1. März 1914

Predigt: Matthäus 26,30-46

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Gethsemane
Matthäus 26,30–46
Liebe Freunde!

In Gethsemane sehen wir Jesus in Erwartung der kommenden Todesnot. In Erwartung! Sie ist noch nicht da. Noch liegt der Friede einer milden Frühlingsnacht über dem Garten, den er mit seinen Jüngern aufgesucht. Noch mischt sich nur das Rauschen der alten Ölbäume in die Seufzer, durch die er einsam mit Gott redet. Das Unheil ist noch nicht da. Aber wundert es uns, daß wir ihn innerlich schon mitten in der Not drin sehen? Ist nicht auch in unserem Leben die Erwartung von etwas Schwerem ebenso schlimm, wenn nicht schlimmer als der gefürchtete Augenblick selber? Leiden wir nicht dann am schwersten, wenn wir innerlich überwältigt zu Boden gedrückt werden von der Frage: Was wird es nun geben? Wie soll es nun gehen? Was wird noch alles kommen? Ist nicht ein großer Teil des Leides überwunden, durchgekämpft, wenn wir einmal die Erwartung des Leides hinter uns haben? Wir stehen am Sterbebett eines lieben Menschen. Lange, lange zieht der Kampf um Leben und Tod sich hin. Wie von Bleigewichten sind wir niedergedrückt durch die entsetzliche un|102leugbare Tatsache: Es wendet sich zum Schlimmen, es geht dem Ende zu. Und nun kommt der letzte Augenblick: der Puls stockt, und die Augen brechen, und der Atem steht langsam still, und mit ganzer Gewalt senkt sich nun der Schmerz, das bittere Weh hernieder in unsere Seele. Und doch: Ist dieses Weh nicht fast eine Erlösung, eine Befreiung nach dem, was vorangegangen ist? Sicher ist, daß das Leid, das noch nicht da ist, das wir aber unaufhaltsam kommen sehen, nicht leichter [ist] als das Leid, das nun wirklich da ist. Und oft haben wir das Bitterste schon getragen und überwunden, indem wir es erwartet haben.

So sehen wir Jesus in Gethsemane in Erwartung der kommenden Not und doch schon mitten drin. Mit ganzer Macht liegt auf seiner Seele die Erkenntnis: es ist nun Alles reif und bereit zu meinem Verderben. Er weiß, daß er durch sein Tun und Lassen seine Feinde gereizt hat bis zum Äußersten. Er weiß, daß sie nun auch zum Schlimmsten entschlossen sind. Er weiß, daß die Verhältnisse ihnen günstig sind, daß sein Untergang in ihrer Macht steht. Er weiß weiter, daß sie in dem Verräter Judas das Werkzeug bereits in der Hand haben, daß ihre Hand bereits zum Schlage gegen ihn erhoben ist. Und auf der anderen Seite kann er nichts tun, um diesem Schlage auszuweichen: er kann sich ihm weder durch die Flucht entziehen, noch sich gewaltsam dagegen zur Wehr setzen: Beides wäre ein Verrat an seiner eigenen Sache, Beides ist für ihn, wenn nicht äußerlich so doch innerlich, völlig ausgeschlossen.

Also die Not, die Todesnot, das Verderben kommt. Dazu das Bewußtsein: sie kommt viel zu früh. Jesus ist ja kaum etwas mehr als dreißig Jahre alt. Sein Werk ist ja kaum recht angefangen, geschweige denn vollendet. Was er bis jetzt geleistet, war ein Ansatz, ein Anlauf, nicht mehr. Das Häuflein von Jüngern, das er sich gesammelt, war doch kein Erfolg zu nennen. Jerusalem, Israel, die Welt wartete erst seiner Aussaat. Und nun so früh das Ende. Nun sollen alle Hoffnungen untergehen in einer giftigen Dunstwolke von Mißverständnis, Zorn und Torheit. Nun sollte alles Begonnene, die paar schwachen keimenden Pflänzlein zu |103 Boden getreten, ausgerottet werden. Nichts würde übrig bleiben als vielleicht die Erinnerung an einen guten Mann, der es herzlich gut gemeint, der aber an seinem Mangel an Erfahrung und Weltkenntnis zugrunde gegangen sei. Die Einen würden schadenfroh lachen und sagen: es geschah ihm Recht, er hat uns geschadet, und wir waren die Stärkeren. Die Anderen würden gescheit lächeln und sagen: so geht es eben einem Schwärmer, es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die Dritten würden sich mit Bedauern, vielleicht mit einem stillen Seufzer von seinem Grabe abwenden und sagen: Schade um ihn, aber wir leben eben in einer bösen Welt! Solche Redensarten würden übrig bleiben von ihm — von ihm, der den Menschen Gott bringen, der die Menschen erst wahrhaft zu Menschen machen, die Kräfte der Ewigkeit in ihrem Erdenleben lebendig machen wollte. Nichts übrig von ihm als das, und für ihn selber ein Verbrechertod!

Diese Aussicht war die Not, unter der Jesus in Gethsemane gelitten. Erst eine Aussicht war es und doch für seine Seele so schwer und bitter wie das, was am Tage darauf sich ereignet hat. Unendlich viel von den Leiden, die die Menschen, die auch wir zu tragen haben, ist Leiden in der Erwartung, Leiden unter dem, was kommen, sicher kommen wird. Krankheit, Not, Feindschaft, Einsamkeit, Verlassenheit, sich nicht Verstehen, Sterben, und wie die Übel des Lebens alle heißen, sie werfen ihre Schatten weit voraus. Das Bitterste an ihnen ist immer ihr Vorgeschmack, ihre Ahnung, die Aussicht darauf. Wie stehen wir, wie stellen wir uns, wenn diese Schatten auf unser Leben fallen? Das ist die Frage, die wir uns heute vorlegen wollen. Jesus hat seine bittere Not so getragen, daß sie zu einem Sieg, zu einer Kraft wurde, zu einer Kraft, die wir noch heute spüren können, wenn wir sein Bild zu uns reden lassen. Tief läßt er uns hineinsehen in das Leid, das einem Menschen beschieden sein kann, aber dann spüren wir auch wiederum, wie Versöhnung, Frieden, Licht ausgeht von ihm, weil wir dort einen sehen, der das Leid anders als wir gewöhnlich, auf eine göttliche große Weise aufgenommen und verarbeitet hat.

104 Das erste, was uns in der Gethsemane-Geschichte auffallen muß, ist, daß Jesus seine Not keineswegs in erster Linie als seine persönliche private Not betrachtet und behandelt. Es liegt ihm Alles daran, die ihn begleitenden Jünger zu beteiligen, hineinzuziehen in seine Gedanken. Mit einer ganz auffallenden Beflissenheit und Betonung fordert er sie immer wieder auf: wachet mit mir! könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet! Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhen? Wie kommt es wohl, daß Jesus daran so viel gelegen war? Es war doch seine persönliche Sache, könnte man denken — oder wenn es ja freilich in gewissem Sinn auch die Sache der Jünger war, um die es sich handelte, was wollte er damit, daß er ihnen den Schlaf nicht gönnte, warum wollte er sie absolut mit beunruhigt und aufgeregt wissen? Das Unheil kam ja doch, ob sie wachten oder schliefen. Ja freilich, das Unheil kam ja doch.

Aber da müssen wir nun gleich etwas tiefer nachdenken über das Unheil, das Jesus drohte. Wäre es bloß die Todesnot, die Gefahr für Leib und Leben gewesen, vor der Jesus dort bangte, ich glaube, er hätte nicht nur seine Jünger ganz getrost die Ruhe des Schlafes aufsuchen lassen, sondern er hätte sie gewiß dort sogar selber aufgesucht. Er kannte doch das Wort jenes Frommen aus dem alten Bund: Ich liege und schlafe ganz im Frieden, denn du allein, Herr, hilfst mir, daß ich sicher wohne [Ps. 4,9]. Er hat ja auch wirklich einmal, als die Gefahr für Leib und Leben gewaltig groß war, ruhig geschlafen, dort auf dem See Genezareth, als das Schifflein im Sturm unterzugehen drohte [Mt. 8,23–27]. Vor solchen Gefahren und Nöten ist Jesus nie erschrocken, vor ihnen fühlte er sich geborgen mit der schlichten selbstverständlichen Natürlichkeit des Kindes, das weiß: der Vater ist bei mir. Wenns also bloß das gewesen wäre in Gethsemane, die Furcht: man könnte uns vielleicht etwas zuleide tun, ich glaube, dann hätte Jesus wiederum die Furcht den Jüngern überlassen, und er wäre wie damals in ihrer Mitte der friedlich Schlummernde gewesen, völlig beruhigt in dem Gedanken:

105 Es kann mir nichts geschehen,
als was er hat ersehen
und was mir selig ist!1

Nun wars umgekehrt: die Jünger ahnten nichts von einer äußeren Gefahr. Sie hatten die Worte Jesu beim Abendmahl von seinem Leiden und Sterben bildlich genommen, jedenfalls nicht ernsthaft, auf jeden Fall glaubten sie nicht an etwas unmittelbar Bevorstehendes. Und so waren nun diesmal sie ganz ruhig. Es eilt nicht, dachten sie, man wird dann sehen, es wird sich ja dann Alles zeigen, vorläufig kann man schon noch ein wenig schlafen. Jesus sah weiter, sah tiefer als sie. Wir wissen nicht sicher, ob er das Hereinbrechen des Unheils schon unmittelbar für jene Nacht erwartet hat. Das ist auch ganz gleichgültig. Das, wovor Jesus bangte, war ja nicht das Unheil, das in seiner Gefangennahme, seinem Leiden und Sterben bestand, sondern die ungeheuere Gefahr für seine und seiner Jünger und schließlich aller Menschen Seele, die in jenem äußeren Unheil verborgen lauerte. Ihm bangte nicht um sein leibliches Leben, ihm bangte um sein und der Seinigen und aller Menschen Leben in Gott. Wird es mir nicht zu schwer, zu bitter sein, was jetzt kommt, dieser offene Triumph der Lüge und des Unrechts, diese Zertrümmerung eines angefangenen guten Werkes, diese jämmerliche Offenbarung der menschlichen Niedrigkeit und Verderbtheit? Werde ich weiter tun mögen und tun können, was ich bisher getan habe: Gott lieben und ihm vertrauen aus ganzem Herzen, wenn das nun geschieht, wenn die es gewinnen, die es so schlecht oder so töricht meinen, wenn ich unter Spott und Schande mein Leben lassen muß? Werde ich da nicht unterliegen und schwach werden? Werde ich nicht wie all die Anderen Gott den Rücken kehren, innerlich in Nacht und Verzweiflung versinken? Wird nicht auch [in] mir das Menschliche überhandnehmen, die klägliche Angst, die Sehnsucht, um keinen Preis leiden zu müssen, oder der Haß und die Rachsucht gegen|106über den Feinden, die mir solches antun? Wird das, was da kommt, mich nicht scheiden müssen von der Liebe Gottes [vgl. Röm. 8,35]? Jesus zitterte um seine Seele, nicht weniger als Alles stand für ihn auf dem Spiel. Sollte Gott ihm geraubt werden, das Eins und Alles, in dem und für das er gelebt hatte?

Aber Jesus dachte nie bloß an sich selber, weder in der Freude noch im Leid. Er war himmelhoch erhaben über jene Art, die nur die Frage kennt: Werde ich wohl selig? Unmittelbar verbunden mit seinem eigenen Seelenleid ist das Leid um die Seelen der Anderen; ja wenn wir diese Geschichte aufmerksam betrachten, sehen wir das Wunderbare, Einzigartige, wie in seiner Seele der Gedanke an sich selbst und der an die Brüder völlig eins geworden ist. Er weiß und kennt im Grunde nur eins, das Leben in Gott, das aller Menschen gemeinsame Sache ist. Für diese gemeinsame Sache zittert er. Was wird aus den armen Leuten werden, in denen er mit Mühe und Not einen kleinen Anfang von Liebe und Vertrauen zu Gott und den Brüdern gepflanzt hatte? Werden sie diese entsetzliche Enttäuschung überstehen? Wird nicht das Prophetenwort an ihnen in Erfüllung gehen: ich will den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen [vgl. Sach. 13,7]! Jesus sieht voraus, wie der raschbereite Bekenner Petrus ebenso rasch zum Verleugnen bereit sein wird, wenn einmal sein froher eifriger Mut diese Enttäuschung hat erleben müssen. Er sieht voraus, wie die leidenschaftlichen Söhne des Zebedäus in gottlosem Groll und Trotz sich zu verzweifelten Gedanken und Taten werden hinreißen lassen. Er sieht den Matthäus zurückkehren zu seinem lieben Geld, die Maria Magdalena zu ihrem sündigen Leben und Alle, Alle in ihr altes Wesen. Gott hat es verloren bei ihnen Allen! Sie werden wieder, was sie vormals waren. O, dieser Gedanke war für ihn schmerzlicher als Tod und Todesnot. Und was wird erst aus den Anderen allen werden, aus dem törichten, verblendeten Volk und aus seinen noch törichteren und verblendeteren Leitern, aus den Menschen allen, allen samt den zukünftigen, noch ungeborenen Geschlechtern, denen er Gott hatte zeigen und bringen wollen? Große Not! Große entsetzliche |107 Gefahr! Gott verliert es bei ihnen allen. Wir alle, alle werden wieder geschieden von der Liebe Gottes, von der wir eben leise berührt und ergriffen zu sein meinten. Gott in den Menschen ist in Gefahr, das war das große Leid, von dem Jesus durchbebt war.

Und das ist dann auch das eine große wirkliche Leid, das über Menschen hereinbrechen kann, das Leid, das in der Gefahr besteht, daß wir Gott verlieren, daß wir versinken in Trotz und Haß, in Leichtsinn und Gemeinheit. Dieses Leid müssen wir als das wirkliche Leid kennenlernen. Wir regen uns so oft unnütz auf über Dinge, die uns höchstens äußerlich Schaden tun können, die es nicht wert sind, daß wir ihnen so viel Zeit und Betrachtung widmen. Wir nehmen es aber viel zu leicht und harmlos mit dem, was die eigentliche Not ist in der Not, mit der Not der Seele. Wir sagen: das und das macht mich traurig, ist mein Elend, ist mir ein entsetzlicher Schicksalsschlag, denken aber zu wenig daran, daß äußere Umstände und Ereignisse, mögen sie noch so schlimm für uns sein, geringfügig sind neben dem Unheil, das angerichtet wird dadurch, daß wir uns durch unglückliche Umstände und Ereignisse aufhalten, herunterreißen, ja zerstören lassen innerlich in unserem Besten und Heiligsten. Jesus hat einmal das bedeutungsvolle Wort ausgesprochen: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten! Fürchtet euch aber vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle [Mt. 10,28]! Dieses Wort hätte in Gethsemane gesprochen sein können. Was Jesus dort sagte: Wachet und betet, auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet! weist uns ganz in die gleiche Richtung. Daß seine Jünger in Anfechtung fallen, daß sie der lauernden Gefahr der Gottentfremdung im Augenblick der Not zum Opfer werden, daß durch das hereinbrechende Unheil ihre Seele verlorengehen möchte, das fürchtet Jesus, darüber trauert und zagt er, darüber ist seine Seele betrübt bis zum Tod, wie wir in unserer Erzählung lesen. Was wollte Jesus mit der Aufforderung: Wachet und betet!? Wahrhaftig, es war nicht das Bedürfnis, Gesellschaft zu haben, nicht allein zu sein, das Jesus so reden, fast flehentlich so reden ließ. Ihr wißt, daß Fieberkranke fast immer den Wunsch haben, beständig jemand um sich zu sehen. |108 Aber das war es nicht bei Jesus. Freilich tat es ihm bis ins Herz heinein weh, so einsam sein zu müssen mit seinem bitteren Leid, während die Anderen ruhig schliefen und immer wieder schliefen. Aber nicht sich selber bedauerte er bei dieser Einsamkeit, er stand doch wenigstens im Kampf und Ringen, im Beten und Flehen: Mein Gott, verlaß mich nicht! Aber die Anderen da, die so gemütlich schliefen, um sie zitterte er! Wie sollten sie bestehen, wie sollten sie der entsetzlichen Gefahr der Sünde und Schuld entgehen, wenn die Not einmal wirklich eintrat, und jetzt verloren sie die kostbare Zeit mit Schlafen!

Seht, da kommen wir zu einer anderen Seite im Leiden Jesu, zu einer Seite, die freilich im Leben aller wahren Gottesmenschen vorkommt. Sie sehen die ungeheure Gefahr, von der sie selbst und die Anderen bedroht sind — aber sie allein sehen sie und leiden darunter, rings umher ist Alles ganz ruhig und zufrieden, meint Alles: es fehlt ja nichts, es ist ja Alles in Ordnung. Ringsum schläft Alles. Einsam steht der Gottesmensch, und doppelt muß er leiden: unter dem, was er kommen sieht, und darunter, daß nur er es sieht, daß er sich von den Anderen, den Unwissenden, Harmlosen, Oberflächlichen muß belächeln und verachten, vielleicht anfeinden lassen. Warum bist du so aufgeregt? Warum bist du nicht zufrieden wie wir auch? Warum sagst du uns so unangenehme Dinge? Komm doch und schlafe mit uns! Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt [Joh. 1,29]! Wer Jesu Sinn und Geist hat, der muß ein wacher Mensch sein, einer, der nicht nur jammert und klagt, wenn es ihm weh tut, wenn er irgend einen äußerlichen Schaden kommen sieht, sondern der sich fürchtet vor dem, was schlimmer ist als Alles, was uns weh tut und äußerlich schadet, vor dem Herunterkommen, vor dem Welt- und Böse- und Gottloswerden. Er muß der Welt Sünde tragen, unter der Welt Sünde leiden können, auch wenn er damit ganz allein stehen, auch wenn er damit nicht Dank, sondern Gleichgültigkeit und Undank ernten sollte.

Wachet und betet! Was heißt nun das? Wir können es in dem einzigen Ausdruck zusammenziehen: Seid bereit! Bereit für die |109 Stunde, wo Unheil, Not und Verderben über euch hereinbricht und hinter ihnen verborgen der Feind, der eure Seele zugrunde richten will. Jesus wußte wohl: wenn das Unheil sie so trifft, wie sie jetzt sind, dann sind sie verloren, dann werden sie wehrlos der Versuchung erliegen, dann werden sie willenlos in die Schwachheit und Angst, ins Verleugnen und Ungläubigwerden hineingeraten. Wir können nicht in den guten Zeiten und Stunden harmlos, zufrieden, gedankenlos in den Tag hineinleben und dann, wenn die Not kommt und in der Not verborgen die Verführung zur Sünde, uns plötzlich bereitmachen, um sie zu überwinden. Wir müssen bereit sein für diesen Fall. Wir müssen gewacht und gebetet haben. Wir müssen innerlich gerüstet sein, daß wir nicht dem zum Opfer fallen, was schlimmer ist als die Not, der Sünde.

Vielleicht steht uns bevor, daß wir wegen unserer Überzeugung uns werden plagen und anschreien lassen müssen. Das ist schlimm. Aber schlimmer ist es, wenn wir uns das werden anfechten lassen, d. h. wenn wir nachgeben und in unserer wohlbegründeten Überzeugung irrewerden den Leuten zulieb. Wachet und betet! Wer das vermeiden will, der muß schon jetzt, wo man ihn noch in Ruhe läßt, über seine Sache nachdenken, sie sich so recht zu eigen machen, sie prüfen und erwägen nach allen Seiten. Wenn wir das nicht tun, solange es Zeit ist, fallen wir eben zusammen wie ein Kartenhaus im Moment, wo es zu spät ist, fest und sicher zu werden.

Vielleicht haben wir Feindschaft und Bosheit zu gewärtigen. Das ist schlimm. Aber schlimmer ist es, wenn wir uns dadurch verleiten lassen, selber feindselig und boshaft zu werden, Gemeinheit mit Gemeinheit zu vergelten. Wachet und betet! Wenn wir das vermeiden wollen, müssen wir jetzt, wo uns noch niemand etwas zuleide tut, uns üben in der Geduld und in der Liebe, uns so recht von der Liebe Gottes durchdringen lassen. Tun wir das nicht zu rechter Zeit, dann ists zu spät, wenn die schlechten Leute gegen uns herankommen. Wir sind dann eben ganz sicher schlecht unter den Schlechten. Was man nicht erworben hat, das hat man nicht.

110 Vielleicht wirst du irgendwo so recht erschüttert in deinem Vertrauen, das du zu einem Menschen hast. Das kann dir sehr leicht einmal geschehen, und das ist etwas Trauriges. Noch trauriger aber ist es, wenn wir uns nun durch eine solche Erfahrung innerlich vergiften, uns von dem betreffenden Menschen abspenstig machen lassen. Wenn das geschieht, verlaß dich darauf, dann war schon vorher etwas nicht in Ordnung. Du hast nicht gewacht und gebetet. Es war etwas Unaufrichtiges, Halbes in deinem Vertrauen, und nun hat dich bei der einen bösen Erfahrung der noch viel bösere Feind der Seele überwältigt.

Dir steht vielleicht ein langes schweres Kranksein bevor, Leiden und böse Geduldsproben warten auf dich. Gott behüte uns davor! Ja, aber Gott behüte uns noch viel mehr davor, daß wir in der Krankheit innerlich zusammenbrechen, daß wir böse, unzufriedene Patienten werden mit einem murrenden, keifenden Mund gegen Gott und die Menschen. Das ist das größere Übel! Du möchtest frei bleiben davon? Dann mußt du wachen und beten, dann mußt du zusehen, wie du jetzt, wo du gesund bist, kleine Geduldsproben, kleine Widrigkeiten erträgst. Übe dich beizeiten, Schweres zu ertragen! Versage dir vielleicht da und dort eine Annehmlichkeit aus dem einzigen Grunde, weil du tapfer werden möchtest gegen das Schlimme, das kommen kann. Tapfer werde beizeiten! Denn wenn du es jetzt nicht bist im Kleinen, wirst du es auch später nicht sein im Großen, verlaß dich drauf.

Und du mußt vielleicht in kurzer oder langer Zeit einen Menschen verlieren, an dem dein Herz hängt. Gott erhalte uns in Gnaden unsere Lieben; wir haben in der letzten Zeit einen Eindruck bekommen können, wie das ist, sie drangeben zu müssen; letzte Woche ist ein hoffnungsvoller Jüngling, die Stütze seiner Mutter, vorgestern ein liebes Kindlein, das vierte schon aus seiner Familie, das diesen Weg geht, gestern eine Gattin und Mutter von sechs unerzogenen2 Kindern weg ins Grab getragen worden. Aber was ist schlimmer als der Tod, der uns das Liebste nimmt? |111 Wenn die Angehörigen gleichgültig und oberflächlich weiterleben, als wäre nichts geschehen, oder wenn hoffnungsloses Klagen einzieht in einem Trauerhaus oder Groll und Verbitterung. Das Alles möchten wir vermeiden, nicht wahr? Ja, aber wir müssen es beizeiten vermeiden, müssen uns schon zu ihren Lebzeiten zu unseren Angehörigen so stellen, daß die Sünde in irgendeiner Form nicht Meister werden kann über uns, wenn sie nun, einem höheren Rufe folgend, Abschied nehmen von uns. Beizeiten! Wachet und betet!

O lieb, solang du lieben kannst,
o lieb, solang du lieben magst,
die Stunde kommt, die Stunde kommt,
wo du am Grabe stehst und klagst.3
Bereit sein, bevor die Stunde kommt.

Ich könnte noch lange fortfahren mit Aufzählen von solchen Fällen. «Bereit sein ist alles!»4 hat ein großer Dichter gesagt. Bereit sein ist wirklich Alles, es ist das große Geheimnis des Lebens, das Jesus da in seiner Forderung zusammengefaßt hat. Was heißt Wachen? Wachen heißt an die Gefahr denken, solange sie noch nicht da ist. Was heißt Beten? Beten heißt sich nach Gott ausstrecken, solange wir es können, solange er sich von uns finden läßt [vgl. Jes. 55,6]. Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallt, daß ihr nicht dem Bösen erliegt und schmerzlich beschämt eingestehen müßt: es war zu spät, ich hatte mich nicht vorgesehen, ich war auf einen solchen Fall nicht gefaßt, das Gute war zu schwach in mir.

112 Doch wir wenden uns zurück zu Jesus. Wir verstehen seine Mahnung zum Bereitsein erst so ganz, wenn wir sehen, wie er selber nun wirklich bereit gewesen ist gegenüber der Gefahr der Gottesentfremdung, die im Leiden auch auf ihn, ja auf ihn vor Allem wartete. Das ist eben das Wunderbare bei Jesus, daß wir bei ihm das, was er geredet hat, immer verstehen können daraus, wie er gelebt und gehandelt hat. Das ist der große Unterschied zwischen Jesus und den Philosophen und Weisheitslehrern, zwischen Jesus und uns Pfarrern von heutzutage, zwischen Jesus und allen großen und kleinen Aposteln und Predigern. Bei all diesem Volk, das ja auch sein Gutes hat, findet man nicht, was man bei Jesus findet: die völlige lebendige Einheit von Wort und Leben.

Wie Jesus in Gethsemane selber gehandelt hat, das zeigen uns die beiden kleinen Gebete, die uns als etwas vom Größten und. Heiligsten im Neuen Testament in unserer Erzählung überliefert sind, zuerst betet er: Mein Vater, ists möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst! Wir verstehen: Jesu erster natürlicher Gedanke in seinem großen Leid ist der: könnte diese kommende Todesnot, die die Gefahr der Sünde, der Trennung von Gott für mich und so Viele in sich birgt, könnte sie nicht abgewendet werden, vorübergehend, wie ein drohendes Gewitter am Horizont sich verziehen kann? Und in diesem Gedanken betet er nun auch zu Gott. Wir dürfen zu Gott beten: bewahre mich vor dem Übel, vor Leid und Not und Elend und Tod. Wir sollen auch so zu Gott beten. Sehr oft kann es uns geschehen, daß wir durch solches Gebet das Licht und die Kraft bekommen, das Übel von uns abzuwenden. Gott will uns dann vor der Versuchung dadurch bewahren, daß er uns die Gelegenheit dazu erspart. Aber wir müssen wohl beachten: schon hier erklingt ein anderer Ton im Gebet Jesu: über dem, was er selber wünscht und ersehnt, steht ihm etwas Anderes: der Wille Gottes: Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Du! Jesus spricht ganz offen von dem, was er wünscht und hofft, aber von vornherein steht hoch über seinem Wünschen und Hoffen die Einsicht:

113Gott wills machen,
daß die Sachen
gehen, wie es heilsam ist.5
Jesus will nicht recht behalten mit seiner Furcht und seiner Hoffnung, er will, daß auf alle Fälle und wie es auch gehe, Gott recht behalte.

Seht, das heißt bereit sein, das heißt wachen und beten, wenn wir uns das so ganz klar machen, wie es dort Jesus getan hat: in dem, was das Leben mir jetzt bringt, vielleicht an Widrigem, Schwerem, Furchtbarem, in dem allen ist ganz sicher etwas von Gott verborgen. Und das, was von Gott darin verborgen ist, das muß zur Entfaltung und Erfüllung kommen. Bereitsein, das heißt seine Augen fest auf das richten, was Gott mit uns will durch die Umstände und Ereignisse unseres Lebens, seien sie welche sie wollen. Bereitsein heißt: von vornherein einsehen und zugeben: nicht wie ich will, sondern wie du willst. O wenn wir so denken, so beten könnten, dann wären wir zum vornherein gewappnet gegen alle Gefahr, die das Leben unserer Seele bringen kann. Wer so denken kann, bevor die Not da ist, in dem muß ja alles Kleinliche, Trotzige, Unverständige, alle Lüge und alles Unrecht nach und nach erstrickt werden: nicht wie ich will. Das Ich, diese Quelle aller Schwachheit, darf und soll da nicht mehr die Macht haben. Ja dann muß Gott mit seinen Gaben, mit seinem Frieden, mit seiner Kraft, seiner Weisheit es gewinnen: wie du willst! Gott nimmt die Stelle ein, die vorher unser liebes Ich eingenommen hatte. Wunderbarer Tausch! Nun mag die Not kommen. Ein Mensch, der so denkt, kann ihr nicht erliegen, er mag leiden, er mag Tränen vergießen, sein äußeres Glück mag in Trümmer gehen, aber fest und sicher lebt seine Seele, vorwärts wandelt sie, dem immer reineren Licht entgegen. So hat Jesus im schwersten Leid die Sünde überwunden, er hat im Tod dem Tod die Macht genommen [vgl. 2.Tim. 1,10]. Er war so rein von allem Kleinlichen, Falschen, so erfüllt von Gottes Leben, als die Not an ihn heran|114trat, daß aus der Niederlage, die er gefürchtet, der herrlichste Sieg wurde.

Das zweite Gebet in Gethsemane zeigt uns, wie er diesem Siege entgegen vorwärts geschritten ist: Mein Vater, ists nicht möglich, daß dieser Kelch von mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille! Nun ist er schon hinaus über das Fragen und Bitten: Muß es sein? Könnte es nicht anders sein? Nun weiß er nur noch das Eine:

Was mein Gott will, das will auch ich,
Sein Will, der ist der beste!6
Eine schwindelnd hohe Reife des Lebens ist das, wo man so zum Schwersten sagen kann: ich will es tragen! Wie es in einem alten Volkslied heißt:
Trotz Tod komm her,
ich fürcht dich nit!7
oder wie Paul Gerhardt gesungen hat:
Ich will gehen in Angst und Not,
Ich will gehen bis in den Tod,
Ich will gehen ins Grab hinein
Und doch allzeit fröhlich sein!8

Meine Freunde, das ist für uns, wenigstens wenn wir nicht ganz reife Christen sind, einfach zu hoch, da kommen wir nicht mehr |115 mit, und wir wollen uns um der Wahrhaftigkeit willen hüten, solche Worte und Gedanken ohne weiteres in den Mund zu nehmen, als wären es die unseren. Wir sind noch nicht so weit, um so denken und reden zu können. Aber sie zeigen uns die Richtung an, in der wir wandern und streben müssen. Sie zeigen uns das Ziel, wo wir hingelangen müssen: ein Leben, das von keinem Leid mehr gestört, das von keiner Not mehr gebrochen werden kann, ewiges Leben aus Gott und zu Gott hin in Freud und Leid, im höchsten Glück wie mitten in Tod und Verderben. Wir wollen dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren, Jesus zeigt uns den Weg dazu. Jesus versöhnt uns mit Gott, indem er uns diesen königlichen Weg zum Leben zeigt.

Aber noch sind wir erst unterwegs. Auch die Jünger Jesu waren erst unterwegs, die seine Mahnung gehört und sein Vorbild vor Augen gesehen haben. Alles schien umsonst zu sein, wenn wir ihr Verhalten mit dem Jesu vergleichen. Als die bittere Not nun hereinbrach, als Judas kam mit den Spießgesellen der Hohenpriester, da brachen sie wirklich zusammen, wie Jesus es geahnt hatte [Mt. 26,47–56]. «Da verließen ihn alle Jünger und flohen» [Mt. 26,56b], und Petrus, der Bekenner, verleugnete seinen Herrn [Mt. 26,69–75]. Entsetzliche Folgen des Mangels an Wachen und Beten. Wie oft sind wir so schmählich erlegen, zusammengebrochen, wenn der Augenblick kam, wo wir hätten Meister sein sollen über die Sünde! Die Jünger haben dann wieder aufstehen dürfen von ihrem Fall. Das Bild des Meisters, der gesiegt hatte, gab auch ihnen später die Kraft, an den Sieg zu glauben und Siege zu erringen, nach und nach, Schritt für Schritt. Sie haben gelernt, bereit zu sein. Wohl uns, wenn wir das auch lernen. Wir dürfen es lernen. Und wir werden es lernen, wenn Jesus uns wie ihnen zum lebendigen Herrn und Heiland wird.

Amen.

Sachfußnoten

1
Lied 263 (EKG 292): «In allen meinen Taten …» von P. Fleming (1609–1640), Strophe 3. 🎵↩
2
D. h. klein, noch nicht grossgezogen.↩
3
Anfang des 1830 entstandenen, zuerst im Morgenblatt 1841, Nr. 271, veröffentlichten Gedichtes von F. Freiligrath (1810–1876). In: F. Freiligrath, Gesammelte Werke in 6 Bänden, hrsg. von J. Schwering, Berlin/Leipzig/Wien/ Stuttgart 1909, Bd. 1, S. 184 📖.↩
4
Das Zitat aus W. Shakespeare, Hamlet V, 2 («The readiness is all») 📖 wurde im Vorkriegsdeutschland zum geflügelten Wort, das die politische Stimmung deutlich spiegelt.↩
5
Anfang des Liedes 271 von J. D. Herrnschmidt (1647–1723). 🎵↩
6
Vers 1 des Liedes 261 (EKG 280) von Albrecht Herzog von Preußen (1490–1568) 🎵 beginnt mit den Zeilen:
Was mein Gott will, das g’scheh allzeit,
Sein Will, der ist der beste.
In Lied 63, «Durch Trauern und durch Plagen», von G. W. Sacer (1635–1699), Strophe 3, 🎵 heißt es:
Mein Gott und meine Liebe,
Was du willst, will auch ich.
↩
7
Anfang der letzten Strophe aus «Es ist ein Schnitter, heißt der Tod», 1638 zuerst überliefert (Dichter unbekannt) 🎵.↩
8
Vers 15 des Liedes «Auf den Nebel folgt die Sonn …» von P. Gerhardt (1607–1676). 🎵↩