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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 8,5-10 und Matthäus 16,26</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 8,5-10 und Matthäus 16,26, 7. Juni 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5028 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 287–301.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5028</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Psalm 8,5-10 und Matthäus 16,26</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 287-301</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 224</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 8,5-10 und Mt 16,26, 7. Juni 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1666">KBA 1202</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-06-07">7. Juni 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-06-07">7. Juni 1914</date><note xml:id="n01">Eine überarbeitete Fassung dieser Predigt wurde veröffentlicht:
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1533">
                                <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Landesausstellung</hi>,
                           in: Neue Wege. Blätter für religiöse Arbeit
                           (Redaktion: <persName ref="kbga-actors-8709">J. Matthieu</persName>, <persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>, <persName ref="kbga-actors-3565">L. Stückelberger</persName>),
                              Basel, Jg. 8 (1914), S. 304–313</bibl>. Wiedergabe dieser überarbeiteten Fassung <ref type="pub" target="5029">S. 301ff.</ref></note>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.8.5 Ps.8.10">Psalm 8,5–10</ref>
              <quote>… Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott … Du hast ihn zum Herrn
                        gemacht über deiner Hände Werk; alles hast du unter seine Füße
                        getan …</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.26">Matthäus 16,26</ref>
              <quote>Was hälfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch
                        Schaden an seiner Seele? …</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Denkt, ich möchte heute über <hi rend="italic">die <orgName ref="kbga-actors-8708">Schweizerische Landesausstellung</orgName> in
                  <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName></hi> mit euch reden! Wer die beiden vorgelesenen Bibel<pb xml:id="p288" ed="pga" break="no"/>texte aufmerksam mit angehört hat, der weiß eigentlich jetzt schon, was ich darüber
               sagen werde. Aber es könnten doch auch andere da sein, die zum Voraus mit mir
               unzufrieden sind. Die Landesausstellung! Das ist doch so etwas Weltliches. Davon hört
               und liest man in den Zeitungen, in der Wirtschaft, in der Eisenbahn. Dafür mögen sich
               die Geschäftsleute interessieren und etwa die, die das Geld und die Zeit dazu haben,
               allen Vergnügungen nachzugehen! Aber was soll uns das hier in der Kirche?, wie sollen
               uns von der Landesausstellung Sonntagsgedanken kommen, Trost und Freudigkeit und
               Kraft für die kommende Woche? Was hat uns die Landesausstellung von Gott zu
               sagen?</p>
        <p>Nun, ich glaube, man kann das auch ein wenig von einer anderen Seite aus ansehen. Das
               ist freilich wahr: etwas durch und durch <hi rend="italic">Weltliches</hi>, Menschliches,
               Natürliches ist diese <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName>, die jetzt so viel von sich reden macht. Da wollen
               die Leute mit Befriedigung und Stolz zeigen, was sie geleistet haben. Da hoffen sie,
               Aufträge zu bekommen aus dem Inland und aus dem Ausland und fortan noch bessere
               Geschäfte zu machen als bisher. Da werden Viele hingehen, um Anregungen zu bekommen,
               um das Eine oder Andere vielleicht den Konkurrenten abzugucken und nachzumachen zum
               eigenen Vorteil. Da wird auch die bloße törichte Neugier und die noch törichtere,
               oberflächliche Vergnügungssucht auf ihre Rechnung zu kommen suchen. Da hofft jetzt
               die ganze Stadt <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> und Umgebung, gewaltige Einnahmen zu machen von der
               Menschenmasse, die da von allen Seiten zusammenkommt, und manch einer macht sich
               jetzt parat, sein Netz auszuspannen, um auch etwas von dem großen Fünfliberstrom<note xml:id="n02">Fünfliber = Fünffrankenstück.</note> zu erwischen. Was für eine Menge
               von verschiedenen Gedanken und Absichten und Nebenabsichten bei dieser Ver<pb xml:id="p289" ed="pga" break="no"/>anstaltung, und alle, alle weltlich, natürlich, menschlich, kein Zweifel, daß es so
               ist.</p>
        <p>Und das wird nun nicht besser dadurch, daß in einer Ecke dieses großen Jahrmarktes
               auch eine Kirche aufgestellt ist mit einer Orgel und schönen Bildern und Büchern und
               Abendmahlskelchen und Anderem, was so zu kirchlichem Wesen gehört. Ich habe mir zum
               Schluß des Rundgangs, den ich letzte Woche durch die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> machen durfte, auch
               diesen Teil angesehen, und er kam mir genauso weltlich vor wie alles Übrige. Auch da
               sind eben Menschen, die zeigen wollen: seht da, wir sind auch noch da mit unserem
               Kirchenwesen, und wieder Andere, die mit dem Kirchenwesen ihr Geschäft machen wollen,
               und Reklame und Geschäft ist nun einmal weltlich und menschlich, auch wenn die Sache
               sich Kirche nennt. Es wäre vielleicht sogar besser, wenn diese Ausstellungskirche
               samt Inhalt nicht aufgerichtet worden wäre, sie kann doch nur falsche Begriffe
               erwecken von dem, was Religion und Christentum in Wirklichkeit ist. Ich möchte alle
               die von euch, die diesen Sommer nach <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> pilgern werden, bitten, euch in jener Ecke
               unter den kirchlichen Siebensachen ja keiner besonderen Rührung hinzugeben. Vom
               lebendigen Gott ist dort gerade so wenig oder so viel wahrzunehmen wie etwa beim
               großen Dieselmotor der <orgName ref="kbga-actors-4987">Gebrüder Sulzer</orgName><note xml:id="n03">Große Maschinenfabrik in
                  Winterthur.</note> in der Maschinenhalle. Ich persönlich ziehe sogar den Motor
               vor. Also es ist wirklich eine weltliche Sache, diese <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, weltlich
               von A bis Z, weltlich in den Absichten und in den Wirkungen.</p>
        <p>Aber darum hätten wir doch nicht recht, wenn wir als Christenmenschen sagen wollten:
               sie geht uns nichts an, und es ist schade um die Zeit, eine Sonntagspredigt auf sie
               zu verwenden. Was heißt denn «weltlich»? Weltlich ist doch einfach alles das, wonach
               wir Menschen trachten und streben, <hi rend="italic">außer</hi> dem verborgenen und oft so
               schwachen Zug unseres Herzens, der nach dem Reiche Gottes geht. Weltlich ist der
               weitaus größte Teil unseres inneren Lebens, und ich nehme niemand von uns aus, wenn
               ich das sage. <milestone xml:id="m19" unit="page"/>
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                Wäre es nicht eine Heuchelei, uns zu wehren und zu sagen: ich will von dem
               Weltlichen, das mich bewegt, nichts wissen und nichts hören in der Kirche? Was da?
               Wer so redet, der hat gewöhnlich Angst, er könnte im Weltlichen gestört werden durch
               das Göttliche. Darum will er nur vom Göttlichen hören. Das ist aber Heuchelei. Wenn
               wir vorwärts kommen wollen im Trachten nach dem Reiche Gottes, dann müssen wir dem
               Weltlichen ganz klar ins Gesicht sehen: es ist nun einmal da, es füllt uns fast
               völlig aus, das müssen wir uns gestehen, wenn wir ehrlich sind. Gerade wenn wir das
               Weltliche recht deutlich sehen und begreifen, gehen uns auch so recht die Augen auf
               für den Weg zum Reiche Gottes, fühlen wir so recht die Aufgabe und die Freudigkeit,
               diesen Weg zu gehen.</p>
        <p>Und nun seht: so fasse ich die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> auf: sie muß uns so recht klar und
               deutlich zeigen, was weltlich, menschlich, natürlich, irdisch ist. Und das tut sie
               denn auch. Alles menschliche Wesen: Reichtum und Herrlichkeit, Wohlsein und
               Bequemlichkeit, äußere Ordnung und Schönheit, Arbeit und Geschicklichkeit und Freude,
               das alles findet da seinen vollendeten Ausdruck, in das alles kann man sich da für
               einige Stunden völlig hineinleben, wenn man sonst vielleicht nicht so Gelegenheit
               dazu hat. Ich versichere euch, daß man da zunächst ganz überwältigt ist von der Größe
               und Herrlichkeit des weltlichen Wesens in allen seinen Äußerungen, daß man Mühe hat,
               an Gott zu denken inmitten all dieser Dinge, die von nichts Anderem reden als von
               menschlicher Klugheit und Energie, von menschlichen Fortschritten und Genüssen. Was
               soll Gott in dieser wundervoll eingerichteten Menschenwelt?! Ich glaube, das tut uns
               gut, uns Christenmenschen, wenn uns das weltliche Wesen einmal so recht gewaltig vor
               Augen tritt. Die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> kann uns dazu verhelfen: da zeigt jetzt unser ganzes
               Volk, was es ist und was es will. Da wird darum auch jedem Einzelnen der Spiegel
               vorgehalten: sieh einmal, so steht es auch bei dir, so gewaltig groß ist auch bei dir
               das Trachten nach dem, was drunten ist, denn du meinst doch hoffentlich nicht, daß du
               persönlich so ganz anders seist als das ganze
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                Volk, das da sich selbst ausstellt? Nein, nein, so ist der Mensch, so bist du auch,
               so voll von Welt, von lauter prächtiger, gescheiter, schöner Welt. Da in der
               <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> kann jeder die Erfahrung machen, wieviel Zweifel eigentlich in ihm sind,
               wieviel Unglaube, wieviel Bedürfnis und Liebe zu dem, was bloß menschlich ist. Denn
               da kann man das Menschliche wirklich in seinem vollen Glanze sehen. Ich wünsche euch,
               daß recht Viele von euch dieses Erlebnis der Unsicherheit machen möchten, wenn sie
               dorthin kommen.</p>
        <p>Das tut uns gut, denn gerade wenn uns das alles so recht klar wird, können wir dann
               auch davon frei werden. Wenn wir so deutlich zu sehen bekommen, was die Welt ist und
               das weltliche Wesen, in dem wir leben, dann verstehen wir auch wieder im Unterschied
               davon, wer und was Gott ist; Glaube, Liebe und Hoffnung werden uns lebendig als die
               Lebensgüter, die über aller Vernunft und aller Kultur stehen. Wir werden dann frei
               davon auch in dem Sinn, daß wir das Weltliche wieder ganz ruhig ansehen können, ohne
               Angst und Haß. Wir können dann das Gute ruhig würdigen, das sicher auch im Weltlichen
               verborgen ist. Wir hören dann auf das, was Gott uns zu sagen hat auch durch das
               Weltliche, denn durch die Welt macht er uns manchmal von der Welt frei. Wie hat es
               denn Jesus gehalten? Er hat es ganz klar ausgesprochen: Mein Reich ist nicht von
               dieser Welt [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.36">Joh. 18,36</ref>]! Was
               die Menschen nötig haben, das steht über Macht und Pracht — und doch weiß er, daß die
               ganze Welt Gottes ist und daß in der ganzen Fülle der Erscheinungen, im Großen wie im
               Kleinen, im Guten wie im Bösen, Gottes Gesetze und Wege verborgen sind für den, der
               Augen hat, sie zu lesen. Er fand Gott bei den Blumen auf dem Feld [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.28 Mt.6.30">Mt. 6,28–30</ref>] und beim
               habsüchtigen Kaufmann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.45 Mt.13.46">Mt. 13,45f.</ref>]. Alles Vergängliche wurde ihm ein Gleichnis.<note xml:id="n04">Vgl.
                     <bibl corresp="kbga-bibls-1624">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. v. Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust II</hi>, V.
                        12104f.</bibl>: <q rend="block">
                                <lg xml:space="preserve"> <l xml:space="preserve">Alles Vergängliche</l> <l xml:space="preserve">Ist nur ein Gleichnis.</l></lg>
                            </q>
               </note> Gerade weil er so ganz frei war von allem Weltlichen,
               <pb xml:id="p292" ed="pga"/>
                konnte er Alles ansehen, über Alles nachdenken, von Allem reden — und in Allem das
               Göttliche, das Ewige suchen und finden. Auch so eine <orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName> mit all dem
               durch und durch Weltlichen, Irdischen, Menschlichen, was sie will und bezweckt, kann
               uns zum Gleichnis werden, warum denn nicht? Gerade weil da die Menschenart und das
               Weltwesen sich selbst den Spiegel vorhält, wollen wir getrost hinsehen und die
               Gelegenheit benützen und hören, was uns Gott durch das Bild im Spiegel zu sagen hat.
               Ich meine zweierlei: das Eine ist wichtig und das Andere ist noch wichtiger. Das Eine
               ist aus dem Alten Testament und das Andere aus dem Neuen Testament. Aber wir müssen
               Beides hören.</p>
        <p>Wir wollen die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> zuerst ansehen mit den Augen des Mannes, der den 8. Psalm
               gedichtet hat. Voll Bewunderung und Freude redet er von der <hi rend="italic">Größe,
                  die Gott den Menschen gegeben hat</hi>. Ihm ists aufgegangen, wie wunderbar das
               eigentlich ist, daß der kleine, schwache Mensch so inmitten der unendlichen Natur
               leben und sie durch seinen Geist beherrschen darf. Er sieht die ungeheuren Kräfte der
               Natur vor sich: das Meer und die Sterne, die Tierwelt und die Pflanzenwelt, und sie
               sind alle gebändigt und in Dienst gestellt durch das Denken und die Arbeit. Welch ein
               Schauspiel! Da wird ihm Gott so recht groß, wie er darüber nachdenkt, das muß der
               ewige Schöpfer und Vater aller Dinge selbst sein, der dem Menschen solche Gewalt
               verliehen, nicht aus sich selber hätte er es nehmen können. Was ist der Mensch, daß
               du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß du sich seiner annimmst, wie kommt der
               Mensch zu solch außerordentlicher Stellung, so nahe der Ähnlichkeit mit dir, mit Gott
               selbst? Du hast ihn ja wenig niedriger gemacht, als du selbst bist! Ist er nicht auch
               ein Schöpfer und Regierer, ruft er nicht auch Werke heraus aus dem Nichts und lenkt
               sie nach seinem Willen? Ist er nicht ein zweiter Gott hier auf der Erde? Du hast ihn
               ja zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, Alles hast du unter seine Füße getan,
               Schafe und Ochsen allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel
               und die Fische im Meer und was im Meer gehet, Herr unser Herrscher, wie herrlich ist
               dein Name in allen Landen! So
               <pb xml:id="p293" ed="pga"/>
                jauchzte und jubelte dieser Sänger vor Tausenden von Jahren, ein hohes Lied auf die
               Herrlichkeit des Menschen, nein, auf die Herrlichkeit Gottes, die sich im Geist und
               in der Arbeit des Menschen offenbart.</p>
        <p>Denkt euch, dieser Mann könnte aus seinem Grabe auferstehen und nach <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> in die
               <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> kommen. Das ist ja noch gar nichts, was zu seiner Zeit die Menschen
               konnten und wußten. Wie unbeholfen und roh waren die Einrichtungen, die Werkzeuge,
               die Wohnungen, die Lebensmittel, derer die Menschen sich damals bedienten — und doch
               freut er sich so darüber und dankt Gott, der den Menschen solche Macht verliehen. Wie
               ganz anders würde wohl sein 8. Psalm noch jubeln und jauchzen, wenn er sehen könnte,
               wie die Menschen heute Meister geworden sind nicht nur über Schafe und Ochsen und
               wilde Tiere, sondern über Dampfkraft und Wasserkraft, Magnetismus und Elektrizität,
               über die Tiefen der Erde und über die Höhen des Luftreiches, wie ihnen kein
               Steingebirge mehr zu hart ist, sie durchbohren es, und kein Metall zu spröde, sie
               machen daraus, was sie wollen, mit wunderbarer Genauigkeit und Feinheit. Wenn er die
               Maschinen sehen könnte, von Menschen ersonnen und hergestellt, die jetzt in einer
               Stunde fertigbringen, woran zu seiner Zeit Hunderte und Tausende tage- und wochenlang
               hätten arbeiten müssen, die Schnelligkeit, mit der wir miteinander verkehren können
               auf die größten Entfernungen, als ob der trennende Raum gar keine Bedeutung hätte,
               die raffinierte Umsicht und Erfindergabe, für die es gar keine Schwierigkeiten mehr
               zu geben scheint, die jedem Bedürfnis zu genügen, jedes Hindernis zu bewältigen weiß.
               Wie hätte er da erst demütig und begeistert gebetet: Herr unser Herrscher, wie
               herrlich ist dein Name in allen Landen!</p>
        <p>Nun, <hi rend="italic">er</hi> kann es nicht mehr, aber <hi rend="italic">wir</hi> können es,
               meine Freunde. Und das ist das Erste, was uns gerade eine solche <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName>, so
               weltlich und menschlich sie ist, zu sagen hat: wie groß ist doch Gott! Wenig war
               jenem Psalmsänger gegeben, um ihm die Herrlichkeit Gottes in der Menschenwelt zu
               zeigen, uns ist viel gegeben. Denn das ist doch einfach etwas von der Herrlichkeit
               Gottes, was
               <pb xml:id="p294" ed="pga"/>
                sich uns auftut, wenn wir an einem solchen Ort wahrnehmen, wie der Mensch vorwärts
               gekommen ist, so weit vorwärts gekommen ist in der Beherrschung und Ausnutzung der
               Naturkräfte. Seht z. B. so eine elektrische Lokomotive oder so eine von den
               wundervollen eisernen Brückenkonstruktionen, mit denen die tiefsten Täler überspannt
               werden, oder diese 10 Meter langen Webmaschinen, die fast mit menschlichem Bewußtsein
               ihre exakte Arbeit zu tun scheinen — was für eine Summe von Geist und Kraft in diesen
               Dingen! ist es nicht wirklich Gott der Schöpfer, Gott, der der Geist und die Kraft
               ist, der uns darin entgegentritt, stehen wir nicht staunend davor, so gut wie vor den
               Wundern der Natur, und ist doch alles Menschenwerk?! Ja, du hast ihn wenig niedriger
               gemacht denn Gott. Ein armer Mensch, der beim Anblick von all dem über das
               Menschliche, Weltliche, Äußerliche nicht hinwegkommt, dem das Herz nur an das
               Geschäft und die Reklame zu denken vermag, die da getrieben werden, dem das Herz
               nicht höher schlägt bei dem Gedanken, was doch die Menschheit zu leisten vermag, wenn
               sie ihre Gaben verwendet, wie erfolgreich sie für ihr Leben kämpfen, ihr Leben sich
               erleichtern und verschönern kann! Es ist ein Sieg Gottes, eine Erfüllung eines
               Gottesgebotes, was wir da zu sehen bekommen. Machet euch die Erde untertan [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.28">Gen. 1,28</ref>]! hat er ja zu den
               Menschen gesagt. Sieh da, wie weit sie es darin schon gebracht haben. Herr unser
               Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!</p>
        <p>Und nun hör nur genau zu, was dir Gott Alles zu sagen hat durch die Stimmen dieser
               Menschenwerke: Sieh da, wie der Mensch fertig werden kann mit der Natur, wenn er sich
               anstrengt, wenn er will. Du jammerst so oft über die Natur. Du meinst, du kannst
               nicht fertig werden mit deiner Leidenschaft, deiner Schwäche, mit den Hindernissen
               und Unvollkommenheiten des Lebens, wir sehen so viele ungute, traurige Verhältnisse.
               Was ist denn das alles? Nun eben Natur, und das heißt eine Aufgabe für uns. Sollte
               der Mensch siegen über Feuer und Wasser, über Luft und Erde, über Stahl und Stein,
               nicht aber über seine eigene Natur und die Hindernisse, die sie ihm bietet? Nicht
               doch! Wir werden uns doch
               <pb xml:id="p295" ed="pga"/>
                nicht schämen wollen vor dem ersten besten Motor, der durch den Geist und die Kraft,
               die der Mensch ihm gegeben, so Gewaltiges leistet. Du kannst auch Gewaltiges leisten,
               wir alle können es, wenn wir nur an den Geist und an die Kraft glauben wollen. Gott
               läßt es den Menschen gewinnen über die Natur, geh hin nach <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> und sieh es, wenn du
               es nicht glaubst. Und dann sieh weiter, wie den Menschen so verschiedene Gaben
               gegeben sind, jedem eine besondere. Wir leiden doch so oft darunter, daß wir einander
               nicht verstehen, daß jeder seinen Weg geht, ohne an die Anderen zu denken, ja unter
               Verachtung der Anderen. Da zeigt uns so eine <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> einmal etwas Anderes, wenn
               wir es noch nicht wußten. Wie verschieden sind die Aufgaben, an denen die Menschen
               arbeiten: der mit dem Kopf und der mit der Hand, der mit dem Faden und der mit dem
               Hammer, der auf dem Papier und der an der Maschine, der auf der Erdscholle und der im
               Bureau, und doch treiben Alle, Alle dasselbe Gotteswerk des Geistes und der Kraft,
               und doch sind Alle daran, die Natur in den Dienst des Menschen zu stellen nach Gottes
               Gebot. Das scheint mir etwas vom Wichtigsten, was durch eine solche <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName>
               erreicht werden kann, daß da ein Mensch den anderen kennenlernt, und zwar gerade in
               seinem Besten, in seiner Arbeit, der Bauer den Fabrikanten und den Arbeiter und
               dieser wieder den Bauern und Beide den Beamten, den Kaufmann usw. Wie eifrig haben
               sie jetzt dort alle zusammenstehen müssen, um jenes große Werk zustandezubringen, wie
               freundlich sind jetzt dort die Werke Aller nebeneinander zu sehen! Alles Vergängliche
               ist nur ein Gleichnis, ja, aber ein Gleichnis, das eine Verheißung hat. Werden wir es
               nicht alle einmal einsehen, daß wir das Göttliche in der Arbeit und im Leben der
               Anderen anerkennen müssen, statt uns feindselig von ihnen abzuschließen, daß die
               Arbeit erst dann ein Segen wird für die Menschen, wenn sie einmal ein Ganzes sein
               wird, wenn Alle mit Allen und Alle für Alle arbeiten an der Lösung der großen
               Gottesaufgabe, die unserem Geschlecht hier gestellt ist, daß die Macht der
               Selbstsucht, die die Menschen voneinander trennte, und ihre unheilvollen Wirkungen
               einmal überwunden werden müssen?
               <pb xml:id="p296" ed="pga"/>
                Das wußte freilich der Psalmsänger noch nicht, und das ganze Alte Testament wußte es
               noch nicht, und unzählige Menschen wissen es heute noch nicht, aber das Neue
               Testament sagt es uns, und eine solche <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> sagt es uns wie eine große
               Weissagung, daß die Liebe, die Zusammengehörigkeit, das gegenseitige
               Verantwortlichkeitsgefühl einmal Meister werden muß über die menschliche Arbeit,
               damit das Göttliche, das darin ist, sich völlig entfalten kann. Möchten doch recht
               Viele von denen, die diesen Sommer nach <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> ziehen, Ohren haben, um diese Weissagung
               zu hören! Dann wird einmal eine Zeit kommen, wo die Menschen noch viel freudiger und
               völliger bekennen können angesichts ihrer Arbeit und ihrer Leistungen: Herr unser
               Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!</p>
        <p>Damit haben wir eigentlich bereits gesagt, daß wir uns <hi rend="italic">nicht
                  begnügen</hi> dürfen, in die Freudentöne des 8. Psalms über die Größe des Menschen
               und seiner Werke einzustimmen angesichts des Spiegelbildes, das unser Volk sich in
               seiner <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> gegenwärtig selber vorhält. So wahr es ist, was er uns zu sagen
               hat, so sehr wir uns mit ihm freuen dürfen, so sicher wäre es ganz einfach eine
               Unwahrheit, ein Unrecht, dabei nun stehen zu bleiben. Gott sei Dank, daß er uns durch
               das Neue Testament unseres Herrn Jesus noch tieferen Einblick gibt in unser Leben und
               in das, was wir nötig haben. Und dieses andere Gotteswort wollen wir nun auch hören.
               Was würde Jesus zu einer solchen <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> sagen? Wir wissen es: er würde sagen:
               was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an
               seiner Seele, und was kann ein Mensch geben, daß er seine Seele wieder löse? Und
               darüber nachzudenken ist nun noch wichtiger als der Jubel des Psalms über die
               menschliche Herrlichkeit. Der Psalmsänger ist das fröhliche, zuversichtliche Kind,
               Jesus ist der reife, erfahrene, kraftvolle Mann. Beide haben recht. Und doch müssen
               wir danach trachten, das weltliche Wesen, wie es in dieser <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> so vollkommen
               zum Vorschein kommt, nun auch mit den reifen, ruhigen Augen Jesu anzusehen.</p>
        <p>Was hülfe es dem Menschen …! Ja, gibt es denn eine Gefahr
               <pb xml:id="p297" ed="pga"/>
               <hi rend="italic">für unsere Seele</hi> bei all dem herrlichen Geistesstreben und
               Arbeiten, bei all der Entfaltung von Wissenschaft und Kunst, Technik und Industrie,
               die unsere Zeit kennzeichnet?, so möchten wir fragen. Jawohl, diese Gefahr ist
               wirklich da, und es ist tatsächlich so, daß bei all dem, was wir vorhin bewundert und
               gerühmt haben, Unzählige Schaden an ihrer Seele leiden. Woher kommt denn das? Seht,
               das wäre ja wundervoll, wenn die Menschen wirklich nichts Anderes täten als alle
               gemeinsam jeder nach seinen Gaben und jeder an seiner Stelle arbeiten, mitarbeiten an
               der Beherrschung der Natur durch den Geist. Dann könnten wir uns rückhaltlos freuen
               an der Größe des Menschen und an den gewaltigen Fortschritten, die er in seinem
               Können gemacht hat. Aber dem ist nun nicht so. Das Bild im Spiegel zeigt uns einen
               gewaltigen, tiefen Schatten. Neben dem freudigen, schönen Schaffen und
               Vorwärtsschreiten zeigt es uns auch riesengroß die menschliche Selbstsucht, die Gier
               zu besitzen, die Gier zu genießen, die Gier zu herrschen. Gewaltig ist diese Kraft
               des Bösen in unserem Weltwesen und Menschenwesen, gewaltig kommt sie auch in der
               schönen Berner <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> zum Vorschein für jeden, der sehen kann. Fast könnte einem
               das ganze Bild durch diesen Schatten verleidet und verdorben werden. Warum erfüllen
               die Menschen nicht rein und völlig ihre Bestimmung? Warum genießen sie nicht den
               Segen, der auf all ihrem Arbeiten und Fortschreiten ruhen sollte? Es ist etwas
               zwischenhineingekommen: die Sucht, die Gier, die Unruhe, der Haß, — die Sünde mit
               einem Wort, und die macht nun, daß die Menschen unglücklich, schlecht, unfriedlich
               untereinander, innerlich uneinig und zerrissen sind, daß sie Schaden leiden an ihrer
               Seele auch heute noch, ja gerade heute, trotzdem sie daran sind, die ganze Welt zu
               gewinnen. Unbegreiflich, nicht wahr? Ja wirklich unbegreiflich, gerade bei einer
               solchen prächtigen Entfaltung des menschlichen Wesens wie der <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> möchte man
               sich fragen: woher kommt das Böse in all die Herrlichkeit hinein? Wir können jetzt
               nicht darauf antworten. Wir können nur das ganz bestimmt sagen: das Böse ist da und
               kämpft gegen Gottes Herrlichkeit und verwirrt und verdirbt die Menschen, so daß so
               <pb xml:id="p298" ed="pga"/>
                aus ihrer Gottähnlichkeit nichts wird trotz der Verheißung. Was hilft es nun dem
               Menschen, wenn er wenig niedriger ist als Gott, wenn ihm Alles unter seine Füße getan
               ist, und er nimmt doch Schaden an seiner Seele, und er ist bei aller Kultur und allem
               Glanz ein armes, gottfernes Wesen, weil er das Seine sucht und nicht das, was Gottes
               und was seines Bruders ist? Können z. B. diese wundervollen Maschinen der Neuzeit
               nicht fast ein teuflisches Gesicht bekommen, wenn wir denken, daß ihre
               bewunderswürdigen Leistungen schließlich nicht dazu bestimmt [sind], allem Volk
               wirklich das Leben zu erleichtern und zu verschönern, sondern das Kapital einiger
               Weniger zu vermehren, während Unzählige durch sie zu müden, gehetzten Sklaven, selber
               zu Maschinen werden? Die Maschine, die dem Menschen helfen sollte zu herrschen, frei
               zu sein, wird zum Mittel, durch das Einer den Anderen ausnützt. Wir gehen durch die
               Räume mit all den Herrlichkeiten von Möbeln, Kleidern, Kunstgegenständen — wieviel
               von dieser Herrlichkeit kommt denen zugute, die daran gearbeitet haben? wie groß wird
               die Zahl derer sein, die derartige Dinge zu genießen bekommen gegenüber der Anzahl
               derer, die das Nötige und vielleicht das Nötigste, Luft und Licht und gesunde Nahrung
               entbehren müssen, auch in unserem Lande? Und wie groß wird schließlich die Zahl derer
               sein, die wirklich Freude erleben an all diesen Gütern, gegenüber den zahlreichen
               Anderen, die alles haben, was sie begehren, und doch unglücklich, unzufrieden und in
               Ewigkeit unruhig sind? Wir gehen durch die Abteilungen, die uns das Armenwesen, die
               Wohltätigkeit und Fürsorge, die Abstinenzbewegung usw. darstellen. Prächtig in der
               Tat, was da für Fortschritte gemacht sind. Aber was soll man davon denken, wenn man
               dann wieder in einer anderen Halle die ebenso vortrefflich eingerichteten
               Eisenbahnwagen für den Transport von Wein und Bier sieht, die luxuriös eingerichteten
               Restaurants in der <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> selbst, die mannigfachen Reizmittel, durch die sie das
               Publikum anzulocken wissen, wenn man überhaupt sieht, wie die Genußsucht und
               Verschwendung auf jede Art und Weise geweckt und genährt wird mit eben demselben
               Eifer wie auf der
               <pb xml:id="p299" ed="pga"/>
                anderen Seite all die guten und lobenswerten Anstrengungen von Staat, Gemeinde und
               Vereinen zur Hebung des Volkes? Streicht da nicht eines das andere durch? Ist das
               nicht ein Schöpfen in ein Faß ohne Boden? Oder noch etwas: da ist ein Saal, in dem
               einem gar anschaulich die Tätigkeit und die Hilfsmittel der Militärsanität gezeigt
               wird, der Ärzte und Krankenpfleger im Kriege. Da sieht man alle Arten von Tragbahren
               und Betten und Verbänden und alle die Einrichtungen, die den Verwundeten ihr Los
               erleichtern sollen. Sehr schön, daß heutzutage so gut für diese Unglücklichen gesorgt
               wird, denkt man. Ja, sehr schön, nur ist leider dieser Saal nur ein kleines Anhängsel
               einer großen Halle, und diese Halle ist voll von Geschützen, Bomben, Granaten,
               Patronen, Gewehren, Säbeln und Bajonetten und allen erdenklichen Mordinstrumenten.
               Wirklich prächtig: hier vernimmt man, wie man Menschen mit allen Mitteln moderner
               Erfindungen umbringt und verstümmelt, und dort, wie man den Schaden wieder gut macht,
               wenn er nicht allzu groß ist.</p>
        <p>Solche Rätsel und unbegreiflichen Widersprüche finden sich noch viele in der
               <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName>. Ich nenne sie nicht, um zu kritteln. Die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> ist sehr schön, den
               Spiegel wird kein Vernünftiger tadeln können, er ist ohne Fehler — aber das Bild, das
               er zeigt, ist bedauerlich. Er zeigt uns die moderne Menschheit, zu der wir auch
               gehören, diese rastlose, erfinderische, arbeitsame Menschheit als eine Herde, die
               keinen Hirten hat, ganz wie einst das Volk von <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>, von dem Jesus das sagte [vgl.
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.36">Mt. 9,36</ref>]. Wir sind krank
               an unserer Seele. Wir wissen nicht, wollen wir hier hinaus streben oder dorthinaus.
               Wir folgen mit halben Herzen den guten Geistern der Wahrheit, des Rechtes, der
               Bruderliebe, mit halben Herzen aber auch dem Dämon der schrankenlosen Gier, des
               Genusses, des Unfriedens. Seht, das heißt: Schaden leiden an seiner Seele, fern sein
               vom lebendigen Gott, wenn man so Alles halb ist. Und nun möchte ich euch das
               wünschen, daß recht Viele von denen, die die <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> besuchen oder davon lesen
               und hören, auch etwas spüren von dieser entsetzlichen Halbheit, von diesem
               fürchterlichen Widerspruch, der durch unsere ganze Kultur hin<pb xml:id="p300" ed="pga" break="no"/>durchgeht trotz all ihrer Feinheit und all ihres Glanzes. Spüren müssen wirs: ja,
               das ist wohl gut, Alles, was sich da vor uns ausbreitet an Fortschritten und
               erreichten Zielen, aber was hilft es uns, alles dieses Äußerliche, was helfen sie uns
               alle, diese eisernen, steinernen, hölzernen, goldenen und silbernen Fortschritte,
               wenn wir bei dem Allen geplagt sind von den Dämonen unserer Sünde, wenn bei dem Allen
               diese Dämonen vielleicht noch größere Fortschritte machen als das Gute, Göttliche,
               das ja zweifellos auch in unserer Kultur verborgen ist! Seht, diese Fragen muß uns
               der Besuch der <orgName ref="kbga-actors-8708">Ausstellung</orgName> ins Herz brennen, wenn wir nur bewundernd Ach und Oh rufen
               und auf die Knie fallen vor der Herrlichkeit des Menschen, dann sind wir umsonst dort
               gewesen. Wenn sie uns aber diese Fragen recht klar und lebendig macht, dann hat sie
               uns einen großen Dienst getan, den uns vielleicht manche Predigt des Pfarrers daheim
               nicht tun konnte.</p>
        <p>Sie kann und soll uns unser Welt- und Menschenwesen <hi rend="italic">zeigen</hi> in
               seiner Größe — denn es ist groß und herrlich, von Gott stammt ja der Menschengeist,
               der das alles zustande gebracht und der noch viel mehr zustande bringen kann — aber
               auch in seinem Jammer, denn dieser Menschengeist geht immer wieder in die Irre, heute
               vielleicht bei aller Höhe unserer Kultur mehr als je. Und indem sie uns dieses unser
               eigenes Wesen zeigt, die <orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName>, hilft sie uns, <hi rend="italic">darüber
                  hinaus</hi> zu kommen. Sie weckt in uns die Sehnsucht, den Glauben und die
               Hoffnung nach einer neuen Menschheit, in der alles Weltliche ganz und völlig von
               göttlichem Geist und von göttlicher Kraft durchdrungen sein wird, in der die großen
               Gaben, die Gott der Menschheit gegeben, frei und ungehindert zur Entfaltung kommen
               werden, in der sie ihre großen Aufgaben lösen wird, rein und vollkommen und ohne die
               störende Einwirkung der bösen Geister, von denen wir jetzt geplagt sind. Und darüber
               hinaus die Sehnsucht und den Glauben und die Hoffnung auf Gott selbst, der unser Ziel
               und unsere Heimat ist und der jedes Einzelne von uns, die wir jetzt noch mitten drin
               stehen in dieser unruhigen und zerrissenen Welt, verklären will in das vollkommene
               Bild seines Sohnes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.3.18">2.Kor. 3,18</ref>]. Er will
               <pb xml:id="p301" ed="pga"/>
                uns gesund machen. Er will den Schaden unserer Seele gut machen, und er tut es. Er
               ist unser Licht und unser Friede. Sein ist die Herrschaft und die Kraft im Äußeren
               und im Inwendigen, im Gegenwärtigen und im Zukünftigen, in der Zeit und in der
               Ewigkeit.</p>
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        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
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  </text>
</TEI>
