Predigt: Matthäus 6,33 (II)
Wir haben das letzte Mal von der großen Sehnsucht geredet, die wir in uns müssen stark werden lassen, wenn Gottes Liebe unser Herz gewonnen hat. Diese Sehnsucht ist das Beste in uns, besser als unsere Klugheit, besser als unsere Bravheit. Sie ist das heilige Opfer, das Gott von uns fordert. Wir haben sie beschrieben, wie sie sein muß: ein tiefes Bedürfnis unserer Seele, eine große Aufrichtigkeit gegen uns selbst und unsere Unvollkommenheit, eine ernste Willigkeit, diesem heiligen Trieb dann auch gehorsam zu sein in Wort und Tat.
Aber was ist nun das Ziel dieser großen Sehnsucht? Es gibt
ein Dichten und Trachten des menschlichen Herzens, das böse ist von Jugend an [
225 Jawohl — das müssen wir sagen, und darüber soll sich niemand täuschen —: Wer auf das Reich Gottes hofft und ihm entgegengeht, der geht einen einsamen und beschwerlichen Weg. Kein Wunder, wenn die Anderen, die sein Ziel nicht sehen, ihn nicht verstehen können, ihn einen unruhigen, närrischen Kopf nennen. Da bekommt man auf einmal nachzudenken und zu studieren, während Alle um Einen her meinen, es sei doch Alles einfach und sonnenklar. Da muß man manchmal mitten durch die Leute hindurchgehen, ohne auf ihr Reden und Treiben zu achten, ohne auch nur links und rechts zu sehen. Da muß man es sich zu Zeiten gefallen lassen, daß man angeglotzt wird wie ein wildes Tier. Da muß man jetzt voll trauriger Befürchtungen den Kopf schütteln, während Alles um uns her zufrieden und vergnügt ist und nichts Besseres begehrt, und muß jetzt die Hoffnung und die Freudigkeit hochhalten, während Alles die Achseln zuckt und müde und matt verzichtet und verzweifelt. Da muß man oft, sehr oft schwarz sehen, wo Alles weiß sieht, und weiß, wo Alles schwarz sieht. Man muß den Mut haben, einsam zu sein. Da muß man immer wieder Dinge sagen und tun, die kein Mensch billigt, da kann mans von allen Seiten, von all den Vorsichtigen, Wohlüberlegten, Dreimalweisen zu hören bekommen: o wie unvorsichtig! wie einseitig! wie sonderbar! und wie die Worte alle heißen. Man muß den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen. Und dann heißt es Enttäuschung über Enttäuschung über sich ergehen lassen, wenn das Ziel immer wieder in scheinbar unerreichbare Ferne rückt, wenn man immer wieder merken muß, der Weg dahin ist ein steiler, steiniger Weg, wenn die Anderen Einen nicht nur nicht verstehen, sondern nicht einmal gewähren lassen, sondern hindern, wo sie können, schließlich und vor Allem, wenn man durch eigene Schwachheit und Ungeschicklichkeit immer wieder vom Ziel abkommt. O, wie viele Möglichkeiten, die Einen irre machen könnten im Trachten nach dem Reiche Gottes! Man muß den Mut haben, zu leiden und zu warten.
Aber das Alles kann man eben, wenn man einmal das Ziel gesehen hat.
Das Alles wurde Einem zu ganz selbstverständlichen
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Begleitumständen, die man bedauert, über die man etwa einmal seufzt, durch die man
sich aber unter keinen Umständen mehr von seinem Weg abbringen läßt. Ein Mensch, der
auf das Reich Gottes hofft, lebt eben damit innerlich schon in einer anderen,
besseren Welt. In ihm brennt ein Licht, das heller ist als alle Dunkelheiten. In ihm
wohnt eine Kraft, die stärker ist als alle feindseligen Gewalten. Da mögen die
Enttäuschungen, Mißerfolge und Niederlagen des Lebens wohl gegen ihn daherkommen wie
Wasserwogen, sie können ihn doch nicht erdrücken. Er ist traurig und doch fröhlich
[vgl.
Ja, es ist nichts so Leichtes und Selbstverständliches, nach dem Reiche Gottes und
seiner Gerechtigkeit zu trachten, ja, der Glaube ist nicht jedermanns Ding
[
Aber das Ziel? fragst du — ich sehe das Ziel nicht, ich weiß nicht, was das sein soll: das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Ich |228 möchte wohl dabeisein und mitwandern, ich ahne die Größe eines solchen Lebens, aber wohin geht die Reise? So darfst du schon fragen, lieber Freund, es haben schon tausend so gefragt, haben Antwort gefunden und sind fröhliche, sichere Hoffnungsmenschen geworden. Aber, nicht wahr, es ist dir ernst, und du fragst nicht, weil du im Grunde ausweichen möchtest, weil du nach einer Ausrede suchst, um jenes Große nicht wagen zu müssen? Die Antwort ist nämlich nicht weit zu suchen, und sie ist nicht schwer verständlich. Es weiß sie mancher — und sieht dann doch das Ziel nicht, weil er nicht will. Das Reich Gottes, das ist Gottes Herrschaft, seine Königsherrschaft. Es ist da, wo man Gott gehorcht, wo man sich seinem Willen unterwirft. Nach dem Reiche Gottes trachten, das heißt, sich danach sehnen, unter die Königsherrschaft Gottes zu kommen. Das ist nichts Sonderbares, nichts Fremdartiges, nicht ein Gedanke, den wir erst auf Umwegen entdecken müßten.
In jeder Menschenseele ist tief verborgen das Heimweh nach dieser Herrschaft Gottes. Wir sind armselig irrende Wesen, solange wir unsere eigenen Herren sein wollen, solange wir meinen, ohne ihn und seinen Willen sein zu können. Da meinen wir zu tun, was uns gefalle, und widerstreben doch unserer tiefsten Bestimmung, entfernen uns notwendig von unserem wahren Glück. Da meinen wir, frei zu sein, und kommen doch nur immer tiefer in die Abhängigkeit und Gefangenschaft von uns selbst, von der Welt, von den Leuten hinein. Unser tiefstes Inwendigstes hungert nach dem Reiche Gottes, nach der Herrschaft des Ewigen, Lebendigen, denn nur unter dieser Herrschaft finden wir Freiheit, Beständigkeit, Kraft, Leben — wir wissen es. O ja, wir wissen es, wir wissen, was es ist, das Reich Gottes, wir wissen, wie unendlich schön das sein müßte, in diesem Reiche drin zu stehen, und doch zaudern wir noch, wollen nicht sehen und glauben, daß es wahrhaftig unser Ziel ist in Zeit und Ewigkeit, wollen dem Heimweh nicht nachgeben, das uns schlicht und sicher diesem Ziel entgegenführen würde.
Dieses Heimweh ist in der einzelnen Seele lebendig, aber auch
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in der ganzen Menschheit, es geht durch die Jahrtausende, durch
die Völker aller Länder. Es äußert sich da und dort, immer wieder in ergreifenden
Ausbrüchen der Sehnsucht, der Verzweiflung. Die Menschen wissen es ganz genau, daß
Frieden und Glück und Seligkeit nicht sein können auf dieser Erde, solange ein jeder
seinen eigenen Weg geht, solange ein jeder tut, was ihm gutdünkt
[vgl.
Oder ist das etwa doch nur Traum und Phantasie, dieses Reich Gottes? Könnte uns nun
doch jemand kommen und sagen: ich weiß nichts davon, und ich glaube nicht daran? Hör
auf dein Gewissen, lieber Freund, würde ich dem antworten, sagt es
dir nicht, wenn du ehrlich bist: doch, es ist so: ich würde ein
anderer, fröhlicher, freier Mensch sein, wenn ich unter des ewigen Gottes Herrschaft
stünde! Die Menschheit würde etwas ganz Anderes sein in ihrem
Zusammenleben, wenn Gottes Wille ihr Gesetz wäre. Mit
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aller Macht ruft unser Gewissen: Fort mit meiner Willkür, fort mit meiner falschen
Freiheit, fort mit den eigenen unglücklichen Wegen — es komme dein Reich, es komme
die Freiheit und Freude deiner Herrschaft! Sie komme über mich! Sie komme über uns!
Sie erlöse uns von allem Übel [vgl.
Als zweiter gewaltiger, unwiderleglicher Zeuge dafür tritt Jesus
Christus auf. In ihm ist das Reich Gottes lebendig zu unzähligen
Menschenseelen, lebendig in die Menschheit hineingekommen. Als er zu seinen Jüngern
sagte: Trachtet nach dem Reiche Gottes!, da wußten sie sofort: dieses Reich Gottes
ist nicht ein bloßer Gedanke. Sie sahen es vor sich, greifbar deutlich, wie das ist,
wenn Gott herrscht und wenn man ihm gehorcht. Sie sahen, was das für etwas Hohes,
Herrliches ist. Sie sahen die Freiheit, die Freude, den Frieden, das tiefe Glück, das
diese Herrschaft Gottes über den Menschen verbreitet. Sie sahen wahrhaftig, wie der
Mensch durch die Unterwerfung unter diese Herrschaft Gott gleich wird. Sie sahen das
Alles in Jesus. Sie brauchten nicht zu fragen: was ist das, das Reich Gottes, sie
sahen es vor sich, unendlich viel deutlicher, als wir es mit tausend Worten
beschreiben können. Und wir brauchen eigentlich auch nicht zu fragen, auch wir können
es einfach vor uns sehen, wenn wir Jesus ansehen. Wo ein Mensch denkt, lebt, redet
wie Jesus, da ist das Reich Gottes. Wenn wir Jesus nachfolgen, dann sind wir im Reich
Gottes. Wir brauchen wirklich keine weitere Aufklärung darüber, wenn wir an ihn
denken, und auch keine weiteren Beweise dafür, daß das Reich Gottes Wahrheit ist,
Tatsache im höchsten Sinn. Du traust dem nicht, was dein Gewissen dir doch
unmißverständlich sagt, du meinst, dieser Glaube, diese Hoffnung könnten trügerisch
sein. Nun ja, aber nicht wahr, wenn wir gesinnt wären, wie Jesus Christus war [vgl.
Wollen wir ihm nicht folgen, wenn er uns jetzt sagt: trachtet nach dem Reiche Gottes?
Trachten nach etwas heißt nicht: besitzen. Wir können nicht einfach sagen: ich will
jetzt unter der Herrschaft Gottes stehen. Wir können nicht einfach sagen: ich will
mir mit raschem Griff aneignen, was mein Gewissen mir als erstrebenswert vorhält. Wir
können uns nicht neben Jesus stellen und ohne Weiteres sagen: ich will sein, wie er
war. Das wäre Größenwahn. Das wäre Träumerei und Phantasterei. Aber wir dürfen uns
auch nicht herausreden: das ist zu hoch für mich, das ist zu viel verlangt von den
Menschen, wir sind schwache, unvollkommene Geschöpfe. O was für törichtes Geschwätz!
Ja, das Reich Gottes, Gottes völlige Herrschaft über uns, das ist etwas unendlich
Hohes, davon sind wir noch sehr fern, aber das soll uns nicht hindern, sondern
anspornen, danach zu trachten, danach zu begehren, darauf zu hoffen und dafür zu
arbeiten, so gut wirs können. Wirf die Zweifel einmal weg und die Bedenken, den
törichten, blinden Glauben, es könne nicht sein, es sei nicht möglich, dorthin zu
gehen, wohin das Gewissen, wohin Jesus dich ruft. Das ist der gefährlichste,
schädlichste Aberglaube. An ihm kranken unzählige Seelen. An ihm krankt das
Menschengeschlecht. Sieh, nun handelt es sich darum: wollen wir gesund werden? Wir
können, wenn wir wollen. Wir können frei werden, stark und fröhlich werden, wenn wir
trachten nach dem, was droben ist [vgl.