17. Mai 1914

Predigt: Matthäus 6,33 (IV)

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Matthäus 6,33 (IV)
Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.
Liebe Freunde!

Wir sprachen vor acht Tagen von der Ordnung, die in unserem Leben entstehen muß. «Am ersten nach dem Reiche Gottes trachten» — so lautet diese Ordnung. Gott über Alles! könnten wir noch kürzer sagen. Zuerst immer denken, was wahr, sagen, was auf|243richtig [ist], tun, was das Gewissen und die Liebe uns gebietet — dann alle übrigen Rücksichten, Bedenken und Wünsche. Das ist der königliche Weg, den Jesus uns mit ihm zu gehen einladet. Wenn wir diese Ordnung umkehren, wenn wir irgend etwas über Gott und das, was göttlich ist, stellen, offen oder im Geheimen, so machen wir uns notwendig selbst unglücklich. Wir erfahren dann, was es heißt:

Sie suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel!1

Denn jener einfache Weg der unbedingten Unterordnung unter Gott, den Jesus gegangen ist, ist der einzige Weg zu einem freien, glücklichen, wahrhaftigen Leben, zum ewigen Leben. Alle anderen Wege, und wenn sie anfangs noch so lockend zu sein scheinen, noch so natürlich und selbstverständlich, sie enden im Unfrieden, in der Lüge, im Tod. Ich hoffe, etwas davon sei uns am letzten Sonntag klar geworden. Es bleibt nun nur die Frage, ob wir jenen einen Weg, den einfachen, den einzigen Weg auch gehen wollen. Und über diese Frage können wir hier in der Kirche nicht reden — die muß ein jeder mit sich selbst abmachen.

Aber nein, eine andere Frage ist noch da, von der können und müssen wir reden. — Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes! Wir wollen einen Augenblick annehmen, wir alle hätten nach ernstem, betendem Nachdenken mit festem, reifem Willen den Entschluß gefaßt, nach diesem Worte Jesu zu denken und zu handeln. O wenn es Wahrheit wäre! Wie würden wir da fest auf unseren Füßen stehen! Wie würden da unsere Augen leuchten von einer tiefen innerlichen Freude! Wie wären da unsere Herzen erfüllt von dem einen seligen Gedanken: Gott sei Dank, daß er mich dahin gebracht hat, daß ichs gewagt habe, nie und nimmer zurück! Wir wollen annehmen, es sei so. Aber wo bleibt dann all das Andere, nach dem wir doch, wie wir das letzte Mal gehört, in |244 diesem Leben nun einmal auch trachten, — auch trachten müssen? Essen und Trinken, Erwerben und Verlieren, Freude und Schmerz, Recht und Unrecht, die Mitmenschen mit ihrem Einfluß und ihrer Macht über uns, Streit und Friede, Krankheit, Leben und Sterben — was wird aus dem Allen?

Wir wollen doch vor allem aufrichtig sein und uns eingestehen, daß das Alles unsere Herzen bewegt und unsere Gedanken beschäftigt, auch wenn wir jenen Vorsatz gefaßt haben mit allem Ernst. Nur keine Heuchelei, nur nicht die Einbildung, als ob wir «die Welt», wie man sagt, völlig hinter uns gelassen hätten, wenn einmal das große Licht: Gott über Alles! in unserer Seele aufgegangen ist. Das ist vielleicht von allen Einbildungen die gefährlichste. Wir sind alle, und wenn es noch so hell geworden ist in uns, ganz voll von der «Welt», und das kann auch gar nicht anders sein. Die Frage: was sollen wir essen? was sollen wir trinken? [Mt. 6,31] können wir alle nicht totschlagen, und wenn wir noch so gern wollten. 50 Franken Gewinn oder Verlust ist für die Allermeisten von uns eine höchst interessante Sache, es kann auch viel weniger sein. Wie kann es uns stundenlang, tage- und nächtelang sogar beschäftigen, wenn uns jemand beleidigt hat! Wir sehnen uns alle nach ein bißchen Freude. Wir leiden alle unter Not und Unrecht — und es gibt so viel Not und Unrecht in der Welt. Wir sind alle lieber gesund als krank, wir haben alle eher Angst vor dem Sterben als das Gegenteil. Also die Welt ist für uns alle ganz einfach da, und wir wollen doch nicht behaupten, es sei anders. Auch wenn die Menschen es uns glauben werden, Gott glaubt es uns sicher nicht, einfach weil es nicht wahr ist.

Aber was wird nun aus alledem, aus all diesen anderen Sachen, wenn das Reich Gottes unseres Lebens Stern und Ziel geworden ist? Wir hörten das letzte Mal, unser ganzes Leben müsse da zu einer Einheit werden, es müsse Alles, das Große und das Kleine, das Innerliche und das Äußerliche zusammenfließen zu einem starken Strom, der in der gleichen Richtung braust, zu einer hellen Flamme, die aufwärts lodert. Zuerst nach dem Reiche Gottes trachten, alles Andere muß diesem Einen dienen! Aber wahrlich, |245 das ist leichter gesagt als getan. Da entsteht die ernste Frage, wie denn das möglich sei, da erheben sich von allen Seiten die Zweifel und Schwierigkeiten, die wir nicht mit einem einfachen: es muß so sein! niederschlagen können. Von der einen Seite der Zweifel: da kommt man zu kurz im Leben, wenn man den Gehorsam gegen Gott über Alles stellt. Da kommt man nicht zu seiner Sache, wie man möchte, da kann man nicht die Stellung einnehmen unter den Leuten, die man gern hätte, da muß man Unrecht leiden, da hat man keine Freude mehr. Man muß doch ein bißchen knausern, gierig sein, dreinschlagen u.s.w., wie alle Welt es tut, sonst bringt mans zu nichts! Von der anderen Seite der Zweifel: Wer zu seiner Sache sieht,2 wer leben und etwas gelten und ein bißchen sich freuen will, der kann leider das Reich Gottes nicht als das Erste und Höchste auffassen, der muß darauf verzichten, ganz so rein und wahr und gerecht zu sein, wie er gerne wollte und wie es ja wohl auch im Grunde recht wäre. Was geschieht, wenn diese Zweifel recht haben? Dann gibt es ohne Zweifel einen Rückfall in jene Art, von der wir eben loskommen wollten. Dann sind wir auf einmal wieder mitten drin, alles Mögliche, Geld und Vergnügen, unsere Angst und unsere Wünsche, die Rücksicht auf die Leute und auf unser eigenes Behagen über die Rücksicht auf Gott zu stellen — mit allen bösen Folgen, die das nach sich zieht. Vielleicht auch mitten in der heuchlerischen Art, ein bißchen das und ein bißchen das zu erstreben, ein bißchen den menschlichen und ein bißchen den göttlichen Bedürfnissen des Lebens nachzugeben, so nebeneinander und abwechslungsweise — und haben wiederum die bösen Folgen der Heuchelei zu tragen. O diese «Welt», o diese «anderen» Bedürfnisse und Interessen, Wünsche und Befürchtungen neben dem einen großen Ziel unseres Lebens! Was soll aus ihnen werden? Wie sollen sie zu ihrem Recht kommen? Und wie kann das Reich Gottes wirklich und aufrichtig neben ihnen unser höchstes Ziel und Streben sein?

246 Jesus gibt uns darauf eine Antwort, die wir gut beachten müssen, wenn wir überhaupt seine Aufforderung: Trachtet nach dem Reiche Gottes, verstehen wollen. «Solches alles wird euch zufallen», sagt er. Alles Andere, was ihr braucht, werdet ihr dazu bekommen, geschenkt dazu bekommen, wenn ihr am ersten nach dem Reiche Gottes trachtet. All dieses Andere, was euch beschäftigt und bewegt, findet eine Lösung, eine Antwort, kommt zu seinem Ziel, wenn ihr vor allem Anderen Gott gehorsam seid. Es wird Alles ganz von selbst da sein, in Ordnung da sein, wenn ihr den ersten großen Schritt getan habt, ganz selbstverständlich Gott über Alles zu stellen. Wie kindlich! denken wir vielleicht. Soll das nun die Antwort sein auf unsere schwere Frage, ob es denn möglich ist, ein Mensch Gottes zu sein mitten in der Welt?! Ja, das ist kindlich, das mag Manchem sogar närrisch erscheinen, weil es so ganz gegen den natürlichen, oberflächlichen Schein geht. Aber es heißt ja auch, daß, wenn wir nicht werden wie die Kinder, wir nicht ins Reich Gottes eingehen [vgl. Mt. 18,3] und auch nicht danach trachten können. Wenn wir einmal Kinder geworden sind, wie Jesus es meinte, dann sehen wirs anders an. Wir lassen uns dann gern Narren nennen. Wir wissen, daß wir doch recht haben. Wir wissen: ja, gerade so ist es: es fällt einem Alles zu, es wird einem Alles geschenkt, es kommt Alles in Ordnung, wenn wir das Eine gelernt haben.

Wir wollen einen Augenblick darüber nachdenken. Solches alles wird euch zufallen! sagt Jesus. «Solches alles», das heißt Alles, was wir nötig haben, was wir uns wünschen. Wir wollen mit dem Nächstliegendsten anfangen. Jesus nennt es selber in der Bergpredigt: Was sollen wir essen? was sollen wir trinken? [Mt. 6,31]. Die große Erwerbsfrage. Wie leicht tritt sie an die erste Stelle in unserem Leben, an die Stelle, die die Frage nach Gott einnehmen sollte, besonders heutzutage, wo der Erwerb für Unzählige in allen Ständen so schwierig geworden ist! Und darum ist das Leben Unzähliger innerlich so leer und gedrückt geworden, so mutlos, kalt und lieblos, weil das Wort «Verdienen» ihnen das höchste Wort geworden ist. Wir haben ja schon oft davon geredet. Aber |247 wie soll es anders werden? Wie können wir frei bleiben oder frei werden von der furchtbaren Gefahr, Gott und dem Mammon zugleich dienen zu wollen [vgl. Mt. 6,24] und dabei für Zeit und Ewigkeit verloren zu gehen? Jesus sagt es uns: trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, so wird euch solches alles zufallen! Werdet Gottes gehorsame Kinder, so werdet ihr zu essen und zu trinken haben. Schon im Alten Testament hören wir übrigens gelegentlich solche Töne: «Die den Herrn suchen, haben keinen Mangel an irgend einem Gut», sagt der Psalmsänger einmal [Ps. 34,11], und ein andermal: «Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen» [Ps. 37,25]. Wunderbar: das Trachten nach Gottes Reich und Gerechtigkeit ist kein Hindernis für unser übriges Leben, wie wir in unseren Zweifeln oft meinen, im Gegenteil: da wird einem geholfen, da wird einem Alles geschenkt!

Wie sollen wir das verstehen? Seht, Gott will ganz zweifellos, daß ein Jeder von uns das zu seinem Leben Nötige bekommen soll. Sonst hätte er uns nicht geschaffen mit diesen unabweisbaren Bedürfnissen, sonst hätte er die Welt nicht so schön und reich gemacht. Die Erde hat nicht nur Raum für Alle, sondern auch Brot für Alle. Wenn nun Menschen hungern müssen, wenn Viele ihr tägliches Brot nur unter jämmerlichen, niederdrückenden Verhältnissen verdienen können, wenn Viele ihr Leben in Kummer und Sorge zubringen müssen wegen der Frage: wie komme ich zu meiner Sache?, wenn über so Viele ein grauer Schleier von Mißmut und Unzufriedenheit ausgebreitet ist um des leidigen Geldes willen, das man zum Leben nun einmal braucht — woher kommt es? Wahrhaftig nicht von Gott, er gibt uns genug Fähigkeiten und Gelegenheiten, zu unserer Sache zu kommen. An uns Menschen fehlt es, bei uns ist entweder so oder so etwas nicht in Ordnung und muß anders werden. Und es wird anders, wir müssen nicht mehr hungern, nicht mehr in unerträglichen Verhältnissen leben, nicht mehr kümmern und sorgen, nicht mehr unzufrieden und grämlich sein, — wenn wir nach dem Reiche Gottes trachten. |248 Denn dieses Trachten hat unmittelbare Folgen für unser Leben. Entweder wir sehen ein: ich habe mich unnütz gesorgt und aufgeregt, ich habe den Gedanken ans Verdienen zu wichtig genommen und darüber Größeres vernachlässigt. Für wie Viele wäre es eine Erlösung, wenn sie sich nach Jesu Rat die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel zum Vorbild nehmen könnten [vgl. Mt. 6,26–29], denn ihre Sorgen sind selbstfabrizierte Gespenster. Wenn wir nach dem Reiche Gottes trachten, sind sie verscheucht, diese Sorgengespenster. Wieder bei Anderen hat dieses Trachten nach dem Reiche Gottes ganz von selbst den Erfolg, daß sie fleißiger arbeiten, ordentlicher haushalten, mäßiger leben. O ja, wer einmal Gott von ganzem Herzen liebgewonnen hat, der sieht von selbst ein, daß er auch noch manches tun und lassen könnte, um mit dem Seinigen besser vorwärts zu kommen. Schlamperei und Unordnung und Genußsucht, die hören ganz von selbst auf, wo man Gott gehorsam ist, und damit wird dann die Quelle von unendlich vielem Nichtauskommen und Sorgen verstopft.

Aber Hunger und drückende Verhältnisse und Unzufriedenheit können auch andere Gründe haben als bloß unnütze Gedanken oder Faulheit und Liederlichkeit. Es gibt heutzutage Millionen Menschen, die unter der Frage: was sollen wir essen? was sollen wir trinken? seufzen, bitter seufzen, und denen gegenüber es eine Grausamkeit wäre, nur zu sagen: sorgt euch doch nicht so! oder: seid nicht so faul und braucht nicht so viel! Es ist sicher, daß auch heute noch Unzählige diese Ratschläge nötig haben — aber ebenso sicher ist es, daß es töricht und schändlich ist, wenn so viele Christen gegenüber der Not der Gegenwart nichts Anderes zu sagen wissen als das. Die Ursache des größten Teiles der Not, der Sorge, der Unzufriedenheit, von der so viele unter uns bedrückt werden, liegt viel tiefer, als daß sie mit solchen Ermahnungen verscheucht werden könnten. Unser gesamtes Erwerbsleben ist im Laufe der letzten Jahrhunderte auf eine ungesunde Bahn gekommen, die große Mehrzahl der Menschen kann heute nicht mehr froh und frei für ihren Bedarf arbeiten, wie es in früheren Geschichts|249perioden bis zu einem gewissen Grade der Fall war. Sie stehen unter einer ungeheueren Knechtschaft, sie alle, die Reichen und die Armen, die Herren, die Bauern und die Arbeiter. Das Geld, das ihnen dienen sollte, ist in Wirklichkeit ihr Meister geworden, und es ist ein grausamer Meister. Wie ein greulicher Drache lauert überall und überall der Drache des Kapitals. Er will nicht den Frieden, nicht das Glück, nicht die Freiheit der Menschen, er will nicht einmal, daß sie leben und satt werden, das Alles kümmert ihn gar nicht, er will nur seine Zinsen, seinen Profit, der niemandem zugute kommt oder doch nur ganz Wenigen, während der übergroßen Mehrzahl der Menschen nur das Nötigste übrigbleibt und infolgedessen eben die Sorge, die Unzufriedenheit, die ewige Unruhe. Überall, überall in der Stadt und auf dem Land, in der Villa und in der Arbeiterwohnung, in der Seele derer, die scheinbar Alles haben, was das Leben schön macht, und in der Seele dessen, der aus der Hand in den Mund leben muß, stoßen wir auf die verderblichen Folgen dieser ungeheueren Knechtschaft, unter der unser Zeitalter seufzt. Sie ist die sicherste Tatsache für jeden, der nur ein wenig die Augen auftun kann.

Was sollen wir dazu sagen? Wollen wir müde die Achseln zucken und denken: da ist doch nichts zu ändern? Aber warum denn? Wollen wir denn nicht glauben an die gewaltige Kraft, die wir haben könnten, wenn wir wirklich nach dem Reiche Gottes trachten? … so wird euch solches alles zufallen! verheißt uns Jesus. Alles soll in Ordnung kommen, wenn wir Gott lieb haben. Wir haben ja gesehen, wie wahr das ist, was dieses Trachten nach dem Reiche Gottes für einen Erfolg hat, für eine Erlösungsmacht gegenüber den unnützen Sorgen, gegenüber der Faulheit und Liederlichkeit. Warum wollen wir denn nicht glauben, daß es auch Erfolg, daß es eine Erlösungskraft hat auch gegenüber der Geldknechtschaft, in die die heutige Menschheit hineingeraten ist? Was braucht es denn von unserer Seite zu diesem Erfolg? Es braucht dazu die große lebendige Hoffnung, daß die Macht der Gerechtigkeit schließlich größer sein muß als die Mächte der Selbstsucht, von denen heute noch hoch und niedrig beherrscht sind. Und es |250 braucht dazu den großen, starken Willen, den natürlichen Widerstand dieser Mächte zu brechen, den Willen, etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen. In uns allen, in den Tausenden und Millionen der leidenden Menschheit, in allen Klassen und Ständen muß diese Hoffnung, dieser Wille wach werden. Wenn das geschieht, dann ist die Erlösung da, dann werden wir es auch in diesem Stück erfahren: … es wird euch solches alles zufallen! es wird Alles in Ordnung kommen, was jetzt durch unsere Schuld in Unordnung geraten ist. Ist denn das so etwas Unmögliches? Alles ist möglich dem, der da glaubt [Mk. 9,23]. Wenn wir am ersten nach dem Reiche Gottes trachten, wenn uns Gott wirklich über Alles geht, seht, dann haben wir jene Hoffnung, jenen Willen. Wenn wir sie noch nicht haben, dann fehlt es uns eben noch an jenem Tiefsten, Innerlichsten, wir haben in unserer Seele noch nicht ganz Ernst gemacht mit Gott. Was unsere Zeit, was die heutige Menschheit vor Allem braucht, das sind Menschen, die mit Gott auf der ganzen Linie ganzen Ernst machen. Wenn wir das einmal tun werden, dann bringt uns die Frage: was werden wir essen? was werden wir trinken? keinen Zweifel und keine Störungen mehr.

Aber da sind noch andere Fragen, die uns stören und zweifelhaft machen können in der Losung: Gott über Alles! Da ist das natürliche Verlangen nach Lebensfreude, das in uns allen lebt. Wir wünschen uns zwischen der Arbeit etwas, was uns zerstreut und Erholung gibt, der eine so und der andere anders, jeder nach seinem Charakter. Der jüngere Mensch vor Allem verlangt danach, auch einmal lustig zu sein. Zweifellos, daß das eine ungeheuere Gefahr für uns bedeutet, dieses Verlangen. Da rückt so leicht das Reich Gottes von der ersten wieder an die zweite Stelle in unserem inneren Leben. Da kommt es so leicht, sogar bei eifrigen Christen, in christlichen Vereinen z. B., zu der kleinen Heuchelei, daß man meint, Gott über Alles zu setzen, und in Wirklichkeit sich amüsiert, wie alle Welt auch, nur vielleicht auf eine besondere Weise. Da wird dann das Leben zu einem oberflächlich tändelnden Spiel, zu einer ewigen Jagd nach neuen Abwechslungen, und wie oft |251 endet es noch schlimmer! Wir wissen alle Beispiele genug davon. Aber wie soll es anders werden? Wie können wir uns unseres Lebens freuen und doch frei bleiben von der Gefahr, die in der Lebensfreude schlummert? Wiederum antwortet uns Jesus: trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, so wird euch solches alles zufallen! Werdet Gottes gehorsame Kinder, dann werdet ihr echte, wirkliche Freude erleben. Wir können es. Denn auch die Freude ist ursprünglich aus Gott. Gott hat alles das geschaffen, was uns zur Freude rufen kann: die Jugend, die Natur, die Kameradschaft, Alles, was heiter und sonnig ist und stark macht. Wir dürfen genießen, o ja.

Wiederum sind es wir Menschen, die uns das Genießen selber verderben, die wir die Lebensfreude uns selbst zu einer Gefahr gemacht haben. Unser gegenwärtiges Menschengeschlecht hat sich auch in dieser Hinsicht besonders weit entfernt von dem, was natürlich und vernünftig wäre. Tut eure Zeitung auf und seht, wie massenhaft das ganze Vergnügungswesen heutzutage geworden ist, wie krampfhaft die Sucht, immer Neues zu suchen und anzubieten, wie furchtbar oberflächlich und töricht ein großer, der größte Teil dieser Vergnügungen. Das hängt aufs engste mit jenem Grundübel unserer Zeit zusammen: es wird eben auch aus der menschlichen Genußsucht aufs mannigfaltigste Profit geschlagen, und darum muß sie immer aufs neue gekitzelt und geweckt werden. Wie schwer uns das schadet, brauche ich nicht zu beschreiben. Das brauchen wir gerade noch, wir nervösen Menschen von heutzutage, daß auch unsere Erholung noch zu einer solchen Hetze von allen möglichen Anregungen und Aufregungen werde, wie es tatsächlich weithin der Fall ist. Wie kommen wir los von dieser selbstgeschaffenen Gefahr? Moral predigen hat da gar keinen Wert, das hat man oft genug getan, und immer wieder mit dem gleichen Erfolg. Von der Vergnügungssucht unserer Zeit wird nur der frei, die echte, tiefe Lebensfreude findet nur der, der nach dem Reiche Gottes trachtet. … so wird euch solches alles zufallen — auch die Freude, auch das Vergnügen. Jawohl, wir sollen und dürfen uns freuen. Aber wenn wir Gott haben, Gott gehorsam sind, |252 dann ist es uns von vornherein unmöglich, den Taumel mitzumachen, der für so Viele Freude heißt. Dann lehnen wir von vornherein gewisse Oberflächlichkeiten und Torheiten ab. Wir kennen dann Größeres, Besseres. Wir werden dann von selbst auf die Freuden geraten, die edel sind, rein und fördernd, auf die Freuden, die uns stark und besser machen, auf die Freuden, die bleiben, auch wenn sie vorüber sind. Wir werden dann finden, daß die echte Freude nicht etwas ist, was wir außer uns suchen müssen, wenn wir auch dankbar sind für Alles, was Natur und Menschen uns bieten können. Wir werden die tiefste Freude entdecken, die in uns ist und mit uns geht, auch wenn der Himmel wieder trüb geworden ist. Trachtet nach dem Reiche Gottes! Dann wird euch die Freude sicher nicht zu einer Gefahr, dann könnt ihr dankbar genießen, was diese schöne Welt uns bietet, dann könnt ihr getrost einmal vergnügt sein neben dem grauen Alltag, habt keine Angst, ihr dürft. Das ist das Wunderbare: wer nach Gott trachtet, der darf, es tut ihm nichts, er vermeidet von vornherein, was nicht recht ist. Er versteht die schwere Kunst, fröhlich zu sein. Jesus sagt uns nicht: tut dieses und laßt jenes! Er hält uns keine Moralpredigt über erlaubte und unerlaubte, nützliche und gefährliche Vergnügungen. Jesus sagt einfach: trachtet nach dem Reiche Gottes, so wird Alles in Ordnung sein!

Wir könnten auch die Frage nennen, wie wir unter unseren Mitmenschen etwas sein und gelten können. Sie beschäftigt uns alle. Sie lenkt Manche von uns vom geraden, königlichen Wege ab. Es meint Mancher von uns, er wäre nicht mehr, was er ist unter den Anderen, er komme in Anfechtungen und Unannehmlichkeiten hinein, wenn er diesen königlichen Weg gehe. Und wurde dann so abhängig, so unfrei, so charakterlos. O wie schade, wie verkehrt richten wir doch oft unser Leben ein, gerade wenn wir am klügsten zu sein meinen! Du möchtest gern etwas sein unter den Anderen, einen guten Ruf haben, geliebt und gelobt werden. Schön, warum nicht? Auch dieses Verlangen kommt ursprünglich von Gott. Gott hat uns ja in der Tat unsere Mitmenschen gegeben zu Beispielen, zu Wächtern und Führern, auf die wir sehen, auf |253 deren Rat wir hören sollen. Aber seht, da haben wir wieder etwas verdreht, wir Menschen. Statt auf die anderen Menschen zu sehen und zu hören, machen wir uns selbst zu ihren Sklaven. Statt von jedem das zu lernen, was das Beste an ihm ist, und dann frei und stolz unseren eigenen Weg zu gehen, drücken wir uns vor Allem, achten vor allem darauf, nirgends anzustoßen, und gehen dann schließlich auf der großen Heerstraße, auf der Tausende schlendern, aber nicht zu einem guten Ziel. Wie solls anders werden mit uns? Wie können wir in ein rechtes, erfreuliches Verhältnis kommen zu den Anderen und doch frei bleiben von der Charakterlosigkeit, von der schwachen, trägen Abhängigkeit? Ja, da kann man wohl auch sagen: sei zu stolz, um ein solches Herdentier zu sein! Wage es, deinen eigenen Weg zu gehen! Aber was es eigentlich dazu braucht, das liegt doch tiefer. Was es braucht zur rechten Freude mit den Menschen und zu der rechten Freiheit von ihnen, das ist wiederum, daß wir Gott einmal ganz gehorsam werden. Wer mit Gott eins ist, der wird freilich nicht jedermanns Freund sein, aber er für sich bekommt die große Fähigkeit, jedermann als seinen Freund anzusehen und zu behandeln, bei jedem nach dem zu spähen, was etwa an ihm zu lernen wäre, und bei jedem danach, worin er ihm etwa helfen könnte. Es gibt Menschen, die das können, und das ist eins der wichtigsten Stücke der großen Kunst zu leben. Man kommt aber nicht anders dazu, als wenn man in sich die große Freude, die große Einheit hat, die man nur in der Gemeinschaft mit Gott findet. Wenn man so recht friedlich und freundlich gesinnt ist gegen Alle, dann hat man auch die rechte Freiheit ihnen gegenüber. Die friedlichsten Menschen sind auch immer die selbständigsten gewesen. Wohl uns, wenn wir das Beides am rechten Ort suchen. Wenn wir nach dem Reiche Gottes trachten, dann fällt es uns von selbst zu.

Das und so unendlich viel Anderes. Wir können heute unmöglich all die Lebensprobleme beschreiben, die da ihre Lösung finden würden, wenn wir jenen großen Vorsatz gefaßt hätten. Bloß andeuten wollte ich es in einigen wichtigen Punkten: es würde Alles, Alles in unserem Leben in Ordnung kommen, im |254 Großen wie im Kleinen, wenn jene Voraussetzung erfüllt wäre, wenn wir mit Gott Ernst machen würden, statt ihn so halb und halb als einen Schein zu betrachten. Wir dürfen uns darauf verlassen: es stimmt auch in den übrigen Punkten. Wir können den Versuch wagen, wo wir wollen, wir werden überall die gleiche Erfahrung machen: es fällt uns Alles zu, wir finden Alles, was wir nötig haben, wenn …

O dieses «wenn»! Wenn dieses Wörtlein «wenn» nicht wäre! Erscheint euch wieder Manches unglaublich, schwer möglich von dem, was ich gesagt habe? Vertraut ihr nicht darauf, daß wirklich Alles in unserem Leben, Alles gut sein würde, wenn wir nach Gottes Reich trachten würden? Ja zweifelt nur! Ja schüttelt nur den Kopf! ich zweifle auch! mir kommt es auch unglaublich vor — aber nicht, weil ich der Verheißung Gottes nicht traue, nicht, weil ich die Hoffnung, die auf dem Gehorsam gegen ihn sich gründet, für unsicher halte. O nein, der Glaube, wo er ist, kann Berge versetzen [vgl. Mk. 11,23], und er tut es. Aber das wenn, aber die Voraussetzung, die wir da immer gemacht haben, das völlige, radikale Ernstmachen mit Gott, zu dem wir kommen sollten! Ja, da kann man wohl zweifeln und den Kopf schütteln — über uns selbst. Laßt uns Gott bitten, daß er uns über diese einzige Ursache aller Zweifel einmal hinweghelfe, daß er jenes «wenn» in ein «denn» verwandle. Wie kommen wir dazu? Nun müßten wir unsere Predigten über diesen wundervollen Text von vorne anfangen. Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen! Gott öffne uns die Augen für das Eine, in dem Alles beschlossen [ist] fürs Leben und fürs Sterben. Und für den Einen, Jesus Christus, der uns zu dem Einen hinführt. Wie sollte uns Gott in ihm nicht alles schenken [Röm. 8,32]?

Amen.

Sachfußnoten

1
Lied 52 (EKG 368): «Der Mond ist aufgegangen …» von M. Claudius (1740–1815), Schluß der 4. Strophe. 🎵↩
2
Zu seiner Sache sehen = sich um seinen Besitz, um dessen Erhaltung und Vermehrung, kümmern.↩