Predigt: Matthäus 26,17-29
Wir gehen nun wieder der Passionszeit entgegen. Von allen christlichen Festzeiten bringt sie uns die ernstesten und wichtigsten Gedanken. In der Passionszeit werden wir vor das innerste Heiligtum des christlichen Glaubens und Lebens geführt. Passion heißt Leiden. Um das Leiden und Sterben Jesu handelt es sich. Schuldlos hat er leiden müssen, er der Reine, Aufrichtige, Gerechte, Liebende, leiden unter brutalen Schicksalsmächten, unter menschlicher Bosheit und Torheit, unter der Gewalt des, allbezwingenden Todes. Ein sinnloser entsetzlicher Vorgang: das vollkommenste Leben, das wir uns denken können, das Licht Gottes in der Welt leidend, unterdrückt, zu Boden gestampft. Das Unerhörte dieses Ereignisses wollen wir uns wieder einmal lebendig vor die Seele treten lassen, mit einstimmen wollen wir wieder ein|89mal in die alte Klage des Christenvolkes: O Lamm Gottes, unschuldig am Kreuzesstamm geschlachtet!1 Durchdringen lassen wollen wir uns wieder einmal von der Erkenntnis, was das für eine Welt ist, in der Solches möglich wurde. Und vom Kreuze Christi aus sollen dann unsere Gedanken weiter wandern, und vor unsere Seele treten sollen uns mit voller Wucht das Leiden und Sterben, die Seufzer und Tränen, das Elend und Unrecht, von denen die ganze Welt erfüllt ist. Ist es nicht auch eine Passionsgeschichte, das Menschenleben im Großen und im Kleinen? Redet uns nicht jeder Tag von schmerzlichen, unabänderlichen Schicksalsfügungen? Von unterdrücktem Leben, von gelöschten Lichtern? Von der Wahrheit, die schweigen muß, vom Recht, das gebrochen und geknebelt wird, von der Liebe, die die bittersten Enttäuschungen durchmachen muß in dieser Welt?
Zweierlei Licht fällt vom Kreuze Jesu auf das Leiden in unserem Leben. Entweder wir haben selber zu tragen und zu leiden, wir stehen unschuldig in Bangigkeiten, Nöten und Ungerechtigkeiten, und die Frage: Warum? verbrennt uns das Herz. Dann sagt uns der leidende Jesus: sieh, so ist es auch mir gegangen, so muß es gehen im Leben. Wir spüren dann, daß das Leiden nicht etwas Besonderes, Zufälliges ist, das nur uns widerfahren würde, sondern eine große allgemeine notwendige Grunderfahrung, Gott selber leidet. Gewaltig vergrößert und vertieft wird unser Schmerz durch dieses Bewußtsein. Oder aber wir sind am Leiden dieser Welt, an unserem eigenen und an dem der Anderen mitschuldig. Wir haben nicht nur gelitten, sondern selber das Höhere, Göttliche verleugnet, heruntergezogen und gekreuzigt. Wir haben die besseren Gedanken und Regungen in uns erstickt und sind trübe, armselige Wesen geworden. Wir haben durch unser Verhalten: durch unsere Gleichgültigkeit oder durch unseren schlechten Willen auch Andere hinuntergedrückt und untengehalten. Unseretwegen vergießen sie unschuldig Tränen, unseretwegen müs|90sen sie unschuldig Lasten tragen, die ihnen zu schwer sind, unseretwegen gehen sie enttäuscht und verbittert durchs Leben. Was hilft es uns, wenn wir uns [her]ausreden: ich bin nicht allein schuldig! Andere tragen auch ihren Teil bei zu den Ursachen des Leides, des Traurigen in der Welt. Ja, ist es denn nicht genug, wenn wir mitschuldig sind? Mitschuldig daran, daß Gott leiden muß in der Welt? Da sagt uns der leidende Jesus: sieh, so hat man es auch mir gemacht! Da sagt er uns, daß nicht nur das Kreuz etwas Allgemeines, Notwendiges ist, das durch das ganze Leben hindurchgeht, sondern auch die Sünde, die das Kreuz auf dem Gewissen hat. Jesus sagt uns: deine Sünden haben mich geschlagen!2 und gibt uns so zu dem Bewußtsein der Not hinzu das Bewußtsein der Verantwortlichkeit dafür: du bist auch so Einer! Du hilfst auch, Leiden zu verursachen oder schwerer zu machen.
Aber das ist doch nur das Eine an der Passionszeit, daß sie uns das Leiden Jesu und
unser Leiden, das Leiden Gottes in der Welt mit Flammenschrift wieder in Erinnerung
bringt samt dem, was dies Leiden verursacht hat. Das ist nur das Eine, daß sie uns
zur Klage und Anklage aufruft angesichts der Not und der Sünde der Menschheit. Das
Kreuz Christi redet uns von der Versöhnung, vom Frieden, von der
Überwindung des Leides. Von jenem entsetzlichen Bilde des unschuldig, unter der Sünde
Anderer Leidenden geht zugleich das herrlichste Leuchten aus, das nur je ein Ereignis
der Geschichte um sich verbreitet hat. Wie hoch und heilig, wie göttlich steht Jesus
da, wenn wir nun nicht mehr auf sein Leiden achten und auf die Sünde, die es ihm
bereitet hat, sondern auf die Art, [wie] er sein Leiden getragen und dadurch
hindurchgegangen ist! Wie leuchtend hebt er sich ab von der Finsternis, die ihn
umgab. Wie hat er sich selber in der Gewalt gehabt, so daß er keinen Schritt vom Wege
seitab getan hat, auch nicht in der höchsten Not und Bedrängnis! Wie hat er in jenen
|91
Tagen, wo Feigheit, Gemeinheit und Brutalität ihn von allen Seiten umgab, unentwegt
das Böse durch das Gute überwunden [vgl.
Sind wir selber traurig, bedrückt, niedergeschlagen von dem, was wir zu tragen haben,
so sagt uns der leidende Jesus: sieh, du kannst auch hindurch- und emporkommen,
Gottes Kraft ist gerade in Leid und unter Tränen mächtig. Das Leid ist das mächtige
Mittel, durch das Gott an uns arbeitet zu unserem Heil. Aus dem Schmerz wird immer
wieder die Freude geboren, aus der scheinbaren und vorübergehenden Niederlage wird
der ewige Sieg. Und wenn wir nicht nur selber leiden, sondern auch selber leiden
machen, selber mitschuldig sind, daß Andere in Kummer und Not sind — und das sind wir
alle — dann ruft uns der leidende und doch gerade im Leiden so große und überlegene
Knecht Gottes zur Besinnung. Sieh, was du getan, was du verursacht, mit verursacht
hast! sagt er uns. O kehr doch um! Tritt auf die rechte Seite, laß die Nebengedanken
und Nebenabsichten und werde rein! laß das Hassen oder die Gleichgültigkeit und laß
dich von der Liebe erfüllen! Eindringlichst redet das Kreuz Christi uns ins Gewissen,
uns Mitschuldigen allen, redet uns davon, wie wir uns selbst und Andere verderben,
redet uns von der überlegenen Güte Gottes, weckt Beschämung in uns und Sehnsucht nach
Befreiung von der Schuld und schließlich die Kraft, von der Schuld wirklich frei zu
werden. So versöhnt uns das Kreuz Christi mit Gott — mit dem Gott, der uns oft rauhe
Wege führt und dessen Gedanken höher und vor Allem anders sind als unsere Gedanken
[vgl.
92 Von dieser versöhnenden, mit Gott versöhnenden Kraft des Leidens und Sterbens Jesu wollen wir heute und an den bevorstehenden Sonntagen bis Ostern reden hier in der Kirche. Aber nicht wahr, nicht nur davon reden und reden hören hier in der Kirche, sondern anwenden, in uns aufnehmen, Wirklichkeit werden lassen draußen im Leben. Gott helfe uns, daß uns die Passionszeit zu einer Zeit lebendiger Erfahrungen und heiliger Entschlüsse werde.
Heute wollen wir zwei Bilder aus der Leidensgeschichte betrachten, die sich
untereinander sehr unähnlich sind und die doch von allen vier Evangelisten
unmittelbar nebeneinander gestellt wurden:
Judas zuerst. Der merkwürdige traurige Mensch, der seinen Meister verraten hat. Es ist viel über ihn geredet und geschrieben worden. Und es ist ja begreiflich, daß man sich für ihn und für die Gründe seiner Tat besonders interessiert hat. Ich habe immer den Eindruck gehabt, Judas Ischarioth war im Grunde nicht schlechter als so manche Christen nach ihm. Vielleicht steckt in jedem von uns etwas von der Art des Judas, etwas, das überwunden werden muß und das wir vielleicht noch nicht überwunden haben. Vor zwei Jahren sagte ich am Ende einer Predigt, jeder von uns müsse dazu kommen, sich zu gestehen: Ich bin der Judas! Das ist damals nicht von Allen verstanden worden, und ich bin doch auch jetzt der Meinung, daß wir besser tun, ihn nicht als eine ganz besondere einzigartige Erscheinung des Bösen zu betrachten und zu verachten, sondern in ihm wie in einem Spiegel uns selbst zu beschauen und das, wozu eben auch wir fähig wären, auch wenn wir vielleicht davor bewahrt werden, es wirklich und völlig zu tun. Was ists denn, was er mit jedem von uns gemeinsam hat? Judas ist die Verkörperung des schlechten Willens, so möchte ich es heute ausdrücken. Wie man auch seine schändliche Tat erklären mag, sicher ist, daß es ihm nicht an Gelegenheit gefehlt hat, etwas Besseres kennenzulernen, er hatte das große Vorrecht, Jesu Ver|93trauen und Liebe zu genießen, sein Leben und Lehren von Anfang an miterleben zu dürfen. Was für eine Fülle schöner, heiliger Eindrücke durfte er aufnehmen, wie mächtig mußte Gottes Stimme in seiner Seele ertönen, wie war es ihm leicht, fast selbstverständlich gemacht, sich von Gott erziehen zu lassen! Er aber wollte nicht. Ob es Eigenliebe war oder Geldliebe oder eine verwerfliche Leidenschaft, die er nicht aufgeben und doch in Jesu Gegenwart auch nicht fortsetzen konnte — wir wissen es nicht. Kurzum, er wollte nicht. Und das Nicht-Wollen war so stark in ihm, daß er sogar zum Verräter, zum Mörder an Jesus wurde.
Aber wir wollen nicht von
Wir kennen diese Gesinnung auch, meine Freunde. Erstens stoßen wir auf sie, wenn wir einander gegenseitig kennenlernen. Ich denke, wir kennen das, wie man oft mit einem Anderen reden und verkehren und bis zu einem gewissen Grad ihm nahetreten kann, dann aber sehen wir plötzlich: halt, bis hierher und nicht weiter! Von da an kann er mich nicht mehr verstehen, nein, er will nicht. Es ist da ein verborgener Widerstand in seiner Seele, der eine weitere Annäherung nicht zuläßt. Sind wir nicht auf allen Seiten von solchen Schranken umgeben, fühlen wir nicht, wie fast überall der gute Wille nur bis zu einem gewissen Grad geht, dann aber aufhört und übergeht in ein bestimmtes: Ich will nicht! Zweitens stoßen wir auf den schlechten Willen, wenn wir uns selbst kennenlernen. O ja, und erst wenn wir uns selbst kennen, jene Abgründe und Schranken in uns, über die wir nicht hinwegkommen und nicht hinwegwollen, erst dann verstehen wir, was es mit dem schlechten Willen bei den Anderen auf sich hat. Manchmal heißt der schlechte Wille Trägheit und manchmal Leidenschaft, manchmal Trotz und manchmal Leichtsinn, oft ist von allen vieren etwas darin, aber immer ist es im Grunde dasselbe: wir wissen wohl, was gut und richtig wäre, aber es soll eben nicht sein, daß wir es zugeben, daß wir uns danach einrichten.
Wie hat sich nun Jesus zu dieser Tatsache gestellt, zu Judas, dem Unglücksmenschen? Wir müssen vor Allem sagen, daß er sich nicht darüber getäuscht hat, daß er den schlechten Willen als eine Tatsache gesehen und anerkannt hat. «Einer unter euch wird mich verraten!» Es gehört zu dem Größten des Leidens Jesu, daß er nicht mit geschlossenen, sondern mit offenen Augen gelitten hat. Und er wollte, daß auch seinen Jüngern die Augen aufgingen, daß |95 sie zum Bewußtsein kämen, um was es sich handle. Die erschrockene Frage, die sich ihnen allen auf die Lippen drängt: Herr, bin ichs? zeigt, wie es sie erschütterte, als ihnen halbwegs die Augen aufgingen. Es war doch schon etwas Heilsames in der Erschütterung, die Jesus ihnen da bereitete. Sie lernten sich selber und einander gegenseitig kennen in dem Augenblick, wo es ihnen so unwillkürlich allen herausfuhr: Herr, bin ichs! Wie mußten sie ernüchtert sein, nachdem einmal jeder sich offen das Schlimmste zugetraut hatte! Es ist ein Gewinn, meine Freunde, wenn es auch ein trauriger Gewinn zu sein scheint, wenn wir einsehen: ich bin meiner selbst und ich bin so vieler, der meisten Anderen nicht sicher. Es ist viel schlechter Wille in der Welt und in mir, viele Stellen, wo bis jetzt alle Wahrheit, alles Licht, alle Liebe Gottes sozusagen nutzlos gewesen sind.
Merkwürdig ist nun aber doch, daß Jesus es einfach anerkennt und
hinnimmt, daß er unter der Gesinnung des
So also stellte sich Jesus, als ihm der schlechte Wille in der Person des Judas gegenübertrat: er sah ihn und wollte ihn sehen als eine lebendige Tatsache — er ließ ihn sich auswirken und vollenden — aber er zweifelte auch keinen Augenblick an seinem sicheren Zusammenbruch. So litt Jesus unter dem schlechten Willen, und zugleich siegte er über ihn.
98 Und nun wollen wir das zweite Bild unseres Textes unmittelbar daneben halten, die
Einsetzung des heiligen Abendmahles. «Laß dich nicht vom
Bösen überwinden, sondern überwinde du das Böse mit dem Guten!»
[
Ist es nicht ein rechtes versöhnendes Siegeszeichen, dieses letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern, und was er dabei gesagt hat? Er hat ja recht behalten: Unzähligen Menschen ist sein Leiden und Sterben zu einer Lebensmacht geworden, sie mußten vor dem Kreuze gehorsam werden. Soll er nicht auch bei uns recht behalten? Vielleicht gehören wir zu denen, die unter fremdem schlechtem Willen zu leiden haben. O, dann wollen wir uns nicht müde machen lassen, guten Samen auszustreuen. Sieh da, wie Jesus den Verräter muß ziehen lassen und dann freudig fortfährt: nehmet, esset, trinket alle daraus, wie er Leben und Sündenvergebung anbietet, unbeirrt, unenttäuscht, sicher seiner Sache. So müssen wir es auch machen. So helfen wir die Welt [zu] erobern und sie zu einem Reiche des guten Willens zu machen. Aber vielleicht gehören wir zu denen, die selber Andere leiden machen durch unseren schlechten Willen. Wir sind trotzig, bös und töricht gewesen und müssen es einsehen: ich war auf dem Wege des Judas! Was soll uns dann das Siegeszeichen des Abendmahls? O, dann hat es uns erst recht viel zu sagen, Gott sei Dank, daß es für uns noch nicht zu spät ist wie für Judas. Dann wollen wir aber der Einladung Jesu folgen: essen und trinken, d. h. annehmen, was Jesus uns geben will von sich selber: seinen Geist und Sinn, sein Leben und seine Kraft. Hineinlassen in die Seele! das heißts dann. Da muß Jesus den schlechten Willen in uns zerbrechen, jenen |100 blinden stumpfen Widerstand, muß guten Willen an die Stelle pflanzen.
Das Bild des Abendmahls zeigt uns, wie Jesus den schlechten Willen durch seinen guten
Willen überwunden hat. Das ist noch mehr, als was uns jenes erste Bild zu zeigen
hatte. Dieses Bild soll uns nicht aus der Seele weichen, gleichviel, ob wir in diesem
Augenblick mehr Jesus gleichen, der von