<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-5013">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 26,57–75</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 26,57–75, 8. März 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5013 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 116–125.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5013</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 26,57–75</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 116-125</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">13</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 209</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 26,57-75, 8. März 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1651">KBA 1187</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1914-03-08">8. März 1914</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:36+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:36+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb xml:id="p116" ed="pga"/>
        <div type="opener">
        <head>
                        <idno>209</idno>
                    </head>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-03-08">8. März 1914</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.57 Mt.26.75">Matthäus 26,57–75</ref>
            </cit>
          </epigraph>
          <argument>
            <ab>
                      <hi rend="italic">Jesus vor dem hohen Rat — Verleugnung des <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName></hi>
            </ab>
          </argument>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Was für jammervolle Bilder bietet uns der Abschnitt der Leidensgeschichte, den wir
               soeben gehört haben: Jesus unter der falschen boshaften Klage seiner Feinde und:
               Jesus verleugnet von seinem besten Freunde. Die menschliche Gemeinheit macht sich
               gewaltig breit in den Ereignissen, die uns da geschildert werden: Gemeinheit bei
               jenen fanatischen Priestern, die zu Gericht sitzen und doch nicht das Recht suchen,
               sondern den Untergang dessen, den sie nicht verstehen konnten und wollten. Gemeinheit
               aber auch bei dem unglücklichen <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>, der nicht genug Stärke besitzt, um gegenüber
               dem neugierigen Volk im Hof des Hohenpriesterhauses zu bekennen, was er ist: ja, ich
               bin auch einer von denen!</p>
        <p>Man kommt vor diesen und ähnlichen Bildern der Leidensgeschichte Jesu in Versuchung,
               sich vor Allem bei der menschlichen Schwachheit und Verdorbenheit, die darin zum
               Vorschein kommt, aufzuhalten. Unwillkürlich sagt man sich, wenn man diese Geschichten
               mit ehrlichen Augen liest: ja, so sind die Menschen, nicht nur die damaligen, auch
               die heutigen, auch wir. Sie werden uns zum Spiegel der Selbsterkenntnis. Die
               Leidensgeschichte Jesu wird uns zur Sündengeschichte der Menschen. Diese Art, sie zu
               betrachten, hat ihr gutes Recht. Es besteht kein Zweifel, daß schon die, [die] diese
               Geschichten zuerst aufschrieben, so wie sie uns jetzt überliefert sind, die
               Evangelisten — vielleicht mit Ausnahme des vierten! —, daß schon sie hauptsächlich
               von dem Gedanken erfüllt waren: Seht, so konnte die menschliche Torheit und Bosheit
               überhandnehmen. Wir redeten schon vor vierzehn Tagen davon: das Kreuz und Leiden des
               Heilands macht uns klar, wohin es mit uns Menschen kommen kann. Es wird uns zum
               Urteil und Gericht, wenn wir seine Sprache hören und verstehen wollen.</p>
        <p>Und doch wäre es nicht gut, nur diesem oder vor Allem die<pb xml:id="p117" ed="pga" break="no"/>sem Gedanken nachzugehen. Jesus muß uns in der Mitte aller dieser Bilder stehen,
               dann haben wir sie recht aufgefaßt. Nicht das ist das Außerordentliche an der
               Leidensgeschichte, daß da die menschliche Schlechtigkeit so überaus groß geworden
               ist, sondern das, daß da das göttliche Gute inmitten all der Schlechtigkeit sich als
               noch unendlich viel größer erwiesen hat. Jesus, wie er gesiegt und triumphiert hat
               über Alles, was ihn scheiden wollte von der Liebe Gottes, das ist der Inhalt der
               Leidensgeschichte. Das ist der Segen, den sie immer wieder enthält, daß wir da sehen
               können: das Böse ist groß in der Welt, aber das Gute ist noch größer — der Teufel ist
               stark, aber Gott ist noch stärker. Das ist ja eigentlich das Traurige,
               Unbefriedigende, Unvollkommene in unserem Leben, daß wir das nicht glauben von ganzem
               Herzen: das Gute ist größer, Gott ist stärker! Solange wir das nicht glauben, werden
               wir immer im Grunde unglücklich sein. Wenn wir das glauben lernen, werden wir frei
               und fröhlich und sicher. Nun, die Leidensgeschichte Jesu will uns diesen Glauben
               mitteilen. Nichts in der Welt kann uns zuversichtlicher und fester machen in dieser
               einen Hauptsache unseres Lebens als das Kreuz Jesu. Es redet uns vom Siege Gottes
               über alles törichte und böse Menschenwesen. So wollen wir auch unseren heutigen
               Abschnitt ansehen. Wir wollen wiederum vor Allem von Jesus reden, nicht von dem
               fanatischen Hohenpriester und nicht von dem charakterlosen Jünger.</p>
        <p>Wir hören da, wie Jesus <hi rend="italic">leiden</hi> mußte unter <hi rend="italic">schlimmen
                  Worten</hi>. Zuerst unter den schlimmen Worten seiner <hi rend="italic">Feinde</hi>.
               Wir wollen für jetzt beiseite lassen, was ihm an Mißhandlungen und gemeinen tätlichen
               Beleidigungen nachher angetan wurde. Ärger war das, was er hören mußte. Er mußte mit
               anhören, wie man unter dem scheinheiligen Gewand der Gerechtigkeit sucht, wie man
               etwas gegen ihn vorbringen könne. Wie man seine Worte verdrehte, bis sie einen
               törichten, wahnwitzigen Sinn hatten, wie man drehte, bis sie einen törichten
               wahnwitzigen Sinn hatten, wie man ihm die dann vorhielt: das hast du gesagt, wie
               verantwortest du das? Er mußte hören, wie das, was ihm das Innerste, Heiligste war,
               plump und gemein hervorgezogen wurde, wie er aufgefordert
               <pb xml:id="p118" ed="pga"/>
                wurde, das höchte Geheimnis seines inneren Lebens dem verständnislosesten,
               übelwollendsten Urteil preiszugeben. Wie man schließlich den Stab über ihn brach:
               Lästerung! Gotteslästerung! ihn, der mit jeder Fiber seines Wesens nur für Gottes
               Ehre lebte und redete. Das war das große Leid, das ihm in jener Nacht angetan wurde:
               grundfalsches, grundverkehrtes, grundunehrliches Anklagen und Urteilen über sich
               ergehen lassen zu müssen. Worte, böse Worte sind nicht Luft, das wissen wir alle aus
               eigener Erfahrung. Worte können stechen, schlagen, vergiften, krank machen. Jawohl,
               wir sollen es schließlich gewinnen auch über böse Worte. Aber zunächst leiden wir
               einfach unter ihnen, das ist eine Tatsache. Auch für Jesus waren jene bösen Worte
               nicht einfach Luft. Wir würden uns sehr irren, wenn wir uns den Zustand seines
               Inneren, als er dort vor seinen verblendeten Richtern stand, vorstellen wollten als
               einen Zustand kalter, gleichgültiger, gläserner Ruhe. Wenn irgendjemand, so mußten
               Jesus solche Anklagen und Urteile weh tun, bitter weh.</p>
        <p>Unsereins kennt in solcher Lage Manches, was diese Bitterkeit wenn nicht beseitigt,
               so doch mildert. Wenn wir klug sind, werden wir uns bei jedem ungerechten bösen Wort
               gegen uns sagen: etwas Wahres wird wohl daran sein, und ich will suchen, auch aus dem
               bösen Wort etwas Gutes zu lernen. Wenn wir töricht sind, bäumen wir uns auf gegen
               das, was man von uns sagt, vergelten Haß mit Haß, Gift mit Gift, Schimpfwort mit
               Schimpfwort. Beides gibt uns einen gewissen Trost im Leid. Beides konnte Jesus dort
               nicht tun. Er war zu groß und zu rein, als daß er aus den wilden, leidenschaftlichen
               Anklagen seiner Feinde etwas hätte lernen können, er stand völlig, aber auch völlig
               über diesen Anklagen. Und er war erst recht zu groß und zu rein, als daß er sich
               durch Gegenhaß und Gegengift hätte Luft machen mögen. Jesus konnte <hi rend="italic">nur</hi> leiden in jener Nacht. Ein Mensch, der es gut gemeint, der nur das Wahre
               und Rechte angestrebt hat, ein Mensch, dem die Fähigkeit zu widerstreben und zu
               vergelten abgeht, kann <hi rend="italic">nur</hi> leiden in solcher Lebenslage. Wie ein
               Kind, dessen Vertrauen man getäuscht und betrogen hat, eben nur tief entsetzt
               <pb xml:id="p119" ed="pga"/>
                und betrübt sein kann. Jesus war ein reines Kind in dieser Beziehung. Mehr als wir
               alle. Wir dürfen uns gerade hier nur mit größter Vorsicht und Zurückhaltung neben ihn
               stellen und sagen: es geht uns oft auch so. Wir müssen auch oft leiden unter
               ungerechten bösen Worten! Ja, das ist schon wahr, aber es fehlt uns Jesu
               Schuldlosigkeit und Jesu Wehrlosigkeit, und da sind wir ihm sehr unähnlich, auch wenn
               es uns noch so schlimm geht.</p>
        <p>Für Jesus stand doch viel mehr auf dem Spiel als seine eigene Person, als die Frage,
               ob man ihn haßte oder liebte, ob man ihm Recht oder Unrecht gab, ob er ehrenvoll oder
               in Schanden aus dieser Sache hervorgehen würde. Das sind die Sachen, die uns
               interessieren in solcher Lage, nicht wahr? Jesus aber mußte Gottes Sache angegriffen,
               geschmäht, verworfen sehen in dem, was man da gegen ihn vorbrachte. Wie mußte es ihn,
               der voll von Licht und Liebe und gutem Willen war, der so ganz nur auf das sah, was
               Gott wollte, wie mußte es ihn schmerzen, aufregen im Tiefsten seines Wesens, zu
               sehen, wie diese Menschen so fern waren davon, auch nur im Geringsten lernen und
               annehmen, ja auch nur verhandeln zu wollen mit ihm! Sie wollten nicht reden mit ihm;
               wenn sie es gekonnt hätten, hätten sie ihn überhaupt nicht angehört, sie wollten ihn
               vernichten. Und wie sie ihn der Förmlichkeit halber verhören mußten, wollten sie ihn
               von vornherein mißverstehen. Kein Wunder, daß es ihnen gelang. Man kann das
               Göttlichste, Schönste in der Welt mißverstehen, wenn man einmal will, nichts ist
               leichter als das. Und so ging die Botschaft Jesu, der reine, schöne, volle Glockenton
               seiner Seele unter in dem wüsten Getümmel von Niedrigkeit, Beschränktheit und Lüge.
               Wie mußte ihn dieser Vorgang schmerzen, nicht um seinetwillen, aber um der guten
               Sache willen, die er vertrat! Was für ein Mißerfolg, was für eine Niederlage! Sicher
               hat Jesus schon dort in seinem Innwendigen geseufzt: Mein Gott, mein Gott warum hast
               du mich verlassen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.46">Mt. 27,46</ref>]? 
               Sollte denn das das Ende der Wahrheit sein, daß sie zurückweichen,
               scheitern mußte an der menschlichen Verdorbenheit? Das Ende der Wahrheit, die die
               Menschen frei machen wollte von der Verdorbenheit? Grausamer Widerspruch!</p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p120" ed="pga"/>Nur in ganz seltenen Fällen erleben wir vielleicht etwas Ähnliches. Gewöhnlich, wenn
               man uns mißversteht, beleidigt, Unrecht tut mit bösen Worten, handelt es sich nur um
               unsere eigene kleine Person. Nur unser guter Ruf steht auf dem Spiel, mehr nicht. Ab
               und zu vielleicht einmal ist es anders: da handelt es sich nicht um uns und unsere
               Ehre: die Wahrheit an sich, das Recht, der Fortschritt, die Ehre Gottes stehen auf
               dem Spiel, und wir müssen zusehen, wie wir um ihretwillen heruntergezogen und
               verurteilt werden. Wo es an dem ist, da haben wir dann wirklich mitzutragen am Leiden
               Christi.</p>
        <p>Wir müssen nun sehen, wie Jesus sein Leiden <hi rend="italic">getragen</hi> und <hi rend="italic">überwunden</hi> hat. Wir hören sehr wenig darüber in unserer Geschichte.
               Lange hat Jesus nichts getan als geschwiegen. Dann auf die direkte Frage des
               Hohenpriesters: Sage uns, ob du der Christus, der Messias, der Sohn Gottes bist? die
               kurze triumphierende Antwort : du sagst es! Indem du mich anklagst, sprichst du die
               Wahrheit aus und die Versicherung: binnen Kurzem werdet ihr die Sache Gottes
               siegreich sehen. Das ist wenig, und doch verraten uns diese wenigen Züge gerade
               genug.</p>
        <p>«<hi rend="italic">Jesus aber schwieg</hi>.» Wieviel ist doch schon in dieser einen
               Tatsache enthalten! Wenn man uns anficht, so meinen wir: selbstverständlich muß ich
               doch darauf antworten. Und dann führen wir also unsere Gegenrede, und dann redet
               wieder der Andere, und dann gehts hin und her, und die Anklagen fliegen von einer
               Seite auf die andere, wie wenn Kinder Ball spielen. Zuletzt weiß Keiner mehr sicher,
               wer denn nun Recht hat. Sogar wenn wir am Anfang Recht gehabt haben, haben wir es
               manchmal nicht mehr am Ende eines solchen Streitgesprächs, darum weil wir es nicht
               [in] einem guten Sinn geführt, darum vielleicht, weil wir nicht lieber überhaupt
               geschwiegen haben. Jesus aber schwieg. Und wenn wir vielleicht nicht sofort antworten
               auf böse Worte mit Erklärungen, Entschuldigungen und Gegenanklagen, wenn wir es
               vielleicht über uns bringen, im Augenblick still zu sein, so sind wirs doch sicher
               nachher nicht, da wandern wir vom einen zum anderen: denkt, das hat man mir gesagt,
               und so hat man mirs gemacht. Es
               <pb xml:id="p121" ed="pga"/>
                muß dann doch noch Alles heraus; wir meinen, die Wahrheit und die Gerechtigkeit
               verlange es. Jesus aber schwieg. Das ist der große Unterschied. Wenn wir unter bösen
               Worten zu leiden haben, meinen wir reden zu müssen. Jesus hat geschwiegen.</p>
        <p>Wir dürfen wiederum nicht denken, das sei Gleichgültigkeit gewesen, als ob Jesus etwa
               unter der Last jener gemeinen Anklagen sein Amt als Wahrheitszeuge niedergelegt
               hätte. Wir machen es unter Umständen so, daß wir, wenn es uns zu arg wird, Schluß
               machen: so, jetzt sage ich nichts mehr, jetzt kümmere ich mich um keinen Menschen mehr.
               Aber das ist nicht Heilandsart! Jesus hat auch nicht aus Verachtung geschwiegen. Es
               gibt eine Art, in solchen Fällen zu schweigen, die ist nur ein Deckel auf einem
               kochenden Gefäß von Groll, Zorn und Rachsucht. Ein solches Schweigen eines
               beleidigten Menschen kann etwas Entsetzliches haben. Aber das Schweigen Jesu war
               nicht von dieser Art. Jesus hat keinen Augenblick seinen hohen Beruf aufgegeben, ein
               Licht zu sein in der dunklen Welt, auch in jenen Augenblicken nicht, wo er schwieg
               unter dem Getümmel des Mißverständnisses und der Bosheit. Er schwieg, weil er durch
               Schweigen dort mehr sagen konnte als durch Reden. Er schwieg, weil er einsah, daß er
               dem Bösen dort mit Worten doch nicht beikommen konnte. Es wäre verlorene Mühe
               gewesen, mit <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und seinen Leuten disputieren zu wollen. Wohl aber konnte er
               ihnen durch Schweigen zeigen: ich bin nicht der, für den ihr mich haltet oder den ihr
               aus mir machen wollt. Sie wollten einen ehrsüchtigen, aufrührerischen Neuerer, einen
               Verbrecher gegen Gott und das Gesetz aus ihm machen. Er schweigt und sagt ihnen
               damit: ich bin kein Verbrecher! ein solcher würde sich verteidigen, sich zu retten
               suchen, ich habe dazu keinen Anlaß. Jetzt, wo Alles darauf ankäme, sich
               herauszureden, sich zu wehren mindestens, wie selbst der getretene Wurm sich krümmt,
               jetzt läßt Jesus sie klagen und zeugen gegen ihn. Sein Schweigen soll ihnen
               antworten: Meine Sache ist Gottes Sache! Was könnt ihr gegen Gott tun? Das war ja
               überhaupt der Kern und die Hauptsache an dem Verhalten Jesu: er verließ sich auf
               Gott. Was heißt das: er verließ sich auf
               <pb xml:id="p122" ed="pga"/>
                Gott? Das heißt: er hatte in sich das felsenfeste Vertrauen, daß die Macht der
               Wahrheit groß genug sei, um auch diesen feindseligen Ansturm zu überwinden. Und
               dieses Vertrauen in ihm war stärker als die leidenschaftlichen Gedanken, die durch
               das ihm angetane Unrecht in ihm aufgewühlt wurden. Wäre<note xml:id="n01"><ref corresp="A">Mskr.</ref>:
                  Hätte.</note> er diesen Gedanken gefolgt, dann hätte er jetzt reden, sich
               verteidigen, wieder anklagen müssen. Daß Jesus dort schwieg, kann uns zeigen, wie
               stark er an das Recht seiner Sache glaubte. Er konnte ihr einfach den Lauf lassen
               mitten in ihrem scheinbaren Untergang in der Gewißheit, sie gewinnt es
               schließlich.</p>
        <p>O meine Freunde, wenn wir manchmal schweigen könnten, wenn man uns Unrecht tut, wenn
               wir vielleicht ein klein wenig auch zu leiden haben, was Jesus litt! Wenn wir
               schweigen könnten in dem Sinn, wie Jesus es tat! Wenn unser Schweigen unsere Waffe
               wäre, durch die wir unsere Widersacher überführen würden: siehst du, du bist im
               Unrecht, siehst du, ich brauche mich gegen solche Vorwürfe nicht zu verteidigen! Aber
               dazu müßten wir uns freilich auch so auf Gott verlassen, wie Jesus es getan hat, wir
               müßten auch so überzeugt sein: Recht bleibt Recht, wahr bleibt wahr, auch ohne mein
               Reden, Erklären und Verteidigen. Wir müssen unser innerstes Verhältnis zu Gott prüfen
               und ändern, wenn wir auch so hoch und vornehm und stark dastehen wollen im Pfeilhagel
               der bösen Worte, wie Jesus es getan hat.</p>
        <p>Aber Jesus hat nicht nur geschwiegen in jener Nacht, er hat einmal, als es darauf
               ankam, <hi rend="italic">auch geredet</hi>, Bekenntnis abgelegt: ich bin Gottes Sohn!
               obwohl er wußte, daß er auch damit nicht verstanden, daß ihm gerade dieses Wort
               äußerlich zum Verhängnis werden würde. Warum hat Jesus auf die zudringliche Frage des
               Hohenpriesters nicht auch geschwiegen? Warum hat er das, was das feinste, reinste
               Geheimnis seiner Seele war, sein Verhältnis zum Vater, mit Worten ausgesprochen und
               damit ausgeliefert an eine Rotte, die dieses Bekenntnisses nicht wert war? Wir können
               nur das sagen: Schweigen wäre auf jene Frage eine undeutliche
               <pb xml:id="p123" ed="pga"/>
                Sprache gewesen. Vorher, als man Lügen und Verdrehungen gegen ihn vorbrachte, und
               nachher, als man ihn mit Absicht wieder mißverstanden hatte, da war Schweigen das
               Deutlichste und Klarste, was Jesus sagen konnte. Wenn noch ein nicht abgestumpftes
               Gewissen unter seinen Klägern und Richtern war, dann mußte es durch sein Schweigen
               betroffen werden, wirksamer als durch alle Worte. In dem Augenblick aber, wo er
               gefragt wurde, unter feierlicher Anrufung Gottes sogar: bist du der von Gott
               Gesandte? da wäre Schweigen zweideutig gewesen. Er hat am Tag darauf, auch auf die
               Frage des <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>: Bist du der Juden König? geantwortet: du sagst es! während er auf
               alle anderen Klagen, Fragen und Beleidigungen geschwiegen hat 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.11 Mt.27.14">Mt. 27,11–14</ref>].</p>
        <p>Beidemal hat er sicher nicht darum geantwortet, weil er seinen Richtern das Recht
               zugestanden hätte, ihn so zu fragen. Beidemal hat er gewußt, daß seine Worte ihm
               schaden mußten. Ein kluger Fürsprecher von heutzutage würde ihm wahrscheinlich
               beidemal geraten haben, gerade auf diese Fragen die Antwort zu verweigern. Er gab
               seinen Feinden damit die stärkste Waffe in die Hand, daß er redete. Sein eigenes
               Gewissen war es, das ihn zwang zu reden. Er konnte es nicht zugeben, daß er eine
               Frage dieser Art auf Ja oder Nein, mochte sie auch aus noch so unberufenem Munde
               kommen, unbeantwortet ließ. Daß Gott ihn gesandt habe und daß er in seinem Namen
               rede, das war ja die Grundüberzeugung seines Lebens. Er mußte sagen: es <hi rend="italic">ist</hi> so! 
               wenn man ihn danach fragte. Er mußte: eine innere Notwendigkeit, die
               große Wahrhaftigkeit seines Wesens trieb ihn dazu. Er fragt nicht nach dem, was die
               Leute über ihn meinen und sagen könnten, aber für sein eigenes Gefühl und Urteil wäre
               es Verleugnung gewesen zu schweigen, diesmal zu schweigen. Wir verstehen sein
               vorheriges Schweigen erst, wenn wir verstehen, daß er jetzt reden mußte. Freilich
               müßten wir das feine Gefühl und Urteil Jesu besitzen, um ganz zu begreifen, wie und
               warum er so handelte: jetzt so und jetzt so. Nur das ist sicher: beides kam aus
               derselben Quelle, und beides diente demselben Zweck: Jesus wollte noch einmal und
               auch in diesem Dunkel sein Licht leuchten lassen, das eine Mal so, das andere
               <pb xml:id="p124" ed="pga"/>
                Mal so. Jetzt hieß es: ich glaube, darum schweige ich! und jetzt: ich glaube, darum
               rede ich [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.13">2.Kor. 4,13</ref>].</p>
        <p>Wir müssen auch für unser eigenes Leben Gefühl und Urteil bekommen: wann ist das Eine
               geboten und wo das Andere? Es gibt eine Grenze, da fängt eine andere Stellung und
               Haltung zu den bösen Worten an. Da hat das Schweigen, wie wir es vorher beschrieben
               haben, kein Recht und keinen Sinn mehr, da müssen wir etwas sagen. Wir dürfen nicht
               denken, daß wir erst dann reden sollen und dürfen, wenn wir auf einen sicheren Erfolg
               mit unseren Worten rechnen dürfen. Was klug ist vor den Menschen, ist oft töricht vor
               Gott. Jesus hat nicht nach menschlicher, sondern nach göttlicher Klugheit geschwiegen
               und geredet. Göttliche Klugheit ist es, zu reden, wenn das Gewissen uns sagt: jetzt
               geht es um die Wahrhaftigkeit, jetzt muß du klar, deutlich, unzweideutig aussprechen,
               was du denkst, sonst bist du mit deinem vermeintlich klugen Schweigen ein Lügner. Wir
               können jetzt nicht für jeden einzelnen Fall bestimmen, wo diese Grenze ist. Es kann
               uns oft, wenn wir so zu leiden haben unter bösem Wort und Urteil, wirklich recht
               schwer werden, zu entscheiden: was ist nun das Richtige? Es wird immer dann das
               Richtige sein zu reden, wenn wir mit gutem Gewissen sagen können: jetzt rede ich
               nicht um meiner Person, sondern um der Sache willen, es ist mir jetzt nicht um mich
               zu tun, sondern um das, was wahr und recht ist und was gelten soll. Es wird in den
               meisten Fällen Beides beieinander sein müssen im Leiden eines Christen: das Schweigen
               und das Reden. Schweigen müssen wir, weil wir uns auf Gott verlassen, reden müssen
               wir, weil wir Gott gehorsam sein möchten. Jetzt muß das Eine und jetzt das Andere
               hervortreten. Jesus ist uns vorangegangen darin, Beides am rechten Ort, zur rechten
               Zeit zu tun nach göttlicher Klugheit. Das ist das Große, Vorbildliche an seinem
               Leiden, an der Art, wie er sein Leiden getragen und überwunden hat.</p>
        <p>Was für <hi rend="italic">Erfolg?</hi> Nicht so fragen. Göttliche Klugheit hat Erfolg in
               sich selbst. Wer im Leiden sich so verhält wie Jesus, der hat
               <pb xml:id="p125" ed="pga"/>
                den Trost, daß er zu Gott gehört. Zufriedengeben mit der geheimnisvollen Tatsache
               dieser Erfahrung.</p>
        <p>Und doch <hi rend="italic">Wirkungen</hi>. Glieder des Hohen Rates? <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>. Seine
               Verleugnung das Schmerzlichste von Allem. Erfahrungen mit Freunden: Anlaß zu
               feindseligem Reden <hi rend="italic">und</hi> Schweigen. Nicht so: das Göttliche rein
               wirken lassen, Jesus geht seinen Leidensweg auf seine Weise, der Gedanke an ihn
               (Anblick?) ruft den <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> zur Besinnung, zur Reue, Umkehr und neuem Leben.
               Unsichtbare Wirkung des Christusleidens.</p>
        <p>Darum <hi rend="italic">Vertrauen</hi> haben auf seine Kraft. Menschenworte tun weh, aber
               ihre Macht ist nicht die größte. Auf Gottes Wort hören. Im Gehorsam gegen Gott leiden
               unter ihnen und siegen über sie wie Jesus.</p>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
