Predigt: Matthäus 6,33 (III)
Wenn wir dieses Wort Jesu recht verstehen wollen in seinem ganzen Ernst und in seiner
ganzen Herrlichkeit, dann müssen wir jetzt vor Allem darauf achten, was in der
Bergpredigt unmittelbar vorher zu lesen ist. Da heißt es: ihr sollt nicht sorgen und
sagen: was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden
[
Zwei Welten stoßen da gewaltig aneinander: Hier die Welt Gottes, die Welt des Ewigen, nur dem wachen Auge sichtbar, nur für lebendige Geister erreichbar, die Welt der Freiheit und der Wahrheit, der Güte und Liebe, ein Reich der Phantasie für den, der sie nicht kennt, eine lächerliche Einbildung für den, der sie nicht kennen will, das ewige wahrhaftige Leben für den, der sie einmal von Ferne gesehen. Auf der anderen Seite die Welt der Menschen, unsere Welt. Da scheint Alles natürlich und handgreiflich, man ißt, man trinkt, man besitzt, man freut sich, man trauert, man lebt und läßt leben. Für Viele die einzige wahre Welt, in der sie sich so wohl und zu Hause fühlen, wenigstens lange Zeit, wie der Fisch im Wasser. Für viele Andere freilich, nein, im Grunde für Alle, ein fremdes Land, in dem sie auf die Dauer nicht glücklich sein können. Das sind die beiden Welten, die da gegeneinander stoßen. In unserer Seele treffen sie sich. In unserer Seele muß es zu einer Entscheidung kommen. Wenn du jetzt etwas in dir spürst, das dich zieht, nach dieser Seite und nach jener, wenn du es jetzt hörst von der einen Seite: trachtet nach dem, was etwas einbringt, nach dem, was den Leuten gefällt, nach dem, was euch Freude macht, trachtet nach Wohlsein, Behaglichkeit und Zufriedenheit! und von der anderen Seite: trachtet nach dem Reiche Gottes! kehret heim und werdet gehorsame Kinder dessen, der größer, reiner, heiliger ist als diese Welt und ihre Bedürfnisse und Gewohnheiten — wenn du etwas weißt von diesem Gegensatz, dann kennst du auch die Entscheidung zwischen den beiden Welten, die in deiner Seele fallen muß. Jesu Wort sollte uns heute aufrütteln bis in die Tiefe unseres Wesens. Spüren sollten wir, daß es gilt, zu diesen zwei Welten eine klare Stellung einzunehmen. Nicht bloß betrachten wollen wir die beiden, unser |234 Wille muß sich bewegen. Nicht bloß zusehen und uns wundern wollen wir, wie da Gott an uns herankommt und da all die anderen Dinge und wollen uns in Anspruch nehmen und in ihren Dienst stellen, wir wollen uns besinnen und entschließen, was denn nun gehen soll bei uns, was gelten soll in unserem Herzen und Gewissen. Wir fehlen viel darin, daß wir die großen Lebensfragen oft so lange ruhen lassen, sie immer wieder auf die Seite stellen und auf später verschieben, statt sie eben einmal resolut ins Auge zu fassen und eine Entscheidung zu treffen.
Wie wollen wir es nun halten? Wir können fröhlich, entschieden und ehrlich sagen: die Welt der Menschen, unsere Welt, das ist die wahre Welt, die geht voran, die Welt Gottes mag hintendrein kommen, wenn für sie überhaupt noch Platz ist, wenn wir sie nicht lieber den Pfarrern und den frommen Leuten überlassen wollen, die sich dafür interessieren und die dafür Zeit haben. Zuerst das Trachten nach Verdienst, Gesundheit, Freude, behaglichem Leben und Respekt bei den Leuten, dann eventuell noch ein bißchen Trachten nach dem Reiche Gottes. Fröhlich, entschieden und ehrlich so!, sage ich. Aber wer redet so? Wer hält es wirklich und offen so? Unter tausend Menschen gewiß nicht einer. Wenn ich euch alle, die in dieser Kirche anwesend sind, jetzt einzeln fragen würde: wie hältst dus? wie ist dirs zumute? ich bin gewiß, es wäre kein Einziger, der ganz klar antworten würde: zuerst die anderen menschlichen, irdischen Sachen, dann die Sache Gottes. Zum Glück können wir gar nicht so antworten, wir spüren Alle zu deutlich, wie verkehrt das wäre. Aber wir haben keinen Grund, uns deshalb zu rühmen. Denn so verkehrt es ist, wir halten es tatsächlich in unzähligen Fällen so: zuerst unsere Sachen, dann die Sache Gottes.
Denk jetzt einmal nach darüber, wie es dir sicher auch schon gegangen ist, wenn du so zwischeninne standest. Die Liebe, die Aufrichtigkeit, das Gerechtigkeitsgefühl sagten dir: du mußt bezahlen! oder auch: du darfst das nicht annehmen! Aber da waren auch andere Geister, die Geister der Habsucht, des Geschäftlimachens, der Sorge, und die flüsterten dir zu: wie schade um das |235 schöne Geld! Willst du es wirklich weggeben? Willst du ein Narr sein und nicht nehmen, was du kriegen kannst? Nehmen ist seliger als geben! Was tust du in solcher Lage? Ich glaube dirs gerne, wenn du sagst: Gott geht mir über Alles. Aber nicht wahr, du hast auch schon im Stillen gedacht: Gott in allen Ehren, aber man muß klug sein, wenn mans zu etwas bringen will, und die Habsucht, das Geschäftlimachen, die kleinen Sorgen gewinnen es, und die Liebe, die Aufrichtigkeit, das Gerechtigkeitsgefühl mußten an die zweite Stelle ziehen, und das Geld blieb in deiner Tasche, oder es wanderte hinein. Unsere Welt war dir doch größer als Gottes Welt.
Ein anderes Mal hatte dir jemand Unrecht getan, dich bitter beleidigt, geschädigt vielleicht sogar. Wieder standest du zwischeninne. Gibs ihm zurück! rief es von der einen Seite, zeig ihm, was du bist und was du kannst! wenigstens mit ein paar bösen, bitteren Worten, wenn sonst nichts zu machen ist. Und wenn auch das nicht geht, trags ihm wenigstens nach, denk immer wieder daran, hol ihn immer wieder hervor, den Groll jener schlimmen Stunde. So von der einen Seite. Von der Anderen aber: Nein, es hat keinen Wert, das Unrecht immer weiter zu schleppen, man verbittert sich das Leben selber mit solchen Lasten. Man wird selber schlecht, wenn man Gleiches mit Gleichem vergilt, und wenn es auch nur in Gedanken wäre. Machs nicht so, vergib nicht nur, sondern vergiß auch, es ist reiner, freier, seliger, göttlicher, zu vergeben und zu vergessen, und du kannsts, wenn du willst. Gott über Alles, nicht wahr, das ist auch deine Meinung? Aber hast du die Anwendung davon gemacht, wenn jene zwei Stimmen zu dir redeten? Hast du da nicht auch schon gedacht: nein, Gott in allen Ehren, aber nun will ich zürnen, nun kann ich nicht anders, nun muß ich immer wieder daran denken und von Zeit zu Zeit auch davon reden. Sieh da, unsere Welt, unsere Menschenwelt war dir doch wichtiger als die Welt Gottes.
Und wieder ein anderes Mal standest du vor der Frage: will ich jetzt für das, was ich für recht ansehe, einstehen vor allen Leuten und mir damit allerlei Verdrießlichkeit zuziehen, oder |236 ists nicht gescheiter, zu schweigen und seine Ruhe zu behalten? Du glaubst an Gott, es zweifelt niemand daran, und doch — du bist hingegangen und hast dir gesagt: es ist mir jetzt wichtiger, bequem und zufrieden und unangefochten weiterzuleben, als nach meinem Gewissen zu tun, was eigentlich nötig wäre. Mögen es Andere tun, die [es] besser können! O weh, wie hast du die Welt Gottes so rasch an die zweite Stelle geschoben!
Und wieder einmal war der «Glüst»1 da, o wir kennen ihn ja alle, es reizte und lockte dich etwas, du wußtest genau: es tut mir nicht gut, ich handle schwach, wenn ich es tue, ich schädige mich selbst und Andere, ich komme nicht herauf, sondern herunter damit, kurzum, es ist nicht recht — aber die andere Stimme flüsterte beharrlich: warum denn nicht? es ist so schön, Andere tuns ja auch, nur einmal! Glaubst du an Gott? Ja, du glaubst an Gott und daran, daß er der Höchste und Beste sei, unser einziges Gut im Leben und im Sterben, und doch hast du jetzt eben deinem Glüst nachgegeben, hast getan, was du nicht lassen konntest. Wieder hats unsere Welt, die Menschenwelt, über die Welt Gottes gewonnen in deiner Seele. Und so machen wirs hundertfach, manchmal merken wir es und manchmal auch nicht, manchmal handelt es sich um große Dinge, manchmal um kleine, manchmal machen wirs grob und manchmal fein, aber es ist immer dasselbe: diese Sachen sind uns größer und wichtiger als die Sache Gottes.
Was zeigt uns das? Das zeigt uns, daß jenes andere Trachten in uns sehr stark ist, viel stärker, als wir oft denken, wenn wir so unseren Glauben an Gott bekennen. Ja, wir sind keine ehrlichen Gottesleugner, die einfach offen sagen: ich habe für Gott keinen Platz in meinem Leben, ich will essen, trinken und es gut haben. Aber so im Stillen, ein bißchen verschämt und unehrlich sind wir denn doch. Wir wissen, wie töricht es ist, die kleinen, oberflächlichen, menschlichen Dinge an die Stelle der großen Hauptsache des Lebens treten zu lassen — und wir tun es doch. Wir wissen, wie verdreht es ist, an Gott glauben und zu ihm beten zu wollen |237 und im nächsten Augenblick ihm in Tat und Wahrheit den Rücken zu kehren — und wir tun es doch. Wir wissen, wie elend ein Mensch sich selber macht, der Gott leugnet, die Gemeinschaft mit ihm zerbricht, wir denken: behüte, das werde ich nicht tun, und sofort gehen wir hin und tun es doch, nicht mit Worten, aber mit der Tat, indem wir im Offenen oder Geheimen, im Großen oder Kleinen unserer Welt und ihren Ordnungen weit, weit den Vorzug geben vor dem, was göttlich ist. Sind wir nicht wunderliche, widerspruchsvolle Wesen, wir Menschen?
Wir müssen dann auch die Folgen tragen, wenn wir es so machen. Nicht als ob Gott uns gleich mit Donner und Blitz strafen würde. Unsere Strafe besteht einfach darin, daß er uns machen läßt, daß er uns die Wege gehen läßt, die wir so gerne gehen. Es sind dann Wege ohne ihn, und darin, daß wir dann ohne ihn sein müssen, liegt unsere Strafe. Was passiert uns auf diesen Wegen ohne Gott? Wir werden grenzenlos müde, das vor Allem. Die kleinen menschlichen Dinge, die wir für so überaus groß und wichtig halten, daß wir ihnen immer wieder die erste Stelle gönnen in unserem Leben, haben es samt und sonders an sich, daß man sie bald satt und übersatt bekommt. Wir laden uns mit ihnen wirklich eine Last auf. Und das spüren wir bei jedem Schritt, den wir auf dem falschen Weg tun. O, wer nimmt mir das ab, seufzen wir, immer ans Verdienen denken zu müssen, immer an meine Gesundheit, immer an das, was die Leute sagen usw. Siehst du da, wie du geplagt bist! Du selber hast es dir ja aufgeladen, und nun nimmt es dir niemand ab, nein, auf diesem Weg gar niemand. Da hast du nun deine Strafe. Wir laufen eben auch in die Irre dabei. Denn jeder Schritt auf diesem Weg zieht andere nach sich. Fang nur einmal an damit, so aufs Geld und auf dein Pläsierchen aus zu sein, fang nur einmal an damit, dich nach den Leuten zu richten und deinen kleinen Stolz zu pflegen, du wirst sehen, das geht weiter und weiter, du kommst von einem ins andere, du verwickelst dich in ein wahres Netz von Schwierigkeiten und Bedenken und Hindernissen, du weißt nicht, wo ein und aus. Glaub nur ja nicht, das komme auf diesem Wege besser, das werde sich schon |238 machen. O nein, es kommt immer schlimmer. Das ist die Strafe Gottes, daß der, der einmal den anderen Sachen den Vorzug gegeben hat, sich dann immer ärger verwickeln muß in Kleinlichkeiten, Äußerlichkeiten und Dummheiten. Der Weg Gottes, der wäre einfach und klar, aber den hast du ja nicht gehen wollen. Und ganz sicher ists, daß wir nicht einmal das finden, was wir suchten, wenn wir so Gott den Rücken kehren, um uns den großen herrlichen Dingen unserer Welt zuzuwenden. Wir meinten, es werde gut und behaglich, und siehe, wir suchen vergeblich. Wir meinten, wir könnten uns von Sorgen und Verdruß befreien, und siehe, neue Sorgen und Verdrüsse tauchen auf, wo wir sie gar nicht geahnt hatten. Wir meinten, um des Friedens und der Ruhe willen will ich den lieben Gott einen guten Mann sein und links liegen lassen, und siehe da, auf unserem selbstgewählten Weg war der ärgere Unfriede, die schlimmere Unruhe, als wir sie je gefürchtet hatten. Wir sind, wenn auch nicht sofort, so doch ganz sicher zum Schluß die Getäuschten und Enttäuschten, wenn wir uns verleiten lassen durch jene Stimme, die so freundlich zu locken weiß: Komm doch! machs doch so, wies alle Welt macht! Etwas Anderes gibts ja in dieser Welt nicht! Man muß leben und leben lassen! Unbefriedigung, Traurigkeit, neue Sorgen, neue Ratlosigkeit, das ist das Ergebnis — da hast du den Dank der Welt.
Was sollen wir machen? Gibt es nicht vielleicht doch einen Mittelweg? Können wir nicht vielleicht das Eine tun und das Andere nicht lassen, jetzt nach dem trachten, was uns Menschen nun einmal so nahe liegt, und jetzt nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, wie es dem tiefsten, unauslöschlichsten Bedürfnis unserer Seele entspricht? Können wir nicht z. B. gierig nach dem Gelde rennen, es zu ergreifen trachten mit allen Mitteln und ohne alle Bedenken, und dann andächtig in die Kirche pilgern, ich meine jetzt wirklich andächtig beten und singen und an Gott denken und so ein gewisses Gleichgewicht herstellen zwischen beiden verlogenen[?] Bestrebungen? Können wir nicht z. B. jetzt unserem Hang zur Eitelkeit und zu Vergnügungen nachgeben, obwohl uns die bessere Stimme unseres Inneren eigentlich davor warnt, und |239 dann wieder andächtig zu einem schönen Buch greifen, ich meine jetzt wirklich andächtig in eine fromme Versammlung gehen und so dem anderen Wunsche Rechnung tragen, den wir doch eben auch hegen, dem Wunsche, mit Gott in Verbindung zu bleiben? Können wir nicht jetzt so recht Allerweltsmenschen sein, die immer tun, was jedermann tut, die immer ihre Fahne nach dem Wind richten, und dann zur Abwechslung, etwa unter vier Augen, auch wieder einmal rechte Gesinnungsmenschen, die viel Überzeugung und Grundsatz haben und auf den Tisch klopfen und schelten über die einfältigen Leute, zum Zeichen, daß wir dann doch nicht völlig von allem Höheren, Göttlichen bar sind? Können wir nicht, mit einem Wort, ganz wackere, vergnügte, zufriedene Weltleute sein und dann doch gelegentlich oder auch öfters etwas denken, reden oder sogar tun, was mit dem Trachten nach dem Reiche Gottes wenigstens einige Ähnlichkeit zu haben scheint? Ach, das ists ja gerade, das probieren wir in der Tat immer wieder, solche Mittelweglein zu gehen, das haben wir alle schon getan und das tun wir alle immer wieder.
Wir wollen uns heute klar machen: damit kommen wir nicht aus. Das ist im Grunde
durchaus nichts Anderes als die unehrliche Gottesleugnung, die wir vorhin
kennengelernt haben, wo wir sagen: ich glaube an Gott, und wirklich an ihn glauben,
um dann handkehrum doch wieder Gott auf der Seite zu lassen und unseren eigenen Weg
zu gehen. Wir kommen nicht aus damit, sage ich. Die Folgen sind ganz dieselben wie
dort. Wir geraten ganz ebenso sicher in jene Müdigkeit, in jene Verwirrung, in jene
Unbefriedigung hinein, die zu unseren eigenen gottlosen Wegen nun einmal gehören. Nur
daß der Widerspruch in unserer Seele dann noch schärfer, noch krasser wird, je mehr
wir uns bemühen, neben all dem, was nicht göttlich ist, auch noch
ein wenig oder ein bißchen mehr nach dem Reiche Gottes zu trachten. Je mehr wir uns
darum bemühen, desto deutlicher spüren wir, wie Beides nicht zueinander passen will,
desto peinlicher und beunruhigender wird es uns, vom Einen zum Anderen überzugehen.
Wir finden in der Welt so wenig wie bei Gott das, was wir suchen, wir kommen uns hier
wie dort
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im tiefsten Grunde unwahrhaftig vor. Laufen wir der Welt nach, so trübt uns der
Gedanke an Gott, den wir doch nicht fahren lassen können, den Eifer und die Freude;
versuchen wir es, uns Gott zu nähern, so müssen wir doch wieder an unser ganz anderes
Trachten in der übrigen Zeit denken und fühlen uns mit Recht gestört und gehindert.
Es wird aus dem Einen und aus dem Anderen nichts Rechtes. Es ist eben Beides Lüge.
Das ist traurig, wenn wir diese Erfahrung machen müssen. Aber nein, es ist nicht
traurig, es ist vielmehr etwas vom Allerheilsamsten, was wir uns denken können, wenn
wir uns einmal so recht klar werden: ich spiele ein Doppelspiel, ich will zweien
Herren dienen [vgl.
Wissen wir nun, wie wir es halten wollen? Es gibt nun keinen Ausweg mehr, wenn wir
ehrlich sind und wenn wir noch Willenskraft genug in uns haben. Keinen Ausweg als
den, den Jesus uns weist: Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes
und nach seiner Gerechtigkeit! O, das ist ein Aufatmen, eine Befreiung,
eine Erlösung, das ist eine Auferstehung, wenn einem Menschen die Augen aufgehen und
er merkt: das ist der große königliche Weg des Lebens. Das ist ja das Einzigartige an
Jesus, daß er, obwohl ein Mensch wie wir, von Anfang an diesen Auferstehungsweg
gegangen ist. Und das ist das Einzigartige, das er uns bringt: er ladet uns ein,
diesen Weg mit ihm zu gehen. Wir sollen nicht denken: so muß mans
machen als Christ, nein so darf mans. Es ist ja kein Zwang, sondern
eine Freiheit, ein Geschenk, ein Glück, was uns Jesus da eröffnet. Das wissen wir
gerade, wenn wir es lange Zeit anders gemacht haben, wenn wir vielleicht auch lange
Zeit versucht haben, auf beiden Seiten zu hinken
[vgl.
Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes! Das ist der große entscheidende Fortschritt in unserem Leben, daß wir aus dem Irrtum, aus dem Mißverständnis, aus der Unklarheit und Verwirrung heraus zu diesem Neuen kommen, wirklich am ersten nach dem Reiche Gottes zu trachten, das zu unserer höchsten, unbedingten Ordnung zu machen: Zuerst Gottes Sache, dann unsere Sachen. Zuerst die Frage: Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh?2 und dann die Frage: wie komme ich zu dem, was mir hier äußerlich zum Leben angenehm und notwendig ist? Zuerst der Gedanke an den Gehorsam gegen den ewigen Vater und dann der Gedanke an unsere übrigen Bedürfnisse und Wünsche. O ja, diese anderen Bedürfnisse und Wünsche sind auch da und dürfen da sein, sie gehören zu unserem Leben. Wir können nicht aus dieser Welt entfliehen, und wir können auch nicht in dieser Welt zu Einsiedlern und Mönchen und Nonnen werden. Aber Ordnung, das ists eben, was in unser Leben hineinkommen soll. Wir sollen bei Allem, was uns sonst beschäftigt und in Anspruch nimmt, wissen und nie aus den Augen verlieren, daß wir ein Ziel haben und daß wir in Allem und mit Allem diesem Ziel entgegengehen müssen. Dann kommts eben nicht mehr vor, daß wir das Kleine über das Große, das Äußerliche über das Inwendige, das Unnütze über das Nötige stellen. Dann kommts auch nicht mehr vor, daß wir meinen, Beides nebeneinander treiben zu müssen auf verschiedenen Wegen, und damit hoffnungslos in Heuchelei und inneren Unfrieden versinken. Nicht zwei Bächen nebeneinander soll unser Leben gleichen, sondern einem starken vorwärtsrauschenden Strom, einer einzigen emporlodernden Flamme. Da bekommt |242 Alles, das Kleine und das Große, das Äußerliche und das Inwendige, das Entbehrliche und das Unentbehrliche dieselbe Richtung, dasselbe Ziel, dieselbe Triebkraft. Da muß Alles dienen dem einen größten Zweck unseres Lebens. Da wird alles Hindernde, Störende, Alles, was zu diesem Zweck nicht paßt, ganz von selbst ausgeschaltet. Auch nicht mehr zwei Welten sehen wir dann gegeneinanderstoßen in unserer Seele. Wir merken dann, daß das eine Täuschung unserer Augen war: es gibt nur eine Welt, die Welt Gottes und unsere Welt, unsere Menschenwelt, unsere Lebenswelt mit all ihrem Drum und Dran, die soll aber ein Stück Gotteswelt werden. Trachten danach, daß es so werde, das ist die Auferstehung und das Leben, die Jesus uns verheißt. Denn auf diesem Weg, da gibt es kein Ermüden, sondern immer neue Kraft, kein Irregehen, sondern immer höhere Klarheit, keine Enttäuschung, sondern immer reinere Freude und herrlichere Entdeckungen. Wollen wir es nicht wagen, diesen Weg zu gehen?
Seht, meine Predigt schließt wieder einmal mit dieser Frage: wollen wir nicht? Nein, wir wollen nicht so schließen, sondern jeder für sich in seinem Herzen, mit dem Gebet: Herr, laß diesen Weg mich gehen!