3. Mai 1914

Predigt: Matthäus 6,33 (II)

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Matthäus 6,33 (II)
Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.
Liebe Freunde!

Wir haben das letzte Mal von der großen Sehnsucht geredet, die wir in uns müssen stark werden lassen, wenn Gottes Liebe unser Herz gewonnen hat. Diese Sehnsucht ist das Beste in uns, besser als unsere Klugheit, besser als unsere Bravheit. Sie ist das heilige Opfer, das Gott von uns fordert. Wir haben sie beschrieben, wie sie sein muß: ein tiefes Bedürfnis unserer Seele, eine große Aufrichtigkeit gegen uns selbst und unsere Unvollkommenheit, eine ernste Willigkeit, diesem heiligen Trieb dann auch gehorsam zu sein in Wort und Tat.

Aber was ist nun das Ziel dieser großen Sehnsucht? Es gibt ein Dichten und Trachten des menschlichen Herzens, das böse ist von Jugend an [Gen. 8,21], es gibt so viel törichtes, verkehrtes Wünschen, Hoffen und Begehren, so viel unklares, unnützes Sehnen und Streben. Was meint Jesus, wenn er uns auffordert: Trachtet nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit!? O wenn ich es doch lebendig vor eure Augen hinstellen könnte, dieses unser herrliches, unvergleichliches Ziel für Zeit und Ewigkeit, so daß ihr daran glauben müßtet! Wenn ich es euch doch zeigen könnte, |224 so, daß es uns allen zum Allerselbstverständlichsten würde, danach zu trachten, uns darauf zu freuen, dafür zu arbeiten, dafür zu leiden, wenn es sein muß mit der ganzen Kraft unseres Wesens! So, daß es uns allen ganz unmöglich würde, zu meinen, das Streben nach diesem Ziel sei etwas Unnötiges, etwas, was man auch bleiben lassen könne, etwas, was man sein läßt, sobald es sich einem besser schickt. Was für traurige, haltlose Meinungen! Wer einmal dieses Ziel wirklich gesehen, den läßt es nicht mehr los, der kann nicht mehr leben anders als in der Hoffnung, in der Erwartung, in der beständigen Bereitschaft. Was für eine armselige Ansicht, es sei töricht und gefährlich, nach diesem Ziel zu streben und daran zu glauben, man verbittere damit sich selbst und Anderen das Leben, man erreiche nichts und richte nur Schaden an! O du verkehrte Welt! Gerade das Gegenteil ist wahr. Es gibt keine höhere Weisheit und nichts Glückverheißenderes als dieses Glauben und Streben. Es gibt keine größere, tiefere Freude als diese Hoffnung, und wahrhaftig, wir können auch für unsere Mitmenschen nichts Besseres, Segensreicheres tun als so recht aufrichtig und ernsthaft in dieser Hoffnung zu leben. Welchen Menschen hat das Leben am meisten geboten, welchen ist es trotz aller Mühen und Enttäuschungen zu einem einzigen herrlichen Geschenk geworden? Welche sind so recht in Wahrheit die Freunde und Helfer der Anderen geworden, von welchen ist trotz Mißverständnis, Spott und Feindschaft am meisten Licht und Kraft ausgegangen? Es waren immer und immer wieder die, die nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit trachteten. Töricht und gefährlich ist es, das nicht zu tun, sich fern zu halten von der natürlichsten Bestimmung der Menschenseele, sich auszuschließen von der großen göttlichen Lebensbewegung nach vorwärts und aufwärts. Da berauben wir uns des Besten, was wir haben, um scheinbarer wertloser Vorteile, um scheinbarer grundloser Befürchtungen willen. O wenn doch der Glaube, die Liebe, die Hoffnung einmal aufleuchten würden in unseren Herzen, die uns jenem Ziele entgegentreiben! Das wäre die Seligkeit, für uns selbst und für Alle, die um uns sind.

225 Jawohl — das müssen wir sagen, und darüber soll sich niemand täuschen —: Wer auf das Reich Gottes hofft und ihm entgegengeht, der geht einen einsamen und beschwerlichen Weg. Kein Wunder, wenn die Anderen, die sein Ziel nicht sehen, ihn nicht verstehen können, ihn einen unruhigen, närrischen Kopf nennen. Da bekommt man auf einmal nachzudenken und zu studieren, während Alle um Einen her meinen, es sei doch Alles einfach und sonnenklar. Da muß man manchmal mitten durch die Leute hindurchgehen, ohne auf ihr Reden und Treiben zu achten, ohne auch nur links und rechts zu sehen. Da muß man es sich zu Zeiten gefallen lassen, daß man angeglotzt wird wie ein wildes Tier. Da muß man jetzt voll trauriger Befürchtungen den Kopf schütteln, während Alles um uns her zufrieden und vergnügt ist und nichts Besseres begehrt, und muß jetzt die Hoffnung und die Freudigkeit hochhalten, während Alles die Achseln zuckt und müde und matt verzichtet und verzweifelt. Da muß man oft, sehr oft schwarz sehen, wo Alles weiß sieht, und weiß, wo Alles schwarz sieht. Man muß den Mut haben, einsam zu sein. Da muß man immer wieder Dinge sagen und tun, die kein Mensch billigt, da kann mans von allen Seiten, von all den Vorsichtigen, Wohlüberlegten, Dreimalweisen zu hören bekommen: o wie unvorsichtig! wie einseitig! wie sonderbar! und wie die Worte alle heißen. Man muß den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen. Und dann heißt es Enttäuschung über Enttäuschung über sich ergehen lassen, wenn das Ziel immer wieder in scheinbar unerreichbare Ferne rückt, wenn man immer wieder merken muß, der Weg dahin ist ein steiler, steiniger Weg, wenn die Anderen Einen nicht nur nicht verstehen, sondern nicht einmal gewähren lassen, sondern hindern, wo sie können, schließlich und vor Allem, wenn man durch eigene Schwachheit und Ungeschicklichkeit immer wieder vom Ziel abkommt. O, wie viele Möglichkeiten, die Einen irre machen könnten im Trachten nach dem Reiche Gottes! Man muß den Mut haben, zu leiden und zu warten.

Aber das Alles kann man eben, wenn man einmal das Ziel gesehen hat. Das Alles wurde Einem zu ganz selbstverständlichen |226 Begleitumständen, die man bedauert, über die man etwa einmal seufzt, durch die man sich aber unter keinen Umständen mehr von seinem Weg abbringen läßt. Ein Mensch, der auf das Reich Gottes hofft, lebt eben damit innerlich schon in einer anderen, besseren Welt. In ihm brennt ein Licht, das heller ist als alle Dunkelheiten. In ihm wohnt eine Kraft, die stärker ist als alle feindseligen Gewalten. Da mögen die Enttäuschungen, Mißerfolge und Niederlagen des Lebens wohl gegen ihn daherkommen wie Wasserwogen, sie können ihn doch nicht erdrücken. Er ist traurig und doch fröhlich [vgl. 2.Kor. 6,10], einsam und doch nicht allein, angefochten und doch nie überwältigt. Er ist in dem Allen ein freudiger Mensch, weil er durch das Schauen jenes Zieles so selig ist, daß nichts Anderes dagegen aufkommen kann. Er ist freudig und dankbar, weil Gott ihm die Augen aufgetan hat und ihm diese lebendige Hoffnung geschenkt hat; er möchte wahrhaftig nicht, daß es anders wäre, auch wenn ihm dadurch das Leben nicht gerade leicht gemacht wird. Er ist freudig und dankbar, weil er trotz Allem immer wieder Erfahrungen und Beobachtungen machen darf, die ihm bestätigen, daß er recht hat mit seiner Hoffnung, daß sie nicht ein Traum oder eine Phantasie ist, sondern auf Tatsachen beruht, daß das Näherkommen des Reiches Gottes die sicherste Wahrheit ist, auch wenn nicht jedes blöde Auge sie wahrzunehmen vermag. Er kann manchmal sogar freudig und dankbar sein für seine Einsamkeit, für seine Mißerfolge, für Alles, was dazwischenkommt und scheinbar hindern will, weil er weiß, daß das Alles so sein muß, daß der Weg zum Reiche Gottes nun einmal durch Alles das hindurch führt. Jede mißliche und traurige Erfahrung muß schließlich auch ein Schritt vorwärts sein, ein Schritt näher zum Ziele hin. Er ist eben in seinem Innersten schon in der anderen oberen Welt, wo der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei, wo alle Tränen abgewischt werden [vgl. Apk. 21,4]. Er trägt in seinem Innersten ein Gefühl wunderbaren Glückes, das wohl gelegentlich schwer gestört, aber nicht vertilgt werden kann. Ihm ist es aufgegangen, daß das Menschenleben mit all seinem Auf und Ab und Hin und Her etwas unvergleichlich Herr|227liches ist. Er kann ertragen, was das Leben mit sich bringt, und kann schaffen, was das Leben von uns fordert, und er lernt es immer besser. Er murrt und seufzt und klagt wohl etwa auch, aber immer weniger, er wird immer sicherer, immer heiterer, immer gewisser — o meine Freunde, merken wir denn nicht, daß dieser Ruf Jesu: Trachtet nach dem Reiche Gottes! ganz einfach der Ruf zum Leben ist, zu einem freien, glücklichen, überlegenen Leben, nach dem wir uns doch im Grunde Alle sehnen? Ja, die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, und wenig sind es, die ihn finden [vgl. Mt. 7,14] — aber möchten wir nicht Alle dort sein, wo man hinkommt, wenn man ihn geht?

Ja, es ist nichts so Leichtes und Selbstverständliches, nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit zu trachten, ja, der Glaube ist nicht jedermanns Ding [2.Thess. 3,2], aber ebenso sicher ist, daß der Glaube niemandem unmöglich ist, daß Keiner sagen darf: ich kann das nicht, dieses Trachten. O doch, jeder kanns, ders wagt. Wollen wirs nicht wagen? Wollen wir nicht eintreten in den unsichtbaren Bund der Hoffnungsmenschen, in die Reihen derer, die hier nicht daheim sind, weil sie es dort sind, die hier keine bleibende Stätte haben [vgl. Hebr. 13,14], weil [sie] dort ihren sicheren unerschütterlichen Grund gefunden, die hier einsam, mißverstanden, ausgelacht, angefochten sind, dort aber sich siegreich und fröhlich die Hände reichen — und die doch nicht schmachten und träumen nach etwas, was nie kommt, sondern schon hier, schon jetzt im hellen heiteren Schein ihrer Hoffnung leben und blühen? Wollen wir nicht? Spüren wir nicht, wie etwas in uns ruft und lockt: ja, so Einer möchte ich auch werden, dahin möchte ich kommen! O wie wäre uns geholfen, was für glückliche Menschen würden wir sein, wenn jetzt eine unsichtbare Kraft uns über unsere Bedenken und Abneigungen hinwegtragen würde, sodaß wir im Innersten in der anderen oberen Welt wären, wenn das große erlösende Trachten nach dem Reiche Gottes sich als eine lebendige Tatsache hineinsenkte in unsere Seele!

Aber das Ziel? fragst du — ich sehe das Ziel nicht, ich weiß nicht, was das sein soll: das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Ich |228 möchte wohl dabeisein und mitwandern, ich ahne die Größe eines solchen Lebens, aber wohin geht die Reise? So darfst du schon fragen, lieber Freund, es haben schon tausend so gefragt, haben Antwort gefunden und sind fröhliche, sichere Hoffnungsmenschen geworden. Aber, nicht wahr, es ist dir ernst, und du fragst nicht, weil du im Grunde ausweichen möchtest, weil du nach einer Ausrede suchst, um jenes Große nicht wagen zu müssen? Die Antwort ist nämlich nicht weit zu suchen, und sie ist nicht schwer verständlich. Es weiß sie mancher — und sieht dann doch das Ziel nicht, weil er nicht will. Das Reich Gottes, das ist Gottes Herrschaft, seine Königsherrschaft. Es ist da, wo man Gott gehorcht, wo man sich seinem Willen unterwirft. Nach dem Reiche Gottes trachten, das heißt, sich danach sehnen, unter die Königsherrschaft Gottes zu kommen. Das ist nichts Sonderbares, nichts Fremdartiges, nicht ein Gedanke, den wir erst auf Umwegen entdecken müßten.

In jeder Menschenseele ist tief verborgen das Heimweh nach dieser Herrschaft Gottes. Wir sind armselig irrende Wesen, solange wir unsere eigenen Herren sein wollen, solange wir meinen, ohne ihn und seinen Willen sein zu können. Da meinen wir zu tun, was uns gefalle, und widerstreben doch unserer tiefsten Bestimmung, entfernen uns notwendig von unserem wahren Glück. Da meinen wir, frei zu sein, und kommen doch nur immer tiefer in die Abhängigkeit und Gefangenschaft von uns selbst, von der Welt, von den Leuten hinein. Unser tiefstes Inwendigstes hungert nach dem Reiche Gottes, nach der Herrschaft des Ewigen, Lebendigen, denn nur unter dieser Herrschaft finden wir Freiheit, Beständigkeit, Kraft, Leben — wir wissen es. O ja, wir wissen es, wir wissen, was es ist, das Reich Gottes, wir wissen, wie unendlich schön das sein müßte, in diesem Reiche drin zu stehen, und doch zaudern wir noch, wollen nicht sehen und glauben, daß es wahrhaftig unser Ziel ist in Zeit und Ewigkeit, wollen dem Heimweh nicht nachgeben, das uns schlicht und sicher diesem Ziel entgegenführen würde.

Dieses Heimweh ist in der einzelnen Seele lebendig, aber auch |229 in der ganzen Menschheit, es geht durch die Jahrtausende, durch die Völker aller Länder. Es äußert sich da und dort, immer wieder in ergreifenden Ausbrüchen der Sehnsucht, der Verzweiflung. Die Menschen wissen es ganz genau, daß Frieden und Glück und Seligkeit nicht sein können auf dieser Erde, solange ein jeder seinen eigenen Weg geht, solange ein jeder tut, was ihm gutdünkt [vgl. Ri. 17,6; 21,25]. Sie ahnen etwas: das, was Heil uns bringen würde, das wäre Gottes Reich, Gottes Herrschaft. Wenn sie unter uns wäre, wenn wir ihr gehorchen würden, wir alle, dann würden wir erlöst von all dem, was uns jetzt fehlt, dann würden Neid und Haß und Krieg und Alles, womit wir einander das Leben verbittern, nicht mehr sein. Im Hause des Vaters würden wir die wahre Freiheit finden, während uns jetzt ein Truggespinst von Freiheit zum Fluche wird. O ja, das ahnen die Menschen, sie wissen ganz genau: das Allermeiste von dem, was uns drückt und plagt, worunter wir seufzen seit Jahrtausenden, das Allermeiste davon müßte eigentlich durchaus nicht sein. Wir seufzen darunter wie unter einer Krankheit. Eine Krankheit aber ist nie etwas Normales, nie etwas, was man anerkennt, jedes lebendige Wesen strebt nach Gesundheit, solange es noch einen Ausweg dazu gibt. Und es gibt einen Ausweg aus all dem Leiden, unter dem wir Menschen seufzen: wir wissen es auch recht gut: die Herrschaft Gottes ist der Ausweg. Wenn wir ihm gehorsam werden, dann hört das Alles auf, es würde von Stund an sogar aufhören, wenn wir alle miteinander unter die Herrschaft Gottes treten würden. Das wissen wir, wir wissen es recht gut sogar, und doch gehen wir den offenen Ausweg nicht. O warum nicht?

Oder ist das etwa doch nur Traum und Phantasie, dieses Reich Gottes? Könnte uns nun doch jemand kommen und sagen: ich weiß nichts davon, und ich glaube nicht daran? Hör auf dein Gewissen, lieber Freund, würde ich dem antworten, sagt es dir nicht, wenn du ehrlich bist: doch, es ist so: ich würde ein anderer, fröhlicher, freier Mensch sein, wenn ich unter des ewigen Gottes Herrschaft stünde! Die Menschheit würde etwas ganz Anderes sein in ihrem Zusammenleben, wenn Gottes Wille ihr Gesetz wäre. Mit |230 aller Macht ruft unser Gewissen: Fort mit meiner Willkür, fort mit meiner falschen Freiheit, fort mit den eigenen unglücklichen Wegen — es komme dein Reich, es komme die Freiheit und Freude deiner Herrschaft! Sie komme über mich! Sie komme über uns! Sie erlöse uns von allem Übel [vgl. Mt. 6,13]. So ruft unser Gewissen.

Als zweiter gewaltiger, unwiderleglicher Zeuge dafür tritt Jesus Christus auf. In ihm ist das Reich Gottes lebendig zu unzähligen Menschenseelen, lebendig in die Menschheit hineingekommen. Als er zu seinen Jüngern sagte: Trachtet nach dem Reiche Gottes!, da wußten sie sofort: dieses Reich Gottes ist nicht ein bloßer Gedanke. Sie sahen es vor sich, greifbar deutlich, wie das ist, wenn Gott herrscht und wenn man ihm gehorcht. Sie sahen, was das für etwas Hohes, Herrliches ist. Sie sahen die Freiheit, die Freude, den Frieden, das tiefe Glück, das diese Herrschaft Gottes über den Menschen verbreitet. Sie sahen wahrhaftig, wie der Mensch durch die Unterwerfung unter diese Herrschaft Gott gleich wird. Sie sahen das Alles in Jesus. Sie brauchten nicht zu fragen: was ist das, das Reich Gottes, sie sahen es vor sich, unendlich viel deutlicher, als wir es mit tausend Worten beschreiben können. Und wir brauchen eigentlich auch nicht zu fragen, auch wir können es einfach vor uns sehen, wenn wir Jesus ansehen. Wo ein Mensch denkt, lebt, redet wie Jesus, da ist das Reich Gottes. Wenn wir Jesus nachfolgen, dann sind wir im Reich Gottes. Wir brauchen wirklich keine weitere Aufklärung darüber, wenn wir an ihn denken, und auch keine weiteren Beweise dafür, daß das Reich Gottes Wahrheit ist, Tatsache im höchsten Sinn. Du traust dem nicht, was dein Gewissen dir doch unmißverständlich sagt, du meinst, dieser Glaube, diese Hoffnung könnten trügerisch sein. Nun ja, aber nicht wahr, wenn wir gesinnt wären, wie Jesus Christus war [vgl. Phil. 2,5], dann wäre das Sehnen unserer Seele, das Sehnen der Menschheit, das durch die Jahrtausende geht, gestillt, dann würden wir besitzen, was uns jetzt fehlt, dann würde verschwinden, was uns jetzt stört und trennt und schädigt. In Jesus Christus sehen wir das Reich Gottes und die |231 Fülle des Segens, die es mit sich bringt. Das müssen wir uns gestehen, wenn wir ihn auch nur ein wenig kennen, wenn auch nur ein Funken Aufrichtigkeit in uns ist.

Wollen wir ihm nicht folgen, wenn er uns jetzt sagt: trachtet nach dem Reiche Gottes? Trachten nach etwas heißt nicht: besitzen. Wir können nicht einfach sagen: ich will jetzt unter der Herrschaft Gottes stehen. Wir können nicht einfach sagen: ich will mir mit raschem Griff aneignen, was mein Gewissen mir als erstrebenswert vorhält. Wir können uns nicht neben Jesus stellen und ohne Weiteres sagen: ich will sein, wie er war. Das wäre Größenwahn. Das wäre Träumerei und Phantasterei. Aber wir dürfen uns auch nicht herausreden: das ist zu hoch für mich, das ist zu viel verlangt von den Menschen, wir sind schwache, unvollkommene Geschöpfe. O was für törichtes Geschwätz! Ja, das Reich Gottes, Gottes völlige Herrschaft über uns, das ist etwas unendlich Hohes, davon sind wir noch sehr fern, aber das soll uns nicht hindern, sondern anspornen, danach zu trachten, danach zu begehren, darauf zu hoffen und dafür zu arbeiten, so gut wirs können. Wirf die Zweifel einmal weg und die Bedenken, den törichten, blinden Glauben, es könne nicht sein, es sei nicht möglich, dorthin zu gehen, wohin das Gewissen, wohin Jesus dich ruft. Das ist der gefährlichste, schädlichste Aberglaube. An ihm kranken unzählige Seelen. An ihm krankt das Menschengeschlecht. Sieh, nun handelt es sich darum: wollen wir gesund werden? Wir können, wenn wir wollen. Wir können frei werden, stark und fröhlich werden, wenn wir trachten nach dem, was droben ist [vgl. Kol. 3,2] und was doch da drinnen in uns lebt als unser tiefstes Verlangen. Nimms an! Komm mit! Schließ dich an! Fürchte dich nicht! Es wird dich nicht gereuen!

Amen.

Sachfußnoten

1
Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf dem Mskr. notiert: Lied 176 Vers 1, 2, 3: «Gottesruhe, Sabbatstille …» von Chr. Fr. Dan. Schubart (1739–1791) 🎵 und Lied 297 (EKG 262) Vers 1, 4, 5: «O Durchbrecher aller Bande …» von G. Arnold (1666–1714) 🎵.↩