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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 26,30-46</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 26,30-46, 1. März 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5012 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 101–115.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 26,30-46</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 101-115</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 208</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 26,30-46, 1. März 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1650">KBA 1186</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-03-01">1. März 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <idno>208</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-03-01">1. März 1914</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.30 Mt.26.46">Matthäus 26,30–46</ref>
            </cit>
          </epigraph>
          <argument>
            <ab>
              <hi rend="italic">
                                <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName></hi>
            </ab>
          </argument>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>In <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> sehen wir Jesus in Erwartung der kommenden Todesnot. In Erwartung! Sie
               ist noch nicht da. Noch liegt der Friede einer milden Frühlingsnacht über dem Garten,
               den er mit seinen Jüngern aufgesucht. Noch mischt sich nur das Rauschen der alten
               Ölbäume in die Seufzer, durch die er einsam mit Gott redet. Das Unheil ist noch nicht
               da. Aber wundert es uns, daß wir ihn innerlich schon mitten in der Not drin sehen?
               Ist nicht auch in unserem Leben die Erwartung von etwas Schwerem ebenso schlimm, wenn
               nicht schlimmer als der gefürchtete Augenblick selber? Leiden wir nicht dann am
               schwersten, wenn wir innerlich überwältigt zu Boden gedrückt werden von der Frage:
               Was wird es nun geben? Wie soll es nun gehen? Was wird noch alles kommen? Ist nicht
               ein großer Teil des Leides überwunden, durchgekämpft, wenn wir einmal die Erwartung
               des Leides hinter uns haben? Wir stehen am Sterbebett eines lieben Menschen. Lange,
               lange zieht der Kampf um Leben und Tod sich hin. Wie von Bleigewichten sind wir
               niedergedrückt durch die entsetzliche un<pb xml:id="p102" ed="pga" break="no"/>leugbare Tatsache: Es wendet sich zum Schlimmen, es geht dem Ende zu. Und nun kommt
               der letzte Augenblick: der Puls stockt, und die Augen brechen, und der Atem steht
               langsam still, und mit ganzer Gewalt senkt sich nun der Schmerz, das bittere Weh
               hernieder in unsere Seele. Und doch: Ist dieses Weh nicht fast eine Erlösung, eine
               Befreiung nach dem, was vorangegangen ist? Sicher ist, daß das Leid, das noch nicht
               da ist, das wir aber unaufhaltsam kommen sehen, nicht leichter [ist] als das Leid,
               das nun wirklich da ist. Und oft haben wir das Bitterste schon getragen und
               überwunden, indem wir es erwartet haben.</p>
        <p>So sehen wir Jesus in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> in Erwartung der kommenden Not und doch schon mitten
               drin. Mit ganzer Macht liegt auf seiner Seele die Erkenntnis: es ist nun Alles reif
               und bereit zu meinem Verderben. Er weiß, daß er durch sein Tun und Lassen seine
               Feinde gereizt hat bis zum Äußersten. Er weiß, daß sie nun auch zum Schlimmsten
               entschlossen sind. Er weiß, daß die Verhältnisse ihnen günstig sind, daß sein
               Untergang in ihrer Macht steht. Er weiß weiter, daß sie in dem Verräter <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> das
               Werkzeug bereits in der Hand haben, daß ihre Hand bereits zum Schlage gegen ihn
               erhoben ist. Und auf der anderen Seite kann er nichts tun, um diesem Schlage
               auszuweichen: er kann sich ihm weder durch die Flucht entziehen, noch sich gewaltsam
               dagegen zur Wehr setzen: Beides wäre ein Verrat an seiner eigenen Sache, Beides ist
               für ihn, wenn nicht äußerlich so doch innerlich, völlig ausgeschlossen.</p>
        <p>Also die Not, die Todesnot, das Verderben kommt. Dazu das Bewußtsein: sie kommt viel
               zu früh. Jesus ist ja kaum etwas mehr als dreißig Jahre alt. Sein Werk ist ja kaum
               recht angefangen, geschweige denn vollendet. Was er bis jetzt geleistet, war ein
               Ansatz, ein Anlauf, nicht mehr. Das Häuflein von Jüngern, das er sich gesammelt, war
               doch kein Erfolg zu nennen. <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, Israel, die Welt wartete erst seiner Aussaat.
               Und nun so früh das Ende. Nun sollen alle Hoffnungen untergehen in einer giftigen
               Dunstwolke von Mißverständnis, Zorn und Torheit. Nun sollte alles Begonnene, die paar
               schwachen keimenden Pflänzlein zu
               <pb xml:id="p103" ed="pga"/>
                Boden getreten, ausgerottet werden. Nichts würde übrig bleiben als vielleicht die
               Erinnerung an einen guten Mann, der es herzlich gut gemeint, der aber an seinem
               Mangel an Erfahrung und Weltkenntnis zugrunde gegangen sei. Die Einen würden
               schadenfroh lachen und sagen: es geschah ihm Recht, er hat uns geschadet, und wir
               waren die Stärkeren. Die Anderen würden gescheit lächeln und sagen: so geht es eben
               einem Schwärmer, es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die
               Dritten würden sich mit Bedauern, vielleicht mit einem stillen Seufzer von seinem
               Grabe abwenden und sagen: Schade um ihn, aber wir leben eben in einer bösen Welt!
               Solche Redensarten würden übrig bleiben von ihm — von ihm, der den Menschen Gott
               bringen, der die Menschen erst wahrhaft zu Menschen machen, die Kräfte der Ewigkeit
               in ihrem Erdenleben lebendig machen wollte. Nichts übrig von ihm als das, und für ihn
               selber ein Verbrechertod!</p>
        <p>Diese Aussicht war die Not, unter der Jesus in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> gelitten. Erst eine
               Aussicht war es und doch für seine Seele so schwer und bitter wie das, was am Tage
               darauf sich ereignet hat. Unendlich viel von den Leiden, die die Menschen, die auch
               wir zu tragen haben, ist Leiden in der Erwartung, Leiden unter dem, was kommen,
               sicher kommen wird. Krankheit, Not, Feindschaft, Einsamkeit, Verlassenheit, sich
               nicht Verstehen, Sterben, und wie die Übel des Lebens alle heißen, sie werfen ihre
               Schatten weit voraus. Das Bitterste an ihnen ist immer ihr Vorgeschmack, ihre Ahnung,
               die Aussicht darauf. Wie stehen wir, wie stellen wir uns, wenn diese Schatten auf
               unser Leben fallen? Das ist die Frage, die wir uns heute vorlegen wollen. Jesus hat
               seine bittere Not so getragen, daß sie zu einem Sieg, zu einer Kraft wurde, zu einer
               Kraft, die wir noch heute spüren können, wenn wir sein Bild zu uns reden lassen. Tief
               läßt er uns hineinsehen in das Leid, das einem Menschen beschieden sein kann, aber
               dann spüren wir auch wiederum, wie Versöhnung, Frieden, Licht ausgeht von ihm, weil
               wir dort einen sehen, der das Leid anders als wir gewöhnlich, auf eine göttliche
               große Weise aufgenommen und verarbeitet hat.</p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p104" ed="pga"/> Das erste, was uns in der <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName>-Geschichte auffallen muß, ist, daß Jesus seine
               Not keineswegs in erster Linie als seine persönliche private Not betrachtet und
               behandelt. Es liegt ihm Alles daran, die ihn begleitenden <hi rend="italic">Jünger zu
                  beteiligen</hi>, hineinzuziehen in seine Gedanken. Mit einer ganz auffallenden
               Beflissenheit und Betonung fordert er sie immer wieder auf: wachet mit mir! könnt ihr
               denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet! Ach, wollt ihr nun schlafen
               und ruhen? Wie kommt es wohl, daß Jesus daran so viel gelegen war? Es war doch seine
               persönliche Sache, könnte man denken — oder wenn es ja freilich in gewissem Sinn auch
               die Sache der Jünger war, um die es sich handelte, was wollte er damit, daß er ihnen
               den Schlaf nicht gönnte, warum wollte er sie absolut mit beunruhigt und aufgeregt
               wissen? Das Unheil kam ja doch, ob sie wachten oder schliefen. Ja freilich, das
               Unheil kam ja doch.</p>
        <p>Aber da müssen wir nun gleich etwas tiefer nachdenken über das Unheil, das Jesus
               drohte. Wäre es bloß die <hi rend="italic">Todesnot</hi>, die Gefahr für Leib und Leben
               gewesen, vor der Jesus dort bangte, ich glaube, er hätte nicht nur seine Jünger ganz
               getrost die Ruhe des Schlafes aufsuchen lassen, sondern er hätte sie gewiß dort sogar
               selber aufgesucht. Er kannte doch das Wort jenes Frommen aus dem alten Bund: Ich
               liege und schlafe ganz im Frieden, denn du allein, Herr, hilfst mir, daß ich sicher
               wohne [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.4.9">Ps. 4,9</ref>]. Er hat ja auch
               wirklich einmal, als die Gefahr für Leib und Leben gewaltig groß war, ruhig
               geschlafen, dort auf dem <placeName ref="kbga-places-947">See Genezareth</placeName>, als das Schifflein im Sturm unterzugehen
               drohte [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.8.23 Mt.8.27">Mt. 8,23–27</ref>].
               Vor solchen Gefahren und Nöten ist Jesus nie erschrocken, vor ihnen fühlte er sich
               geborgen mit der schlichten selbstverständlichen Natürlichkeit des Kindes, das weiß:
               der Vater ist bei mir. Wenns also bloß das gewesen wäre in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName>, die Furcht:
               man könnte uns vielleicht etwas zuleide tun, ich glaube, dann hätte Jesus wiederum
               die Furcht den Jüngern überlassen, und er wäre wie damals in ihrer Mitte der
               friedlich Schlummernde gewesen, völlig beruhigt in dem Gedanken: </p>
        
        <q rend="block">
          <lg>
            <l xml:space="preserve"><pb rend="noPipe" xml:id="p105" ed="pga"/> Es kann mir nichts geschehen,</l>
            <l xml:space="preserve">als was er hat ersehen</l>
            <l xml:space="preserve">und was mir selig ist!<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-songs-18" type="song">Lied 263 (EKG 292): «In allen meinen Taten …» von <persName ref="kbga-actors-1354"><choice><sic ed="pga">P. Flemming</sic><corr resp="ak" type="misprint">P. Fleming</corr></choice></persName> (1609–1640), Strophe 3.</bibl></note></l>
          </lg>
        </q>
        <p>Nun wars umgekehrt: die Jünger ahnten nichts von einer äußeren Gefahr. Sie
               hatten die Worte Jesu beim Abendmahl von seinem Leiden und Sterben bildlich genommen,
               jedenfalls nicht ernsthaft, auf jeden Fall glaubten sie nicht an etwas unmittelbar
               Bevorstehendes. Und so waren nun diesmal <hi rend="italic">sie</hi> ganz ruhig. Es eilt
               nicht, dachten sie, man wird dann sehen, es wird sich ja dann Alles zeigen, vorläufig
               kann man schon noch ein wenig schlafen. Jesus sah weiter, sah tiefer als sie. Wir
               wissen nicht sicher, ob er das Hereinbrechen des Unheils schon unmittelbar für jene
               Nacht erwartet hat. Das ist auch ganz gleichgültig. Das, wovor Jesus bangte, war ja
               nicht das Unheil, das in seiner Gefangennahme, seinem Leiden und Sterben bestand,
               sondern die ungeheuere <hi rend="italic">Gefahr für seine und seiner Jünger und
                  schließlich aller Menschen Seele</hi>, die in jenem äußeren Unheil verborgen
               lauerte. Ihm bangte nicht um sein leibliches Leben, ihm bangte um sein und der
               Seinigen und aller Menschen Leben in Gott. Wird es mir nicht zu schwer, zu bitter
               sein, was jetzt kommt, dieser offene Triumph der Lüge und des Unrechts, diese
               Zertrümmerung eines angefangenen guten Werkes, diese jämmerliche Offenbarung der
               menschlichen Niedrigkeit und Verderbtheit? Werde ich weiter tun mögen und tun können,
               was ich bisher getan habe: Gott lieben und ihm vertrauen aus ganzem Herzen, wenn das
               nun geschieht, wenn die es gewinnen, die es so schlecht oder so töricht meinen, wenn
               ich unter Spott und Schande mein Leben lassen muß? Werde ich da nicht unterliegen und
               schwach werden? Werde ich nicht wie all die Anderen Gott den Rücken kehren, innerlich
               in Nacht und Verzweiflung versinken? Wird nicht auch [in] mir das Menschliche
               überhandnehmen, die klägliche Angst, die Sehnsucht, um keinen Preis leiden zu müssen,
               oder der Haß und die Rachsucht gegen<pb xml:id="p106" ed="pga" break="no"/>über den Feinden, 
               die mir solches antun? Wird das, was da kommt, mich nicht scheiden
               müssen von der Liebe Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.35">Röm. 8,35</ref>]? 
               Jesus zitterte um seine Seele, nicht weniger als Alles stand
               für ihn auf dem Spiel. Sollte Gott ihm geraubt werden, das Eins und Alles, in dem und
               für das er gelebt hatte?</p>
        <p>Aber Jesus dachte nie bloß an sich selber, weder in der Freude noch im Leid. Er war
               himmelhoch erhaben über jene Art, die nur die Frage kennt: Werde ich wohl selig?
               Unmittelbar verbunden mit seinem eigenen Seelenleid ist das Leid um die Seelen der
               Anderen; ja wenn wir diese Geschichte aufmerksam betrachten, sehen wir das
               Wunderbare, Einzigartige, wie in seiner Seele der Gedanke an sich selbst und der an
               die Brüder völlig eins geworden ist. Er weiß und kennt im Grunde nur eins, das Leben
               in Gott, das aller Menschen gemeinsame Sache ist. Für diese gemeinsame Sache zittert
               er. Was wird aus den armen Leuten werden, in denen er mit Mühe und Not einen kleinen
               Anfang von Liebe und Vertrauen zu Gott und den Brüdern gepflanzt hatte? Werden sie
               diese entsetzliche Enttäuschung überstehen? Wird nicht das Prophetenwort an ihnen in
               Erfüllung gehen: ich will den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich
               zerstreuen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Sach.13.7">Sach. 13,7</ref>]! 
               Jesus sieht voraus, wie der raschbereite Bekenner <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> ebenso rasch zum
               Verleugnen bereit sein wird, wenn einmal sein froher eifriger Mut diese Enttäuschung
               hat erleben müssen. Er sieht voraus, wie die leidenschaftlichen Söhne des <persName ref="kbga-actors-6559">Zebedäus</persName> in
               gottlosem Groll und Trotz sich zu verzweifelten Gedanken und Taten werden hinreißen
               lassen. Er sieht den <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> zurückkehren zu seinem lieben Geld, die <persName ref="kbga-actors-3702">Maria Magdalena</persName>
               zu ihrem sündigen Leben und Alle, Alle in ihr altes Wesen. Gott hat es verloren bei
               ihnen Allen! Sie werden wieder, was sie vormals waren. O, dieser Gedanke war für ihn
               schmerzlicher als Tod und Todesnot. Und was wird erst aus den Anderen allen werden,
               aus dem törichten, verblendeten Volk und aus seinen noch törichteren und
               verblendeteren Leitern, aus den Menschen allen, allen samt den zukünftigen, noch
               ungeborenen Geschlechtern, denen er Gott hatte zeigen und bringen wollen? Große Not!
               Große entsetzliche
               <pb xml:id="p107" ed="pga"/>
                Gefahr! Gott verliert es bei ihnen allen. Wir alle, alle werden wieder geschieden
               von der Liebe Gottes, von der wir eben leise berührt und ergriffen zu sein meinten.
               Gott in den Menschen ist in Gefahr, das war das große Leid, von dem Jesus durchbebt
               war.</p>
        <p>Und das ist dann auch das eine große wirkliche Leid, das über Menschen hereinbrechen
               kann, das Leid, das in der Gefahr besteht, daß wir Gott verlieren, daß wir versinken
               in Trotz und Haß, in Leichtsinn und Gemeinheit. Dieses Leid müssen wir als das
               wirkliche Leid kennenlernen. Wir regen uns so oft unnütz auf über Dinge, die uns
               höchstens äußerlich Schaden tun können, die es nicht wert sind, daß wir ihnen so viel
               Zeit und Betrachtung widmen. Wir nehmen es aber viel zu leicht und harmlos mit dem,
               was die eigentliche Not ist in der Not, mit der Not der Seele. Wir sagen: das und das
               macht mich traurig, ist mein Elend, ist mir ein entsetzlicher Schicksalsschlag,
               denken aber zu wenig daran, daß äußere Umstände und Ereignisse, mögen sie noch so
               schlimm für uns sein, geringfügig sind neben dem Unheil, das angerichtet wird
               dadurch, daß wir uns durch unglückliche Umstände und Ereignisse aufhalten,
               herunterreißen, ja zerstören lassen innerlich in unserem Besten und Heiligsten. Jesus
               hat einmal das bedeutungsvolle Wort ausgesprochen: Fürchtet euch nicht vor denen, die
               den Leib töten! Fürchtet euch aber vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der
               Hölle [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.28">Mt. 10,28</ref>]! Dieses
               Wort hätte in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> gesprochen sein können. Was Jesus dort sagte: <hi rend="italic">Wachet und betet, auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet!</hi> weist uns ganz in
               die gleiche Richtung. Daß seine Jünger in Anfechtung fallen, daß sie der lauernden
               Gefahr der Gottentfremdung im Augenblick der Not zum Opfer werden, daß durch das
               hereinbrechende Unheil ihre Seele verlorengehen möchte, <hi rend="italic">das</hi>
               fürchtet Jesus, <hi rend="italic">darüber</hi> trauert und zagt er, <hi rend="italic">darüber</hi> ist seine Seele betrübt bis zum Tod, wie wir in unserer Erzählung
               lesen. Was wollte Jesus mit der Aufforderung: <hi rend="italic">Wachet und betet!</hi>?
               Wahrhaftig, es war nicht das Bedürfnis, Gesellschaft zu haben, nicht allein zu sein,
               das Jesus so reden, fast flehentlich so reden ließ. Ihr wißt, daß Fieberkranke fast
               immer den Wunsch haben, beständig jemand um sich zu sehen.
               <pb xml:id="p108" ed="pga"/>
                Aber das war es nicht bei Jesus. Freilich tat es ihm bis ins Herz heinein weh, so
               einsam sein zu müssen mit seinem bitteren Leid, während die Anderen ruhig schliefen
               und immer wieder schliefen. Aber nicht sich selber bedauerte er bei dieser
               Einsamkeit, er stand doch wenigstens im Kampf und Ringen, im Beten und Flehen: Mein
               Gott, verlaß mich nicht! Aber die Anderen da, die so gemütlich schliefen, um sie
               zitterte er! Wie sollten sie bestehen, wie sollten sie der entsetzlichen Gefahr der
               Sünde und Schuld entgehen, wenn die Not einmal wirklich eintrat, und jetzt verloren
               sie die kostbare Zeit mit Schlafen!</p>
        <p>Seht, da kommen wir zu einer anderen Seite im Leiden Jesu, zu einer Seite, die
               freilich im Leben aller wahren Gottesmenschen vorkommt. Sie sehen die ungeheure
               Gefahr, von der sie selbst und die Anderen bedroht sind — aber sie allein sehen sie
               und leiden darunter, rings umher ist Alles ganz ruhig und zufrieden, meint Alles: es
               fehlt ja nichts, es ist ja Alles in Ordnung. Ringsum schläft Alles. Einsam steht der
               Gottesmensch, und doppelt muß er leiden: unter dem, was er kommen sieht, und
               darunter, daß nur er es sieht, daß er sich von den Anderen, den Unwissenden,
               Harmlosen, Oberflächlichen muß belächeln und verachten, vielleicht anfeinden lassen.
               Warum bist du so aufgeregt? Warum bist du nicht zufrieden wie wir auch? Warum sagst
               du uns so unangenehme Dinge? Komm doch und schlafe mit uns! Siehe, das ist Gottes
               Lamm, welches der Welt Sünde trägt [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.29">Joh. 1,29</ref>]! 
               Wer Jesu Sinn und Geist hat, der muß ein wacher Mensch sein,
               einer, der nicht nur jammert und klagt, wenn es ihm weh tut, wenn er irgend einen
               äußerlichen Schaden kommen sieht, sondern der sich fürchtet vor dem, was schlimmer
               ist als Alles, was uns weh tut und äußerlich schadet, vor dem Herunterkommen, vor dem
               Welt- und Böse- und Gottloswerden. Er muß der Welt Sünde tragen, unter der Welt Sünde
               leiden können, auch wenn er damit ganz allein stehen, auch wenn er damit nicht Dank,
               sondern Gleichgültigkeit und Undank ernten sollte.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Wachet und betet!</hi> Was heißt nun das? Wir können es in dem einzigen
               Ausdruck zusammenziehen: Seid bereit! Bereit für die
               <pb xml:id="p109" ed="pga"/>
                Stunde, wo Unheil, Not und Verderben über euch hereinbricht und hinter ihnen
               verborgen der Feind, der eure Seele zugrunde richten will. Jesus wußte wohl: wenn das
               Unheil sie so trifft, wie sie jetzt sind, dann sind sie verloren, dann werden sie
               wehrlos der Versuchung erliegen, dann werden sie willenlos in die Schwachheit und
               Angst, ins Verleugnen und Ungläubigwerden hineingeraten. Wir können nicht in den
               guten Zeiten und Stunden harmlos, zufrieden, gedankenlos in den Tag hineinleben und
               dann, wenn die Not kommt und in der Not verborgen die Verführung zur Sünde, uns
               plötzlich bereitmachen, um sie zu überwinden. Wir müssen bereit <hi rend="italic">sein</hi> für diesen Fall. Wir müssen gewacht und gebetet haben. Wir müssen
               innerlich gerüstet sein, daß wir nicht dem zum Opfer fallen, was schlimmer ist als
               die Not, der Sünde.</p>
        <p>Vielleicht steht uns bevor, daß wir wegen unserer Überzeugung uns werden plagen und
               anschreien lassen müssen. Das ist schlimm. Aber schlimmer ist es, wenn wir uns das
               werden anfechten lassen, d. h. wenn wir nachgeben und in unserer wohlbegründeten
               Überzeugung irrewerden den Leuten zulieb. Wachet und betet! Wer das vermeiden will,
               der muß schon jetzt, wo man ihn noch in Ruhe läßt, über seine Sache nachdenken, sie
               sich so recht zu eigen machen, sie prüfen und erwägen nach allen Seiten. Wenn wir das
               nicht tun, solange es Zeit ist, fallen wir eben zusammen wie ein Kartenhaus im
               Moment, wo es zu spät ist, fest und sicher zu werden.</p>
        <p>Vielleicht haben wir Feindschaft und Bosheit zu gewärtigen. Das ist schlimm. Aber
               schlimmer ist es, wenn wir uns dadurch verleiten lassen, selber feindselig und
               boshaft zu werden, Gemeinheit mit Gemeinheit zu vergelten. Wachet und betet! Wenn wir
               das vermeiden wollen, müssen wir jetzt, wo uns noch niemand etwas zuleide tut, uns
               üben in der Geduld und in der Liebe, uns so recht von der Liebe Gottes durchdringen
               lassen. Tun wir das nicht zu rechter Zeit, dann ists zu spät, wenn die schlechten
               Leute gegen uns herankommen. Wir sind dann eben ganz sicher schlecht unter den
               Schlechten. Was man nicht erworben hat, das hat man nicht.</p>
       
        <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p110" ed="pga"/> Vielleicht wirst du irgendwo so recht erschüttert in deinem Vertrauen, das du zu
               einem Menschen hast. Das kann dir sehr leicht einmal geschehen, und das ist etwas
               Trauriges. Noch trauriger aber ist es, wenn wir uns nun durch eine solche Erfahrung
               innerlich vergiften, uns von dem betreffenden Menschen abspenstig machen lassen. Wenn
               das geschieht, verlaß dich darauf, dann war schon vorher etwas nicht in Ordnung. Du
               hast nicht gewacht und gebetet. Es war etwas Unaufrichtiges, Halbes in deinem
               Vertrauen, und nun hat dich bei der einen bösen Erfahrung der noch viel bösere Feind
               der Seele überwältigt.</p>
        <p>Dir steht vielleicht ein langes schweres Kranksein bevor, Leiden und böse
               Geduldsproben warten auf dich. Gott behüte uns davor! Ja, aber Gott behüte uns noch
               viel mehr davor, daß wir in der Krankheit innerlich zusammenbrechen, daß wir böse,
               unzufriedene Patienten werden mit einem murrenden, keifenden Mund gegen Gott und die
               Menschen. Das ist das größere Übel! Du möchtest frei bleiben davon? Dann mußt du
               wachen und beten, dann mußt du zusehen, wie du jetzt, wo du gesund bist, <hi rend="italic">kleine</hi> Geduldsproben, kleine Widrigkeiten erträgst. Übe dich beizeiten,
               Schweres zu ertragen! Versage dir vielleicht da und dort eine Annehmlichkeit aus dem
               einzigen Grunde, weil du tapfer werden möchtest gegen das Schlimme, das kommen kann.
               Tapfer werde beizeiten! Denn wenn du es jetzt nicht bist im Kleinen, wirst du es auch
               später nicht sein im Großen, verlaß dich drauf.</p>
        <p>Und du mußt vielleicht in kurzer oder langer Zeit einen Menschen verlieren, an dem
               dein Herz hängt. Gott erhalte uns in Gnaden unsere Lieben; wir haben in der letzten
               Zeit einen Eindruck bekommen können, wie das ist, sie drangeben zu müssen; letzte
               Woche ist ein hoffnungsvoller Jüngling, die Stütze seiner Mutter, vorgestern ein
               liebes Kindlein, das vierte schon aus seiner Familie, das diesen Weg geht, gestern
               eine Gattin und Mutter von sechs unerzogenen<note xml:id="n02">D. h. klein, noch nicht
                  grossgezogen.</note> Kindern weg ins Grab getragen worden. Aber was ist schlimmer
               als der Tod, der uns das Liebste nimmt?
               <pb xml:id="p111" ed="pga"/>
                Wenn die Angehörigen gleichgültig und oberflächlich weiterleben, als wäre nichts
               geschehen, oder wenn hoffnungsloses Klagen einzieht in einem Trauerhaus oder Groll
               und Verbitterung. Das Alles möchten wir vermeiden, nicht wahr? Ja, aber wir müssen es
               beizeiten vermeiden, müssen uns schon zu ihren Lebzeiten zu unseren Angehörigen so
               stellen, daß die Sünde in irgendeiner Form nicht Meister werden kann über uns, wenn
               sie nun, einem höheren Rufe folgend, Abschied nehmen von uns. Beizeiten! Wachet und
               betet! <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">O lieb, solang du lieben 
                 kannst,</l>
                                <l xml:space="preserve">o lieb, solang du lieben magst,</l>
                                <l xml:space="preserve">die 
                   Stunde kommt, die Stunde kommt,</l>
                                <l xml:space="preserve">wo du am Grabe stehst und 
                  klagst.<note xml:id="n03">Anfang des <date when="1830">1830</date> entstandenen, 
                    zuerst im Morgenblatt <date when="1841">1841</date>, Nr. 271, veröffentlichten 
                    Gedichtes von <persName ref="kbga-actors-1358">F. Freiligrath</persName> (1810–1876). In: <bibl corresp="kbga-bibls-1540"><persName ref="kbga-actors-1358">F. Freiligrath</persName>, <hi rend="italic">Gesammelte Werke in 6 Bänden</hi>, hrsg. von J. Schwering, Berlin/Leipzig/Wien/ Stuttgart 1909, Bd. 1, S. 184</bibl>.</note></l>
                            </lg>
                        </q> Bereit sein, bevor die Stunde kommt.</p>
        <p>Ich könnte noch lange fortfahren mit Aufzählen von solchen Fällen. «Bereit sein ist
                  alles!»<note xml:id="n04">Das Zitat aus <bibl corresp="kbga-bibls-1541">
                                <persName ref="kbga-actors-382">W. Shakespeare</persName>, <hi rend="italic">Hamlet</hi> V, 2
                  («The readiness is all»)</bibl> wurde im Vorkriegsdeutschland zum geflügelten Wort, das
                  die politische Stimmung deutlich spiegelt.</note> hat ein großer Dichter gesagt.
               Bereit sein <hi rend="italic">ist</hi> wirklich Alles, es ist das große Geheimnis des
               Lebens, das Jesus da in seiner Forderung zusammengefaßt hat. Was heißt <hi rend="italic">Wachen?</hi> Wachen heißt an die Gefahr denken, solange sie noch nicht da ist.
               Was heißt <hi rend="italic">Beten?</hi> Beten heißt sich nach Gott ausstrecken, solange
               wir es können, solange er sich von uns finden läßt [vgl. 
               <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.55.6">Jes. 55,6</ref>]. Wachet und betet, daß ihr
               nicht in Anfechtung fallt, daß ihr nicht dem Bösen erliegt und schmerzlich beschämt
               eingestehen müßt: es war zu spät, ich hatte mich nicht vorgesehen, ich war auf einen
               solchen Fall nicht gefaßt, das Gute war zu schwach in mir. </p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p112" ed="pga"/> Doch wir wenden uns zurück zu Jesus. Wir verstehen seine Mahnung zum Bereitsein erst
               so ganz, wenn wir sehen, wie er selber nun wirklich bereit gewesen ist gegenüber der
               Gefahr der Gottesentfremdung, die im Leiden auch auf ihn, ja auf ihn vor Allem
               wartete. Das ist eben das Wunderbare bei Jesus, daß wir bei ihm das, was er geredet
               hat, immer verstehen können daraus, wie er gelebt und gehandelt hat. Das ist der
               große Unterschied zwischen Jesus und den Philosophen und Weisheitslehrern, zwischen
               Jesus und uns Pfarrern von heutzutage, zwischen Jesus und allen großen und kleinen
               Aposteln und Predigern. Bei all diesem Volk, das ja auch sein Gutes hat, findet man
               nicht, was man bei Jesus findet: die völlige lebendige Einheit von Wort und
               Leben.</p>
        <p>Wie Jesus in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> selber gehandelt hat, das zeigen uns die beiden kleinen
               Gebete, die uns als etwas vom Größten und. Heiligsten im Neuen Testament in unserer
               Erzählung überliefert sind, zuerst betet er: <hi rend="italic">Mein Vater, ists möglich,
                  so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!</hi>
               Wir verstehen: Jesu erster natürlicher Gedanke in seinem großen Leid ist der: könnte
               diese kommende Todesnot, die die Gefahr der Sünde, der Trennung von Gott für mich und
               so Viele in sich birgt, könnte sie nicht abgewendet werden, vorübergehend, wie ein
               drohendes Gewitter am Horizont sich verziehen kann? Und in diesem Gedanken betet er
               nun auch zu Gott. Wir <hi rend="italic">dürfen</hi> zu Gott beten: bewahre mich vor dem
               Übel, vor Leid und Not und Elend und Tod. Wir <hi rend="italic">sollen</hi> auch so zu
               Gott beten. Sehr oft kann es uns geschehen, daß wir durch solches Gebet das Licht und
               die Kraft bekommen, das Übel von uns abzuwenden. Gott will uns dann vor der
               Versuchung dadurch bewahren, daß er uns die Gelegenheit dazu erspart. Aber wir müssen
               wohl beachten: schon hier erklingt ein anderer Ton im Gebet Jesu: über dem, was er
               selber wünscht und ersehnt, steht ihm etwas Anderes: der Wille Gottes: Nicht wie ich
               will, sondern wie du willst. Du! Jesus spricht ganz offen von dem, was er wünscht und
               hofft, aber von vornherein steht hoch über seinem Wünschen und Hoffen die Einsicht:
               
               <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve"><pb rend="noPipe" xml:id="p113" ed="pga"/>Gott wills machen,</l>
                                <l xml:space="preserve">daß die Sachen</l>
                                <l xml:space="preserve">gehen, wie es heilsam ist.<note xml:id="n05"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-226">Anfang des Liedes 271 von <persName ref="kbga-actors-1370">J. D. Herrnschmidt</persName> (1647–<choice><sic ed="pga">1699</sic><corr type="misprint">1723</corr></choice>).</bibl></note></l>
                            </lg>
                        </q> Jesus will nicht recht behalten mit seiner Furcht und seiner Hoffnung, er will,
               daß auf alle Fälle und wie es auch gehe, Gott recht behalte.</p>
        <p>Seht, das heißt bereit sein, das heißt wachen und beten, wenn wir uns das so ganz
               klar machen, wie es dort Jesus getan hat: in dem, was das Leben mir jetzt bringt,
               vielleicht an Widrigem, Schwerem, Furchtbarem, in dem allen ist ganz sicher etwas von
               Gott verborgen. Und das, was von Gott darin verborgen ist, das muß zur Entfaltung und
               Erfüllung kommen. Bereitsein, das heißt seine Augen fest auf das richten, was Gott
               mit uns will durch die Umstände und Ereignisse unseres Lebens, seien sie welche sie
               wollen. Bereitsein heißt: von vornherein einsehen und zugeben: nicht wie ich will,
               sondern wie du willst. O wenn wir so denken, so beten könnten, dann wären wir zum
               vornherein gewappnet gegen alle Gefahr, die das Leben unserer Seele bringen kann. Wer
               so denken kann, bevor die Not da ist, in dem <hi rend="italic">muß</hi> ja alles
               Kleinliche, Trotzige, Unverständige, alle Lüge und alles Unrecht nach und nach
               erstrickt werden: nicht wie ich will. Das Ich, diese Quelle aller Schwachheit, darf
               und soll da nicht mehr die Macht haben. Ja dann <hi rend="italic">muß</hi> Gott mit seinen
               Gaben, mit seinem Frieden, mit seiner Kraft, seiner Weisheit es gewinnen: wie du
               willst! Gott nimmt die Stelle ein, die vorher unser liebes Ich eingenommen hatte.
               Wunderbarer Tausch! Nun mag die Not kommen. Ein Mensch, der so denkt, kann ihr nicht
               erliegen, er mag leiden, er mag Tränen vergießen, sein äußeres Glück mag in Trümmer
               gehen, aber fest und sicher lebt seine Seele, vorwärts wandelt sie, dem immer
               reineren Licht entgegen. So hat Jesus im schwersten Leid die Sünde überwunden, er hat
               im Tod dem Tod die Macht genommen 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.1.10">2.Tim. 1,10</ref>]. Er war so rein von allem Kleinlichen,
          Falschen, so erfüllt von Gottes Leben, als die Not an ihn heran<milestone xml:id="m8" unit="page"/><pb xml:id="p114" ed="pga" break="no"/>trat, daß aus der Niederlage, die er gefürchtet, der herrlichste Sieg wurde.</p>
        <p>Das zweite Gebet in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> zeigt uns, wie er diesem Siege entgegen vorwärts
               geschritten ist: <hi rend="italic">Mein Vater, ists nicht möglich, daß dieser Kelch von
                  mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille!</hi> Nun ist er schon
               hinaus über das Fragen und Bitten: Muß es sein? Könnte es nicht anders sein? Nun weiß
               er nur noch das Eine: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Was mein Gott will, das will auch ich,</l>
                                <l xml:space="preserve">Sein Will, der ist der beste!<note xml:id="n06"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-225">Vers 1 des Liedes 261 (EKG <idno>280</idno>) von <persName ref="kbga-actors-1339">Albrecht Herzog von Preußen</persName> (1490–1568)</bibl> beginnt mit den Zeilen: <q rend="block"><lg>   <l xml:space="preserve">Was mein Gott will, das g’scheh allzeit,</l>   <l xml:space="preserve">Sein Will, der ist der beste.</l></lg></q> <bibl corresp="kbga-songs-178" type="song">In Lied 63, «Durch Trauern und durch Plagen», von <persName ref="kbga-actors-1399">G. W. Sacer</persName> (1635–1699), Strophe 3,</bibl> heißt es: <q rend="block"><lg>   <l xml:space="preserve">Mein Gott und meine Liebe,</l>   <l xml:space="preserve">Was du willst, will auch ich.</l></lg></q> </note></l>
                            </lg>
                        </q> Eine schwindelnd hohe Reife des Lebens ist das, wo man so zum Schwersten sagen
               kann: ich will es tragen! Wie es in einem alten Volkslied heißt: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Trotz Tod komm her,</l>
                                <l xml:space="preserve">ich fürcht dich nit!<note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-songs-179" type="song">Anfang der letzten Strophe aus «Es ist ein Schnitter, heißt der Tod», 1638 zuerst überliefert (Dichter unbekannt)</bibl>.</note></l>
                            </lg>
                        </q> oder wie <persName ref="kbga-actors-131">Paul Gerhardt</persName> gesungen hat: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Ich will gehen in Angst und Not,</l>
                                <l xml:space="preserve">Ich will gehen bis in den Tod,</l>
                                <l xml:space="preserve">Ich will gehen ins Grab hinein</l>
                                <l xml:space="preserve">Und doch allzeit fröhlich sein!<note xml:id="n08"><bibl corresp="kbga-songs-180" type="song">Vers 15 des Liedes «Auf den Nebel folgt die Sonn …» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (1607–1676).</bibl></note></l>
                            </lg>
                        </q> </p>
               <p>Meine Freunde, das ist für uns, wenigstens wenn wir nicht ganz reife Christen
               sind, einfach zu hoch, da kommen wir nicht mehr
               <pb xml:id="p115" ed="pga"/>
                mit, und wir wollen uns um der Wahrhaftigkeit willen hüten, solche Worte und
               Gedanken ohne weiteres in den Mund zu nehmen, als wären es die unseren. Wir sind noch
               nicht so weit, um so denken und reden zu können. Aber sie zeigen uns die Richtung an,
               in der wir wandern und streben müssen. Sie zeigen uns das Ziel, wo wir hingelangen
               müssen: ein Leben, das von keinem Leid mehr gestört, das von keiner Not mehr
               gebrochen werden kann, ewiges Leben aus Gott und zu Gott hin in Freud und Leid, im
               höchsten Glück wie mitten in Tod und Verderben. Wir wollen dieses Ziel nicht aus den
               Augen verlieren, Jesus zeigt uns den Weg dazu. Jesus versöhnt uns mit Gott, indem er
               uns diesen königlichen Weg zum Leben zeigt.</p>
        <p>Aber noch sind wir erst unterwegs. Auch die Jünger Jesu waren erst unterwegs, die
               seine Mahnung gehört und sein Vorbild vor Augen gesehen haben. Alles schien umsonst
               zu sein, wenn wir ihr Verhalten mit dem Jesu vergleichen. Als die bittere Not nun
               hereinbrach, als <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> kam mit den Spießgesellen der Hohenpriester, da brachen sie
               wirklich zusammen, wie Jesus es geahnt hatte [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.47 Mt.26.56">Mt. 26,47–56</ref>]. «Da verließen ihn alle Jünger und
               flohen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.56">Mt. 26,56b</ref>], und
               <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>, der Bekenner, verleugnete seinen Herrn 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.69 Mt.26.75">Mt. 26,69–75</ref>]. Entsetzliche Folgen des Mangels an
               Wachen und Beten. Wie oft sind wir so schmählich erlegen, zusammengebrochen, wenn der
               Augenblick kam, wo wir hätten Meister sein sollen über die Sünde! Die Jünger haben
               dann wieder aufstehen dürfen von ihrem Fall. Das Bild des Meisters, der gesiegt
               hatte, gab auch ihnen später die Kraft, an den Sieg zu glauben und Siege zu erringen,
               nach und nach, Schritt für Schritt. Sie haben gelernt, bereit zu sein. Wohl uns, wenn
               wir das <hi rend="italic">auch</hi> lernen. Wir <hi rend="italic">dürfen</hi> es lernen. Und
               wir <hi rend="italic">werden</hi> es lernen, wenn Jesus uns wie ihnen zum lebendigen Herrn
               und Heiland wird.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
