19. April 1914

Predigt: Lukas 24,13-35

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Die Jünger von Emmaus
Lukas 24,13–35
Liebe Freunde!

In tiefer Bekümmernis und Seelennot sind sie über Land gezogen, die beiden Jünger. Es war jetzt schon der dritte Tag, aber |200 ihre Herzen waren noch ganz voll von der großen, schweren Enttäuschung, die sie erlebt hatten. Jesus von Nazareth war ihnen so viel gewesen, im Zusammensein mit ihm hatten sie das Leben ein wenig von einer höheren Seite aus ansehen lernen, Gott war ihnen bekannt geworden durch Jesus, der lebendige Gott. Ein Stück von der Ewigkeit hatten sie zu sehen gemeint. Und nun war es aus damit, sie hatten sich offenbar geirrt: gekreuzigt, gestorben, begraben, vergessen — das sollte offenbar auch für ihn das Ende sein wie für Millionen Andere. Das war so unendlich bitter für sie. Es war ihnen, das Beste von ihnen selbst sei mit ihm ins Grab gelegt. Sie mußten sich jetzt langsam gewöhnen an den Gedanken, daß die kurze Zeit, die sie mit Jesus zugebracht, ein schöner Traum gewesen, von dem ihnen jetzt nichts, gar nichts übrig bleiben würde als eine bloße Erinnerung. Sie mußten daran denken, zurückzukehren in ihr altes Leben, aus dem sie Jesus herausgeführt hatte, zurückzukehren äußerlich und wahrscheinlich auch innerlich, es war ja Alles nicht so, wie Jesus gemeint hatte, er hatte es ja jetzt selbst erfahren müssen, wie stark die Verhältnisse sind in dieser Welt und wie die einem einen Strich durch die Rechnung machen können, und wenn man es noch so gut meinte. Nichts ist so stark wie die Verhältnisse. Auch Gott nicht. Jedenfalls auf Erden nicht, nicht unter den Menschen. Menschen sind keine Engel, können nun einmal nicht von Gott leben, wie sie wohl sollten. Das Kreuz Jesu war ja der Beweis dafür. Man kann kein Kind des Vaters sein in dieser argen Welt. Der Vater ist wohl weit weg. So dachten sie etwa. Und waren voll Bitterkeit und schwerer Enttäuschung dabei. Nicht, daß sie sich so rasch zufrieden geben konnten: das ist nun einmal so, das läßt sich nicht ändern! Nein, sie konnten und wollten es fast nicht glauben. Ihre Enttäuschung war auch eine tiefe Wehmut, immer wieder war es ihnen: es kann ja nicht sein! Wie wenn uns jemand gestorben ist, und wir müssen ihn immer wieder aufsuchen, solange die Leiche noch im Hause ist, immer wieder das stille, bleiche Gesicht ansehen mit der stummen Frage: lebst du wirklich nicht mehr? hast du wirklich mir nichts mehr zu sagen? solls nun dabei blei|201ben, daß du mir genommen bist, das kann ja nicht sein — so kehrten ihre Gedanken immer wieder zu dem zurück, den sie in das Felsengrab des Joseph von Arimathia [Mt. 27,57–61] hatten legen sehen. Und dann mußten sie immer wieder an ihre Zukunft denken, die jetzt so leer und ohne Licht vor ihnen lag, an die müden, unentschlossenen Schritte, mit denen sie von jetzt an durchs Leben gehen würden. Sie konnten ja doch nicht mehr werden ganz wie die Anderen, sie konnten sich nicht mehr zufrieden geben mit Geld und Lust und was die Menschen sonst noch begehren in dieser Welt, sie hatten den Geschmack daran verloren und nun doch schließlich nichts Besseres gefunden. Sie waren doppelt heimatlos: in der Welt und nun, nach dem furchtbaren Erlebnis auf Golgatha, auch bei Gott. So wanderten sie über Land, und tiefer und tiefer versanken ihre Seelen in hoffnungslosem Jammer.

So ist schon mancher gewandert, durch die schönste Frühlingsnatur gewandert, einsam oder zu zweien, mit einer großen Betrübnis im Herzen. Oder hat in der Stille schlafloser Nächte gerungen mit seinem Kummer. Oder bei aller Arbeit ist ihm das Traurige, das er erlebt hatte, immer wieder durch die Seele gezogen, hat über seinem Leben gelagert wie eine schwere, schwarze Wolke. Nicht wahr, wir kennen das, wie das ist, wenn man so studieren muß an etwas, immer wieder studieren, nie fertig wird1 damit. Wie sich einem die Sachen da von immer neuen Seiten zeigen. Jetzt meint man einen Ausweg, eine Lösung, einen Trost gefunden zu haben. Aber nein, es ist auch nichts damit. Auch so bleibt die Sache fraglich, unerfreulich, schlimm. Da wills uns vorkommen, als seien wir in einem tiefen Bergwerk, und überall zeigen sich neue Treppen und Schächte, die in die Tiefe führen, und überall müssen wir hinunter, tief, tief hinunter, und wie werden wir den Ausgang wieder finden? Da gibts keinen Ausgang, denken wir. Da sinds vielleicht traurige Verhältnisse in der Familie, die dich plagen, Geldsorgen oder Krankheit, oder daß |202 du siehst, wie die Leute einander nicht verstehen. Da gibt dir vielleicht ein Mitmensch durch sein Benehmen so ein rechtes Rätsel zu lösen oder auch ein Kreuz zu tragen. Da studierst du an dir selber herum, hast eine Absicht, einen Plan im Kopf, möchtest gerne und weißt doch nicht, ob du darfst und sollst, oder du weißt nicht, wie anstellen, fürchtest, es könnte dir falsch herauskommen. Vielleicht hast du auch schon eine Erfahrung gemacht wie die Jünger von Emmaus: es war dir, du seist in deinem Besten und Heiligsten getäuscht und betrogen worden; du hattest Freude an Gott und dem Guten gewonnen, du wolltest ein klein wenig im Schein der Ewigkeit leben schon in dieser Welt, aber dann mußtest du auch merken, daß man das nicht ungestört tun kann, daß die Verhältnisse in dieser Welt, obwohl sie nur menschlich, zeitlich, vergänglich sind, doch starke Mächte sind, die dem Ewigen, Göttlichen nicht viel Raum lassen, du mußtest merken, daß die Finsternis das Licht haßt und oft überwindet.

Eines wollen wir vor Allem den Jüngern von Emmaus nachmachen, wenn wir so gleich ihnen an einem Kummer zu studieren haben: Wir wollen reden miteinander über das, was uns drückt. Wir hören von ihnen, daß sie ihre Gedanken miteinander austauschten, und das war gut. Wenn sie geschwiegen hätten, wenn jeder sein Leid bloß so still in sich hineingewürgt hätte, ich glaube, dann wäre ihre Enttäuschung zu einer Verbitterung geworden, und sie hätten dann sicher das große, schöne Erlebnis nicht machen dürfen, das ihnen nachher geschenkt wurde. Das ist das Schlimmste: nicht wenn wir einen Kummer zu tragen haben, sondern wenn wir mit einem Kummer nichts anzufangen wissen, wenn er in uns bleibt und weiter in uns wühlen und bohren darf. Dazu ist er uns ja nicht gegeben, das wäre ein unglücklicher, kranker Zustand unserer Seele. Wir sollen erlöst werden von ihm. Ja, Gott will uns gerade durch ihn seine wunderbaren, freundlichen Wege zeigen. Nein, nur nicht unser Leid begraben in einem bleiernen, tödlichen Schweigen, das ist unnatürlich und muß uns darum auch unglücklich machen. Sondern reden müssen wir, eine Seele müssen wir suchen, der wir uns offenbaren können in sol|203cher Lage. Nicht etwa nur um uns Luft zu machen — das ist ja auch ein menschliches Bedürfnis, nicht wahr, aber das ist nicht die Hauptsache —, sondern weil wir ein Leid, das uns plagt, verarbeiten müssen; wir müssen uns ganz klar werden über das, was uns weh tut. Wir sollen nicht ratlos dastehen und so im allgemeinen einen dumpfen Druck spüren, ein unerklärliches Weh in der Seele, eine tiefe Unzufriedenheit oder Besorgnis, sondern deutlich und lebendig soll das Bild unseres Kummers vor uns stehen. Wir müssen eingesehen haben: so und so stehen die Dinge, so von dieser und so von jener Seite aus gesehen, hier und hier sind die Ursachen, die Alles so traurig gefügt haben. Das heißt ein Leid verarbeiten, und ohne das können wir nicht wahrhaft frei werden davon. Und um dazu zu kommen, müssen wir einander das Wort gönnen, müssen nicht zu stolz sein, zu einem Anderen, dem wir Vertrauen schenken, zu sagen, was uns bange und schwer macht.

Wir Menschen können einander freilich nicht Erlösung verschaffen, können einander nicht Leid in Freude verwandeln, das kann nur Gott, aber wir können einander dazu helfen und vorbereiten, uns gegenseitig den Weg ebnen. Man sagt, vier Augen sehen mehr als zwei, und so können auch zwei Herzen und Gemüter eher über eine Frage des Lebens die rechte Klarheit gewinnen als eines allein. Wenn einmal die Klarheit da ist, da kann die Erlösung nicht mehr weit sein. So haben jene zwei Jünger einander gegenseitig erinnert an Alles, was sie mit Jesus erlebt hatten, an das unvergleichlich Große, was sie in der vergangenen Zeit hatten sehen und hören dürfen. Einer half dem Anderen, jeder brachte das Seine hinzu, um das Bild des Meisters lebendig und deutlich zu machen vor ihrem geistigen Auge. Aber das große Rätsel des Kreuzes? Vor ihren Herzen zog Alles noch einmal vorüber, wie es gekommen war: wie die Sünde und Torheit der Menschen aufschäumte und die Oberhand gewann und wie Jesus gehorsam war und litt. Ja, da stieg ihre Betrübnis noch einmal aufs höchste. Das Schreckliche, Unbegreifliche an diesem Ende erschütterte ihre Seele noch einmal mit aller Macht, indem sie es |204 so klar vor sich sahen, aber eben diese Klarheit war auch schon die Vorbotschaft der Freude, die ihnen werden sollte. Laßt uns nach Klarheit ringen, liebe Freunde, wenn wir traurige Zeiten durchzumachen haben, laßt uns gegenseitig uns beistehen, um zu solcher Klarheit zu gelangen. Nur nicht das Dumpfe, Unausgesprochene, Versteckte — dort sind die wahren Feinde unseres Lebens und unseres Glückes. Es gibt auch Menschen, die einsam zur Klarheit gelangen über das, was ihnen fehlt, die ohne fremde Hilfe zur vollen Einsicht kommen über ihr Leid und seine Ursachen. Das sind die Menschen, die die Fähigkeit haben, gleichsam mit sich selbst ein Gespräch zu führen, sich selber aufzudecken und auszusprechen, was verborgen ist. Aber nicht allzuviele Menschen sind dazu fähig. Die Meisten von uns werden verbittert und versauert, wenn sie ihre Fragen und Sorgen allein tragen müssen. Wohl uns, wenn wir einen Kleophas finden auf unserem Weg, dem wir uns anvertrauen, mit dem wir Austausch halten mögen!

Und dann war Jesus auf einmal bei ihnen. Sie hatten ihn nicht kommen sehen, und sie kannten ihn nicht. Ihre Augen waren gehalten, zugehalten, wie es so wunderbar hier heißt. Sie konnten nicht sehen, was eigentlich doch so selbstverständlich war. Und doch war er bei ihnen, ganz in ihrer Mitte, und redete mit ihnen und sie mit ihm. Sie klagten ihm ihr Leid, und er beruhigte sie, daß Alles so sein müsse, daß Gottes Wege nun nicht zu Ende seien, sondern erst recht anfingen, und gab ihnen einen großen Frieden ins Herz, daß sie wußten: nun ist Alles gut.

Seht, so macht es Gott mit uns: wenn wir denken, jetzt geht es mir am allerschlimmsten, wenn ein Kummer so recht auf uns lastet, daß wir denken: wie halte ich das aus? wie soll das noch werden?, dann ist Jesus uns am allernächsten, Jesus als der Bote Gottes, der uns Erlösung und Freiheit bringt. Du trägst einen Kummer in dir herum wegen Anderen, es plagt dich und drückt dich: wie wird es ihnen noch gehen? wie wird noch Alles herauskommen? Du siehst Unglück und schwere Folgen voraus, möchtest so gern wehren und hindern und kannst nicht — sieh da, Jesus neben dir, nein, du siehst ihn nicht, deine Augen sind ge|205halten, und doch ist er da. Hat er nicht ganz dasselbe auch durchgemacht, hat er nicht gezittert und geweint — nicht nur um ein paar Bekannte oder Familienmitglieder wie du, sondern um sein ganzes Volk, um die ganze Menschheit sogar, die er auf verkehrtem Wege sah und die er so gern hätte zurückrufen mögen, zu sich und seinem Vater?! Er hat deinen Kummer auch durchgemacht, er ist neben dir. Wirst du ihn nicht erkennen, wirst du nicht merken, daß er dir tragen hilft, dir abnimmt? Und du mit deinen Sorgen um dich selber und dein Wohlergehen, mit deinen traurigen Gedanken über Gegenwart und Zukunft, mit deiner Unsicherheit und deinen Fragen: wie soll ichs machen und wie wirds mir gehen? Jesus ist neben dir, verlaß dich darauf, er ist auch über diese Erde gegangen und hat ihre Freude und besonders ihr Leid reichlich gekannt, er und alle seine Jünger. Meinst du denn wirklich, daß du allein seist, der Einzige, der etwas zu klagen hat? Meinst du nicht auch, daß der, der so viel Schwereres so ganz anders getragen hat als du dein kleines Problem, daß der dir auch helfen könnte? Das wirst du nicht mehr meinen, wenn dir nur einmal die Augen nicht mehr zugehalten sind, so daß du sehen kannst. Und wenn jemand einen bösen Kollegen oder einen bösen Nachbarn hat, da ist Jesus erst recht neben ihm. Du mußt nicht so tun und ein Zeug machen:2 das habe ich nicht gedacht, daß es solche Leute gibt, so schlecht hat mans nicht bald jemand gemacht. Ach du, du bist nicht so einsam, wie du meinst, da hat Jesus noch ganz anders erfahren müssen, was schlechte Leute sind, als du, und er mußte es erfahren ohne eigene Schuld, das kannst du sicher nicht sagen! Und wenns uns bange wird, ob Gott denn eigentlich Wahrheit sei, wenn wir vor den tiefsten, letzten Fragen des Lebens stehen wie dort die enttäuschten Jünger von Emmaus, wenns uns vorkommen will, die ganze Welt sei so ganz anders, als wirs wohl gerne glauben und hoffen möchten, eine Welt leer von Liebe und Wahrheit, von Licht und Frieden, wenn wir verzweifeln möchten daran, ob es sich überhaupt lohnt, die Hände |206 nach etwas Größerem auszustrecken, weil eben doch Alles mit so großer Macht uns nach unten zieht in diesem Leben — ist uns Jesus dann fern? Nein, gerade in diese Erfahrungen hinein ist er mit uns gegangen, lange, lange schon bevor wir ihn wahrnahmen, gerade da steigt er mit uns hinunter von Tiefe zu Tiefe, er kennt auch das, wir sind auch da nicht einsam. Wir wissen ja, wie weit er am Kreuze gekommen ist in seiner Angst und Not. Du siehst ihn nur nicht in deiner Bedrängnis, du siehst nur deinen Kummer. Wenn dir die Augen aufgehen werden, wirst du ihn sehen, und du wirst erlöst sein.

Jesus redete mit jenen beiden Jüngern, noch bevor sie wußten, wer er war. Und was er ihnen sagte, das war das lösende Wort für ihren Kummer. Man könnte erwarten, er würde zu ihnen treten und ihnen sagen: seht, da bin ich, ihr habt keinen Grund, traurig zu sein. Aber so grob arbeitet Gott nicht. Gott hat feinere und höhere Wege. Es soll nicht einfach ein Wunder geschehen, das ihre Traurigkeit hinausfegt. Sondern sie sollen erkennen, daß das, was sie traurig machte, so sein mußte. Christus mußte solches leiden! wird ihnen gesagt. Sie hätten es ja schon lange wissen sollen. Sagten es nicht die Propheten, daß der Weg zur Herrlichkeit durch Leiden und Schrecken hindurchgeht, daß das Weizenkorn, bevor es fruchtbar sproßt zum Licht empor, muß sterben in der Erde Schoß?3 Sie waren «Toren und trägen Herzens» gewesen, daß sie das Naheliegendste nicht verstanden und ergriffen hatten, nämlich daß Jesu Kreuzestod in Nacht und Schmach in Wirklichkeit sein letzter und höchster Sieg gewesen war. Jesus schalt sie nicht mit diesem Wort. Die Osterbotschaft vom Sieg des Lebens über den Tod war ja wohl selbstverständlich für Gott, aber wir Menschen müssen eben das göttlich Selbstverständliche |207 immer erst entdecken. Was uns das Bekannteste, Natürlichste sein sollte, mutet uns wie etwas Fremdes an. Aber verlassen sollten sie nun diese kurzsichtige Betrachtung ihres Kummers. Einsehen sollten sie jetzt, daß das, was ihnen Kummer machte, viel mehr ein Anlaß des Jubels für sie sein müßte. Hineinsehen sollten sie jetzt in die wunderbare Absicht Gottes, daß sein Heiliger in den Tod gehen mußte, um die höchste Liebe und das höchste Vertrauen leuchtend, wie sie noch nie dagewesen unter den Menschen, zum Vorschein zu bringen. Am Kreuz, in der größten Schmach und Verlassenheit, mußte es an den Tag kommen, daß Jesus wahrhaftig Gottes Sohn gewesen. Das sagte er ihnen jetzt selbst, er, der lebendige Auferstandene, führte sie zu der nüchternen Erkenntnis: Alles mußte so sein und ist gut so. Und doch erkannten sie ihn noch nicht, zogen noch nicht den einfachen Schluß: dann ist Kreuz und Tod und Grab überwunden, dann lebt er und ist bei uns alle Tage. Sie verstanden, aber sie erfaßten noch nicht den ganzen Sinn und Umfang dessen, was sie verstanden hatten.

Auch wir dürfen, wenn es uns bös geht und wir traurig sind, nicht einfach darauf warten, daß es irgendwie besser kommen werde. Wir seufzen ja wohl manchmal etwa: der liebe Gott wird es doch gut mit mir meinen und mir dies und das schenken oder dies oder das ersparen. Wir dürfen schon so seufzen, aber vielleicht ist es uns dann auch einmal, als ob zu uns gesagt würde: ihr Toren und trägen Herzens! warum seid ihr traurig? warum macht ihr euch trübe Gedanken? Warum meint ihr, es sei etwas Entsetzliches, was euch widerfährt, und der liebe Gott müsse euch so schnell als möglich wieder davon befreien? Nicht doch! Gerade durch das Schwere, das wir durchmachen müssen, richtet Gott das Größte bei uns aus. Gerade, wenn wir meinen, versinken zu müssen in Jammer und Grauen, dann ist Gott gegenwärtig und will all seine Herrlichkeit entfalten, wenn wir ihm nur stille halten. Seht hinein in die Pläne Gottes, ihr Menschenkinder, sie sind freilich anders als eure Pläne, aber eben viel größer, viel schöner! Verlaßt euch darauf! Fürchtet euch nicht! Vertraut auf den Vater, |208 der immer wieder aus Nacht Licht geschaffen hat. Euer Sorgen und Bangen, euer Seufzen und Leiden wird zu etwas gut sein, wenn ihrs annehmt als aus Gottes Hand, wenn ihr euch nur durch nichts von Gott scheiden laßt.

Wer sagt uns das Alles, liebe Freunde? Sind das schöne Trostesworte, die wir aus der Luft greifen und die den Wert von viel Luft haben? Oder ist das eine Wahrheit, die garantiert ist für Zeit und Ewigkeit? Meine Freunde, das sagt uns eben Jesus, Jesus, der lebendig, freundlich, menschlich uns nahe ist gerade in unseren trübsten, schwersten Stunden, gerade in unseren bittersten Erfahrungen. Er sagt uns von aller Not des Lebens: das kenne ich auch, aber ich weiß auch, daß in der Not ein Segen Gottes verborgen ist. Ich kenne die Welt, sie ist kalt und dunkel, es ist viel Unbegreifliches und Hartes in ihr. Aber sie ist doch die Welt Gottes des Vaters, von ihm geschaffen und von seinem Geist und Willen gelenkt, seinen Kindern zum Besten. Ich kenne die Menschen, sagt uns Jesus, sie sind unendlich schwach, man darf nie zu viel von ihnen verlangen, man möchte sie manchmal aufgeben, verloren geben, aber sie sind doch alle Gottes Kinder, und er lenkt ihre Herzen wie Wasserbäche [vgl. Spr. 21,1], sie können im Grund nichts tun ohne ihn oder gegen ihn, warum willst du dich vor ihm fürchten? Ich kenne die Angst und den Jammer, sagt uns Jesus, aber ich habe auch erfahren, wie mitten in der Angst der Seele Gott dem Menschen nahe ist, näher, als wenn er fröhlich ist, näher, als wenn er mit vollem friedlichem Herzen betet, näher, als wenn er Psalmen singt Gott zur Ehre. Am allernächsten in der tiefsten Seelennot. Wenn ich schwach bin, so bin ich stark [2.Kor. 12,10]. Das habe ich erfahren, es ist so! So sagt uns Jesus. Er sagt uns von allem Schweren, Geheimnisvollen, Schrecklichen, auch von der Sünde, auch vom Tode, daß Gott das Alles regiere, daß es eigentlich all dies Furchtbare verliere, sobald uns einmal das klar geworden: Gott regiert, er steht hinter Allem mit seinem guten gewaltigen Willen. Das Alles sagt uns Jesus. Alles das, worüber wir seufzen und klagen, verwandelt er uns in etwas Helles, Freundliches. Wir sagen: warum ist das so? Er sagt uns: das muß |209 so sein! und heißt uns Gott danken dafür. Er geht neben uns her und erklärt uns unser Leben, wie er jenen Jüngern dort Alles erklärt hat. Er sagt uns vom Einen: das wird anders kommen, warte nur ein wenig! er sagt uns vom Anderen: das mußt du anders ansehen, dann ist es auch etwas Anderes. Er sagt uns vom Dritten: du mußt dich anders stellen, du mußt das Licht der Liebe und des Gottvertrauens stärker leuchten lassen, mußt genauer, eifriger, aufrichtiger sein, dann ist die Welt nicht mehr das Jammertal, als das du sie jetzt ansiehst. Sie wird zum Gottesgarten für einen jeden, der ein Gottesgärtner darin sein will und nicht ein Jammermensch. So geht er neben uns her und sagt uns, was wir wissen müssen, um erlöst zu werden. Wenn wirs hören und aufnehmen, dann werden wir erlöst, wie jene Jünger wirklich erlöst worden sind.

Sie haben ihn nicht gleich erkannt, sie wußten nicht sofort, daß er es war, der mit ihnen redete. Das ist merkwürdig und wichtig. Wenn wir hörten: Jesus redet mit uns, er ist uns näher gerade dann, wenn es uns am schwersten ums Herz ist, so geht es uns oft genug gerade so. Wir ahnen nicht, daß er es ist, von dem jene ermunternden, licht- und trostbringenden Wahrheiten uns zuströmen. Vielleicht ists ein anderer Mensch, der sie uns vermittelt, vielleicht gibt uns etwas, was wir lesen, das rechte Licht, das uns unser Leben und seine Fragen erklärt und begreiflich macht. Vielleicht haben wir irgendein kräftiges Wort eines Dichters und Denkers in Erinnerung, das uns hilft, den Sprung über den Graben zu machen. Vielleicht kommen wir selber durch tapferes, treues, ruhiges Nachdenken dazu, den Schlüssel zu finden, der uns fehlte. Darauf kommt nicht so viel an. Jesus kam dort auch nicht viel darauf an, ob die Jünger ihn sofort erkannten, wenn sie nur hörten und annahmen, was er ihnen sagte. Wenn nur ihr Herz zum Brennen kam. So ists auch bei uns nicht das Erste, wenn Ruhe, Frieden und Sicherheit, Vertrauen und gute Entschlüsse in uns entstehen, daß wir dann gleich wissen: das ist jetzt der Heiland! Aber hören müssen wir, d. h. annehmen, was Gott uns sagt, sage er es uns nun so oder so. Unsere Herzen müssen zum Bren|210nen kommen. Es wäre uns oft besser, wir würden weniger vom Heiland reden und mehr brennen, angezündet von seinem Gehorsam und von seiner Liebe. Wo die Menschen hören und annehmen, was Jesus wollte und brachte, da ist das wahre Christentum, auch wenn sie vielleicht äußerlich sehr wenig von ihm wissen. Und es gibt solche Emmausjünger, die Jesu Wort hören und annehmen mit brennendem Herzen und sich mit Freuden in seinen Dienst stellen — obwohl sie nicht wissen, daß es Jesus ist, auf den sie hören und dem sie gehorchen. Wiederum gibt es Jünger, bei denen das dritte Wort «Jesus» ist, und sie kennen ihn wohl, aber sie brennen nicht. Welches sind die Besseren? Und zu welchen gehören wir?

Aber es konnte ja nicht bleiben bei der halben Einsicht: Was uns Kummer macht, ist Gottes guter heiliger Wille. Als sie soweit gelangt waren, da mußte die andere Erkenntnis folgen: Jesus lebt. Ihre Augen wurden geöffnet, heißt es von ihnen, und sie erkannten ihn, und er verschwand vor ihnen. Es wird auch bei uns nicht bleiben können bei jenen guten, klaren Lebenseinsichten, bei jener Erlösung vom Druck der Welt. Sondern je mehr wir uns erlösen lassen durch die gute Botschaft vom Vater, der Alles, auch das Leid, in seinen Händen hält und der durch Alles seinen Willen geschehen und sein Reich fördern läßt, je mehr wir die Wohltat spüren, die wir empfangen durch diese große, einfache, sichere Erklärung unseres Lebens, desto mehr haben wir auch Grund und Anlaß zu forschen: woher kommt uns das Alles? Wer ist der, der diese gute, erlösende Botschaft uns gebracht hat? Und dann sehen wir auf einmal, wie jene dort: Das ist Jesus, dem wir das Alles verdanken, er, der Lebendige, der Auferstandene. Seit er über diese Erde ging, ist in der Menschheit ein unerschöpflicher Reichtum von Liebe und Gottvertrauen. Vorher war sie nicht da. Seither haben unzählige Menschen aus dieser Quelle getrunken. Auch wir dürfen es tun. Und wir können es viel reichlicher tun, viel regelmäßiger und sicherer, wenn wir erkannt haben: Jesus ist die Quelle des Lichtes und der Kraft in der Welt. Nicht aus dem Unbekannten strömen uns Gotteskräfte zu, sondern von ihm, in|211dem Gott zu uns geredet hat. Wenn wir ihn kennen gelernt haben, der uns so reich beschenkt, oft ohne daß wir es ahnen, dann sehen wir freudig dem Traurigen, Schlechten, Kleinlichen dieses Lebens und dieser Welt ins Gesicht. Es kann uns nichts mehr überwinden. Wir werden dann immer zum vornherein, noch bevor wieder eine neue Welle da ist, wissen: in dem Allen überwinden wir weit um des willen, um Jesu willen, der uns geliebet hat [vgl. Röm. 8,37]! Und jedesmal, wenn wir wieder mit [ihm] eine Woge von Kummer überstanden, mit ihm Gottes Ruhe und Segen darin verspürt haben, jedesmal werden wir sicherer und vertrauensvoller dastehen und dankbarer zu ihm sagen: Herr, bleibe bei uns!

Amen.

Sachfußnoten

1
Mskr.: werden.↩
2
= Du mußt dich nicht so aufregen und zetern.↩
3
Aus Lied 170: «Die Sach’ ist dein, Herr Jesu Christ» von S. Preiswerk (1799–1871), Strophe 1: 🎵
Allein das Weizenkorn, bevor
Es fruchtbar sproßt zum Licht empor,
Muß sterben in der Erde Schoß,
Zuvor vom eignen Wesen los.
↩