Predigt: Matthäus 26,30-46
In
So sehen wir Jesus in
Also die Not, die Todesnot, das Verderben kommt. Dazu das Bewußtsein: sie kommt viel
zu früh. Jesus ist ja kaum etwas mehr als dreißig Jahre alt. Sein Werk ist ja kaum
recht angefangen, geschweige denn vollendet. Was er bis jetzt geleistet, war ein
Ansatz, ein Anlauf, nicht mehr. Das Häuflein von Jüngern, das er sich gesammelt, war
doch kein Erfolg zu nennen.
Diese Aussicht war die Not, unter der Jesus in
104 Das erste, was uns in der
Aber da müssen wir nun gleich etwas tiefer nachdenken über das Unheil, das Jesus
drohte. Wäre es bloß die Todesnot, die Gefahr für Leib und Leben
gewesen, vor der Jesus dort bangte, ich glaube, er hätte nicht nur seine Jünger ganz
getrost die Ruhe des Schlafes aufsuchen lassen, sondern er hätte sie gewiß dort sogar
selber aufgesucht. Er kannte doch das Wort jenes Frommen aus dem alten Bund: Ich
liege und schlafe ganz im Frieden, denn du allein, Herr, hilfst mir, daß ich sicher
wohne [
Nun wars umgekehrt: die Jünger ahnten nichts von einer äußeren Gefahr. Sie
hatten die Worte Jesu beim Abendmahl von seinem Leiden und Sterben bildlich genommen,
jedenfalls nicht ernsthaft, auf jeden Fall glaubten sie nicht an etwas unmittelbar
Bevorstehendes. Und so waren nun diesmal sie ganz ruhig. Es eilt
nicht, dachten sie, man wird dann sehen, es wird sich ja dann Alles zeigen, vorläufig
kann man schon noch ein wenig schlafen. Jesus sah weiter, sah tiefer als sie. Wir
wissen nicht sicher, ob er das Hereinbrechen des Unheils schon unmittelbar für jene
Nacht erwartet hat. Das ist auch ganz gleichgültig. Das, wovor Jesus bangte, war ja
nicht das Unheil, das in seiner Gefangennahme, seinem Leiden und Sterben bestand,
sondern die ungeheuere Gefahr für seine und seiner Jünger und
schließlich aller Menschen Seele, die in jenem äußeren Unheil verborgen
lauerte. Ihm bangte nicht um sein leibliches Leben, ihm bangte um sein und der
Seinigen und aller Menschen Leben in Gott. Wird es mir nicht zu schwer, zu bitter
sein, was jetzt kommt, dieser offene Triumph der Lüge und des Unrechts, diese
Zertrümmerung eines angefangenen guten Werkes, diese jämmerliche Offenbarung der
menschlichen Niedrigkeit und Verderbtheit? Werde ich weiter tun mögen und tun können,
was ich bisher getan habe: Gott lieben und ihm vertrauen aus ganzem Herzen, wenn das
nun geschieht, wenn die es gewinnen, die es so schlecht oder so töricht meinen, wenn
ich unter Spott und Schande mein Leben lassen muß? Werde ich da nicht unterliegen und
schwach werden? Werde ich nicht wie all die Anderen Gott den Rücken kehren, innerlich
in Nacht und Verzweiflung versinken? Wird nicht auch [in] mir das Menschliche
überhandnehmen, die klägliche Angst, die Sehnsucht, um keinen Preis leiden zu müssen,
oder der Haß und die Rachsucht gegen|106über den Feinden,
die mir solches antun? Wird das, was da kommt, mich nicht scheiden
müssen von der Liebe Gottes [vgl.
Aber Jesus dachte nie bloß an sich selber, weder in der Freude noch im Leid. Er war
himmelhoch erhaben über jene Art, die nur die Frage kennt: Werde ich wohl selig?
Unmittelbar verbunden mit seinem eigenen Seelenleid ist das Leid um die Seelen der
Anderen; ja wenn wir diese Geschichte aufmerksam betrachten, sehen wir das
Wunderbare, Einzigartige, wie in seiner Seele der Gedanke an sich selbst und der an
die Brüder völlig eins geworden ist. Er weiß und kennt im Grunde nur eins, das Leben
in Gott, das aller Menschen gemeinsame Sache ist. Für diese gemeinsame Sache zittert
er. Was wird aus den armen Leuten werden, in denen er mit Mühe und Not einen kleinen
Anfang von Liebe und Vertrauen zu Gott und den Brüdern gepflanzt hatte? Werden sie
diese entsetzliche Enttäuschung überstehen? Wird nicht das Prophetenwort an ihnen in
Erfüllung gehen: ich will den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich
zerstreuen [vgl.
Und das ist dann auch das eine große wirkliche Leid, das über Menschen hereinbrechen
kann, das Leid, das in der Gefahr besteht, daß wir Gott verlieren, daß wir versinken
in Trotz und Haß, in Leichtsinn und Gemeinheit. Dieses Leid müssen wir als das
wirkliche Leid kennenlernen. Wir regen uns so oft unnütz auf über Dinge, die uns
höchstens äußerlich Schaden tun können, die es nicht wert sind, daß wir ihnen so viel
Zeit und Betrachtung widmen. Wir nehmen es aber viel zu leicht und harmlos mit dem,
was die eigentliche Not ist in der Not, mit der Not der Seele. Wir sagen: das und das
macht mich traurig, ist mein Elend, ist mir ein entsetzlicher Schicksalsschlag,
denken aber zu wenig daran, daß äußere Umstände und Ereignisse, mögen sie noch so
schlimm für uns sein, geringfügig sind neben dem Unheil, das angerichtet wird
dadurch, daß wir uns durch unglückliche Umstände und Ereignisse aufhalten,
herunterreißen, ja zerstören lassen innerlich in unserem Besten und Heiligsten. Jesus
hat einmal das bedeutungsvolle Wort ausgesprochen: Fürchtet euch nicht vor denen, die
den Leib töten! Fürchtet euch aber vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der
Hölle [
Seht, da kommen wir zu einer anderen Seite im Leiden Jesu, zu einer Seite, die
freilich im Leben aller wahren Gottesmenschen vorkommt. Sie sehen die ungeheure
Gefahr, von der sie selbst und die Anderen bedroht sind — aber sie allein sehen sie
und leiden darunter, rings umher ist Alles ganz ruhig und zufrieden, meint Alles: es
fehlt ja nichts, es ist ja Alles in Ordnung. Ringsum schläft Alles. Einsam steht der
Gottesmensch, und doppelt muß er leiden: unter dem, was er kommen sieht, und
darunter, daß nur er es sieht, daß er sich von den Anderen, den Unwissenden,
Harmlosen, Oberflächlichen muß belächeln und verachten, vielleicht anfeinden lassen.
Warum bist du so aufgeregt? Warum bist du nicht zufrieden wie wir auch? Warum sagst
du uns so unangenehme Dinge? Komm doch und schlafe mit uns! Siehe, das ist Gottes
Lamm, welches der Welt Sünde trägt [
Wachet und betet! Was heißt nun das? Wir können es in dem einzigen Ausdruck zusammenziehen: Seid bereit! Bereit für die |109 Stunde, wo Unheil, Not und Verderben über euch hereinbricht und hinter ihnen verborgen der Feind, der eure Seele zugrunde richten will. Jesus wußte wohl: wenn das Unheil sie so trifft, wie sie jetzt sind, dann sind sie verloren, dann werden sie wehrlos der Versuchung erliegen, dann werden sie willenlos in die Schwachheit und Angst, ins Verleugnen und Ungläubigwerden hineingeraten. Wir können nicht in den guten Zeiten und Stunden harmlos, zufrieden, gedankenlos in den Tag hineinleben und dann, wenn die Not kommt und in der Not verborgen die Verführung zur Sünde, uns plötzlich bereitmachen, um sie zu überwinden. Wir müssen bereit sein für diesen Fall. Wir müssen gewacht und gebetet haben. Wir müssen innerlich gerüstet sein, daß wir nicht dem zum Opfer fallen, was schlimmer ist als die Not, der Sünde.
Vielleicht steht uns bevor, daß wir wegen unserer Überzeugung uns werden plagen und anschreien lassen müssen. Das ist schlimm. Aber schlimmer ist es, wenn wir uns das werden anfechten lassen, d. h. wenn wir nachgeben und in unserer wohlbegründeten Überzeugung irrewerden den Leuten zulieb. Wachet und betet! Wer das vermeiden will, der muß schon jetzt, wo man ihn noch in Ruhe läßt, über seine Sache nachdenken, sie sich so recht zu eigen machen, sie prüfen und erwägen nach allen Seiten. Wenn wir das nicht tun, solange es Zeit ist, fallen wir eben zusammen wie ein Kartenhaus im Moment, wo es zu spät ist, fest und sicher zu werden.
Vielleicht haben wir Feindschaft und Bosheit zu gewärtigen. Das ist schlimm. Aber schlimmer ist es, wenn wir uns dadurch verleiten lassen, selber feindselig und boshaft zu werden, Gemeinheit mit Gemeinheit zu vergelten. Wachet und betet! Wenn wir das vermeiden wollen, müssen wir jetzt, wo uns noch niemand etwas zuleide tut, uns üben in der Geduld und in der Liebe, uns so recht von der Liebe Gottes durchdringen lassen. Tun wir das nicht zu rechter Zeit, dann ists zu spät, wenn die schlechten Leute gegen uns herankommen. Wir sind dann eben ganz sicher schlecht unter den Schlechten. Was man nicht erworben hat, das hat man nicht.
110 Vielleicht wirst du irgendwo so recht erschüttert in deinem Vertrauen, das du zu einem Menschen hast. Das kann dir sehr leicht einmal geschehen, und das ist etwas Trauriges. Noch trauriger aber ist es, wenn wir uns nun durch eine solche Erfahrung innerlich vergiften, uns von dem betreffenden Menschen abspenstig machen lassen. Wenn das geschieht, verlaß dich darauf, dann war schon vorher etwas nicht in Ordnung. Du hast nicht gewacht und gebetet. Es war etwas Unaufrichtiges, Halbes in deinem Vertrauen, und nun hat dich bei der einen bösen Erfahrung der noch viel bösere Feind der Seele überwältigt.
Dir steht vielleicht ein langes schweres Kranksein bevor, Leiden und böse Geduldsproben warten auf dich. Gott behüte uns davor! Ja, aber Gott behüte uns noch viel mehr davor, daß wir in der Krankheit innerlich zusammenbrechen, daß wir böse, unzufriedene Patienten werden mit einem murrenden, keifenden Mund gegen Gott und die Menschen. Das ist das größere Übel! Du möchtest frei bleiben davon? Dann mußt du wachen und beten, dann mußt du zusehen, wie du jetzt, wo du gesund bist, kleine Geduldsproben, kleine Widrigkeiten erträgst. Übe dich beizeiten, Schweres zu ertragen! Versage dir vielleicht da und dort eine Annehmlichkeit aus dem einzigen Grunde, weil du tapfer werden möchtest gegen das Schlimme, das kommen kann. Tapfer werde beizeiten! Denn wenn du es jetzt nicht bist im Kleinen, wirst du es auch später nicht sein im Großen, verlaß dich drauf.
Und du mußt vielleicht in kurzer oder langer Zeit einen Menschen verlieren, an dem dein Herz hängt. Gott erhalte uns in Gnaden unsere Lieben; wir haben in der letzten Zeit einen Eindruck bekommen können, wie das ist, sie drangeben zu müssen; letzte Woche ist ein hoffnungsvoller Jüngling, die Stütze seiner Mutter, vorgestern ein liebes Kindlein, das vierte schon aus seiner Familie, das diesen Weg geht, gestern eine Gattin und Mutter von sechs unerzogenen2 Kindern weg ins Grab getragen worden. Aber was ist schlimmer als der Tod, der uns das Liebste nimmt? |111 Wenn die Angehörigen gleichgültig und oberflächlich weiterleben, als wäre nichts geschehen, oder wenn hoffnungsloses Klagen einzieht in einem Trauerhaus oder Groll und Verbitterung. Das Alles möchten wir vermeiden, nicht wahr? Ja, aber wir müssen es beizeiten vermeiden, müssen uns schon zu ihren Lebzeiten zu unseren Angehörigen so stellen, daß die Sünde in irgendeiner Form nicht Meister werden kann über uns, wenn sie nun, einem höheren Rufe folgend, Abschied nehmen von uns. Beizeiten! Wachet und betet!
Ich könnte noch lange fortfahren mit Aufzählen von solchen Fällen. «Bereit sein ist
alles!»4 hat ein großer Dichter gesagt.
Bereit sein ist wirklich Alles, es ist das große Geheimnis des
Lebens, das Jesus da in seiner Forderung zusammengefaßt hat. Was heißt Wachen? Wachen heißt an die Gefahr denken, solange sie noch nicht da ist.
Was heißt Beten? Beten heißt sich nach Gott ausstrecken, solange
wir es können, solange er sich von uns finden läßt [vgl.
112 Doch wir wenden uns zurück zu Jesus. Wir verstehen seine Mahnung zum Bereitsein erst so ganz, wenn wir sehen, wie er selber nun wirklich bereit gewesen ist gegenüber der Gefahr der Gottesentfremdung, die im Leiden auch auf ihn, ja auf ihn vor Allem wartete. Das ist eben das Wunderbare bei Jesus, daß wir bei ihm das, was er geredet hat, immer verstehen können daraus, wie er gelebt und gehandelt hat. Das ist der große Unterschied zwischen Jesus und den Philosophen und Weisheitslehrern, zwischen Jesus und uns Pfarrern von heutzutage, zwischen Jesus und allen großen und kleinen Aposteln und Predigern. Bei all diesem Volk, das ja auch sein Gutes hat, findet man nicht, was man bei Jesus findet: die völlige lebendige Einheit von Wort und Leben.
Wie Jesus in
Seht, das heißt bereit sein, das heißt wachen und beten, wenn wir uns das so ganz
klar machen, wie es dort Jesus getan hat: in dem, was das Leben mir jetzt bringt,
vielleicht an Widrigem, Schwerem, Furchtbarem, in dem allen ist ganz sicher etwas von
Gott verborgen. Und das, was von Gott darin verborgen ist, das muß zur Entfaltung und
Erfüllung kommen. Bereitsein, das heißt seine Augen fest auf das richten, was Gott
mit uns will durch die Umstände und Ereignisse unseres Lebens, seien sie welche sie
wollen. Bereitsein heißt: von vornherein einsehen und zugeben: nicht wie ich will,
sondern wie du willst. O wenn wir so denken, so beten könnten, dann wären wir zum
vornherein gewappnet gegen alle Gefahr, die das Leben unserer Seele bringen kann. Wer
so denken kann, bevor die Not da ist, in dem muß ja alles
Kleinliche, Trotzige, Unverständige, alle Lüge und alles Unrecht nach und nach
erstrickt werden: nicht wie ich will. Das Ich, diese Quelle aller Schwachheit, darf
und soll da nicht mehr die Macht haben. Ja dann muß Gott mit seinen
Gaben, mit seinem Frieden, mit seiner Kraft, seiner Weisheit es gewinnen: wie du
willst! Gott nimmt die Stelle ein, die vorher unser liebes Ich eingenommen hatte.
Wunderbarer Tausch! Nun mag die Not kommen. Ein Mensch, der so denkt, kann ihr nicht
erliegen, er mag leiden, er mag Tränen vergießen, sein äußeres Glück mag in Trümmer
gehen, aber fest und sicher lebt seine Seele, vorwärts wandelt sie, dem immer
reineren Licht entgegen. So hat Jesus im schwersten Leid die Sünde überwunden, er hat
im Tod dem Tod die Macht genommen
[vgl.
Das zweite Gebet in
Meine Freunde, das ist für uns, wenigstens wenn wir nicht ganz reife Christen sind, einfach zu hoch, da kommen wir nicht mehr |115 mit, und wir wollen uns um der Wahrhaftigkeit willen hüten, solche Worte und Gedanken ohne weiteres in den Mund zu nehmen, als wären es die unseren. Wir sind noch nicht so weit, um so denken und reden zu können. Aber sie zeigen uns die Richtung an, in der wir wandern und streben müssen. Sie zeigen uns das Ziel, wo wir hingelangen müssen: ein Leben, das von keinem Leid mehr gestört, das von keiner Not mehr gebrochen werden kann, ewiges Leben aus Gott und zu Gott hin in Freud und Leid, im höchsten Glück wie mitten in Tod und Verderben. Wir wollen dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren, Jesus zeigt uns den Weg dazu. Jesus versöhnt uns mit Gott, indem er uns diesen königlichen Weg zum Leben zeigt.
Aber noch sind wir erst unterwegs. Auch die Jünger Jesu waren erst unterwegs, die
seine Mahnung gehört und sein Vorbild vor Augen gesehen haben. Alles schien umsonst
zu sein, wenn wir ihr Verhalten mit dem Jesu vergleichen. Als die bittere Not nun
hereinbrach, als