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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 6,33 (II)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 6,33 (II), 3. Mai 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5022 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 223–231.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 6,33 (II)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 223-231</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 218</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 6,33 (II), 3. Mai 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1660">KBA 1196</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-05-03">3. Mai 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-05-03">3. Mai 1914</date><note xml:id="n01">Als 
            Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf
                     dem <ref corresp="A">Mskr.</ref> notiert: <bibl corresp="kbga-songs-106" type="song">Lied 176
                        Vers 1, 2, 3: «Gottesruhe, Sabbatstille …» von <persName ref="kbga-actors-1403">Chr. Fr. Dan. Schubart</persName> (1739–1791)</bibl> und <bibl corresp="kbga-songs-60" type="song"> Lied 297 (EKG
                                     262) Vers 1, 4, 5: «O Durchbrecher aller Bande …» von <persName ref="kbga-actors-1342">G. Arnold</persName> (1666–1714)</bibl>.</note>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.33">Matthäus 6,33</ref>
                            <span>
                                <idno>II</idno>
                            </span>
              <quote>Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
                        so wird euch solches alles zufallen.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Wir haben das letzte Mal von der großen Sehnsucht geredet, die wir in uns müssen
               stark werden lassen, wenn Gottes Liebe unser Herz gewonnen hat. Diese Sehnsucht ist
               das Beste in uns, besser als unsere Klugheit, besser als unsere Bravheit. Sie ist das
               heilige Opfer, das Gott von uns fordert. Wir haben sie beschrieben, wie sie sein muß:
               ein tiefes Bedürfnis unserer Seele, eine große Aufrichtigkeit gegen uns selbst und
               unsere Unvollkommenheit, eine ernste Willigkeit, diesem heiligen Trieb dann auch
               gehorsam zu sein in Wort und Tat.</p>
        <p>Aber was ist nun das <hi rend="italic">Ziel dieser großen Sehnsucht?</hi> Es gibt
               ein Dichten und Trachten des menschlichen Herzens, das böse ist von Jugend an [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.8.21">Gen. 8,21</ref>], es gibt so viel
               törichtes, verkehrtes Wünschen, Hoffen und Begehren, so viel unklares, unnützes
               Sehnen und Streben. Was meint Jesus, wenn er uns auffordert: Trachtet nach dem Reiche
               Gottes und nach seiner Gerechtigkeit!? O wenn ich es doch lebendig vor eure Augen
               hinstellen könnte, dieses unser herrliches, unvergleichliches Ziel für Zeit und
               Ewigkeit, so daß ihr <hi rend="italic">daran glauben</hi> müßtet! Wenn ich es euch doch
               zeigen könnte,
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                so, daß es uns allen zum Allerselbstverständlichsten würde, danach zu trachten, uns
               darauf zu freuen, dafür zu arbeiten, dafür zu leiden, wenn es sein muß mit der ganzen
               Kraft unseres Wesens! So, daß es uns allen ganz unmöglich würde, zu meinen, das
               Streben nach diesem Ziel sei etwas Unnötiges, etwas, was man auch bleiben lassen
               könne, etwas, was man sein läßt, sobald es sich einem besser schickt. Was für
               traurige, haltlose Meinungen! Wer einmal dieses Ziel wirklich gesehen, den läßt es
               nicht mehr los, der kann nicht mehr leben anders als in der Hoffnung, in der
               Erwartung, in der beständigen Bereitschaft. Was für eine armselige Ansicht, es sei
               töricht und gefährlich, nach diesem Ziel zu streben und daran zu glauben, man
               verbittere damit sich selbst und Anderen das Leben, man erreiche nichts und richte
               nur Schaden an! O du verkehrte Welt! Gerade das Gegenteil ist wahr. Es gibt keine
               höhere Weisheit und nichts Glückverheißenderes als dieses Glauben und Streben. Es
               gibt keine größere, tiefere Freude als diese Hoffnung, und wahrhaftig, wir können
               auch für unsere Mitmenschen nichts Besseres, Segensreicheres tun als so recht
               aufrichtig und ernsthaft in dieser Hoffnung zu leben. Welchen Menschen hat das Leben
               am meisten geboten, welchen ist es trotz aller Mühen und Enttäuschungen zu einem
               einzigen herrlichen Geschenk geworden? Welche sind so recht in Wahrheit die Freunde
               und Helfer der Anderen geworden, von welchen ist trotz Mißverständnis, Spott und
               Feindschaft am meisten Licht und Kraft ausgegangen? Es waren immer und immer wieder
               die, die nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit trachteten. Töricht und
               gefährlich ist es, das nicht zu tun, sich fern zu halten von der natürlichsten
               Bestimmung der Menschenseele, sich auszuschließen von der großen göttlichen
               Lebensbewegung nach vorwärts und aufwärts. Da berauben wir uns des Besten, was wir
               haben, um scheinbarer wertloser Vorteile, um scheinbarer grundloser Befürchtungen
               willen. O wenn doch der Glaube, die Liebe, die Hoffnung einmal aufleuchten würden in
               unseren Herzen, die uns jenem Ziele entgegentreiben! Das wäre die Seligkeit, für uns
               selbst und für Alle, die um uns sind.</p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p225" ed="pga"/> Jawohl — das müssen wir sagen, und darüber soll sich niemand täuschen —: Wer auf das
               Reich Gottes hofft und ihm entgegengeht, der geht einen einsamen und <hi rend="italic">beschwerlichen Weg</hi>. Kein Wunder, wenn die Anderen, die sein Ziel nicht
               sehen, ihn nicht verstehen können, ihn einen unruhigen, närrischen Kopf nennen. Da
               bekommt man auf einmal nachzudenken und zu studieren, während Alle um Einen her
               meinen, es sei doch Alles einfach und sonnenklar. Da muß man manchmal mitten durch
               die Leute hindurchgehen, ohne auf ihr Reden und Treiben zu achten, ohne auch nur
               links und rechts zu sehen. Da muß man es sich zu Zeiten gefallen lassen, daß man
               angeglotzt wird wie ein wildes Tier. Da muß man jetzt voll trauriger Befürchtungen
               den Kopf schütteln, während Alles um uns her zufrieden und vergnügt ist und nichts
               Besseres begehrt, und muß jetzt die Hoffnung und die Freudigkeit hochhalten, während
               Alles die Achseln zuckt und müde und matt verzichtet und verzweifelt. Da muß man oft,
               sehr oft schwarz sehen, wo Alles weiß sieht, und weiß, wo Alles schwarz sieht. Man
               muß den Mut haben, <hi rend="italic">einsam</hi> zu sein. Da muß man immer wieder Dinge
               sagen und tun, die kein Mensch billigt, da kann mans von allen Seiten, von all den
               Vorsichtigen, Wohlüberlegten, Dreimalweisen zu hören bekommen: o wie unvorsichtig!
               wie einseitig! wie sonderbar! und wie die Worte alle heißen. Man muß den Mut haben,
                  <hi rend="italic">gegen den Strom</hi> zu schwimmen. Und dann heißt es Enttäuschung
               über Enttäuschung über sich ergehen lassen, wenn das Ziel immer wieder in scheinbar
               unerreichbare Ferne rückt, wenn man immer wieder merken muß, der Weg dahin ist ein
               steiler, steiniger Weg, wenn die Anderen Einen nicht nur nicht verstehen, sondern
               nicht einmal gewähren lassen, sondern hindern, wo sie können, schließlich und vor
               Allem, wenn man durch eigene Schwachheit und Ungeschicklichkeit immer wieder vom Ziel
               abkommt. O, wie viele Möglichkeiten, die Einen irre machen könnten im Trachten nach
               dem Reiche Gottes! Man muß den Mut haben, zu <hi rend="italic">leiden</hi> und zu
               warten.</p>
        <p>Aber das Alles <hi rend="italic">kann</hi> man eben, wenn man einmal das Ziel gesehen hat.
               Das Alles wurde Einem zu ganz selbstverständlichen <milestone xml:id="m15" unit="page"/>
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                Begleitumständen, die man bedauert, über die man etwa einmal seufzt, durch die man
               sich aber unter keinen Umständen mehr von seinem Weg abbringen läßt. Ein Mensch, der
               auf das Reich Gottes hofft, lebt eben damit innerlich schon in einer anderen,
               besseren Welt. In ihm brennt ein Licht, das heller ist als alle Dunkelheiten. In ihm
               wohnt eine Kraft, die stärker ist als alle feindseligen Gewalten. Da mögen die
               Enttäuschungen, Mißerfolge und Niederlagen des Lebens wohl gegen ihn daherkommen wie
               Wasserwogen, sie können ihn doch nicht erdrücken. Er ist traurig und doch fröhlich
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.6.10">2.Kor. 6,10</ref>], einsam
               und doch nicht allein, angefochten und doch nie überwältigt. Er ist in dem Allen ein
               freudiger Mensch, weil er durch das Schauen jenes Zieles so selig ist, daß nichts
               Anderes dagegen aufkommen kann. Er ist freudig und dankbar, weil Gott ihm die Augen
               aufgetan hat und ihm diese lebendige Hoffnung geschenkt hat; er möchte wahrhaftig
               nicht, daß es anders wäre, auch wenn ihm dadurch das Leben nicht gerade leicht
               gemacht wird. Er ist freudig und dankbar, weil er trotz Allem immer wieder
               Erfahrungen und Beobachtungen machen darf, die ihm bestätigen, daß er recht hat mit
               seiner Hoffnung, daß sie nicht ein Traum oder eine Phantasie ist, sondern auf
               Tatsachen beruht, daß das Näherkommen des Reiches Gottes die sicherste Wahrheit ist,
               auch wenn nicht jedes blöde Auge sie wahrzunehmen vermag. Er kann manchmal sogar
               freudig und dankbar sein für seine Einsamkeit, für seine Mißerfolge, für Alles, was
               dazwischenkommt und scheinbar hindern will, weil er weiß, daß das Alles so sein muß,
               daß der Weg zum Reiche Gottes nun einmal durch Alles das hindurch führt. Jede
               mißliche und traurige Erfahrung muß schließlich auch ein Schritt vorwärts sein, ein
               Schritt näher zum Ziele hin. Er <hi rend="italic">ist</hi> eben in seinem Innersten schon
               in der anderen oberen Welt, wo der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch
               Geschrei, wo alle Tränen abgewischt werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.4">Apk. 21,4</ref>]. 
               Er trägt in seinem Innersten ein Gefühl
               wunderbaren Glückes, das wohl gelegentlich schwer gestört, aber nicht vertilgt werden
               kann. Ihm ist es aufgegangen, daß das Menschenleben mit all seinem Auf und Ab und Hin
               und Her etwas unvergleichlich Herr<pb xml:id="p227" ed="pga" break="no"/>liches ist. Er kann ertragen, was das Leben mit sich bringt, und kann schaffen, was
               das Leben von uns fordert, und er lernt es immer besser. Er murrt und seufzt und
               klagt wohl etwa auch, aber immer weniger, er wird immer sicherer, immer heiterer,
               immer gewisser — o meine Freunde, merken wir denn nicht, daß dieser Ruf Jesu:
               Trachtet nach dem Reiche Gottes! ganz einfach der Ruf zum Leben ist, zu einem freien,
               glücklichen, überlegenen Leben, nach dem wir uns doch im Grunde Alle sehnen? Ja, die
               Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, und wenig sind es, die ihn finden 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.14">Mt. 7,14</ref>] — aber möchten wir
               nicht Alle dort sein, wo man hinkommt, wenn man ihn geht?</p>
        <p>Ja, es ist nichts so Leichtes und Selbstverständliches, nach dem Reiche Gottes und
               seiner Gerechtigkeit zu trachten, ja, der Glaube ist nicht jedermanns Ding 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Thess.3.2">2.Thess. 3,2</ref>], aber ebenso
               sicher ist, daß der Glaube niemandem unmöglich ist, daß Keiner sagen darf: ich kann
               das nicht, dieses Trachten. O doch, jeder kanns, ders wagt. Wollen wirs nicht wagen?
               Wollen wir nicht eintreten in den unsichtbaren Bund der Hoffnungsmenschen, in die
               Reihen derer, die hier nicht daheim sind, weil sie es dort sind, die hier keine
               bleibende Stätte haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.14">Hebr. 13,14</ref>], 
               weil [sie] dort ihren sicheren unerschütterlichen Grund gefunden,
               die hier einsam, mißverstanden, ausgelacht, angefochten sind, dort aber sich
               siegreich und fröhlich die Hände reichen — und die doch nicht schmachten und träumen
               nach etwas, was nie kommt, sondern schon hier, schon jetzt im hellen heiteren Schein
               ihrer Hoffnung leben und blühen? Wollen wir nicht? Spüren wir nicht, wie etwas in uns
               ruft und lockt: ja, so Einer möchte ich auch werden, dahin möchte ich kommen! O wie
               wäre uns geholfen, was für glückliche Menschen würden wir sein, wenn jetzt eine
               unsichtbare Kraft uns über unsere Bedenken und Abneigungen hinwegtragen würde, sodaß
               wir im Innersten in der anderen oberen Welt wären, wenn das große erlösende Trachten
               nach dem Reiche Gottes sich als eine lebendige Tatsache hineinsenkte in unsere
               Seele!</p>
        <p>Aber das Ziel? fragst du — ich sehe das Ziel nicht, ich weiß nicht, was das sein
               soll: <hi rend="italic">das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit</hi>. Ich
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                möchte wohl dabeisein und mitwandern, ich ahne die Größe eines solchen Lebens, aber
               wohin geht die Reise? So darfst du schon fragen, lieber Freund, es haben schon
               tausend so gefragt, haben Antwort gefunden und sind fröhliche, sichere
               Hoffnungsmenschen geworden. Aber, nicht wahr, es ist dir ernst, und du fragst nicht,
               weil du im Grunde ausweichen möchtest, weil du nach einer Ausrede suchst, um jenes
               Große nicht wagen zu müssen? Die Antwort ist nämlich nicht weit zu suchen, und sie
               ist nicht schwer verständlich. Es weiß sie mancher — und sieht dann doch das Ziel
               nicht, weil er nicht will. Das Reich Gottes, das ist Gottes Herrschaft, seine
               Königsherrschaft. Es ist da, wo man Gott gehorcht, wo man sich seinem Willen
               unterwirft. Nach dem Reiche Gottes trachten, das heißt, sich danach sehnen, unter die
               Königsherrschaft Gottes zu kommen. Das ist nichts Sonderbares, nichts Fremdartiges,
               nicht ein Gedanke, den wir erst auf Umwegen entdecken müßten.</p>
        <p>In jeder <hi rend="italic">Menschenseele</hi> ist tief verborgen das Heimweh nach dieser
               Herrschaft Gottes. Wir sind armselig irrende Wesen, solange wir unsere eigenen Herren
               sein wollen, solange wir meinen, ohne ihn und seinen Willen sein zu können. Da meinen
               wir zu tun, was uns gefalle, und widerstreben doch unserer tiefsten Bestimmung,
               entfernen uns notwendig von unserem wahren Glück. Da meinen wir, frei zu sein, und
               kommen doch nur immer tiefer in die Abhängigkeit und Gefangenschaft von uns selbst,
               von der Welt, von den Leuten hinein. Unser tiefstes Inwendigstes hungert nach dem
               Reiche Gottes, nach der Herrschaft des Ewigen, Lebendigen, denn nur unter dieser
               Herrschaft finden wir Freiheit, Beständigkeit, Kraft, Leben — wir wissen es. O ja,
               wir wissen es, wir wissen, was es ist, das Reich Gottes, wir wissen, wie unendlich
               schön das sein müßte, in diesem Reiche drin zu stehen, und doch zaudern wir noch,
               wollen nicht sehen und glauben, daß es wahrhaftig unser Ziel ist in Zeit und
               Ewigkeit, wollen dem Heimweh nicht nachgeben, das uns schlicht und sicher diesem Ziel
               entgegenführen würde.</p>
        <p>Dieses Heimweh ist in der einzelnen Seele lebendig, aber auch
               <pb xml:id="p229" ed="pga"/>
                in der ganzen <hi rend="italic">Menschheit</hi>, es geht durch die Jahrtausende, durch
               die Völker aller Länder. Es äußert sich da und dort, immer wieder in ergreifenden
               Ausbrüchen der Sehnsucht, der Verzweiflung. Die Menschen wissen es ganz genau, daß
               Frieden und Glück und Seligkeit nicht sein können auf dieser Erde, solange ein jeder
               seinen eigenen Weg geht, solange ein jeder tut, was ihm gutdünkt 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ri.17.6">Ri. 17,6</ref>; 
               <ref type="can" subtype="bible" target="Ri.21.25">21,25</ref>]. Sie ahnen etwas: das, was Heil
               uns bringen würde, das wäre Gottes Reich, Gottes Herrschaft. Wenn sie unter uns wäre,
               wenn wir ihr gehorchen würden, wir alle, dann würden wir erlöst von all dem, was uns
               jetzt fehlt, dann würden Neid und Haß und Krieg und Alles, womit wir einander das
               Leben verbittern, nicht mehr sein. Im Hause des Vaters würden wir die wahre Freiheit
               finden, während uns jetzt ein Truggespinst von Freiheit zum Fluche wird. O ja, das
               ahnen die Menschen, sie wissen ganz genau: das Allermeiste von dem, was uns drückt
               und plagt, worunter wir seufzen seit Jahrtausenden, das Allermeiste davon müßte
               eigentlich durchaus nicht sein. Wir seufzen darunter wie unter einer Krankheit. Eine
               Krankheit aber ist nie etwas Normales, nie etwas, was man anerkennt, jedes lebendige
               Wesen strebt nach Gesundheit, solange es noch einen Ausweg dazu gibt. Und es gibt
               einen Ausweg aus all dem Leiden, unter dem wir Menschen seufzen: wir wissen es auch
               recht gut: die Herrschaft Gottes ist der Ausweg. Wenn wir ihm gehorsam werden, dann
               hört das Alles auf, es würde von Stund an sogar aufhören, wenn wir alle miteinander
               unter die Herrschaft Gottes treten würden. Das wissen wir, wir wissen es recht gut
               sogar, und doch gehen wir den offenen Ausweg nicht. O warum nicht?</p>
        <p>Oder ist das etwa doch nur Traum und Phantasie, dieses Reich Gottes? Könnte uns nun
               doch jemand kommen und sagen: ich weiß nichts davon, und ich glaube nicht daran? Hör
               auf dein <hi rend="italic">Gewissen,</hi> lieber Freund, würde ich dem antworten, sagt es
               dir nicht, wenn du ehrlich bist: doch, es ist so: ich <hi rend="italic">würde</hi> ein
               anderer, fröhlicher, freier Mensch sein, wenn ich unter des ewigen Gottes Herrschaft
               stünde! Die Menschheit <hi rend="italic">würde</hi> etwas ganz Anderes sein in ihrem
               Zusammenleben, wenn Gottes Wille ihr Gesetz wäre. Mit
               <pb xml:id="p230" ed="pga"/>
                aller Macht ruft unser Gewissen: Fort mit meiner Willkür, fort mit meiner falschen
               Freiheit, fort mit den eigenen unglücklichen Wegen — es komme dein Reich, es komme
               die Freiheit und Freude deiner Herrschaft! Sie komme über mich! Sie komme über uns!
               Sie erlöse uns von allem Übel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.13">Mt. 6,13</ref>]. So ruft unser Gewissen.</p>
        <p>Als zweiter gewaltiger, unwiderleglicher Zeuge dafür tritt <hi rend="italic">Jesus
                  Christus</hi> auf. In ihm ist das Reich Gottes lebendig zu unzähligen
               Menschenseelen, lebendig in die Menschheit hineingekommen. Als er zu seinen Jüngern
               sagte: Trachtet nach dem Reiche Gottes!, da wußten sie sofort: dieses Reich Gottes
               ist nicht ein bloßer Gedanke. Sie sahen es vor sich, greifbar deutlich, wie das ist,
               wenn Gott herrscht und wenn man ihm gehorcht. Sie sahen, was das für etwas Hohes,
               Herrliches ist. Sie sahen die Freiheit, die Freude, den Frieden, das tiefe Glück, das
               diese Herrschaft Gottes über den Menschen verbreitet. Sie sahen wahrhaftig, wie der
               Mensch durch die Unterwerfung unter diese Herrschaft Gott gleich wird. Sie sahen das
               Alles in Jesus. Sie brauchten nicht zu fragen: was ist das, das Reich Gottes, sie
               sahen es vor sich, unendlich viel deutlicher, als wir es mit tausend Worten
               beschreiben können. Und wir brauchen eigentlich auch nicht zu fragen, auch wir können
               es einfach vor uns sehen, wenn wir Jesus ansehen. Wo ein Mensch denkt, lebt, redet
               wie Jesus, da ist das Reich Gottes. Wenn wir Jesus nachfolgen, dann sind wir im Reich
               Gottes. Wir brauchen wirklich keine weitere Aufklärung darüber, wenn wir an ihn
               denken, und auch keine weiteren Beweise dafür, daß das Reich Gottes Wahrheit ist,
               Tatsache im höchsten Sinn. Du traust dem nicht, was dein Gewissen dir doch
               unmißverständlich sagt, du meinst, dieser Glaube, diese Hoffnung könnten trügerisch
               sein. Nun ja, aber nicht wahr, wenn wir gesinnt wären, wie Jesus Christus war [vgl.
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.5">Phil. 2,5</ref>], <hi rend="italic">dann</hi>
                   wäre das Sehnen unserer Seele, das Sehnen der Menschheit, das durch die
               Jahrtausende geht, gestillt, dann würden wir besitzen, was uns jetzt fehlt, dann
               würde verschwinden, was uns jetzt stört und trennt und schädigt. In Jesus Christus
               sehen wir das Reich Gottes und die
               <pb xml:id="p231" ed="pga"/>
                Fülle des Segens, die es mit sich bringt. Das müssen wir uns gestehen, wenn wir ihn
               auch nur ein wenig kennen, wenn auch nur ein Funken Aufrichtigkeit in uns ist.</p>
        <p>Wollen wir ihm nicht folgen, wenn er uns jetzt sagt: trachtet nach dem Reiche Gottes?
               Trachten nach etwas heißt nicht: besitzen. Wir können nicht einfach sagen: ich will
               jetzt unter der Herrschaft Gottes stehen. Wir können nicht einfach sagen: ich will
               mir mit raschem Griff aneignen, was mein Gewissen mir als erstrebenswert vorhält. Wir
               können uns nicht neben Jesus stellen und ohne Weiteres sagen: ich will sein, wie er
               war. Das wäre Größenwahn. Das wäre Träumerei und Phantasterei. Aber wir dürfen uns
               auch nicht herausreden: das ist zu hoch für mich, das ist zu viel verlangt von den
               Menschen, wir sind schwache, unvollkommene Geschöpfe. O was für törichtes Geschwätz!
               Ja, das Reich Gottes, Gottes völlige Herrschaft über uns, das ist etwas unendlich
               Hohes, davon sind wir noch sehr fern, aber das soll uns nicht hindern, sondern
               anspornen, danach zu trachten, danach zu begehren, darauf zu hoffen und dafür zu
               arbeiten, so gut wirs können. Wirf die Zweifel einmal weg und die Bedenken, den
               törichten, blinden Glauben, es könne nicht sein, es sei nicht möglich, dorthin zu
               gehen, wohin das Gewissen, wohin Jesus dich ruft. Das ist der gefährlichste,
               schädlichste Aberglaube. An ihm kranken unzählige Seelen. An ihm krankt das
               Menschengeschlecht. Sieh, nun handelt es sich darum: wollen wir gesund werden? Wir
               können, wenn wir wollen. Wir können frei werden, stark und fröhlich werden, wenn wir
               trachten nach dem, was droben ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.2">Kol. 3,2</ref>] 
               und was doch da drinnen in uns lebt als unser
               tiefstes Verlangen. Nimms an! Komm mit! Schließ dich an! Fürchte dich nicht! Es wird
               dich nicht gereuen!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
