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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 6,33 (III)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 6,33 (III), 10. Mai 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5023 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 232–242.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 6,33 (III)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 232-242</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 219</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 6,33 (III), 10. Mai 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1662">KBA 1197</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-05-10">10. Mai 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <idno>219</idno>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.33">Matthäus 6,33</ref>
                            <span>
                                <idno>III</idno>
                            </span>
              <quote>Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
                        so wird euch solches alles zufallen.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Wenn wir dieses Wort Jesu recht verstehen wollen in seinem ganzen Ernst und in seiner
               ganzen Herrlichkeit, dann müssen wir jetzt vor Allem darauf achten, was in der
               Bergpredigt unmittelbar vorher zu lesen ist. Da heißt es: ihr sollt nicht sorgen und
               sagen: was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.25">Mt. 6,25</ref>]? Das erinnert
               uns an all das, was uns das Trachten nach dem Reiche Gottes <hi rend="italic">schwer</hi>
               und oft <hi rend="italic">unmöglich</hi> macht. Wir könnten diese Aufzählung solcher
               Fragen, die uns im Wege stehen, gleich noch fortsetzen: wie werde ich meine Schulden
               bezahlen? wie kann ichs einrichten, dies Jahr noch etwas auf die Sparkasse zu tun?
               Wie werde ich gesund bleiben oder wie kann ichs wieder werden, wenn ich krank bin?
               Wie stehts mit meinem Ansehen und guten Ruf bei den Leuten? Wie kann ich ab und zu
               auch mein Vergnügen vom Leben haben? Diese und viele andere ähnliche Fragen sind uns
               im Wege, sage ich, wenn wir das Gebot Jesu hören: Trachtet nach dem Reiche Gottes!,
               wenn wir hören von all dem, wovon wir in den letzten Predigten geredet haben, davon,
               daß wir der tiefen Sehnsucht unserer Seele nach ihrer göttlichen Heimat, ihrem
               Streben nach Ruhe im Gehorsam gegen den ewigen Vater nachgeben sollten. Sofort melden
               sich jene anderen Fragen und sagen uns: wir sind auch noch da! Es gibt auch noch
               anderes Trachten, Streben, Suchen und Sehnen als das nach dem Reiche Gottes. Wir
               möchten leben im ganz gewöhnlichsten Sinne des Wortes, wir möchten nach vorwärts und
               nicht zurück kommen in dieser Welt, wir wünschen uns Besitz und bei den anderen
               Menschen Respekt, wir möchten unsere Ruhe haben und unseren Frieden — wiederum in
               ganz gewöhnlichem Sinn, wir haben unseren Stolz und unsere Leidenschaften.
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                Und das Alles ruft in uns nach Befriedigung. Hart und sicher steht das Alles da: ein
               anderes, gänzlich anderes Trachten als das tiefe, göttliche, von dem wir geredet
               haben. Und fast etwas verlegen und jedenfalls ratlos stehen wir da, wenn nun Jesu
               Forderung kommt: Trachtet nach dem Reiche Gottes! Wo sollen wir hin damit neben all
               dem anderen, was wir auch möchten?</p>
        <p>Zwei Welten stoßen da gewaltig aneinander: Hier die Welt Gottes, die Welt des Ewigen,
               nur dem wachen Auge sichtbar, nur für lebendige Geister erreichbar, die Welt der
               Freiheit und der Wahrheit, der Güte und Liebe, ein Reich der Phantasie für den, der
               sie nicht kennt, eine lächerliche Einbildung für den, der sie nicht kennen will, das
               ewige wahrhaftige Leben für den, der sie einmal von Ferne gesehen. Auf der anderen
               Seite die Welt der Menschen, unsere Welt. Da scheint Alles natürlich und
               handgreiflich, man ißt, man trinkt, man besitzt, man freut sich, man trauert, man
               lebt und läßt leben. Für Viele die einzige wahre Welt, in der sie sich so wohl und zu
               Hause fühlen, wenigstens lange Zeit, wie der Fisch im Wasser. Für viele Andere
               freilich, nein, im Grunde für Alle, ein fremdes Land, in dem sie auf die Dauer nicht
               glücklich sein können. Das sind die beiden Welten, die da gegeneinander stoßen. In
               unserer Seele treffen sie sich. In unserer Seele muß es zu einer Entscheidung kommen.
               Wenn du jetzt etwas in dir spürst, das dich zieht, nach dieser Seite und nach jener,
               wenn du es jetzt hörst von der einen Seite: trachtet nach dem, was etwas einbringt,
               nach dem, was den Leuten gefällt, nach dem, was euch Freude macht, trachtet nach
               Wohlsein, Behaglichkeit und Zufriedenheit! und von der anderen Seite: trachtet nach
               dem Reiche Gottes! kehret heim und werdet gehorsame Kinder dessen, der größer,
               reiner, heiliger ist als diese Welt und ihre Bedürfnisse und Gewohnheiten — wenn du
               etwas weißt von diesem Gegensatz, dann kennst du auch die Entscheidung zwischen den
               beiden Welten, die in deiner Seele fallen muß. Jesu Wort sollte uns heute aufrütteln
               bis in die Tiefe unseres Wesens. Spüren sollten wir, daß es gilt, zu diesen zwei
               Welten eine klare Stellung einzunehmen. Nicht bloß betrachten wollen wir die beiden,
               unser
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                Wille muß sich bewegen. Nicht bloß zusehen und uns wundern wollen wir, wie da Gott
               an uns herankommt und da all die anderen Dinge und wollen uns in Anspruch nehmen und
               in ihren Dienst stellen, wir wollen uns besinnen und entschließen, was denn nun gehen
               soll bei uns, was gelten soll in unserem Herzen und Gewissen. Wir fehlen viel darin,
               daß wir die großen Lebensfragen oft so lange ruhen lassen, sie immer wieder auf die
               Seite stellen und auf später verschieben, statt sie eben einmal resolut ins Auge zu
               fassen und eine Entscheidung zu treffen.</p>
        <p>Wie wollen wir es nun halten? Wir können fröhlich, entschieden und ehrlich sagen: <hi rend="italic">die Welt der Menschen,</hi> unsere Welt, das ist die wahre Welt, die geht
               voran, die Welt Gottes mag hintendrein kommen, wenn für sie überhaupt noch Platz ist,
               wenn wir sie nicht lieber den Pfarrern und den frommen Leuten überlassen wollen, die
               sich dafür interessieren und die dafür Zeit haben. Zuerst das Trachten nach
               Verdienst, Gesundheit, Freude, behaglichem Leben und Respekt bei den Leuten, dann
               eventuell noch ein bißchen Trachten nach dem Reiche Gottes. Fröhlich, entschieden und
               ehrlich so!, sage ich. Aber wer redet so? Wer hält es wirklich und offen so? Unter
               tausend Menschen gewiß nicht einer. Wenn ich euch alle, die in dieser Kirche anwesend
               sind, jetzt einzeln fragen würde: wie hältst dus? wie ist dirs zumute? ich bin gewiß,
               es wäre kein Einziger, der ganz klar antworten würde: zuerst die anderen
               menschlichen, irdischen Sachen, dann die Sache Gottes. Zum Glück können wir gar nicht
               so antworten, wir spüren Alle <hi rend="italic">zu</hi> deutlich, wie verkehrt das wäre.
               Aber wir haben keinen Grund, uns deshalb zu rühmen. Denn so verkehrt es ist, wir
               halten es tatsächlich in unzähligen Fällen so: zuerst unsere Sachen, dann die Sache
               Gottes.</p>
        <p>Denk jetzt einmal nach darüber, wie es dir sicher auch schon gegangen ist, wenn du so
               zwischeninne standest. Die Liebe, die Aufrichtigkeit, das Gerechtigkeitsgefühl sagten
               dir: du mußt bezahlen! oder auch: du darfst das nicht annehmen! Aber da waren auch
               andere Geister, die Geister der Habsucht, des Geschäftlimachens, der Sorge, und die
               flüsterten dir zu: wie schade um das
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                schöne Geld! Willst du es wirklich weggeben? Willst du ein Narr sein und nicht
               nehmen, was du kriegen kannst? Nehmen ist seliger als geben! Was tust du in solcher
               Lage? Ich glaube dirs gerne, wenn du sagst: Gott geht mir über Alles. Aber nicht
               wahr, du hast auch schon im Stillen gedacht: Gott in allen Ehren, aber man muß klug
               sein, wenn mans zu etwas bringen will, und die Habsucht, das Geschäftlimachen, die
               kleinen Sorgen gewinnen es, und die Liebe, die Aufrichtigkeit, das
               Gerechtigkeitsgefühl mußten an die zweite Stelle ziehen, und das Geld blieb in deiner
               Tasche, oder es wanderte hinein. Unsere Welt war dir doch größer als Gottes Welt.</p>
        <p>Ein anderes Mal hatte dir jemand Unrecht getan, dich bitter beleidigt, geschädigt
               vielleicht sogar. Wieder standest du zwischeninne. Gibs ihm zurück! rief es von der
               einen Seite, zeig ihm, was du bist und was du kannst! wenigstens mit ein paar bösen,
               bitteren Worten, wenn sonst nichts zu machen ist. Und wenn auch das nicht geht, trags
               ihm wenigstens nach, denk immer wieder daran, hol ihn immer wieder hervor, den Groll
               jener schlimmen Stunde. So von der einen Seite. Von der Anderen aber: Nein, es hat
               keinen Wert, das Unrecht immer weiter zu schleppen, man verbittert sich das Leben
               selber mit solchen Lasten. Man wird selber schlecht, wenn man Gleiches mit Gleichem
               vergilt, und wenn es auch nur in Gedanken wäre. Machs nicht so, vergib nicht nur,
               sondern vergiß auch, es ist reiner, freier, seliger, göttlicher, zu vergeben <hi rend="italic">und</hi> zu vergessen, und du kannsts, wenn du willst. Gott über Alles,
               nicht wahr, das ist auch deine Meinung? Aber hast du die Anwendung davon gemacht,
               wenn jene zwei Stimmen zu dir redeten? Hast du da nicht auch schon gedacht: nein,
               Gott in allen Ehren, aber nun will ich zürnen, nun kann ich nicht anders, nun muß ich
               immer wieder daran denken und von Zeit zu Zeit auch davon reden. Sieh da, unsere
               Welt, unsere Menschenwelt war dir doch wichtiger als die Welt Gottes.</p>
        <p>Und wieder ein anderes Mal standest du vor der Frage: will ich jetzt für das, was ich
               für recht ansehe, einstehen vor allen Leuten und mir damit allerlei Verdrießlichkeit
               zuziehen, oder
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                ists nicht gescheiter, zu schweigen und seine Ruhe zu behalten? Du glaubst an Gott,
               es zweifelt niemand daran, und doch — du bist hingegangen und hast dir gesagt: es ist
               mir jetzt wichtiger, bequem und zufrieden und unangefochten weiterzuleben, als nach
               meinem Gewissen zu tun, was eigentlich nötig wäre. Mögen es Andere tun, die [es]
               besser können! O weh, wie hast du die Welt Gottes so rasch an die zweite Stelle
               geschoben!</p>
        <p>Und wieder einmal war der «Glüst»<note xml:id="n01">= das Gelüst, die Lust.</note>
               da, o wir kennen ihn ja alle, es reizte und lockte dich etwas, du wußtest genau: es
               tut mir nicht gut, ich handle schwach, wenn ich es tue, ich schädige mich selbst und
               Andere, ich komme nicht herauf, sondern herunter damit, kurzum, es ist nicht recht —
               aber die andere Stimme flüsterte beharrlich: warum denn nicht? es ist so schön,
               Andere tuns ja auch, nur einmal! Glaubst du an Gott? Ja, du glaubst an Gott und
               daran, daß er der Höchste und Beste sei, unser einziges Gut im Leben und im Sterben,
               und doch hast du jetzt eben deinem Glüst nachgegeben, hast getan, was du nicht lassen
               konntest. Wieder hats unsere Welt, die Menschenwelt, über die Welt Gottes gewonnen in
               deiner Seele. Und so machen wirs hundertfach, manchmal merken wir es und manchmal
               auch nicht, manchmal handelt es sich um große Dinge, manchmal um kleine, manchmal
               machen wirs grob und manchmal fein, aber es ist immer dasselbe: diese Sachen sind uns
               größer und wichtiger als die Sache Gottes.</p>
        <p>Was zeigt uns das? Das zeigt uns, daß jenes andere Trachten in uns sehr stark ist,
               viel stärker, als wir oft denken, wenn wir so unseren Glauben an Gott bekennen. Ja,
               wir sind keine ehrlichen Gottesleugner, die einfach offen sagen: ich habe für Gott
               keinen Platz in meinem Leben, ich will essen, trinken und es gut haben. Aber so im
               Stillen, ein bißchen verschämt und unehrlich sind wir denn doch. Wir wissen, wie
               töricht es ist, die kleinen, oberflächlichen, menschlichen Dinge an die Stelle der
               großen Hauptsache des Lebens treten zu lassen — und wir tun es doch. Wir wissen, wie
               verdreht es ist, an Gott glauben und zu ihm beten zu wollen
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                und im nächsten Augenblick ihm in Tat und Wahrheit den Rücken zu kehren — und wir
               tun es doch. Wir wissen, wie elend ein Mensch sich selber macht, der Gott leugnet,
               die Gemeinschaft mit ihm zerbricht, wir denken: behüte, das werde ich nicht tun, und
               sofort gehen wir hin und tun es doch, nicht mit Worten, aber mit der Tat, indem wir
               im Offenen oder Geheimen, im Großen oder Kleinen unserer Welt und ihren Ordnungen
               weit, weit den Vorzug geben vor dem, was göttlich ist. Sind wir nicht wunderliche,
               widerspruchsvolle Wesen, wir Menschen?</p>
        <p>Wir müssen dann auch die Folgen tragen, wenn wir es so machen. Nicht als ob Gott uns
               gleich mit Donner und Blitz strafen würde. Unsere Strafe besteht einfach darin, daß
               er uns machen läßt, daß er uns die Wege gehen läßt, die wir so gerne gehen. Es sind
               dann Wege ohne ihn, und darin, daß wir dann ohne ihn sein müssen, liegt unsere
               Strafe. Was passiert uns auf diesen Wegen ohne Gott? Wir werden grenzenlos müde, das
               vor Allem. Die kleinen menschlichen Dinge, die wir für so überaus groß und wichtig
               halten, daß wir ihnen immer wieder die erste Stelle gönnen in unserem Leben, haben es
               samt und sonders an sich, daß man sie bald satt und übersatt bekommt. Wir laden uns
               mit ihnen wirklich eine Last auf. Und das spüren wir bei jedem Schritt, den wir auf
               dem falschen Weg tun. O, wer nimmt mir das ab, seufzen wir, immer ans Verdienen
               denken zu müssen, immer an meine Gesundheit, immer an das, was die Leute sagen usw.
               Siehst du da, wie du geplagt bist! Du selber hast es dir ja aufgeladen, und nun nimmt
               es dir niemand ab, nein, auf diesem Weg gar niemand. Da hast du nun deine Strafe. Wir
               laufen eben auch in die Irre dabei. Denn jeder Schritt auf diesem Weg zieht andere
               nach sich. Fang nur einmal an damit, so aufs Geld und auf dein Pläsierchen aus zu
               sein, fang nur einmal an damit, dich nach den Leuten zu richten und deinen kleinen
               Stolz zu pflegen, du wirst sehen, das geht weiter und weiter, du kommst von einem ins
               andere, du verwickelst dich in ein wahres Netz von Schwierigkeiten und Bedenken und
               Hindernissen, du weißt nicht, wo ein und aus. Glaub nur ja nicht, das komme auf
               diesem Wege besser, das werde sich schon
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                machen. O nein, es kommt immer schlimmer. Das ist die Strafe Gottes, daß der, der
               einmal den anderen Sachen den Vorzug gegeben hat, sich dann immer ärger verwickeln
               muß in Kleinlichkeiten, Äußerlichkeiten und Dummheiten. Der Weg Gottes, der wäre
               einfach und klar, aber den hast du ja nicht gehen wollen. Und ganz sicher ists, daß
               wir nicht einmal das finden, was wir suchten, wenn wir so Gott den Rücken kehren, um
               uns den großen herrlichen Dingen unserer Welt zuzuwenden. Wir meinten, es werde gut
               und behaglich, und siehe, wir suchen vergeblich. Wir meinten, wir könnten uns von
               Sorgen und Verdruß befreien, und siehe, neue Sorgen und Verdrüsse tauchen auf, wo wir
               sie gar nicht geahnt hatten. Wir meinten, um des Friedens und der Ruhe willen will
               ich den lieben Gott einen guten Mann sein und links liegen lassen, und siehe da, auf
               unserem selbstgewählten Weg war der ärgere Unfriede, die schlimmere Unruhe, als wir
               sie je gefürchtet hatten. Wir sind, wenn auch nicht sofort, so doch ganz sicher zum
               Schluß die Getäuschten und Enttäuschten, wenn wir uns verleiten lassen durch jene
               Stimme, die so freundlich zu locken weiß: Komm doch! machs doch so, wies alle Welt
               macht! Etwas Anderes gibts ja in dieser Welt nicht! Man muß leben und leben lassen!
               Unbefriedigung, Traurigkeit, neue Sorgen, neue Ratlosigkeit, das ist das Ergebnis —
               da hast du den Dank der Welt.</p>
        <p>Was sollen wir machen? Gibt es nicht vielleicht doch einen <hi rend="italic">Mittelweg?</hi> Können wir nicht vielleicht das Eine tun und das Andere nicht
               lassen, jetzt nach dem trachten, was uns Menschen nun einmal so nahe liegt, und jetzt
               nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, wie es dem tiefsten,
               unauslöschlichsten Bedürfnis unserer Seele entspricht? Können wir nicht z. B. gierig
               nach dem Gelde rennen, es zu ergreifen trachten mit allen Mitteln und ohne alle
               Bedenken, und dann andächtig in die Kirche pilgern, ich meine jetzt wirklich
               andächtig beten und singen und an Gott denken und so ein gewisses Gleichgewicht
               herstellen zwischen beiden verlogenen[?] Bestrebungen? Können wir nicht z. B. jetzt
               unserem Hang zur Eitelkeit und zu Vergnügungen nachgeben, obwohl uns die bessere
               Stimme unseres Inneren eigentlich davor warnt, und
               <pb xml:id="p239" ed="pga"/>
                dann wieder andächtig zu einem schönen Buch greifen, ich meine jetzt wirklich
               andächtig in eine fromme Versammlung gehen und so dem anderen Wunsche Rechnung
               tragen, den wir doch eben auch hegen, dem Wunsche, mit Gott in Verbindung zu bleiben?
               Können wir nicht jetzt so recht Allerweltsmenschen sein, die immer tun, was jedermann
               tut, die immer ihre Fahne nach dem Wind richten, und dann zur Abwechslung, etwa unter
               vier Augen, auch wieder einmal rechte Gesinnungsmenschen, die viel Überzeugung und
               Grundsatz haben und auf den Tisch klopfen und schelten über die einfältigen Leute,
               zum Zeichen, daß wir dann doch nicht völlig von allem Höheren, Göttlichen bar sind?
               Können wir nicht, mit einem Wort, ganz wackere, vergnügte, zufriedene Weltleute sein
               und dann doch gelegentlich oder auch öfters etwas denken, reden oder sogar tun, was
               mit dem Trachten nach dem Reiche Gottes wenigstens einige Ähnlichkeit zu haben
               scheint? Ach, das ists ja gerade, das probieren wir in der Tat immer wieder, solche
               Mittelweglein zu gehen, das haben wir alle schon getan und das tun wir alle immer
               wieder.</p>
        <p>Wir wollen uns heute klar machen: damit kommen wir nicht aus. Das ist im Grunde
               durchaus nichts Anderes als die unehrliche Gottesleugnung, die wir vorhin
               kennengelernt haben, wo wir sagen: ich glaube an Gott, und wirklich an ihn glauben,
               um dann handkehrum doch wieder Gott auf der Seite zu lassen und unseren eigenen Weg
               zu gehen. Wir kommen nicht aus damit, sage ich. Die Folgen sind ganz dieselben wie
               dort. Wir geraten ganz ebenso sicher in jene Müdigkeit, in jene Verwirrung, in jene
               Unbefriedigung hinein, die zu unseren eigenen gottlosen Wegen nun einmal gehören. Nur
               daß der Widerspruch in unserer Seele dann noch schärfer, noch krasser wird, je mehr
               wir uns bemühen, <hi rend="italic">neben</hi> all dem, was nicht göttlich ist, auch noch
               ein wenig oder ein bißchen mehr nach dem Reiche Gottes zu trachten. Je mehr wir uns
               darum bemühen, desto deutlicher spüren wir, wie Beides nicht zueinander passen will,
               desto peinlicher und beunruhigender wird es uns, vom Einen zum Anderen überzugehen.
               Wir finden in der Welt so wenig wie bei Gott das, was wir suchen, wir kommen uns hier
               wie dort
               <pb xml:id="p240" ed="pga"/>
                im tiefsten Grunde unwahrhaftig vor. Laufen wir der Welt nach, so trübt uns der
               Gedanke an Gott, den wir doch nicht fahren lassen können, den Eifer und die Freude;
               versuchen wir es, uns Gott zu nähern, so müssen wir doch wieder an unser ganz anderes
               Trachten in der übrigen Zeit denken und fühlen uns mit Recht gestört und gehindert.
               Es wird aus dem Einen und aus dem Anderen nichts Rechtes. Es ist eben Beides Lüge.
               Das ist traurig, wenn wir diese Erfahrung machen müssen. Aber nein, es ist nicht
               traurig, es ist vielmehr etwas vom Allerheilsamsten, was wir uns denken können, wenn
               wir uns einmal so recht klar werden: ich spiele ein Doppelspiel, ich will zweien
               Herren dienen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.24">Mt. 6,24</ref>],
               ich will beiden Bedürfnissen und Wünschen gleiches Recht geben — und wenn wir dann
               unter dieser Lage, in die wir selbst uns gebracht haben, so recht zu leiden haben.
               Das ist wie die Krisis einer Krankheit. Wir <hi rend="italic">müssen</hi> einmal da
               hindurch. Wir müssen einmal einsehen: ich kann Beides nicht vereinigen, ich kann
               nicht Beides gelten lassen: die Welt Gottes und die andere Welt, ich richte mich
               selbst zu Grunde mit diesem Doppelspiel.</p>
        <p>Wissen wir nun, wie wir es halten wollen? Es gibt nun keinen Ausweg mehr, wenn wir
               ehrlich sind und wenn wir noch Willenskraft genug in uns haben. Keinen Ausweg als
               den, den Jesus uns weist: <hi rend="italic">Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes
                  und nach seiner Gerechtigkeit!</hi> O, das ist ein Aufatmen, eine Befreiung,
               eine Erlösung, das ist eine Auferstehung, wenn einem Menschen die Augen aufgehen und
               er merkt: das ist der große königliche Weg des Lebens. Das ist ja das Einzigartige an
               Jesus, daß er, obwohl ein Mensch wie wir, von Anfang an diesen Auferstehungsweg
               gegangen ist. Und das ist das Einzigartige, das er uns bringt: er ladet uns ein,
               diesen Weg mit ihm zu gehen. Wir sollen nicht denken: so <hi rend="italic">muß</hi> mans
               machen als Christ, nein so <hi rend="italic">darf</hi> mans. Es ist ja kein Zwang, sondern
               eine Freiheit, ein Geschenk, ein Glück, was uns Jesus da eröffnet. Das wissen wir
               gerade, wenn wir es lange Zeit anders gemacht haben, wenn wir vielleicht auch lange
               Zeit versucht haben, auf beiden Seiten zu hinken 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.18.21">1.Kön. 18,21</ref>], ein bißchen das zu sein
               und ein bißchen das, und dabei gründlich unglücklich ge<pb xml:id="p241" ed="pga" break="no"/>worden sind. 
               Ein Aufatmen gibt es da, sage ich, wenn wir uns entschließen können,
               nein, wenn uns Jesus den Entschluß in die Seele gibt: Fort mit dem Doppelspiel, ich
               muß und ich will auf <hi rend="italic">einem</hi> Weg in <hi rend="italic">einer</hi> Richtung
               gehen.</p>
        <p>Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes! Das ist der große entscheidende
               Fortschritt in unserem Leben, daß wir aus dem Irrtum, aus dem Mißverständnis, aus der
               Unklarheit und Verwirrung heraus zu diesem Neuen kommen, wirklich <hi rend="italic">am
                  ersten</hi> nach dem Reiche Gottes zu trachten, das zu unserer höchsten,
               unbedingten Ordnung zu machen: <hi rend="italic">Zuerst</hi> Gottes Sache, <hi rend="italic">dann</hi> unsere Sachen. <hi rend="italic">Zuerst</hi> die Frage: Wo findet die Seele
               die Heimat, die Ruh?<note xml:id="n02">Anfang eines Liedes von  <bibl type="song" corresp="kbga-songs-150">
                                <persName ref="kbga-actors-1372">Franz Ludwig Jörgens</persName>
                     (1792–<choice><sic ed="pga">1843</sic><corr>1842</corr></choice>)</bibl>: <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh?</l>
                                    <l xml:space="preserve">Wer deckt sie mit schützenden Fittichen zu?</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> und <hi rend="italic">dann</hi> die Frage: wie komme ich zu dem, was mir hier
               äußerlich zum Leben angenehm und notwendig ist? <hi rend="italic">Zuerst</hi> der Gedanke
               an den Gehorsam gegen den ewigen Vater und <hi rend="italic">dann</hi> der Gedanke an
               unsere übrigen Bedürfnisse und Wünsche. O ja, diese anderen Bedürfnisse und Wünsche
               sind auch da und dürfen da sein, sie gehören zu unserem Leben. Wir können nicht aus
               dieser Welt entfliehen, und wir können auch nicht in dieser Welt zu Einsiedlern und
               Mönchen und Nonnen werden. Aber Ordnung, das ists eben, was in unser Leben
               hineinkommen soll. Wir sollen bei Allem, was uns sonst beschäftigt und in Anspruch
               nimmt, wissen und nie aus den Augen verlieren, daß wir ein Ziel haben und daß wir in
               Allem und mit Allem diesem Ziel entgegengehen müssen. Dann kommts eben nicht mehr
               vor, daß wir das Kleine über das Große, das Äußerliche über das Inwendige, das
               Unnütze über das Nötige stellen. Dann kommts auch nicht mehr vor, daß wir meinen,
               Beides nebeneinander treiben zu müssen auf verschiedenen Wegen, und damit
               hoffnungslos in Heuchelei und inneren Unfrieden versinken. Nicht zwei Bächen
               nebeneinander soll unser Leben gleichen, sondern <hi rend="italic">einem</hi> starken
               vorwärtsrauschenden Strom, einer einzigen emporlodernden Flamme. Da bekommt
                  <milestone xml:id="m16" unit="page"/>
               <pb xml:id="p242" ed="pga"/>
                Alles, das Kleine und das Große, das Äußerliche und das Inwendige, das Entbehrliche
               und das Unentbehrliche dieselbe Richtung, dasselbe Ziel, dieselbe Triebkraft. Da muß
               Alles dienen dem einen größten Zweck unseres Lebens. Da wird alles Hindernde,
               Störende, Alles, was zu diesem Zweck nicht paßt, ganz von selbst ausgeschaltet. Auch
               nicht mehr zwei Welten sehen wir dann gegeneinanderstoßen in unserer Seele. Wir
               merken dann, daß das eine Täuschung unserer Augen war: es gibt nur eine Welt, die
               Welt Gottes und <hi rend="italic">unsere</hi> Welt, unsere Menschenwelt, unsere Lebenswelt
               mit all ihrem Drum und Dran, die soll aber ein Stück Gotteswelt werden. Trachten
               danach, daß es so werde, das ist die Auferstehung und das Leben, die Jesus uns
               verheißt. Denn auf <hi rend="italic">diesem</hi> Weg, da gibt es kein Ermüden, sondern
               immer neue Kraft, kein Irregehen, sondern immer höhere Klarheit, keine Enttäuschung,
               sondern immer reinere Freude und herrlichere Entdeckungen. Wollen wir es nicht wagen,
               diesen Weg zu gehen?</p>
        <p>Seht, meine Predigt schließt wieder einmal mit dieser Frage: wollen wir nicht? Nein,
               wir wollen nicht so schließen, sondern jeder für sich in seinem Herzen, mit dem
               Gebet: Herr, laß diesen Weg mich gehen!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
