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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Genesis 28,10-19 (Himmelfahrt)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Genesis 28,10-19 (Himmelfahrt), 21. Mai 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5025 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 255–264.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Genesis 28,10-19 (Himmelfahrt)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 221</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Gen 28,10-19 (Himmelfahrt), 21. Mai 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1663">KBA 1199</ref>. </bibl>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.28.10 Gen.28.19">1. Mose 28,10–19</ref>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
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        <p>Da wandert der junge <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName></hi> durch das fremde Land. Ein trauriges, unfreiwilliges Wandern. Sein eigener Bruder <persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName> steht ihm ja voll Eifersucht nach dem Leben. Und darum hat er das Elternhaus, wo es ihm so gut ging, verlassen müssen in heimlicher Flucht. Die Angst hat er mit sich genommen, wie das noch werden soll mit der Rache des Bruders, und dann überhaupt die Ungewißheit über seine Zukunft. Unheimlich und fremd erscheint ihm die Gegend, durch die er jetzt zieht, obwohl sie ein wahrer Gottesgarten ist, so lieblich, so fruchtbar und reich, kalt und feindselig die Menschen, obwohl sie ihm nichts zuleide tun, düster und beängstigend auch die hereinbrechende Nacht, deren freundliches Dunkel ihm doch Ruhe und Frieden bringen könnte. Der Arme, er kann die Dinge nicht mehr ansehen so, wie sie in Wirklichkeit sind, Alles hat für ihn ein anderes Gesicht bekommen. Überall nur Unbegreifliches, Widriges, Gefahrdrohendes! Kann man sich etwas Freudigeres, Schöneres denken als einen jungen Menschen, der zum ersten Mal selbständig ins Leben hinauszieht? Ja, aber der Auszug des jungen <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> hatte nichts Freudiges an sich. Statt Freude und Zuversicht von vornherein Müdigkeit und Unruhe, wie wenn man an die Arbeit soll und vom vorhergehenden Tag her noch erschöpft ist. Er schleppte eine Last mit sich, es lag ein Druck auf seiner Seele, darum war Alles so anders für ihn, als es hätte sein müssen. Er konnte nicht ruhig zurückdenken an die letzte Zeit im Vaterhause. <persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName> tat ihm Unrecht, gewiß, aber wer hatte zuerst Unrecht getan? wer hatte dem bösen Rat der Mutter nachgegeben, wer den alten Vater betrogen? wer den Bruder durch gemeine List um sein Recht gebracht [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.27">Gen. 27</ref>]? O, ein ganzes Gewirr von eigenen und fremden Fehlern und Irrtümern trat dem <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> vor Augen, wenn er an die Ereignisse der letzten Zeit <pb xml:id="p256" ed="pga"/> dachte. Er hatte zum ersten Mal gegessen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.17">Gen. 2,17</ref>], er hatte zum ersten Mal das Leben kennengelernt, nicht von Weitem, sondern ganz aus der Nähe, er hatte zum ersten Mal entdeckt, was die Schuld ist und was sie für Folgen hat, wie sie die Menschen unglücklich macht, sie auseinander und gegeneinander bringt: er hatte nun selbst sein Stück daran zu tragen: diese Unbefriedigtheit, diese Angst, diese Unsicherheit, mit der er nun in die Zukunft ging — ja, das konnte keine fröhliche Wanderschaft sein, da mußte er wohl verschlossen sein für alles Freudige und Schöne, was ihm begegnete, da mußte er Alles grau in grau sehen. Seine Seele war krank, darum waren seine Augen verschlossen, darum waren seine Füße so matt, darum war sein ganzes Sinnen und Denken so unfreudig, darum war er ein verschüchterter, trauriger Fremdling in dieser schönen Welt.</p>
        <p>Ein rechtes <hi rend="italic">Menschenschicksal</hi>, liebe Freunde, uns allen nur zu wohl bekannt. Das ist der Mensch, der durch die schöne Welt zieht wie durch ein fremdes Land, wo es doch so ganz anders sein könnte. Es fehlt uns an nichts, und es fehlt uns doch gerade an Allem. Wir haben die Natur mit ihrer Frühlings- und Sommerpracht, mit all ihrer Majestät und ihren duftigen Schönheiten — aber warum ist all der Jubel und all die Größe, all das Singen und Klingen nur da draußen statt auch da drinnen? Wir fühlen uns als Menschen zum Höchsten bestimmt, wir ahnen etwas von ewigen Gedanken, die hinter unserem Leben verborgen sind, unser lebendiger Geist verheißt uns, daß wir zu Besserem, zum Besten geboren sind — aber warum können wir uns so wenig daran erfreuen und aufrichten, wie kommt es, daß uns diese Tatsache so wenig Trost und Kraft verleiht? Wir haben jedes seinen Lebenskreis von Pflichten und Aufgaben und auch von Freuden — wahrhaftig auch daran fehlt es keinem Menschen ganz —, aber sieh einmal, wie die allermeisten Menschen bereit sind, nur immer gerade das Harte und Schwierige in ihrer besonderen Lage zu empfinden, jedenfalls nur davon zu reden; warum ist es so? warum gibt es so viele Menschen, die Alles mit verdunkelten Gläsern anschauen? warum so viele Verdrossene, Unzufriedene, Hoffnungs<pb xml:id="p257" ed="pga" break="no"/>lose?, während doch das Leben eine so reiche Gelegenheit sein könnte, tapfer und zuversichtlich und damit siegreich und selig zu werden? Da sind unsere Mitmenschen, aber nicht wahr, sie gefallen uns meistens nicht oder nur sehr wenig, wir haben fast über Alle sehr viel zu sagen und zu klagen, wir meinen, daß doch nur trübe, enttäuschende Erfahrungen mit ihnen zu machen seien — wieder etwas, was doch durchaus nicht notwendig so sein müßte. Überhaupt, wie könnte doch das Zusammenleben der Menschen so etwas ganz Anderes sein! Wenn wir zusammenhalten und zusammenstehen würden, die Völker und die Einzelnen, was könnte da aus der Menschheit werden, wie könnte sie da gemeinsam arbeiten an immer höherem Fortschritt in Allem, was neu und gut ist und edel, wie würden da ganz von selbst alle Kräfte sich entfalten und doch auch das Schwächste sein Plätzlein an der Sonne bekommen! Der wunderbarste lebendige Organismus könnte die Menschheit sein, — stattdessen verzehrt sie ihre Kräfte durch gegenseitige Bekämpfung, Krieg und Konkurrenz und Ausbeutung, das ist das Zusammenleben der Menschen. Es könnte ganz anders sein. Und so gehen wir unbefriedigt und unsicher unseren Weg. Das Leben hält uns nicht, was es uns verspricht. Die Welt im Großen und im Kleinen ist nicht, was sie uns sein könnte. Das ist unser Schicksal, daß das Alles so ist, sagen die Oberflächlichen.</p>
        <p>Nein, das ist nicht unser Schicksal, das ist unsere <hi rend="italic">Schuld</hi>. Wenn wir uns so fremd und traurig vorkommen in dieser schönen Welt, dann müssen wir uns, wenn wir ehrlich sind, sagen: da ist gefehlt worden, von uns selbst, von Anderen, von uns allen zusammen, manchmal seit Jahrtausenden, manchmal erst seit gestern. Immer aber ist das, was uns drückt, was uns das Leben verdirbt, etwas, was wir Menschen uns selbst aufgeladen haben. Da mag ein jeder von uns rückwärts blicken in seine Vergangenheit und sich fragen: warum bin ich nicht fröhlicher, glücklicher, sicherer, warum spüre ich nicht mehr Ewigkeitslicht und Ewigkeitskraft in mir, und er wird sich antworten müssen: dort und dort habe ich meine Zeit verloren oder meine Reinheit oder meine Ehrlichkeit, dort habe ich gegen meine Überzeugung gehandelt und dort gegen die <milestone xml:id="m17" unit="page"/> 
               <pb xml:id="p258" ed="pga"/> Liebe. Und von da ab war kein Segen mehr in meinem Leben. Wir spüren dann freilich, wie auch Andere an unserer Schuld beteiligt sind, unsere Vorfahren vielleicht, deren Fehler uns im Blut liegen, unsere Eltern, die in der Erziehung, die sie uns angedeihen ließen, gefehlt haben mögen, Menschen, die uns in Versuchung führten durch ihr schlechtes Beispiel oder dadurch, daß sie uns Unrecht taten und so das Böse in uns weckten. Und je tiefer wir nachdenken, desto deutlicher sehen wir, daß die meiste Schuld etwas Gemeinsames ist, daß wir für viel mehr verantwortlich sind, als wir zuerst denken. Wir spüren, wie wir gegenseitig verkettet sind mit unseren Fehlern und Irrtümern, wie wir uns gegenseitig irreführen mit unserem Trotz und unserer Selbstsucht, wie wir dann trotz dieser Einigkeit einander immer wieder weh tun, die Einigkeit im Bösen kann ja nur Böses erzeugen, und wie so die Schuld beständig vermehrt und fortgepflanzt wird. Das ist der große Druck, unter dem wir stehen, das ists, was uns nie so ganz fröhlich aufatmen läßt, wir tragen eine Schuld mit uns herum, wir alle, wir sind abgewichen und sind nicht wert, Gottes Kinder zu heißen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.21">Lk. 15,21</ref>]. Das rächt sich. Das ist wie ein Gifttropfen in unserem Blut. Das hindert uns beständig, die Einzelnen und die Gesamtheit, zu werden und zu sein, wozu wir eigentlich bestimmt wären. Darum müssen wir so oft seufzen über unser Leben. Darum kommt uns die Welt so oft so fremd vor, die uns doch eine Heimat sein sollte, sie ist ja Gottes Welt.</p>
        <p>Aber mitten hinein in diese traurige Wanderschaft ergeht an uns die Botschaft: Siehe, ich mache Alles neu [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.5">Apk. 21,5</ref>]! <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName></hi> durfte im Traum die <hi rend="italic">Himmelsleiter</hi> sehen, an der die Engel Gottes auf und nieder stiegen. Wie ist denn das, wenn Gott eingreift in unser Menschenschicksal, in dieses unser bekanntes, ungenügendes, unbefriedigendes Leben? Das geschieht dadurch, daß wir auf irgend eine Weise zu spüren bekommen: es gibt ein Erbarmen, das größer ist als die größte menschliche Schuld, es gibt eine erlösende Macht, die stärker ist als die stärkste Kette menschlicher Fehler und Irrtümer, es gibt ein Licht, das kann alle Dunkelheit, die über meinem Leben lagert, vertreiben. Gott sagt uns: ihr dürft trotz eurer <pb xml:id="p259" ed="pga"/> Schuld das werden, wozu ihr bestimmt seid! ihr dürft meine Kinder sein, trotzdem ihr es nicht wert seid, ich will euch liebhaben, trotzdem ihr mir entlaufen seid. Wer ist denn «Gott», der uns das Alles sagt? Gott ist der Höchste und Beste, den wir immer ahnen und dem wir doch mit unseren Gedanken und noch mehr mit unserem Leben immer so fern bleiben. Gott ist alles das, was uns fehlt, die Liebe, die Wahrheit, die Güte, die Ordnung. Gott ist alles Heilige und Hohe, von dem wir uns durch unsere Schuld abgewendet haben. Und nun sagt uns dieser Gott: es soll nicht dabei bleiben, daß ich euch fehle, ich komme zu euch, ich will mit euch in Verbindung bleiben oder aufs neue in Verbindung treten, nachdem ihr sie zerrissen habt. Dem <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> erschien im Traum die Leiter mit den Engeln Gottes, von der Erde bis zum Himmel, zuoberst Gott selber, denkt, Gott selber, der mit ihm redet. Gott sagt ihm: die Schuld, die auf dir liegt, soll dich nicht scheiden vom Himmel, von dem, was frei und schön und hoch ist, von einem freudigen glücklichen Leben, sie soll dich nicht von mir scheiden. Es führt ein Weg von dir zu mir und von mir zu dir. Sieh da, wie ich dich so liebhabe! Siehe, ich mache Alles neu!</p>
        <p>Die gleiche Verheißung, liebe Freunde, hat <hi rend="italic">uns</hi> Gott in <hi rend="italic">Jesus Christus</hi> gegeben. Wir denken heute, am Tage der Himmelfahrt, zurück an die Osterzeit und an die Erfahrungen der Apostel und Jünger, an die sie uns erinnert. In der Osterzeit war ihnen unumstößlich gewiß geworden, daß Jesus ihnen zum Heiland und Erlöser von Gott her gegeben worden sei. In einer Reihe von gewaltigen inneren Erlebnissen wurden da alle ihre Bedenken, Zweifel und Sorgen, die der Kreuzestod ihres Meisters in ihnen wachgerufen, überwunden, sie lernten begreifen, daß Alles so hatte kommen müssen, daß dieser Kreuzestod nicht das schmähliche Ende, sondern die höchste Entfaltung der göttlichen Offenbarung gewesen. Klar stand es jetzt vor ihren Augen, daß dieser Mensch, der sie seine Brüder und Freunde genannt, wahrhaftig in Gott gelebt hatte und Gott in ihm. Wer aber in Gott lebt und Gott in ihm, der lebt, ob er gleich stürbe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.11.25">Joh. 11,25</ref>]. Über den kann der Tod keine Macht haben. Die Schranke, die Kreuz und Grab, <pb xml:id="p260" ed="pga"/> die ihre eigene Verblendung und Sünde, die die Schuld der ganzen Menschheit zwischen ihnen und Gott aufgerichtet, sie brach zusammen. Sie wurden dessen völlig gewiß, daß nichts mehr sie scheiden könne von dem Reichtum der Liebe Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.35">Röm. 8,35</ref>], der ihnen in ihrem Meister erschienen war. Sie wurden dessen völlig gewiß, daß ihnen wahrhaftig in Christus ein neues Leben geschenkt sei, und sie fühlten es schon in seiner ganzen Fülle in allen Gliedern. Sie wurden dessen völlig gewiß, daß er lebte und bei ihnen sein wollte alle Tage bis an der Welt Ende [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.20">Mt. 28,20</ref>]. Was sie auf dem <placeName ref="kbga-places-950">Ölberg</placeName> erlebt haben [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1.4 Apk.1.11">Apk. 1,4–11</ref>], war von all diesen großen Erfahrungen nur der Höhepunkt, da wurde es in ihnen ganz hell für immer: Gott war in Christus [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.19">2.Kor. 5,19</ref>], und Christus ist nun bei Gott, wie er es immer gewesen ist. Jetzt heißt es, ihm nachfolgen im Glauben, in der Liebe, in der Hoffnung, damit Gottes großes Geschenk an uns nicht umsonst gewesen sei. Jetzt heißt es, auch Anderen von ihm zeugen, auch Andere zu ihm hinführen und in die Lebensgemeinschaft mit ihm, alle Völker, alle Geschlechter, damit Alle des Segens teilhaftig werden, der von ihm ausgegangen ist und den wir empfangen haben. Gott will ja, daß allen Menschen geholfen werde [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.2.4">1.Tim. 2,4</ref>]. Seht, meine Freunde, so ist die Botschaft vom lebendigen Christus und von all den göttlichen Kräften seiner Person auch auf uns gekommen. Und diese Botschaft heißt mit anderen Worten: Siehe, ich mache Alles neu! Sie bringt uns dasselbe, was der Traum von der Himmelsleiter dem <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> brachte, nur viel klarer, reiner, vollständiger. Sie sagt uns: Gott hat Erbarmen mit uns, und sein Erbarmen ist größer als alle unsere Schuld. Sie sagt uns: Gott will uns erlösen, und er tut es und kann es tun. Sie sagt uns: Gott will trotz Allem und Allen die Verbindung zwischen ihm und uns nicht aufgeben, wir dürfen und sollen seine lieben Kinder sein.</p>
        <p>Denn Jesus Christus war ein Mensch ganz anders als wir. Er war fröhlich, wo wir sorgenvoll und unzufrieden sind. Er war frei, wo wir gedrückt und müde gehen. Er wanderte durch die Welt als durch ein Land Gottes, wo wir uns so fremd und unheimlich <pb xml:id="p261" ed="pga"/> fühlen. Und er konnte das, weil er von der Schuld, die uns drückt, frei war. Wir sehen ihn mitten in der Menschheit drinstehen, aber ohne daß er die schwer verkettete Last eigener und fremder Fehler mitzutragen hatte. Wir sehen in seinem Leben keinen jener dunklen Punkte, die bei Keinem von uns fehlen, keine jener Schäden, die dann verhängnisvoll weitergewirkt hätten. Aber auch die Sünde der Anderen kann ihn nicht beeinflussen und anstecken. Er ist gewappnet gegen das böse Beispiel und gegen das Unrecht, das ihm angetan wird. Er lebt beständig aus Gott und darum beständig in Frieden mit sich selbst und mit den Menschen. Es wird wohl an ihm gesündigt, aber er selber sündigt nicht. Leidenschaft und Torheit schäumen um ihn her auf wie noch um keinen Menschen, aber seine Seele wird davon nicht überflutet. Wie ein Kind geht er durch die Welt, unberührt, unerfahren, fremd — nein, <hi rend="italic">er</hi> ist wirklich zu Hause in der Welt, er nimmt das Leben so, wie es wirklich ist, während alle Anderen verblendet und gestört sind durch die Schuld, die sie mit sich herumtragen. Er hat Alles, weil er das Eine hat, die ununterbrochene Gemeinschaft mit Gott. So steht er einzigartig da in der Menschheit. Staunend müssen wir uns gestehen, daß da etwas Neues vor unseren Augen auftaucht, ein Leben frei von dem alten Fluch, der auf allem Menschlichen zu liegen scheint. Sollte dieses Neue nicht auch mitten in unserem traurigen, unbefriedigenden Dasein eine Stätte finden? Sollte nicht eine Wendung möglich sein in unserem Leben, eine Wendung zur Freiheit von dem Allen, was uns bedrückt? Sollte es nicht möglich sein, die Kette zu zerreißen, die Last abzuwerfen, ein glücklicher, starker, seliger Mensch zu werden? Soll die Menschheit nur immer fortleben in Nacht und Elend, sich gegenseitig herunterziehen und untenhalten, sich gegenseitig plagen und unglücklich machen? Soll das das letzte Wort sein, daß die Schuld, die Abweichung von Gott da ist und da bleiben wird, daß die Menschen nie Andere sein werden?</p>
        <p>Gott gibt uns die Antwort: es soll nicht so sein: das Neue, das wir im Leben Jesu aufleuchten sehen, soll wirklich und bleibend uns geschenkt sein. Es ist zugleich eine Verheißung und eine Gabe <pb xml:id="p262" ed="pga"/> für Alle, die es sehen und annehmen wollen. Ostern und Himmelfahrt stellen uns die Frage, ob wir es auch sehen und annehmen wollen, wie es die Apostel und Jünger der ersten Zeit getan haben. Wollen wir die Achseln zucken und das Licht, das da in unser Leben, in unsere Welt hineinfällt, als einen schönen Traum ansehen? O ja, wir können es, wir haben die Freiheit, uns nicht helfen zu lassen, die selbst auferlegte Last unserer Schuld weiter zu schleppen. Ist sie uns so lieb? Sieh da, die offene Pforte des Himmels zu einem anderen, besseren Leben. Wohl allen denen, die, wenn sie Jesus einmal kennengelernt, spüren: das brauche ich, und dafür will ich dankbar sein, was der mir zu bieten hat. Gewißlich ist der Herr an diesem Ort, und ich wußte es nicht!</p>
        <p>Seht, wie die Wanderschaft des <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> nun eine so ganz andere geworden ist. Eine <hi rend="italic">Verheißung</hi> hat er bekommen, und zur <hi rend="italic">Heimat</hi> ist ihm das fremde Land geworden auf einmal: das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinem Samen geben. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land!, so redet Gott mit ihm. Das ist ein anderes Wandern fortan. Nun kann er aufatmen, nun kann er jugendfrisch und zuversichtlich ins Leben hineinziehen. Wie ists mit der bösen Geschichte, die ihn von zu Hause vertrieben? Ja, sie ist und bleibt böse, und <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> wird nie anders als mit Beschämung daran zurückdenken, aber Gott sei Dank, sie liegt nun dahinten, sie hat keine Kraft mehr, sie darf ihn nicht mehr verfolgen und beschweren. Sie ist gesühnt, Gott selber hat sie durchgestrichen, indem er etwas Neues in seiner Seele hat entstehen lassen, indem er selber mit seiner Liebe und Güte wieder bei ihm eingezogen ist. Ja, vielleicht wird <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> eines Tages dankbar auch an diese böse, beschämende Erfahrung zurückdenken: Gott sei Dank, auch dafür, daß er mich hat fallen lassen, daß ich in meiner Unruhe und Schande gelernt habe, nach ihm zu verlangen aus ganzem Herzen.</p>
        <p>Und wie die Vergangenheit, so bekommt auch die Gegenwart ein anderes Gesicht: Was bekümmert ihn die finstere Nacht, der unbekannte Ort, das harte Lager? <placeName ref="kbga-places-951">Beth-El</placeName>, Gotteshaus, nennt er <pb xml:id="p263" ed="pga"/> die Stelle, ist es ihm doch hier klar geworden, daß Gott auf der Erde wohnt, auf dieser ihm vormals so fremden und unheimlichen Erde. Hier ist die Pforte des Himmels!, ruft er aus. O wenn ein Mensch dahin einmal gekommen ist in seinem inneren Leben, daß er einsieht: hier, jetzt habe ich gefunden, was mich frei macht, was mich heraushebt aus dem, was mich dumpf und verworren machen wollte, was mich herunterzog, aus der Verstrickung der Torheit und des Bösen, wenn er dahin gekommen ist, dann gehen ihm die Augen weit auf. Dann weiß er die Stunden und Tage auf einmal zu schätzen und zu brauchen, die er vorher gleichgültig vertrödelte, dann erkennt er auf einmal all das Gute und Schöne, das das Leben um ihn ausgebreitet, dann lebt er freudig in der Gegenwart, sein Leben wird ihm, und wenn es noch so bescheiden und vielleicht noch so schwer wäre, zum Beth-El, zum Gotteshaus.</p>
        <p>Anders wird dann auch seine Zukunft. <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> war nicht am Ziel, sondern am Anfang seiner Wanderschaft. Er war nicht damit schon im Himmel, daß er von der Himmelsleiter geträumt, die Pforte des Himmels gesehen hatte. Nun mußte er durch ein neues, besseres Leben bewähren, was er empfangen hatte. Aber zuversichtlich konnte er nun in diese Zukunft hineingehen. Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst! Sein göttliches Ziel stand ihm vor Augen, und die göttliche Macht, die ihm geschenkt worden, stand hinter ihm. «Ich will dich nicht lassen, bis daß ich tue Alles, was ich zu dir geredet habe.» Ja, was wollte er denn mehr für seine Zukunft?</p>
        <p>Seht, gerade das ists, was uns geschenkt wird für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wenn wir die Botschaft von Jesus hören und aufnehmen. Frei werden sollen wir, wir, die Einzelnen und die ganze Menschheit, vom Fluch der Vergangenheit, von all dem, was gesündigt worden ist und was uns verfolgt. Die Pforte des Himmels soll uns aufgetan werden, wir sollen mitten in unserem Leben die Quellen aufbrechen sehen, deren Wasser uns gesund und selig macht, die jedem zugänglich sind, den dürstet und der kommen will. Und freudigen Mutes sollen wir einen <pb xml:id="p264" ed="pga"/> neuen Acker pflügen dürfen — im Schweiße unseres Angesichts, ja, aber fröhlich in der Hoffnung auf reiche Früchte. Das sagt uns die Himmelfahrt. Sie redet uns von der Gemeinschaft mit Gott, von der Gemeinschaft des Friedens und der Freude, in die wir aufgenommen sein dürfen, sobald wir wollen. Sie redet uns von dem Höhenweg, den wir gehen dürfen, und ladet uns ein, ihn zu gehen. Sie redet uns von Gottes herablassendem Erbarmen gegen uns und von der Vollkommenheit, zu der er uns durch seine Güte führen will. Noch ist nicht erschienen, was wir sein werden [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.2">1.Joh. 3,2</ref>], aber wir haben die Verheißung, und wir glauben ihr, daß eine unermeßliche, herrliche Zukunft vor uns liegt.</p>
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          <salute>Amen.</salute>
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