache Mensch so inmitten der <milestone xml:id="m20" unit="page"/>
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                unendlichen Natur leben und durch seinen Geist sogar darin herrschen darf. Er sieht
               die ungeheuren Kräfte der Natur: das Meer und den Sturm, die Tiere und die Pflanzen —
               und nun das eine kleine Wesen, das sie bändigt und in seinen Dienst stellt, nur durch
               das Denken und durch die Arbeit. Was für ein Schauspiel! Herrschaft, so viel
               Herrschaft! Ist das nicht Gott selber, Gott im Menschen? Der ewige Schöpfer und Vater
               aller Dinge, der seine Gewalt ausübt durch den Verstand und Willen des
               Menschenkindes?! Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkest, wie kommt er zu dieser
               außerordentlichen Stellung, wie kommt er dazu, wenig niedriger zu sein als du
               selbst?! Er ist ja auch ein Schöpfer und Regierer. Er ruft ja auch Werke hervor aus
               dem Nichts und lenkt und braucht sie nach seinem Willen. Er ist ein zweiter Gott hier
               auf der Erde. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk. Alles hast du
               unter seine Füße getan, Schafe und Ochsen allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die
               Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und was im Meer gehet — Herr unser
               Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen! Hört, wie es da jubelt und
               jauchzt vor tausenden von Jahren, das hohe Lied von der Herrlichkeit des Menschen,
               nein von der Herrlichkeit Gottes, die im Geist und in der Arbeit des Menschen wirksam
               ist. Und nun denkt euch, dieser Mann könnte aus seinem Grab auferstehen und nach <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>
               an die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> kommen! Das war ja noch gar nichts, was zu seiner Zeit die
               Menschen wußten und konnten. Wie unbeholfen und roh kommen uns heute die
               Einrichtungen und Werkzeuge vor, deren man sich damals bediente — und doch freut er
               sich darüber, dankt Gott, der dem Menschen solche Macht verliehen! Wie würde er sich
               erst freuen, wenn er sehen könnte, wie heute die Menschen Meister geworden sind nicht
               nur über «Schafe und Ochsen allzumal», sondern über Dampfkraft und Wasserkraft, über
               Magnetismus und Elektrizität, über die Tiefen der Erde und über die Höhen des
               Luftreiches, wie ihnen kein Steingebirge mehr zu hart ist, sie bahnen sich ihren Weg
               hindurch, und kein Metall zu spröde, sie machen daraus, was sie wollen, mit
               wunderbarer Genauigkeit und Feinheit — wenn er <milestone xml:id="m307-308" unit="page"/>
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                die Maschinen sehen könnte, von Menschen ersonnen und hergestellt, die jetzt in
               einer Stunde fertig bringen, woran zu seiner Zeit Hunderte und Tausende tage- und
               wochenlang hätten arbeiten müssen, die Schnelligkeit, mit der wir miteinander
               verkehren können auf die größten Entfernungen, als ob der trennende Raum gar keine
               Bedeutung hätte, die raffinierte Umsicht der modernen Unternehmer und Techniker, für
               die es gar keine Schwierigkeit mehr zu geben scheint, die jedem Bedürfnis zu genügen,
               jedes Hindernis zu umgehen oder zu unterdrücken weiß. Wie hätte er da erst gebetet,
               zwischen Demut und Begeisterung: Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in
               allen Landen! Ja seht, wie merkwürdig, das ist das erste, was uns die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName>
               gerade in ihrer ganzen Menschlichkeit und Weltlichkeit zu sagen hat: Wie groß ist
               doch Gott! Zuerst sehen wir nur die Menschen, die sich da groß machen, ihren
               selbstsüchtigen Zwecken nachgehen wollen. Dann ahnen wir: sie verstehen sich selbst
               nicht in ihrem Tun. Was sind die einzelnen Menschen mit ihren Firmenschildern und
               Katalogen und Preisen, was sind die Bauern, die Fabrikanten, die Techniker, die
               Beamten, die Künstler — nichts, gar nichts schließlich, denn die Leistung jedes
               Einzelnen ist ja nur eine Stufe, die ohne die Leistungen früherer Geschlechter
               unmöglich wäre und die selbst bald wieder überholt und vergessen sein wird. Und nur
               ein Posten ist sie in dem ungeheuren Reiche der Arbeit überhaupt, wertlos und
               unverständlich ohne das Ganze. Aber hinter und über den einzelnen Menschen, da taucht
               etwas vor unseren Blicken auf, und das ist wahrhaftig und ewig, das ist der
               schaffende, ordnende, gestaltende Wille. Was ist der Mensch vor diesem Willen? Und
               doch ist dieser Wille in der Menschheit und ihrer Arbeit wirksam. Wenn wir in der
               <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> nicht nur Fabrikanten und Fabrikate sehen, wenn wir dort etwas spüren und
               erleben von diesem Willen, dann kann uns dort etwas von der Herrlichkeit Gottes
               offenbar werden. Seht euch so eine Schnellzugslokomotive an in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> oder eine von den
               wundervollen Brückenkonstruktionen, mit denen die tiefsten, weitesten Täler
               überspannt werden, als verstünde sich alles von selbst, oder diese <milestone xml:id="m308-309" unit="page"/>
               <pb xml:id="p308" ed="pga"/>
                Webmaschinen, zehn Meter lang, von einer Person kontrolliert, die fast mit
               menschlichem Bewußtsein ihre exakte Arbeit zu tun scheint. Seht, das ist Gott der
               Schöpfer, Gott der Geist und die Kraft, Gott mitten im Menschenwerk! Ein armer
               Mensch, der bei alle dem über das Menschliche, Weltliche, Äußerliche nicht hinweg zu
               kommen vermag, bewundernd oder mißtrauisch! Das alles sind doch vor allem Siege
               Gottes. Er hat ja gesagt: Machet euch die Erde untertan! Und nun geschieht es. Herr
               unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen! Und dann denke weiter
               nach über das, was du siehst! Sieh, wie der Mensch fertig werden kann mit der
               gewaltigen Natur, wenn er sich anstrengt und will. Du jammerst und kapitulierst so
               oft vor deiner Schwachheit und Leidenschaft und vor der anderer, vor den Hindernissen
               und Unvollkommenheiten des Lebens, vor den Unwahrheiten und Ungerechtigkeiten der
               Welt. Du seufzest und meinst, das alles müsse so sein. Nein doch, das alles ist nur
               Natur, und Natur bedeutet für uns Menschen immer eine Aufgabe, unsere menschliche
               Natur so gut wie Feuer und Wasser, Berge und Luftwirbel, Stahl und Eisen, die von
               Technikern gebändigt werden. Gott läßt es uns gewinnen über die Natur — wollen wir
               uns vor dem großen Motor schämen mit unserer Bedenklichkeit? Und nun beruht die
               Arbeit und das Leben überhaupt auf der Gemeinschaftlichkeit, auf dem Zusammenstehen
               und Zusammenscharen. Wir leiden so oft bitter darunter, in jeder Beziehung, daß wir
               einander nicht verstehen, nicht verstehen wollen, daß jeder seinen Weg geht und sein
               Horn bläst und seine Ellenbogen braucht, möglichst gleichgültig, möglichst feindselig
               gegen alle andern. An der <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> können wir wieder einmal sehen, was das
               eigentlich für ein Unsinn ist. Kopf und Hand, Feder und Hammer, Erdscholle und
               Maschine, Bureau und Studierzimmer, das sind freilich verschiedene Welten, so
               verschieden, wie die Menschen selbst sind. Aber darum gehören sie doch zusammen und
               sind auf einander angewiesen, die Menschen und ihre Werke. Sie sind gar nichts, wenn
               sie nicht Brüder sind und Bruderwerke. Friedlich haben sie sich in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> nebeneinander
               gestellt, eines des anderen Ergänzung. <milestone xml:id="m309" unit="page"/>
               <pb xml:id="p309" ed="pga"/>
                Das ist etwas vom Wichtigsten, was so eine <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> leisten kann, sie lehrt uns
               einander verstehen und achten, und das ist dann bereits der Weg zu noch viel
               Größerem. Oder ist die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> nicht wie eine Verheißung? Die menschliche Arbeit
               wird einmal ein Ganzes werden, und dann erst wird sie allen Menschen, die guten
               Willens sind, ein Segen sein. Die Mächte der Selbstsucht, die sie jetzt von einander
               trennen, sind überwindbar. Es werden einst alle mit allen und alle für alle arbeiten
               an der großen Gottesaufgabe, die unserm Geschlecht gestellt ist. Diese Hoffnung ist
               mehr als die Begeisterung des Psalmsängers. Unzählige wissen noch heute nichts
               anderes dazu zu sagen als «Unmöglich!» Aber wenn wir die Botschaft des neuen
               Testamentes ernsthaft zu uns reden lassen, wird sie uns ganz selbstverständlich. Und
               die Ausstellung sagt es uns: Das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit kommt,
               kommt auch für die menschliche Arbeit, bei der jetzt noch einer des andern Feind sein
               muß. Wir haben noch andere, höhere Hoffnungen, aber wir haben auch diese, und es ist
               nötig, daß die Menschen heutzutage gerade diese Hoffnung haben. Möchten doch recht
               viele von denen, die diesen Sommer nach <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> ziehen, Ohren haben, um dort diese
               Weissagung zu hören. Dann wird einmal eine Zeit kommen, wo die Menschen noch viel
               freudiger angesichts dessen, was ihr Denken und ihre Arbeit geschaffen, bekennen
               werden: Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!</p>
        <p>Damit haben wir bereits gesagt, daß wir uns nicht begnügen dürfen, in den Freudenruf
               des achten Psalms einzustimmen angesichts des Spiegelbildes, das unser Volk sich in
               seiner <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> gegenwärtig selbst vorhält. Es wäre eine Unwahrheit, ein Unrecht,
               dabei stehen zu bleiben. Gott sei Dank, daß wir uns mit jenem Mann an der da
               geleisteten Kulturarbeit einmal ganz getrost freuen dürfen, aber Gott sei Dank, daß
               er uns durch unsern Herrn Jesus nun auch noch tiefere Einblicke gibt in unser Leben
               und in das, was wir nötig haben. Der Psalmsänger ist das fröhliche zuversichtliche
               Kind, das denkt: es kommt schon gut! Jesus ist der reife charaktervolle Mann und sagt
               uns: Ja, es kommt schon <milestone xml:id="m309-310" unit="page"/>
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                gut, aber es braucht vieles dazu! Was wird denn aus eurer Seele bei dieser ganzen
               Kulturarbeit? fragt er uns. Er weiß <hi rend="italic">auch</hi>, daß wir dazu gemacht
               sind, wenig niedriger zu sein als Gott. Er hat auch das Wort dafür, das dem
               Psalmsänger noch fehlte: Kinder des ewigen Vaters sind wir. Aber sind wir’s? Einsicht
               und Ordnung und Macht, Geist und Kraft ist nicht alles in Gott, es kann <hi rend="italic">auch</hi> nicht alles sein in seinen Kindern. Gott ist die Wahrhaftigkeit und die
               Gerechtigkeit und der Friede, Gott ist die Heiligkeit und die Seligkeit, Gott ist die
               Liebe. Sind wir seine Kinder, sind wir, wie <hi rend="italic">er</hi> ist? Oder sind wir’s
               nur in dem kleinen Stück, das wir Kulturarbeit nennen? Gott ist größer, Gott will
               auch uns mehr sein, als wir denken. Gott läßt sich nicht zerteilen. Wir können nicht
               das Eine in ihm und aus ihm annehmen und das Andere vergessen und verleugnen. Sind
               wir nicht vielleicht seelenkrank oder seelenlos? Was hülfe es dem Menschen, wenn er
               die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele? — Und nun wollen wir
               die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> ansehen mit dieser Frage Jesu. Da müssen sofort die tiefen Schatten,
               die auf dem Bilde liegen, hervortreten. Und die Schatten werden so stark, daß sie
               einem das glänzende Bild fast verleiden könnten. Mitten in dem freudigen,
               göttlich-guten Schaffen und Vorwärtsschreiten erscheint uns die brutale menschliche
               Selbstsucht, an der nichts, aber auch gar nichts Göttliches zu finden ist, die Gier
               zu besitzen, die Gier zu genießen, die Gier, der Erste zu sein. Wir fühlen den Boden
               erzittern unter den Stößen der gewaltigen widergöttlichen Kräfte, die in dieser
               Gotteswelt auch wirksam sind. Wir ahnen, daß das vollkommene Leben nichts so
               Einfaches ist, wie wir vorher im Rausch der Bewunderung wohl dachten. Warum erfüllen
               die Menschen nicht rein und völlig ihre Bestimmung? Es ist, wie wenn etwas
               zwischenhinein gekommen wäre, eine Unruhe, eine Hast, eine Sucht, eine Wut, wir sehen
               sie unglücklich, schlecht, unfriedlich untereinander, uneinig und zerrissen in sich
               selbst. Nicht nur die Leistung, sondern auch das Leiden des modernen Menschen wird in
               der <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> offenbar. Und das große Übel der Periode, in der wir leben, ist der
               Kapitalismus, das rücksichts<milestone xml:id="m310-311" unit="page"/><pb xml:id="p311" ed="pga" break="no"/>lose blinde Gewinnstreben, das alle Arbeit beherrscht. Ein Meer von Sünde und Not
               hat in dieser Verirrung ihre Quelle. Wer das nicht versteht oder verstehen will, der
               versteht das Elend der heutigen Menschheit nicht. Nicht als ob der Kapitalismus der
               letzte Feind wäre, wir ahnen tiefere Zusammenhänge, ahnen ein Reich des Widerstandes
               gegen Gott, das immer wieder seine Boten aussendet als Engel des Lichts verkleidet.
               Aber der Kapitalismus ist seine heutige Erscheinung. Und seine Folgen sind so
               fürchterlich, daß sie auch durch das glänzende Kulturbild einer solchen <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName>
               nicht verhüllt, sondern vielmehr enthüllt werden. Und wir müssen Jesus antworten: Ja,
               es ist so, wir nehmen Schaden an unserer Seele, trotzdem wir’s so herrlich weit
               gebracht haben!<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. v. Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V.
                        573</bibl>: «… Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.»</note> Wir sind
               in der Gottesfremde mitten in all der Entfaltung unseres Wissens und Könnens. Können
               sie nicht fast ein teuflisches Gesicht annehmen, die wundervollen Maschinen der
               Neuzeit, wenn wir daran denken, daß sie schließlich am allerwenigsten dazu dienen,
               allem Volk wirklich das Leben zu erleichtern und zu verschönern, sondern dazu, das
               Geld und damit die Macht und den Lebensgenuß einiger Weniger zu vermehren, während
               Unzählige durch sie zu müden gehetzten Sklaven werden, die zum großen Teil schon so
               tief gesunken sind, daß sie die Ketten nicht einmal mehr spüren, die sie tragen?
               Helfen sollten sie dem Menschen, zu herrschen über die Natur, frei zu sein, und zum
               Mittel werden sie, durch das der eine den andern materiell ausnützt und geistig
               unterdrückt! Wir gehen durch die Räume mit all den Herrlichkeiten von Möbeln,
               Kleidern, Kunstgegenständen — wieviel von diesen Herrlichkeiten kommt denen zugute,
               die daran gearbeitet haben? wie groß wird überhaupt die Zahl derer sein, die
               derartige Dinge zu genießen bekommen gegenüber der Unzahl derer, die das Nötige, ja
               vielleicht das Nötigste, Luft und Licht und gesunde Nahrung entbehren müssen, auch in
               unserm Lande? Und wir können noch weiter fragen: Wie groß wird schließlich die Zahl
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                derer sein, die an diesen Dingen wirklich Freude erleben, wenn sie sie haben,
               gegenüber den vielen, vielen, die alles haben, was sie begehren, und doch unruhig,
               unzufrieden, unglücklich sind, die im Genuß verschmachten nach Begierde? Da lernen
               wir in einer Abteilung die so nötigen Bestrebungen zur Bekämpfung der Tuberkulose
               kennen, die Sanatorien, die Heilmethoden, die Vorsichtsmaßregeln. Aber unmittelbar
               daneben kann man sehen, wie die Tuberkulose durch die schlecht gelegenen und schlecht
               gebauten Armenwohnungen der großen Städte notwendig immer wieder herangezüchtet wird;
               auch diese Wohnungen sind Reichtumsquellen! Überhaupt, diese Darstellung des Armen-
               und Krankenwesens, der Fürsorgetätigkeit in allen möglichen Richtungen, des
               Polizeidienstes, der Genossenschafts- und Abstinenzbewegung. Wie viel gäbe es da zu
               lernen! Wieviel umsichtiger und gründlicher ist man geworden gegen früher! Wie gut
               sind wir doch versorgt und behütet gegen jeden nur möglichen Übelstand! Aber nun muß
               ich leider gerade an die gegenüberliegende Halle denken, in der einige vortrefflich
               eingerichtete Eisenbahnwagen zu sehen sind, die ausschließlich dem Transport von —
               Bier und Wein dienen. Mit solchen Wagen werden jährlich sechs Millionen Hektoliter
               alkoholischer Getränke über die ganze Schweiz verbreitet. Könnte einem nicht
               angesichts dieser einzigen Tatsache der ganze komplizierte Verbesserungsapparat auf
               der andern Seite wie ein großer Schwindel vorkommen oder doch wie ein rührendes, aber
               herzlich törichtes Schöpfen in ein Faß ohne Boden? Oder noch etwas: Da ist ein Saal,
               in dem einem gar anschaulich die Tätigkeit und die Hilfsmittel der Militärsanität
               gezeigt werden, der Ärzte und Krankenpfleger im Kriege. Wir sehen Tragbahren, Betten,
               Verbände von allen Arten. Sehr schön, denkt man, wie heutzutage für diese
               Unglücklichen gesorgt wird. Ja, sehr schön, nur ist leider dieser Saal ein kleines
               Anhängsel einer großen Halle, und diese Halle ist voll von Geschützen, Granaten,
               Patronen, Säbeln, Bajonetten und allen möglichen Mordinstrumenten. Wirklich prächtig:
               hier vernimmt man, wie man Menschen mit allen Mitteln moderner Erfindungen umbringt
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               <pb xml:id="p313" ed="pga"/>
                und verstümmelt, und dort, wie der Schaden wieder gut gemacht wird, wenn er nicht
               allzu groß ist. Solche Rätsel, solche unbegreiflichen Widersprüche finden sich noch
               mehr in der <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName>. Ich rede nicht davon, um zu kritteln. Den Spiegel wird kein
               Vernünftiger tadeln, die Ausstellung ist sehr schön. Aber das Bild, das der Spiegel
               zeigt, ist jammervoll. Er zeigt uns die moderne Menschheit, diese rastlose,
               erfinderische, arbeitsame Menschheit, zu der wir ja auch gehören, als eine Herde, die
               keinen Hirten hat, ganz wie einst das Volk von <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>, von dem Jesus das sagte. Wir
               sind krank an unserer Seele, und unsere Krankheit besteht darin, daß wir eigentlich
               zwei Seelen haben. Wir wissen nicht, wo hinaus wir streben sollen. Wir folgen mit
               halbem Herzen den guten Geistern der Wahrheit, des Rechts, der Bruderliebe, mit
               halbem Herzen aber auch den Geistern der schrankenlosen Gier, des Genießens, des
               Unfriedens. Seht, das heißt: Schaden leiden an seiner Seele, ferne sein vom
               lebendigen Gott, wenn man so alles halb ist. Und nun möchte ich euch auch <hi rend="italic">das</hi> wünschen, daß recht viele von denen, die die Ausstellung
               besuchen oder davon hören oder lesen werden, auch etwas spüren möchten von dieser
               entsetzlichen Halbheit, von diesem fürchterlichen Widerspruch, der durch unsere ganze
               Kultur hindurch geht, trotz all ihrer Klugheit und all ihres Glanzes. Spüren müssen
               wir’s: Alles, was sich da vor uns ausbreitet an Fortschritten und erreichten Zielen,
               das ist von sehr, sehr fraglichem Werte; denn was helfen uns die steinernen,
               hölzernen, eisernen Fortschritte, wenn die Gegenkräfte, die Trägheit und das Raubtier
               im Menschen, so gewaltig sind, größer vielleicht und schneller fortschreitend als
               das, was wir Kultur nennen? Seht, diese Frage muß uns der Besuch der <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> ins
               Herz brennen; wenn wir nur bewundernd ah! und oh! rufen, sind wir umsonst dort
               gewesen. Wenn uns in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> diese Frage recht lebendig und klar wird, dann hat uns die
               <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> einen großen Dienst getan.</p>
        <p>Unser Menschenwesen soll sie uns zeigen, in seiner Größe und in seinem Jammer. Und,
               indem sie es uns zeigt, uns darüber hinausführen. Sehnsucht und Hoffnung in uns
               erwecken nach einer <milestone xml:id="m312-313" unit="page"/>
               <pb xml:id="p314" ed="pga"/>
                neuen Menschheit, in der alles Weltliche ganz und gar von Gott, von Gott in seiner
               ganzen Fülle durchdrungen sein wird, in der die großen Gaben, die Gott der Menschheit
               gegeben, frei und ungehindert zur Entfaltung kommen werden, in der sie ihre großen
               Aufgaben lösen wird, rein und vollkommen und ohne die störende Einwirkung der bösen
               Geister, von denen wir jetzt geplagt sind. Wir glauben an diese kommende Menschheit,
               weil wir an den lebendigen Gott glauben, der die Quelle alles Lebens und der
               Überwinder des Bösen ist. Er ist unser Ziel und unsere Heimat. Er will die Welt und
               die menschliche Gesellschaft und jeden einzelnen von uns umgestalten in das Bild
               seines Sohnes. Noch stehen wir mitten drin in dieser unruhigen, zerrissenen Welt.
               Noch leiden wir Schaden an unserer Seele. Aber er will uns gesund machen. Er will den
               Schaden heilen, und er tut es. Er ist unser Licht und unser Friede. Sein ist die
               Herrschaft und die Kraft im Äußern und im Inwendigen, im Gegenwärtigen und im
               Zukünftigen, in der Zeit und in der Ewigkeit.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
