24. Mai 1914

Predigt: Johannes 14,15-18

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Johannes 4,15–18
Liebet ihr mich, so haltet meine Gebote; und ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich, den Geist der Wahrheit, welchen die Welt nicht kann empfangen, denn sie siehet ihn nicht und kennet ihn nicht. Ihr aber kennet ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht Waisen lassen, ich komme zu euch.
Liebe Freunde!

Es war doch eine ganz eigenartige Lage, in der die Jünger Jesu [sich befanden],1 nachdem sie nun von ihrem Meister Abschied genommen, nachdem sie endgültig zu der ruhigen Gewißheit gekommen waren: er ist nun bei Gott. Etwas unvergleichlich Stärkendes und Erhebendes war ja in dieser Gewißheit: Ist er bei |265 Gott, so durften sie sich sagen, so ist er in Ewigkeit auch bei uns. Das glaubten sie, das wußten sie, in diesem Gedanken kamen sie über alle Zweifel und Sorgen hinweg zur Ruhe. Aber sie hätten nicht Menschen sein müssen, wenn sie nicht auch noch an etwas Anderes gedacht hätten, daran nämlich, daß sie ihn von nun an mit ihren äußeren, leiblichen Augen nicht mehr sehen würden — und wenn dieser Gedanke sie nicht trotz Allem etwas bedenklich und wehmütig gemacht hätte. Sie wußten ja wohl: Alles, was Jesus ihnen im persönlichen Umgang gewesen war und gegeben hatte, das sollte nur eine Vorbereitung sein gerade auf den Augenblick, der nun gekommen war, auf den Augenblick, wo sie äußerlich allein dastehen würden in der Welt. Es war nichts als natürlich, daß nun nach der Zeit der Aussaat die Zeit der Ernte anheben mußte. Zu selbständigen Menschen hatte Jesus sie machen wollen, zu Leuten, die selber, ohne beständig sein Vorbild vor Augen, seine Worte in den Ohren zu haben, den Weg gehen konnten, den er ihnen gewiesen, den Weg des weltüberwindenden Vertrauens und der selbstvergessenden Liebe. Und mehr als das: Nicht nur gottselige Menschen für ihre eigene Person sollten sie ja sein, sondern Gottes Boten an die Anderen, Zeugen von dem, was sie erlebt und erfahren hatten. Zu diesem Amt hatte Jesus sie ausgerüstet. Bis dahin war er immer noch hinter ihnen gestanden mit seinem Rat, seinen Ermunterungen und Zurechtweisungen. Das hörte nun auf, nun sollten sie seine Jünger und Nachfolger sein ohne ihn, äußerlich ohne ihn. Gewiß ist ihnen gerade in dieser Lage erst so recht zum Bewußtsein gekommen, wie ungeheuer viel sie von ihm empfangen hatten, was das für ihr Leben bedeutete, daß ihnen dieser unvergleichliche Mann Gott so greifbar nahe gebracht hatte, und was das für die Welt, die arme, in Not und Schuld verstrickte Welt bedeuten müßte, wenn ihr Gott auch so nahe gebracht würde, wie es ihnen durch Jesus zuteil geworden. Aber mit der Größe des Geschenkes, das sie empfangen, stand dann auch die Größe der Aufgabe, an die sie nun herantreten sollten, vor ihren Augen. Und wenn das Eine sie erhob, so drückte sie das Andere nieder. Ein Gottesmensch sein, |266 ein Gotteszeuge sein in der Welt, ohne Jesus zu sehen und zu hören, wie Schweres war da von ihnen verlangt! Was für ein Wagnis war doch der einsame Weg, den sie da gehen sollten!

Ja, der Glaube ist immer ein Wagnis. Nicht nur für die Apostel, die dort von ihrem Herrn Abschied nahmen und fortan selbständig weitergehen mußten, auch für uns, auch für alle Menschen. Ein Mensch, der glaubt, ist ja immer einer, der viel empfangen hat und von dem nun darum auch viel, sehr viel gefordert wird [vgl. Lk. 12,48]. Es wird von ihm gefordert, daß er das, was er empfangen, weiter pflegen und leuchten lassen solle, ohne einen sichtbar-greifbaren Grund dafür zu haben. Es wird von ihm gefordert, daß er allein stehen und gehen könne in der unsichtbaren Welt Gottes und doch mitten drin in dieser sichtbaren Welt unseres Menschenlebens. Ohne äußere Stützen zu stehen und zu gehen, das wird von ihm gefordert. Das ist das Außerordentliche am Glauben. Wir müssen ja auch in anderen Lebensbeziehungen etwas wagen können. Ohne Wagnis gibt es überhaupt kein Leben. Aber es ist doch etwas Anderes. Wer eine Arbeit auszuführen hat z. B., oder wer ein Geschäft unternimmt, der wagt freilich auch etwas, aber er hat doch als sichtbaren Grund seine Sache, sein Werkzeug, sein Feld oder sein Geld; er hält schon etwas in der Hand und kann danach den Erfolg ungefähr voraussehen und berechnen. Beim Glauben ist das nicht so. Beim Glauben hält man nichts in der Hand und kann nichts voraussehen und berechnen. Beim Glauben hat man nichts als den starken inneren Trieb, Gott gehorsam zu sein, und nun handelt es sich darum, ob wir wollen oder nicht. Wenn wirs wollen, so müssen wir es tun ohne äußeres Unterpfand. Oder denk vielleicht an deine Beziehung zu einem dir lieben Menschen. Du fragst dich: wie wird es weitergehen? Wird er meine Erwartungen erfüllen? Wird er wirklich der sein, als den ich ihn ansehe? Auch ein Wagnis, gewiß, es ist immer viel Unsicheres dabei. Und doch: wieviel Sicheres auf der anderen Seite. Du kennst ihn doch. Du hast schon deine Erfahrungen mit ihm gemacht. Du weißt: wenigstens so und so weit kann ich mich ganz bestimmt auf ihn ver|267lassen, weiß ich, was ich von ihm zu halten habe im Guten oder im Bösen.

Beim Glauben ist das anders. Da kann man sich nicht auf solche Kenntnis und Beobachtung stützen. Jeder Schritt ist da wieder etwas ganz Neues. Immer wieder muß da etwas da sein, was vorwärtstreibt und aufrechterhält, auch wenn gar nichts Äußeres dafür zu sprechen scheint. Ein großes Alleinsein ist der Glaube. Da heißt es: du hast eine Anregung, Trieb und Kraft empfangen, nun mußt du selber etwas sein und haben, nun machs! Und nun sollen wirs machen, ohne Gott in die Augen sehen zu können, wie wirs Menschen gegenüber zur Sicherheit tun, ohne die Hand auf ihn legen zu können wie auf ein Stück Geld, um uns zu vergewissern, daß wir nicht ins Leere streben. Ja, ins Leere streben, das müssen wir oft mit dem Glauben, nichts vor uns und nichts unter uns, nichts in uns als das Wort: ich muß, wir müssen! Z. B.: ich muß jetzt mit kindlichem Vertrauen abwarten, was das Leben mir weiter bringen wird, ich muß jetzt diese Aufgabe anpacken und zu Ende führen, so schwer sie ist, ich muß mich jetzt von dieser Gesellschaft trennen und meine Überzeugung an den Tag kommen lassen, ich muß jetzt diesen Menschen lieb haben und sein Vertrauen zu gewinnen suchen, ich muß für diese Sache eintreten, die mir Unannehmlichkeiten bringen wird und wenig Erfolg, nur weil es das Richtige ist. Immer: ich muß! und das als der einzige Grund, wie die Jünger dort auch nur wußten: Jesus hat uns ausgerüstet und gesandt! sonst ringsum Alles leer und fraglich. Das ist die Einsamkeit, das Wagnis des Glaubens. Ach, in den Augenblicken, wo wir angeregt werden, wo der Wille zum Glauben in uns erwacht, vielleicht unter dem Einfluß eines Menschen oder eines Buches oder unter dem Eindruck einer bedrückenden, außerordentlichen Lebenserfahrung, in solchen Augenblicken fühlen wir uns wohl bereit und entschlossen, vielleicht sogar freudig und begeistert, da erscheint uns Gott und das Göttliche manchmal so groß und schön, aber wie anders wird es, wenn nun der Sprung getan werden sollte, wenn nun alles Andere hinter uns zurückbleibt!

268 Wie leicht kann da die Bedenklichkeit und die Wehmut umschlagen in Unentschlossenheit und Angst! Gefährliche Augenblicke das, wo wir so zaudern: will ichs versuchen? werde ich es ausführen können? Wird es mir möglich sein, ein Christ zu sein in dieser und dieser ganz bestimmten Lebenslage? So leicht steigt da noch einmal, gerade im Moment, wo es drauf ankäme, alles Gottwidrige in uns empor, und tausend Stimmen flüstern in unserem eigenen Herzen: ach nein, lieber doch nicht! Auch für die Jünger Jesu war nun sicher ein gefährlicher Augenblick, dieser Augenblick, wo ihr Glaube einsam wurde, wo sie ohne äußere Hilfe, ohne sichtbar-greifbaren Trost vor ihrer großen Lebensaufgabe standen. Das Wort aus dem Johannesevangelium: Ich will euch nicht Waisen lassen! deutet uns an, was das für eine Gefahr war. Werden sie nun Waisen sein, Kinder, die hungern und dürsten müssen, die keinen Führer, Leiter und Erzieher mehr haben in dieser kalten, bösen Welt, nun, da Jesus ihnen äußerlich genommen war? Ja, das wäre äußerlich, menschlich betrachtet sehr wohl möglich gewesen. Der Antrieb, die Anregung, die von Jesus ausgingen, hörten auf, und damit hörte eben Alles auf, sie waren nicht stark genug, von sich aus weiter zu gehen. Wie es an manchen Orten geht, wenn ein Vater stirbt: die Familie löst sich auf, die Kinder kommen dahin und dorthin, sie hören auf, seine Kinder zu sein. Was für unendliche Folgen hätte es gehabt, wenn es den Jüngern Jesu so gegangen wäre! Nur zu mancher menschlichen Gründung und Bestrebung, auch christlichen Gründungen und Bestrebungen, ist es schon so gegangen. Auch uns ists schon so gegangen. Wir blieben nach schönen Augenblicken des Eifers, der Begeisterung schließlich doch zurück, unentschlossen, ängstlich, die rechten verlorenen Waisenkinder in der kalten Welt. Das Wagnis des Glaubens war uns doch zu groß. Die Saat war da, aber die Ernte war nicht danach. Wie viel ist uns allen schon verlorengegangen auf diese Weise!

Aber es kam anders bei den Jüngern Jesu und kann auch bei uns ganz, ganz anders kommen. Davon redet uns das Pfingstfest, dem wir jetzt wieder entgegengehen. In dem, was sie dort |269 erlebt haben, kamen sie über den gefährlichen Augenblick hinweg, da bewährte sich ihr Verhältnis zu Jesus. Wir sagten vorhin, der Glaube sei ein Wagnis; ja, das ist er, aber wenn dann das dazukommt, was dort für die Jünger am Pfingsttag dazukam, dann wird er zugleich zum Allernatürlichsten und Selbstverständlichsten. Wenn wir von jenen Männern der ersten Zeit lesen und hören, wie sie so unbedenklich und fröhlich an ihre Aufgabe herantraten, wie wenn da gar nichts Besonderes dabei wäre, wie sie das schwerste Leben auf sich nahmen, die Verfolgung aller Mächtigen auf sich zogen, ohne einen Vorteil davon zu haben, immer nur aus Gehorsam gegen ihren Meister, da erstaunen wir, da denken wir: wie außerordentlich! das könnte ich nicht! wie Schlafwandler auf einem hohen Dach kommen sie uns vor, diese Leute, wie Paulus z. B. auf seinem Eroberungszug durch die ganze Welt. Ja, so empfinden wir, so müssen wir empfinden, solange wir den Glauben nur von außen kennen, als eine höchst merkwürdige Stimmung, die wir aber nur bei Anderen gelegentlich beobachten, von der wir nur von Anderen da und dort lesen. Gewiß hat sogar schon mancher brave Bürger über die Apostel und solche Leute im Stillen den Kopf geschüttelt: wie kann man auch nur so ins Leere streben, so ohne sichtbaren Grund, so ohne irgend etwas Begreifliches, Handgreifliches, das Möglichste und Unmöglichste sagen und tun, sich immer wieder Schaden zufügen, sich immer wieder allen möglichen Gefahren aussetzen! Wieviel einfacher und behaglicher hätten sie es doch haben können! Aber wie ganz anders sieht ein solcher Mann aus, wenn man ihn von innen ansieht! Wo für uns Alles zweifelhaft und unsicher zu sein scheint, ist für ihn Alles höchst natürlich und klar, wo wir meinen: er tritt in die Luft, da steht er in Wirklichkeit auf dem festesten Boden. Wir meinen: jetzt, wo sie Jesus nicht mehr haben, werden sie verwirrt und ratlos sein, und wundern uns über die Tollkühnheit, mit der die kleine Schar sein Werk einfach fortsetzt, zuerst in Jerusalem, dann da und dort bis in die Kaiserstadt Rom hin — nicht doch: wenn wir sie aus der Nähe ansehen, merken wir, daß sie so sicher und bestimmt bei ihrer Sache sind, |270 wie wenn Jesus selbst noch unter ihnen wäre und daß ihre ganze Art, ihre Worte und ihr Wirken, ganz auffallend ähnlich wird der Art ihres Meisters, auch in der Kraft, die von ihnen ausgeht, obwohl noch sehr viel Verdrehtes und Törichtes unter ihnen vorkommt. Wie schlicht und natürlich gehen sie ihren Weg, der uns so unbegreiflich vorkommt! Wie können sie das nur? Wie kommt es nur, daß man, wenn man in ihre Seele hineinsieht, so gar nichts merkt von dem Wagnis des Glaubens, von der Last einer so großen Lebensaufgabe wie der, die jetzt auf ihnen lag, von der Einsamkeit, in der sie sich jetzt befanden? Woher kommt es?

Und du kennst gewiß nicht nur aus der Bibel, sondern auch aus dem Leben Menschen, die jenes Wagnis des Glaubens wirklich gewagt haben, Menschen, die nicht zurückgeschreckt sind, die nicht gesagt haben: ach nein, lieber doch nicht! Du kennst da und dort Einen, der vielleicht schweres Leid mit einer unbegreiflichen Ruhe und Ergebenheit trägt, oder der eine saure, aufreibende Pflicht ganz bewundernswürdig auf sich genommen [hat] und durchführt, oder Einen, dem dus anspürst, daß es ihm ernst ist mit irgend einer guten Überzeugung, oder Einen, der eine ganz erstaunliche Geduld hat und bewahrt borstigen Mitmenschen gegenüber. Da staunst du auch zuerst und denkst: nein, wie ists auch möglich, so könnte ich es nicht! Da muß man schon ein ganz eigener Mensch dazu sein. Und manchmal schüttelst du vielleicht auch aus einer Art stillem Neid über solche Leute den Kopf und meinst, man müsse sicher nicht ganz normal sein, um es so zu machen. O, lerne ihn näher kennen, einen solchen Menschen, wenn du einen solchen in deiner Umgebung hast, vielleicht ist er dir näher, als du denkst, das ist etwas vom Wichtigsten im Leben, daß wir an solchen außerordentlichen Menschen (und wenn es auch vielleicht nur ein altes Frauli wäre) ja nicht vorbeigehen. Wir müssen sie kennenlernen, um unserer selbst willen. Dann sehen wir bei ihnen, wie wirs dort bei den Jüngern sahen: für sie selbst ist da gar nichts Außerordentliches dabei, sie gehen ganz still ihren Weg, sie machen ganz schlicht und tapfer ihre Sache, ohne auch nur den Gedanken daran zu haben, daß etwas Un|271gewöhnliches, daß ein Wagnis dabei sei. Wenn sie es wüßten, wäre es ja schon nicht das Rechte. Sie machen einfach, was sie nicht anders können und nicht anders wissen, sie vertrauen, sie lieben, sie hoffen, sie arbeiten, sie schlagen drein, sie dulden — Alles an seinem Platz und wenn es sein muß — aber immer gerade das, was uns merkwürdig, schwer, unbegreiflich vorkommt, gerade das, was uns halb in Bewunderung, halb in Kopfschütteln über sie versetzt. Was dir als unerhörtes Wagnis erscheint, ist ihnen selbstverständlich. Man redet gar nicht darüber. Man macht es einfach. Woher kommt es, daß sie so sind? Woher haben sie das nur?

Übrigens, jetzt darfst du aus der Bibel und aus dem Leben solcher Mitmenschen weg auch einmal in dein eigenes Leben sehen. Du bist kein Paulus, kein großer Glaubensheld, nein, du mußt dich vielleicht sogar vor manchem schlichten Mitmenschen schämen, weil er so viel stärker und bewährter ist im Glauben als du. Und doch fehlts auch in deinem Leben nicht ganz an solchen Augenblicken, wo dein Glaube mehr war als ein Antrieb, eine Anregung, wo dein kleiner Glaube sich bewährte. Erinnere dich nur: da gelang es dir, dich einmal energisch zu überwinden und Nein zu sagen zu einer Versuchung, da ist etwas in dir aufgeleuchtet von wirklicher Nächstenliebe, dort bist du treu gewesen und bist zu deiner Überzeugung oder zu deiner Pflicht gestanden, obwohl du es lieber anders gemacht hättest, alles das vielleicht nur kleinlich und stümperhaft — und doch, es war etwas, du hast ein ganz klein wenig erfüllt von dem, was von dir gefordert ist. Erinnere dich nur: wars nicht so: du fingst ganz scheu und vorsichtig an, du wolltest kaum heran an das Unglaubliche, Gott wirklich einmal gehorsam zu werden, aber sowie du einmal begonnen hattest, sowie der erste Schritt getan war, war es dir eigentlich auch ganz natürlich, du machtest es ganz schlicht, schämtest dich wohl gar im Stillen, daß du vorher so ein Wesen, so etwas Besonderes daraus gemacht. Vorher dachtest du: werd ichs wagen? wie muß ich mich bewundern, wenn ichs tue!, nachher dachtest du: aber natürlich mußte und konnte ichs tun, es |272 ging doch gar nicht anders, und es ging ja ganz von selbst. Vielleicht ist dann nachher wieder viel Schwachheit oder Eitelkeit über dieses kleine Stück Glaubensgehorsam gekommen, aber du brauchst jetzt einmal nicht daran zu denken. Denk jetzt nur an jenes wunderbare Gefühl des Natürlichen, Selbstverständlichen, an jenes Gefühl der Sicherheit und des Friedens, das wir haben in den Augenblicken, wo unser Glaube wirklich Gehorsam wird. Nichts von Wagnis mehr, nichts von einer außerordentlichen Tat, etwas, was gar nicht anders sein kann, etwas, von dem man gar nicht mehr redet, wo man einfach den geraden Weg geht, der zum Ziel führt. Und nun frage dich: woher kommt das? wieso kann das so gehen? Wie geschieht das, daß ein Mensch vor einer großen Aufgabe, vor die der Glaube uns stellt, nicht in Angst oder Unentschlossenheit endigt, sondern mit der fröhlichen, tapferen Tat, mit dem frohen Bewußtsein: so und nicht anders muß es sein und so ist es! Woher das alles? Bei den Aposteln und bei unsereins? Wie kommt es zur Bewährung des Glaubens?

Pfingsten antwortet uns: das geschieht durch den heiligen Geist. Vielleicht verstehen wir das Wort nicht ganz gut, gerade darum, weil es uns von Jugend an so bekannt ist. Ich will versuchen, mit einigen anderen Ausdrücken zu beschreiben, was damit gemeint ist. Der heilige Geist ist das Leben aus Gott, das hineinströmt in das Leben derer, die ihn lieb haben. Der heilige Geist ist der Geist Gottes, der Sinn und die Art des ewigen Vaters, die er seinen Kindern mitteilt. Der heilige Geist ist Gott selbst, aber Gott so, wie er zu uns kommt, wie er sich uns mitteilt und offenbart, so wie er wirkt und schafft in uns. Am Pfingstfest empfingen die Jünger Jesu den heiligen Geist, und darum waren sie in der Lage, so freudig und natürlich die große Aufgabe und Verantwortung ihres Amtes zu übernehmen. Und wenn wir den heiligen Geist empfangen, dann verwandelt sich auch uns das Wagnis des Glaubens in eine frohe, ruhige Tat.

Wir wollen hören, was Jesus selber sagte über den heiligen Geist, als er seinen Jüngern diese Wundergabe zum Voraus verhieß. — Er nennt ihn den Tröster, der in euch sein wird. Da haben |273 wir gleich die Hauptsache. Die Person Jesu mit Händen zu greifen, mit Augen zu sehen, hatten sie fortan nicht mehr, dafür etwas in ihnen selbst. Was ist mehr: etwas, was wir da draußen, außer uns sehen, oder etwas, was wir da in uns haben? Jesus selbst hat ihnen gesagt: das, was einst in euch sein wird, ist mehr, als was ihr jetzt äußerlich habt. Meinen Leib werdet ihr nicht mehr haben, und was wolltet ihr noch damit, aber den Geist, den der Vater euch geben wird durch mich, der wird das Licht und die Kraft eures Lebens, der wird euer Tröster sein. Ein Tröster, hat Luther übersetzt, in neueren Bibeln steht dafür das Wort «ein Fürsprecher». Es kann Beides richtig sein. Gemeint ist jedenfalls: der Geist wird euch beistehen, er wird euch helfen in den schweren Stunden, wo ihr euch allein fühlen, wo ihr bedrückt und zögernd an das große Wagnis des Glaubens herantreten werdet. Jawohl, da hat der, der Gott liebt, etwas in sich, das trägt ihn über die Abgründe, die sich vor ihm auftun wollen, hinweg. Das ist etwas Unwiderstehliches, Siegreiches, wo das ist, da wird das Wort «unmöglich» selber unmöglich. Da sind aus den wankelmütigen Jüngern Jesu starke Charaktere und Persönlichkeiten geworden, aus den ungebildeten Fischersleuten ungenierte Zeugen der Wahrheit vor allem Volk. Da findet ein Mensch plötzlich, ihm selber ungeahnt, jenes Vertrauen, das auch in den schwierigsten, traurigsten Lagen nicht überwunden wird. Da kann ein Anderer, bis dahin immer schüchtern und verlegen, plötzlich den Mund auftun und offen und wirksam reden von dem, was ihn bewegt. Da werden aus schwachen, weichherzigen Gemütern Kämpferseelen, die getrost dem Feind entgegengehen, wenn es sein muß. Da lernt der Schlaffe seine Pflicht tun, der Müde seine Kräfte zusammennehmen, der Traurige fröhlich sein im Hinblick auf die großen Ziele des Lebens. Das ist der Geist, der lebendige Gottesgeist, der so zu den Menschen, in die Menschen hineinkommt und sie tröstet, ihnen hinweghilft über das, was ihnen unmöglich und höchst befremdlich und erstaunlich vorkam. Sieh zu und denk daran, was dieser Geist geschaffen hat in den Aposteln und in unzähligen unserer Brüder und Schwestern seither, auch in uns, |274 wenn wir bereit waren, ihn zu empfangen in einzelnen glücklichen Augenblicken. Wollen wir nicht bereit werden, ihn zu empfangen, nicht kärglich, nicht spärlich, sondern in seiner ganzen Fülle und Kraft?

Freilich, die Welt kann ihn nicht empfangen, denn sie siehet und höret ihn nicht. Eine sehr ernste und nötige Erinnerung. Da haben wir nun endlich einmal ein deutliches Merkmal für das, was die «Welt» ist. Man braucht und liest das Wort ja oft und versteht nicht immer, was es bedeutet. Die Frage hat uns hoffentlich auch schon zu schaffen gemacht, ob wir nicht am Ende weltliche Menschen und d. h. gottlose Menschen seien. Sieh da: «Welt» und «weltlich» das heißt: wenn man den Geist nicht empfangen kann, weil man ihn nicht sieht und hört. Also, wenn man sagt: das kann ich nicht begreifen, das ist nichts für mich, weil ich es nicht mit Augen sehen und mit Händen betasten kann, davon verspreche ich mir nichts, das bringt mir nichts ein! Das ist «Welt», das ist weltlich gedacht und geredet. Da bleibt man ewig im Zaudern, in der Angst, in der Vorsicht. Da wagt man nie den entscheidenden Schritt hinüber in die Welt Gottes, und je weniger man es wagt, desto weniger kann man es auch, desto unempfänglicher wird man. Trauriges Schicksal! Die Apostel sahen sich ganz umgeben von solchen Menschen. Die Frage mußte ja in ihnen auftauchen: warum haben die da alle um uns her, die Juden und die Griechen, nichts von dem, was wir haben, was uns bewegt und treibt und selig macht? Vielleicht hat sie die Frage manchmal beunruhigt, haben sie sich gelegentlich gefragt: Haben nicht die Anderen recht, die Vielen, viel zu Vielen da, die den Geist nicht haben, die nichts davon wissen wollen, weil sie ihn nicht sehen und hören, sind nicht wir, die Gläubigen die Getäuschten, die einem Phantom, einem Luftgespinst, nachjagen? Vielleicht, sehr wahrscheinlich haben auch wir alle etwa schon so gedacht, wenn wir um uns die Welt sahen, in der so wenig vom heiligen Geist zu spüren ist, und besonders, wenn in uns selbst jene Stimmen wach wurden, die uns sagten: ach was, es ist doch nichts, was da, wagen und glauben, wo man doch nichts sieht, nichts greifen kann. |275 Aber nein, müssen wir uns da sagen: die arme Welt, sie ists, die verliert, sie kann eben nicht empfangen, weil sie so ist, sie verschließt sich selbst gegen das Beste, was es gibt, und wir tun es, wenn wir weltlich werden. Nicht ein Fortschritt, sondern der traurigste Rückschritt ist es, wenn wir weltlich werden. Laßt uns das gesagt sein!

Und nun hat Jesus den heiligen Geist den Geist der Wahrheit genannt. Unendlich viel müßten wir sagen, um dieses Wort erschöpfend zu erklären. Sieh, die Apostel Jesu und alle Gläubigen und wir mit ihnen, wenn wirs sind, wir dürfen Menschen sein, die die Wahrheit erkennen. Solche Menschen sind wir, wenn wir Gottes Geist haben. Was für eine Wahrheit? Die Wahrheit über das Leben ganz einfach. Klar liegt vor uns, was so vielen Anderen und uns selbst vorher dunkel und verworren war: Wir sehen, was groß ist und was klein, was wichtig ist und was unwichtig, was wir getrost erwarten und überwinden und auf was wir lossteuern müssen. Klein werden uns so viele vermeintliche Bedürfnisse. Klein wird uns so Vieles, was uns, wie wir jetzt meinen, Freude macht, sodaß wir nicht davon lassen können. Klein werden uns die Leiden dieser Zeit [Röm. 8,18], klein die Hindernisse, die uns auf unserem Weg zu Gott aufhalten wollen, klein die Menschen mit ihrem Gerede und ihrer Torheit. Groß wird uns auf der anderen Seite Gott und Alles, was göttlich ist. Groß wird uns das gute Gewissen und die Reinheit der Seele. Groß die Liebe und Alles, was aus der Liebe ist. Groß wird uns Alles, was uns und die Anderen einander näher und uns alle gemeinsam näher zu Gott bringt. So kommt Überblick und Ordnung in unser Leben. Und das ist die Wahrheit, die wir brauchen, die wir nötig haben. Alles Andere, was man etwa sonst Wahrheit nennt, ist etwas ganz Gleichgültiges gegenüber dieser Lebenswahrheit. Und diese Lebenswahrheit hat, wer den Geist hat. Der Geist selbst, der Geist Gottes ist diese Wahrheit. Gerade darum überwinden wir eben in der Kraft des Geistes das Zaudern und die Angst. Was uns zaudern und ängstlich machen könnte, das ist ja klein, klein, wenn das Licht der Wahrheit einmal darauf fällt. |276 Leuchtend groß dagegen erscheint uns in diesem Licht das Große, sodaß wir freudig und dankbar ihm entgegeneilen ohne Furcht und Zagen. Möchten wir ihn nicht haben, diesen Geist der Wahrheit, der uns so stark macht und in dem wir alles überwinden?

Doch nun fragst du: wie bekommt man ihn denn? Ich möchte wohl, ich wünsche mir das auch, das, was das Wagnis des Glaubens so leicht und natürlich macht. Es gibt darauf nur eine Antwort. Jesus hat sie ausgesprochen: Liebet ihr mich, so haltet meine Gebote! Wir dürfen nicht bloß warten auf das wunderbare Wehen des Geistes. Wir dürfen nicht denken: jenes Leben aus Gott wird eines Tages in mir entstehen und da sein. Da könnten wir arg versinken in Verzweiflung oder Sünde, wenn wirs so machen wollten. Nein, der Weg zum heiligen Geist ist der einfache Gehorsam. Die Jünger mußten zunächst ganz schlicht Ernst machen mit dem neuen Leben, das Jesus ihnen zeigte. Auf diesem Weg empfingen sie dann den Geist, das Leben, die siegreiche Kraft. Auf diesem Weg fanden sie sie dann wirklich eines Tages, am Pfingsttag, einfach vor. Es gibt auch für uns keinen anderen Weg als den, einmal Ernst zu machen. Wir kennen Jesu Gebote: du sollst den Herrn, deinen Gott lieben aus ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst [Mt. 22,37–40]! Alles Andere hilft uns nichts. Damit heißt es einmal anzufangen. Es wird uns schwerfallen. Es macht nichts. Wir werden straucheln. Es macht auch nichts. Es braucht gar nichts als den ehrlichen Willen: Herr Jesu, ich möchte deine Gebote halten! — Wenn du aus innerstem Herzen so seufzest, dann empfängst du den heiligen Geist, nein, dann hast du ihn, und so lange du so seufzest, bleibt er bei dir ewiglich.

Amen.

Sachfußnoten

1
Text vom Hrsg. geändert. Mskr. Anakoluth: … die die Jünger Jesu, nachdem …↩