26. April 1914

Predigt: Matthäus 6,33 (I)

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Matthäus 6,33 (I)
Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.
Liebe Freunde!

In der Passions- und Osterzeit haben wir nun wieder viel gehört von dem, was Gott uns zulieb getan hat. Daß wir nicht allein sind in dieser Welt der Not und der Sünde, daß uns auch auf den dunkelsten Strecken unseres Weges Gott nahe ist mit seinem Licht und Trost, daß er es schließlich gewinnen wird und wir mit ihm über alles Unverständliche, Traurige und Böse in diesem Leben, das hat uns die Botschaft vom Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu wieder einmal gewiß gemacht. Ein heller Schein soll jetzt in unseren Herzen sein [vgl. 2.Kor. 4,6], wenn wir diese Botschaft recht gehört haben, ein heller Schein, der uns fröhlich macht und reiner und voller aufatmen läßt, auf den wir wieder hinblicken, von dem wir noch viel mehr sehen und hören möchten. |212 Das ist das eine Große, was wir an unserem christlichen Glauben haben: er versichert uns der großen Güte Gottes gegen uns, die stärker und gewisser ist als alles Niedrige und Schlimme, das uns umgeben mag und von dem wir uns bedrückt fühlen; er versichert uns, daß die Welt, in der wir leben, nicht des Teufels ist, sondern Gottes, und daß Alles, was uns darin begegnen mag, das Große und das Kleine, das Frohe und das Traurige uns zum Besten dienen muß; er versichert uns, daß wir trotz Allen und Allem, was nicht stimmt in unserer eigenen Seele, was wir beklagen müssen an uns selbst und an den Anderen, was uns hindern und plagen will, daß wir trotz Allem froh und zuversichtlich werden dürfen: wir sind in Gottes Hand, und unser Ziel und unsere Hoffnung kann uns niemand rauben, «die Leiden dieser Zeit sind der Herrlichkeit nicht wert, die an uns soll offenbart werden» [Röm. 8,18]. Das ist das Eine, sage ich, was uns das Evangelium unseres Herrn Jesus zu sagen und zu zeigen hat. Haben wir deutlich genug davon geredet in der hinter uns liegenden Zeit, die uns die leuchtenden Zeichen der göttlichen Freundlichkeit und Kraft wieder vor die Augen stellen sollte? Haben wir dankbar genug angenommen, was uns da nahetrat, waren wir willig genug, uns helfen zu lassen in unseren großen und kleinen Nöten? Nicht wahr, diese Frage kann mir und euch zu denken geben. Das wollen wir uns sagen: wenn wir jetzt immer noch seufzen, immer noch uns bloß bedrückt und erdrückt fühlen von den Tatsachen unseres Lebens, von der Art der Welt, die uns umgibt, dann liegt es nicht an Gott und an der seligmachenden Kraft seines Wortes, sondern an uns, die wir es immer noch so unvollkommen verstehen, so mattherzig aufnehmen und auf uns anwenden. Ich glaube doch: etwas wenigstens von der froh- und gewißmachenden Kraft dieses Wortes haben wir Alle empfunden und erfahren. Es kann uns nicht ganz leer gelassen haben trotz der Mangelhaftigkeit unseres Verständnisses, trotz der Zaghaftigkeit unserer Herzen. Und was uns noch fehlt, das will uns Gott auch in Zukunft noch hinzutun aus dem unerschöpflichen Reichtum seiner Liebe, wenn wir nur aufrichtig danach verlangen.

213 Doch nun wollen wir auch wieder einmal deutlich und nachdrücklich von dem Anderen reden und hören, was das Evangelium uns zeigen und schenken will. Gott will uns nicht bloß beruhigen, trösten, Freude machen, uns Licht geben auf unserem Weg, er will uns nun auch in Bewegung setzen, es soll ein neues Leben in uns entstehen, nicht nur in uns, in allen Menschen, dieses neue Leben soll wachsen und zunehmen und es schließlich gewinnen in uns selber und in der Welt. Und wir sind verantwortlich dafür. Unsere Dankbarkeit gegen Gott soll sich nicht bloß zeigen in Worten oder in einem beruhigten freudigen Gefühl, sondern dadurch, daß wir nun inwendig und auswendig eine ganz bestimmte Haltung einnehmen, daß wir uns aus ganzer Seele und aus allen unseren Kräften fügen in die einfache, klare Ordnung eines Lebens in Gott. Dieses bestimmte geordnete Leben in Gott ist das neue, das selige Leben, das in uns und in der Welt entstehen und groß werden soll. Nicht wahr, wir wollen uns nicht dagegen wehren, diese Seite nun auch wieder zur Geltung zu bringen, nachdem wir lange Zeit mehr von der anderen gesprochen haben. Ich glaube, es gibt Viele, die hören das Evangelium gerne, solange es ihnen freundlichen Trost in ihren Kummer, Licht in ihre Dunkelheit bringt. Aber wenn dann der andere Ton kommt: Menschenseele, du sollst, große Pflichten, unendliche Aufgaben stehen vor dir, Gott hat dir geholfen, nun mußt du dich aber auch beugen unter seinen Willen, dann ziehen sie sich in sich zurück, dann finden sie es nicht mehr so schön, dann hören sie lieber nicht mehr. Nicht wahr, wir wollen es jetzt nicht so machen, es wäre ja zu unserem eigenen Schaden. Wir dürfen das, was Gott uns zu sagen hat, nicht halbieren. Wir dürfen nicht sein wie naschhafte Kinder, die nehmen, was ihnen paßt, und das Übrige liegen lassen.

Seht, Gottes Gnade ist ein lebendiges Ganzes. Wir müssen sie nicht nur teilweise, sondern in ihrer Fülle auf uns wirken lassen. Es macht einen Unterschied aus, nicht wahr, ob die Sonne ihr ganzes Licht, ihre ganze Wärme uns zusenden kann, oder ob sie teilweise durch den Mond verfinstert ist, wie es ja etwa einmal vorkommt. Wir brauchen das ganze Licht, die ganze Wärme der gött|214lichen Sonne. Gott hilft uns, aber er will, daß wir nun auch etwas tun sollen. Gott tröstet und stärkt uns durch seine Güte, aber nun soll auch etwas zum Vorschein kommen von Gottes Güte bei uns, wir sollen wirklich Kinder des guten Gottes sein. Das gehört Beides zusammen. Beides muß miteinander in uns wachsen: das fröhliche Vertrauen zu ihm, unserem Vater, und der ernste Gehorsam gegen ihn. Wer ihm recht vertraut, muß ihm auch gehorchen, das kann gar nicht anders sein. Und nur der kann ihm recht gehorchen, der das rechte kindliche Vertrauen zu ihm hat. Und darum, weil Beides so unzertrennlich ist, wollen wir nun nicht erschrecken und zurückweichen, wenn es nach der tröstlichen Botschaft von Gottes Hilfe nun auch wieder heißt: du sollst, Mensch! Es wird etwas verlangt von dir. O, das ist nicht etwas weniger Schönes! Das gehört auch zu der Liebe Gottes, ja ohne das können wir eigentlich gar nicht wissen, was die Liebe Gottes ist. Die wunderbare Kraft des Vertrauens erfahren wir nur dann, wenn wir so recht völlig und kindlich bereit sind zu gehorchen. Dann erst wird es so ganz hell und licht auf unserem Weg, wenn wir dahin gekommen sind, uns vorzunehmen, keinen Schritt mehr zu tun anders als unter den Augen Gottes und nach seinen Geboten. Dann stehen wir getrost und sicher in dieser dunklen, stürmischen Welt, wenn wir an unserem Platz ein Lichtlein uns zu sein bemühen nach bestem Können und Verstehen. Die ganze Freude und den ganzen Frieden Gottes erfahren wir dann, wenn es uns so recht Ernst ist, seinem Willen in uns Raum zu geben.

Was ist denn nun diese andere, diese tätige Seite des Evangeliums? Das Wort Jesu: Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes! mag uns anleiten, sie kennenzulernen. Jesus redet in diesem Wort von der eigentümlichen Richtung und Stimmung des Herzens, des Gewissens, des Willens, die einem lebendigen Gottesmenschen eigen sein müssen, die da sein müssen bei einem Menschen, der wirklich in herzlichem Vertrauen Gott seinen Vater nennt. Sie muß ein «Trachten» sein. Trachten heißt: sich sehnen, verlangen, streben. Trachten ist eine ruhige, aber eifrige Bewegung auf ein Ziel hin. Das ists also, was Gott von uns fordert. Das ist die andere |215 Seite seines erlösenden, beseligenden Evangeliums, daß er uns sagt: nun mußt du aber auch in Bewegung kommen! Nun darfst du um keinen Preis auf dem gleichen Fleck sitzen bleiben und dirs wohlgehen lassen. Du mußt hinein in die große Bewegung nach vorwärts und aufwärts, die allem Göttlichen eigen ist. Der Friede der Seele, den du gefunden hast, muß sich zeigen darin, daß du nun ein Mensch wirst, der «trachtet», trachtet nach dem Reiche Gottes. Also nur nicht die Behaglichkeit, das vor Allem nicht. Nur nicht das satte Gefühl: es ist jetzt Alles gut und in Ordnung, und mehr brauchts nicht! So leicht überkommt uns dieser Gedanke, besonders dann, wenn das Leben uns Freude macht, wenn wir vielleicht irgend eine Schwierigkeit glücklich überstanden haben, wenn wir mit Genugtuung zurückblicken können auf einen kleineren oder größeren Sieg oder Erfolg. Gefährliche Augenblicke und Zeiten, wo es uns so wohl ist. Ganz gewiß dürfen und sollen wirs als ein Geschenk Gottes annehmen, wenn wir uns irgendwo sagen dürfen: das wäre erreicht! Da darf es uns freilich wohl sein, z. B. am Feierabend, oder am Ende einer Woche, oder wenn man eine schwierige Sache glücklich durchgeführt hat, oder wenn man über allerlei Versuchungen und Schwierigkeiten glücklich Meister geworden ist, oder wenn man einen guten Entschluß gefaßt, wie z. B. jetzt ihr, meine jungen Freunde, die [ihr] die Konfirmation hinter euch habt. Das sind die gefährlichen Augenblicke, wo man so leicht satt wird. Satt und zufrieden und innerlich untätig. So, da bin ich! Nein, nicht so: sondern vorwärts und weiter! Schon die erfahrensten Christen sind daran zu Fall gekommen, daß sie das nicht beachteten. Es ist uns wohl Allen etwa schon so ergangen. Wir hatten etwas hinter uns, wir konnten auf Leistungen zurückblicken, da vergaßen wir uns, da setzten wir uns zur Ruhe, da wars uns nicht ums «Trachten» zumut, und sofort mußte uns auf unserer stolzen Höhe ein Fehler, eine Übereilung oder ein Versäumnis passieren, die im Grunde alles vorher Erreichte zunichte machte, uns von unserer stolzen Höhe herabwarf, sodaß wir uns aus Herzensgrund schämen mußten vor solchen, die vielleicht an sich lange nicht so weit waren, nicht so viel geleistet hatten wie wir.

216 Man hat sehr oft das Leben des Christen mit einer Bergwanderung verglichen. Es ist Manches richtig an diesem Bilde, aber eigentlich gerade die Hauptsache nicht: bei jeder Bergwanderung kommt man schließlich, wenn auch vielleicht nach langem, mühsamem Steigen an ein Ziel, wo man dann ausruhen kann, wo man sich getrost an den Boden legen darf mit dem Bewußtsein, daß jetzt jede weitere Anstrengung unnötig ist. Das gibt es im Leben des Christen eigentlich nicht: die Berge Gottes, die wir da ersteigen müssen, sind so wunderbar hoch, daß es für uns durchaus kein Ende unserer Wanderschaft geben kann, wenigstens solange wir das sind, was wir jetzt sind. Da stehen wir, und wenn wir noch so hoch gestiegen sind, vor immer neuen Höhen, die wir auch ersteigen müssen, nein, ersteigen dürfen, denn nicht um eine saure Pflicht handelt es sich ja da. Jede Höhe, die wir gewinnen, ist ein neues, herrliches Geschenk Gottes, immer neue Ausblicke tun sich uns auf nach allen Seiten, immer neue Kräfte strömen uns zu, umso tiefer fühlen wir uns im Innersten befriedigt und beseligt. Aber stehen bleiben können wir nicht, das wäre die Sünde, das wäre der Tod und die Hölle, Alles miteinander. Unendlich hoch über uns steht Gott. Und wiederum ergreift uns die Sehnsucht, das Heimweh nach seiner Höhe, ein tiefes Ungenügen erfüllt uns, eine brennende Unzufriedenheit mit uns selbst und dem, was wir schon erreicht haben. O, wir können nicht bleiben und länger rasten und uns freuen, es treibt uns unwiderstehlich näher zu ihm und darum weiter hinan. Neue Fragen und Zweifel, Pflichten und Aufgaben, Kämpfe und Schwierigkeiten treten an uns heran. Wieder taucht Alles auf, was vorher da war: die Angst, die Sorge, das bittere Leiden, die Verzweiflung vielleicht. Werden wir hindurchkommen auf dem Wege, den unsere Sehnsucht nach Gott und seinem Reich uns gehen heißt? Werden wir nicht müde werden, uns zurückziehen oder schließlich erliegen? Ja, wer weiß? Gottes Berge sind hoch und steil, und man gewinnt sie nicht immer im ersten Ansturm. Aber das ist sicher, wenn wir nun wieder ein Stück Weges zurückgelegt haben im rechten Vertrauen, es müsse so sein und es müsse alle Versuchung und Anfechtung |217 einmal ein Ende haben, wenn wir wieder einmal hindurchgedrungen sind durch Schlucht und Dickicht, und der Friede Gottes ist uns zu einer Siegeskraft geworden — dann mögen wir uns wohl einen Augenblick freuen, mögen dankbar zurückblicken: bis hierher hat der Herr geholfen! [1.Sam. 7,12], mögen Atem holen voll Freude an Gott, der seine Kinder immer wieder durch Nacht zum Licht führt — aber das ist sicher: eine bleibende Stätte gibt es da nicht [vgl. Hebr. 13,14], endgültige Behaglichkeit und Zufriedenheit und Sattheit, das gibt es nicht, darf es nicht geben. Ein Christ weiß doch: Gott fordert noch ganz andere Dinge von mir, als ich bis jetzt geleistet habe! Ein Christ freut sich gerade darüber, daß er einen so großen Gott hat, der ihm immer neue Aufgaben stellt, an denen er selber stark werden und wachsen kann. Ein Christ ist ein Mensch, der immer mit sich selbst unzufrieden ist und immer vorwärts sieht. Die Behäbigen, die, die am liebsten davon reden, wie herrlich weit sie es schon gebracht, die können nur murrend und unter tausend Ausreden etwa einmal ein Schrittlein vorwärts tun, das sind keine Christen, kurzum keine.

Da prüfe sich nun ein jeder selbst, wo er hingehöre: Den Sehnsüchtigen, Verlangenden, denen, die das Heimweh haben, denen, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit [Mt. 5,6], denen, die «trachten» nach Gottes Reich — denen gehört das Himmelreich. Selig sind, die noch «trachten» können, die sich aus der natürlichen Ruhe und Zufriedenheit immer wieder aufraffen können, um aus eigenem Willen Schritte zu tun — und wenns nur Schrittlein wären —, Gott und seinem Willen ein klein wenig näher zu kommen, ein wenig reiner, fester, liebevoller, aufrichtiger zu werden. Solange ein Mensch auch nur noch eine Spur von dieser Sehnsucht in sich trägt, solange ist er nicht verloren. Solange wir noch irgendwie teilnehmen an jener großen göttlichen Bewegung nach vorwärts und aufwärts, solange kann noch Alles mit uns gut werden. O wenn die kleine Spur von solcher Sehnsucht in deiner Seele jetzt zur Flamme werden möchte, wenn es in meiner Macht wäre, sie zur Flamme werden zu lassen! — das läßt sich nicht erzwingen, aber laß sie nicht ersticken und erlöschen, wenn sie auch nur noch |218 ganz schwach in dir wäre! Ohne daß du es weißt, lebst du davon, daß du trachtest, trachtest nach dem, was droben ist [vgl. Kol. 3,2], höher als du selbst, höher als das kleine Zeug, das dich umgibt, höher als die Welt, in der wir sind. Das Trachten nach diesem Höheren hält so Manchen innerlich am Leben, der gar nicht weiß, daß er damit im Grunde Gott sucht.

Wie ist das, wenn ein Mensch nach dem Reiche Gottes trachtet? Es ist ja äußerlich nicht dasselbe bei allen Menschen. Aber innerlich haben sie alle Einiges gemeinsam, und davon müssen wir reden. Von den Stationen gleichsam, an denen jeder vorbeikommen muß, dem das Evangelium wirklich nicht nur ein gelegentlicher Trost, sondern ein ernstes, freudiges Gesetz seines Lebens geworden ist. Nach dem Reiche Gottes trachten, das ist ein bestimmter Zustand unseres Herzens, unseres Allerinwendigsten, unserer Seele. Das ist das Wichtigste, die Hauptsache: dieses Inwendigste. Alles Andere: die guten Entschlüsse und Taten, die dann auch dazu gehören, müssen aus diesem Inwendigsten hervorgehen. Nach dem Reiche Gottes trachten, das heißt: sich von tiefster Seele sehnen nach dem Einen Notwendigen des Lebens. Wir müssen uns ja alle, auch wenn wir schon sehr reife und gefestigte Christen wären, viel mit Sachen beschäftigen, die es uns wenigstens schwer machen, ganz in Gemeinschaft mit Gott zu sein, beständig so heiter, so freundlich, so aufrichtig zu sein, wie es zu einem rechten, gesunden Leben eigentlich gehören würde. Es kommt uns so viel zwischenhinein, nicht wahr, also z. B. unsere Berufsarbeit mit all ihren Kleinigkeiten, die uns doch so aufregen können, oder wenn wir z. B. einen Streit ausfechten müssen, was um der inneren Wahrhaftigkeit willen auch manchmal nötig ist, oder wenn um uns her viel geplaudert wird, und es beschäftigt uns sehr. Ich sage: solche Dinge lenken uns ab — und doch sind sie uns gerade darum nötig. Sie erfüllen uns scheinbar ganz, wir meinen oft tagelang, wochenlang, wir könnten an nichts Anderes mehr denken, von nichts Anderem mehr reden. Nur Geduld: Wir merken dann bald, wie leer einen all das eigentlich läßt; man sehnt |219 sich zum Zeug aus,1 man fragt sich: gibt es eigentlich nichts Höheres, Besseres als all dies Menschliche, Allzumenschliche? Man spürt: das alles kann mich auf die Länge nicht befriedigen, nicht glücklich machen, es kann nicht das Wahre sein, auf das es schließlich für mich ankommt, es ist nicht das Eine Notwendige, das mich gesund machen könnte, das, was hält, wenn Alles um mich herum vergeht.

Gar verschiedene Leute können in diesen Seelenzustand kommen: Junge Menschen, die klar ins Leben hineinblicken und sich nicht täuschen lassen dadurch, daß sie so viele äußerliche Dinge wichtig nehmen, sehen, sie möchten etwas Besseres, Schöneres als das, dem alle Welt nachläuft. Alte Leute können dahin kommen, wenn sie Erfahrungen gemacht und aus den Erfahrungen etwas gelernt haben. Das ist etwas Wunderbares, ein alter Mensch, der gegen das Ende seiner Jahre nicht aus Lebensmüdigkeit, sondern weil er jetzt die rechte Lebensfreudigkeit gefunden hat, dazu gekommen ist, nach dem Reiche Gottes zu trachten. Reiche können dahin kommen, wenn sie mitten in all dem, was das Leben angenehm macht und was so viele sich ersehnen, reif werden zu der Erkenntnis, daß es auf alles das eigentlich nicht ankommt, daß es ein Lebensgut gibt, das das Höchste ist und das man eben darum mit keinem Geld sich kaufen kann. Und Armen kann derselbe Gedanke zur Gewißheit werden, wenn sie spüren, gerade an der Mangelhaftigkeit und Unvollkommenheit ihrer äußeren Verhältnisse spüren, daß es eine Sache gibt, die für jeden Menschen wichtig und groß ist, ganz gleichgültig, wie es ihm äußerlich gehe. Die heiteren, vergnügten Naturen unter den Menschen können voll werden von dieser Sehnsucht, weil sie merken: meine Freudigkeit ist eine hohle, nichtsnützige Kinderei, wenn sie nicht wurzelt in der Freude, die aus einer tiefen, unerschütterlichen Lebenserfahrung stammt. Und erst recht können es die Traurigen, schwermütig Veranlagten, denen ja das Leben zur Hölle werden müßte, ohne den Ausblick auf etwas, was anders und besser ist. Und so |220 kommen sie alle und von allen Seiten, nicht wahr, wir sind auch dabei, jeder auf seine Weise, und doch ists bei Allen einmal darin das Gleiche: wir möchten heraus aus dem Zeug, möchten nicht kleben bleiben an dem Äußerlichen, Alltäglichen, so nötig es ja ist, sich damit abzugeben. Wir haben Hunger und Durst nach etwas Tieferem, das hinter diesem Leben verborgen sein muß. Wir sehnen uns nach der Offenbarung einer anderen Welt. Dieser Herzenszustand, den im Grund alle Menschen kennen, den nur nicht Alle sich eingestehen wollen — auch wir haben schon oft so dergleichen getan, als sei Alles in Ordnung —, dieser Herzenszustand ist einmal das Erste, was zum Trachten nach dem Reiche Gottes gehört. Wohl uns, wenn wir ihn immer wieder kennenlernen, wenn wir immer wieder Hunger und Durst haben nach jenem Tieferen. Nur diesem Triebe nicht wehren, nur diese Sehnsucht in uns nicht ersticken durch oberflächliches Wesen und Geschwätz! Glaube es mir: das ist das Beste an dir! besser als deine besten Taten, besser als deine Bravheit und Gescheitheit, und was man sonst noch von dir rühmen mag. Gib ihr nach, dieser heiligen Unzufriedenheit, die dich herausführen will, «weit über Berg und Hügel, weit über Tal und Feld!»2 Wehr dich mit aller Kraft gegen das Verflachen und Versanden, das das Leben so leicht mit sich bringt!

Wenn du das tust, dann wird es bald noch zu etwas Anderem kommen in dir, zu dem Zweiten, was nun zum Trachten nach dem Reiche Gottes gehört. Dein Gewissen wird sich regen. Es ist etwas, aber es ist noch lange nicht Alles, wenn die Sehnsucht, die heilige Unzufriedenheit in uns entsteht. Wir dürfen ja nicht dabei stehen |221 bleiben. Heilig und fruchtbringend wird sie erst dann, wenn wir dazu kommen, recht ehrlich uns selbst anzuklagen, recht stark zu glauben und zu hoffen: wir selbst werden und wollen andere werden. Du seufzest: o, könnte ich aus dem Zeug heraus, aus all dem Kleinlichen, Nichtigen, Törichten, aus all dem, was mich plagt und unglücklich macht! Das ist sehr recht. Aber jetzt mußt du weiterfahren und so seufzen: ach, könnte ich über mich selbst hinaus! könnte ich doch das Kleinliche, Nichtige, Törichte aus mir selbst herausfegen, könnte ich doch aufhören, mich selbst beständig unglücklich zu machen! Du klagst: die Welt ist so böse, die Verhältnisse sind so ungünstig, ich sehe so viel Ungerades und Ungerechtes! Du hast recht, wenn du so klagst! Aber bitte fahre jetzt fort und klage so: Ich bin auch schuld an der bösen Welt, ich bin auch so einer, der mitläuft wie alle Anderen, jetzt muß ich vielleicht leiden, aber andere Male war ich es, unter dem Andere leiden mußten. Sind nicht die Menschen selbst schuld an so vielen schlimmen Verhältnissen, unter denen sie selbst und andere leiden? Könnte ich doch frei werden von all der Schuld, die auch ich schon wissentlich und unwissentlich auf mich geladen habe! Seht, meine Freunde, ohne diese Klage, ohne diese Sehnsucht gibt es kein wahrhaftiges Trachten nach dem Reiche Gottes. Da mag einer noch so sehr jammern über das Leben, noch so sehr den Kopf schütteln, noch so sehr sich nach dem Himmel sehnen, solange er nicht ganz energisch bei sich selber angeklopft hat, solange er nicht gemerkt hat, daß er selber schuld ist, wenn er noch nicht im Himmel ist, solange hat sein ganzes Wesen wenig Wert. Seine Sehnsucht und sein Heimweh ist dann eine taube Ähre. O, wir sollten viel mehr uns verantwortlich fühlen für die Unvollkommenheiten des Lebens, statt so viel über sie zu seufzen und flugs nach etwas Besserem zu verlangen! Wir sollten die Schuld anerkennen und tragen helfen, die auf uns Menschen liegt, das ists, was Gott von uns fordert und was wir unbedingt tun müssen, wenn wir wirklich Vertrauen zu ihm haben. Sonst wäre ja Alles Heuchelei! Darum freue dich darüber, wenn dus kannst, wenn dieses Gefühl von Schuld über dich kommt, wenn du leidest unter dem Gedanken: ich bin |222 verantwortlich! Ja, freue dich, wenn du so weit gekommen bist, so zu fühlen, so bist du einen großen Schritt weiter voran. Laß es dich nicht reuen, wenn du vielleicht eine Weile erst recht ratlos dastehst: ja, was soll ich denn nur tun, was kann ich ändern? Das wird sich Alles finden, es ist gar nicht die Hauptsache; die Hauptsache ist die, daß du einsiehst: es fehlt nicht nur da draußen, es fehlt da drinnen! Solche Menschen, die das einsehen, das sind die Rechten, um nach dem Reiche Gottes im Ernst zu trachten.

Wenn wir einmal solche Menschen sind, dann kommt ganz von selber nach dem Herzen und Gewissen auch unser Wille in Bewegung in die rechte Richtung. Mit anderen Worten, dann zeigt es sich ganz von selber, was wir denn nun äußerlich tun sollen. Ich will jetzt heute darüber absichtlich gar nichts sagen. Es ist wirklich gar nicht so wichtig, was wir dann schließlich tun beim Trachten nach dem Reiche Gottes. Wenn das Andere in Ordnung ist, die rechte Sehnsucht und das rechte Gewissensurteil über uns selbst, dann findet sich das Weitere. Wenn wir irren und straucheln in dem, was wir reden und tun, so liegt der Fehler an jenen inwendigen Sachen, daran, daß wir nicht genügend kraftvoll uns gesehnt haben aus den Schranken der Welt heraus, daran, daß wir zu wenig uns selbst verantwortlich machten. Daraus fließen im Grunde alle Fehler der Menschen, alle Selbstsucht und aller Hochmut. Und wenn wir tasten und suchen und fragen: was ist Gottes Wille, was soll ich tun?, so ist es überaus töricht, auf der Oberfläche herumzusuchen, da und dort zu raten und sich Rat geben zu lassen. Die eigentliche Entscheidung fällt wiederum in der Tiefe. Inwendig muß die klare, rechte Richtung da sein, dann stellt sie sich auch äußerlich ganz von selber ein.

Trachtet nach dem Reich Gottes! Das ist der große Ruf des Evangeliums an unsere Seele. Du sollst! ruft er uns zu. Du sollst heraus aus den Unvollkommenheiten des Lebens, du sollst aber auch diesen Unvollkommenheiten ins Gesicht sehen und sagen: meine Schuld, meine grenzenlose Schuld! Wo wir so nach dem Reich Gottes trachten, da kommt es dann auch zu uns. Was ist es, das Reich Gottes, was uns da so als Ziel hingestellt wird? Wir wollen |223 es aufs nächste Mal aufsparen, darüber nachzudenken. Auch dieser Spruch ist einer von denen, die man nicht so schnell ausschöpft.

Amen.

Sachfußnoten

1
= aus allem heraus.↩
2
Aus Lied 343 (EKG 320): «Jerusalem, du hochgebaute Stadt» von J. M. Meyfart (1590–1642), Strophe 1, in der Fassung des Schweizer Gesangbuches: 🎵
Mein sehnend Herz so groß Verlangen hat
Und reißt sich los von hier;
Weit über Tal und Hügel,
Weit über Flur und Feld
Schwingt es die Glaubensflügel
Und eilt aus dieser Welt.
↩