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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 24,13-35</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 24,13-35, 19. April 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5020 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 199–211.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Lukas 24,13-35</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 216</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 24,13-35, 19. April 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1658">KBA 1194</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-04-19">19. April 1914</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-04-19">19. April 1914</date>
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            <ab>
              <hi rend="italic">Die Jünger von <placeName ref="kbga-places-949">Emmaus</placeName></hi>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.13 Lk.24.35">Lukas 24,13–35</ref>
            </cit>
          </epigraph>
         
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>In tiefer Bekümmernis und Seelennot sind sie über Land gezogen, die beiden Jünger. Es
               war jetzt schon der dritte Tag, aber
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                ihre Herzen waren noch ganz voll von der großen, schweren Enttäuschung, die sie
               erlebt hatten. Jesus von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName> war ihnen so viel gewesen, im Zusammensein mit ihm
               hatten sie das Leben ein wenig von einer höheren Seite aus ansehen lernen, Gott war
               ihnen bekannt geworden durch Jesus, der lebendige Gott. Ein Stück von der Ewigkeit
               hatten sie zu sehen gemeint. Und nun war es aus damit, sie hatten sich offenbar
               geirrt: gekreuzigt, gestorben, begraben, vergessen — das sollte offenbar auch für ihn
               das Ende sein wie für Millionen Andere. Das war so unendlich bitter für sie. Es war
               ihnen, das Beste von ihnen selbst sei mit ihm ins Grab gelegt. Sie mußten sich jetzt
               langsam gewöhnen an den Gedanken, daß die kurze Zeit, die sie mit Jesus zugebracht,
               ein schöner Traum gewesen, von dem ihnen jetzt nichts, gar nichts übrig bleiben würde
               als eine bloße Erinnerung. Sie mußten daran denken, zurückzukehren in ihr altes
               Leben, aus dem sie Jesus herausgeführt hatte, zurückzukehren äußerlich und
               wahrscheinlich auch innerlich, es war ja Alles nicht so, wie Jesus gemeint hatte, er
               hatte es ja jetzt selbst erfahren müssen, wie stark die Verhältnisse sind in dieser
               Welt und wie die einem einen Strich durch die Rechnung machen können, und wenn man es
               noch so gut meinte. Nichts ist so stark wie die Verhältnisse. Auch Gott nicht.
               Jedenfalls auf Erden nicht, nicht unter den Menschen. Menschen sind keine Engel,
               können nun einmal nicht von Gott leben, wie sie wohl sollten. Das Kreuz Jesu war ja
               der Beweis dafür. Man kann kein Kind des Vaters sein in dieser argen Welt. Der Vater
               ist wohl weit weg. So dachten sie etwa. Und waren voll Bitterkeit und schwerer
               Enttäuschung dabei. Nicht, daß sie sich so rasch zufrieden geben konnten: das ist nun
               einmal so, das läßt sich nicht ändern! Nein, sie konnten und wollten es fast nicht
               glauben. Ihre Enttäuschung war auch eine tiefe Wehmut, immer wieder war es ihnen: es
               kann ja nicht sein! Wie wenn uns jemand gestorben ist, und wir müssen ihn immer
               wieder aufsuchen, solange die Leiche noch im Hause ist, immer wieder das stille,
               bleiche Gesicht ansehen mit der stummen Frage: lebst du wirklich nicht mehr? hast du
               wirklich mir nichts mehr zu sagen? solls nun dabei blei<pb xml:id="p201" ed="pga" break="no"/>ben, daß du mir genommen bist, das kann ja nicht sein — so kehrten ihre Gedanken
               immer wieder zu dem zurück, den sie in das Felsengrab des <persName ref="kbga-actors-8342">Joseph von Arimathia</persName> 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.57 Mt.27.61">Mt. 27,57–61</ref>] hatten
               legen sehen. Und dann mußten sie immer wieder an ihre Zukunft denken, die jetzt so
               leer und ohne Licht vor ihnen lag, an die müden, unentschlossenen Schritte, mit denen
               sie von jetzt an durchs Leben gehen würden. Sie konnten ja doch nicht mehr werden
               ganz wie die Anderen, sie konnten sich nicht mehr zufrieden geben mit Geld und Lust
               und was die Menschen sonst noch begehren in dieser Welt, sie hatten den Geschmack
               daran verloren und nun doch schließlich nichts Besseres gefunden. Sie waren doppelt
               heimatlos: in der Welt und nun, nach dem furchtbaren Erlebnis auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>, auch bei
               Gott. So wanderten sie über Land, und tiefer und tiefer versanken ihre Seelen in
               hoffnungslosem Jammer.</p>
        <p>So ist schon mancher gewandert, durch die schönste Frühlingsnatur gewandert, einsam
               oder zu zweien, mit einer großen Betrübnis im Herzen. Oder hat in der Stille
               schlafloser Nächte gerungen mit seinem Kummer. Oder bei aller Arbeit ist ihm das
               Traurige, das er erlebt hatte, immer wieder durch die Seele gezogen, hat über seinem
               Leben gelagert wie eine schwere, schwarze Wolke. Nicht wahr, wir kennen das, wie das
               ist, wenn man so studieren muß an etwas, immer wieder studieren, nie fertig wird<note xml:id="n01"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: werden.</note> damit. Wie sich einem die Sachen da von immer
               neuen Seiten zeigen. Jetzt meint man einen Ausweg, eine Lösung, einen Trost gefunden
               zu haben. Aber nein, es ist auch nichts damit. Auch so bleibt die Sache fraglich,
               unerfreulich, schlimm. Da wills uns vorkommen, als seien wir in einem tiefen
               Bergwerk, und überall zeigen sich neue Treppen und Schächte, die in die Tiefe führen,
               und überall müssen wir hinunter, tief, tief hinunter, und wie werden wir den Ausgang
               wieder finden? Da gibts keinen Ausgang, denken wir. Da sinds vielleicht traurige
               Verhältnisse in der Familie, die dich plagen, Geldsorgen oder Krankheit, oder daß
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                du siehst, wie die Leute einander nicht verstehen. Da gibt dir vielleicht ein
               Mitmensch durch sein Benehmen so ein rechtes Rätsel zu lösen oder auch ein Kreuz zu
               tragen. Da studierst du an dir selber herum, hast eine Absicht, einen Plan im Kopf,
               möchtest gerne und weißt doch nicht, ob du darfst und sollst, oder du weißt nicht,
               wie anstellen, fürchtest, es könnte dir falsch herauskommen. Vielleicht hast du auch
               schon eine Erfahrung gemacht wie die Jünger von <placeName ref="kbga-places-949">Emmaus</placeName>: es war dir, du seist in
               deinem Besten und Heiligsten getäuscht und betrogen worden; du hattest Freude an Gott
               und dem Guten gewonnen, du wolltest ein klein wenig im Schein der Ewigkeit leben
               schon in dieser Welt, aber dann mußtest du auch merken, daß man das nicht ungestört
               tun kann, daß die Verhältnisse in dieser Welt, obwohl sie nur menschlich, zeitlich,
               vergänglich sind, doch starke Mächte sind, die dem Ewigen, Göttlichen nicht viel Raum
               lassen, du mußtest merken, daß die Finsternis das Licht haßt und oft überwindet.</p>
        <p>Eines wollen wir vor Allem den Jüngern von <placeName ref="kbga-places-949">Emmaus</placeName> nachmachen, wenn wir so gleich
               ihnen an einem Kummer zu studieren haben: Wir wollen reden miteinander über das, was
               uns drückt. Wir hören von ihnen, daß sie ihre Gedanken miteinander austauschten, und
               das war gut. Wenn sie geschwiegen hätten, wenn jeder sein Leid bloß so still in sich
               hineingewürgt hätte, ich glaube, dann wäre ihre Enttäuschung zu einer Verbitterung
               geworden, und sie hätten dann sicher das große, schöne Erlebnis nicht machen dürfen,
               das ihnen nachher geschenkt wurde. Das ist das Schlimmste: nicht wenn wir einen
               Kummer zu tragen haben, sondern wenn wir mit einem Kummer nichts anzufangen wissen,
               wenn er in uns bleibt und weiter in uns wühlen und bohren darf. Dazu ist er uns ja
               nicht gegeben, das wäre ein unglücklicher, kranker Zustand unserer Seele. Wir sollen
               erlöst werden von ihm. Ja, Gott will uns gerade durch ihn seine wunderbaren,
               freundlichen Wege zeigen. Nein, nur nicht unser Leid begraben in einem bleiernen,
               tödlichen Schweigen, das ist unnatürlich und muß uns darum auch unglücklich machen.
               Sondern reden müssen wir, eine Seele müssen wir suchen, der wir uns offenbaren können
               in sol<pb xml:id="p203" ed="pga" break="no"/>cher Lage. Nicht etwa nur um uns Luft zu machen — das ist ja auch ein menschliches
               Bedürfnis, nicht wahr, aber das ist nicht die Hauptsache —, sondern weil wir ein
               Leid, das uns plagt, verarbeiten müssen; wir müssen uns ganz klar werden über das,
               was uns weh tut. Wir sollen nicht ratlos dastehen und so im allgemeinen einen dumpfen
               Druck spüren, ein unerklärliches Weh in der Seele, eine tiefe Unzufriedenheit oder
               Besorgnis, sondern deutlich und lebendig soll das Bild unseres Kummers vor uns
               stehen. Wir müssen eingesehen haben: so und so stehen die Dinge, so von dieser und so
               von jener Seite aus gesehen, hier und hier sind die Ursachen, die Alles so traurig
               gefügt haben. Das heißt ein Leid verarbeiten, und ohne das können wir nicht wahrhaft
               frei werden davon. Und um dazu zu kommen, müssen wir einander das Wort gönnen, müssen
               nicht zu stolz sein, zu einem Anderen, dem wir Vertrauen schenken, zu sagen, was uns
               bange und schwer macht.</p>
        <p>Wir Menschen können einander freilich nicht Erlösung verschaffen, können einander
               nicht Leid in Freude verwandeln, das kann nur Gott, aber wir können einander dazu
               helfen und vorbereiten, uns gegenseitig den Weg ebnen. Man sagt, vier Augen sehen
               mehr als zwei, und so können auch zwei Herzen und Gemüter eher über eine Frage des
               Lebens die rechte Klarheit gewinnen als eines allein. Wenn einmal die Klarheit da
               ist, da kann die Erlösung nicht mehr weit sein. So haben jene zwei Jünger einander
               gegenseitig erinnert an Alles, was sie mit Jesus erlebt hatten, an das
               unvergleichlich Große, was sie in der vergangenen Zeit hatten sehen und hören dürfen.
               Einer half dem Anderen, jeder brachte das Seine hinzu, um das Bild des Meisters
               lebendig und deutlich zu machen vor ihrem geistigen Auge. Aber das große Rätsel des
               Kreuzes? Vor ihren Herzen zog Alles noch einmal vorüber, wie es gekommen war: wie die
               Sünde und Torheit der Menschen aufschäumte und die Oberhand gewann und wie Jesus
               gehorsam war und litt. Ja, da stieg ihre Betrübnis noch einmal aufs höchste. Das
               Schreckliche, Unbegreifliche an diesem Ende erschütterte ihre Seele noch einmal mit
               aller Macht, indem sie es
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                so klar vor sich sahen, aber eben diese Klarheit war auch schon die Vorbotschaft der
               Freude, die ihnen werden sollte. Laßt uns nach Klarheit ringen, liebe Freunde, wenn
               wir traurige Zeiten durchzumachen haben, laßt uns gegenseitig uns beistehen, um zu
               solcher Klarheit zu gelangen. Nur nicht das Dumpfe, Unausgesprochene, Versteckte —
               dort sind die wahren Feinde unseres Lebens und unseres Glückes. Es gibt auch
               Menschen, die einsam zur Klarheit gelangen über das, was ihnen fehlt, die ohne fremde
               Hilfe zur vollen Einsicht kommen über ihr Leid und seine Ursachen. Das sind die
               Menschen, die die Fähigkeit haben, gleichsam mit sich selbst ein Gespräch zu führen,
               sich selber aufzudecken und auszusprechen, was verborgen ist. Aber nicht allzuviele
               Menschen sind dazu fähig. Die Meisten von uns werden verbittert und versauert, wenn
               sie ihre Fragen und Sorgen allein tragen müssen. Wohl uns, wenn wir einen <persName ref="kbga-actors-8706">Kleophas</persName>
               finden auf unserem Weg, dem wir uns anvertrauen, mit dem wir Austausch halten
               mögen!</p>
        <p>Und dann war Jesus auf einmal bei ihnen. Sie hatten ihn nicht kommen sehen, und sie
               kannten ihn nicht. Ihre Augen waren gehalten, zugehalten, wie es so wunderbar hier
               heißt. Sie konnten nicht sehen, was eigentlich doch so selbstverständlich war. Und
               doch war er bei ihnen, ganz in ihrer Mitte, und redete mit ihnen und sie mit ihm. Sie
               klagten ihm ihr Leid, und er beruhigte sie, daß Alles so sein müsse, daß Gottes Wege
               nun nicht zu Ende seien, sondern erst recht anfingen, und gab ihnen einen großen
               Frieden ins Herz, daß sie wußten: nun ist Alles gut.</p>
        <p>Seht, so macht es Gott mit uns: wenn wir denken, jetzt geht es mir am
               allerschlimmsten, wenn ein Kummer so recht auf uns lastet, daß wir denken: wie halte
               ich das aus? wie soll das noch werden?, dann ist Jesus uns am allernächsten, Jesus
               als der Bote Gottes, der uns Erlösung und Freiheit bringt. Du trägst einen Kummer in
               dir herum wegen Anderen, es plagt dich und drückt dich: wie wird es ihnen noch gehen?
               wie wird noch Alles herauskommen? Du siehst Unglück und schwere Folgen voraus,
               möchtest so gern wehren und hindern und kannst nicht — sieh da, Jesus neben dir,
               nein, du siehst ihn nicht, deine Augen sind ge<pb xml:id="p205" ed="pga" break="no"/>halten, und doch ist er da. Hat er nicht ganz dasselbe auch durchgemacht, hat er
               nicht gezittert und geweint — nicht nur um ein paar Bekannte oder Familienmitglieder
               wie du, sondern um sein ganzes Volk, um die ganze Menschheit sogar, die er auf
               verkehrtem Wege sah und die er so gern hätte zurückrufen mögen, zu sich und seinem
               Vater?! Er hat deinen Kummer auch durchgemacht, er ist neben dir. Wirst du ihn nicht
               erkennen, wirst du nicht merken, daß er dir tragen hilft, dir abnimmt? Und du mit
               deinen Sorgen um dich selber und dein Wohlergehen, mit deinen traurigen Gedanken über
               Gegenwart und Zukunft, mit deiner Unsicherheit und deinen Fragen: wie soll ichs
               machen und wie wirds mir gehen? Jesus ist neben dir, verlaß dich darauf, er ist auch
               über diese Erde gegangen und hat ihre Freude und besonders ihr Leid reichlich
               gekannt, er und alle seine Jünger. Meinst du denn wirklich, daß du allein seist, der
               Einzige, der etwas zu klagen hat? Meinst du nicht auch, daß der, der so viel
               Schwereres so ganz anders getragen hat als du dein kleines Problem, daß der dir auch
               helfen könnte? Das wirst du nicht mehr meinen, wenn dir nur einmal die Augen nicht
               mehr zugehalten sind, so daß du sehen kannst. Und wenn jemand einen bösen Kollegen
               oder einen bösen Nachbarn hat, da ist Jesus erst recht neben ihm. Du mußt nicht so
               tun und ein Zeug machen:<note xml:id="n02">= Du mußt dich nicht so aufregen und
                  zetern.</note> das habe ich nicht gedacht, daß es solche Leute gibt, so schlecht
               hat mans nicht bald jemand gemacht. Ach du, du bist nicht so einsam, wie du meinst,
               da hat Jesus noch ganz anders erfahren müssen, was schlechte Leute sind, als du, und
               er mußte es erfahren ohne eigene Schuld, das kannst du sicher nicht sagen! Und wenns
               uns bange wird, ob Gott denn eigentlich Wahrheit sei, wenn wir vor den tiefsten,
               letzten Fragen des Lebens stehen wie dort die enttäuschten Jünger von <placeName ref="kbga-places-949">Emmaus</placeName>, wenns
               uns vorkommen will, die ganze Welt sei so ganz anders, als wirs wohl gerne glauben
               und hoffen möchten, eine Welt leer von Liebe und Wahrheit, von Licht und Frieden,
               wenn wir verzweifeln möchten daran, ob es sich überhaupt lohnt, die Hände
               <pb xml:id="p206" ed="pga"/>
                nach etwas Größerem auszustrecken, weil eben doch Alles mit so großer Macht uns nach
               unten zieht in diesem Leben — ist uns Jesus dann fern? Nein, gerade in diese
               Erfahrungen hinein ist er mit uns gegangen, lange, lange schon bevor wir ihn
               wahrnahmen, gerade da steigt er mit uns hinunter von Tiefe zu Tiefe, er kennt auch
               das, wir sind auch da nicht einsam. Wir wissen ja, wie weit er am Kreuze gekommen ist
               in seiner Angst und Not. Du siehst ihn nur nicht in deiner Bedrängnis, du siehst nur
               deinen Kummer. Wenn dir die Augen aufgehen werden, wirst du ihn sehen, und du wirst
               erlöst sein.</p>
        <p>Jesus redete mit jenen beiden Jüngern, noch bevor sie wußten, wer er war. Und was er
               ihnen sagte, das war das lösende Wort für ihren Kummer. Man könnte erwarten, er würde
               zu ihnen treten und ihnen sagen: seht, da bin ich, ihr habt keinen Grund, traurig zu
               sein. Aber so grob arbeitet Gott nicht. Gott hat feinere und höhere Wege. Es soll
               nicht einfach ein Wunder geschehen, das ihre Traurigkeit hinausfegt. Sondern sie
               sollen erkennen, daß das, was sie traurig machte, so sein mußte. Christus mußte
               solches leiden! wird ihnen gesagt. Sie hätten es ja schon lange wissen sollen. Sagten
               es nicht die Propheten, daß der Weg zur Herrlichkeit durch Leiden und Schrecken
               hindurchgeht, daß das Weizenkorn, bevor es fruchtbar sproßt zum Licht empor, muß
               sterben in der Erde Schoß?<note xml:id="n03">Aus <bibl corresp="kbga-songs-138" type="song">
                                Lied 170: «Die Sach’ ist dein, Herr Jesu Christ» von <persName ref="kbga-actors-736">S. Preiswerk</persName> (1799–1871), Strophe 1:</bibl> <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Allein das Weizenkorn, bevor</l>
                                    <l xml:space="preserve">Es fruchtbar sproßt zum Licht empor,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Muß sterben in der Erde Schoß,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Zuvor vom eignen Wesen los.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> Sie waren «Toren und trägen Herzens» gewesen, daß sie das Naheliegendste
               nicht verstanden und ergriffen hatten, nämlich daß Jesu Kreuzestod in Nacht und
               Schmach in Wirklichkeit sein letzter und höchster Sieg gewesen war. Jesus schalt sie
               nicht mit diesem Wort. Die Osterbotschaft vom Sieg des Lebens über den Tod war ja
               wohl selbstverständlich für Gott, aber wir Menschen müssen eben das göttlich
               Selbstverständliche
               <pb xml:id="p207" ed="pga"/>
                immer erst entdecken. Was uns das Bekannteste, Natürlichste sein sollte, mutet uns
               wie etwas Fremdes an. Aber verlassen sollten sie nun diese kurzsichtige Betrachtung
               ihres Kummers. Einsehen sollten sie jetzt, daß das, was ihnen Kummer machte, viel
               mehr ein Anlaß des Jubels für sie sein müßte. Hineinsehen sollten sie jetzt in die
               wunderbare Absicht Gottes, daß sein Heiliger in den Tod gehen mußte, um die höchste
               Liebe und das höchste Vertrauen leuchtend, wie sie noch nie dagewesen unter den
               Menschen, zum Vorschein zu bringen. Am Kreuz, in der größten Schmach und
               Verlassenheit, mußte es an den Tag kommen, daß Jesus wahrhaftig Gottes Sohn gewesen.
               Das sagte er ihnen jetzt selbst, er, der lebendige Auferstandene, führte sie zu der
               nüchternen Erkenntnis: Alles mußte so sein und ist gut so. Und doch erkannten sie ihn
               noch nicht, zogen noch nicht den einfachen Schluß: dann ist Kreuz und Tod und Grab
               überwunden, dann lebt er und ist bei uns alle Tage. Sie verstanden, aber sie erfaßten
               noch nicht den ganzen Sinn und Umfang dessen, was sie verstanden hatten.</p>
        <p>Auch wir dürfen, wenn es uns bös geht und wir traurig sind, nicht einfach darauf
               warten, daß es irgendwie besser kommen werde. Wir seufzen ja wohl manchmal etwa: der
               liebe Gott wird es doch gut mit mir meinen und mir dies und das schenken oder dies
               oder das ersparen. Wir dürfen schon so seufzen, aber vielleicht ist es uns dann auch
               einmal, als ob zu uns gesagt würde: ihr Toren und trägen Herzens! warum seid ihr
               traurig? warum macht ihr euch trübe Gedanken? Warum meint ihr, es sei etwas
               Entsetzliches, was euch widerfährt, und der liebe Gott müsse euch so schnell als
               möglich wieder davon befreien? Nicht doch! Gerade durch das Schwere, das wir
               durchmachen müssen, richtet Gott das Größte bei uns aus. Gerade, wenn wir meinen,
               versinken zu müssen in Jammer und Grauen, dann ist Gott gegenwärtig und will all
               seine Herrlichkeit entfalten, wenn wir ihm nur stille halten. Seht hinein in die
               Pläne Gottes, ihr Menschenkinder, sie sind freilich anders als eure Pläne, aber eben
               viel größer, viel schöner! Verlaßt euch darauf! Fürchtet euch nicht! Vertraut auf den
               Vater,
               <pb xml:id="p208" ed="pga"/>
                der immer wieder aus Nacht Licht geschaffen hat. Euer Sorgen und Bangen, euer
               Seufzen und Leiden wird zu etwas gut sein, wenn ihrs annehmt als aus Gottes Hand,
               wenn ihr euch nur durch nichts von Gott scheiden laßt.</p>
        <p>Wer sagt uns das Alles, liebe Freunde? Sind das schöne Trostesworte, die wir aus der
               Luft greifen und die den Wert von viel Luft haben? Oder ist das eine Wahrheit, die
               garantiert ist für Zeit und Ewigkeit? Meine Freunde, das sagt uns eben Jesus, Jesus,
               der lebendig, freundlich, menschlich uns nahe ist gerade in unseren trübsten,
               schwersten Stunden, gerade in unseren bittersten Erfahrungen. Er sagt uns von aller
               Not des Lebens: das kenne ich auch, aber ich weiß auch, daß in der Not ein Segen
               Gottes verborgen ist. Ich kenne die Welt, sie ist kalt und dunkel, es ist viel
               Unbegreifliches und Hartes in ihr. Aber sie ist doch die Welt Gottes des Vaters, von
               ihm geschaffen und von seinem Geist und Willen gelenkt, seinen Kindern zum Besten.
               Ich kenne die Menschen, sagt uns Jesus, sie sind unendlich schwach, man darf nie zu
               viel von ihnen verlangen, man möchte sie manchmal aufgeben, verloren geben, aber sie
               sind doch alle Gottes Kinder, und er lenkt ihre Herzen wie Wasserbäche 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.21.1">Spr. 21,1</ref>], sie können im
               Grund nichts tun ohne ihn oder gegen ihn, warum willst du dich vor ihm fürchten? Ich
               kenne die Angst und den Jammer, sagt uns Jesus, aber ich habe auch erfahren, wie
               mitten in der Angst der Seele Gott dem Menschen nahe ist, näher, als wenn er fröhlich
               ist, näher, als wenn er mit vollem friedlichem Herzen betet, näher, als wenn er
               Psalmen singt Gott zur Ehre. Am allernächsten in der tiefsten Seelennot. Wenn ich
               schwach bin, so bin ich stark [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.10">2.Kor. 12,10</ref>]. 
               Das habe ich erfahren, es ist so! So sagt uns Jesus. Er sagt
               uns von allem Schweren, Geheimnisvollen, Schrecklichen, auch von der Sünde, auch vom
               Tode, daß Gott das Alles regiere, daß es eigentlich all dies Furchtbare verliere,
               sobald uns einmal das klar geworden: Gott regiert, er steht hinter Allem mit seinem
               guten gewaltigen Willen. Das Alles sagt uns Jesus. Alles das, worüber wir seufzen und
               klagen, verwandelt er uns in etwas Helles, Freundliches. Wir sagen: warum ist das so?
               Er sagt uns: das muß
               <pb xml:id="p209" ed="pga"/>
                so sein! und heißt uns Gott danken dafür. Er geht neben uns her und erklärt uns
               unser Leben, wie er jenen Jüngern dort Alles erklärt hat. Er sagt uns vom Einen: das
               wird anders kommen, warte nur ein wenig! er sagt uns vom Anderen: das mußt du anders
               ansehen, dann ist es auch etwas Anderes. Er sagt uns vom Dritten: du mußt dich anders
               stellen, du mußt das Licht der Liebe und des Gottvertrauens stärker leuchten lassen,
               mußt genauer, eifriger, aufrichtiger sein, dann ist die Welt nicht mehr das
               Jammertal, als das du sie jetzt ansiehst. Sie wird zum Gottesgarten für einen jeden,
               der ein Gottesgärtner darin sein will und nicht ein Jammermensch. So geht er neben
               uns her und sagt uns, was wir wissen müssen, um erlöst zu werden. Wenn wirs hören und
               aufnehmen, dann werden wir erlöst, wie jene Jünger wirklich erlöst worden sind.</p>
        <p>Sie haben ihn nicht gleich erkannt, sie wußten nicht sofort, daß er es war, der mit
               ihnen redete. Das ist merkwürdig und wichtig. Wenn wir hörten: Jesus redet mit uns,
               er ist uns näher gerade dann, wenn es uns am schwersten ums Herz ist, so geht es uns
               oft genug gerade so. Wir ahnen nicht, daß er es ist, von dem jene ermunternden,
               licht- und trostbringenden Wahrheiten uns zuströmen. Vielleicht ists ein anderer
               Mensch, der sie uns vermittelt, vielleicht gibt uns etwas, was wir lesen, das rechte
               Licht, das uns unser Leben und seine Fragen erklärt und begreiflich macht. Vielleicht
               haben wir irgendein kräftiges Wort eines Dichters und Denkers in Erinnerung, das uns
               hilft, den Sprung über den Graben zu machen. Vielleicht kommen wir selber durch
               tapferes, treues, ruhiges Nachdenken dazu, den Schlüssel zu finden, der uns fehlte.
               Darauf kommt nicht so viel an. Jesus kam dort auch nicht viel darauf an, ob die
               Jünger ihn sofort erkannten, wenn sie nur hörten und annahmen, was er ihnen sagte.
               Wenn nur ihr Herz zum Brennen kam. So ists auch bei uns nicht das Erste, wenn Ruhe,
               Frieden und Sicherheit, Vertrauen und gute Entschlüsse in uns entstehen, daß wir dann
               gleich wissen: das ist jetzt der Heiland! Aber hören müssen wir, d. h. annehmen, was
               Gott uns sagt, sage er es uns nun so oder so. Unsere Herzen müssen zum Bren<milestone xml:id="m14" unit="page"/><pb xml:id="p210" ed="pga" break="no"/>nen kommen. Es wäre uns oft besser, wir würden weniger vom Heiland reden und mehr
               brennen, angezündet von seinem Gehorsam und von seiner Liebe. Wo die Menschen hören
               und annehmen, was Jesus wollte und brachte, da ist das wahre Christentum, auch wenn
               sie vielleicht äußerlich sehr wenig von ihm wissen. Und es gibt solche Emmausjünger,
               die Jesu Wort hören und annehmen mit brennendem Herzen und sich mit Freuden in seinen
               Dienst stellen — obwohl sie nicht wissen, daß es Jesus ist, auf den sie hören und dem
               sie gehorchen. Wiederum gibt es Jünger, bei denen das dritte Wort «Jesus» ist, und
               sie kennen ihn wohl, aber sie brennen nicht. Welches sind die Besseren? Und zu
               welchen gehören wir?</p>
        <p>Aber es konnte ja nicht bleiben bei der halben Einsicht: Was uns Kummer macht, ist
               Gottes guter heiliger Wille. Als sie soweit gelangt waren, da mußte die andere
               Erkenntnis folgen: Jesus lebt. Ihre Augen wurden geöffnet, heißt es von ihnen, und
               sie erkannten ihn, und er verschwand vor ihnen. Es wird auch bei uns nicht bleiben
               können bei jenen guten, klaren Lebenseinsichten, bei jener Erlösung vom Druck der
               Welt. Sondern je mehr wir uns erlösen lassen durch die gute Botschaft vom Vater, der
               Alles, auch das Leid, in seinen Händen hält und der durch Alles seinen Willen
               geschehen und sein Reich fördern läßt, je mehr wir die Wohltat spüren, die wir
               empfangen durch diese große, einfache, sichere Erklärung unseres Lebens, desto mehr
               haben wir auch Grund und Anlaß zu forschen: woher kommt uns das Alles? Wer ist der,
               der diese gute, erlösende Botschaft uns gebracht hat? Und dann sehen wir auf einmal,
               wie jene dort: Das ist Jesus, dem wir das Alles verdanken, er, der Lebendige, der
               Auferstandene. Seit er über diese Erde ging, ist in der Menschheit ein
               unerschöpflicher Reichtum von Liebe und Gottvertrauen. Vorher war sie nicht da.
               Seither haben unzählige Menschen aus dieser Quelle getrunken. Auch wir dürfen es tun.
               Und wir können es viel reichlicher tun, viel regelmäßiger und sicherer, wenn wir
               erkannt haben: Jesus ist die Quelle des Lichtes und der Kraft in der Welt. Nicht aus
               dem Unbekannten strömen uns Gotteskräfte zu, sondern von ihm, in<pb xml:id="p211" ed="pga" break="no"/>dem 
               Gott zu uns geredet hat. Wenn wir ihn kennen gelernt haben, der uns so reich
               beschenkt, oft ohne daß wir es ahnen, dann sehen wir freudig dem Traurigen,
               Schlechten, Kleinlichen dieses Lebens und dieser Welt ins Gesicht. Es kann uns nichts
               mehr überwinden. Wir werden dann immer zum vornherein, noch bevor wieder eine neue
               Welle da ist, wissen: in dem Allen überwinden wir weit um des willen, um Jesu willen,
               der uns geliebet hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.37">Röm. 8,37</ref>]! 
               Und jedesmal, wenn wir wieder mit [ihm] eine Woge von Kummer
               überstanden, mit ihm Gottes Ruhe und Segen darin verspürt haben, jedesmal werden wir
               sicherer und vertrauensvoller dastehen und dankbarer zu ihm sagen: Herr, bleibe bei
               uns!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
