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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 6,33 (I)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 6,33 (I), 26. April 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5021 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 211–223.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 6,33 (I)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 211-223</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 217</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 6,33 (I), 26. April 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1659">KBA 1195</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-04-26">26. April 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <idno>217</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-04-26">26. April 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.33">Matthäus 6,33</ref>
                            <span>
                                <idno>I</idno>
                            </span>
              <quote>Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
                        so wird euch solches alles zufallen.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>In der Passions- und Osterzeit haben wir nun wieder viel gehört von dem, was Gott uns
               zulieb getan hat. Daß wir nicht allein sind in dieser Welt der Not und der Sünde, daß
               uns auch auf den dunkelsten Strecken unseres Weges Gott nahe ist mit seinem Licht und
               Trost, daß er es schließlich gewinnen wird und wir mit ihm über alles
               Unverständliche, Traurige und Böse in diesem Leben, das hat uns die Botschaft vom
               Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu wieder einmal gewiß gemacht. Ein heller Schein
               soll jetzt in unseren Herzen sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.6">2.Kor. 4,6</ref>], wenn wir diese Botschaft recht gehört haben,
               ein heller Schein, der uns fröhlich macht und reiner und voller aufatmen läßt, auf
               den wir wieder hinblicken, von dem wir noch viel mehr sehen und hören möchten.
               <pb xml:id="p212" ed="pga"/>
                Das ist das eine Große, was wir an unserem christlichen Glauben haben: er versichert
               uns der großen Güte Gottes gegen uns, die stärker und gewisser ist als alles Niedrige
               und Schlimme, das uns umgeben mag und von dem wir uns bedrückt fühlen; er versichert
               uns, daß die Welt, in der wir leben, nicht des Teufels ist, sondern Gottes, und daß
               Alles, was uns darin begegnen mag, das Große und das Kleine, das Frohe und das
               Traurige uns zum Besten dienen muß; er versichert uns, daß wir trotz Allen und Allem,
               was nicht stimmt in unserer eigenen Seele, was wir beklagen müssen an uns selbst und
               an den Anderen, was uns hindern und plagen will, daß wir trotz Allem froh und
               zuversichtlich werden dürfen: wir sind in Gottes Hand, und unser Ziel und unsere
               Hoffnung kann uns niemand rauben, «die Leiden dieser Zeit sind der Herrlichkeit nicht
               wert, die an uns soll offenbart werden» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.18">Röm. 8,18</ref>]. Das ist das Eine, sage ich, was uns das
               Evangelium unseres Herrn Jesus zu sagen und zu zeigen hat. Haben wir deutlich genug
               davon geredet in der hinter uns liegenden Zeit, die uns die leuchtenden Zeichen der
               göttlichen Freundlichkeit und Kraft wieder vor die Augen stellen sollte? Haben wir
               dankbar genug angenommen, was uns da nahetrat, waren wir willig genug, uns helfen zu
               lassen in unseren großen und kleinen Nöten? Nicht wahr, diese Frage kann mir und euch
               zu denken geben. Das wollen wir uns sagen: wenn wir jetzt immer noch seufzen, immer
               noch uns bloß bedrückt und erdrückt fühlen von den Tatsachen unseres Lebens, von der
               Art der Welt, die uns umgibt, dann liegt es nicht an Gott und an der seligmachenden
               Kraft seines Wortes, sondern an uns, die wir es immer noch so unvollkommen verstehen,
               so mattherzig aufnehmen und auf uns anwenden. Ich glaube doch: etwas wenigstens von
               der froh- und gewißmachenden Kraft dieses Wortes haben wir Alle empfunden und
               erfahren. Es kann uns nicht ganz leer gelassen haben trotz der Mangelhaftigkeit
               unseres Verständnisses, trotz der Zaghaftigkeit unserer Herzen. Und was uns noch
               fehlt, das will uns Gott auch in Zukunft noch hinzutun aus dem unerschöpflichen
               Reichtum seiner Liebe, wenn wir nur aufrichtig danach verlangen.</p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p213" ed="pga"/> Doch nun wollen wir auch wieder einmal deutlich und nachdrücklich von dem <hi rend="italic">Anderen</hi> reden und hören, was das Evangelium uns zeigen und schenken
               will. Gott will uns nicht bloß beruhigen, trösten, Freude machen, uns Licht geben auf
               unserem Weg, er will uns nun auch in Bewegung setzen, es soll ein neues Leben in uns
               entstehen, nicht nur in uns, in allen Menschen, dieses neue Leben soll wachsen und
               zunehmen und es schließlich gewinnen in uns selber und in der Welt. Und wir sind
               verantwortlich dafür. Unsere Dankbarkeit gegen Gott soll sich nicht bloß zeigen in
               Worten oder in einem beruhigten freudigen Gefühl, sondern dadurch, daß wir nun
               inwendig und auswendig eine ganz bestimmte Haltung einnehmen, daß wir uns aus ganzer
               Seele und aus allen unseren Kräften fügen in die einfache, klare Ordnung eines Lebens
               in Gott. Dieses bestimmte geordnete Leben in Gott ist das neue, das selige Leben, das
               in uns und in der Welt entstehen und groß werden soll. Nicht wahr, wir wollen uns
               nicht dagegen wehren, diese Seite nun auch wieder zur Geltung zu bringen, nachdem wir
               lange Zeit mehr von der anderen gesprochen haben. Ich glaube, es gibt Viele, die
               hören das Evangelium gerne, solange es ihnen freundlichen Trost in ihren Kummer,
               Licht in ihre Dunkelheit bringt. Aber wenn dann der andere Ton kommt: Menschenseele,
               du sollst, große Pflichten, unendliche Aufgaben stehen vor dir, Gott hat dir
               geholfen, nun mußt du dich aber auch beugen unter seinen Willen, dann ziehen sie sich
               in sich zurück, dann finden sie es nicht mehr so schön, dann hören sie lieber nicht
               mehr. Nicht wahr, wir wollen es jetzt nicht so machen, es wäre ja zu unserem eigenen
               Schaden. Wir dürfen das, was Gott uns zu sagen hat, nicht halbieren. Wir dürfen nicht
               sein wie naschhafte Kinder, die nehmen, was ihnen paßt, und das Übrige liegen
               lassen.</p>
        <p>Seht, Gottes Gnade ist ein lebendiges Ganzes. Wir müssen sie nicht nur teilweise,
               sondern in ihrer Fülle auf uns wirken lassen. Es macht einen Unterschied aus, nicht
               wahr, ob die Sonne ihr ganzes Licht, ihre ganze Wärme uns zusenden kann, oder ob sie
               teilweise durch den Mond verfinstert ist, wie es ja etwa einmal vorkommt. Wir
               brauchen das ganze Licht, die ganze Wärme der gött<pb xml:id="p214" ed="pga" break="no"/>lichen Sonne. Gott hilft uns, aber er will, daß wir nun auch etwas tun sollen. Gott
               tröstet und stärkt uns durch seine Güte, aber nun soll auch etwas zum Vorschein
               kommen von Gottes Güte bei uns, wir sollen wirklich Kinder des guten Gottes sein. Das
               gehört Beides zusammen. Beides muß miteinander in uns wachsen: das fröhliche
               Vertrauen zu ihm, unserem Vater, und der ernste Gehorsam gegen ihn. Wer ihm recht
               vertraut, muß ihm auch gehorchen, das kann gar nicht anders sein. Und nur der kann
               ihm recht gehorchen, der das rechte kindliche Vertrauen zu ihm hat. Und darum, weil
               Beides so unzertrennlich ist, wollen wir nun nicht erschrecken und zurückweichen,
               wenn es nach der tröstlichen Botschaft von Gottes Hilfe nun auch wieder heißt: du
               sollst, Mensch! Es wird etwas verlangt von dir. O, das ist nicht etwas weniger
               Schönes! Das gehört auch zu der Liebe Gottes, ja ohne das können wir eigentlich gar
               nicht wissen, was die Liebe Gottes ist. Die wunderbare Kraft des Vertrauens erfahren
               wir nur dann, wenn wir so recht völlig und kindlich bereit sind zu gehorchen. Dann
               erst wird es so ganz hell und licht auf unserem Weg, wenn wir dahin gekommen sind,
               uns vorzunehmen, keinen Schritt mehr zu tun anders als unter den Augen Gottes und
               nach seinen Geboten. Dann stehen wir getrost und sicher in dieser dunklen,
               stürmischen Welt, wenn wir an unserem Platz ein Lichtlein uns zu sein bemühen nach
               bestem Können und Verstehen. Die ganze Freude und den ganzen Frieden Gottes erfahren
               wir dann, wenn es uns so recht Ernst ist, seinem Willen in uns Raum zu geben.</p>
        <p>Was ist denn nun diese andere, diese tätige Seite des Evangeliums? Das Wort Jesu:
                  <hi rend="italic">Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes!</hi> mag uns
               anleiten, sie kennenzulernen. Jesus redet in diesem Wort von der eigentümlichen
               Richtung und Stimmung des Herzens, des Gewissens, des Willens, die einem lebendigen
               Gottesmenschen eigen sein müssen, die da sein müssen bei einem Menschen, der wirklich
               in herzlichem Vertrauen Gott seinen Vater nennt. Sie muß ein «<hi rend="italic">Trachten</hi>» sein. Trachten heißt: sich sehnen, verlangen, streben. Trachten
               ist eine ruhige, aber eifrige Bewegung auf ein Ziel hin. Das ists also, was Gott von
               uns fordert. Das ist die andere
               <pb xml:id="p215" ed="pga"/>
                Seite seines erlösenden, beseligenden Evangeliums, daß er uns sagt: nun mußt du aber
               auch in Bewegung kommen! Nun darfst du um keinen Preis auf dem gleichen Fleck sitzen
               bleiben und dirs wohlgehen lassen. Du mußt hinein in die große Bewegung nach vorwärts
               und aufwärts, die allem Göttlichen eigen ist. Der Friede der Seele, den du gefunden
               hast, muß sich zeigen darin, daß du nun ein Mensch wirst, der «trachtet», trachtet
               nach dem Reiche Gottes. Also nur nicht die Behaglichkeit, das vor Allem nicht. Nur
               nicht das satte Gefühl: es ist jetzt Alles gut und in Ordnung, und mehr brauchts
               nicht! So leicht überkommt uns dieser Gedanke, besonders dann, wenn das Leben uns
               Freude macht, wenn wir vielleicht irgend eine Schwierigkeit glücklich überstanden
               haben, wenn wir mit Genugtuung zurückblicken können auf einen kleineren oder größeren
               Sieg oder Erfolg. Gefährliche Augenblicke und Zeiten, wo es uns so wohl ist. Ganz
               gewiß dürfen und sollen wirs als ein Geschenk Gottes annehmen, wenn wir uns irgendwo
               sagen dürfen: das wäre erreicht! Da darf es uns freilich wohl sein, z. B. am
               Feierabend, oder am Ende einer Woche, oder wenn man eine schwierige Sache glücklich
               durchgeführt hat, oder wenn man über allerlei Versuchungen und Schwierigkeiten
               glücklich Meister geworden ist, oder wenn man einen guten Entschluß gefaßt, wie z. B.
               jetzt ihr, meine jungen Freunde, die [ihr] die Konfirmation hinter euch habt. Das
               sind die gefährlichen Augenblicke, wo man so leicht satt wird. Satt und zufrieden und
               innerlich untätig. So, da bin ich! Nein, nicht so: sondern vorwärts und weiter! Schon
               die erfahrensten Christen sind daran zu Fall gekommen, daß sie das nicht beachteten.
               Es ist uns wohl Allen etwa schon so ergangen. Wir hatten etwas hinter uns, wir
               konnten auf Leistungen zurückblicken, da vergaßen wir uns, da setzten wir uns zur
               Ruhe, da wars uns nicht ums «Trachten» zumut, und sofort mußte uns auf unserer
               stolzen Höhe ein Fehler, eine Übereilung oder ein Versäumnis passieren, die im Grunde
               alles vorher Erreichte zunichte machte, uns von unserer stolzen Höhe herabwarf, sodaß
               wir uns aus Herzensgrund schämen mußten vor solchen, die vielleicht an sich lange
               nicht so weit waren, nicht so viel geleistet hatten wie wir.</p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p216" ed="pga"/> Man hat sehr oft das Leben des Christen mit einer Bergwanderung verglichen. Es ist
               Manches richtig an diesem Bilde, aber eigentlich gerade die Hauptsache nicht: bei
               jeder Bergwanderung kommt man schließlich, wenn auch vielleicht nach langem, mühsamem
               Steigen an ein Ziel, wo man dann ausruhen kann, wo man sich getrost an den Boden
               legen darf mit dem Bewußtsein, daß jetzt jede weitere Anstrengung unnötig ist. Das
               gibt es im Leben des Christen eigentlich nicht: die Berge Gottes, die wir da
               ersteigen müssen, sind so wunderbar hoch, daß es für uns durchaus kein Ende unserer
               Wanderschaft geben kann, wenigstens solange wir das sind, was wir jetzt sind. Da
               stehen wir, und wenn wir noch so hoch gestiegen sind, vor immer neuen Höhen, die wir
               auch ersteigen müssen, nein, ersteigen dürfen, denn nicht um eine saure Pflicht
               handelt es sich ja da. Jede Höhe, die wir gewinnen, ist ein neues, herrliches
               Geschenk Gottes, immer neue Ausblicke tun sich uns auf nach allen Seiten, immer neue
               Kräfte strömen uns zu, umso tiefer fühlen wir uns im Innersten befriedigt und
               beseligt. Aber stehen bleiben können wir nicht, das wäre die Sünde, das wäre der Tod
               und die Hölle, Alles miteinander. Unendlich hoch über uns steht Gott. Und wiederum
               ergreift uns die Sehnsucht, das Heimweh nach seiner Höhe, ein tiefes Ungenügen
               erfüllt uns, eine brennende Unzufriedenheit mit uns selbst und dem, was wir schon
               erreicht haben. O, wir können nicht bleiben und länger rasten und uns freuen, es
               treibt uns unwiderstehlich näher zu ihm und darum weiter hinan. Neue Fragen und
               Zweifel, Pflichten und Aufgaben, Kämpfe und Schwierigkeiten treten an uns heran.
               Wieder taucht Alles auf, was vorher da war: die Angst, die Sorge, das bittere Leiden,
               die Verzweiflung vielleicht. Werden wir hindurchkommen auf dem Wege, den unsere
               Sehnsucht nach Gott und seinem Reich uns gehen heißt? Werden wir nicht müde werden,
               uns zurückziehen oder schließlich erliegen? Ja, wer weiß? Gottes Berge sind hoch und
               steil, und man gewinnt sie nicht immer im ersten Ansturm. Aber das ist sicher, wenn
               wir nun wieder ein Stück Weges zurückgelegt haben im rechten Vertrauen, es müsse so
               sein und es müsse alle Versuchung und Anfechtung
               <pb xml:id="p217" ed="pga"/>
                einmal ein Ende haben, wenn wir wieder einmal hindurchgedrungen sind durch Schlucht
               und Dickicht, und der Friede Gottes ist uns zu einer Siegeskraft geworden — dann
               mögen wir uns wohl einen Augenblick freuen, mögen dankbar zurückblicken: bis hierher
               hat der Herr geholfen! [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.7.12">1.Sam. 7,12</ref>], 
               mögen Atem holen voll Freude an Gott, der seine Kinder immer wieder
               durch Nacht zum Licht führt — aber das ist sicher: eine bleibende Stätte gibt es da
               nicht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.14">Hebr. 13,14</ref>],
               endgültige Behaglichkeit und Zufriedenheit und Sattheit, das gibt es nicht, darf es
               nicht geben. Ein Christ weiß doch: Gott fordert noch ganz andere Dinge von mir, als
               ich bis jetzt geleistet habe! Ein Christ freut sich gerade darüber, daß er einen so
               großen Gott hat, der ihm immer neue Aufgaben stellt, an denen er selber stark werden
               und wachsen kann. Ein Christ ist ein Mensch, der immer mit sich selbst unzufrieden
               ist und immer vorwärts sieht. Die Behäbigen, die, die am liebsten davon reden, wie
               herrlich weit sie es schon gebracht, die können nur murrend und unter tausend
               Ausreden etwa einmal ein Schrittlein vorwärts tun, das sind keine Christen, kurzum
               keine.</p>
        <p>Da prüfe sich nun ein jeder selbst, wo er hingehöre: Den Sehnsüchtigen, Verlangenden,
               denen, die das Heimweh haben, denen, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>], denen, die «trachten»
               nach Gottes Reich — denen gehört das Himmelreich. Selig sind, die noch «trachten»
               können, die sich aus der natürlichen Ruhe und Zufriedenheit immer wieder aufraffen
               können, um aus eigenem Willen Schritte zu tun — und wenns nur Schrittlein wären —,
               Gott und seinem Willen ein klein wenig näher zu kommen, ein wenig reiner, fester,
               liebevoller, aufrichtiger zu werden. Solange ein Mensch auch nur noch eine Spur von
               dieser Sehnsucht in sich trägt, solange ist er nicht verloren. Solange wir noch
               irgendwie teilnehmen an jener großen göttlichen Bewegung nach vorwärts und aufwärts,
               solange kann noch Alles mit uns gut werden. O wenn die kleine Spur von solcher
               Sehnsucht in deiner Seele jetzt zur Flamme werden möchte, wenn es in meiner Macht
               wäre, sie zur Flamme werden zu lassen! — das läßt sich nicht erzwingen, aber laß sie
               nicht ersticken und erlöschen, wenn sie auch nur noch
               <pb xml:id="p218" ed="pga"/>
                ganz schwach in dir wäre! Ohne daß du es weißt, lebst du davon, daß du trachtest,
               trachtest nach dem, was droben ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.2">Kol. 3,2</ref>], höher als du selbst, höher als das kleine Zeug,
               das dich umgibt, höher als die Welt, in der wir sind. Das Trachten nach diesem
               Höheren hält so Manchen innerlich am Leben, der gar nicht weiß, daß er damit im
               Grunde Gott sucht.</p>
        <p>Wie ist das, wenn ein Mensch nach dem Reiche Gottes trachtet? Es ist ja äußerlich
               nicht dasselbe bei allen Menschen. Aber innerlich haben sie alle Einiges gemeinsam,
               und davon müssen wir reden. Von den Stationen gleichsam, an denen jeder vorbeikommen
               muß, dem das Evangelium wirklich nicht nur ein gelegentlicher Trost, sondern ein
               ernstes, freudiges Gesetz seines Lebens geworden ist. Nach dem Reiche Gottes
               trachten, das ist ein bestimmter <hi rend="italic">Zustand unseres Herzens</hi>,
               unseres Allerinwendigsten, unserer Seele. Das ist das Wichtigste, die Hauptsache:
               dieses Inwendigste. Alles Andere: die guten Entschlüsse und Taten, die dann auch dazu
               gehören, müssen aus diesem Inwendigsten hervorgehen. Nach dem Reiche Gottes trachten,
               das heißt: sich von tiefster Seele sehnen nach dem Einen Notwendigen des Lebens. Wir
               müssen uns ja alle, auch wenn wir schon sehr reife und gefestigte Christen wären,
               viel mit Sachen beschäftigen, die es uns wenigstens schwer machen, ganz in
               Gemeinschaft mit Gott zu sein, beständig so heiter, so freundlich, so aufrichtig zu
               sein, wie es zu einem rechten, gesunden Leben eigentlich gehören würde. Es kommt uns
               so viel zwischenhinein, nicht wahr, also z. B. unsere Berufsarbeit mit all ihren
               Kleinigkeiten, die uns doch so aufregen können, oder wenn wir z. B. einen Streit
               ausfechten müssen, was um der inneren Wahrhaftigkeit willen auch manchmal nötig ist,
               oder wenn um uns her viel geplaudert wird, und es beschäftigt uns sehr. Ich sage:
               solche Dinge lenken uns ab — und doch sind sie uns gerade darum nötig. Sie erfüllen
               uns scheinbar ganz, wir meinen oft tagelang, wochenlang, wir könnten an nichts
               Anderes mehr denken, von nichts Anderem mehr reden. Nur Geduld: Wir merken dann bald,
               wie leer einen all das eigentlich läßt; man sehnt
               <pb xml:id="p219" ed="pga"/>
                sich zum Zeug aus,<note xml:id="n01">= aus allem heraus.</note> man fragt sich: gibt
               es eigentlich nichts Höheres, Besseres als all dies Menschliche, Allzumenschliche?
               Man spürt: das alles kann mich auf die Länge nicht befriedigen, nicht glücklich
               machen, es kann nicht das Wahre sein, auf das es schließlich für mich ankommt, es ist
               nicht das Eine Notwendige, das mich gesund machen könnte, das, was hält, wenn Alles
               um mich herum vergeht.</p>
        <p>Gar verschiedene Leute können in diesen Seelenzustand kommen: Junge Menschen, die
               klar ins Leben hineinblicken und sich nicht täuschen lassen dadurch, daß sie so viele
               äußerliche Dinge wichtig nehmen, sehen, sie möchten etwas Besseres, Schöneres als
               das, dem alle Welt nachläuft. Alte Leute können dahin kommen, wenn sie Erfahrungen
               gemacht und aus den Erfahrungen etwas gelernt haben. Das ist etwas Wunderbares, ein
               alter Mensch, der gegen das Ende seiner Jahre nicht aus Lebensmüdigkeit, sondern weil
               er jetzt die rechte Lebensfreudigkeit gefunden hat, dazu gekommen ist, nach dem
               Reiche Gottes zu trachten. Reiche können dahin kommen, wenn sie mitten in all dem,
               was das Leben angenehm macht und was so viele sich ersehnen, reif werden zu der
               Erkenntnis, daß es auf alles das eigentlich nicht ankommt, daß es ein Lebensgut gibt,
               das das Höchste ist und das man eben darum mit keinem Geld sich kaufen kann. Und
               Armen kann derselbe Gedanke zur Gewißheit werden, wenn sie spüren, gerade an der
               Mangelhaftigkeit und Unvollkommenheit ihrer äußeren Verhältnisse spüren, daß es eine
               Sache gibt, die für jeden Menschen wichtig und groß ist, ganz gleichgültig, wie es
               ihm äußerlich gehe. Die heiteren, vergnügten Naturen unter den Menschen können voll
               werden von dieser Sehnsucht, weil sie merken: meine Freudigkeit ist eine hohle,
               nichtsnützige Kinderei, wenn sie nicht wurzelt in der Freude, die aus einer tiefen,
               unerschütterlichen Lebenserfahrung stammt. Und erst recht können es die Traurigen,
               schwermütig Veranlagten, denen ja das Leben zur Hölle werden müßte, ohne den Ausblick
               auf etwas, was anders und besser ist. Und so
               <pb xml:id="p220" ed="pga"/>
                kommen sie alle und von allen Seiten, nicht wahr, wir sind auch dabei, jeder auf
               seine Weise, und doch ists bei Allen einmal darin das Gleiche: wir möchten heraus aus
               dem Zeug, möchten nicht kleben bleiben an dem Äußerlichen, Alltäglichen, so nötig es
               ja ist, sich damit abzugeben. Wir haben Hunger und Durst nach etwas Tieferem, das
               hinter diesem Leben verborgen sein muß. Wir sehnen uns nach der Offenbarung einer
               anderen Welt. Dieser Herzenszustand, den im Grund alle Menschen kennen, den nur nicht
               Alle sich eingestehen wollen — auch wir haben schon oft so dergleichen getan, als sei
               Alles in Ordnung —, dieser Herzenszustand ist einmal das Erste, was zum Trachten nach
               dem Reiche Gottes gehört. Wohl uns, wenn wir ihn immer wieder kennenlernen, wenn wir
               immer wieder Hunger und Durst haben nach jenem Tieferen. Nur diesem Triebe nicht
               wehren, nur diese Sehnsucht in uns nicht ersticken durch oberflächliches Wesen und
               Geschwätz! Glaube es mir: das ist das Beste an dir! besser als deine besten Taten,
               besser als deine Bravheit und Gescheitheit, und was man sonst noch von dir rühmen
               mag. Gib ihr nach, dieser heiligen Unzufriedenheit, die dich herausführen will, «weit
               über Berg und Hügel, weit über Tal und Feld!»<note xml:id="n02">Aus <bibl corresp="kbga-songs-152" type="song">
                                Lied 343 (EKG 320): «Jerusalem, du hochgebaute Stadt» von <persName ref="kbga-actors-1384">J. M. Meyfart</persName>
                     (1590–1642), Strophe 1, in der Fassung des Schweizer Gesangbuches:</bibl>
                     <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Mein sehnend Herz so groß Verlangen hat</l>
                                    <l xml:space="preserve">Und reißt sich los von hier;</l>
                                    <l xml:space="preserve">Weit über Tal und Hügel,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Weit über Flur und Feld</l>
                                    <l xml:space="preserve">Schwingt es die Glaubensflügel</l>
                                    <l xml:space="preserve">Und eilt aus dieser Welt.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> Wehr dich mit aller Kraft gegen das Verflachen und Versanden, das das Leben
               so leicht mit sich bringt!</p>
        <p>Wenn du das tust, dann wird es bald noch zu etwas Anderem kommen in dir, zu dem
               Zweiten, was nun zum Trachten nach dem Reiche Gottes gehört. Dein <hi rend="italic">Gewissen</hi> wird sich regen. Es ist etwas, aber es ist noch lange nicht Alles,
               wenn die Sehnsucht, die heilige Unzufriedenheit in uns entsteht. Wir dürfen ja nicht
               dabei stehen
               <pb xml:id="p221" ed="pga"/>
                bleiben. Heilig und fruchtbringend wird sie erst dann, wenn wir dazu kommen, recht
               ehrlich uns selbst anzuklagen, recht stark zu glauben und zu hoffen: wir selbst
               werden und wollen andere werden. Du seufzest: o, könnte ich aus dem Zeug heraus, aus
               all dem Kleinlichen, Nichtigen, Törichten, aus all dem, was mich plagt und
               unglücklich macht! Das ist sehr recht. Aber jetzt mußt du weiterfahren und <hi rend="italic">so</hi> seufzen: ach, könnte ich über mich selbst hinaus! könnte ich doch
               das Kleinliche, Nichtige, Törichte aus mir selbst herausfegen, könnte ich doch
               aufhören, mich selbst beständig unglücklich zu machen! Du klagst: die Welt ist so
               böse, die Verhältnisse sind so ungünstig, ich sehe so viel Ungerades und Ungerechtes!
               Du hast recht, wenn du so klagst! Aber bitte fahre jetzt fort und klage so: Ich bin
               auch schuld an der bösen Welt, ich bin auch so einer, der mitläuft wie alle Anderen,
               jetzt muß ich vielleicht leiden, aber andere Male war ich es, unter dem Andere leiden
               mußten. Sind nicht die Menschen selbst schuld an so vielen schlimmen Verhältnissen,
               unter denen sie selbst und andere leiden? Könnte ich doch frei werden von all der
               Schuld, die auch ich schon wissentlich und unwissentlich auf mich geladen habe! Seht,
               meine Freunde, ohne <hi rend="italic">diese</hi> Klage, ohne <hi rend="italic">diese</hi>
               Sehnsucht gibt es kein wahrhaftiges Trachten nach dem Reiche Gottes. Da mag einer
               noch so sehr jammern über das Leben, noch so sehr den Kopf schütteln, noch so sehr
               sich nach dem Himmel sehnen, solange er nicht ganz energisch bei sich selber
               angeklopft hat, solange er nicht gemerkt hat, daß er selber schuld ist, wenn er noch
               nicht im Himmel ist, solange hat sein ganzes Wesen wenig Wert. Seine Sehnsucht und
               sein Heimweh ist dann eine taube Ähre. O, wir sollten viel mehr uns verantwortlich
               fühlen für die Unvollkommenheiten des Lebens, statt so viel über sie zu seufzen und
               flugs nach etwas Besserem zu verlangen! Wir sollten die Schuld anerkennen und tragen
               helfen, die auf uns Menschen liegt, das ists, was Gott von uns fordert und was wir
               unbedingt tun müssen, wenn wir wirklich Vertrauen zu ihm haben. Sonst wäre ja Alles
               Heuchelei! Darum freue dich darüber, wenn dus kannst, wenn dieses Gefühl von Schuld
               über dich kommt, wenn du leidest unter dem Gedanken: ich bin
               <pb xml:id="p222" ed="pga"/>
                verantwortlich! Ja, freue dich, wenn du so weit gekommen bist, so zu fühlen, so bist
               du einen großen Schritt weiter voran. Laß es dich nicht reuen, wenn du vielleicht
               eine Weile erst recht ratlos dastehst: ja, was soll ich denn nur tun, was kann ich
               ändern? Das wird sich Alles finden, es ist gar nicht die Hauptsache; die Hauptsache
               ist die, daß du einsiehst: es fehlt nicht nur da draußen, es fehlt da drinnen! Solche
               Menschen, die das einsehen, das sind die Rechten, um nach dem Reiche Gottes im Ernst
               zu trachten.</p>
        <p>Wenn wir einmal solche Menschen sind, dann kommt ganz von selber nach dem Herzen und
               Gewissen auch unser <hi rend="italic">Wille</hi> in Bewegung in die rechte Richtung. Mit
               anderen Worten, dann zeigt es sich ganz von selber, was wir denn nun äußerlich tun
               sollen. Ich will jetzt heute darüber absichtlich gar nichts sagen. Es ist wirklich
               gar nicht so wichtig, was wir dann schließlich tun beim Trachten nach dem Reiche
               Gottes. Wenn das Andere in Ordnung ist, die rechte Sehnsucht und das rechte
               Gewissensurteil über uns selbst, dann findet sich das Weitere. Wenn wir irren und
               straucheln in dem, was wir reden und tun, so liegt der Fehler an jenen inwendigen
               Sachen, daran, daß wir nicht genügend kraftvoll uns gesehnt haben aus den Schranken
               der Welt heraus, daran, daß wir zu wenig uns selbst verantwortlich machten. Daraus
               fließen im Grunde alle Fehler der Menschen, alle Selbstsucht und aller Hochmut. Und
               wenn wir tasten und suchen und fragen: was ist Gottes Wille, was soll ich tun?, so
               ist es überaus töricht, auf der Oberfläche herumzusuchen, da und dort zu raten und
               sich Rat geben zu lassen. Die eigentliche Entscheidung fällt wiederum in der Tiefe.
               Inwendig muß die klare, rechte Richtung da sein, dann stellt sie sich auch äußerlich
               ganz von selber ein.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Trachtet nach dem Reich Gottes!</hi> Das ist der große Ruf des
               Evangeliums an unsere Seele. Du sollst! ruft er uns zu. Du sollst heraus aus den
               Unvollkommenheiten des Lebens, du sollst aber auch diesen Unvollkommenheiten ins
               Gesicht sehen und sagen: meine Schuld, meine grenzenlose Schuld! Wo wir so nach dem
               Reich Gottes trachten, da kommt es dann auch zu uns. Was ist es, das Reich Gottes,
               was uns da so als Ziel hingestellt wird? Wir wollen
               <pb xml:id="p223" ed="pga"/>
                es aufs nächste Mal aufsparen, darüber nachzudenken. Auch dieser Spruch ist einer
               von denen, die man nicht so schnell ausschöpft.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
