Predigt: Hesekiel 36,26-27 (Pfingsten)
Was ist das Pfingstfest? Es erinnert uns an eine Handvoll Menschen aus sehr alter
Zeit, die eine große Veränderung durchgemacht haben. Sie wurden
bessere Menschen. Keine Engel, aber sie waren doch nicht mehr allen Lüsten und
Gewohnheiten und Versuchungen ausgeliefert. Klare Lebensziele standen ihnen vor
Augen, so deutlich, daß sie sie nicht mehr vergessen konnten, und eine Kraft in ihnen
führte sie langsam aber sicher diesem hohen Ziele entgegen. Freiere Menschen wurden
sie: ein wenig unabhängiger dem Urteil und dem Vorbild der Leute um sie her
gegenüber, ein wenig unbesorgter, kindlicher gegenüber dem Geld und den anderen
äußeren Fragen des Lebens, vor Allem auch ein wenig mehr Meister über sich selbst und
ihre Launen und Schwachheiten. Und sie hofften alle, einmal dann ganz frei zu werden
von alldem, was sie jetzt noch teilweise gefangen hielt. Glücklichere Menschen wurden
sie. Nicht als ob sie kein Leid und keine Tränen mehr gekannt hätten von dort an — o
doch, sehr viel sogar, aber sie trugen in sich eine große, unaussprechliche
Freudigkeit, einen unergründlich tiefen Frieden, der konnte schließlich durch nichts
mehr gebrochen werden. Sie waren selig, wenn sie hungern und dürsten mußten, selig,
wenn man sie verfolgte [vgl.
Auch in ihrem Zusammenleben war Vieles anders geworden: nicht als ob Streit und
Unrecht ganz aus ihren Reihen verschwunden gewesen wären, aber es war eine starke
Gegenkraft da, der sie alle es zutrauten, daß sie jene finsteren Gespenster einmal
verscheuchen würde, sie glaubten fest daran, daß Streit und Unrecht nicht sein
dürften und sie gaben sich wenigstens alle Mühe, einander nicht als Fremde,
geschweige denn als Feinde zu betrachten und zu behandeln, sondern als Brüder und
Schwestern. Sie hatten einander inbrünstig lieb, trotz Allem, was etwa dazwischen
vorkommen mochte. Sie suchten einander zu helfen, wo es ging, die Starken den
Schwachen, die Reichen den Armen. Und auch damit begnügten sie sich nicht: sie
fanden, daß gerade dieser Unterschied von reich und arm, von hoch und niedrig noch
ein Hindernis der rechten Liebe sei, und so wollte keiner mehr von seinem Eigentum
sagen: das gehört mir!, sondern sie legten Alles zusammen, und jeder, der arbeiten
wollte, durfte auch von dem gemeinsamen Brote leben [vgl.
Was für Menschen! nicht wahr, liebe Freunde, das waren die |279 Jünger Jesu, die den heiligen Geist empfangen hatten. Veränderte Menschen waren das, neue Menschen, anders geworden, neu, äußerlich und innerlich, die Einzelnen in ihren Seelen und sie alle miteinander als Gemeinschaft, neu und anders in jeder Beziehung.
Die Sehnsucht nach diesem Neuen, Anderen tragen wir alle in uns, liebe Freunde. Das Pfingstfest, das uns alle Jahre wieder das Bild jener verwandelten Menschen vor Augen stellt, läßt eine Glocke ertönen, die wir alle sehr wohl kennen. Besser sein, o ja, das möchten wir auch, wir möchten auch gern uns erheben können über unsere Schwachheiten und Irrtümer, wir hätten auch gern jene Klarheit über unseren Lebensweg und jene Kraft, den rechten Weg dann auch zu gehen. Und freier sein möchten wir, wir spüren ja wohl, daß wir Gefangene sind, wieviel da ist in uns und um uns her, das uns hindert, die Flügel zu entfalten, wie wir es wohl im Herzensgrund gern täten, Meister werden oder doch unterwegs sein, Meister zu werden über uns selbst, über das bedrückende Leben, was für [ein] Gedanke, was für eine Aussicht! Und glücklicher werden! ja, wer wollte das nicht, wer verlangte da nicht danach, selig zu sein, d. h. voll Licht und Freude und Ruhe — wir suchen es ja auf tausend Wegen, das ist ja unser tiefstes Streben, auch wenn wir noch so oft die Erfahrung gemacht haben, daß auf den tausenderlei Wegen, die wir gewöhnlich gehen, am Ende etwas ganz Anderes auf uns wartet als das vermutete[?] Glück. Und wie sehnen wir uns im Grunde nach einem neuen, anderen Gemeinschaftsleben, nach einem Dasein, wo man sich nicht mehr plagt und mißversteht und bekämpft, wo es keine Lüge mehr gibt und kein Unrecht; ja, wie wäre das, wenn wir uns wirklich als Brüder und Schwestern ansehen und behandeln würden! Und bei dem Allen dann auch jene Hoffnung: es geht immer noch höher, es gibt immer noch reinere, edlere Stufen, und wir dürfen und können und werden sie ersteigen, wir sind berufen zur Vollkommenheit, und dann leben zu dürfen in dieser großen Hoffnung! Wenn uns doch das gegeben wäre, nicht wahr, oder nur etwas davon wenigstens, wenn wir dahin kommen könnten!
280 Das Pfingstfest sagt uns nun, daß wir wirklich auch dahin kommen können, und wie das
geschehen kann. Das Bild jener so völlig veränderten Menschen, das uns fast wehmütig
berühren möchte wie das Bild einer verlorenen Heimat, es ist kein Traum und kein
Märchen, sondern Gottes wahrhaftige und gewisse Verheißung an uns. Allzu schnell ist
ja jene Zeit einer höheren, reineren Lebensform vorübergegangen. Die christliche
Gemeinde blieb nicht das, was sie gewesen war in der Zeit der ersten Liebe, man wurde
wieder gewöhnlicher, nüchterner, langweiliger, auch wieder lauer im Glauben,
schlaffer in der Hoffnung, selbstsüchtiger in der Liebe, es zeigte sich bald, daß die
Menschheit im Ganzen noch nicht reif war für einen solchen Zustand. Aber das ändert
nichts daran, daß jene Zeit uns zuruft, daß wir nicht umsonst uns sehnen, daß wir
hoffen sollen und dürfen auf ein Neues, Anderes, sie zeigt uns immer wieder, was
unter Menschen möglich ist, wenn sie Gott kennen und lieb haben, und wie so etwas
möglich werden kann. Unzählige Menschen zu allen Zeiten haben diesen Ruf gehört,
haben in ihrem Leben auf ihre Weise etwas erfahren von jener großen Veränderung,
haben es Anderen weitergesagt, daß das Andere, Neue, Bessere, das kommen soll,
Wahrheit ist. Nie und nirgends hat es seitdem unter den Menschen ganz gefehlt an
jener Sehnsucht und auch nicht an der Erfüllung. Immer wieder ist in den Seelen der
einzelnen Menschen und auch in den Herzen und Gewissen ganzer Völker das Leben und
die Freude und die Kraft der Pfingsten lebendig geworden trotz alles Rückgangs und
aller Schwachheit und hat sie wieder eine Stufe vorwärts geführt, heraus aus dem
Irrtum, aus der Unfreiheit und Verworrenheit, aus der Sünde und Ungerechtigkeit,
näher entgegen einem Leben in der Wahrheit und in der Liebe, näher entgegen dem
Reiche Gottes. Sie können und sie werden auch in uns und bei uns lebendig werden. Wie
aber? Darüber hat uns das Pfingstfest nun etwas Besonderes zu sagen. Wir wollen seine
Verheißung diesmal hören und aufnehmen in der Form eines Gotteswortes, das bereits
einem Mann des alten Bundes, dem Propheten
Gott will! Das müssen wir vor Allem beachten, wenn wir uns sehnen nach der großen Lebensveränderung. Wir dürfen das, was uns fehlt, nicht auf unsere eigene menschliche Weise suchen, sondern Alles kommt darauf an, daß wir uns von Gott erleuchten, führen und beschenken lassen. Gott will uns alles das geben, was wir nötig haben, wonach unsere Seele verlangt. Wir erinnern uns heute an Pfingsten, nicht weil dort ein paar Menschen einen Verein oder eine Gemeinde gegründet und ein paar gute Entschlüsse gefaßt haben — was geht uns das an, dergleichen ist oft vorgekommen in der Welt, und wir haben gar nichts davon! —, sondern weil dort Gott mit diesen Menschen geredet und etwas Anderes aus ihnen gemacht hat. Von dem, was Gott damals wollte und auch heute will, redet uns Pfingsten, und wenn wir empfangen wollen, was jene empfangen haben, dann muß uns das vor Allem ganz klar sein, daß die Veränderung unseres Lebens, die wir bedürfen und auf die wir hoffen, von Gott zu erwarten ist und nur von ihm.
Nach einem besseren, freieren, froheren Leben sehnen wir uns. Gott will es uns schenken, aber die Ziele, die wir uns da stecken, müssen göttliche und nicht irdisch-menschliche Ziele sein. Sonst nimmt die Unbefriedigung und die Sehnsucht kein Ende. Irdischmenschlich ist dein Ziel, wenn du danach strebst, es gut zu haben, viel zu gelten, machen zu können, was dir gefällt und was dich freut. Solange du auf diese Ziele losgehst, weißt du noch nichts von der seligen Veränderung, du wirst immer wieder müde und traurig werden. Solange diese Ziele den Menschen die höchsten und wichtigsten sind, solange werden sie nicht frei werden von der Verworrenheit und Unsicherheit, solange werden sie nicht aufhören, sich gegenseitig unglücklich zu machen. Pfingsten erinnert uns an das, was Gott will: da müssen höhere Gedanken in uns aufleuchten, göttliche Ziele vor unseren Augen stehen. Was ist göttlich? Nun, alles das, was unserer tiefsten menschlichen Bestimmung entspricht, Alles, worin wir Gott selber ähnlich werden könnten, Alles also, was wahr ist, gerecht und heilig, Alles, was |282 uns lehrt, uns selbst gründlicher zu verstehen und besser in Zucht zu halten, Alles, was uns einen weiteren Blick gibt und uns geschickter macht, gute, lebendige Menschen zu sein, Alles vor Allem, was uns näher mit unseren Brüdern zusammenführt, was uns lehrt, sie zu verstehen, über das, was uns von ihnen trennt, hinweg, ihnen zu helfen, mit ihnen zusammen gute Wege zu gehen. Vollkommen werden, die menschlichen Torheiten, Trägheiten und Böswilligkeiten hinter uns lassen von Tag zu Tag mehr, mit aller Entschiedenheit suchen und tun, was wahr und recht ist, und nur das, das ist das göttliche Ziel, das wir uns stecken müssen. Einig werden in der Liebe, einig zur Überwindung der bösen Kräfte, der Not und des Unrechts und der Sünde, einig zur Aufrichtung und zum Halten guter Sitte und Ordnung, willig, Einer im Anderen und Alle in Jedem wirklich den Bruder zu sehen, das ist das göttliche Ziel, dem die Völker entgegengehen und nach dem alle die ausschauen müssen mit klarem Blick, die zu der Erkenntnis gekommen sind, daß Essen und Trinken, äußere Wohlfahrt und äußere Bildung der Menschheit nicht genügen, daß sie ein Neues, Anderes nötig hat, das kommen muß. Das war das Große an dem, was wir dort bei den Jüngern Jesu wahrnahmen: daß sie wirklich ganz beherrscht waren: Gott will — nicht wir wollen!, daß ihnen wirklich das eine göttliche Ziel des Lebens über Allem stand. Darum war in ihre Seele und in ihr Leben etwas so Seliges, Lichtes, fast Überirdisches gekommen. Wenn wir es einmal wagen werden, ihnen zu folgen, dann werden auch wir sofort etwas spüren von jener großen Veränderung. Da fängt das Geheimnis, das Rätsel des Lebens an, sich uns aufzutun, wenn wir ein Ziel vor uns haben und wenn dies Ziel das Gottesziel ist, hoch über Allem, was wir selbst meinen und möchten.
Aber dem Gottesziel heißt es dann auch auf göttlichen Wegen entgegengehen. O wir haben wohl alle in uns etwas wie Sehnsucht nach dem, was wirklich göttlich und nicht menschlich ist. Wir haben wohl auch alle ein bißchen guten Willen in uns, dem nun auch nachzustreben. Es müßte einer kein Mensch mehr sein, wenn er gar nichts mehr in sich spüren und hören würde von |283 jenem: Gott will! Aber nun gehen wir doch so beständig irre auf den Wegen, die uns dorthin führen sollten. Fast ohne daß wirs merken und wollen, mischt sich da das Irdisch-Menschliche auf tausenderlei Arten doch wieder ein in unser Streben und verdirbt uns Alles, und während wir meinen, das Gute zu tun, begehen wir Fehler über Fehler, während wir meinen, vorwärts zu kommen, bewegen wir uns im Kreis herum, während wir meinen, nun seien wir der großen Veränderung ganz nah, nun müsse sie bald da sein mit all ihrer Erlösungsmacht und Schönheit, bleiben wir immer dieselben. Wir kommen weiter weg vom Ziel. Gott will! Das fehlt uns: wir ahnen, wir sehen vielleicht die göttlichen Ziele, aber Gott ist nicht mit uns auf unseren Wegen, Gott leitet unsere Schritte nicht. Gott ist nicht lebendig in unseren Gedanken und Worten und Handlungen. Wir suchen wohl Gott und das, was göttlich ist, aber wir haben ihn selber nicht dabei, wir suchen ihn irdisch, menschlich, auf unsere Art. Wir sind ja so schnell bereit, diese unsere Art mit der Art Gottes zu verwechseln. Da ist Einer mit seiner allzu großen Bequemlichkeit, die er für ganz gut und angemessen hält, und dort ein Anderer voll von törichtem, lieblosem Eifer, auch er gewiß, das Gute zu tun. Hier ist Einer mit kurzen, kleinlichen Gedanken und dort ein Anderer, ein rechter Phantast und Träumer. Menschenarten, Menschenwege, alles das und so viele andere Weisen, wie wirs treiben, jeder auf die seine. Wann werden wirs einsehen, wann begreifen, daß wir auf Menschenwegen nicht zu Gotteszielen kommen können? Seht, wenn wir gehört haben, was Pfingsten uns zu sagen hat: Gott will, daß jene Veränderung zustandekomme in unserem Leben, dann muß auch unser Denken und Treiben, all das verschwinden, was nur aus unserer Natur stammt und nicht aus Gott. Aus unserer Natur stammt die Trägheit, die Kurzsichtigkeit, die Selbstsucht, die Freude am Zanken, die Verworrenheit — aus Gott stammt der eifrige Gehorsam, die Liebe, der Friede, der stärker ist als der Zank, die nüchterne Klarheit. Hinaus muß Alles aus uns, was bloß aus unserer Natur stammt, hinein muß Alles, was aus Gott stammt, rein müssen wir werden und bleiben von der Art der |284 Welt und stark und geübt in der Art Gottes, gründlich mißtrauisch müssen wir werden gegen unsere eigene Einsicht über unseren Lebensweg, und ein großes Vertrauen müssen wir gewinnen zu Allem, was Gott uns darüber sagt und immer wieder sagt. Es muß das Menschliche nicht bloß in dem, was wir sehen und erfahren, sondern auch in jedem kleinen Schrittlein, das wir innerlich und äußerlich tun, zurücktreten gegenüber dem Göttlichen, Gottes Kraft muß es gewinnen über unsere Trägheit, Gottes Größe über unseren knauserigen Sinn, Gottes Liebe über unseren Trotz. Dann gehen wir wahrhaftig und sicher dem großen Gottesziel entgegen, dann tut sich das Geheimnis, das Rätsel des Lebens weiter vor uns auf, dann erfahren wir Tag für Tag mehr davon, wie Gott sie uns schenkt, die selige erlösende Veränderung, auf die wir warten.
Aber was braucht es noch mehr dazu? Das, was ich jetzt nennen will, ist das Tiefste und Wichtigste: Wir müssen Gottes Weg gehen zu Gottes Ziel nicht in eigener, sondern in Gottes Kraft. Was hilft es uns, wenn wir wissen: dort ist das Ziel, und hier ist der Weg? Das ist noch keine Veränderung. Unzählige Menschen wissen Beides ganz genau und sind doch unselig. Unzählige Menschen scheitern so, daß sie meinen, sie müßten Anstrengungen machen, gute Vorsätze fassen und gute Anläufe nehmen, sie müßten versuchen und wagen, rennen und arbeiten — immer vielleicht in sehr guter Absicht und vielleicht sogar auf sehr gute Weise, und doch richten sie nichts aus, und doch scheitern sie. Entweder sie werden nach einiger Zeit so müde, bekommen es so satt, dieses Streben und Schaffen, oder sie werden zwar nicht müde, man hört sie immer wieder reden, man sieht sie immer wieder dies und das probieren und wohl auch zu Ende führen, aber im Grunde haben sie herzlich wenig Erfolg. Sie selbst bleiben dieselben, und um sie her wird nichts anders, jedenfalls nicht besser. Oder sie werden nicht müde, und sie erreichen auch etwas, aber zum Schluß stehen sie doch da mit einer tiefen Unbefriedigung: was sie erreicht haben, war von vornherein etwas Zeitliches, Vergängliches, Oberflächliches, sie müssen die bittere |285 Erfahrung machen: all mein Tun hat eigentlich nicht das, was man wahrhaftig einen Wert nennen könnte. Es ist ein Blatt gewesen, das im Winde verweht, Schall, der im Ohr vertönt, Kindergeschwätz, das man vergißt. Wieviel ernstgemeintes und tüchtiges menschliches Wollen und Streben ist auf diese Weise verlorengegangen! Wie manche gute und edle Seele, die aufrichtig nach der großen Lebensveränderung trachtete, ist innerlich daran verblutet! Wie leidet die ganze Menschheit darunter, daß sie wohl ringt und kämpft nach Licht und Wahrheit, daß sie wohl da und dort einen Sieg, einen Fortschritt erreicht, aber mit jedem Schritt vorwärts kommt auch wieder ein Stillstand, wenn nicht ein Rückschritt, in jedem Gewinn liegt auch schon wieder ein Verlust verborgen, in jedem scheinbar blühenden Baum nagt der Todeswurm. Wieviel haben wir sehen entstehen und wieder vergehen an scheinbar hoffnungsvollen Regungen! Wie Vielen ist darüber der Mut vergangen, überhaupt noch zu hoffen, zu glauben, zu lieben, zu warten auf die Veränderung, durch die Alles neu und gut wird! Woher das? Es ist nur Menschenkraft am Werk gewesen, immer wieder nur Menschenkraft. Menschenkraft aber ist von vornherein klein, beschränkt, unvollkommen. Menschenkraft kann von vornherein nur vergängliche, zeitliche Werke zustande bringen.
Merken wirs nicht: Gott will!? Es ist ein ganz Anderer da, der die großen Veränderungen vollzieht, in der Seele jedes Einzelnen von uns und in der großen Welt. Wir können sie nicht machen, wir können sie nicht zustandebringen mit unseren Vorsätzen und Anstrengungen, und wenn es die besten wären. Ja, die müssen auch sein, die sind notwendig und natürlich und recht, aber nicht, wenn Gott da ist und will, wie es uns das Pfingstfest verkündigt. Unser Wirken und Streben muß aus der Tiefe stammen, nämlich aus der Tiefe eines mit Gott einigen Herzens und Gewissens. Wir müssen das Sätzlein: Gott will! in unserem Inwendigen so erfahren haben, daß unser Wille nicht mehr unser eigener ist, sondern Gottes. Gott muß bei uns eingekehrt sein und unserer Schwachheit seinen Willen eingeflößt haben. In der |286 Stille muß sich das vollziehen, im Gebet und Nachdenken über ihn, in der ruhigen Anschauung Jesu, in der er am lebendigsten und sichersten zu uns kommt. Ein armer Mensch, der wohl beständig sich anzustrengen meint für Gott und das Gute und doch nie vermag, still zu werden vor ihm, sodaß er bei ihm einkehren kann. Wenn Gott bei uns, in uns ist, dann ist unser Wille stark. Dann können wir unsere Pflicht tun und mehr als unsere Pflicht und werden doch nicht müde. Dann erreichen wir etwas, indem wir streben und arbeiten, wir kommen selber vorwärts und helfen auch an unserem kleinen Teil mit, daß es auch in der Welt vorwärts geht. Dann ist schließlich unser ganzes Leben nicht etwas Vergängliches und Unbefriedigendes, sondern selber schon ein Stück Ewigkeit. Aber das alles nicht aus uns, nicht aus eigener Kraft, sondern aus Gottes Kraft und Gnade, die sich uns mitteilt. Seht, da ist dann das Geheimnis und Rätsel des Lebens ganz enthüllt, wenn wir spüren, daß dieses «Gott will!» nicht nur ein Ziel und eine Regel sein soll für unser Leben, sondern daß es die Quelle ist, aus der alles Gute kommt. Gott will! wir müssen das in uns spüren als die sicherste Wahrheit, als das hellste Licht, als die lebendigste Kraft, Gott in uns und wir in Gott, dann kommt die Veränderung, nach der wir uns sehnen, dann gehen wir den Gottesweg, der zum Gottesziel führt.
Das alles hat mit etwas anderen Worten schon der Prophet