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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Hesekiel 36,26-27 (Pfingsten)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Hesekiel 36,26-27 (Pfingsten), 31. Mai 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5027 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 277–287.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Hesekiel 36,26-27 (Pfingsten)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 223</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Hes 36,26-27 (Pfingsten), 31. Mai 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1665">KBA 1201</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-05-31">31. Mai 1914</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-05-31">31. Mai 1914</date>
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            <head type="event">Pfingsten</head>
         
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Hes.36.26 Hes.36.27">Hesekiel 36,26–27</ref>
              <quote>Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euer Inwendiges
                        geben und will das steinerne Herz aus euerem Fleisch wegnehmen und euch ein
                        fleischernes Herz geben; und will meinen Geist in euer Inwendiges geben und
                        will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine
                        Rechte halten und danach tun.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Was ist das Pfingstfest? Es erinnert uns an eine Handvoll Menschen aus sehr alter
               Zeit, die eine große <hi rend="italic">Veränderung</hi> durchgemacht haben. Sie wurden
               bessere Menschen. Keine Engel, aber sie waren doch nicht mehr allen Lüsten und
               Gewohnheiten und Versuchungen ausgeliefert. Klare Lebensziele standen ihnen vor
               Augen, so deutlich, daß sie sie nicht mehr vergessen konnten, und eine Kraft in ihnen
               führte sie langsam aber sicher diesem hohen Ziele entgegen. Freiere Menschen wurden
               sie: ein wenig unabhängiger dem Urteil und dem Vorbild der Leute um sie her
               gegenüber, ein wenig unbesorgter, kindlicher gegenüber dem Geld und den anderen
               äußeren Fragen des Lebens, vor Allem auch ein wenig mehr Meister über sich selbst und
               ihre Launen und Schwachheiten. Und sie hofften alle, einmal dann ganz frei zu werden
               von alldem, was sie jetzt noch teilweise gefangen hielt. Glücklichere Menschen wurden
               sie. Nicht als ob sie kein Leid und keine Tränen mehr gekannt hätten von dort an — o
               doch, sehr viel sogar, aber sie trugen in sich eine große, unaussprechliche
               Freudigkeit, einen unergründlich tiefen Frieden, der konnte schließlich durch nichts
               mehr gebrochen werden. Sie waren selig, wenn sie hungern und dürsten mußten, selig,
               wenn man sie verfolgte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6 Mt.5.10">Mt. 5,6–10</ref>], 
               selig, wenn sie fast zusammenbrechen wollten unter der Größe
               und Schwierigkeit ihrer Lebensaufgaben, selig, wenn sie den Tod herannahen fühlten.
               Sie hatten etwas in
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                sich, das trug sie nun hoch über alles Widrige hinweg, das half ihnen einfach, nach
               und nach alles Leid in Freude zu verwandeln.</p>
        <p>Auch in ihrem Zusammenleben war Vieles anders geworden: nicht als ob Streit und
               Unrecht ganz aus ihren Reihen verschwunden gewesen wären, aber es war eine starke
               Gegenkraft da, der sie alle es zutrauten, daß sie jene finsteren Gespenster einmal
               verscheuchen würde, sie glaubten fest daran, daß Streit und Unrecht nicht sein
               dürften und sie gaben sich wenigstens alle Mühe, einander nicht als Fremde,
               geschweige denn als Feinde zu betrachten und zu behandeln, sondern als Brüder und
               Schwestern. Sie hatten einander inbrünstig lieb, trotz Allem, was etwa dazwischen
               vorkommen mochte. Sie suchten einander zu helfen, wo es ging, die Starken den
               Schwachen, die Reichen den Armen. Und auch damit begnügten sie sich nicht: sie
               fanden, daß gerade dieser Unterschied von reich und arm, von hoch und niedrig noch
               ein Hindernis der rechten Liebe sei, und so wollte keiner mehr von seinem Eigentum
               sagen: das gehört mir!, sondern sie legten Alles zusammen, und jeder, der arbeiten
               wollte, durfte auch von dem gemeinsamen Brote leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.4.32 Act.4.37">Apg. 4,32–37</ref>]. Alle Tage
               trösteten und erfreuten und stärkten sie einander gegenseitig durch hohe, große
               Gedanken. Einer war des Anderen Freund und Erzieher im schönsten Sinne des Wortes
               ohne vieles Reden. Und über das Alles hinaus trugen sie in sich die lebendige
               Hoffnung auf ein noch viel höheres, reineres, vollkommeneres Leben, auch auf ein noch
               viel höheres, reineres, vollkommeneres Gemeinschaftsleben, auf ein Leben, frei von
               allem Kleinen, Fehlerhaften, was ihnen doch immer noch anhaftete, in dem dann Alles,
               was jetzt in ihnen angefangen, zur Entfaltung und Vollendung und Reife kommen würde.
               Sie wußten, daß diese Seligkeit ihnen einmal geschenkt werde, und ihr ganzes Denken
               und Sinnen und Tun war ein beständiges frohes Warten darauf, ein unermüdliches
               Wandern danach. Und indem sie warteten und wanderten, hatten sie doch schon etwas von
               dem, worauf sie sich freuten. Sie waren selig in der Hoffnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.24">Röm. 8,24</ref>].</p>
        <p>Was für Menschen! nicht wahr, liebe Freunde, das waren die
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                Jünger Jesu, die den heiligen Geist empfangen hatten. Veränderte Menschen waren das,
               neue Menschen, anders geworden, neu, äußerlich und innerlich, die Einzelnen in ihren
               Seelen und sie alle miteinander als Gemeinschaft, neu und anders in jeder
               Beziehung.</p>
        <p>Die Sehnsucht nach diesem Neuen, Anderen tragen wir alle in uns, liebe Freunde. Das
               Pfingstfest, das uns alle Jahre wieder das Bild jener verwandelten Menschen vor Augen
               stellt, läßt eine Glocke ertönen, die wir alle sehr wohl kennen. Besser sein, o ja,
               das möchten wir auch, wir möchten auch gern uns erheben können über unsere
               Schwachheiten und Irrtümer, wir hätten auch gern jene Klarheit über unseren Lebensweg
               und jene Kraft, den rechten Weg dann auch zu gehen. Und freier sein möchten wir, wir
               spüren ja wohl, daß wir Gefangene sind, wieviel da ist in uns und um uns her, das uns
               hindert, die Flügel zu entfalten, wie wir es wohl im Herzensgrund gern täten, Meister
               werden oder doch unterwegs sein, Meister zu werden über uns selbst, über das
               bedrückende Leben, was für [ein] Gedanke, was für eine Aussicht! Und glücklicher
               werden! ja, wer wollte das nicht, wer verlangte da nicht danach, selig zu sein, d. h.
               voll Licht und Freude und Ruhe — wir suchen es ja auf tausend Wegen, das ist ja unser
               tiefstes Streben, auch wenn wir noch so oft die Erfahrung gemacht haben, daß auf den
               tausenderlei Wegen, die wir gewöhnlich gehen, am Ende etwas ganz Anderes auf uns
               wartet als das vermutete[?] Glück. Und wie sehnen wir uns im Grunde nach einem neuen,
               anderen Gemeinschaftsleben, nach einem Dasein, wo man sich nicht mehr plagt und
               mißversteht und bekämpft, wo es keine Lüge mehr gibt und kein Unrecht; ja, wie wäre
               das, wenn wir uns wirklich als Brüder und Schwestern ansehen und behandeln würden!
               Und bei dem Allen dann auch jene Hoffnung: es geht immer noch höher, es gibt immer
               noch reinere, edlere Stufen, und wir dürfen und können und werden sie ersteigen, wir
               sind berufen zur Vollkommenheit, und dann leben zu dürfen in dieser großen Hoffnung!
               Wenn uns doch das gegeben wäre, nicht wahr, oder nur etwas davon wenigstens, wenn wir
               dahin kommen könnten!</p>
      
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p280" ed="pga"/> Das Pfingstfest sagt uns nun, daß wir wirklich auch dahin kommen können, und wie das
               geschehen kann. Das Bild jener so völlig veränderten Menschen, das uns fast wehmütig
               berühren möchte wie das Bild einer verlorenen Heimat, es ist kein Traum und kein
               Märchen, sondern Gottes wahrhaftige und gewisse Verheißung an uns. Allzu schnell ist
               ja jene Zeit einer höheren, reineren Lebensform vorübergegangen. Die christliche
               Gemeinde blieb nicht das, was sie gewesen war in der Zeit der ersten Liebe, man wurde
               wieder gewöhnlicher, nüchterner, langweiliger, auch wieder lauer im Glauben,
               schlaffer in der Hoffnung, selbstsüchtiger in der Liebe, es zeigte sich bald, daß die
               Menschheit im Ganzen noch nicht reif war für einen solchen Zustand. Aber das ändert
               nichts daran, daß jene Zeit uns zuruft, daß wir nicht umsonst uns sehnen, daß wir
               hoffen sollen und dürfen auf ein Neues, Anderes, sie zeigt uns immer wieder, was
               unter Menschen möglich ist, wenn sie Gott kennen und lieb haben, und wie so etwas
               möglich werden kann. Unzählige Menschen zu allen Zeiten haben diesen Ruf gehört,
               haben in ihrem Leben auf ihre Weise etwas erfahren von jener großen Veränderung,
               haben es Anderen weitergesagt, daß das Andere, Neue, Bessere, das kommen soll,
               Wahrheit ist. Nie und nirgends hat es seitdem unter den Menschen ganz gefehlt an
               jener Sehnsucht und auch nicht an der Erfüllung. Immer wieder ist in den Seelen der
               einzelnen Menschen und auch in den Herzen und Gewissen ganzer Völker das Leben und
               die Freude und die Kraft der Pfingsten lebendig geworden trotz alles Rückgangs und
               aller Schwachheit und hat sie wieder eine Stufe vorwärts geführt, heraus aus dem
               Irrtum, aus der Unfreiheit und Verworrenheit, aus der Sünde und Ungerechtigkeit,
               näher entgegen einem Leben in der Wahrheit und in der Liebe, näher entgegen dem
               Reiche Gottes. Sie können und sie werden auch in uns und bei uns lebendig werden. Wie
               aber? Darüber hat uns das Pfingstfest nun etwas Besonderes zu sagen. Wir wollen seine
               Verheißung diesmal hören und aufnehmen in der Form eines Gotteswortes, das bereits
               einem Mann des alten Bundes, dem Propheten <persName ref="kbga-actors-8707">Hesekiel</persName>
               <pb xml:id="p281" ed="pga"/>
                gegeben war. Gott sagt uns heute: <hi rend="italic">Ich will euch ein neues Herz und
                  einen neuen Geist in euer Inwendiges geben!</hi>
            </p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Gott will!</hi> Das müssen wir vor Allem beachten, wenn wir uns sehnen
               nach der großen Lebensveränderung. Wir dürfen das, was uns fehlt, nicht auf unsere
               eigene menschliche Weise suchen, sondern Alles kommt darauf an, daß wir uns von Gott
               erleuchten, führen und beschenken lassen. Gott will uns alles das geben, was wir
               nötig haben, wonach unsere Seele verlangt. Wir erinnern uns heute an Pfingsten, nicht
               weil dort ein paar Menschen einen Verein oder eine Gemeinde gegründet und ein paar
               gute Entschlüsse gefaßt haben — was geht uns das an, dergleichen ist oft vorgekommen
               in der Welt, und wir haben gar nichts davon! —, sondern weil dort Gott mit diesen
               Menschen geredet und etwas Anderes aus ihnen gemacht hat. Von dem, was Gott damals
               wollte und auch heute will, redet uns Pfingsten, und wenn wir empfangen wollen, was
               jene empfangen haben, dann muß uns das vor Allem ganz klar sein, daß die Veränderung
               unseres Lebens, die wir bedürfen und auf die wir hoffen, von Gott zu erwarten ist und
               nur von ihm.</p>
        <p>Nach einem besseren, freieren, froheren Leben sehnen wir uns. Gott will es uns
               schenken, aber die <hi rend="italic">Ziele</hi>, die wir uns da stecken, müssen göttliche
               und nicht irdisch-menschliche Ziele sein. Sonst nimmt die Unbefriedigung und die
               Sehnsucht kein Ende. Irdischmenschlich ist dein Ziel, wenn du danach strebst, es gut
               zu haben, viel zu gelten, machen zu können, was dir gefällt und was dich freut.
               Solange du auf diese Ziele losgehst, weißt du noch nichts von der seligen
               Veränderung, du wirst immer wieder müde und traurig werden. Solange diese Ziele den
               Menschen die höchsten und wichtigsten sind, solange werden sie nicht frei werden von
               der Verworrenheit und Unsicherheit, solange werden sie nicht aufhören, sich
               gegenseitig unglücklich zu machen. Pfingsten erinnert uns an das, was Gott will: da
               müssen höhere Gedanken in uns aufleuchten, göttliche Ziele vor unseren Augen stehen.
               Was ist göttlich? Nun, alles das, was unserer tiefsten menschlichen Bestimmung
               entspricht, Alles, worin wir Gott selber ähnlich werden könnten, Alles also, was wahr
               ist, gerecht und heilig, Alles, was
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                uns lehrt, uns selbst gründlicher zu verstehen und besser in Zucht zu halten, Alles,
               was uns einen weiteren Blick gibt und uns geschickter macht, gute, lebendige Menschen
               zu sein, Alles vor Allem, was uns näher mit unseren Brüdern zusammenführt, was uns
               lehrt, sie zu verstehen, über das, was uns von ihnen trennt, hinweg, ihnen zu helfen,
               mit ihnen zusammen gute Wege zu gehen. Vollkommen werden, die menschlichen Torheiten,
               Trägheiten und Böswilligkeiten hinter uns lassen von Tag zu Tag mehr, mit aller
               Entschiedenheit suchen und tun, was wahr und recht ist, und nur das, das ist das
               göttliche Ziel, das wir uns stecken müssen. Einig werden in der Liebe, einig zur
               Überwindung der bösen Kräfte, der Not und des Unrechts und der Sünde, einig zur
               Aufrichtung und zum Halten guter Sitte und Ordnung, willig, Einer im Anderen und Alle
               in Jedem wirklich den Bruder zu sehen, das ist das göttliche Ziel, dem die Völker
               entgegengehen und nach dem alle die ausschauen müssen mit klarem Blick, die zu der
               Erkenntnis gekommen sind, daß Essen und Trinken, äußere Wohlfahrt und äußere Bildung
               der Menschheit nicht genügen, daß sie ein Neues, Anderes nötig hat, das kommen muß.
               Das war das Große an dem, was wir dort bei den Jüngern Jesu wahrnahmen: daß sie
               wirklich ganz beherrscht waren: Gott will — nicht wir wollen!, daß ihnen wirklich das
               eine göttliche Ziel des Lebens über Allem stand. Darum war in ihre Seele und in ihr
               Leben etwas so Seliges, Lichtes, fast Überirdisches gekommen. Wenn wir es einmal
               wagen werden, ihnen zu folgen, dann werden auch wir sofort etwas spüren von jener
               großen Veränderung. Da fängt das Geheimnis, das Rätsel des Lebens an, sich uns
               aufzutun, wenn wir ein Ziel vor uns haben und wenn dies Ziel das Gottesziel ist, hoch
               über Allem, was wir selbst meinen und möchten.</p>
        <p>Aber dem Gottesziel heißt es dann auch auf göttlichen <hi rend="italic">Wegen</hi>
               entgegengehen. O wir haben wohl alle in uns etwas wie Sehnsucht nach dem, was
               wirklich göttlich und nicht menschlich ist. Wir haben wohl auch alle ein bißchen
               guten Willen in uns, dem nun auch nachzustreben. Es müßte einer kein Mensch mehr
               sein, wenn er gar nichts mehr in sich spüren und hören würde von
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                jenem: Gott will! Aber nun gehen wir doch so beständig irre auf den Wegen, die uns
               dorthin führen sollten. Fast ohne daß wirs merken und wollen, mischt sich da das
               Irdisch-Menschliche auf tausenderlei Arten doch wieder ein in unser Streben und
               verdirbt uns Alles, und während wir meinen, das Gute zu tun, begehen wir Fehler über
               Fehler, während wir meinen, vorwärts zu kommen, bewegen wir uns im Kreis herum,
               während wir meinen, nun seien wir der großen Veränderung ganz nah, nun müsse sie bald
               da sein mit all ihrer Erlösungsmacht und Schönheit, bleiben wir immer dieselben. Wir
               kommen weiter weg vom Ziel. Gott will! Das fehlt uns: wir ahnen, wir sehen vielleicht
               die göttlichen Ziele, aber Gott ist nicht mit uns auf unseren Wegen, Gott leitet
               unsere Schritte nicht. Gott ist nicht lebendig in unseren Gedanken und Worten und
               Handlungen. Wir suchen wohl Gott und das, was göttlich ist, aber wir haben ihn selber
               nicht dabei, wir suchen ihn irdisch, menschlich, auf unsere Art. Wir sind ja so
               schnell bereit, diese unsere Art mit der Art Gottes zu verwechseln. Da ist Einer mit
               seiner allzu großen Bequemlichkeit, die er für ganz gut und angemessen hält, und dort
               ein Anderer voll von törichtem, lieblosem Eifer, auch er gewiß, das Gute zu tun. Hier
               ist Einer mit kurzen, kleinlichen Gedanken und dort ein Anderer, ein rechter Phantast
               und Träumer. Menschenarten, Menschenwege, alles das und so viele andere Weisen, wie
               wirs treiben, jeder auf die seine. Wann werden wirs einsehen, wann begreifen, daß wir
               auf Menschenwegen nicht zu Gotteszielen kommen können? Seht, wenn wir gehört haben,
               was Pfingsten uns zu sagen hat: Gott will, daß jene Veränderung zustandekomme in
               unserem Leben, dann muß auch unser Denken und Treiben, all das verschwinden, was nur
               aus unserer Natur stammt und nicht aus Gott. Aus unserer Natur stammt die Trägheit,
               die Kurzsichtigkeit, die Selbstsucht, die Freude am Zanken, die Verworrenheit — aus
               Gott stammt der eifrige Gehorsam, die Liebe, der Friede, der stärker ist als der
               Zank, die nüchterne Klarheit. Hinaus muß Alles aus uns, was bloß aus unserer Natur
               stammt, hinein muß Alles, was aus Gott stammt, rein müssen wir werden und bleiben von
               der Art der
               <pb xml:id="p284" ed="pga"/>
                Welt und stark und geübt in der Art Gottes, gründlich mißtrauisch müssen wir werden
               gegen unsere eigene Einsicht über unseren Lebensweg, und ein großes Vertrauen müssen
               wir gewinnen zu Allem, was Gott uns darüber sagt und immer wieder sagt. Es muß das
               Menschliche nicht bloß in dem, was wir sehen und erfahren, sondern auch in jedem
               kleinen Schrittlein, das wir innerlich und äußerlich tun, zurücktreten gegenüber dem
               Göttlichen, Gottes Kraft muß es gewinnen über unsere Trägheit, Gottes Größe über
               unseren knauserigen Sinn, Gottes Liebe über unseren Trotz. Dann gehen wir wahrhaftig
               und sicher dem großen Gottesziel entgegen, dann tut sich das Geheimnis, das Rätsel
               des Lebens weiter vor uns auf, dann erfahren wir Tag für Tag mehr davon, wie Gott sie
               uns schenkt, die selige erlösende Veränderung, auf die wir warten.</p>
        <p>Aber was braucht es noch mehr dazu? Das, was ich jetzt nennen will, ist das Tiefste
               und Wichtigste: Wir müssen Gottes Weg gehen zu Gottes Ziel nicht in eigener, sondern
               in Gottes <hi rend="italic">Kraft</hi>. Was hilft es uns, wenn wir wissen: dort ist das
               Ziel, und hier ist der Weg? Das ist noch keine Veränderung. Unzählige Menschen wissen
               Beides ganz genau und sind doch unselig. Unzählige Menschen scheitern so, daß sie
               meinen, sie müßten Anstrengungen machen, gute Vorsätze fassen und gute Anläufe
               nehmen, sie müßten versuchen und wagen, rennen und arbeiten — immer vielleicht in
               sehr guter Absicht und vielleicht sogar auf sehr gute Weise, und doch richten sie
               nichts aus, und doch scheitern sie. Entweder sie werden nach einiger Zeit so müde,
               bekommen es so satt, dieses Streben und Schaffen, oder sie werden zwar nicht müde,
               man hört sie immer wieder reden, man sieht sie immer wieder dies und das probieren
               und wohl auch zu Ende führen, aber im Grunde haben sie herzlich wenig Erfolg. Sie
               selbst bleiben dieselben, und um sie her wird nichts anders, jedenfalls nicht besser.
               Oder sie werden nicht müde, und sie erreichen auch etwas, aber zum Schluß stehen sie
               doch da mit einer tiefen Unbefriedigung: was sie erreicht haben, war von vornherein
               etwas Zeitliches, Vergängliches, Oberflächliches, sie müssen die bittere
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                Erfahrung machen: all mein Tun hat eigentlich nicht das, was man wahrhaftig einen
               Wert nennen könnte. Es ist ein Blatt gewesen, das im Winde verweht, Schall, der im
               Ohr vertönt, Kindergeschwätz, das man vergißt. Wieviel ernstgemeintes und tüchtiges
               menschliches Wollen und Streben ist auf diese Weise verlorengegangen! Wie manche gute
               und edle Seele, die aufrichtig nach der großen Lebensveränderung trachtete, ist
               innerlich daran verblutet! Wie leidet die ganze Menschheit darunter, daß sie wohl
               ringt und kämpft nach Licht und Wahrheit, daß sie wohl da und dort einen Sieg, einen
               Fortschritt erreicht, aber mit jedem Schritt vorwärts kommt auch wieder ein
               Stillstand, wenn nicht ein Rückschritt, in jedem Gewinn liegt auch schon wieder ein
               Verlust verborgen, in jedem scheinbar blühenden Baum nagt der Todeswurm. Wieviel
               haben wir sehen entstehen und wieder vergehen an scheinbar hoffnungsvollen Regungen!
               Wie Vielen ist darüber der Mut vergangen, überhaupt noch zu hoffen, zu glauben, zu
               lieben, zu warten auf die Veränderung, durch die Alles neu und gut wird! Woher das?
               Es ist nur Menschenkraft am Werk gewesen, immer wieder nur Menschenkraft.
               Menschenkraft aber ist von vornherein klein, beschränkt, unvollkommen. Menschenkraft
               kann von vornherein nur vergängliche, zeitliche Werke zustande bringen.</p>
        <p>Merken wirs nicht: Gott will!? Es ist ein ganz Anderer da, der die großen
               Veränderungen vollzieht, in der Seele jedes Einzelnen von uns und in der großen Welt.
               Wir können sie nicht machen, wir können sie nicht zustandebringen mit unseren
               Vorsätzen und Anstrengungen, und wenn es die besten wären. Ja, die müssen auch sein,
               die sind notwendig und natürlich und recht, aber nicht, wenn Gott da ist und will,
               wie es uns das Pfingstfest verkündigt. Unser Wirken und Streben muß aus der Tiefe
               stammen, nämlich aus der Tiefe eines mit Gott einigen Herzens und Gewissens. Wir
               müssen das Sätzlein: Gott will! in unserem Inwendigen so erfahren haben, daß unser
               Wille nicht mehr unser eigener ist, sondern Gottes. Gott muß bei uns eingekehrt sein
               und unserer Schwachheit seinen Willen eingeflößt haben. In der
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                Stille muß sich das vollziehen, im Gebet und Nachdenken über ihn, in der ruhigen
               Anschauung Jesu, in der er am lebendigsten und sichersten zu uns kommt. Ein armer
               Mensch, der wohl beständig sich anzustrengen meint für Gott und das Gute und doch nie
               vermag, still zu werden vor ihm, sodaß er bei ihm einkehren kann. Wenn Gott bei uns,
               in uns ist, dann ist unser Wille stark. Dann können wir unsere Pflicht tun und mehr
               als unsere Pflicht und werden doch nicht müde. Dann erreichen wir etwas, indem wir
               streben und arbeiten, wir kommen selber vorwärts und helfen auch an unserem kleinen
               Teil mit, daß es auch in der Welt vorwärts geht. Dann ist schließlich unser ganzes
               Leben nicht etwas Vergängliches und Unbefriedigendes, sondern selber schon ein Stück
               Ewigkeit. Aber das alles nicht aus uns, nicht aus eigener Kraft, sondern aus Gottes
               Kraft und Gnade, die sich uns mitteilt. Seht, da ist dann das Geheimnis und Rätsel
               des Lebens ganz enthüllt, wenn wir spüren, daß dieses «Gott will!» nicht nur ein Ziel
               und eine Regel sein soll für unser Leben, sondern daß es die Quelle ist, aus der
               alles Gute kommt. Gott will! wir müssen das in uns spüren als die sicherste Wahrheit,
               als das hellste Licht, als die lebendigste Kraft, Gott in uns und wir in Gott, dann
               kommt die Veränderung, nach der wir uns sehnen, dann gehen wir den Gottesweg, der zum
               Gottesziel führt.</p>
        <p>Das alles hat mit etwas anderen Worten schon der Prophet <persName ref="kbga-actors-8707">Hesekiel</persName> ausgesprochen als
               Gottes Verheißung an die Menschen. Von dem neuen Herzen, von dem <hi rend="italic">neuen
                  Geist</hi> ist da die Rede, den Gott in unser Inwendiges geben will, davon, daß
               [er] unser steinernes, totes Herz durch ein fleischernes, <hi rend="italic">lebendiges
                  Herz</hi> ersetzen will, davon, daß er <hi rend="italic">solche Leute</hi> aus uns
               machen will, die in seinen Geboten wandeln und seine Rechte halten und danach tun.
               Wir haben gehört, was diese Verheißung bedeutet. Der neue heilige Geist, das ist doch
               nichts Anderes als Gott selbst, Gott, der bei uns einkehrt, Gott, der uns die rechten
               Ziele zeigt für unser Leben und die rechten Wege, die dazu führen, Gott, der uns die
               Kraft gibt, diese Wege auch zu gehen. Wenn wir den Geist haben, wenn Gott in uns
               wirkt und schafft, dann kommt die Veränderung,
               <pb xml:id="p287" ed="pga"/>
                sie kommt auch bei uns. Der Geist ists, der Alles lebendig macht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.63">Joh 6,63</ref>]. Der Geist ists,
               durch den wir erlöst werden müssen. Der Geist hilft immer wieder unserer Schwachheit
               auf [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.26">Röm. 8,26</ref>]. Alles
               Andere, was wir gut nennen, ist menschlich und darum schwach, unvollkommen,
               vergänglich. Alles Andere kann uns nicht dorthin führen, wo wir hingehören. Der Geist
               ist göttlich. Der Geist ist Gott selbst. Er ist die Wahrheit, die Liebe und die
               Kraft. <hi rend="italic">Er</hi> muß zu uns kommen, <hi rend="italic">er</hi> muß uns das
               geben, was wir aus uns selbst nicht finden und nicht schaffen können. Laßt uns ihn
               immer wieder da suchen, wo die Jünger ihn gefunden haben, wo er auch für uns und für
               alle Menschen immer wieder zu finden sein wird: in Jesus und seiner frohen Botschaft,
               in dem Wort des Lebens, das er uns gebracht hat. Gott sei Dank, daß er uns so
               freundlich nahegetreten ist, daß wir ihn finden können, sobald wir ihn suchen wollen!
               Ja, komm, o komm du Geist des Lebens!<note xml:id="n01">Anfang des <bibl type="song" corresp="kbga-songs-73">
                                Liedes 148 (EKG 106), von <persName ref="kbga-actors-8651">H. Held</persName> (1620–1659).</bibl>
                        </note> Gib uns, was du von uns
               forderst!</p>
               </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
