22. Februar 1914

Predigt: Matthäus 26,17-29

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Judas der Verräter — das Abendmahl
Matthäus 26,17–29
Liebe Freunde!

Wir gehen nun wieder der Passionszeit entgegen. Von allen christlichen Festzeiten bringt sie uns die ernstesten und wichtigsten Gedanken. In der Passionszeit werden wir vor das innerste Heiligtum des christlichen Glaubens und Lebens geführt. Passion heißt Leiden. Um das Leiden und Sterben Jesu handelt es sich. Schuldlos hat er leiden müssen, er der Reine, Aufrichtige, Gerechte, Liebende, leiden unter brutalen Schicksalsmächten, unter menschlicher Bosheit und Torheit, unter der Gewalt des, allbezwingenden Todes. Ein sinnloser entsetzlicher Vorgang: das vollkommenste Leben, das wir uns denken können, das Licht Gottes in der Welt leidend, unterdrückt, zu Boden gestampft. Das Unerhörte dieses Ereignisses wollen wir uns wieder einmal lebendig vor die Seele treten lassen, mit einstimmen wollen wir wieder ein|89mal in die alte Klage des Christenvolkes: O Lamm Gottes, unschuldig am Kreuzesstamm geschlachtet!1 Durchdringen lassen wollen wir uns wieder einmal von der Erkenntnis, was das für eine Welt ist, in der Solches möglich wurde. Und vom Kreuze Christi aus sollen dann unsere Gedanken weiter wandern, und vor unsere Seele treten sollen uns mit voller Wucht das Leiden und Sterben, die Seufzer und Tränen, das Elend und Unrecht, von denen die ganze Welt erfüllt ist. Ist es nicht auch eine Passionsgeschichte, das Menschenleben im Großen und im Kleinen? Redet uns nicht jeder Tag von schmerzlichen, unabänderlichen Schicksalsfügungen? Von unterdrücktem Leben, von gelöschten Lichtern? Von der Wahrheit, die schweigen muß, vom Recht, das gebrochen und geknebelt wird, von der Liebe, die die bittersten Enttäuschungen durchmachen muß in dieser Welt?

Zweierlei Licht fällt vom Kreuze Jesu auf das Leiden in unserem Leben. Entweder wir haben selber zu tragen und zu leiden, wir stehen unschuldig in Bangigkeiten, Nöten und Ungerechtigkeiten, und die Frage: Warum? verbrennt uns das Herz. Dann sagt uns der leidende Jesus: sieh, so ist es auch mir gegangen, so muß es gehen im Leben. Wir spüren dann, daß das Leiden nicht etwas Besonderes, Zufälliges ist, das nur uns widerfahren würde, sondern eine große allgemeine notwendige Grunderfahrung, Gott selber leidet. Gewaltig vergrößert und vertieft wird unser Schmerz durch dieses Bewußtsein. Oder aber wir sind am Leiden dieser Welt, an unserem eigenen und an dem der Anderen mitschuldig. Wir haben nicht nur gelitten, sondern selber das Höhere, Göttliche verleugnet, heruntergezogen und gekreuzigt. Wir haben die besseren Gedanken und Regungen in uns erstickt und sind trübe, armselige Wesen geworden. Wir haben durch unser Verhalten: durch unsere Gleichgültigkeit oder durch unseren schlechten Willen auch Andere hinuntergedrückt und untengehalten. Unseretwegen vergießen sie unschuldig Tränen, unseretwegen müs|90sen sie unschuldig Lasten tragen, die ihnen zu schwer sind, unseretwegen gehen sie enttäuscht und verbittert durchs Leben. Was hilft es uns, wenn wir uns [her]ausreden: ich bin nicht allein schuldig! Andere tragen auch ihren Teil bei zu den Ursachen des Leides, des Traurigen in der Welt. Ja, ist es denn nicht genug, wenn wir mitschuldig sind? Mitschuldig daran, daß Gott leiden muß in der Welt? Da sagt uns der leidende Jesus: sieh, so hat man es auch mir gemacht! Da sagt er uns, daß nicht nur das Kreuz etwas Allgemeines, Notwendiges ist, das durch das ganze Leben hindurchgeht, sondern auch die Sünde, die das Kreuz auf dem Gewissen hat. Jesus sagt uns: deine Sünden haben mich geschlagen!2 und gibt uns so zu dem Bewußtsein der Not hinzu das Bewußtsein der Verantwortlichkeit dafür: du bist auch so Einer! Du hilfst auch, Leiden zu verursachen oder schwerer zu machen.

Aber das ist doch nur das Eine an der Passionszeit, daß sie uns das Leiden Jesu und unser Leiden, das Leiden Gottes in der Welt mit Flammenschrift wieder in Erinnerung bringt samt dem, was dies Leiden verursacht hat. Das ist nur das Eine, daß sie uns zur Klage und Anklage aufruft angesichts der Not und der Sünde der Menschheit. Das Kreuz Christi redet uns von der Versöhnung, vom Frieden, von der Überwindung des Leides. Von jenem entsetzlichen Bilde des unschuldig, unter der Sünde Anderer Leidenden geht zugleich das herrlichste Leuchten aus, das nur je ein Ereignis der Geschichte um sich verbreitet hat. Wie hoch und heilig, wie göttlich steht Jesus da, wenn wir nun nicht mehr auf sein Leiden achten und auf die Sünde, die es ihm bereitet hat, sondern auf die Art, [wie] er sein Leiden getragen und dadurch hindurchgegangen ist! Wie leuchtend hebt er sich ab von der Finsternis, die ihn umgab. Wie hat er sich selber in der Gewalt gehabt, so daß er keinen Schritt vom Wege seitab getan hat, auch nicht in der höchsten Not und Bedrängnis! Wie hat er in jenen |91 Tagen, wo Feigheit, Gemeinheit und Brutalität ihn von allen Seiten umgab, unentwegt das Böse durch das Gute überwunden [vgl. Röm. 12,21]. Wie ist er Gott treu geblieben, gehorsam vertrauend, dem Gott, der ihn so unbegreifliche, so finstere Wege führte! Die Liebe, die Wahrheit, das Recht, das Gute, Göttliche, es triumphiert, es gewinnt es, es zeigt sich schöner und wirksamer als je, gerade wenn es leiden muß, wenn es scheinbar niedergetreten und ausgerottet wird. Das ist die wunderbare Botschaft des Kreuzes Christi.

Sind wir selber traurig, bedrückt, niedergeschlagen von dem, was wir zu tragen haben, so sagt uns der leidende Jesus: sieh, du kannst auch hindurch- und emporkommen, Gottes Kraft ist gerade in Leid und unter Tränen mächtig. Das Leid ist das mächtige Mittel, durch das Gott an uns arbeitet zu unserem Heil. Aus dem Schmerz wird immer wieder die Freude geboren, aus der scheinbaren und vorübergehenden Niederlage wird der ewige Sieg. Und wenn wir nicht nur selber leiden, sondern auch selber leiden machen, selber mitschuldig sind, daß Andere in Kummer und Not sind — und das sind wir alle — dann ruft uns der leidende und doch gerade im Leiden so große und überlegene Knecht Gottes zur Besinnung. Sieh, was du getan, was du verursacht, mit verursacht hast! sagt er uns. O kehr doch um! Tritt auf die rechte Seite, laß die Nebengedanken und Nebenabsichten und werde rein! laß das Hassen oder die Gleichgültigkeit und laß dich von der Liebe erfüllen! Eindringlichst redet das Kreuz Christi uns ins Gewissen, uns Mitschuldigen allen, redet uns davon, wie wir uns selbst und Andere verderben, redet uns von der überlegenen Güte Gottes, weckt Beschämung in uns und Sehnsucht nach Befreiung von der Schuld und schließlich die Kraft, von der Schuld wirklich frei zu werden. So versöhnt uns das Kreuz Christi mit Gott — mit dem Gott, der uns oft rauhe Wege führt und dessen Gedanken höher und vor Allem anders sind als unsere Gedanken [vgl. Jes. 55,8f.] — und mit dem Gott, der heilig ist und gerecht und vor dem wir nicht bestehen können mit einem beladenen und befleckten Gewissen.

92 Von dieser versöhnenden, mit Gott versöhnenden Kraft des Leidens und Sterbens Jesu wollen wir heute und an den bevorstehenden Sonntagen bis Ostern reden hier in der Kirche. Aber nicht wahr, nicht nur davon reden und reden hören hier in der Kirche, sondern anwenden, in uns aufnehmen, Wirklichkeit werden lassen draußen im Leben. Gott helfe uns, daß uns die Passionszeit zu einer Zeit lebendiger Erfahrungen und heiliger Entschlüsse werde.

Heute wollen wir zwei Bilder aus der Leidensgeschichte betrachten, die sich untereinander sehr unähnlich sind und die doch von allen vier Evangelisten unmittelbar nebeneinander gestellt wurden: Judas der Verräter, wie er erkannt und genannt wird als das, was er ist, und die Einsetzung des heiligen Abendmahls. Offenbar gehören sie doch zusammen, diese beiden Bilder.

Judas zuerst. Der merkwürdige traurige Mensch, der seinen Meister verraten hat. Es ist viel über ihn geredet und geschrieben worden. Und es ist ja begreiflich, daß man sich für ihn und für die Gründe seiner Tat besonders interessiert hat. Ich habe immer den Eindruck gehabt, Judas Ischarioth war im Grunde nicht schlechter als so manche Christen nach ihm. Vielleicht steckt in jedem von uns etwas von der Art des Judas, etwas, das überwunden werden muß und das wir vielleicht noch nicht überwunden haben. Vor zwei Jahren sagte ich am Ende einer Predigt, jeder von uns müsse dazu kommen, sich zu gestehen: Ich bin der Judas! Das ist damals nicht von Allen verstanden worden, und ich bin doch auch jetzt der Meinung, daß wir besser tun, ihn nicht als eine ganz besondere einzigartige Erscheinung des Bösen zu betrachten und zu verachten, sondern in ihm wie in einem Spiegel uns selbst zu beschauen und das, wozu eben auch wir fähig wären, auch wenn wir vielleicht davor bewahrt werden, es wirklich und völlig zu tun. Was ists denn, was er mit jedem von uns gemeinsam hat? Judas ist die Verkörperung des schlechten Willens, so möchte ich es heute ausdrücken. Wie man auch seine schändliche Tat erklären mag, sicher ist, daß es ihm nicht an Gelegenheit gefehlt hat, etwas Besseres kennenzulernen, er hatte das große Vorrecht, Jesu Ver|93trauen und Liebe zu genießen, sein Leben und Lehren von Anfang an miterleben zu dürfen. Was für eine Fülle schöner, heiliger Eindrücke durfte er aufnehmen, wie mächtig mußte Gottes Stimme in seiner Seele ertönen, wie war es ihm leicht, fast selbstverständlich gemacht, sich von Gott erziehen zu lassen! Er aber wollte nicht. Ob es Eigenliebe war oder Geldliebe oder eine verwerfliche Leidenschaft, die er nicht aufgeben und doch in Jesu Gegenwart auch nicht fortsetzen konnte — wir wissen es nicht. Kurzum, er wollte nicht. Und das Nicht-Wollen war so stark in ihm, daß er sogar zum Verräter, zum Mörder an Jesus wurde.

Aber wir wollen nicht von Judas reden, sondern von Jesus. Wie hat er leiden müssen unter diesem Menschen. Sicher nicht erst an diesem letzten Tage, sondern längst, immer vielleicht. Sicher nicht bloß darum, weil er ihm dieses Schlimme tat, sondern, weil er ihm überhaupt anspürte: er ist anders als ich, und er will nichts von mir annehmen, er will sich nicht herüberziehen lassen, er wehrt sich still aber entschlossen gegen meinen Einfluß, Alles, was ich tue und sage, ist für ihn verloren, er ist gegen mich, wenn er [auch] lange vor der Welt mein Jünger ist. Ein beständiger Schmerz mußte dieser Mensch für Jesus sein. Jesus wollte ja nichts als Licht und Liebe verbreiten, Samen auswerfen, Kraft ausströmen. Jesu Glück war es, mit vollen Händen zu geben, zu schenken, was in ihm war, Freude, Frieden, Einsicht und guten Willen zu pflanzen. Und nun ein solcher eiserner Damm schlechten Willens in seiner nächsten Nähe, unter seinen Wander- und Tischgenossen. Jesus konnte mit offenkundigen Sündern freundschaftlich verkehren, wenn er nur spürte, sie lassen mich an sich herankommen, sie lassen mit sich reden, sie sehnen sich im Grunde nach etwas Anderem. Jesus konnte über schwere Vergehen und Verbrechen sogar hinwegsehen bei den Leuten, wenn er nur fühlte oder ahnte: ihre Seele ist vielleicht besser als ihr Leben. Jesus hat sogar bis ganz zuletzt auch die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht aufgegeben, ist auch ihnen immer wieder nachgegangen, so strenge, oft höhnische Worte er auch gegen sie brauchte. Aber was sollte er tun, wenn er den einfachen, harten schlechten Willen |94 spüren mußte, weniger äußerlich als innerlich wie bei Judas? Nicht nur bei Judas mußte er ihn spüren, auch bei den Anderen, bei der stumpfen, schwankenden Volksmasse, bei seinen Gegnern, aber auch bei seinen Jüngern, die Getreuesten nicht ausgenommen. Aber bei Judas war diese Gesinnung gleichsam verkörpert Person geworden. Der schlechte Wille war das Kreuz im Leben Jesu, lange bevor er den Gang nach Golgatha antreten mußte.

Wir kennen diese Gesinnung auch, meine Freunde. Erstens stoßen wir auf sie, wenn wir einander gegenseitig kennenlernen. Ich denke, wir kennen das, wie man oft mit einem Anderen reden und verkehren und bis zu einem gewissen Grad ihm nahetreten kann, dann aber sehen wir plötzlich: halt, bis hierher und nicht weiter! Von da an kann er mich nicht mehr verstehen, nein, er will nicht. Es ist da ein verborgener Widerstand in seiner Seele, der eine weitere Annäherung nicht zuläßt. Sind wir nicht auf allen Seiten von solchen Schranken umgeben, fühlen wir nicht, wie fast überall der gute Wille nur bis zu einem gewissen Grad geht, dann aber aufhört und übergeht in ein bestimmtes: Ich will nicht! Zweitens stoßen wir auf den schlechten Willen, wenn wir uns selbst kennenlernen. O ja, und erst wenn wir uns selbst kennen, jene Abgründe und Schranken in uns, über die wir nicht hinwegkommen und nicht hinwegwollen, erst dann verstehen wir, was es mit dem schlechten Willen bei den Anderen auf sich hat. Manchmal heißt der schlechte Wille Trägheit und manchmal Leidenschaft, manchmal Trotz und manchmal Leichtsinn, oft ist von allen vieren etwas darin, aber immer ist es im Grunde dasselbe: wir wissen wohl, was gut und richtig wäre, aber es soll eben nicht sein, daß wir es zugeben, daß wir uns danach einrichten.

Wie hat sich nun Jesus zu dieser Tatsache gestellt, zu Judas, dem Unglücksmenschen? Wir müssen vor Allem sagen, daß er sich nicht darüber getäuscht hat, daß er den schlechten Willen als eine Tatsache gesehen und anerkannt hat. «Einer unter euch wird mich verraten!» Es gehört zu dem Größten des Leidens Jesu, daß er nicht mit geschlossenen, sondern mit offenen Augen gelitten hat. Und er wollte, daß auch seinen Jüngern die Augen aufgingen, daß |95 sie zum Bewußtsein kämen, um was es sich handle. Die erschrockene Frage, die sich ihnen allen auf die Lippen drängt: Herr, bin ichs? zeigt, wie es sie erschütterte, als ihnen halbwegs die Augen aufgingen. Es war doch schon etwas Heilsames in der Erschütterung, die Jesus ihnen da bereitete. Sie lernten sich selber und einander gegenseitig kennen in dem Augenblick, wo es ihnen so unwillkürlich allen herausfuhr: Herr, bin ichs! Wie mußten sie ernüchtert sein, nachdem einmal jeder sich offen das Schlimmste zugetraut hatte! Es ist ein Gewinn, meine Freunde, wenn es auch ein trauriger Gewinn zu sein scheint, wenn wir einsehen: ich bin meiner selbst und ich bin so vieler, der meisten Anderen nicht sicher. Es ist viel schlechter Wille in der Welt und in mir, viele Stellen, wo bis jetzt alle Wahrheit, alles Licht, alle Liebe Gottes sozusagen nutzlos gewesen sind.

Merkwürdig ist nun aber doch, daß Jesus es einfach anerkennt und hinnimmt, daß er unter der Gesinnung des Judas und ihren Folgen leiden muß. Er sagt: einer von euch wird mich verraten!, ohne daß ihm auch nur der Gedanke kam, ihn etwa daran zu verhindern. Er weiß: des Menschen Sohn gehet dahin, und weiß, wer daran Schuld sein wird, aber er rührt nicht einen Finger, um etwas daran zu ändern. Wir müssen sehr tief nachdenken, um zu verstehen, warum Jesus es so macht. Wir werden ja viel öfters in den Fall kommen, es anders zu machen: wenn wir den bösen Willen am Werk sehen in uns selbst oder in Anderen, dann müssen wir uns ihm entgegenstellen, dann dürfen wir ihn nicht walten lassen, sondern haben die Aufgabe, ihn niederzukämpfen, zu überwinden. Aber es gibt auch für uns Fälle, wo wir das nicht können und auch nicht sollen, wo wir dem Bösen seinen Lauf lassen müssen, damit es sich vollende und schließlich in sich selbst zusammenbreche. Freilich, nie dem Bösen in uns selbst, aber dem Bösen, das wir um uns in der Welt und den Menschen wahrnehmen. Der Vater im Gleichnis zahlt dem verlorenen Sohn sein Vermögen aus und läßt ihn ziehen, obwohl er weiß, es wird ihm zum Verderben sein [vgl. Lk. 15,12f.]. So müssen wir es oft hinnehmen, daß wir unter dem Schlechten einfach leiden müssen, daß |96 wir einsehen müssen: mit Gegenwehr werde ich das Böse nur noch steigern und verhärten, lasse ich es dagegen gewähren, und wenn es mir noch so weh tut, dann wird es zwar gewaltig überhandnehmen und mich vielleicht fast erdrücken, schließlich aber wird es ja sicher nicht das letzte Wort behalten. So hat Jesus dort den schlechten Willen in Judas sich auswirken lassen, obwohl er ihm den Tod brachte. Er wußte: diese Gesinnung muß einmal zur Entfaltung kommen, zur gemeinen ruchlosen Tat, geschieht es jetzt nicht, so würde es später geschehen. Ist es aber einmal geschehen, so hat diese Gesinnung sich für immer selbst gerichtet, wie die Biene ihren Stachel verliert, wenn sie einmal gestochen hat. Und so mag es denn geschehen! mag denn das Übel seinen Lauf nehmen. Fast zu groß könnte uns das Verhalten Jesu in diesem Punkt erscheinen. Aber ich denke, daß wir uns darüber wenigstens nicht täuschen werden, auch wenn wir wahrscheinlich ganz anders gehandelt hätten: es war Stärke und nicht Schwäche, ruhige Überlegung und nicht kleinliche Furcht, wie Jesus es dort gemacht hat. Wir müssen bloß hinzunehmen, was aus unserer Geschichte ganz deutlich hervorgeht, daß Jesus keinen Augenblick daran gezweifelt hat, daß der schlechte Wille des Judas es schließlich und endgültig nicht gewinnen werde. Jesus überschaut mit weitem kühnen Blick das Leiden, das ihm jetzt beschieden ist, und gegen das er nichts machen kann noch will. Jenseits des Leidens ist die Herrlichkeit, an der ein Judas nichts ändern kann. Ach nein, traurig wenden sich jetzt Jesu Gedanken — nicht zu seinem eigenen Geschick — aber zu dem, der daran schuldig sein wird. Nicht Jesus ist zu bedauern, der leiden muß, sondern Judas, der ihn leiden macht. Des Menschen Sohn geht zwar dahin, wie geschrieben steht, wehe aber dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird. Seht da, wie wir uns halten müssen, wenn uns Unrecht geschieht im Leben. Warum uns beklagen darüber? Uns geschieht nichts Schlimmes! Wohl aber denen, die uns Unrecht tun. Wenn wir leiden unter ihnen, wollen wir denken, daß sie selber noch viel mehr darunter leiden. Der schlechte Wille richtet sich immer selbst. Er kann es nicht gewinnen. Wir dürfen |97 getrost über ihn hinwegsehen, auch wenn er noch so stark ist und scheinbar noch so viel ausrichtet um uns her. Schließlich wird er sicher nicht Meister bleiben. Und wenn wir nun selber die sind, die Unrecht tun, unter denen Andere leiden müssen? O dann wird es eine furchtbar ernste Mahnung, dieses Wort: Es wäre ihm besser, wenn er nie geboren wäre! Dann wendet sich Alles, was wir gehört, gegen uns, statt daß wir uns damit trösten könnten. Wir können wohl trotzen und protzen: ich will nicht! ich will mich nicht überzeugen, gewinnen, bekehren, verändern lassen! Wir können wohl Andere leiden machen mit unserem schlechten Willen, können vielleicht darüber triumphieren: so, nun habe ich etwas getan, jetzt habe ichs zu merken gegeben, was ich kann, wenns darauf ankommt. O wir Armseligen! Mit jedem Wort strafen wir uns selber. Was wir den Anderen antun können mit unserem schlechten Willen, das hat nicht viel zu sagen, das geht vorüber, wohl aber ruinieren wir uns selber damit, bringen uns immer mehr in ein unglückliches verlogenes Verhältnis zu uns selbst, das uns schließlich zum Ekel und zur Qual werden muß. Wir müssen daran denken, wie Judas geendigt hat: er hat sein Leben von sich geworfen, noch bevor seine böse Saat völlig aufgegangen war. So böse Früchte trug sein schlechter Wille — nicht für Jesus aber für ihn selbst. Nicht jeder schlechte Wille endigt genau dort wie Judas. Aber denken wir daran, daß wir auf dem Wege des Judas sind, wenn wir dabei bleiben: ich will nicht! obwohl wir das Bessere einsehen. Vor Gottes Urteil kommt es einmal nicht darauf an, ob wir bis zum bösen Ziel gelangt sind, der böse Weg genügt, um uns zum Gericht zu werden. Jesus aber wird es auch über unser Trotzen und Protzen hinweg gewinnen, darauf können wir uns verlassen.

So also stellte sich Jesus, als ihm der schlechte Wille in der Person des Judas gegenübertrat: er sah ihn und wollte ihn sehen als eine lebendige Tatsache — er ließ ihn sich auswirken und vollenden — aber er zweifelte auch keinen Augenblick an seinem sicheren Zusammenbruch. So litt Jesus unter dem schlechten Willen, und zugleich siegte er über ihn.

98 Und nun wollen wir das zweite Bild unseres Textes unmittelbar daneben halten, die Einsetzung des heiligen Abendmahles. «Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde du das Böse mit dem Guten!» [Röm. 12,21]. Dieses Wort des Paulus könnten wir zwischen die beiden Geschichten schreiben, um zu verstehen, wie sie untereinander zusammenhängen. Es könnte uns nicht wundern, wenn Jesus nach dem, was vorangegangen war, tief entmutigt und entsetzt gewesen wäre: über diese Gesinnung, diese Tat und ihre Folgen. Wie können wir Anderen oft so entmutigt sein, wenn wir mit dem schlechten Willen irgendwo wieder einmal zusammengestoßen sind. Das drückt so nieder. Das macht Einen so freudlos und hoffnungslos. Aber nun sehen wir, daß Jesus wirklich gesiegt hat, indem er litt. Wir sehen es an dem, was er nun tat. Er läßt den einen Verlorenen seinen traurigen Weg gehen und sammelt die übrigen Getreuen, um ihnen aufs nachdrücklichste zu bezeugen, daß die Liebe Gottes, von der er sich getrieben fühlte, stärker sei als aller schlechter Wille. Ja, er verheißt ihnen, daß nun gerade das, was der schlechte Wille böse zu machen gedachte, zu etwas Gutem werden muß. Er heißt sie ihren Blick von der Vergangenheit ab und über die schlimme Gegenwart hinweg in die Zukunft Gottes lenken — und er sagt ihnen: die schlimme Gegenwart ist der Weg in die Zukunft Gottes. Es ist ein Wunder, wenn man es recht ansieht, wie Jesus da in einer kurzen Stunde zuerst vor der eisernen Mauer des schlechten Willens seines einen Jüngers steht, an dem alle seine Liebe und Güte wirkungslos abgeprallt war — und dann wendet er sich mit ungebrochener Freudigkeit den Übrigen zu und verspricht ihnen: was jetzt geschehen wird durch die Macht des Bösen, das geschieht doch noch zum Heil, wenn ihr es annehmen wollt. Daß mein Leib gekreuzigt, mein Blut vergossen werden wird, das soll und kann euch zugute kommen. Nehmet und esset! Trinket alle daraus! sagt er, indem er ihnen Brot und Wein reicht, und bedeutet ihnen damit: ich habe für euch gelebt, ich sterbe für euch, nun nehmet, nehmet, so werdet ihr leben! Was für einen Glauben braucht es, was für ein unerschütterliches Vertrauen nach der schmerzlichen Erfah|99rung von vorher, so zu denken und zu reden! Wer bürgte ihm dafür, daß nicht auch bei den Anderen Alles scheitern würde an der eisernen Mauer des schlechten Willens, der ja auch in ihnen steckte, wer bürgte ihm dafür, daß sie wirklich essen und trinken würden, wie er es meinte, annehmen, was er war und wollte, wer bürgte ihm dafür, daß sein guter Same auch da [nicht] verloren war? Aber er fragt nicht so, er streut einfach seinen Samen aus auf Hoffnung. Er glaubt einfach fest daran: Aus dem, was Judas verschuldet, muß ein Segen kommen, und so bietet er noch einmal an, was er zu bieten hatte, sich selber: nehmet, esset! Werdet gehorsam! Lasset euch leiten!

Ist es nicht ein rechtes versöhnendes Siegeszeichen, dieses letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern, und was er dabei gesagt hat? Er hat ja recht behalten: Unzähligen Menschen ist sein Leiden und Sterben zu einer Lebensmacht geworden, sie mußten vor dem Kreuze gehorsam werden. Soll er nicht auch bei uns recht behalten? Vielleicht gehören wir zu denen, die unter fremdem schlechtem Willen zu leiden haben. O, dann wollen wir uns nicht müde machen lassen, guten Samen auszustreuen. Sieh da, wie Jesus den Verräter muß ziehen lassen und dann freudig fortfährt: nehmet, esset, trinket alle daraus, wie er Leben und Sündenvergebung anbietet, unbeirrt, unenttäuscht, sicher seiner Sache. So müssen wir es auch machen. So helfen wir die Welt [zu] erobern und sie zu einem Reiche des guten Willens zu machen. Aber vielleicht gehören wir zu denen, die selber Andere leiden machen durch unseren schlechten Willen. Wir sind trotzig, bös und töricht gewesen und müssen es einsehen: ich war auf dem Wege des Judas! Was soll uns dann das Siegeszeichen des Abendmahls? O, dann hat es uns erst recht viel zu sagen, Gott sei Dank, daß es für uns noch nicht zu spät ist wie für Judas. Dann wollen wir aber der Einladung Jesu folgen: essen und trinken, d. h. annehmen, was Jesus uns geben will von sich selber: seinen Geist und Sinn, sein Leben und seine Kraft. Hineinlassen in die Seele! das heißts dann. Da muß Jesus den schlechten Willen in uns zerbrechen, jenen |100 blinden stumpfen Widerstand, muß guten Willen an die Stelle pflanzen.

Blick empor zum Kreuzesstamme!
Kehre wieder, fürchte nicht,
daß der Gnädige dich verdamme,
Dem sein Herz vor Liebe bricht!3

Das Bild des Abendmahls zeigt uns, wie Jesus den schlechten Willen durch seinen guten Willen überwunden hat. Das ist noch mehr, als was uns jenes erste Bild zu zeigen hatte. Dieses Bild soll uns nicht aus der Seele weichen, gleichviel, ob wir in diesem Augenblick mehr Jesus gleichen, der von Judas verraten worden ist, oder Judas, der Jesus verraten hat. Meistens ist etwas von Beiden zugleich in uns. Die Passionszeit verkündigt uns aber die Versöhnung in beider Hinsicht: in der Not, die wir erleiden müssen, und in der Not, an der wir schuld sind. Wir wollen Beides annehmen, liebe Freunde, wir haben es bitter nötig: tragen zu lernen, was wir tragen sollen, und frei zu werden von dem, was uns beschmutzt und Anderen zur Qual wird. Möchte diese Zeit uns allen etwas davon bringen: von Tragkraft und von Freiheit!

C. F. Meyer, unser Schweizer Dichter, hat in einem wundervollen Lied von der Passionszeit und von der rechten Art, sie zu feiern, geredet, und mit seinen Worten wollen wir heute schließen:

Jetzt, da die Zeit sich nähert deiner Leiden,
Laß mich von allen Eitelkeiten scheiden
Und laß mich deine Schmerzen nur betrachten,
Die dich umnachten.

Du bist für mich gestorben, und das Leben,
Das ewge, hast du mir dafür gegeben.
Laß mich dein totes Angesicht beschauen
Und dir vertrauen.

101Laß mich zu deinem heilgen Kreuze eilen
Und laß mich deine herben Schmerzen teilen!
Du bist für mich geopfert, heilges Wesen!
Laß mich genesen!4
Amen.

Sachfußnoten

1
Lied 117 (EKG 55) nach Nik. Decius (nach 1485 bis nach 1546), Strophe 1. 🎵 ↩
2
Vgl. Lied 111: «Herzliebster Jesu» von J. Heermann (1585–1647), Strophe 2 (EKG 60) 🎵:
Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?
Ach, meine Sünden haben dich geschlagen.
↩
3
Aus Lied 222: «Kehre wieder, kehre wieder …» von K. J. Ph. Spitta (1801–1859), Strophe 3. 🎵↩
4
Conrad Ferdinand Meyer, 1825–1898. Das Lied ist z. B. abgedruckt in: EKG, Ausgabe für die Evangelische Kirche in Bremen, Nr. 419 🎵.↩