Predigt: Genesis 28,10-19 (Himmelfahrt)
Da wandert der junge
Ein rechtes Menschenschicksal, liebe Freunde, uns allen nur zu wohl bekannt. Das ist der Mensch, der durch die schöne Welt zieht wie durch ein fremdes Land, wo es doch so ganz anders sein könnte. Es fehlt uns an nichts, und es fehlt uns doch gerade an Allem. Wir haben die Natur mit ihrer Frühlings- und Sommerpracht, mit all ihrer Majestät und ihren duftigen Schönheiten — aber warum ist all der Jubel und all die Größe, all das Singen und Klingen nur da draußen statt auch da drinnen? Wir fühlen uns als Menschen zum Höchsten bestimmt, wir ahnen etwas von ewigen Gedanken, die hinter unserem Leben verborgen sind, unser lebendiger Geist verheißt uns, daß wir zu Besserem, zum Besten geboren sind — aber warum können wir uns so wenig daran erfreuen und aufrichten, wie kommt es, daß uns diese Tatsache so wenig Trost und Kraft verleiht? Wir haben jedes seinen Lebenskreis von Pflichten und Aufgaben und auch von Freuden — wahrhaftig auch daran fehlt es keinem Menschen ganz —, aber sieh einmal, wie die allermeisten Menschen bereit sind, nur immer gerade das Harte und Schwierige in ihrer besonderen Lage zu empfinden, jedenfalls nur davon zu reden; warum ist es so? warum gibt es so viele Menschen, die Alles mit verdunkelten Gläsern anschauen? warum so viele Verdrossene, Unzufriedene, Hoffnungs|257lose?, während doch das Leben eine so reiche Gelegenheit sein könnte, tapfer und zuversichtlich und damit siegreich und selig zu werden? Da sind unsere Mitmenschen, aber nicht wahr, sie gefallen uns meistens nicht oder nur sehr wenig, wir haben fast über Alle sehr viel zu sagen und zu klagen, wir meinen, daß doch nur trübe, enttäuschende Erfahrungen mit ihnen zu machen seien — wieder etwas, was doch durchaus nicht notwendig so sein müßte. Überhaupt, wie könnte doch das Zusammenleben der Menschen so etwas ganz Anderes sein! Wenn wir zusammenhalten und zusammenstehen würden, die Völker und die Einzelnen, was könnte da aus der Menschheit werden, wie könnte sie da gemeinsam arbeiten an immer höherem Fortschritt in Allem, was neu und gut ist und edel, wie würden da ganz von selbst alle Kräfte sich entfalten und doch auch das Schwächste sein Plätzlein an der Sonne bekommen! Der wunderbarste lebendige Organismus könnte die Menschheit sein, — stattdessen verzehrt sie ihre Kräfte durch gegenseitige Bekämpfung, Krieg und Konkurrenz und Ausbeutung, das ist das Zusammenleben der Menschen. Es könnte ganz anders sein. Und so gehen wir unbefriedigt und unsicher unseren Weg. Das Leben hält uns nicht, was es uns verspricht. Die Welt im Großen und im Kleinen ist nicht, was sie uns sein könnte. Das ist unser Schicksal, daß das Alles so ist, sagen die Oberflächlichen.
Nein, das ist nicht unser Schicksal, das ist unsere Schuld. Wenn wir uns so fremd und traurig vorkommen in dieser schönen Welt, dann müssen wir uns, wenn wir ehrlich sind, sagen: da ist gefehlt worden, von uns selbst, von Anderen, von uns allen zusammen, manchmal seit Jahrtausenden, manchmal erst seit gestern. Immer aber ist das, was uns drückt, was uns das Leben verdirbt, etwas, was wir Menschen uns selbst aufgeladen haben. Da mag ein jeder von uns rückwärts blicken in seine Vergangenheit und sich fragen: warum bin ich nicht fröhlicher, glücklicher, sicherer, warum spüre ich nicht mehr Ewigkeitslicht und Ewigkeitskraft in mir, und er wird sich antworten müssen: dort und dort habe ich meine Zeit verloren oder meine Reinheit oder meine Ehrlichkeit, dort habe ich gegen meine Überzeugung gehandelt und dort gegen die
|258 Liebe. Und von da ab war kein Segen mehr in meinem Leben. Wir spüren dann freilich, wie auch Andere an unserer Schuld beteiligt sind, unsere Vorfahren vielleicht, deren Fehler uns im Blut liegen, unsere Eltern, die in der Erziehung, die sie uns angedeihen ließen, gefehlt haben mögen, Menschen, die uns in Versuchung führten durch ihr schlechtes Beispiel oder dadurch, daß sie uns Unrecht taten und so das Böse in uns weckten. Und je tiefer wir nachdenken, desto deutlicher sehen wir, daß die meiste Schuld etwas Gemeinsames ist, daß wir für viel mehr verantwortlich sind, als wir zuerst denken. Wir spüren, wie wir gegenseitig verkettet sind mit unseren Fehlern und Irrtümern, wie wir uns gegenseitig irreführen mit unserem Trotz und unserer Selbstsucht, wie wir dann trotz dieser Einigkeit einander immer wieder weh tun, die Einigkeit im Bösen kann ja nur Böses erzeugen, und wie so die Schuld beständig vermehrt und fortgepflanzt wird. Das ist der große Druck, unter dem wir stehen, das ists, was uns nie so ganz fröhlich aufatmen läßt, wir tragen eine Schuld mit uns herum, wir alle, wir sind abgewichen und sind nicht wert, Gottes Kinder zu heißen [vgl.
Aber mitten hinein in diese traurige Wanderschaft ergeht an uns die Botschaft: Siehe, ich mache Alles neu [
Die gleiche Verheißung, liebe Freunde, hat uns Gott in Jesus Christus gegeben. Wir denken heute, am Tage der Himmelfahrt, zurück an die Osterzeit und an die Erfahrungen der Apostel und Jünger, an die sie uns erinnert. In der Osterzeit war ihnen unumstößlich gewiß geworden, daß Jesus ihnen zum Heiland und Erlöser von Gott her gegeben worden sei. In einer Reihe von gewaltigen inneren Erlebnissen wurden da alle ihre Bedenken, Zweifel und Sorgen, die der Kreuzestod ihres Meisters in ihnen wachgerufen, überwunden, sie lernten begreifen, daß Alles so hatte kommen müssen, daß dieser Kreuzestod nicht das schmähliche Ende, sondern die höchste Entfaltung der göttlichen Offenbarung gewesen. Klar stand es jetzt vor ihren Augen, daß dieser Mensch, der sie seine Brüder und Freunde genannt, wahrhaftig in Gott gelebt hatte und Gott in ihm. Wer aber in Gott lebt und Gott in ihm, der lebt, ob er gleich stürbe [vgl.
Denn Jesus Christus war ein Mensch ganz anders als wir. Er war fröhlich, wo wir sorgenvoll und unzufrieden sind. Er war frei, wo wir gedrückt und müde gehen. Er wanderte durch die Welt als durch ein Land Gottes, wo wir uns so fremd und unheimlich |261 fühlen. Und er konnte das, weil er von der Schuld, die uns drückt, frei war. Wir sehen ihn mitten in der Menschheit drinstehen, aber ohne daß er die schwer verkettete Last eigener und fremder Fehler mitzutragen hatte. Wir sehen in seinem Leben keinen jener dunklen Punkte, die bei Keinem von uns fehlen, keine jener Schäden, die dann verhängnisvoll weitergewirkt hätten. Aber auch die Sünde der Anderen kann ihn nicht beeinflussen und anstecken. Er ist gewappnet gegen das böse Beispiel und gegen das Unrecht, das ihm angetan wird. Er lebt beständig aus Gott und darum beständig in Frieden mit sich selbst und mit den Menschen. Es wird wohl an ihm gesündigt, aber er selber sündigt nicht. Leidenschaft und Torheit schäumen um ihn her auf wie noch um keinen Menschen, aber seine Seele wird davon nicht überflutet. Wie ein Kind geht er durch die Welt, unberührt, unerfahren, fremd — nein, er ist wirklich zu Hause in der Welt, er nimmt das Leben so, wie es wirklich ist, während alle Anderen verblendet und gestört sind durch die Schuld, die sie mit sich herumtragen. Er hat Alles, weil er das Eine hat, die ununterbrochene Gemeinschaft mit Gott. So steht er einzigartig da in der Menschheit. Staunend müssen wir uns gestehen, daß da etwas Neues vor unseren Augen auftaucht, ein Leben frei von dem alten Fluch, der auf allem Menschlichen zu liegen scheint. Sollte dieses Neue nicht auch mitten in unserem traurigen, unbefriedigenden Dasein eine Stätte finden? Sollte nicht eine Wendung möglich sein in unserem Leben, eine Wendung zur Freiheit von dem Allen, was uns bedrückt? Sollte es nicht möglich sein, die Kette zu zerreißen, die Last abzuwerfen, ein glücklicher, starker, seliger Mensch zu werden? Soll die Menschheit nur immer fortleben in Nacht und Elend, sich gegenseitig herunterziehen und untenhalten, sich gegenseitig plagen und unglücklich machen? Soll das das letzte Wort sein, daß die Schuld, die Abweichung von Gott da ist und da bleiben wird, daß die Menschen nie Andere sein werden?
Gott gibt uns die Antwort: es soll nicht so sein: das Neue, das wir im Leben Jesu aufleuchten sehen, soll wirklich und bleibend uns geschenkt sein. Es ist zugleich eine Verheißung und eine Gabe |262 für Alle, die es sehen und annehmen wollen. Ostern und Himmelfahrt stellen uns die Frage, ob wir es auch sehen und annehmen wollen, wie es die Apostel und Jünger der ersten Zeit getan haben. Wollen wir die Achseln zucken und das Licht, das da in unser Leben, in unsere Welt hineinfällt, als einen schönen Traum ansehen? O ja, wir können es, wir haben die Freiheit, uns nicht helfen zu lassen, die selbst auferlegte Last unserer Schuld weiter zu schleppen. Ist sie uns so lieb? Sieh da, die offene Pforte des Himmels zu einem anderen, besseren Leben. Wohl allen denen, die, wenn sie Jesus einmal kennengelernt, spüren: das brauche ich, und dafür will ich dankbar sein, was der mir zu bieten hat. Gewißlich ist der Herr an diesem Ort, und ich wußte es nicht!
Seht, wie die Wanderschaft des
Und wie die Vergangenheit, so bekommt auch die Gegenwart ein anderes Gesicht: Was bekümmert ihn die finstere Nacht, der unbekannte Ort, das harte Lager?
Anders wird dann auch seine Zukunft.
Seht, gerade das ists, was uns geschenkt wird für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wenn wir die Botschaft von Jesus hören und aufnehmen. Frei werden sollen wir, wir, die Einzelnen und die ganze Menschheit, vom Fluch der Vergangenheit, von all dem, was gesündigt worden ist und was uns verfolgt. Die Pforte des Himmels soll uns aufgetan werden, wir sollen mitten in unserem Leben die Quellen aufbrechen sehen, deren Wasser uns gesund und selig macht, die jedem zugänglich sind, den dürstet und der kommen will. Und freudigen Mutes sollen wir einen |264 neuen Acker pflügen dürfen — im Schweiße unseres Angesichts, ja, aber fröhlich in der Hoffnung auf reiche Früchte. Das sagt uns die Himmelfahrt. Sie redet uns von der Gemeinschaft mit Gott, von der Gemeinschaft des Friedens und der Freude, in die wir aufgenommen sein dürfen, sobald wir wollen. Sie redet uns von dem Höhenweg, den wir gehen dürfen, und ladet uns ein, ihn zu gehen. Sie redet uns von Gottes herablassendem Erbarmen gegen uns und von der Vollkommenheit, zu der er uns durch seine Güte führen will. Noch ist nicht erschienen, was wir sein werden [