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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 27,27-44</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 27,27-44, 29. März 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5015 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 138–150.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 27,27-44</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 138-150</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 211</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 27,27-44, 29. März 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1653">KBA 1189</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-03-29">29. März 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <idno>211</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-03-29">29. März 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.27 Mt.27.44">Matthäus 27,27–44</ref>
            </cit>
          </epigraph>
          <argument>
            <ab>
              <hi rend="italic">Jesu Kreuzigung</hi>
            </ab>
          </argument>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Was hat uns die furchtbare Geschichte, die wir soeben vernommen, zu sagen? Ich
               glaube, wir würden sie am besten verstehen, wenn wir sie hören würden mit den Ohren
               eines Kindes, dem sie von seiner Mutter, oder auch eines einfachen Naturmenschen, dem
               sie vom Missionar zum erstenmal erzählt wird. Wir haben sie vielleicht schon zu oft
               gehört, uns schon zu sehr gewöhnt an gewisse bekannte Erklärungen, Auslegungen und
               Anwendungen, als daß wir die große, ernste, erlösende Botschaft, die sie enthält, so
               recht vernehmen würden. Ich habe z. B. das ganz bestimmte Gefühl, daß der übliche
               Hinweis auf die Größe der menschlichen Sünde, die sich am Karfreitag offenbarte, auf
               die Sünde jener Menschen, die doch zugleich die unsrige ist, daß das nicht genügt
               gegenüber dem Karfreitagsgeheimnis. Es ist zwar ganz sicher ein wahrer und überaus
               wichtiger Gedanke: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Ich, ich und meine Sünden,</l>
                                <l xml:space="preserve">die sich wie Körnlein finden</l>
                                <l xml:space="preserve">des Sandes an dem Meer,</l>
                                <l xml:space="preserve">die haben dir erreget,</l>
                                <l xml:space="preserve">das Elend, das dich schläget,</l>
                                <l xml:space="preserve">und deiner Martern ganzes Heer.<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-songs-25" type="song">Lied 113: «O Welt, sieh hier dein Leben …», von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (1607 bis 1676), Strophe 3 (= EKG <idno>64</idno>, Strophe 4)</bibl>. Die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitierte Fassung des Schweizer Gesangbuchs weicht in der letzten Zeile ab vom Original: «… und das betrübte Marterheer».</note></l>
                            </lg>
                        </q> </p>
               
              <p><pb rend="noPipe" xml:id="p139" ed="pga"/>Aber das ist lange, lange nicht Alles, das ist nur eine Nebensache an der großen
               Botschaft vom Leiden unseres Heilands. Wir reden ja das ganze Jahr über wahrhaftig
               genug von uns und unseren Sünden. Vielleicht reden wir zu viel davon. Wir sollten
               mehr von der Größe Gottes reden. Jedenfalls aber muß uns in der Passionszeit die
               Größe Gottes die Hauptsache sein und nicht die Torheit und Bosheit der Menschen. Die
               Apostel redeten in ihren Briefen, wenn sie auf den Tod Jesu zu sprechen kamen, sehr
               wenig von diesen letzten Dingen, sehr viel dagegen von der wunderbaren Tat Gottes für
               uns, die da geschehen ist.</p>
        <p>Wenn wir die Geschichte von der Kreuzigung Jesu einfachen Sinnes an uns vorüberziehen
               lassen, so ist es vor Allem eines, das unsere Aufmerksamkeit mit ganzer Kraft auf
               sich zieht: der unbegreifliche <hi rend="italic">Gegensatz</hi> zwischen Jesus und dem,
               was ihm da angetan wird. Wenn wir es nicht zum Voraus wüßten, wir würden beim Lesen
               oder Hören der Lebensgeschichte Jesu niemals auf den Gedanken kommen, daß sie dieses
               Ende nehmen würde. Dieser Kreuzestod am Schluß steht unerhört, unnatürlich, widrig da
               neben dem, was Jesus war, wollte und getan hat. Von welcher Seite wir es auch ansehen
               mögen: es stimmt nicht, dieser Schluß hat etwas Brutales, Gewaltsames.</p>
        <p>Wir können Jesus als einen der herrlichsten, edelsten <hi rend="italic">Menschen</hi>
               betrachten, als einen der besten Führer unseres Geschlechts. Warum auch nicht? Wir
               wissen zwar, daß er uns unvergleichlich viel mehr ist als das; aber wir tun ihm kein
               Unrecht, wenn wir ihn zunächst von dieser Seite aus betrachten. Allein wie ganz
               anders müßte der Lebenslauf eines edlen guten Menschen nach unserer Berechnung und
               Vorstellung weitergehen und endigen! Auf dem Idealbild eines guten Menschen nach
               unseren Begriffen kommt das Kreuz jedenfalls nicht vor, Schwierigkeiten, Leiden und
               Anfechtungen vielleicht, aber nicht das Kreuz, nicht dieser
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                gänzliche Untergang im tiefsten Dunkel. Sein Weg müßte irgendwie endigen mit
               Genugtuung und Erfolg, meinen wir. So stellen wir schon den Kindern in der Schule das
               Leben dar, um sie zu Fleiß und Rechtschaffenheit anzuspornen. So träumen wir, daß es
               sein müsse, und lassen uns nur ungern daran erinnern, daß es [in] der Wirklichkeit
               oft ganz anders geht. Das Leiden Jesu stellt uns erbarmungslos vor diese ganz andere
               Wirklichkeit, vor die Tatsache, daß das Leben eines guten, edlen Menschen nicht
               aufwärts führt zu Glück und Zufriedenheit, sondern endigt in Nacht und Schande.
               Unbegreiflicherweise, gegen alle Vermutung, gegen alle schöne Theorie.</p>
        <p>Aber Jesus ist uns mehr als ein edler, guter Mensch. Er ist uns das Werkzeug, der
               Bote, der <hi rend="italic">Sohn Gottes</hi>, durch den der Vater zu uns, seinen
               Brüdern, geredet hat, durch den er an uns arbeitet, durch den er uns zu sich hin
               lenken will. Das Leben ist in ihm erschienen [vgl. 
               <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.2">1.Joh. 1,2</ref>] in unvergleichlicher Kraft und Schönheit. Und
               so ist er nicht einer von uns gewesen, sondern ein Geschenk an uns, für uns, die wir
               anders sind, als er war. Aber noch unbegreiflicher fast tönt es nun, wenn wir sagen:
               der Sohn Gottes endigt am Kreuz, am Galgen der Schande! Ist das nicht absurd? Ist
               Gott nicht die Kraft und die Herrlichkeit? Müssen wir uns nicht Gottes Wirksamkeit
               vorstellen als unwiderstehliche Macht, als unauslöschliches Licht, als
               ununterbrochenen Sieg? Denken wir nicht, Gotthaben müsse dasselbe sein wie Guthaben?
               Stellen wir uns die Gegenwart Gottes nicht vor als Glück, Frieden, Seligkeit,
               Überwindung aller Hindernisse? Ist nicht die Gottseligkeit zu allen Dingen nütze
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.4.8">1.Tim. 4,8</ref>]? Was sollen
               wir von Gott denken, wenn wir sehen, wie Not und Tod Macht gewinnen durften über
               Jesus? Sollen wir zweifeln, ob Jesus wahrhaftig Gottes lieber Sohn war, wenn wir
               sehen, wie Gott ihn im Stich läßt, wie er untergehen muß in den Wogen der Sünde und
               des Unglücks? Oder sollen wir zweifeln, ob Gott wahrhaftig Gott ist, wenn wir sehen,
               was seinem Auserwählten angetan wird, ohne daß er es hindert? Wie wirs auch
               auffassen, es will nicht stimmen, wir können nicht zusammenreimen, was wir von Gott
               denken
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                müssen, und was wir auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> als wahre unleugbare Tatsache vor Augen sehen.</p>
        <p>Die <hi rend="italic">Einzelheiten</hi> der Leidensgeschichte bringen uns diesen
               unbegreiflichen Gegensatz wie mit Hammerschlägen zum Bewußtsein. Wir können sie nicht
               überhören. Wir können nicht darüber hinwegkommen: ja, da ist ein großes
               undurchdringliches Geheimnis. Unwillkürlich müssen wir uns fragen: Wie ist das Alles
               möglich? Warum läßt Gott das zu? Warum ist das Leben so, daß derartiges vorkommen
               kann?</p>
        <p>Da sind die <hi rend="italic">Kriegsknechte</hi> des Statthalters, die sich um den
               Verurteilten sammeln: sie schmücken ihn mit königlichem Schmuck, sie beugen ihre Knie
               vor ihm, sie begrüßen ihn als den König der Juden! Ists Ernst? Jesus hatte nie
               verlangt, daß die Menschen vor ihm die Knie beugen sollten, und nie sollten diese
               Heiden dazu kommen, es zu tun, und doch würde es uns beinahe natürlicher erscheinen,
               wenn sie es wirklich und im Ernst getan hätten. Ging denn nicht die demütigende Kraft
               der Wahrheit aus von seiner Gestalt, seinem Blick, seiner edlen überlegenen Haltung
               an jenem Unglückstage? Stand nicht Gott hinter ihm in aller seiner Macht? Warum
               sollten die Menschen nicht erfaßt sein von dieser Macht, sich niederwerfen, reuig
               erkennend den König der Wahrheit, den Messias Israels in ihm verehren? Aber das
               Unnatürliche geschieht: sie sind keineswegs berührt und ergriffen von seiner
               Erscheinung, Gott scheint keine Macht über sie zu haben. Was sie tun und reden, ist
               Spott und Hohn, der Königsschmuck, den sie Jesus geben, die Ehrungen, die sie ihm
               erweisen, sind ein grausames Spiel, die Krone ist eine Dornenkrone, sie schlagen ihn,
               sie speien ihm ins Gesicht. Warum, warum kann und darf so etwas Widerwärtiges,
               Unnatürliches geschehen?</p>
        <p>Und nun gehts hinaus nach <hi rend="italic">
                            <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName></hi>, und aus dem Spiel wird blutiger
               Ernst: Jesus wird ans Kreuz geschlagen, das Kreuz aufgerichtet. Wir wollen die
               Einzelheiten dieser furchtbaren Art von Todesstrafe nicht schildern, sie waren zu
               entsetzlich, als daß wir dabei verweilen dürften. Nur eins müssen wir sagen: der Mann
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                am Kreuz ist in alter und neuer Zeit von Malern in schönen Bildern dargestellt
               worden — was man so schön nennt. Die meisten dieser Bilder lügen. Der Anblick des
               Gekreuzigten war nicht schön, sondern abstoßend, schreckenerregend. Das Kreuz ist uns
               durch ihn zu einem Zeichen des Friedens, des Gottesfriedens geworden, für ihn selber
               war es etwas ganz Anderes: alle Qualen der Hölle waren in den Leiden am Holz
               vereinigt.</p>
        <p>«<hi rend="italic">Und sie saßen allda und hüteten sein</hi>» — die Menschen nämlich, die
               schlechten Knechte schlechter Herren. Wo aber war Gott, der Wächter und Hüter der
               Seinigen? Warum konnte dieser Greuel sich vollziehen ohne Unterbruch und ohne
               Widerspruch bis zum bitteren Ende? Sollen und müssen wir nicht irre werden an aller
               Wahrheit, an allem Guten, wenn wir sehen, wie hier der Beste, den die Erde getragen,
               leiden mußte unter der Macht des Bösen, leiden ohne Hilfe und ohne den leisesten
               Trost? Wo war da Gott?</p>
        <p>Und links und rechts von Jesus wurden <hi rend="italic">zwei Mörder</hi> gekreuzigt. Wer
               weiß, was für Schandtaten sie auf dem Gewissen haben mochten. Die Gerechtigkeit der
               Menschen hatte sie zu diesem Tode verurteilt. Jesus hatte für die Gerechtigkeit
               Gottes gelebt und gekämpft. Gott war doch stark genug, um seiner Sache zum Durchbruch
               zu verhelfen. Die Wahrheit leuchtete doch stark genug, um die gerechten Menschen zu
               überzeugen und zu gewinnen! Nein, Gott und die Wahrheit waren wirklich nicht stark
               genug. Die gerechten Menschen stießen Jesus zu den Mördern, belegten ihn mit
               derselben Strafe, ließen die Verbrecher und den Boten Gottes an sie gemeinsam leiden
               — von Rechts wegen! Gerechtigkeit! O was ist Gerechtigkeit, wenn wir dieses Bild
               ansehen? Gibt es überhaupt eine bessere Gerechtigkeit als das, was die Menschen mit
               ihren platten Meinungen und Urteilen so nennen? Ist nicht das Bild Jesu neben seinen
               Todesgesellen der schlagende Beweis dafür, daß es nichts Höheres gibt als diese
               Menschengerechtigkeit? Wenn es etwas Höheres gibt, warum kam es nicht zum Vorschein
               auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>, warum zeigte es sich nicht: der da in der Mitte ist ein ganz, ganz
               Anderer als die beiden neben ihm? Warum löste sich der Irrtum nicht auf irgend eine
               <pb xml:id="p143" ed="pga"/>
                Weise? Es zeigte sich nichts, der Irrtum löste sich nicht auf, Jesus starb unter den
               Verbrechern. Ließ denn Gott sich Lügen strafen?</p>
        <p>Und nun kommen die Anderen, die <hi rend="italic">Leute von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName></hi> und Jesu
               Richter, die Hohenpriester und Schriftgelehrten, sie kommen, um den Gehängten zu
               sehen, und die Lauge ihres <hi rend="italic">Spottes</hi> ergießt sich über ihn. Es ist
               merkwürdig, wie gut sie die Lage verstanden haben, wie ihnen der Widerspruch zwischen
               dem, was Jesus sagte und wollte, und seinem jetzigen Schicksal klar war. Keines von
               ihren Worten geht daneben, Alles sind scharf geschliffene Schwerter, die in der
               offenen Wunde mit Wonne wühlen: Warum, warum geht es dir nun so? Nicht wahr, du hast
               dich geirrt? Nicht wahr, Gott ist anders, als du meintest?</p>
        <p>«Der du den <hi rend="italic">Tempel Gottes zerbrichst</hi> und baust ihn wieder in
               drei Tagen, hilf dir selber!» Ja, das war merkwürdig: Jesus hatte voll Zorn das
               Vergehen dieser alten Welt mit ihren Ordnungen und Gedanken angekündigt und voll
               Begeisterung das Werden einer neuen besseren Welt. Und nun war er selber in solche
               Not geraten. Die neue bessere Welt war wohl noch recht ferne, der Tempel und das
               Gesetz standen wohl noch auf Jahrtausende, während der Schwärmer jetzt machtlos seine
               letzten Atemzüge tat. Die Verhältnisse waren eben stärker als er, es geschah ihm wohl
               Recht, warum gab er sich nicht zufrieden mit den Verhältnissen?</p>
        <p>Und dann weiter: «<hi rend="italic">Bist du Gottes Sohn</hi>, so steig herab vom
               Kreuz!» Das war es ja. War er Gottes Sohn, war es Wahrheit, daß Gott ihn gesandt
               hatte und hinter ihm stand, dann mußte jetzt etwas geschehen, mußte jetzt in der
               höchsten Not die Hilfe kommen. Wir müssen an alle die Verheißungen der göttlichen
               Hilfe denken, wie sie z. B. in den Psalmen des Alten Testaments immer wiederkehren:
               «Er wird dich mit seinen Fittichen decken … seine Wahrheit ist Schirm und Schild, daß
               du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages
               fliegen … ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so
               wird es doch dich nicht treffen» 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.91.4 Ps.91.7">Ps. 91,4–7</ref>]. Jesus atmete und lebte in diesen
               Gewißheiten. Nun
               <pb xml:id="p144" ed="pga"/>
                mußte es sich zeigen, ob die Rechnung stimmte. «Bist du Gottes Sohn, so steig herab
               vom Kreuz!» Sie verstanden sehr wohl, um was es sich handelte, die so höhnten. Und
               die Rechnung stimmte nicht. War denn Gott schwächer als die Nägel, die die
               zerrissenen Glieder Jesu an das Holz anklammerten?</p>
        <p>Und dann ein neuer furchtbarer Gegensatz: <hi rend="italic">Andern hat er
                  geholfen</hi> und kann sich selber nicht helfen! Jesu Leben war der Liebe
               geweiht gewesen, seine Feinde selbst müssen es ihm bestätigen, indem sie ihn
               verhöhnen: Andern hat er geholfen! ja, Unzähligen, leiblich und geistig, Dankbaren
               und Undankbaren, Gläubigen und Ungläubigen. Aber Liebe weckt nicht nur Gegenliebe.
               Wer helfen kann, der muß ein Starker, Großer sein. Und Größe weckt Neid, und wenn sie
               fällt, Schadenfreude. Die fragt dann nicht mehr: was hat er getan, wie war er
               gesinnt, die kümmert sich nicht mehr um das, was vorangegangen ist. Sie weiß nur
               noch: der da war einmal mehr, konnte einmal mehr als wir Anderen, und jetzt ist es
               damit aus — und freut sich darüber. Seine Liebe, seine Hilfsbereitschaft, sein
               Helfenkönnen wird jetzt Jesus zum Verbrechen angerechnet. Man jubelt darüber, daß es
               nun damit zu Ende ist: — er kann sich selber nicht helfen! Seltsame Lage! Spürt nicht
               der törichteste Mensch, das Tier sogar, daß Liebe etwas Großes und Schönes ist, regt
               sich nicht die Dankbarkeit unwillkürlich in jedem lebenden Wesen, dem man wohlgetan
               hat — und hier sehen wir die Liebe zum Schweigen gebracht, zur Ohnmacht verurteilt
               durch die Gewalt des Hasses, hören es ausrufen wie eine Siegesbotschaft: der Allen
               geholfen hat, dem hilft jetzt keiner! Ja, ja so gehts! Mit Liebe kommt man nicht
               durch die Welt.</p>
        <p>Und der <hi rend="italic">König Israels</hi>, rufen sie, ist ers, so steige er
               herab vom Kreuz, so wollen wir ihm glauben. So wollen wir ihm glauben! man denke!
               auch das waren wieder Spottworte, nicht ernst gemeint. Aber wie mußten sie weh tun in
               den Ohren dessen, der da, von Fieberschauern durchschüttert, am Kreuze hing. So
               wollen wir ihm glauben! Auch für ihn selbst stand ja nicht weniger auf dem Spiel als
               das ganze Werk seines Lebens. Daß sie ihm glauben
               <pb xml:id="p145" ed="pga"/>
                möchten, dafür hat er gearbeitet, gebetet, gekämpft, gelitten. Sollte es umsonst
               gewesen sein? Sollte diese schmachvolle Marter der letzte Erfolg sein, das
               Hohngelächter um ihn her die letzte Antwort derer, die er für Gott gewinnen wollte?
               Und nun sagen sie ihm: wir wollen dir glauben. O ja, wenn jetzt ein Wunder geschehen
               würde, dann würden sie ihm glauben. Aber weil keines geschah, weil der Tod ihm
               unerbittlich näher und näher rückte, deshalb glaubten sie nicht, deshalb höhnen sie
               den von Gott verlassenen König Israels, höhnen seine Sehnsucht nach gläubigen,
               verlangenden Menschen.</p>
        <p>Und schließlich schrecken sie auch davor nicht zurück, im Innersten seiner Seele zu
               wühlen: <hi rend="italic">Er hat Gott vertraut</hi>, der erlöse ihn nun! Das war ja
               die Frage, die ihn im Tiefsten quälte. Ja, er hatte Gott vertraut. Ein Leben voll
               Vertrauen lag hinter ihm, er hatte nie an der Güte und Weisheit Gottes gezweifelt, er
               war Schritt für Schritt seines Weges gegangen unter den Augen des Vaters. Wenn
               Gottvertrauen einen Segen hat, dann hatte Jesus den höchsten Anspruch auf eine
               erlösende Tat Gottes. Auch diesen letzten schwersten Tag seines Lebens hatte er mit
               diesem großen Vertrauen angetreten. Wie hatte er ringen und kämpfen müssen, bis er
               sich durchgerungen zu der völligen Ergebung in Gottes Willen, und immer und immer
               wieder mußte er sich sicher vorhalten: ich will vertrauen, ich muß vertrauen! Und nun
               der kalte Hohn seiner zufriedenen, gesunden Feinde: Er hat ja Gott vertraut!, gerade
               wie wenn er dies Vertrauen schon verloren, wie wenn er es schon eingesehen hätte:
               Gott hilft mir nicht, er hat mich verlassen! Wir wissen, wie nahe Jesus daran war, in
               diesen schrecklichen Abgrund der Trostlosigkeit zu versinken. Und nun halten sie ihm
               gerade das vor in grausamer Geringschätzung, geben ihm Stoß um Stoß mit ihren Worten,
               daß er wirklich versinken, wirklich sein großes Vertrauen verlieren solle.</p>
        <p>Und wo war Gott? Warum mußte das Alles über Jesus ergehen? Warum ist das
               Menschenleben etwas so Sinnloses, die Welt eine solche Hölle, daß ein Mann wie Jesus
               solches durchmachen mußte?</p>
        <milestone xml:id="m10" unit="page"/>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p146" ed="pga"/> Wir dürfen nun nicht etwa meinen, wir könnten auf alle diese <hi rend="italic">Warum?</hi>, die die Leidensgeschichte Jesu uns auf die Lippen legt, <hi rend="italic">Antwort</hi> bekommen. Das Große, Göttliche an dem Bilde, das da vor unseren
               Augen steht, besteht gerade darin, daß der Gegensatz unversöhnlich, die Frage, die
               uns gestellt wird, unauflöslich ist. Es gibt keine bequeme Brücke, mittelst derer wir
               diesen Abgrund überschreiten könnten. Wir sollen auch gar nicht. Wir sollen uns immer
               wieder wundern darüber, wie Gott und das Unglück, Gott und das Leiden, Gott und die
               Ungerechtigkeit, Gott und der Haß und die Gemeinheit dort auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> in einem so
               unbegreiflichen Verhältnis stehen, so daß es uns scheinen mag, da hat es ja all dies
               Andere über Gott gewonnen, da ist all dies Andere so stark geworden, daß wir wohl auf
               den Gedanken kommen mögen: es gibt gar keinen Gott. So tief sollen wir in den
               erschreckenden Abgrund hineinblicken, der sich da vor uns auftut. Jesus selber und
               seine Jünger haben jene Stunden mit solchen Gedanken durchgelebt. Wir dürfen uns
               nicht mit etwas Oberflächlicherem begnügen, wenn uns die Passionszeit Segen bringen
               soll. Aber wenn wir dieses Bild lange voll Angst und Zweifel, voll innerster
               Erschütterung betrachtet haben, gerade dann zeigt es sich uns mit der Zeit in einem
               anderen Lichte. Der Abgrund bleibt, von dem wir gesprochen, der unbegreifliche <hi rend="italic">Gegensatz</hi> von göttlicher Herrlichkeit hier, Not, Schande und Tod
               dort. Aber das Alles bekommt auf einmal eine andere Bedeutung. Und die <hi rend="italic">Frage</hi> bleibt, wir bekommen nicht etwa irgend eine kluge kleine Lösung,
               weshalb Gott so handelte und nicht anders. Aber die Frage selbst wird uns zu einer
                  <hi rend="italic">Antwort</hi>. Wir erkennen gerade in dem, was uns aufs Höchste
               verwundert und entsetzt, das, worüber wir am Meisten dankbar und freudig sein müssen.
               Wir erkennen gerade darin die große Wundertat Gottes für uns, daß dort seine
               Herrlichkeit so tief hineintauchte, hineintauchte bis auf den Grund in das Meer
               irdisch-menschlicher, zeitlicher Sünde und Not. Da hat Gott das Größte für uns getan,
               als er Jesus diesen unbegreiflichen Weg gehen ließ.</p>
        <p>Laßt uns darüber nachdenken! Nicht wahr, <hi rend="italic">die Welt</hi> mit ihrer
               <pb xml:id="p147" ed="pga"/>
                ganzen Last von Unglück und Schlechtigkeit, die wir dort auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> über Jesus
               triumphieren sehen, die kennen wir Alle. Das ist uns eine selbstverständliche
               tägliche Erfahrung, daß diese Welt, dieses Leben so ist. Daß es da widrige
               unentrinnbare Fügungen gibt, die uns für lange Zeit oder für immer in Nacht und
               Traurigkeit hüllen, daß da unsere berechtigtsten Hoffnungen auf Glück und Erfolg oft
               schrecklich getäuscht werden, daß da immer wieder die Verhältnisse stärker sind als
               unsere besten Wünsche und Absichten, daß wir bitter leiden müssen unter Dingen, die
               jedermann als gut und recht ansieht, daß man uns für unseren guten Willen bestraft
               mit heimlicher oder offener Feindschaft, daß wir warten und warten müssen auf bessere
               Zeiten, und sie kommen nicht. Was soll ich weiter aufzählen? Wir wissen das Alle: die
               Not und Sünde der Welt liegt wie ein unübersteigbarer Wall auch auf unserem
               Lebensweg, sie drückt wie Bergeslast auf unsere Seele. Das sind unerbittlich harte
               Tatsachen. Wir mögen sie zeitweise vergessen, aber sie kommen uns dann schon wieder
               aufs lebhafteste zum Bewußtsein. Wir mögen zeitweise nicht daran denken wollen, aber
               sie zwingen uns sicher bald genug dazu, sie wieder zu beachten. Sie sind einfach da,
               eisern, viereckig, ob wirs wollen oder nicht. Die Welt ist so. Das Leben ist so.</p>
        <p>Was ist uns <hi rend="italic">Gott</hi>, was ist uns das <hi rend="italic">Gute</hi> oder wie
               wir die entgegengesetzte Macht immer nennen mögen, was ist sie uns gegenüber diesen
               harten Tatsachen? Nicht wahr, wir haben uns auch schon über dem Zweifel ertappt, ob
               Gott denn auch wahrhaftig Gott sei, ob er denn wirklich eine Tatsache sei, so sicher
               wie jene anderen. Die anderen: das schwere Leben, die böse Welt, die kennen wir, aber
               Gott? was wissen wir eigentlich von ihm? Denken wir nicht oft: ja, man muß wohl an
               etwas Derartiges glauben, um sich daran aufzurichten, um einen Halt zu haben und
               einen Stern, nach dem man blicken kann, aber ob es einem dann in den schweren Stunden
               des Zusammenstoßes mit Not und Sünde etwas ist, das ist eine andere Frage. Könnte es
               nicht sein, daß eben Alles, was man da so redet und auch wohl glaubt von guten
               göttlichen Dingen, daß das alles ein Traum wäre, bloß eine schöne
               <pb xml:id="p148" ed="pga"/>
                Verzierung der sehr unschönen Wirklichkeit des Lebens, aber nicht selbst etwas
               Wirkliches, Greifbares? Ist es uns nicht oft, als ob Alles, was wir von Gott hören
               und wissen, so fern sei, so fremd unseren Nöten und Sorgen? Es ist so eine ganz
               andere Welt, die Gotteswelt, man kann sich das wohl alles so denken, sich daran
               erbauen, davon singen und reden — das Alles ja, aber es greift nicht hinein in unser
               Leben, es steht nicht mitten drin in dieser Welt des Elends und des Unrechts. Es sind
               schöne Ideale und Hoffnungen, aber sie haben keine Berührung mit dem, was wirklich
               ist, und was eben ganz anders ist, Ideal und Leben fließt immer auseinander wie Öl
               und Wasser. In der Kirche läßt sichs gut von Gott reden und hören, in Büchern läßt
               sich gut von ihm schreiben und lesen, aber wenn sie nun kommen, die schwarzen Wellen
               des Tatsächlichen, ist dann Gott wahrhaftig Gott? Ist der Glaube an ihn mehr als eine
               bloße Spielerei, die versagen muß, sowie es Ernst wird? Ist das Gute mehr als eine
               angenehme Unterhaltung, die sich bewährt, solange angenehme Zeiten da sind, die aber
               abbrechen muß, sobald die eiserne, viereckige Wirklichkeit sich wieder geltend macht?
               Nicht wahr, so haben wir schon gezweifelt, vielleicht nicht in Gedanken, aber im
               Gefühl, in der Tat. So haben wir schon geschwankt. Wir haben den Unterschied gemacht:
               Gott und das Gute hoch da droben irgendwo, zur andächtigen Betrachtung, zur sanften
               Erbauung — unser Leben in der Welt hier zum Leiden und Seufzen, zum Unrecht-Erfahren
               und schließlich auch zum selber Unrecht-Tun. Es geht ja nicht anders. Beide Welten
               sind fern voneinander.</p>
        <p>Seht, nun leistet uns das unbegreifliche <hi rend="italic">Leiden Jesu</hi> einen
               großen Dienst. Es zertrümmert uns diesen Unterschied zwischen der Welt Gottes dort
               und der Welt der harten Tatsachen hier. Es löst uns den Zweifel auf, wenn wir es
               recht betrachten, als ob Gott nicht auch eine harte sichere Tatsache wäre mitten in
               der Welt des Elends und der Sünde. Denn das Leiden Christi zeigt uns, wie Gott <hi rend="italic">nicht</hi> dieser Welt fern steht, <hi rend="italic">nicht</hi> irgendwo
               darüber schwebt, <hi rend="italic">nicht</hi> als ein schöner Gedanke diese böse Welt von
               Weitem etwas verklärt und verschönt, sondern wie er mitten drin steht, mitten drin
               <pb xml:id="p149" ed="pga"/>
                sich offenbart, sich behauptet, schließlich den Sieg gewinnt. Je höher wir die Wogen
               steigen sehen um Jesus her, je entsetzlicher uns der Gegensatz zu werden scheint,
               desto sicherer können wir uns von der Tatsache überzeugen, daß Gott lebt, lebt nicht
               irgendwo über den Sternen oder in Büchern und Predigten, sondern lebt und leben wird
               in dieser Welt, die wir so gut, nur zu gut kennen.</p>
        <p>Vielleicht mußt du eine Zeit schweren <hi rend="italic">Leides</hi> durchmachen. Denk
               nicht, daß kein Gott sei oder daß er es nicht gut mit dir meine, und wenn es noch so
               dunkel würde um dich her. Gott hat ja Jesus unbeschreibliches Leid durchmachen
               lassen, und Jesus machte es durch. Gott kennt also das Unglück so gut wie das Glück.
               Er wird nicht widerlegt durch die Tatsache des Unglücks. Er ist im Gegenteil der, der
               schließlich das Unglück widerlegt. Das Unglück geht vorüber, Gott bleibt. Vielleicht
               mußt du seufzen unter schwerer <hi rend="italic">Ungerechtigkeit</hi>. Ist das ein Grund,
               nicht mehr an Gott zu glauben? Nein doch, ganz im Gegenteil, wenn du auf das Kreuz
               Jesu siehst. Da siehst du, wie Gott auch die menschliche Ungerechtigkeit sehr wohl
               kennt bis in alle ihre Tiefen. Aber er bleibt darum doch Gott. Die Menschen enthüllen
               all ihre Bosheit, allen ihren schlechten Willen — und Gott bleibt, der er ist.
               Wundervoller könnte uns das nicht vor Augen geführt werden als gerade in dem
               furchtbaren Gegensatz zwischen Jesus und seinem Schicksal. Und du leidest darunter,
               daß dir Liebe mit <hi rend="italic">Haß</hi> vergolten wird. Du fragst dich: ja warum geht
               denn das so? warum sorgt Gott nicht dafür, daß die Liebe es gewinnt? soll ich mich
               nicht besser von ihm abwenden und mithassen, statt törichterweise lieben zu wollen? O
               nein! Gott ist mitten in dem Haß, den du erleben mußt! Siehst du nicht, wie Jesus von
               unbegreiflichem Haß überschüttet wurde, und er war doch Gottes Sohn! Gerade das soll
               dir Zuversicht geben, deine Last weiter zu tragen. Gott ist ganz gewiß auch dir
               nah.</p>
        <p>Seht, so sagt uns das Kreuz Christi, daß Gott mitten in diesem Leben, in dieser Welt,
               wie sie ist, eine Tatsache ist, so gut wie jene anderen schlimmen Tatsachen. Wir
               haben keinen Anlaß, an
               <pb xml:id="p150" ed="pga"/>
                Gott irre zu werden, wenn wir an Jesu Leiden und Sterben denken. Wir sehen dort, wie
               er mitten in Schande, Elend und Tod gegenwärtig ist, trotz Allen und Allem.</p>
        <p>Und was hat uns nun das Alles <hi rend="italic">zu sagen</hi> für unser Leben? Das sagt
               uns: wir sind frei: diese Welt und ihre große Not erdrückt und ertötet uns nicht. Es
               kann keine Rede davon sein, daß wir verzweifeln, daß wir uns stumm dem Leiden und der
               Sünde hingeben müßten, als ob sie notwendig wären. Der Blick auf das Kreuz befreit
               uns von diesem Wahn. Dort sehen wir einen, der diese ganze große Not durchgemacht und
               sie schließlich überwunden hat, ohne an Gott irre zu werden. Du bist frei auch in der
               größten Not, sagt uns das Kreuz Christi. Du bist frei, denn Gott ist auch in der Not,
               auch in der schwersten. Und weiter sagt es uns: du bist frei von der Sünde! Du mußt
               nicht sündigen, auch wenn die Sünde mit noch so großer Gewalt gegen dich herankäme.
               Jesus sündigte auch nicht. Gott ist da, und wenn die menschliche Sünde um dich her
               noch so groß wird. Gott ist größer als die Not und größer als die Sünde. Wenn wir das
               einsehen, dann lernen wir zweierlei: das Schwere ertragen und das Böse bekämpfen.
               Beides braucht Tapferkeit, sehr verschiedene Tapferkeit, und doch ists im Grunde
               dieselbe. Es ist die stille Heiterkeit und Sicherheit einer Seele, die von vornherein
               weiß, daß sie tragen kann und siegen muß. Unvergleichlich groß sehen wir diese Art an
               Christus in seinen letzten bitteren Stunden. Das ist die größte Tat Gottes für uns,
               daß er ein solches unvergleichliches Bild vor unsere schwache Seele hingestellt hat.
               Er hat es getan, indem er Christus diese bittere Stunde hat durchmachen lassen. Wir
               aber wollen dankbar sein und annehmen, was uns Gott da gegeben hat.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
